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Der geistliche Tod

Dreizehntes Kapitel

Reading edition

Am darauffolgenden Tag gefiel es dem launenhaften April ein freundliches Gesicht zu zeigen. Toni war selig darüber und jagte, einen Reif vor sich hertreibend, über die Gartenwege, während Paula, ein Buch in der Hand, am Geländer stand und abwechselnd auf das Kind und auf die Straße blickte. Alle, die vorbei kamen, grüßten sie, manche blieben stehen und sprachen ein paar Worte mit ihr, und Paula gab allen teilnahmvolle Antwort, – gerade so, wie sie es sonst getan. Auch der junge Schullehrer kam des Weges einher; er zögerte, da er des Mädchens ansichtig wurde, und überlegte, ob er sie anreden sollte oder nicht; sein Gefühl siegte, er blieb stehen und zog errötend den Hut vom Kopfe.

Sie waren einander arg entfremdet; selten sahen sie, noch seltener sprachen sie sich. Er hatte diese Entfremdung niemals besser gefühlt als jetzt, wo sie ihn anblickte und seinen Gruß so höflich und gleichgültig erwiderte, – nicht anders, als ob sie einen wildfremden Menschen grüßte.

»Wie steht Ihr Befinden, Fräulein Paula?« fragte er unsicheren Tones.

»Danke, mir geht es gut. Und Ihnen?«

»Nun, so, so.« Er bohrte seinen Spazierstock in die Erde und betrachtete ihn scheinbar aufmerksam. »Was liegt Ihnen auch an meinem Befinden!«

In der Tat, ihr lag nicht viel daran; aber sie erwiderte: »Lassen Sie uns friedlich bleiben, ... ich bitte Sie darum. Was gibt es Neues?«

»Nichts von Belang. Der Nachfolger des Kooperators ist gestern hier eingetroffen. Vielleicht interessiert Sie das.«

Sie schwieg.

»Und unser geliebter Seelsorger, Herr Harteck,« fuhr er mit einer Grimasse fort und stieß die Spitze seines Stockes heftig in den Erdboden, »ist ebenfalls heute morgen zurückgekehrt. Doch das war Ihnen ohne Zweifel schon bekannt.«

»Nein,« sagte Paula.

»Nicht? Das wundert mich.« Er nahm den Hut vom Kopfe und wirbelte mit den Fingern sein Haar auf. »Die Stunde, in der dieser Herr zum Teufel geht, wird die schönste meines Lebens sein,« sprach er und aus seiner Stimme schlug ingrimmige Schadenfreude heraus.

Paula wendete sich zum Gehen.

»O! bleiben Sie nur!« sagte der Lehrer. »Ich bin schon wieder artig.« – Finsteren Blickes starrte er die Straße hinab. »Der Wolf in der Fabel!« murmelte er. »Dieser Mensch läuft aber auch immer über meinen Weg.«

Er bemerkte, daß Paula zusammenschrack und der Richtung seiner Augen folgte.

»Adieu!« rief er kurz und entfernte sich mit großen Schritten.

Sie beachtete ihn nicht weiter; dachte nicht einmal mehr an ihn. Ihr Blick ruhte unverwandt auf der näherkommenden schwarzen Gestalt. Harteck war nicht allein. An seinem Arm hing ein junger Mann, derselbe Geistliche, der gestern Paulas Reisegefährte gewesen war. Die beiden sprachen angelegentlich miteinander und schienen recht heiter zu sein; der fremde Geistliche hatte eine jugendlich klare Stimme, sprach lebhaft und lachte manchmal lustig auf.

Paula konnte sich nicht verhehlen, daß dieser Anblick ihr wehe tat; Eifersucht regte sich in ihrer Brust. Wer war dieser Mensch, der sich so vertraulich auf Georgs Arm stützte, ihn so fröhlich zu stimmen wußte? ... Sie sah den jungen Mann mit zusammengezogenen Brauen und durchdringendem, fast feindseligem Blicke an.

Ganz in sein Gespräch vertieft, bemerkte er sie nicht. Harteck jedoch wendete den Kopf nach dem Garten hin und entdeckte das junge Mädchen. Er sagte seinem Begleiter etwas ins Ohr, was zur Folge hatte, daß dieser die Augen auf Paula heftete und den Arm des anderen fahren ließ. Harteck schritt auf Paula zu, während der Fremde in einiger Entfernung stehen blieb und sich mit Cäsar, der auch dabei war, zu schaffen machte.

Harteck reichte dem jungen Mädchen über dem Gartenzaun die Hand, und zum erstenmal zögerte Paula, seine Hand zu ergreifen; sie tat es am Ende doch, wenn auch sehr flüchtig, und fragte rasch: »Wer ist der Herr?«

»Denken Sie sich diesen eigentümlichen Zufall,« sagte Harteck und der Ton seiner Stimme wie das schwache Rot auf seinen Wangen bekundeten freudige Erregung. »Ich habe Ihnen einige Male von einem Freunde erzählt, ... demjenigen, den ich wartete, da er krank war, ... übrigens habe ich bloß den einen Freund ... und eben der ist bestimmt, mich hier zu ersetzen.«

»In der Tat,« sagte Paula, »das ist ein seltsames Zusammentreffen. Es ... es freut Sie wohl sehr, ihn wiederzusehen?«

»Sehr,« gab er arglos zu. »Er ist ein so prächtiger, lieber Mensch.« Zärtlich sah er nach ihm hin, und der junge Geistliche, der fühlen mochte, daß von ihm die Rede war, blickte ebenfalls auf die beiden. »Wollen Sie, daß ich ihn Ihnen vorstelle?«

»Nein,« sagte Paula ablehnend. »Lieber ein anderes Mal.«

Sie sagte es so gereizt, daß er sie befremdet ansah.

»Was ist Ihnen?« fragte er. »Habe ich wider Willen das Unglück gehabt, Ihnen in irgend etwas zu mißfallen?«

Worte und Ton entwaffneten sie, und sie versetzte mit kleinlauter Stimme: »Seien Sie mir nicht böse, ... aber ich kann Ihnen nicht verschweigen, daß es mir wehe tut, Sie so ganz erfüllt von Ihrem Freunde zu sehen, ... und das ein paar Tage vor Ihrem Abschied von hier und ... von mir ...«

Sie kehrte das Gesicht weg.

»Wie grausam Sie sind!« entgegnete er mit plötzlichem Ernst. »Mißgönnen Sie mir das Glück, jemanden lieb zu haben, und möchten Sie mich lieber traurig als ein wenig gefaßt und aufgeheitert sehen?«

»Nein! O nein!« sprach sie rasch. »Aber ich sehe voraus, daß Sie sich während dieser letzten Tage ganz Ihrem Freunde widmen, mich vollständig vernachlässigen werden ...«

»Das denken Sie nicht,« fiel er ein. »Das können Sie nicht denken, Paula.«

Sie glaubte ihm und fühlte sich beschämt.

»Rufen Sie Ihren Freund her, ich bitte Sie darum,« sprach sie errötend.

»Mein Freund, Kooperator Perkow, Fräulein Reinberg,« sagte Harteck.

Der Geistliche verneigte sich abermals.

»Ich habe gestern schon das Vergnügen gehabt, das Fräulein zu sehen,« sagte er. »Wir sind eine Strecke weit zusammen gefahren.«

»Davon hast Du mir gar nichts gesagt,« warf Harteck ein.

»Ich habe ja nicht gewußt, daß Du mit dem Fräulein bekannt bist,« entgegnete der junge Mann. »Freilich hätte ich es mir denken können. Der Ort ist nicht so groß, als daß nicht alle Welt einander kennen sollte. Wohnen Sie schon längere Zeit in St. Jakob?« fragte er Paula.

Sie bejahte die Frage, und weil er sich einige Auskünfte über Land und Leute von ihr erbat, erzählte sie ihm verschiedenes, wovon sie dachte, daß es ihn interessieren könnte; und schließlich sprach sie den Wunsch aus, daß es ihm hier recht gut gefallen möchte.

»Das bezweifle ich keineswegs,« sagte der junge Priester. »Es gefällt mir hier recht wohl, die Gegend, der Ort, alles.«

»Auch der Dekan?« fragte Harteck mit einem Lächeln.

»Weshalb nicht? Wir werden uns gewiß miteinander vertragen. Übrigens war mein früherer Prinzipal auch kein Engel.«

»Ich habe Dir schon mehrere Ratschläge erteilt,« sagte Harteck. »Durch Erfahrung wird man klug, und ich rate Dir alles das zu befolgen, was ich leider zu tun versäumt habe. Der Dekan will geschmeichelt sein, und seinem Fräulein Nichte mußt Du, wenn Du Dich in ihre Gunst setzen willst, ein wenig den Hof machen.«

»Den Hof machen?« wiederholte der andere und zuckte mit den Achseln. »Davon verstehe ich nichts.«

Paula blickte ihn an. Sein junges, hübsches Gesicht sah sehr verständig, aber auch sehr unverdorben aus ... Eine, man könnte fast sagen jungfräuliche Herbheit wohnte in diesen männlichen Zügen, in diesen kalten blauen Augen. »Daß Du davon nichts verstehst noch verstehen willst, glaube ich Dir aufs Wort,« dachte Paula.

Toni hatte sich verstohlen genähert und stand an die große Schwester gelehnt; in der einen Hand hielt sie den Reif, mit dem freien Arm umschlang sie Paulas schlanken Leib und schaute den fremden Geistlichen mit ihrem offenen Kindesblick neugierig an.

»Meine Schwester,« sagte Paula und drückte das Kind an sich. »Gib dem Herrn die Hand, Toni.«

Lächelnd und errötend gehorchte die Kleine. Perkow blickte sie ziemlich gleichgültig an.

»Sind Sie kein Kinderfreund?« fragte ihn Paula, etwas pikiert darüber, daß ihr Schwesterchen so gar keinen Eindruck hervorzurufen schien.

»Ich mag Kinder wohl leiden,« versetzte der Gefragte, »vorausgesetzt nämlich, daß sie gut erzogen sind, sich nicht unnütz machen und vor allem gehorchen.«

»Bist Du ein solches Musterkind, Toni?« sagte Paula zu ihrem Schwesterchen. Die Kleine drückte das Kinn an den Hals und verzog die Lippen. Der neue geistliche Herr mißfiel ihr in hohem Grade.

»Sie scheint ein bißchen trotzig zu sein,« bemerkte dieser. »Lernt sie brav?«

»Sie ist die beste Schülerin,« sagte Paula, »und daß sie trotzig sei, hat bis jetzt noch niemand herausgefunden.«

Der junge Geistliche wollte etwas entgegnen, doch Harteck berührte leise seinen Arm und bat ihn mit den Augen, zu schweigen. Eine Pause trat ein ... Hierauf sagte Perkow: »Wir haben das Fräulein lang genug aufgehalten. Wollen wir uns nicht verabschieden?«

»Wie es Dir gefällig ist,« sagte Harteck unzufriedenen Tones. Sie grüßten, die Schwestern dankten schweigend, und während Perkow sich in Bewegung setzte, blieb Harteck noch stehen und fragte Paula mit leiser Stimme: »Gestatten Sie, daß ich heute noch einmal bei Ihnen vorspreche?«

»Wenn Sie Zeit für mich haben, ...« antwortete sie ziemlich kalt.

Er verbeugte sich stumm und eilte dem Freunde nach.

»Bist Du immer so streitlustig, wenn Du mit Frauen zu tun hast?« fragte er, als er ihn eingeholt hatte.

»Ich? Streitsüchtig?« entgegnete Perkow mit ungeheucheltem Erstaunen. »Du bist wohl nicht recht gescheit. Verschweigen kann ich Dir zwar nicht, daß mir dieses Fräulein nicht gefällt. Ich liebe so ernste, blasse, empfindliche und eingebildete Frauenzimmer keineswegs. Junge Mädchen sollen heiter und bescheiden sein.«

»Du bist, trotz Deinen sechsundzwanzig Jahren, nicht wenig pedant,« sagte Harteck.

»Mag sein. Das gehört übrigens zu unserem Berufe. Wohin würde der schuldige Respekt kommen, wenn wir alle diese frauenzimmerlichen Grillen und Launen nachsichtig oder gar wohlgefällig beurteilten? Zwischen dem Auftreten eines Priesters und dem anderer Leute muß doch immer ein gewisser Unterschied bestehen, ... eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Jede Art von Familiarität muß streng vermieden werden. Wenn ich schon durchaus mit Frauen verkehren soll, dann mag es mit Bäuerinnen sein. Diese städtisch gekleideten Dorfbewohnerinnen sind mir von jeher zuwider gewesen; sie dünken sich etwas Besonderes und wollen sich, vermöge ihrer sogenannten Bildung, auf eine Stufe mit uns stellen, ... und das heißt nichts. Ich bin nicht gewohnt, daß junge Mädchen ihrem Seelsorger in so kategorischem Tone antworten, wie Dein Fräulein Reinberg getan hat.«

Harteck schwieg auf diese Rede, sein Gesicht aber drückte Unzufriedenheit aus.

»Ich sehe, daß meine Sprache Dir mißfällt,« sagte Perkow und hängte sich an seinen Arm. »Lassen wir das Gespräch daher lieber fallen. Eines jedoch muß ich Dir noch bemerken: Du weißt eben niemals, was Du in Deiner Stellung als Priester zu tun und zu lassen hast. Das sage nicht ich allein, sondern alle Geistlichen, die Dich kennen. Nimmermehr würdest Du in das armselige Keßten versetzt worden sein, wenn Du Dich den allgemeinen Ansichten besser anzupassen verstanden hättest.«

»Sehr wahr,« sagte Harteck mit einem Seufzer und ließ den Kopf hängen.

»Na, werde nicht melancholisch,« sprach der junge Geistliche tröstend und drückte seinen Arm. »Ich will Dir täglich schreiben und Dich besuchen, so oft ich's werde tun können.«

»Was wird Dein Prinzipal dazu sagen?« warf Harteck ein. »Du weißt, daß er mich nicht leiden kann.«

»Mag er sagen, was ihm gefällt! Ich kann und will Dich nicht so ganz Dir selbst überlassen. Du bist mir das Teuerste, was ich auf Erden habe. Gern würde ich Dir jedes erlaubte Opfer bringen, wenn ich dadurch Dein Leben erhellen könnte ... Aber leider vermag ich Dir, außer meiner Freundschaft, nichts zu bieten.«

Harteck war versöhnt. Alles Mißliebige, was der junge Priester gesprochen, verschwand vor diesem treuherzigen Bekenntnisse echter, warmer Freundschaft.

»Ich danke Dir für Deine Worte,« sagte er. »Wer weiß, ob nicht die Zeit kommen wird, wo ich größere Opfer von Dir fordern werde.«

Sie sollte kommen, diese Zeit, und eher, als beide ahnten. –

Nach Ablauf einer Stunde kehrte Harteck zu Paula zurück. Er fand die Mädchen im Wohnzimmer, Toni schrieb Schulaufgaben und Paula überwachte sie dabei. Er setzte sich zwischen beide, legte den Arm auf die Lehne des Stuhles, auf dem Toni saß und sah zu, wie sie schrieb.

»Störe ich?« fragte Toni mit kindlicher Unschuld. »Soll ich gehen, Paula?«

»Nein, bleibe bei uns,« antwortete die Schwester.

Harteck blickte sie an. Das Wörtchen ›bei uns‹ rührte ihn seltsam; es klang so vertraulich, als ob sie ihn ganz zu sich gehörend betrachtete ... »Was haben Sie in den letzten Tagen getrieben?« fragte er sie.

Sie gestand ihm, daß sie in Keßten gewesen war; von den Mühen und Plagen der Wanderung sagte sie nichts, und seine Frage, welchen Eindruck der Ort auf sie gemacht hätte, beantwortete sie ausweichend. Sie erzählte ihm nur, was sie in seinem neuen Hause getan hatte, zog ihr Notizbuch hervor und nannte ihm alle jene Hausgegenstände, die noch angeschafft werden mußten; und der Gedanke, wie ganz anders, wie schön und traulich es wäre, wenn sie ihm als seine Hausfrau folgen könnte in das neue Heim, lag bei diesem Wirtschaftsgespräch so nahe, daß er beiden zur gleichen Zeit kam. Sie fühlte, daß sein Auge auf ihr ruhte, und senkte das Gesicht. »Ich hoffe immer noch, daß nichts daraus wird,« sagte sie und blätterte in dem Notizbuch. »Ich meine aus Ihrer Versetzung nach Keßten ... Die Luft dort ist sehr rauh und ich fürchte, daß sie Ihnen nicht gut tun wird ... Sie würden mich sehr beruhigen, wenn Sie sich von meinem Vater untersuchen ließen. Er wird Ihnen ehrlich sagen, was er von Ihrer Gesundheit hält; und wenn er den Ausspruch täte, daß eine rauhe Luft Ihnen nicht zuträglich sei, könnten Sie vielleicht doch noch den Versuch machen, zu erwirken, daß Ihnen ein anderer, milderer Ort zugewiesen werde.«

Er schüttelte das Haupt. »Dazu ist es zu spät. Auch würde es nichts helfen. Weshalb aber beunruhigen Sie sich? Ich bin ja leidlich gesund.«

»Leidlich! Sie müssen also selbst zugeben, daß Sie nicht ganz gesund sind. Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab! Sprechen Sie mit meinem Vater!« sagte sie drängend.

»Wenn Sie es durchaus wünschen, Paula, will ich Ihnen den Gefallen tun, ... obschon es ein wenig lächerlich ist, wenn ein gesunder Mensch aus Furcht, daß er vielleicht krank sein könnte, einen Arzt konsultiert.«

»Nehmen Sie das, wie Sie wollen, ... ich bin es zufrieden, wenn Sie es überhaupt tun.« Sie fragte ihn hierauf nach seiner Familie und ob er in Kufstein angenehme Tage verlebt hätte, und er erzählte ihr, was er zu berichten für passend fand, zeigte ihr die neueste Photographie seines kleinen Neffen, die die Schwester ihm geschenkt hatte, sprach sanft und nachsichtig von den Seinen, ohne irgendwelche Bitterkeit, und hob nur ihre guten Eigenschaften hervor.

»Meine Mutter war ganz glücklich, mich wieder einmal die Messe lesen zu hören,« sagte er, »und ich habe sie wiederholt gebeten, mich bald in Keßten zu besuchen; dann kann sie dieses Vergnügen täglich haben.«

Errötend und ohne ihn anzusehen, fragte ihn Paula, ob seine Wäsche und Kleider in gutem Stande wären und ob sie Schadhaftes vielleicht ausbessern dürfte; es würde ihr große Freude bereiten, für seine Bequemlichkeit zu sorgen.

Er lehnte ihr Anerbieten dankend ab. »Das alles kann meine Wirtschafterin in Ordnung bringen,« sagte er.

Paula beschrieb ihm darauf die Frau, die sie im Pfarrhof vorgefunden hatte, und legte ihm ans Herz, sie in seinem Hause zu behalten: sie scheine gut und anhänglich zu sein und er würde sich gewiß bald an sie gewöhnen. »Aber verraten Sie ihr nicht, daß Sie es auf meine Bitte hin tun wollen,« setzte Paula hinzu. »Ich sagte ihr, daß ich Ihnen gleichgültig bin, und Sie müssen sie in diesem Glauben erhalten. Mich kennt sie nicht; was sie von mir denkt, spielt folglich keine Rolle. Aber Sie, der Sie in Keßten leben werden, müssen achtsam sein auf Ihren guten Ruf.«

Er mußte lächeln über ihre Worte, seine Stimme jedoch klang gepreßt, als er jetzt sagte: »Sie sind um meinen Ruf besorgt, – um den Ihrigen aber kümmern Sie sich nicht. Jetzt, wo Sie wissen, daß ich bald gehe, gestatten Sie mir, täglich zu Ihnen zu kommen, weil Sie in Ihrer Selbstlosigkeit folgern, daß es mir nun nichts mehr anhaben könne. Von diesem Standpunkt aus haben Sie freilich recht, – ich gehe, – aber Sie? Sie bleiben zurück und – merken Sie es wohl, Paula: die Menschen werden den Stab über Sie brechen.«

»Daran habe ich noch nicht gedacht,« schaltete sie ruhig ein.

»Aber ich! Glauben Sie mir, ... so sehr es mich in Ihre Nähe zieht und so glücklich ich mich fühle, wenn ich Sie an meiner Seite habe, ... es kostet mir jedesmal einen schweren Kampf, zu Ihnen zu gehen. Ich kann mir nicht verhehlen, daß ich es bin, der Ihren Ruf untergräbt, und das macht mich elend.«

Paula wies mit den Augen auf Toni, die verwundert aufhorchte. Er biß sich auf die Lippe und schwieg.

»Wie hat Ihnen mein Freund gefallen?« fragte er nach einer Weile.

»Nicht sonderlich gut, wenn ich aufrichtig sein soll,« erwiderte Paula.

»Im Anfang mag er schroff scheinen; ich zweifle jedoch nicht, daß Sie ihn lieb gewinnen werden, wenn Sie ihn näher kennen. Ich will ihn nicht allzu sehr loben, um Sie nicht neuerdings zu erzürnen, aber ich versichere Ihnen, daß er ein vortreffliches Herz hat. Und was mir vorzugsweise an ihm gefällt: er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Predigen müssen Sie ihn hören! Er ist immer so ganz bei der Sache, ist so durch und durch Priester und würde für seinen Stand durchs Feuer gehen. Er besitzt eben alle guten Eigenschaften, die mir abgehen.«

»Sie setzen sich immer herab,« warf Paula dazwischen. »Finden Sie die Arroganz Ihres vielgerühmten Freundes gleichfalls bewunderungswürdig?«

»Er ist nicht arrogant, ... nur nicht biegsam oder zugänglich ... Bedenken Sie, daß er im Waisenhause aufgewachsen ist, niemals Liebe genossen hat, und wer selbst nie verzärtelt worden ist, verzärtelt auch andere nicht. Mir jedoch ist er treu ergeben und einen besseren Freund werde ich schwerlich jemals mehr finden. Das alles muß Sie doch ein klein wenig für ihn einnehmen,« schloß er zuredend und bittend zugleich.

»Gewiß,« sagte Paula. »Wenn es ihm erwünscht ist, will ich gern mit ihm verkehren ... Aber wird er es wollen? Ich zweifle daran.«

»Mit der Zeit, ... wer weiß? ... Er hat mich lieb und auch Sie sind mir gut, ... der Gedanke, daß Sie beide von mir sprechen, wird mich trösten in meiner Einsamkeit ... Und wenn Joachim mich besucht, kann er mir von Ihnen erzählen, und er wird mir dann doppelt teuer sein ...«

Paula stieß einen Wehruf aus und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Paula!« rief der Priester erschrocken und Toni sprang auf und eilte zu der Schwester hin – »Paula,« – er beugte sich über sie – »liebe Paula, was hab' ich Ihnen getan?«

»Müssen Sie davon sprechen?« brachte sie mühsam heraus. »Haben wir uns nicht gelobt, nie, nie den Abschied zu berühren? ... Und nun malen Sie die Zukunft so deutlich aus ...«

Sie erhob sich, nahm Toni bei der Hand und ging, ehe er's hindern konnte, rasch aus dem Zimmer.

Eine halbe Stunde später kam der Arzt nach Hause. Er fuhr zusammen, als er, in das Wohnzimmer tretend, den Geistlichen am Tisch sitzen sah ... Harteck erblickte ihn, stand auf und verbeugte sich stumm. Die Blässe und Alteration seiner Züge entgingen dem Arzt keineswegs; aber er hatte sich bereits gefaßt und fragte den Priester so ruhig wie möglich nach seinem Begehr.

Mit abgerissenen Worten brachte Harteck vor, was Paula ihm zu sagen aufgetragen hatte. Der Arzt ersuchte ihn, Rock und Weste abzulegen, und als Harteck dem nachgekommen war, lehnte jener das Ohr an seine Brust und bat ihn, tief Atem zu holen. Er untersuchte ihn aufmerksam, befühlte seinen Puls und fragte ihn dann: »Husten Sie öfters?«

»Im Herbst und Frühjahr beständig. Ich erkälte mich überhaupt sehr leicht.«

»Haben Sie Schmerzen?«

»Nein.«

»Auch nicht zwischen den Schulterblättern, wenn Sie zum Beispiel viel gegangen sind?«

»Das ist wahr. Das hatte ich vergessen. Nach weiten Spaziergängen oder wenn ich lang Klavier gespielt habe, empfinde ich im Rücken einen stechenden Schmerz.«

»Hm! ... Ihre Stimme klingt umflort. Ist das Ihre natürliche Stimme?«

»Ich bin seit einiger Zeit etwas heiser.«

»Wie schlafen Sie? Geraten Sie beim Schlafen oft in Schweiß?«

»Sehr oft.«

»Rauchen Sie?«

»Nur wenig; ich vertrage das Rauchen schlecht.«

»Wahrscheinlich reizt es Sie zum Husten?«

»Ja.«

Der Arzt betrachtete seine Hände. Sie waren blaß und mager.

»An welcher Krankheit ist Ihr Vater gestorben?« fragte er dann.

»An der Lungentuberkulose.«

»War das ein Ausnahmefall, oder ist dieses Übel erblich in seiner Familie?«

»Soviel mir bekannt ist, sind alle Verwandten meines Vaters eben dieser Krankheit erlegen.«

»Hm!« sagte der Arzt noch einmal. »Sie müssen vorsichtig sein, sich schonen. In Keßten soll das Klima sehr rauh sein?«

»Man sagt so.«

»Für Sie wäre es besser, wenn Sie nach Südtirol kämen ... Würde sich das nicht machen lassen?«

»Jetzt nicht. Vielleicht später. Wenn mir der Aufenthalt in Keßten nicht gut tut, kann ich um meine Versetzung einkommen.«

Er griff nach seinem Rock und seiner Weste; der Arzt war ihm beim Ankleiden behilflich.

»Aber brustkrank bin ich noch nicht?« fragte Harteck und blickte dem anderen fest in die Augen.

»Nein. Indessen darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß Sie einige Anlage zu diesem Leiden besitzen.«

Harteck nickte wie jemand, der etwas hört, worauf er schon vorbereitet war, und langte nach seinem Hute.

»Ich empfehle Ihnen noch einmal dringend an, auf Ihre Gesundheit acht zu geben,« sagte der Arzt. »Dieses Übel ist heimtückischer Art und schöpft aus allem Nahrung ... Es genügt nicht, sich körperlich zu schonen und zu pflegen, ... auch der Geist muß frei und leicht sein. Kummer, Unzufriedenheit, Sorgen sind die besten Förderer dieses schleichenden Übels, sind oft verhängnisvoller als körperliche Unvorsichtigkeiten ... Trachten Sie daher, so viel wie möglich eine gleichmäßige, heitere oder doch ruhige Stimmung anzustreben; grübeln Sie nicht nach, bekämpfen Sie Schwermut und Traurigkeit, beschäftigen Sie sich stets, damit Sie keine Zeit haben, trüben Gedanken nachzuhängen und meiden Sie alles, was Ihnen körperlich von Nachteil sein könnte; Schlaf, kräftige Speisen, gute Luft und ein ruhiges Gemüt sind und bleiben die besten, ja, die einzigen Mittel, um solchen Krankheitsanlagen entgegenzuwirken.«

Er hatte bis dahin als Arzt gesprochen, ohne ein persönliches Motiv zu berücksichtigen: unparteiisch, teilnehmend und voll Interesse, wie er es jedem Fremden gegenüber tat, der einen ärztlichen Rat von ihm begehrte. Doch jetzt, da er fertig war, verbeugte er sich wie verabschiedend und sah den jungen Priester, der unbeweglich stehen blieb, mit strengem Blick an.

»Wünschen Sie noch etwas von mir?« fragte er ihn.

»Ich verlasse St. Jakob in einigen Tagen,« sagte Harteck mit unsicher klingender Stimme, »und da ich vielleicht nicht mehr Gelegenheit haben werde, Sie zu sehen, möchte ich Ihnen jetzt schon Adieu sagen ...«

Er streckte dem anderen die Hand entgegen. Der Arzt erfaßte sie, ließ sie jedoch sogleich wieder fallen.

»Gehaben Sie sich wohl,« sagte er und wendete sich von dem Priester ab.

Dieser tat einen Schritt gegen ihn hin.

»Lassen Sie mich hoffen, daß Sie sich meiner nicht mit Haß erinnern werden ... Ich habe schweres Leid über Ihr Haus gebracht, ... aber ich büße hart dafür, Gott weiß es.«

Der Arzt machte eine abwehrende Bewegung.

»In kurzer Zeit ist alles vorbei,« sprach Harteck weiter. »Ich gehe und damit ist das Spiel zu Ende. Nur zu gut fühle ich, daß es in diesem Fall keinen Mittelweg gibt: es heißt entweder alles wagen oder auf alles verzichten. Ich wähle das zweite. Niemals werde ich Ihrer Tochter schreiben, und wenn sie, in ihrer Güte, sich einfallen lassen sollte, einen Brief an mich zu richten ...«

Der Arzt unterbrach ihn.

»Ich erlasse Ihnen diese Versprechungen,« sagte er. »Glauben Sie denn, daß ich dieser Sache nicht längst schon ein Ende gesetzt haben würde, wenn ich nicht wüßte, daß in solchen Fällen Gewalt und Zwang das Übel nur vergrößern, anstatt es auszurotten?« Ein fürchterlich ernster Blick war es, den er bei diesen Worten auf den Priester heftete, ein Blick, vor dem Harteck die Augen senken mußte. »Glauben Sie, daß ich bis jetzt geschwiegen haben würde, wenn ich nicht gefürchtet hätte, in Ihnen auch mein Kind zu treffen? Paula würde alles, was ich Ihnen gesagt hätte, als eine persönliche Kränkung empfunden und ich würde dadurch meine Tochter ganz verloren haben. Nein; versprechen Sie mir nichts. Paula mag tun, was ihr gefällt; wenn sie nicht freiwillig entsagt, helfen alle Gewaltmittel nichts. Sie gehe ihren eigenen Weg; mag sie das, was sie an mir und sich selbst verübt, mit ihrem Gewissen ausmachen. Über das Herz eines Kindes gebietet der Vater nicht, und wenn dieses Herz durchaus unrecht tun will, dann verlohnt es sich auch nicht der Mühe, es zurückhalten zu wollen.«

Hochaufgerichtet stand er da, als er so sprach. Harteck war zumute, als ob der ernste, hagere Mann zu riesiger Größe emporwüchse, zu einer Größe, neben der er zwerghaft klein erschien. Er kam sich neben dem schwer gekränkten Vater so elend, armselig und verächtlich vor, daß er es für eine Wohltat angesehen haben würde, wenn der Fußboden sich aufgetan und ihn verschlungen hätte. Vorwürfe, Schmähungen, ja Mißhandlungen sogar würde er leichter ertragen haben, als dieses kalte und stolze: Tut, was Ihr wollt.

Der Arzt mochte erraten, was im Innern des Mannes vorging, der in der scheuen Haltung eines Verbrechers vor ihm stand, und in seiner Brust regte sich eine Empfindung, die an Mitleid streifte.

»Wir haben ausgesprochen, denke ich,« sagte er und trat zum Tisch hin.

»Ja,« murmelte Harteck, verneigte sich ungeschickt und verließ das Zimmer. Er kam sich vor wie ein Dieb, dem der Bestohlene die Strafe erläßt.

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