Achtzehntes Kapitel
Reading edition
Der Dekan hatte das Telegramm, Hartecks Ableben meldend, richtig erhalten und war im ersten Augenblick, obschon die Nachricht nicht unerwartet kam, so bestürzt darüber, daß er nicht wußte, was er mit der fatalen Neuigkeit anfangen sollte. Er hatte das Gefühl, als ob er die Kunde solang wie möglich geheim halten müßte, hätte aber nicht recht erklären können, warum er so dachte. Dann drückte ihn das Geheimnis wieder in so hohem Grade, daß er seine Nichte aufsuchte und ihr unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraute, was geschehen war.
Das sonst so erregbare Fräulein nahm die Mitteilung mit großer Fassung entgegen.
»Es war vorauszusehen,« bemerkte sie ruhig, »wir alle sind sterblich, und ich begreife nicht, lieber Onkel, wie diese Nachricht Dich so sehr erschüttern kann ... Bist Du denn für das Leben oder Sterben dieses Herrn verantwortlich?«
»Du hast recht,« sagte der Dekan sichtlich erleichtert, und Aurelie, froh etwas zu wissen, was noch nicht aller Welt bekannt war, und hauptsächlich begierig, daß die Nachricht sobald wie möglich zu den Ohren der ihr antipathischen Paula Reinberg gelange, beeilte sich auf die Straße zu gehen und wartete ungeduldig, bis irgend jemand käme, den sie mit dieser Mission betrauen könnte. Zufällig führte den jungen Schullehrer sein Weg am Pfarrhof vorüber; und Aurelie, die wußte, daß der junge Mann kein Freund des Verstorbenen gewesen, redete den Lehrer an und teilte ihm ohne Einleitung die Todeskunde mit. Ihre Worte erzielten jedoch keineswegs die gewünschte Wirkung. Fritz Stettner erblaßte, starrte sie an und machte sich, ohne die Lippen geöffnet zu haben, eiligst davon. Was half ihm des Mannes Tod? Er war nicht rachesüchtig, nicht schadenfroh, wenigstens nicht bis zu dem Grade, um jemandem ernstlich Übles zu wollen. Und Paula war ja doch für ihn verloren. Wie einstens der Lebende, würde jetzt der Tote zwischen ihr und ihm stehen ... Und selbst wenn Paula den Priester niemals kennen gelernt hätte, ... ihn würde sie trotzdem nicht geliebt haben. Lang bevor Harteck kam, hatte er um ihre Liebe geworben und sein Werben war ein vergebliches gewesen. Während des letzten Jahres hatte er, Hartecks wegen, viel gelitten; in früherer, besserer Zeit hatte er immer noch gehofft, – mit Hartecks Kommen hatte das aufgehört. Er hoffte längst nicht mehr; aber er liebte auch nicht mehr. Das Mädchen, zu dem er aufgeblickt wie zu einem hehren Götterbild, war zu einem recht menschlich schwachen Geschöpf herabgesunken. Er sah sie ganz erfüllt von einem Manne, den zu lieben ihr nicht erlaubt war, sah sie ihre heiligsten Pflichten vernachlässigen und allem, was nicht jener Mann war, kalt, trotzig und teilnahmlos gegenüberstehen. Ihr Haupt beugte sich nicht vor dem richtenden Urteil der Welt, unumwunden zeigte sie, daß ihr an allem blutwenig gelegen war, daß sie die Menschen und ihren Richtspruch verachtete und mit ihnen auch seine treue und reine Liebe, und das brachte den jungen Mann allmählich zur Besinnung. Der Heilung war freilich ein schwerer Kampf vorangegangen; endlich aber war sie doch erfolgt. Was er heute für Paula empfand, hätte er selber nicht recht zu sagen vermocht. Eines jedoch war ihm klar: wenn sie ihn jetzt geliebt hätte, würde er sie verworfen haben. Er wollte nicht vorlieb nehmen mit dem, was ein anderer ihm gnädig zurückließ, wo er so ganz, so tief sich hingegeben hatte. Paula flößte ihm heißes Mitleid ein, obschon es mit der hohen Achtung, die er einstens für sie gehegt hatte, vorüber war. Nur mit Widerstreben würde er ihr weh getan haben, ... da er nicht mehr liebte, konnte er verzeihen. Er seufzte, als er jetzt durch das Dorf schritt und das Haus Paulas erreichte. Unwillkürlich stand er da still. Wußte sie schon ...? Er spähete zu den Fenstern empor und sah die kleine Toni hinter einem derselben stehen. Sein braunköpfiger Liebling von ehemals ... Wie schnöde hatte ihn das Kind stets behandelt! Und er hatte alles ertragen, Paula zuliebe, ... ja, mehr noch, er hatte das undankbare Kind wirklich lieb gehabt ... O dieses Haus, die Fenster, der Garten, ... hier war seine Welt gewesen, all sein Glück und Schmerz. Jetzt lag Schnee auf dem Dach und den Bäumen, und auch in sein Herz war der Winter gezogen. Es ist doch etwas unsagbar Trauriges um eine untergegangene Liebe ...
Noch immer sah er traumverloren zu Toni empor, und da auch sie den Blick auf ihn gerichtet hielt, winkte er ihr mit der Hand, zu ihm herab zu kommen. Die Kleine schüttelte zuerst den Kopf, dann aber mochte die Neugier die Oberhand gewinnen; sie verschwand vom Fenster und nach Ablauf einer Minute stand sie neben dem Lehrer. Sie hatte ein Tuch um Kopf und Hals gewickelt und ihre Händchen steckten in einem Muffe. Ihr rotwangiges Gesicht und ihre großen braunen Augen schauten fragend zu dem Manne empor.
»Prr! Es ist kalt,« sagte sie, hin- und hertrippelnd. »Weshalb haben Sie mich gerufen, ... bei dieser Kälte?«
»Ich habe Dir etwas zu sagen,« antwortete er ernst.
Sie begann zu fühlen, daß es mit ihrer Macht über ihn zu Ende war; so fremd und kühl hatte er sonst nicht gesprochen. Ihr Köpfchen beugte sich und, ohne ihn anzusehen, fragte sie mit leiser Stimme: »Was denn?«
»Sag Deinen Leuten, daß der Vikar Harteck gestorben ist,« versetzte er.
»O!« rief sie und wurde purpurrot. »Das ist nicht wahr!«
»Du ungezogenes Kind!« entgegnete er. »Ich werde doch nicht lügen.«
»Ja, ... aber ...« Sie brach in Tränen aus. »Ich will nicht, daß er tot ist ... Paula! Paula!« rief sie dann sehr laut, kehrte blitzschnell um und rannte in das Haus hinein.
Horchend blieb der Lehrer stehen.
»Paula! Paula!« hörte er die verhallende Stimme der Kleinen rufen. Das Herz wurde ihm plötzlich sehr schwer ... Im Hause herrschte Grabesstille. Kein Seufzer, kein Schluchzen, kein Aufschrei drang an sein lauschendes Ohr. Ein Rest der alten Liebe lebte noch einmal in ihm auf ... Sollte er hineingehen und Paula zu trösten versuchen? Ihm bangte vor dieser Lautlosigkeit ... Schon tat er einen Schritt nach der Schwelle hin. Da aber war ihm, als zöge eine unsichtbare Hand ihn zurück. Paula würde ihn ja doch von sich weisen, wie sie es immer getan hatte ... Nein! Sie wollte nichts von ihm, wollte allein sein, – mochte sie's denn allein tragen. Und rasch entschlossen ging er nach Hause. –
Der Geschäftigkeit Aureliens war es mittlerweile gelungen, das gesamte Hausgesinde von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen; wie ein Lauffeuer ging die Nachricht durch das Dorf; indessen regten sich die indolenten Bauern wenig darüber auf. Einer erzählte es dem anderen und dieser sagte: »So!« und »Ah!« und teilte es einem dritten mit und auf diese Weise ging es fort. Der Dekan, der absichtlich einen Gang durch das Dorf unternahm, um die Stimmung der Leute zu prüfen, fand, daß niemand daran dachte, irgendeinen Vorwurf wider ihn zu erheben und daß sich unter den Bewohnern, außer einer gewissen flauen Teilnahme, die die Todeskunde eines schon halb Vergessenen gewöhnlich hervorzurufen pflegt, nichts bemerkbar machte, und er wunderte sich jetzt über sich selbst, daß er etwas anderes hatte voraussetzen können.
Eine lebhaftere Bewegung hingegen entstand, als die Rückkunft Perkows bekannt wurde. Um Zeit zu sparen, hatte Joachim den mühsamen Weg über den Berg zurückgelegt und langte mittels der Eisenbahn in St. Jakob an. Auf dem Bahnhof hatten sich außer dem Dekan, dem jungen Mönch und Aurelien noch viele andere Leute eingefunden, und als sie den jungen Priester, den Hund Hartecks am Halsbande führend, nach dem Perron schreiten sahen, entblößten alle die Köpfe, und ehrerbietiges Schweigen herrschte ringsum.
Etwas wie Grabeshauch lag auf der Gestalt und dem Gesicht des jungen Mannes. Aus seinen Zügen war der frohe Lebensmut gewichen und kein Lächeln trat auf seine Lippen, als der Dekan auf ihn zukam und ihm die Hand entgegenstreckte.
»Sie haben – hm! – einen schweren Verlust erlitten,« redete der Dekan ihn an. »Ich spreche Ihnen mein aufrichtiges Beileid aus.«
»Ich ebenfalls,« lispelte Aurelie.
»Danke,« sagte Juchei und faßte den Hund fester am Halsband. Das Tier stieß ein klägliches Winseln aus und drängte sich zitternd an die Kniee des Geistlichen. »Der Hund ist noch ganz verstört,« fuhr Joachim fort. »Er sucht beständig nach seinem Herrn.«
Der Dekan tätschelte Cäsars Kopf und Aurelie machte sich ebenfalls mit dem Tiere zu schaffen.
»Lassen Sie ihn lieber in Ruhe,« sagte Juchei. »Er ist sehr unzugänglich und bissig geworden.«
Das Fräulein tat einen affektierten Schrei und wich zurück. Joachim schenkte dem keine Beachtung, sondern sagte bloß: »Gehen wir nach Hause.«
Er grüßte die Leute, die ihm achtungsvoll Platz machten, und die kleine Gesellschaft schlug den Weg nach dem Pfarrhof ein.
Überall begegnete Joachim teilnahmvollen Blicken und Grüßen und der Hund erregte große Aufmerksamkeit. »Da ist sein Hund!« sagten viele mit leiser Stimme. Juchei sah weder nach rechts noch nach links und zog bloß mechanisch den Hut ab, wenn ein Gruß an sein Ohr schlug. Nur als sie am Hause des Arztes vorüberkamen, erhob er den Blick vom Boden und schaute auf das Haus. Da jedoch weder am Tor noch hinter den Fenstern jemand zu sehen war, senkte er die Augen wieder und schritt schweigend fürbaß.
Sie erreichten den Pfarrhof, und als Cäsar des ihm wohlbekannten Hauses ansichtig wurde, fing er zu rennen an, stürzte zum Tor hinein, über die Treppe hinauf und kratzte zitternd und heulend an die Tür, die in die ehemalige Wohnung seines Herrn führte. Joachim eilte dem Hunde nach. Mit großer Freude begrüßte ihn Cäsar, zerrte ihn an den Kleidern zur Tür hin, sprang an ihm empor, bellte und keuchte ... O! Diese Tiersprache war beredt genug: Öffne, öffne doch! Er muß ja hier sein ... Armes, treues Tier! ... Juchei tat ihm seinen Willen und schloß die Tür auf, – Cäsar schoß wie ein Pfeil hinein, durchsuchte die Zimmer, schnüffelte in jede Ecke und brach plötzlich in ein lautes, jämmerliches Geheul aus.
»Cäsar! Cäsar!« rief Juchei erschüttert, kniete bei ihm nieder und drückte seinen großen Kopf an die Brust. Der Hund schaute ihn mit blutunterlaufenen Augen an und knurrte zornig ...
»Ich kann Dir Deinen Herrn nicht wiedergeben,« sagte Juchei. »O! Wenn ich's könnte! ...« Er preßte die Hände an die Augen. Wie diese Räume ihn an alles mahnten! War es denn möglich, war es denn wirklich, unwiderruflich wahr?
Eine Magd rief ihn zum Abendessen. Er schloß den Hund in die Stube ein, verfügte sich in das Speisezimmer und setzte sich auf den Platz, den Georg sonst eingenommen. Mechanisch aß und trank er, beantwortete mechanisch die Fragen, die die Tischgesellschaft an ihn richtete, und wunderte sich nur über eines: daß alle Welt ihm sein Betragen gegen den toten Freund so hoch anrechnete, ihn darum belobte ... Was hatte er denn so Besonderes getan? Er hatte den Toten geliebt: verstanden die Menschen denn nicht, was das hieß?
Die Mahlzeit war kaum vorüber, als Juchei sich unter dem Vorwand großer Ermüdung erhob und zurückzog. Er ging jedoch bloß in seine Wohnung, um Cäsar zu holen und verließ dann mit dem Hunde das Haus. Die Leute im Dorfe schliefen bereits, und ohne daß jemand ihn sah, erreichte Joachim das Ziel seiner kurzen Wanderung, ... das Haus des Arztes. Er klingelte und fragte die ihm öffnende Dienstmagd, ob ihr Herr noch zu sprechen wäre. Sie bejahte die Frage, leuchtete ihm über die Treppe hinauf und bat ihn, einzutreten. Er klopfte an und trat in das Zimmer.
Die Familie hatte soeben das Abendbrot eingenommen. Der Arzt saß am Tische und rauchte, Paula ihm gegenüber, mit verschränkten Armen vor sich hinstarrend, und Toni stand neben ihr. Als sie den Geistlichen und Cäsar eintreten sahen, erhob sich der Arzt und warf einen raschen Blick auf seine Tochter. Paula wollte sich erheben, vermochte es aber nicht. Sie sank auf den Stuhl zurück und schlug die Hände vors Gesicht. Schweigend standen der Arzt und Perkow da und schauten auf das junge Mädchen. Keiner war imstande, zu sprechen. Nur Toni näherte sich dem Hunde und streichelte ihn.
»Cäsar! Armer Cäsar!«
Das Tier schien sie nicht zu erkennen. Es zog den Schwanz ein und zeigte dem Kinde die Zähne.
»Cäsar, was hast Du? Ich bin es ja,« sagte Toni furchtlos und zärtlich. Der Arzt faßte sie am Arm und führte sie aus dem Zimmer.
»Der Hund ist krank; geh Du schlafen,« sagte er, kehrte dann zu den anderen zurück und bot dem Gast einen Stuhl an. Juchei setzte sich; der Arzt blieb stehen.
»Verzeihen Sie mein Eindrängen,« sagte Juchei endlich. »Es soll nicht wieder geschehen. Aber dieses eine Mal mußte es sein ... Ich bin gekommen, um Ihnen die letzten Grüße meines Freundes zu überbringen.«
Niemand antwortete. Paula verharrte unbeweglich in ihrer trostlosen Stellung. Man hätte sie für tot halten können, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Zittern ihren Leib durchlaufen hätte.
»Bis zu seinem Ende,« fuhr Joachim fort, »hat ihn der Gedanke gequält, daß er Leid über Ihr Haus gebracht ... Lassen Sie mich hoffen, daß seine Reue, sein Tod Sie versöhnen ...«
Die Stimme versagte ihm.
»Alles ist vergeben und vergessen,« sprach der Arzt.
Paula erhob sich und ging aus dem Zimmer.
»Amen,« murmelte Juchei ihr nachblickend. Der Arzt tat dasselbe.
»Hat er viel gelitten?« fragte er dann.
»O!« sprach Joachim mit einer traurigen Bewegung. »Seine Jugend und die mörderische Krankheit kämpften einen fürchterlichen Kampf miteinander, ... aber sein Tod war ein sanfter. Er schlief in meinen Armen ein ...«
Eine neue Pause folgte.
»Sein Gemüt war – bedrückt,« sagte der Arzt hierauf. »Das ist eine siegreiche Waffe für diese Krankheiten. Aber ich will doch nach dem Mädchen sehen, ... Sie verzeihen, ... ich bin so sehr besorgt um sie.«
Er ließ den Gast allein. Nach einer Weile hörte Juchei die Tür gehen. Er blickte auf und sah Paula vor sich. Schweigend nahm das junge Mädchen ihren alten Platz ein. Sie saß nach vorne gebeugt, ihre Hände ruhten im Schoße, ihre Augen stierten ausdruckslos ins Leere. Perkow, der sie betrachtete, fand sie sehr verändert. Eine seltsame Starrheit lag auf ihrem Gesichte, unter ihren Augen liefen dunkle Schatten. Verweint sah sie nicht aus ... Sie hatte noch keine einzige Träne vergossen, seit sie das Unabänderliche erfahren.
Juchei erwartete, daß sie etwas sagen würde. Paula aber blieb stumm; sie blickte ihn nur unverwandt an.
»Sie sind doch zu beneiden,« sprach sie endlich, ohne die Augen von ihm zu wenden.
»Ich?« fragte er mit trübem Lächeln.
»Sie haben um ihn sein dürfen bis zum letzten Augenblick, während ich ...« Sie verstummte. »Ich würde es leichter tragen,« sprach sie dann, »wenn es so hätte kommen müssen. Gegen das Schicksal sind wir machtlos. Wenn aber Menschen eingreifen in das Schicksal anderer und dabei ein solcher Jammer herauskommt, dann gibt es keinen Trost. Die Bitterkeit, der Haß vergiften den Schmerz. Ich kann nicht einmal weinen und trauern um ihn, alles in mir ist tot und versteinert. Sich sagen müssen, daß er noch leben und glücklich leben könnte, wenn nicht seine Mutter und Schwester ... Ich habe nie gewußt, was Haß ist. Jetzt aber weiß ich es.«
»Ich kann Ihnen darauf nur mit dem Ausspruch des Erlösers antworten,« erwiderte der Priester. »Vergeben wir ihnen, sie wußten nicht, was sie taten.«
»Ich bin nicht so mild gesinnt,« entgegnete Paula dumpf. »Ja, wenn es sich bloß um mich, um mein Glück handelte! Wenn aber etwas, das ich liebe, getroffen wird, bin ich unversöhnlich. – Noch eines quält mich,« fuhr sie nach einer augenblicklichen Stille fort und legte die Hand an die Stirn. »Ich kann nicht zusammenhängend sprechen, ... mein Kopf ist so verwirrt ... Was wollte ich nur ...? Ja, das wollte ich sagen. Sie haben vorhin geäußert, daß Sie kein zweites Mal zu uns kommen würden. So muß es auch sein. Nicht meinetwegen. Mein Leben ist abgetan. Aber des Vaters halber. Um Ihnen das zu sagen, habe ich den Vater gebeten, mich mit Ihnen allein zu lassen. Er hat genug gelitten. Ich will von dieser Stunde an versuchen, wieder für ihn und meine Schwester zu leben ... Vielleicht daß auf diese Weise mein Dasein noch einigen Nutzen bringen kann. Aber bevor Sie gehen, muß ich noch eine Frage an Sie richten. Harteck hat mich nie gerufen, ... und dennoch, ... glauben Sie, daß es ihm erwünscht gewesen, wenn ich trotzdem gekommen wäre? Oft, oft hat es mich übermächtig hingezogen zu ihm ... Dann aber sagte ich mir wieder: Wenn er's wollte, brauchte er Dich ja bloß zu rufen; weiß er doch, daß Du darauf wartest ... Und so schwankte und zauderte ich, bis es zu spät war. Und nun hetzt und verfolgt mich der Gedanke, daß er vielleicht auf mich gewartet hat und daß ich nicht gekommen bin ...«
»Beruhigen Sie sich darüber,« sprach Joachim. »Georg verstand so zu lieben, daß er sich selbst zu vergessen vermochte. Er hat Sie – warum sollte ich's Ihnen verschweigen? – sehr geliebt und redete noch im Todeskampf von Ihnen. Aber was er sagte, waren Dankesworte dafür, daß Sie allem diesen Jammer fern geblieben wären. Ihr Anblick würde ihn nur gequält haben; er hätte sehen müssen, wie Sie leiden um seiner Leiden willen und ohne ihm helfen zu können, und dieses Bewußtsein hätte ihn nur noch elender gemacht. Nein, so war es am besten.«
»Gott sei Dank!« sagte Paula. »Das war es, was ich zu wissen begehrte.«
Perkow erhob sich.
»Komm, Cäsar,« sagte er zu dem Hunde, »wir wollen nach Hause gehen.«
Er sprach diese einfachen Worte mit so müder Stimme, daß sogar der Hund, als verstünde er ihn, mitleidig seine Hand leckte.
»Die Toten sind nicht am schlimmsten daran,« sagte Juchei und gab Paula die Hand. »Aber die, die zurückbleiben ...«
»Zurückbleiben,« sprach Paula tonlos nach, »untröstlich, unversöhnlich.«
»Untröstlich gewiß,« sagte der Priester. »Ich würde nicht wert sein, daß er mich Freund nannte, wenn ich ihn jemals vergessen könnte ... Ich werde meinen Georg niemals vergessen. Leben Sie wohl.«
Sie ließ seine Hand fahren und er ging, den Hund mit sich führend. Sie blickte ihm nicht nach, sie starrte in die Luft. Gegenwart und Zukunft flossen ineinander. Sie sah voraus, daß es immer so bleiben würde, ... von jetzt an bis zum Tode. Tränenlos würde sie durchs Leben gehen, die Wunde würde im Verborgenen weiter bluten und langsam vereitern; sie würde bleiben, was sie in dieser Stunde zu sein bekannt hatte: untröstlich, unversöhnlich.