Elftes Kapitel
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In einem engen Gäßchen der Grenzstadt Kufstein stand (oder steht heute noch) ein kleines, winkliges, baufälliges Haus. Von außen machte es mit seinem verwitterten Aussehen und den winzigen Fenstern einen traurigen Eindruck, und was hinter dem schwarz angestrichenen Tore zu finden war: die niedrigen Zimmer, die schmale Wendeltreppe, die allenthalben herrschende Licht- und Luftarmut, war nicht danach angetan, den ersten schlimmen Eindruck zu verwischen.
Vor vielen, vielen Jahren konnte man hinter einem dieser Fensterchen Tag um Tag ein blasses, kleines Mädchen stehen sehen: immer allein; sie spielte und lachte niemals und hielt stets einen Strickstrumpf oder ein Gebetbuch in der Hand. Vergangen waren die Jahre, das Kind war groß, war alt geworden und saß heute, als Matrone, hinter dem Fenster in einem alten Großvaterstuhl und die jetzt welken Hände hielten, wie ehedem, eine Strickerei oder ein Erbauungsbuch. Außer mit ihrer Tochter, deren Söhnlein und Schwiegereltern und einigen greisen Priestern verkehrte die alte Frau mit niemandem. Eine Magd, so alt wie sie selber, bediente sie schon seit vierzig Jahren. Mit dieser Magd ging sie tagtäglich zweimal in die Kirche, wöchentlich einmal zur Beichte und Kommunion, und daheim arbeiteten oder beteten die zwei alten Frauen. Die Herrin sprach wenig und lachte niemals. Ein harter, starrer Zug lag auf ihrem hageren Gesicht, – ein Zug, der von einem harten und starren Leben erzählte.
An einem wetterwendischen Apriltage saß die alte Frau wie gewöhnlich an ihrem Fenster; doch nicht wie sonst mit Beten oder einer Handarbeit beschäftigt. Ihre Hände ruhten gefaltet im Schoße und in ihrem starren Gesichte kämpfte etwas, das einer unterdrückten Bewegung glich.
Auf dem Sofa kniete ihr Enkel, ein schlanker, etwa siebenjähriger Knabe, der Kartenhäuser aufbaute. Ein feiner Junge war's, blond und rosig, mit einem klugen Gesichtchen und hellen Augen. Die Brauen ernsthaft gefaltet, die Lippen wie zum Pfeifen gespitzt, baute und baute er und blickte zornig auf, wenn seine jugendliche Mutter, die in seiner Nähe stand, eine Bewegung oder einen Schritt zu machen wagte. Mit einem halb spöttischen, halb gutmütigen Lächeln sah die Mutter seiner kindlichen Beschäftigung zu. Sie war von zarter Gestalt und auf ihren intelligenten Zügen lag selbstzufriedene Heiterkeit. Das blonde Haar und die blauen Augen hatte der Knabe von ihr geerbt. Die junge Frau trug ein schwarzes Kleid, um den Hals hatte sie eine Kette hängen, an der ein goldenes Kreuz befestigt war, und an ihren weißen Händen glänzte kein anderer Schmuck als der glatte Ehering. Trotz der matronenhaften Kleidung machte sie mit ihrem lichten Haar und Teint, mit ihren lachenden Augen und Lippen, einen, man möchte sagen, hellen Eindruck. Das Leben war ihr hold gewesen; was es ihrem Hause Übles gebracht, war auf Vater, Mutter und Bruder gefallen, – sie aber war stets verschont geblieben und hatte sich darum über das Ungemach der Angehörigen immer schnell zu trösten gewußt. Das Schicksal war ihr guter Freund und so zeigte sie ihm auch stets ein heiteres Gesicht.
Mit verhaltenem Lachen beobachtete sie das Söhnlein und stieß mit dem Fuß an den Tisch ... Das künstlich aufgebaute Kartenhaus stürzte ein; blutrot wurde der Knabe und fuhr erbost in die Höhe, ... die Mutter aber brach in ein Gelächter aus, packte den Kleinen beim Kopf und küßte sein blondes Haar.
»Nun ist's genug,« sagte sie. Ihre Stimme klang hell und angenehm. »Wir müssen Ordnung machen. Der Onkel kann jeden Augenblick kommen.«
Sie raffte die Karten zusammen und legte sie in die Tischlade; dann zupfte sie den Matrosenanzug und die Krawatte des Knaben zurecht und strich sein Haar glatt.
»Jetzt bist Du fein, Albert,« sagte sie. »Freust Du Dich schon auf den Onkel?«
»O ja,« sagte Albert ziemlich gleichgültig.
»Erinnerst Du Dich noch seiner?«
»O ja,« antwortete das Kind in gleichem Tone.
»Stell' Dich ans Fenster, und wenn Du den Onkel kommen siehst, sag es uns; hörst Du?«
Das Kind tat, was von ihm begehrt wurde. Nach ungefähr zehn Minuten wendete es den Kopf: »Jetzt kommt der Onkel.«
»Wir wollen ihm entgegen gehen,« sagte seine Mutter. »Schnell, Albert!«
Die Matrone blieb allein zurück. Sie eilte dem Sohne nicht entgegen, ... er sollte nicht wissen, nicht sehen, wie erschüttert sie war. »Gott im Himmel! Du wirst es mir nicht zur Sünde anrechnen, daß ich ihn noch immer liebe,« dachte sie. »Sein Schuldregister, Herr! ist groß, ich weiß es. Aber es ist doch mein Sohn. Und er wird sich bessern, er wird sich bessern ...« Ihre Hände zitterten, ihre Lippen bewegten sich leise; unverwandt hafteten ihre Blicke an der Tür. Die ging bald auf: hereintrat die junge Frau mit Albert und ihnen folgte ein schlanker Mann im Kleide eines katholischen Priesters. Mit einiger Anstrengung erhob sich die alte Frau, der Ankömmling eilte auf sie zu und Georg Harteck und seine Mutter lagen einander in den Armen.
»Gott zum Gruße, liebe Mutter,« sagte er und küßte sie auf beide Wangen. »Wie geht es Dir?«
»Gut, dem Herrn sei Dank.« Sie hielt ihn noch immer in den Armen und betrachtete ihn aufmerksam. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie ihn zum letztenmal gesehen; sie fand ihn verändert, – viel blasser und schmaler im Gesicht.
»Bist Du immer gesund gewesen?« fragte sie.
»Immer, ... einige Erkältungen abgerechnet. Findest Du, daß ich krank aussehe?«
»N – nein.«
»Du siehst ganz wohl aus, Georg,« fiel die junge Frau ein. »Aber Mutter ist immer so: wenn sie nur jemanden ängstlich machen kann! Setze Dich jetzt –« sie nahm ihn beim Arme und führte ihn zum Sofa hin – »und sieh Dir meinen Buben an ... Ist er nicht brav gewachsen?«
Der Priester setzte sich, die junge Frau nahm an seiner Seite Platz und schob den Knaben zu dem Geistlichen hin.
»Küsse dem Herrn Vikar die Hand,« sagte sie mit komischem Pathos und lehnte sich schmeichelnd an die Schulter des Bruders. »Ich bin nicht wenig stolz auf Dich, Georg! Erst dreißigjährig und schon Vikar! Hast Du Dich recht gefreut über Deine Beförderung?«
Er bejahte die Frage; und die Schwester fing mit dem ihr eigenen praktischen Sinn an, ihn auszuforschen: »Wo liegt das ... Keßten? Ist das Vikariat einträglich? Die Gemeinde groß? Wirst Du Dich besser stehen denn als Kooperator? Und wie ist's mit den Ausgaben? Du mußt Dich doch als Vikar von A bis Z einrichten ...«
Es ergab sich, daß er von alledem wenig wußte. Keßten wäre, so glaubte er, ein kleines und armes Dorf und das Vikariat wahrscheinlich wenig einträglich. Was den Hausrat anbelange, so hätte er bereits Anstalten zu dessen Herbeischaffung getroffen. »Ich bin jedoch überzeugt,« setzte er hinzu, »daß ich vieles und vielleicht das Nötigste vergessen habe. Bis heute hatte ich mich um diese Dinge nicht scheren müssen, ... mit der Zeit aber werde ich das Wirtschaftführen wohl erlernen.«
»Ich will auf ein paar Wochen zu Dir kommen und alles in Ordnung bringen,« sagte die Schwester. »Ohne den Beistand einer Frau seid Ihr Männer wie verloren.«
»Das ist wahr,« sagte er zerstreut und hob eilig von anderen Dingen zu sprechen an. Sie mußten erzählen, wie sie lebten, was sie trieben. Die Mutter sprach wenig; sie hatte sich wieder ans Fenster gesetzt und beobachtete schweigend die Kinder und den Enkel. Die junge Frau hingegen war sehr redselig; sie sprach viel von sich, von ihren Schwiegereltern und wie sie diese durch scheinbare Sanftmut zu beherrschen wüßte, von ihrem Söhnchen, das erstaunlich gut lernte; auch von gemeinsamen Bekannten erzählte sie und schonte die Abwesenden nicht immer; aber ihr Spott war gutmütiger Art; sie war viel zu glücklich, um wirklich böse sein zu können.
Mittlerweile hatte die alte Magd den Koffer und die Reisetasche des Geistlichen in das Zimmer getragen. Harteck öffnete den Koffer und packte verschiedene Gegenstände aus; er hatte den Seinen Geschenke mitgebracht: dem Kinde Bücher und Spielsachen, der Schwester Schmuck und anderen Toilettentand, der Mutter einen Christus aus Ebenholz und ein Marienbild; sogar die alte Magd hatte er nicht vergessen und händigte der Überraschten einen Kleiderstoff und eine Schürze ein.
»Wie gut Du bist, Georg!« sagte seine Schwester und küßte ihn und der kleine Neffe sah den geistlichen Onkel zum erstenmal freundlich an. »Jetzt aber wollen wir etwas essen ... Du bist gewiß hungrig.«
Die Magd deckte den Tisch und trug Kaffee, kaltes Fleisch, Backwerk und süßen Wein auf. Georg führte seine Mutter zum Sofa und setzte sich neben sie. Die alte Frau blickte ihn an. »Georg!« sagte sie in fast strengem Tone.
»Was gibt es?« fragte er leicht erschreckt. Er kannte diesen Ton von Kindheit auf. »Habe ich etwas nicht recht gemacht?«
»Du setzest Dich nieder zu Speise und Trank und betest nicht vorher? Ist das nicht Sitte im Hause Deines Dekans?«
»O doch! Ich vergaß nur ... Übrigens wie Du willst.«
Er stand auf und sprach das Vaterunser. Die anderen taten ihm nach, – die Mutter mit strengem Ernst, die Schwester mit verborgener Ungeduld, der Kleine mit verwundertem Blick.
»Die Mutter ist so eigen,« murmelte die junge Frau dann. »Nimm es ihr nicht krumm, Georg.«
»Wie sollte ich? – Sie hat ja recht.«
Trotzdem blieb die Stimmung eine gestörte. Die alte Frau genoß beinahe nichts und verhielt sich auch während des Essens schweigend. »Er hat sich nicht verändert,« mußte sie sich immer wieder sagen. »Ich darf nicht schwach werden, nicht erlahmen, ... ich bin Gott Rechenschaft schuldig über alles, was ich tue und sage. Wenn er sich, wie ich noch immer von Gott hoffe, gebessert haben wird, werde ich ihm zeigen dürfen, daß ich ihn liebe; eher nicht.«
Georg und die Schwester führten ein sich mühsam fortschleppendes Gespräch. Von der strengblickenden alten Frau ging gleichsam ein eisiger Hauch aus, der sich den anderen mitteilte. Sogar der arme kleine Junge saß eingeschüchtert da und gähnte verstohlen.
Als wieder abgetragen worden war, richtete die alte Frau sich in die Höhe und sagte zu ihrem Enkel: »Geh jetzt ins Nebenzimmer und spiele mit den schönen Sachen, die der Onkel Dir gebracht hat.«
Das Kind gehorchte mit sichtlichem Vergnügen.
»Warum darf er nicht bei uns bleiben?« fragte Georg.
»Weil Kinder nicht alles hören sollen, was Erwachsene untereinander sprechen,« entgegnete die Mutter. »Leg diesen eitlen Tand beiseite, Anna.«
Die junge Frau, die mit der genauen Besichtigung der vom Bruder erhaltenen Geschenke beschäftigt war, blickte die Mutter mit einem Lächeln an, zuckte die Achseln und legte die verschiedenen Sächelchen auf den Tisch.
»Nun, ... was weiter?« fragte sie.
»Ich habe mit Deinem Bruder zu sprechen.«
»Mutter, ich will nicht hoffen ...«
»Was?« unterbrach die alte Frau ihre Tochter mit scharfer Stimme. »Ist es so weit gekommen, daß ich mir von meinen Kindern vorschreiben lassen muß, was ich sagen darf oder für mich behalten muß? Du hast Dich arg verändert, Anna. So lang Du noch Mädchen warst und mich brauchtest, warst Du die Demut selber; aber nun, da Du selbständig und vermögend bist ...«
»Ich sage ja nichts,« fiel Anna ihr beschwichtigend in die Rede. »Ich wollte nur bemerken, daß Du unseren Georg, den wir so lange nicht gesehen haben, nicht plagen solltest, ... sonst vergeht ihm auf immer die Lust, uns zu besuchen.«
»Die Mutter wird mich nicht kränken wollen,« sagte Georg sanft und bittend, »nicht wahr, Mutter, nein?«
»Gewiß nicht,« sagte diese, unsicher gemacht. Dieser sanfte, ergebene Ton mahnte sie an die Zeit, da Georg noch ein Kind war. »Wir sind einander lang fern gewesen, mein Sohn,« fuhr sie fort. »Ich freue mich, Dich endlich einmal wiederzusehen. Es ist schön von Dir, daß Du zu uns gekommen bist, und ich nehme dies zum Zeichen, daß Du mit reinem Herzen wiederkehrst und Dich endlich wieder für würdig hältst, ein Diener des Herrn zu heißen.«
»Da haben wir es!« murmelte Anna. »Dachte ich's doch!«
»Schweige – Du!« rief die alte Frau streng. Die Tochter hob abermals die Schultern in die Höhe, langte nach einer Stickerei und fing zu sticken an. »Um die Zeit nicht gänzlich zu verlieren,« dachte sie. Georg betrachtete die schlanken weißen Fingerchen, die gewandt Stich an Stich reihten und kein einziges Mal fehlten. O! sie war sicher in allem, was sie tat, die kluge Schwester, ... war niemals irre gegangen, weder in großem noch in kleinem. Er beobachtete auch ihr Gesicht. Augenblicklich prägten sich in ihren Zügen Langeweile und Ärger aus ... Ahnte die Schwester, daß unangenehme Dinge zur Sprache kommen würden? An seiner Seite hob die klanglose Stimme der Mutter abermals zu sprechen an: »Du brauchst mich nicht anzusehen, Georg; antworte mir bloß; sag mir, daß Du wieder rechtschaffen geworden bist, daß Du jenes ... jenes Mädchen vergessen hast ...«
»Wozu davon sprechen, Mutter?« fiel er müden Tones ein.
»Ich muß. Ich habe so viel um Dich gelitten, mich so bitter geschämt deinetwegen ...«
Sie hielt inne. Er rührte sich nicht.
»Laß ihn doch in Frieden,« sagte Anna. »Er war einmal in seinem Leben verliebt: gut. Es tut ihm leid und er wird es künftighin bleiben lassen, und damit sei die Sache abgetan.«
Sie blickte den Bruder blinzelnd an; der aber sah starr vor sich nieder.
»Das Kleid, das er trägt, erlegt ihm das Opfer auf, den sogenannten Freuden der Welt zu entsagen,« fuhr die Mutter zur Tochter gewendet fort. »Ist das zu viel verlangt? Ich bin niemals glücklicher und ruhiger gewesen als in der Zeit, wo ich vom Treiben der Welt so viel wie nichts wußte. Meine Eltern waren schon alt, da ich noch ein Kind war. Sie liebten die Ruhe, und um sie nicht zu stören, verkehrte ich niemals mit Altersgenossen, blieb immer zu Hause und verließ es bloß, um in die Kirche oder in die Schule zu gehen. Wehe mir, wenn ich gelärmt, gemurrt oder einen Wunsch zu äußern gewagt hätte! Ich habe nie getanzt, mich nie geschmückt, niemals etwas von der Welt gesehen. Und doch bin ich glücklich gewesen, – damals. Mein Unglück begann erst dann, als ich in frevelhafter Vermessenheit meinen Eltern den Gehorsam zu kündigen wagte. Gott hat mich schwer, doch gerecht dafür bestraft.«
Anna seufzte und stickte emsig darauf los. Sie hatte das alles schon unzählige Male gehört. Der junge Priester stierte gedankenlos vor sich hin.
»Ich habe Euren Vater geliebt,« sprach die alte Frau weiter. »Wehe mir, daß ich es tat! Er war meiner Liebe nicht wert. Ich heiratete ihn gegen den Willen meiner Eltern und sah zu spät ein, daß sie recht gehabt, daß ich mich einem Unwürdigen vermählt hatte. Euer Vater hat mich nie geliebt. Er war ein leichtsinniger Mensch, ein Tunichtgut. Meine Eltern besaßen dieses Haus und ein kleines Vermögen, ... und darum, der Herr verzeihe es ihm! hat er mich geheiratet. Indessen klage ich nicht ihn, sondern einzig und allein mich selber an. Ich hätte meinen ehrwürdigen Eltern gehorchen und entsagen sollen. Ich tat es nicht; feige gab ich dieser sündigen Liebe nach und sie wurde mir – gerechterweise – zum Fluche. Ich habe viel, viel gelitten. Meine Eltern starben plötzlich, mein Mann gewöhnte sich das Trinken an und die Kinder, die ich unter unsäglichen Schmerzen gebar, lebten stets nur einige Wochen; außerdem drohte Verarmung, vielleicht Schande, ... es war eine böse Zeit. Gott hatte seine Hand abgezogen von mir, weil ich meinen Eltern ungehorsam gewesen war und dadurch das vierte Gebot verletzt hatte. Mir sollte und durfte es auf Erden nicht wohl ergehen. Wodurch den Herrgott versöhnen? Darüber sann ich immerwährend nach, ... ganze Nächte lang wachte ich und betete und flehte ihn an, mich zu erleuchten. Da gab er mir ein Zeichen. Abermals regte sich unter meinem Herzen ein junges Leben. Ich ging eines Tages auf der Straße und grübelte, wie immer, über das eine nach: was tun, um Gott milde zu stimmen; ich dachte auch an das Kind, das in meinem Schoße schlief und fragte mich, wie ich es wohl erziehen und zu welchem Berufe ich es bestimmen sollte, um einen rechtschaffenen, Gott wohlgefälligen Menschen aus ihm zu machen. Ich kam just an einer Kirche vorbei, als ich so dachte, und in diesem Augenblick trat mir ein Priester entgegen. Das war ein Zeichen von Gott! Das sollte ich aus meinem Kinde machen. Beglückt und gehoben ging ich nach Hause und leistete in meinem Herzen den Schwur, daß mein Kind, falls es ein Knabe sein und am Leben bleiben würde, dem Dienste des Herrn geweiht und Priester werden sollte. Wenige Monate später gab ich einem Sohne das Leben und von dieser Stunde an ging alles besser.«
Abermals trat eine Pause ein. Anna warf den Kopf zurück und reckte die Glieder, um die immer mehr überhand nehmende Schlafsucht abzuschütteln. Georg saß unbeweglich.
»Wohl waren wir arm,« setzte die Mutter ihre Rede fort. »Aber ein würdiger Priester nahm sich unser an und versprach, für meines kleinen Georgs Erziehung Sorge zu tragen. Euer Vater veränderte sich; er gewann Euch lieb, Dich, Georg, und die kleine Anna, die ich drei Jahre später gebar. Vielleicht würde er, Euch zuliebe, noch ein ordentlicher Mensch geworden sein, wenn Gott ihn nicht abberufen hätte. Doch Gottes Wille geschehe! Er weiß am besten, was uns frommt! Nach Eures Vaters Tode erzog ich Euch nach meinem besten Wissen und Gewissen: Dich, Georg, zu einem braven Priester und Anna zu einer sittenreinen Jungfrau. Gott segnete meine Bemühungen und ließ Euch gehorsame Kinder bleiben, bis die furchtbare Stunde kam, die meinem Leben ein Ende zu setzen drohte und in der mein Sohn mir in frevelhaftem Hochmut erklärte, daß er nicht Priester werden könnte ...«
Jetzt fuhr Georg auf. Zum erstenmal schaute er der Sprecherin in die Augen.
»Mutter,« sagte er – seine Stimme klang seltsam hart – »ich habe Dir Deinen Willen getan. Ich trage den Priesterrock. Laß Vergangenes vergangen sein. Es ist nicht gut, mich daran zu erinnern.«
»Noch immer der alte Trotz!« sprach sie murmelnd.
»Ich bin nicht trotzig,« entgegnete er und erfaßte ihre Hand, »bin es niemals gewesen. Erinnere Dich nur. Als kleiner Knabe schon konnte ich nicht ertragen, daß Du mir zürntest, und immer kam ich freiwillig, Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du sie mir vorenthieltest, weinte ich mich halb zu Tode ... Ich mag viele Fehler haben, aber trotzig bin ich nicht ... Ich trage niemandem etwas nach und will mit denen, die mir teuer sind, in Frieden leben ... Ist es nicht so? War es nicht immer so? Ich rufe Anna zur Zeugin auf, ob ich recht habe oder nicht.«
»Natürlich hast Du recht,« sagte die Schwester, ohne das Haupt zu erheben. »Ich weiß wirklich nicht, was der Mutter einfällt.«
»Ich aber weiß es,« entgegnete die alte Frau mit starker Stimme. »Wenn Du nicht Priester wärest, würde ich schwächer sein ... So aber gehörst Du nicht mir, nicht Dir, nicht irgendeinem Menschen, sondern Gott allein. Du hast die Schuld Deiner Eltern zu sühnen durch ein tadelloses, echt priesterliches Leben. Nicht um unser armseliges Erdenglück handelt es sich, sondern um unser aller Seelenheil. Ich habe Dich Gott zum Opfer gebracht; ihm darfst Du nicht halb, – ganz mußt Du ihm gehören, mußt ihm dienen mit allen Deinen Kräften. Ist das so schwer? Als ich vernahm, daß Du mit der Dienstmagd Deines Pfarrers ein sündhaftes Verhältnis unterhieltest, sagte ich: ›Der alte Fluch ist wieder da; wir sind und bleiben hier und dort verdammt.‹ Unglücklicher Mensch! Meinst Du, Gott auf solche Weise zufrieden zu stellen? Alle Deine Vorgesetzten tadeln Dich, ... weshalb? Weil Du immer weltlichen Gelüsten nachhängst und Dich nicht entschließen kannst, einzig und allein Deiner erhabenen Aufgabe zu leben ...«
Georg stand auf.
»Ich gehe und komme nie wieder, wenn Du auf solche Art zu mir sprichst,« sagte er. »Ich bin Dir zuliebe Priester geworden ... Mutter!« unterbrach er sich und faßte sie erschreckt bei den Schultern.
Sie war blaß wie der Tod.
»Mir zuliebe!« sagte sie tonlos wie eine Sprechmaschine. »Nicht Gott zuliebe!«
So furchtbar blaß hatte er sie schon einmal gesehen, – damals, in jener Stunde, wo er ihr gestanden hatte, daß er nicht Priester werden könnte. Alles kam wieder, – o! so lebhaft, so deutlich, als ob es erst gestern geschehen wäre; zuerst die Kindheit, das ewige Beten und Kirchengehen ... Damals war er gläubig gewesen, damals hatte ihn der Gedanke, dereinstens am Altar zu stehen, mit stolzer Freude erfüllt; und dann später – er hatte seine Studien nahezu vollendet – wie war es gekommen? Plötzlich zerriß etwas in seiner Brust. Im Anfang wollte er's nicht glauben, wollte die Stimme in seinem Herzen ersticken, wollte sich einreden, daß er denke und fühle wie ehedem, ... umsonst! Der Zweifel wuchs, wurde zur Gewißheit, er konnte sich nicht länger belügen, und nach schweren Kämpfen, nach vielen langen, durchweinten und durchwachten Nächten wagte er, der Mutter zu gestehen, was in seinem Inneren vorgegangen, ... daß nichts ihn antreibe, Priester zu werden, daß er sich über sich selbst getäuscht hätte und daß er Priester nicht werden könne. Sie hatte ihn starr angesehen und war so blaß geworden, daß es ihn kalt überlief, und dann war sie, ohne die Lippen zu öffnen, umgesunken und hatte stundenlang wie tot gelegen. Und die Schwester, die Magd, der Priester, der ihn hatte erziehen lassen, hatten geschrieen, geheult und ihn einen Muttermörder genannt, ... und in seiner Verzweiflung, seiner Kindesliebe hatte er schluchzend gelobt, ihr gehorsam zu sein in allem, nur möchte sie wieder die Augen aufschlagen, ihn noch einmal ansehen ... Und so war es denn geschehen; sie war wieder erwacht und er war Priester geworden. Sie konnte ruhig sein: das Seelenheil aller war gerettet.
Er trug ihr nichts nach. Wußte er doch, daß sie von einem starren Irrwahn, von einer fixen Idee geleitet, dieses Opfer von ihm gefordert hatte. Der Sohn war ihr die Leiter, die sie und alle in den Himmel führen sollte ... Aus tiefster Überzeugung hatte sie ihn dieses Opfer bringen lassen. In ihren Augen war es ja kein Opfer; sie dankte es ihm nicht einmal. Niemals keimte in ihrem Herzen ein Zweifel auf, ob sie auch recht an ihm gehandelt, niemals machte sie sich den leisesten Vorwurf. Das wußte er. Deshalb empfand er auch heute keinen Groll wider sie; er würde sie nie bekehren, nie anderen Sinnes machen, sie nie zu Mitleid oder Reue bewegen. Er konnte sie durch Widerspruch erbittern, ... das war alles, und das wollte er nicht. Wozu wohl auch? Sein Leben war nun einmal verspielt, ... mochte er allein darum wissen! Das Opfer war nun einmal gebracht, ... mochte wenigstens ein Mensch sich darüber freuen. Er nahm die alte Frau bei der Hand und sprach in sanftem Tone: »Du hast mich mißverstanden, liebe Mutter, oder, besser gesagt, meine Empfindlichkeit hat mich zu einer Äußerung hingerissen, von der mein Herz nichts weiß. Deine Anklagen sind berechtigt; nicht immer bin ich so gewesen, wie ein Priester sein soll, ... aber ich verspreche Dir, daß ich mich bessern will. Habe Geduld mit mir. Daß mir ein leidenschaftliches Herz zu teil wurde, ist nicht meine Schuld ... Ich will alles tun, um Herr dieses Herzens zu werden. Die Jugendzeit liegt bald hinter mir und mit der Jugend sterben auch die Leidenschaften ... Ich werde die eine und die anderen bald begraben.«
Er küßte die Hand der Mutter und trat zum Fenster hin. Anna folgte ihm mit den Augen, schüttelte den Kopf und blickte die Mutter, die mit gefalteten Händen und sich leise bewegenden Lippen dasaß, ärgerlich und vorwurfsvoll an. Weshalb ewig an Dinge rühren, die nun einmal nicht zu ändern waren? Die Mutter war auch gar zu schwerfällig ... Warum faßt sie alles so ernst und gewichtig auf? Und Georg könnte sich endlich auch in sein Los finden, ... was ging ihm, genau besehen, ab? Sie waren arm gewesen, seine Erziehung hatte auf diese Weise nichts gekostet, er war versorgt ... Wenn sie gewußt hätte, daß sie sich so vorteilhaft verheiraten würde, hätte sie vielleicht für ihn Partei genommen, hätte die Mutter umzustimmen versucht; das aber hatte sie nicht voraussehen können. Mochte er sich denn in Gottes Namen zufrieden geben! Weshalb sich und anderen das Leben so schwer machen? Weder Mutter noch Bruder verstanden die Kunst, zu leben ... Sie, Anna, war immer zufrieden und heiter; warum nahmen sie sich nicht ein Beispiel an ihr?
Sie rollte ihre Stickerei zusammen und erhob sich.
»Es dunkelt schon,« sagte sie. »Der Kleine und ich müssen uns auf den Heimweg machen. Wann wirst Du uns besuchen, Georg?«
»Morgen, wenn es Dir recht ist,« sagte er, zum Tisch zurückkehrend.
»Vortrefflich. Vielleicht wollt Ihr bei uns speisen, Du und die Mutter?«
Sie nahmen die Einladung an. Anna rief ihren Knaben, und Georg gab den beiden bis an die Treppe das Geleite. Dort hieß Anna den Kleinen vorausgehen und legte schmeichelnd die Hand auf den Arm des Bruders.
»Wie schön und interessant Du aussiehst!« sagte sie. »Ich begreife, daß Du einem Mädchen den Kopf verdreht hast ... Wann erfolgt Deine Installation als Vikar?«
»In acht Tagen.«
»Du wirst dort ganz allein sein, ... ohne einen Hilfsgeistlichen?«
»Ganz allein.«
»Nun, dann steht Dir nichts mehr im Wege ... Du kannst tun, was Du willst.«
»Wie meinst Du das? Was soll ich tun wollen?«
»Ich meine, daß Du jetzt Dein Mädchen ins Haus nehmen kannst ... Du bist Dein eigener Herr und brauchst das Naserümpfen Deiner Vorgesetzten nicht mehr zu befürchten.«
Georg staunte ein wenig über diese naive Unverfrorenheit. Indessen faßte er sich schnell und sagte lachend: »Ich danke Dir für den guten Rat. Leider kommt er zu spät. Das Mädchen, von dem Du sprichst, ist längst verheiratet.«
»So?« sagte sie gedehnt. »Wie schade! ... Hast Du sie sehr lieb gehabt?« setzte sie hinzu und ihre lichten Augen blitzten ihn spöttisch und neugierig an.
Verlegen kehrte er das Gesicht weg. Das rücksichtslose Schwesterlein war ihm viel peinlicher als die strenge Mutter.
»Jetzt schämt er sich, der hochwürdige Herr!« rief Anna mit hellem Lachen. »Adieu! Ich schenke Dir die Antwort. Albert, bist Du unten? Ich muß ihm nach, sonst begeht er irgendeinen Unsinn. Also, – auf morgen. Ich küsse die Hand, Hochwürden.«
Sie tat es im Ernste und enteilte mit graziösen Schritten, noch immer lachend. So hatte sie sich stets von ihm loszumachen gewußt, – mit einem Scherzwort und Lachen, wenn er zögernd versucht hatte, ihr sein Herz zu öffnen. Sein Sinneswechsel war ihr unbequem gewesen; aus Habsucht, aus Furcht vor häuslichen Szenen und Erörterungen und Störungen, aus kleinlicher Eitelkeit hatte sie sich immer taub gestellt, hatte seine schüchternen Anspielungen nicht verstehen wollen und der Mutter in allem recht gegeben, ... nicht aus Überzeugung, bloß aus Bequemlichkeit. Es macht sich gut, einen Priester in der Familie zu haben, das verleiht so armen Leuten ein gewisses Ansehen und eröffnet ihnen mancherlei Hilfsquellen, ... das war es gewesen. Und falsch war sie obendrein gewesen, diese blonde, rosige Schwester ... Nicht einmal, hunderte Male hatte sie schmeichelnd und liebkosend zu ihm gesagt: »Laß es gut sein, Georg, ... ich werde zu Dir, in Deinen Pfarrhof, ziehen und Deine Wirtschaft führen, ... nie, nie werde ich heiraten, denn nie werde ich einen Mann so lieb haben wie Dich ...« Alles, alles falsch, jedes Wort erlogen; sie hatte es nur gesagt, weil sie wußte, wie sehr er an ihr hing, wie schwärmerisch er sie liebte ... Er hatte ihr geglaubt – damals –, hatte sich dieses geschwisterliche Zusammenleben so schön und friedlich ausgemalt und sich, in der Hoffnung darauf, halb und halb mit seinem Lose ausgesöhnt. Wie mochte sie ihn ausgelacht haben, ihn, der alles glaubte, weil er selbst niemals log! Sie hatte ihn besänftigen, zum Nachgeben bestimmen wollen, alles hatten sie angewendet, um sein weiches, allzu zärtliches Sohnes- und Bruderherz zu besiegen, ... und nun? Tadel, Unzufriedenheit von der einen, Gleichgültigkeit und Spott von der anderen Seite, – das hatte er erreicht. Er stützte sich auf das Treppengeländer, blickte abwärts und dachte, dachte, dachte ... Erst als er die Stimme seiner Mutter rufen hörte: »Wo bleibst Du, Georg?« schreckte er aus seinem trüben Sinnen empor, antwortete: »Ich komme schon,« und kehrte langsamen Schrittes zu der alten Frau zurück.