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Der geistliche Tod

Zehntes Kapitel

Reading edition

Das schönste Fest der Christen, Weihnachten, kam. Harteck brachte den heiligen Abend auf dem Bette liegend zu. Er fühlte sich recht unwohl und sein körperliches Mißbefinden wurde durch den an hohen Feiertagen üblichen strengen Kirchendienst noch gesteigert. Die Seinen hatten ihm Geschenke und Briefe geschickt und das Schreiben seiner Mutter fing mit den Worten an: »Ich bete zu Gott, dem Allmächtigen, daß Du das neue Jahr mit besseren Vorsätzen beginnen möchtest als das alte ...« Er hatte den Brief kaum zu Ende gelesen. Uschei schlug die Hände über dem Kopf zusammen und jammerte sehr, als sie hörte, daß er den heiligen Abend in seinem Zimmer zubringen wollte: am Weihnachtabend werde so gut gegessen und getrunken und wäre alle Welt so fröhlich ... Er tröstete das Mädchen. Ihm liege am Essen und Trinken nicht viel und er wäre ganz gern allein.

»Wirklich?« fragte sie ungläubig. »I' tät' dem Herrn gern oa bissal G'sellschaft leisten, ... aber beim Bärenwirt unten warten's auf mich.«

»Wer? Vielleicht Ihr Schatz?«

Sie wurde sehr rot und spielte mit den Zipfeln ihrer Schürze. »Ja, ... der jüngere Sohn vom Bärenwirt sieht mich halt gern, ... i bin jung und er is a jung ... Es is ja koa Sünd' net, wenn zwoa junge Leut' sich gern haben.«

»Nein, das ist keine Sünde,« sagte er, das Gesicht abwendend. »Gehen Sie nur und seien Sie recht vergnügt.«

»Lassen Sie's gut sein, Hochwürden,« sagte sie dann. »Sie wer'n scho' wieder g'sund wer'n und dann kimmt der Fasching und da geht's lusti her ...«

»Ich tanze ja nicht,« warf er lächelnd ein.

»Aber zuschau'n kinnen's ... und unsere Leut' machen Musik, ... da wern's oa bissal Kurzweil haben.«

»Freilich,« sagte er still.

»Net oamal tanzen!« dachte Uschei, als sie ihn verließ. »Noa! und wenn i zehn Buam hätt', ... Geistlich dürft mir koaner wer'n.«

Allein gelassen, drückte Harteck das Gesicht in das Kopfkissen und seufzte schwer. Es sah und hörte ihn ja niemand, er brauchte nicht Komödie zu spielen ... Cäsar war verschwiegen und würde nicht ausplaudern, daß er seinen Herrn schwach gesehen. Der Hund stellte sich zwar an dem Bette auf, beschnupperte das Haar des jungen Priesters und stieß ein heiseres Bellen aus ... Harteck richtete sich in die Höhe und liebkoste das Tier.

»Du hast recht!« sagte er. »Wir wollen stark sein. – Was gibt es denn?«

Cäsar hatte die Ohren gespitzt. An die Tür des Nebenzimmers war gepocht worden. Harteck erhob sich und ging öffnen. Der junge Mönch stand auf der Schwelle.

»Treten Sie ein,« sagte Harteck. »Was führt Sie zu mir?«

Benediktus gehorchte der Aufforderung und setzte sich auf den Stuhl, den Harteck ihm anbot. Der Priester blieb stehen. Aufmerksam betrachtete der Mönch seine zerdrückten Kleider, sein verwirrtes Haar und seine leicht geröteten Augenlider.

»Wollen Sie nicht hinunterkommen zum Herrn Dekan?« fragte er. »Das Essen ist aufgetragen.«

»Ich danke Ihnen herzlich, ... aber ich kann wirklich nicht, ... mir ist sehr unwohl.«

»Was fehlt Ihnen?«

»Ich habe mich erkältet, ... in der Kirche, glaube ich.«

Der Pater zog die Stirn kraus.

»Warum gerade in der Kirche?« versetzte er. »Dort gewiß nicht, ... weit eher auf Ihren – entschuldigen Sie – unsinnigen Spaziergängen. Sie sind nicht kräftig. Wer zwingt Sie, bei jedem Wetter auszugehen?«

»Niemand. Sie haben recht. Ich werde künftighin zu Hause bleiben.«

»Trachten Sie, bis zum Silvesterabend gesund zu werden,« sagte der Mönch nach einer Pause. »An diesem Abend wird im Gasthause zur Post ein großes Fest veranstaltet, ... sie nennen es ein Konzert; die Einnahme – denn es wird Entréegeld gefordert – soll zum Besten der Kirche verwendet werden, ... sie bedarf, wie Sie wissen, einer teilweisen Restaurierung. Der Schullehrer, der der Vorstand des hiesigen Musikvereines ist, soll sich dagegen gesträubt haben, ... aber die Bauern wollen dieses Fest durchaus veranstalten, um den gnädigen Herrn halbwegs zu versöhnen, und so hat der freigeistige Herr Schullehrer nachgeben müssen. Der Herr Dekan hat sein Erscheinen bereits huldvollst in Aussicht gestellt und es wird ihm jedenfalls lieb sein, wenn Sie ihn begleiten.«

»Werden Sie ebenfalls hinkommen?«

»Ich? O nein! Für mich existieren solche Dinge nicht.«

Diesen Worten folgte eine kurze Stille.

»Sie wollen also wirklich hierbleiben?« fragte der Mönch dann und stand auf.

»Ich werde mich zu Bett legen. Entschuldigen Sie mich freundlichst bei dem Herrn Dekan und dem gnädigen Fräulein ... Ich fühle mich so elend, daß ich ein trauriger Gesellschafter wäre und nur stören würde.«

»Dann wünsche ich Ihnen Besserung und Schlaf.«

»Gute Nacht, und seien Sie vielmals bedankt dafür, daß Sie sich zu mir bemüht haben,« sagte Harteck und reichte ihm die Hand hin.

»Ist gern geschehen,« sagte der Mönch, berührte flüchtig seine Hand und ging. –

Der Silvesterabend kam. In den leidlich geräumigen Zimmern des Gasthauses zur »Post« herrschte reges Leben und Treiben. Die Mehrzahl der Gäste hatte sich bereits eingefunden und der kleine Musikverein, bestehend aus neun Mann, mit dem Schullehrer an der Spitze, begann schon zu stimmen. Die Zimmer waren mit Tannenzweigen geschmückt, kunterbunt saß das Bauernvolk, alle im Sonntagsstaat, durcheinander. An einer langen Tafel, die in der Mitte des Saales stand, hatten die Honoratioren des Ortes und die vornehmeren Gäste aus der Umgebung Platz genommen; viele Herren aus dem Nachbarstädtchen waren gekommen, teils allein, teils mit ihren Familien. An diesem Tische saß auch Paula, zwischen zwei jungen Bahnbeamten, die sich bemühten, ihr angenehm zu sein. Toni, in einem weißen Kleidchen und mit leicht gewelltem Haar, saß neben ihrem Vater und sah kindlich erregt aus. Ein einziger Tisch war noch unbesetzt; der war für die »Herren« bestimmt. Der Herr Dekan ließ auf sich warten, und bevor er eingetroffen, durften die Produktionen nicht beginnen. Das Publikum war laut und lustig. Jetzt schon wurde viel getrunken und geraucht. Die Kellnerinnen rannten mit brennenden Wangen hin und her, ein ewiges Schreien nach Bier und Wein erscholl von allen Tischen und mancher Bauer klopfte mit seinem Taschenmesser ungeduldig an das geleerte Glas ... Da entstand plötzlich tiefe Stille. Der Herr Dekan war eingetreten. Alle Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen. Der gnädige Herr führte Fräulein Aurelie am Arm, die, eine Lorgnette vor den Augen, herablassend grüßend an den Tischen vorbeischritt. Den beiden folgten Harteck und mehrere Geistliche aus den Nachbarorten und endlich Wirt und Wirtin. Der Dekan nahm auf dem Ehrenfauteuil Platz, rechts von ihm setzte sich das Fräulein und ihr zur Seite ließ sich Harteck nieder. Die übrigen Herren setzten sich ebenfalls und sagten den Wirtsleuten ein paar verbindliche Reden über die geschmackvolle Dekorierung des Saales; einer der Geistlichen bot dem Wirt sogar eine Prise an, die dieser annahm und sogleich heftig nieste. Die Unterhaltung begann hierauf aufs neue, wenn auch in stillerer Art. Fräulein Aurelie, die in ihrem blaß lilafarbenen Seidenkleid magerer denn je aussah, lehnte sich zurück, fächelte sich Kühlung zu und tat sehr geziert.

»Hier ist es zum Ersticken heiß,« lispelte sie. »Ich bin begierig, was für komisches Zeug zur Aufführung gelangen wird.«

»Sie dürfen eben keine hohen Ansprüche stellen, gnädiges Fräulein,« sagte Harteck zerstreut und blickte nach der Tafel in der Mitte. Paula kehrte ihm den Rücken zu; wenn sie den Kopf einem ihrer Nachbarn zuwendete, war ihm vergönnt, ihr reines Profil zu sehen. Sie trug ein schwarzes, mit Spitzen besetztes Kaschmirkleid, das ihre blasse Gesichtsfarbe prächtig hob; ihr Haar war zu einem einfachen Knoten verschlungen und die Scheitel an der Stirn bedeckten halb die kleinen Ohren. Der junge Priester sah lang nach ihr hin; sehnsüchtig glitt sein Auge über ihre sanft abfallenden Schultern, den fein gebogenen Nacken, die kleinen Locken am Halse, das dunkle Haar, und er konnte nicht umhin, die beiden jungen Herren zu beneiden, die ihr zur Seite sitzen, mit ihr sprechen, ihre Stimme hören durften ... Diese Glücklichen! Er wendete den Blick von dem Mädchen ab und starrte trübselig vor sich nieder.

Die musikalischen Produktionen begannen. Der Schullehrer, in einem altmodischen Frack, schlug aufgeregt den Takt. Allerdings hieß es bei diesem »Kunstgenuß« mehr mit dem guten Willen der Künstler vorlieb nehmen; und die wenig verwöhnten Bauern waren von den Leistungen ihres Musikvereins entzückt und klatschten lauten Beifall. Fräulein Aurelie fuhr nicht selten nervös zusammen, machte sogar Miene, sich die Ohren zuzuhalten ... Sie amüsierte sich nicht. An ihrem Tische ging es viel stiller zu als an den übrigen. Ihr Oheim war schweigsam, die fremden Geistlichen sprachen untereinander und ihr Nachbar tat den Mund nicht auf; an den Nebentischen hingegen wurde gelacht, gescherzt, in derber Weise der Hof gemacht. Darüber ärgerte sich Aurelie. Verdrießlichen Gesichtes saß sie da, klappte den Fächer auf und zu und gähnte absichtlich ... Dann fing sie an, sich in Klagen zu ergehen: es sollte nicht erlaubt sein zu rauchen, ... kaum Atem holen könne man in dieser Atmosphäre; die Leute lärmten zu viel und die Produktionen wären abscheulich, ohrenzerreißend; wenn man an Wiener Konzerte gewöhnt wäre, erscheine einem solche Musik barbarisch, ... und in dieser Weise ging es fort.

»Wien ist eben Wien und ein Dorf ein Dorf,« sagte Harteck, dem endlich die Geduld riß.

»Wirklich?« entgegnete das Fräulein höhnisch. »Ich danke für die gütige Aufklärung. Das hatte ich bis jetzt nicht gewußt.«

Harteck ließ diese Rede ohne Antwort. Er hatte keine Lust zu streiten, und überdies bemerkte er, daß Paula sich, wie suchend, umwendete. Er vergaß, daß es auf dieser Welt eine Aurelie gab und blickte unverwandt nach dem jungen Mädchen hin ... Wen suchte sie? Vielleicht – ihn? Am lauten Pochen seines Herzens fühlte er, wie lebhaft er das wünschte, wie sehr er geizte nach einem einzigen Blick ihrer schönen Augen ... O diese großen Augen mit dem noch größeren Blick! Sie suchten und fanden ihn und schauten ihn an, so sanft und bittend, als wenn sie sagen wollten: »Warum sind Sie so traurig? Im Geiste bin ich ja doch bei Ihnen, bei Ihnen allein ...« Dieser einzige Blick tröstete ihn wundersam. Er wurde heiterer und gab sich fortan Mühe, seine verdrießliche Nachbarin zu unterhalten. Paula sollte ihn nicht traurig wähnen.

»Bischt net stad, Du Sakra? Die Herren sein ja noch da!«

»Halt's Maul!«

»I mag aber net, – i möcht' tanzen!«

Und: »Tanzen! Tanzen!« ertönte es von verschiedenen Seiten. Die Burschen und Dirnen erhoben sich halb von ihren Sitzen und schwenkten ihre Gläser. Vergebens mahnten die Alten zur Ruhe und wiesen mit den Augen auf den gnädigen Herrn, der mit sehr reservierter Miene in sein Weinglas blickte ... Nichts half. Die liebe Jugend lärmte weiter.

Der Herr Dekan hielt es für geraten, sich zurückzuziehen. Fräulein Aurelie wollte noch bleiben, wollte ein wenig dem Tanze zusehen ... »Daraus wird nichts!« sagte ihr Oheim streng. »Das schickt sich nicht für Dich. Zahlen, Herr Wirt.«

Er zahlte und erhob sich dann; die übrigen der Gesellschaft folgten seinem Beispiel. Der Dekan reichte seiner Nichte den Arm und schritt voran, die Geistlichen schlossen sich ihm an; alle, die im Saale waren, standen auf und grüßten. Das Fortgehen der »Herren« erregte sichtlich allgemeine Befriedigung.

»Jetzt ruckt's die Tisch weg und die Sesseln! Jetzt wird's erst luschti wer'n!«

Und kecke »G'stanzeln« ertönten ... Die Katze war fort, die Mäuse wagten zu tanzen.

»Da Tanzen und Liaben

Verbieten die Herr'n ...

Sie sein uns halt neidi' ...

Taten's selber recht gern!«

sang einer.

»Und jedem Buam sei' Diandl,

Gott hat's so bestellt –

Und dem Pfarrer sei' Köchin ...

So geht's in der Welt!«

antwortete ein anderer.

»Kinnt's net Euer Maul halten, ös verflixten Buam!« rief die Wirtin ernstlich böse. »Wann die Herren das hören!«

Die »Herren« waren einstweilen schon weit und, minder fröhlich als diejenigen, die sie verlassen, schritten sie schweigend durch das Dorf. Am Pfarrhof angelangt, stiegen die fremden Geistlichen in ihre schon bereitstehenden Wagen und fuhren nach Hause. Harteck wünschte dem Dekan und Aurelien eine gute Nacht und tat, als ob er die Absicht hätte, in seine Wohnung zu gehen. In Wahrheit aber wartete er auf der Treppe, bis er die Hausgenossen in ihren Schlafstuben wußte, bis alles im Pfarrhof ruhig war; dann stieg er geräuschlos die Stufen hinab, verließ das Haus und schlug den Weg nach dem Wirtshause zur Post ein.

Was wollte er dort? An der Freude jener Menschen durfte er ja doch nicht teilnehmen; das wußte er, wußte es nur zu gut ... Aber mit unwiderstehlicher Gewalt zog es ihn dorthin, wo fröhliche Menschen waren, dorthin, wo Paula weilte. Sie wenigstens sehen, aus der Ferne bewundern dürfen, war ja auch ein Glück. Er zog den Hut an die Augen herab und schritt unverdrossen durch den kalten Schnee. Ging jemand hinter ihm? Ihm war, als ob er leise, leise Schritte hörte ... Er stand still und blickte zurück. Undurchdringliche Finsternis lag über der Erde; am Himmel war kein Stern zu sehen. Er horchte und spähte eine Zeitlang; nichts rührte sich. »Ich muß mich geirrt haben,« dachte er und setzte seinen Weg fort.

Da lag das Gasthaus. Durch die Fenster strahlte Lichterglanz; Musik, Johlen, Fußgetrampel ertönten. Der Priester drückte sich an die Wand und lugte durch eines der Fenster in den Saal hinein. Das Zimmer war ausgeräumt, tanzende Paare glitten auf und nieder. Nebenan tanzten die Bauern; dort ging es lärmend zu, ... hier war es stille, hier hielt die bessere Gesellschaft sich auf. Er gewahrte auch Paula. Sie tanzte noch nicht; in der Tür lehnend, sah sie dem Treiben der Bauern zu und beachtete wenig den Schullehrer und einige andere Herren, die sich augenscheinlich bemühten, sie zum Tanze zu überreden; der Arzt schien die Bitte der jungen Leute zu unterstützen; Paula schüttelte bloß das Haupt. Unzufrieden und verlegen standen der Arzt und die Herren um das Mädchen herum und sprachen in sie hinein ... Paula gab endlich – mit Widerstreben, wie es den Anschein hatte, – den vereinten Bitten nach. Sie lehnte sich an die Brust des Schullehrers und fing mit ihm zu walzen an. Dem außen und ausgeschlossen dastehenden Manne stieg das Blut zu Kopf bei diesem Anblick. Daran hatte er nicht gedacht; er hatte gehofft, daß Paula standhaft bleiben, daß sie nicht tanzen würde, ... und nun lag sie in den Armen des fremden Mannes und ihm – ihm hatte sie untersagt, das Wort an sie zu richten, wenn er sie zufällig auf der Straße träfe. Aber freilich, – was war er im Vergleich zu den anderen? Diese Männer durften sich ihr offen nähern, durften um sie werben, konnten ihr Herz und Hand anbieten; ihm aber war nichts gestattet von alledem, – er hatte einem Mädchen nichts zu bieten, als eine sich vor den Augen der Welt scheu verkriechende Liebe ... Worüber also murrte er? Er hatte kein Recht dazu.

Vielleicht, wenn sie gewußt hätte, daß er draußen stand, in der Winterkälte, die Füße im harten Schnee, so ganz ausgestoßen von jeder Freude und jedem Glück, das Herz gefoltert von Eifersucht, – vielleicht, daß sie dann Erbarmen gehabt und vom Tanze abgelassen haben würde. War ihm doch, als ob er hineinstürzen, sie bei der Hand packen und ihr zurufen müßte: »Du darfst nicht lachen noch Dich freuen, während ich so elend bin!« ... Jedes Wort, jedes Lächeln, jeder Blick, die sie einem ihrer Tänzer schenkte, fuhren wie ein Messerstich durch seine Brust. Wie durfte, wie konnte sie –! Unverwandt starrte er das Mädchen an. Ist's noch nicht genug? ... Gott sei Dank! Jetzt lehnte sie eine neue Aufforderung ab, setzte sich – gerade ihm gegenüber – und ließ die Hände in den Schoß sinken. Sie war erschöpft vom Tanze; ihre Lippen waren halb geöffnet, sie atmete rasch. Glücklich sah sie nicht aus; sie lächelte kaum und sprach sehr wenig. Langsam glitten ihre Blicke durch den Saal und blieben mit einem Male an einer Stelle haften ... Sie fuhr zusammen, erblaßte und sah angestrengt nach jener Stelle hin ... Harteck wich jählings vom Fenster zurück. Sie hatte ihn gesehen, mußte ihn gesehen haben, ihre Augen hatten sich getroffen ... Dicht an die Wand gedrängt, spähte er in den Saal hinein. Paula erhob sich, legte ein schwarzes Tuch um Kopf und Schultern, sagte ihrem Vater ein paar Worte ins Ohr ... Das Herz des unglücklichen Mannes schlug plötzlich sehr laut ... Er sah das Mädchen festen Schrittes dem Ausgang zuschreiten und den Tanzsaal verlassen.

Was hatte sie vor? Doch nicht –? Kaum wagte er diesen Gedanken auszudenken. Als er jetzt das Geräusch näher kommender Schritte vernahm, erfaßte ihn etwas wie Schreck. Die Schritte hörten plötzlich auf. Von dem Dunkel hoben sich die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt ab. Also doch, doch!

An allen Gliedern bebend, lehnte er sich an die Mauer und umklammerte mit der Hand das mit Schnee bedeckte Fenstergesimse.

»Was wollen Sie von mir?« stieß er mit Anstrengung heraus.

»Daß Sie nach Hause gehen,« antwortete eine vertraute Mädchenstimme. »Wo sind Sie? Es ist so finster, ... ich sehe Sie nicht.«

Er streckte ihr die Hand entgegen. Paula ergriff sie und er zog das Mädchen an seine Seite.

»Ich sah Sie von drinnen hier stehen,« fuhr Paula fort, »in dieser Kälte ... und erschrak zu Tode, ... ich mußte hinaus zu Ihnen ... Was, um Jesu willen, tun Sie hier?«

An ihrer Stimme, an ihren Fingern fühlte er, daß sie zitterte.

»Sie dürfen nicht hier bleiben,« sagte er hastig. »Sie sind vom Tanz erhitzt und nun setzen Sie sich der eisigen Winterluft aus. Den Tod können Sie sich holen.«

»Was liegt daran!« sprach sie in sich hinein.

»Mir liegt daran,« entgegnete er heftig, zog seinen Überrock aus und warf ihn um ihre Schultern.

»Welche Torheit!« rief Paula unwillig. »Nun werden Sie sich erkälten. Ich beschwöre Sie, gehen Sie nach Hause.«

»Mich schicken Sie immer fort. Andere dürfen mit Ihnen tanzen und ich soll Sie nicht einmal ansehen. Nein, ich bleibe.«

»Wozu? Bloß um mich zu quälen?«

»Ich will Sie nicht quälen, Paula,« sagte er und haschte nach ihren Händen. »Ich will Ihnen gehorchen ... Versprechen Sie mir aber, daß auch Sie nach Hause gehen werden ... Sie wissen nicht, was Neid heißt und Eifersucht,« murmelte er mit hilfloser, fast weinender Stimme, »was ich gelitten habe, als ich Sie in den Armen fremder Männer sah ...«

»Mein Gott! Ich will tun, was Sie begehren,« sagte Paula erschreckt. »Regen Sie sich doch nicht so auf! Wie könnte ich Sie kränken wollen, ... ich!« Sie brach in ein bitteres Gelächter aus.

»Verzeihen Sie mir,« sagte er. Er wußte nicht, was er sprach noch was er tat. Er hatte das Haupt entblößt und den Hut in den Schnee fallen lassen, ... die kalte Dezemberluft zog schneidend durch sein Haar.

»Sie zittern ja,« bemerkte Paula, befreite ihre Hände aus den seinen, nahm seinen Rock von den Schultern und hängte ihn dem Priester, trotz seinem Sträuben, um; ihre Arme, ihre Brust berührten ihn dabei, ... der Rock glitt zur Erde, die Arme des Mannes faßten nach dem schlanken, bebenden Leib des Mädchens.

»Lassen Sie mich!« rief Paula mit rauher Stimme. »Haben Sie nicht gehört ...?«

»Was?«

»Es hat jemand in unserer Nähe gehustet ...«

»Ich habe nichts gehört.«

»Sehen Sie ... dort, ...« sie drängte sich atemlos, Schutz begehrend, an seine Brust ... »dort an der Wand, ... sehen Sie nichts?«

»Nein,« sprach er verstört. »Ist jemand da?«

Niemand antwortete. Aber verhallende Schritte schlugen an sein Ohr.

»Ich muß erfahren, wer es ist,« sagte er und legte die Hand an die Stirn. »Kehren Sie zu Ihrem Vater zurück. Ich muß diesem Menschen folgen.«

Paula zog das Tuch fester um ihre Schultern.

»Wohin haben Sie mich gebracht!« sprach sie, sich zum Gehen wendend.

»Paula!« rief er außer sich. »Ich töte mich, wenn auch Sie mich anklagen!«

»Ich klage Sie nicht an. Ich, ich allein bin die Schuldige; ich hätte stärker sein sollen. Leben Sie wohl.«

»Auf immer? Ich lasse Sie nicht.«

»Denken Sie jetzt nicht daran, ... jetzt können wir nichts beschließen. Gehen Sie dem dort nach und schreiben mir morgen, wer es gewesen und wie alles abgelaufen ist.«

Er hielt sie nicht länger zurück. Mit gesenktem Kopfe und schwankendem Schritt ging das Mädchen in das Haus hinein. Der Priester stürzte durch Nacht und Nebel dem Unbekannten nach.

Erst in der Nähe des Pfarrhofes erreichte er ihn. Dort brannte eine Laterne. Harteck packte den Fremden bei den Schultern und kehrte dessen Gesicht dem Laternenlicht zu. Er erkannte den Mönch.

»Woher kommen Sie?« fragte er ihn mit heiserer Stimme.

»Woher kommen Sie?« wiederholte der Mönch und sah ihm fest in die Augen.

Harteck gab keine Antwort.

»Wußten Sie, daß ich vom Hause fort war?« fragte er dann.

Der Pater nickte.

»Sahen Sie mich das Haus verlassen?«

»Ja.«

»Und sind mir gefolgt?«

»So ist es.«

»Weshalb? Zu welchem Zwecke?«

»Weil ich Verdacht hatte ... Sie sehen, daß mein Verdacht nicht grundlos war.«

»So haben Sie alles gesehen und gehört?«

»Alles.«

Eine Pause trat ein.

»Aber warum ... warum,« begann Harteck wieder; sein Atem stockte. »Warum haben Sie das getan?« brach er wütend los.

»Mäßigen Sie sich. Ich hatte den Auftrag dazu; ich bin weder neugierig noch liebe ich es, zu spionieren. Aber Sie wissen ja, was unsere Pflicht ist: den Vorgesetzten zu gehorsamen in allem und jedem.«

»Und Sie werden – natürlich! – dem Dekan alles erzählen?«

»Ich muß.«

»Und wenn Sie dadurch – nicht mich – an mir ist wenig gelegen – wenn Sie dadurch ein unbescholtenes Mädchen zugrunde richten?«

»Jetzt ist sie nicht mehr unbescholten,« entgegnete der Mönch mit hart klingender Stimme.

»Aber ich schwöre Ihnen, daß heute zum erstenmal ... Sie sind doch auch jung und sind nicht schlecht« ... Der Verzweiflung nahe, ergriff er beide Hände des Mönches: »Wälzen Sie alle Schuld auf mich, ... machen Sie mich so schlimm, wie Sie wollen, ... aber schonen Sie das unglückliche Mädchen. Gott im Himmel! Stehen Sie nicht so stumm und starr da, als ob ich zu einem Steine redete ... Soll ich mich noch mehr demütigen? Mich vor Ihnen auf die Kniee werfen? Würde vielleicht das Sie rühren?«

Der Mönch schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht hart,« sagte er. »Glauben Sie mir, ... Sie tun mir leid, trotz Ihrem Vergehen ... Ich will Ihnen auch versprechen, das Mädchen zu schonen, soviel ich kann.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Harteck und atmete erleichtert auf.

»Und nun lassen Sie uns nach Hause gehen,« sprach Benediktus weiter. »Sie sind erschöpft und Ihre Hände fühlen sich wie Eis an. Auch fällt es mir erst jetzt auf ... Wo haben Sie Ihren Überrock und Hut gelassen?«

»Ich weiß es nicht, ... ich glaube, sie liegen vor dem Gasthaus, irgendwo im Schnee ...«

»Gehen Sie schleunigst nach Hause und legen sich zu Bett ... Ihre Sachen werde ich holen und sie Ihnen morgen übergeben. Gute Nacht.«

Am nächsten Tage hatte der Mönch eine kurze, geheime Unterredung mit dem Dekan und dieser reiste bald darauf nach Salzburg ab.

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