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Der geistliche Tod

Vierzehntes Kapitel

Reading edition

Noch zwei Tage. Er wünschte, sie wären vorüber. Paula hatte er glauben gemacht, daß er noch drei Tage hier bleiben würde, um ihr und sich selbst die Bitternis des Abschiedes zu ersparen. Den vorletzten Tag seines Hierseins verwendete er dazu, daß er von Haus zu Haus ging und allen Leuten Ade sagte, und er gewann bei dieser Wanderung durch das Dorf aufs neue die Überzeugung, daß die Leute ihn lieb gewonnen hatten und ungern scheiden sahen. Freilich trat dabei auch zu Tage, daß er, wie es ihm überall erging, die Menschen durch allzu große Güte und Nachsicht verwöhnt hatte und daß manche dies benutzten, um dreist zu werden. Mehr als einer hatte die Unverfrorenheit, mit schlauem Augenwinken zu ihm zu sagen: »Es ist ja besser für Sie, daß Sie gehen,« und wenn er nach dem Warum fragte, erfolgte abermaliges Blinzeln und Nicken und ein gutmütiges: »Ich meine halt so, ... Sie verstehen mich schon ...« Sich den nötigen Respekt zu verschaffen, hatte er nicht gewußt, und seine aller Welt bekannte Neigung zu einem Mädchen zerstörte den Nimbus, der sonst den Seelsorger in einem Dorf zu umgeben pflegt, vollends. Das war ihm nicht gleichgültig, verdroß ihn sogar, aber er verschluckte es wie so manches andere. Am Hause Paulas glitt er scheu vorüber: er wollte sie weder sehen noch von ihr gesehen werden; und er nahm sich vor, sie auch morgen zu meiden, wenn er Kraft genug besäße, die Sehnsucht seines Herzens so weit zu besiegen.

Am Abend fühlte er sich von dem vielen Umhergehen, Sprechen und Abschiednehmen auf das äußerste erschöpft. Er ließ sich beim Dekan entschuldigen: er könne am gemeinschaftlichen Mahl nicht teilnehmen, er wäre allzu müde. Mochte der gewesene Prinzipal ihn unhöflich schelten! Jetzt war doch alles gleichbedeutend und jeder Zwang überflüssig.

Harteck kam am folgenden Morgen später als sein Freund, der früher die Messe gelesen hatte, in das Frühstückzimmer und traf dort bloß den Mönch und den jungen Geistlichen an. Diese beiden schienen schon recht gut bekannt miteinander, sie standen am Fenster, Joachim hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und der Mönch blickte über seine Schulter in dasselbe.

»Ich habe für diesen Artikel große Lobsprüche geerntet,« sagte Perkow, »sogar der Fürst-Erzbischof hat ihn gelesen und mir seine Zustimmung ausdrücken lassen ... Das Polemisieren ist meine Passion. Sie können sich wohl vorstellen, daß das Organ unserer Gegner dazu nicht geschwiegen hat, ... aber ich weiß, was ich auf alle Einwürfe zu erwidern habe. Ich bin im Recht. Den Gegenartikel trage ich bereits in der Tasche,« schloß der junge Mann mit einem triumphierenden Lächeln und klopfte mit der Hand auf die Brust. Jetzt erst gewahrte er den Freund.

»Guten Morgen, Georg,« sagte er.

»Guten Morgen,« sagte Harteck grüßend. »Wo sind die anderen?«

»Über Land gefahren,« berichtete der Mönch. »Sie werden erst abends zurückkehren.«

»Desto besser!« sagte Perkow aufrichtig. »Gegen den Herrn Dekan habe ich zwar nichts einzuwenden, aber seine Nichte, diese alte Jungfer, ist ein unausstehliches Geschöpf. Ist sie immer so geziert und affektiert, wie sie's gestern war?«

»Immer so,« sagte Benediktus. »Und boshaft! Davon haben Sie keinen Begriff.«

»Das werden wir ihr austreiben,« sprach Joachim leichthin und setzte sich. »Vorläufig aber wollen wir frühstücken.«

Der junge Pater nahm an seiner Seite Platz und heftete den Blick unausgesetzt auf seinen blonden, sorglos und zufrieden aussehenden Nachbar. Augenscheinlich bewunderte er ihn.

»Es ist erstaunlich, wie gescheit Sie sind für Ihre Jahre,« sagte der Mönch plötzlich und wurde rot. »Sie werden es noch weit bringen.«

»Ach nein! Warum denn?« entgegnete Joachim bescheiden und geschmeichelt zugleich. »Allerdings höre ich das manchmal und es ist mir, zum Beispiel, in Aussicht gestellt worden, Redakteur unseres Salzburger Parteiblattes zu werden ... Ich weiß jedoch nicht, ob ich dieser Stellung gewachsen sein werde. Es mangelt mir doch an Erfahrung. Nicht wahr, Georg?«

»Für einen Kampfhahn wie Du einer bist wäre das gerade das richtige Feld,« erwiderte dieser mit einem Lächeln.

»Du spottest mich immer aus,« murrte der junge Geistliche.

»Keineswegs; ich meine nur ...«

»Daß ich ein intoleranter, streitsüchtiger Pfaff bin? Intolerant, in der Tat!« rief der junge Priester und schlug mit der Hand auf den Tisch. »So nennt man uns, ... aber dieser Vorwurf ist, nach meiner Ansicht, ein ungerechter. Wer, um alles in der Welt, ist tolerant gegen uns? Welche Stellung nehmen die Katholiken in Deutschland, Rußland und Irland ein? Man duldet sie, weil man muß, und sobald sie eine Bewegung machen, schlägt man sie zu Boden. Davon aber spricht niemand, das finden die Menschen ganz in der Ordnung. Narren und Feiglinge wären wir, wenn wir ihnen nicht gleiches mit gleichem vergälten. Was mich jedoch bei alledem am meisten verdrießt, das ist die Lauheit und Flauheit der Katholiken selber. Alles lassen sie sich gefallen, mit Füßen lassen sie sich treten. Ich möchte einmal hören, was die Protestanten oder Juden sagen würden, wenn ihre Pastoren oder Rabbiner nur halb so vielen Angriffen ausgesetzt wären wie wir! Steinigen würden sie die Angreifer, oder doch wenigstens die Hand rühren und den Mund auftun. Unsere Katholiken aber sind die ersten, die ihre Priester herabsetzen und die Nase rümpfen, wenn von den Klerikalen, wie sie uns und unsere Parteigänger nennen, die Rede ist. Darüber habe ich mich oft schon geärgert und dagegen gesprochen und geschrieben. Unsere Bauern gehen noch an, ... aber die Städter, ... die sind es, die der Sache schaden, die geflissentlich zu vergessen scheinen, daß sie katholisch sind und darum Hand in Hand mit uns gehen sollten, anstatt sich zu unseren Widersachern aufzuwerfen, wie sie es in der Tat tun. Was wird aus unserer heiligen Kirche werden, wenn die eigenen Kinder sich gegen dieselbe empören? Und wir, ... sollen vielleicht auch wir die Flinte in das Korn werfen und gleichgültig zusehen, wie an unserer Kirche gemäkelt wird, wie unsere Gegner sich breit machen und uns verhöhnen? Nimmermehr! Krieg bis aufs Messer! Entweder siegen oder fallen, – aber sich feige ergeben, – das niemals!«

Der junge Mönch nickte lebhaft Beifall und seine leuchtenden Augen hingen an dem geröteten, erregten Gesicht des jugendlichen Paladin der Kirche. »Bist Du nicht auch meiner Ansicht?« wendete Perkow sich an Harteck, der sich schweigend verhielt und weder ein Beifalls- noch ein Mißfallenszeichen zu erkennen gegeben hatte.

»Gewiß,« antwortete dieser, also zum Sprechen aufgefordert. »Indessen darfst Du nicht übersehen, daß der katholische Klerus – teilweise wenigstens – nicht danach angetan ist, sich Sympathien zu erwerben. Die Pastoren, zum Beispiel, begnügen sich damit, Diener des Staates zu sein und ordnen sich dem Staate unter; sie wollen keine politische Rolle spielen und machen selten von sich reden. Wir hingegen haben stets nach der Herrschaft gestrebt und streben noch immer danach, wollen einen Staat im Staate bilden, und das verzeiht die Welt uns nicht. Sind wir Patrioten? Bürger? Geht uns der Staat unseren Sonder-Interessen vor? Nein, müssen wir auf diese Fragen antworten. Wir sind nur so lang Patrioten, als wir unsere Kirche nicht gefährdet glauben, ... unsere Blicke sind nach Rom gerichtet und was der Papst sagt, gilt uns mehr als die Wünsche unserer Mitbürger. So muß es natürlich sein, wir dürfen anders nicht denken. Aber Du mußt doch zugeben, daß die Welt einigen Grund habe, uns mit scheelen Augen anzublicken. Ein jeder Stand ringt nach der Weltherrschaft, ... die Aristokratie so gut wie wir; der Bürger so gut wie das Proletariat oder der vierte Stand; wir sind ihnen folglich im Wege und darum mögen sie uns nicht.«

»Aber Sie haben unrecht, wie mir scheint,« warf der junge Pater stockend und errötend ein. »Wenn irgend jemand berufen ist zu herrschen, dann sind es wir, denen die Aufgabe obliegt, die Gewissen rein zu erhalten und die Menschen auf das ewige Leben vorzubereiten, während unsere Gegner sich bloß um das zeitliche Wohl kümmern. Wenn die Menschen mehr den Tod und was darauf folgen wird, im Auge hätten als ihr vergängliches Dasein, würden sie sich den Priestern gern unterwerfen und sich willig ihrer Leitung anvertrauen.«

Die beiden Freunde blickten zuerst dem Sprecher, dann einander in die Augen. Daß der Mönch es ehrlich meinte und das Gesagte wirklich dachte, – darüber konnte niemand im Zweifel sein. Man brauchte nur sein treuherziges Gesicht anzusehen, ... dann mußte man ihm Glauben schenken. Von diesem idealen Standpunkt aus hatte er freilich recht ... »Aber – sind wir auch so?« mußte Joachim sich fragen. »Vielleicht viele, ... alle gewiß nicht. Und ich – ebenfalls nicht.«

Wohl war er sich bewußt, ein treuer und eifriger Diener der Kirche zu sein, ... aber daß Ehrgeiz, Herrschlust und Eigenliebe ihm gänzlich fremd, daß er nur die zukünftige, bessere Welt im Auge habe? So weit ging seine Liebe zu Gott noch lange nicht. Fast beschämt blickte er vor sich nieder und versank in Nachdenken.

»Werde ich heute abend Gelegenheit haben, das gnädige Fräulein zu sehen?« fragte Harteck, sich an den Pater wendend. »Ich möchte doch nicht ohne Abschied von ihr gehen.«

»Sie hat gesagt – warum weiß ich nicht –, daß sie diesem Abschied auszuweichen gesonnen wäre,« antwortete Benediktus.

»Dann laß die Närrin!« rief Georgs heißblütiger Freund. »Dir wird doch nicht darum zu tun sein, noch einmal in ihre wässerigen Augen zu schauen.«

»Ich will von aller Welt in Frieden scheiden,« versetzte Harteck. »Wie immer auch die Menschen hier sich gegen mich betragen haben, ... ich will allen beweisen, daß ich keinem grolle und es mit jedem gut meinte.«

Der Mönch schlug bei diesen Worten die Augen zu Boden.

»Komm, Joachim,« sagte Harteck mit einem Blick auf den Pater. »Wir haben noch viel zu tun.«

Die Freunde standen auf und verfügten sich in Hartecks Wohnung. Die Möbel und das Klavier waren bereits verpackt und sollten heute schon mittels der Eisenbahn nach Hartecks neuem Wohnort befördert werden.

»Willst Du mir beim Packen behilflich sein?« fragte Georg.

»Natürlich! Du magst die ganze Arbeit getrost mir überlassen. Du siehst ohnehin ermüdet aus. Hast Du schlecht geschlafen?«

»Es geht an. Beginne denn mit den Büchern, wenn Du so gut sein willst, mir diese Arbeit abzunehmen ... Ich will einstweilen meine Papiere ordnen.«

Perkow machte sich an die Arbeit und Harteck kramte in Papieren, die auf dem Tische lagen, zerknitterte manche und warf sie auf den Boden, während er andere wieder sorgsam aufeinander legte. Knechte traten ein, luden die Möbel auf ihre Schultern und trugen sie hinaus. Unruhig lief Cäsar hin und her.

»Der Hund weiß, daß wir abermals wandern müssen,« sagte Harteck. »Er hat solchen Umzug schon mehrere Male mitgemacht und ist kein Freund davon. Leg Dich nieder, Cäsar. Du wirst bald wieder dein wohlgeordnetes Daheim haben, und um etwas anderes ist Dir ja nicht zu tun. Dir bleibt nichts Liebes hier zurück,« schloß er mit einem Seufzer.

»Ich habe Dir doch schon gesagt, daß ich Dich oft besuchen werde,« sprach Joachim, auf dem Boden knieend, und tat einen Stoß Bücher in die vor ihm stehende Kiste. »Gib mir ein Staubtuch, wenn Du eines besitzest. Deine Bücher sind nicht im besten Stand ... Schau, wie der Staub aus den Blättern fliegt! Diese Werke liest Du wohl selten?«

»Sehr selten.« (Es waren Bücher theologischen Inhaltes.)

»Ach! dann gib sie mir!« rief Juchei. »Ich überlasse Dir andere dafür; ja, Georg?«

»Behalte, was Dir gefällt. Ich verlange nichts dafür. Es freut mich, wenn ich Dir etwas schenken darf.«

»Dann danke ich schönstens,« sagte der junge Priester und legte mehrere Werke beiseite. Das Packen ging langsam von statten. Perkow blätterte wiederholt in den Büchern, die er für sich zurückgelegt hatte, und vertiefte sich darein. Endlich aber wurde er doch fertig.

»Nun kommen die Wäsche und Kleider an die Reihe,« sagte er und fuhr mit dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht. »Uff! Bei dem Packen wird einem warm. Sollten wir uns nicht Bier bringen lassen, Georg?«

»Ich will sogleich den Auftrag dazu geben,« sagte Harteck und stand auf. »Setz jetzt ein wenig aus. Auf dem Tisch liegt meine Zigarrentasche, wenn Du vielleicht Lust hast zu rauchen.«

Er ging aus dem Zimmer. Juchei brannte sich eine Zigarre an und schaute, die Hände auf dem Rücken gefaltet, zum Fenster hinaus. Es regnete leise, aber ununterbrochen. »Hoffentlich hat er morgen zu seiner Reise besseres Wetter,« dachte Joachim. »Dieser trostlose Regen wirkt bedrückend auf die Nerven ein, und lustig ist der arme Kerl ohnehin nicht ... Was aber kann ihm den Abschied von hier so schwer machen? Mit dem Dekan steht er nicht sonderlich gut und das ist bei uns doch immer die Hauptsache.«

Georg kehrte zurück mit der Meldung, daß das Bier sofort gebracht werden würde. Der junge Geistliche nickte und beobachtete den Freund, der sich an den Tisch setzte und traurig vor sich hinstarrte. In diesem Augenblick fiel Joachim auch auf, wie blaß und mager sein Gesicht war. Er ging zu dem Freunde hin und nahm ihn bei der Hand.

»Na, Georg?« sagte er fragend. »Hast Du Deine Papiere schon in Ordnung gebracht?«

»Ja.«

»Wohin soll ich sie legen? Zur Wäsche?«

»Wohin Du willst.« Er lehnte die Stirn an den Arm des jüngeren Kollegen. »Ach, Joachim,« sagte er und nichts weiter.

»Nun, nun,« sagte Perkow liebreich und besorgt, »was ist Dir denn, mein Alter?«

»Nichts,« versetzte Georg trüb. Sie verstummten eine Zeitlang. Als sie dann die Tür gehen hörten und Uschei mit dem Bier und zwei Gläsern eintreten sahen, richtete Harteck sich in die Höhe und zwang sich zu einem Lächeln.

»Das war sehr schnell,« sagte er zu dem Mädchen.

»Ich hatte niemals etwas über Sie zu sagen,« versetzte Harteck und ergriff ihre Hand. Joachim sah ihn und die junge Magd, die ein bißchen geziert tat, mit zweifelhaften Blicken an.

»Was i no' sagen hab' wollen,« sprach Uschei. »Ja, richtig. Wenn die Herren eppes heut' hier, in dem Zimmer da, essen wollen, kann's leicht g'schehen. Der Herr Pater is weit furt gangen zu oam Kranken und ißt a drenten. Sie zwoa sein ganz alloani dahoam, ... Sie können also essen, wo's wollen.«

»Dann essen wir hier,« entschied Harteck und goß die Gläser voll. »Da, nehmen Sie einen Schluck, Uschei.« Sie ergriff das dargebotene Glas und schwenkte es lächelnd gegen Perkow hin. »Zum Wohl! Herr Kopp'ratter,« sagte sie dabei.

»Danke,« sprach Joachim ziemlich ungerührt und stieß flüchtig mit ihr an. Des Mädchens blühende Gestalt brachte nicht den geringsten Eindruck auf ihn hervor. Er sah nichts anderes in ihr als eine Magd, die sich vertraulicher benahm, als eben nötig war, – und das war alles. Harteck entging nicht die leise Ungeduld in den Zügen des unerschütterlichen Freundes und er sagte zu Uschei: »Sorgen Sie nur, daß wir was Gutes zu essen bekommen.«

»Die Herren werden scho' zufrieden sein,« antwortete Uschei, knickste und ließ sie allein.

»Ein hübsches Mädchen, nicht wahr?« sagte Harteck lächelnd zu Perkow.

»O ja,« antwortete dieser gleichgültig ... »Ich verstehe nicht, wie man sich für die Weiber so sehr interessieren kann. Sie gehen Dich nichts an. Laß sie doch in Ruhe.«

Harteck mußte lachen. »Ja, wenn ich so weise wäre wie Du ...«

»Ich bin nicht weise. Aber ich habe, Gott sei Dank! nicht Dein entzündbares Temperament. Überhaupt begreife ich nicht, wie man sich verlieben kann. Ich habe doch auch schon eine Menge hübscher Frauen und Mädchen gesehen, ... daß aber eine, außer flüchtigem Gefallen, andere Gefühle in mir wachgerufen hätte, ist mir nicht bekannt. Es darf nun einmal nicht sein, und wenn man sich beizeiten vorsieht und der Versuchung aus dem Weg geht, kann man das Übel im Keim ersticken. Mir ist die bloße Vorstellung, der Narr einer solchen Dirne zu sein, um ihre Gunst zu betteln und vielleicht von ihr verspottet zu werden, fürchterlich. In welche Abhängigkeit gerät man nicht, wenn man auf die Verschwiegenheit eines Frauenzimmers angewiesen ist! Und was für eine dumme Figur ein Geistlicher macht, von dem die Gemeinde weiß, daß er verliebt ist, ... und solche Dinge kommen immer an den Tag: die Weiber sind eitel und können den Mund nicht halten. Das hast Du ja an Dir selbst erfahren.«

»Mein armes Mädchen ... Du sprichst ja wohl von Kathei? ... hat nicht geschwatzt. Dazu hatte sie mich viel zu lieb. Die Leute haben es eben gemerkt ... Das Mädel und ich waren zu sehr verbrannt ineinander, als daß wir uns genügend hätten verstellen können.«

»Ich glaube wahrhaftig, Du schämst Dich nicht einmal,« rief Joachim unwillig.

»Schämen? Nein, mein keuscher Freund; dazu war die Sache zu traurig. Aber das gestehe ich Dir gern: mein Leben würde ich gelassen haben, wenn ich das arme Geschöpf nicht kennen gelernt hätte. Was sie gelitten hat, wie sie beschimpft und verhöhnt worden ist, das weiß nur ich. Sie hat ihr kurzes Liebesglück teuer bezahlen müssen ... Doch davon willst Du nichts hören. Du siehst bloß den Fehltritt und den verurteilst Du. Was ihm jedoch voranging, wie schwer sie rang, bevor sie Liebe für Liebe und mit der Liebe die Ehre dahingab und was darauf folgte, ... darum bekümmerst Du Dich nicht; das ist Nebensache, nicht der Rede wert.«

»Wie magst Du nur in einem so bitteren Ton zu mir sprechen!« sagte Perkow. »Hältst Du mich für einen Unmenschen? Glaube mir, ich wäre der erste gewesen, der Euch hilfreiche Hand geboten hätte, wenn ich Euch, da Ihr im Elend wart, von Nutzen hätte sein können.«

»Wirklich?« rief Harteck und ergriff seine Hände. Er schien noch mehr sagen zu wollen, besann sich jedoch und begnügte sich damit, daß er die Hände des Freundes mit Wärme drückte.

»Ich will nun wieder an die Arbeit gehen,« sagte dieser. »Sonst kommt der Abend und ich bin mit dem Packen nicht fertig.«

Die Folge bewies indessen, daß der junge Mann die übernommene Arbeit überschätzt hatte. Als das Mittagbrot aufgetragen wurde, standen die paar Kisten und Koffer gepackt und verschlossen da.

»Was tun wir jetzt?« fragte Perkow, als wieder abgetragen worden war. »Wollen wir vielleicht kegeln?«

Harteck lehnte den Vorschlag ab.

»Oder ausgehen?«

»Es regnet ja ... Ich will lieber zu schlafen versuchen.«

»Auch gut. Während Du schläfst, werde ich in die Kirche gehen und nachsehen, ob es dort nicht einiges zu tun gibt. Und dann will ich zur Schule ... Die Kinder erhalten doch täglich Religionsunterricht?«

»Ja.«

»Leb wohl unterdessen.«

Nach zweistündiger Abwesenheit kehrte Perkow zu dem Freunde zurück und fand diesen auf dem Bette liegend, mit geschlossenen Augen.

»Dieser Faulpelz!« murmelte Joachim vor sich hin und wollte sich zurückziehen. Da schlug Harteck die Augen auf.

»Ich habe nicht schlafen können,« sagte er. »Bleib bei mir, Juchei.«

Perkow setzte sich auf den Rand des Bettes.

»Wie spät ist es?«

»Drei Uhr.«

»Erst drei Uhr! Dieser Tag nimmt kein Ende.«

»Soll ich Dir etwas vorlesen?« fragte Juchei.

»Meinetwegen. Was? gilt mir gleich. Wähle selber.«

Perkow holte Bücher und Zeitungen herbei und las dem Freunde daraus vor. Auf diese Weise verstrich eine Stunde.

»Leg das Zeug beiseite,« sagte Harteck plötzlich, »und sieh nach dem Wetter. Vielleicht hat es zu regnen aufgehört.«

Juchei trat ans Fenster.

»Es regnet nicht mehr,« sagte er.

»Dann gehen wir ins Freie,« sprach Harteck und erhob sich. »In mir ist eine unbeschreibliche Ruhelosigkeit, ... ich kann es in dieser engen Stube nicht länger aushalten.«

Juchei war es zufrieden und, von Cäsar begleitet, verließen die Freunde das Haus. Trotz Nässe und Kälte schlenderten sie lange umher, und wenn Juchei, um die zarte Gesundheit Georgs besorgt, den Vorschlag machte, umzukehren, sagte Harteck jedesmal: »Noch nicht, ... es ist noch zu früh.«

Eine nervöse Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er ging so rasch, als ob er gehetzt würde; seine Wangen glühten und er atmete mit Anstrengung.

»Ich gehe keinen Schritt weiter,« erklärte Joachim endlich. »Du siehst ganz erschöpft aus. Willst Du Dich absichtlich zugrunde richten?«

Harteck fügte sich und sie schlugen den Heimweg ein. Als sie zu Hause anlangten, verkündete die Turmuhr die siebente Stunde.

»Willst Du nicht etwas essen?« fragte Juchei, setzte sich und betrachtete seine mit Schmutz bespritzten Stiefel. »Ich, meinerseits, bin hungrig wie ein Jagdhund.«

»Dann laß Dir etwas zu essen geben,« sagte Harteck. Er schritt im Zimmer auf und ab, trat wiederholt zum Fenster hin, las zerknüllte Papiere vom Boden auf und zerriß sie. In seinem jetzt wieder todblassen Gesicht spiegelten sich Gefühle aller Art: Pein, Unruhe, Mißmut ... Endlich blieb er vor dem Freunde stehen.

»Joachim ...«

»Nun?«

»Ich muß fort.«

»Wohin denn? Was hast Du vor?«

»Ich kämpfe schon den ganzen Tag. Ich habe stark bleiben, mir auch dieses Letzte versagen wollen, ... aber ich kann nicht ... So ganz ohne Abschied, ... nein! Das geht über meine Kräfte.«

Er griff nach seinem Hute.

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte Joachim sich erhebend. »Wovon oder von wem sprichst Du?«

»Ich kehre bald zurück,« sagte Harteck, ohne die Frage zu beachten; vielleicht hatte er sie nicht einmal gehört.

»Willst Du nicht den Hund mitnehmen?« fragte Perkow, der, obschon er sich das Benehmen des anderen nicht erklären konnte, von der Ahnung eines Unheiles erfaßt wurde. Es würde ihn beruhigt haben, wenn er wenigstens ein Tier dem Freunde zur Seite gewußt hätte. Harteck aber sagte Nein zu dem Vorschlag, und ehe Joachim Zeit gefunden, noch ein weiteres Wort zu sprechen, hatte jener das Zimmer verlassen.

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