Volume 1 — SÄNGER UND PREDIGER.
Reading edition
ANONYME VOLKSTHÜMLICHE LIEDER.
[Scherer D. 196, 202, E. 188, 194.]
Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 1. und in den Carmina Burana.
1. Dû bist mîn, ich bin dîn: des solt dû gewis sîn. dû bist beslozzen in mînem herzen: verlorn ist daz slüzzelîn: dû muost immer drinne sîn.
2. Swaz hie gât umbe, daz sint allez megede: die wellent âne man allen disen sumer gân. 10
3. Tougen minne diu ist guot, si kan geben hôhen muot. der sol man sich vlîzen. swer mit triwen der niht phliget, dem sol man daz verwîzen. Geheime Liebe die ist gut, Sie verleiht wohl frohen Muth. Um die soll man sich mühen. Wer in Treuen sie nicht hegt, Dem wird das nie verziehen.
4. ‘Sô wê dir, sumerwunne! daz vogelsanc ist geswunden: als ist der linden ir loup. jârlanc mir truobent ouch mîniu wol stênden ougen. 10 mîn trût, du solt gelouben dich anderre wîbe: wan, helt, die solt du mîden. dô du mich êrst sæhe, dô dûhte ich dich zewâre sô rehte minneclîch getân: des man ich dich, lieber man.’
DER UNGENANNTE SPIELMANN.
[Scherer D. 198, 225, E. 191, 217.]
Seine Gedichte sind in den Handschriften unter dem Namen ‘Spervogel’ überliefert und unter diesem in Minnesangs Frühling, Nr. 6 herausgegeben.
Dô der guote Wernhart an dise werlt geborn wart, do begonde er teilen al sîn guot. do gewan er Rüedegêres muot, der saz ze Bechelære und pflac der marke manegen tac: der wart von sîner frümekeit sô mære. Wie sich der rîche betraget! sô dem nôthaften waget dur daz lant der stegereif. daz ich ze bûwe niht engreif, dô mir begonde entspringen 10 von alrêrste mîn bart! des muoz ich nû mit arbeiten ringen. Weistu wie der igel sprach? ‘vil guot ist eigen gemach.’ zimber ein hûs, Kerlinc. dar inne schaffe dîniu dinc. die hêrren sint erarget. swer dâ heime niht enhât, wie maneger guoter dinge der darbet! Mich hungerte harte. 20 Ich steic in einen garten. dâ was obez innen: des mohte ich niht gewinnen. daz kom von unheile. dicke weget ich den ast: mir wart des obezes nie niht ze teile. Ein wolf sîne sünde flôch, in ein klôster er sich zôch, er wolde geistlîchen leben. dô hiez man in der schâfe pflegen: sît wart er unstæte. dô beiz er schâf unde swîn: er jach daz ez des pfaffen rüde tæte. Ein man sol haben êre, und sol iedoch der sêle under wîlen wesen guot, 10 daz in dehein sîn übermuot verleite niht ze verre; swenn er urlobes ger, daz ez im an dem wege niht enwerre. Wurze des waldes und erze des goldes und elliu apgründe diu sint dir, hêrre, künde: diu stênt in dîner hende. allez himeleschez her 20 dazn möht dich niht volloben an ein ende.
Als der gute Wernhart Zu dieser Welt gebracht ward, Da theilt er allsogleich sein Gut. Es überkam ihn Rüdgers Muth, Der, zu Bechlarn gesessen, Die Mark verwaltet manchen Tag: Drum ward ihm Ruhms ein volles Mass gemessen. Behaglich sich der Reiche labt, Dieweil der Dürftige trabt Mit losem Bügel durch das Land! Was griff nicht nach dem Pflug die Hand, Da mir begann zu sprossen 10 In erster Jugend mein Bart! Daraus ist heute Mühsal mir geflossen. Weisst du, wie der Igel sprach? ‘Ich lob’ mir eigenes Gemach.’ Kerling, zimmre dir ein Haus Mit Vorrath rüst’ es sorglich aus. Die Grossen wollen sparen. Wer nichts im eignen Hause hat, Wie viel Entbehrung, Noth muss der erfahren! Von Hunger schier gemartert 20 Stieg ich in einen Garten. Da war Obst drin gehangen: Das konnt ich nicht erlangen. Da zeigte sich mein Unheil. Häufig schüttelt’ ich den Ast: Doch ward mir von den Früchten nichts zu Theil. Ein Wolf thät in ein Kloster ziehn, Um seiner Sünde zu entfliehn; Er wollt ein geistlich Leben führen Da hiess man ihn die Schafe hüten: Da riss ihm aber die Geduld. Da biss er Schaf sowie Schwein: Und gab des Pfaffen Rüden alle Schuld. Der Mann halt’ auf Ehre, Doch soll er für die Seele Auch Sorge tragen seiner Zeit, 10 Dass ihn die Weltfreudigkeit Verleite nicht zu ferne; Will er einst von hinnen ziehn, Dass ihm den Himmelsweg dann nichts versperre. Kräuter des Waldes Und Schachte des Goldes Und jeglicher Abgrund, Die sind dir, Herr, wohl kund: Die schützen deine Hände. Das ganze himmlische Heer 20 Möcht’ dich vollpreisen nicht bis an ein Ende.
IN KÜRENBERGS WEISE.
[Scherer D. 202, E. 195.]
Eine Strophenform, die von einem österreichischen Ritter Kürenberg erfunden ist und so beliebt war, dass auch die Nibelungendichter sie benutzten. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 2.
‘Ez hât mir an dem herzen vil dicke wê getân daz mich des geluste des ich niht mohte hân noch niemer mac gewinnen. daz ist schedelîch. jon mein ich golt noch silber: ez ist den liuten gelîch.’ ‘Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr. dô ich in gezamete als ich in wolte hân 10 und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huop sich ûf vil hôhe und floug in anderiu lant. Sît sach ich den valken schône fliegen: er fuorte an sînem fuoze sîdîne riemen, und was im sîn gevidere alrôt guldîn. 20 got sende si zesamene die gerne geliebe wellen sîn.’ ‘Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinnen: dô hôrt ich einen ritter vil wol singen in Kürenberges wîse al ûz der menigîn. er muoz mir diu lant rûmen, ald ich geniete mich sîn.’ 30 Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengwant. wan ich muoz einer frouwen rûmen diu lant. diu wil mich des betwingen daz ich ir holt sî. si muoz der mîner minne iemer darbende sîn.
‘Es hat mir in dem Herzen Gar heftig weh gethan, Dass mich nach dem gelüstet, Das ich nicht konnte ha’n Noch jemals kann gewinnen. Zum Schaden mir’s gereicht. Nicht mein’ ich Gold noch Silber, Nein, einem Menschenkind es gleicht.’ ‘Ich zog mir einen Falken Länger als ein Jahr. Als er nun zahm geworden, Wie ich ihn wollte ha’n, 10 Und ich ihm sein Gefieder Mit Golde wohl bewand, Hub er sich in die Höhe Und flog in ein anderes Land. Nachmals sah ich den Falken Stolz im Fluge: Da hatt er seidne Schnüre An seinem Fusse, Auch glanzt’ ihm sein Gefieder Funkelnd von Gold. 20 Gott sende sie zusammen, Die von Herzen sich sind hold.’ ‘Jüngst stand ich abends späte Auf einer Zinne: Da hört ich einen Ritter Gar lieblich singen In Kürenbergs Weise Aus der Menge hervor. Er muss das Land mir räumen, Liebt er mich nicht, den ich erkor.’ 30 ‘Nun bring mein Ross mir schleunig Und mein Eisengewand, Denn einer Frauen muss ich räumen dieses Land. Sie will mich dazu zwingen, dass ich hold ihr sei: Sie bleibet meiner Minne doch immer ledig und frei.’
FRIEDRICH VON HAUSEN.
[Scherer D. 154, E. 146.]
Aus einem ritterlichen Geschlecht, war mehrfach in Italien, nahm an dem Kreuzzug Friedrich Barbarossas 1189 Theil und kam auf diesem um, 1190. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 8.
Mîn herze den gelouben hât, solt ich od ieman bliben sîn, durch liebe od durch der Minnen rât, sô wære ich noch alumbe[166] den Rîn, 10 wan mir daz scheiden nâhe gât, deich[167] tete von lieben friunden mîn. swie ez doch dar umbe ergât, got hêrre, ûf die genâde dîn sô wil ich dir bevelhen die die ich durch dînen willen lie[168]. Ich gunde[169] es guoten frowen niet daz iemer mêre kœme der tac daz si dâ heime heten liep[170]: wan[171] ez wære ir êren slac[172]. 10 wie kunde in der gedienen iet, der gotes verte alsô erschrac[173]? dar zuo send ich in disiu liet, und warnes[174] als ich beste mac. sæn si mîn ougen niemer mê, mir tæt iedoch ir laster[175] wê.
REINMAR VON HAGENAU.
[Scherer D. 155, E. 147.]
Reinmar von Hagenau, zum Unterschied von Reinmar von Zweter meist Reinmar der Alte genannt. Ein Elsässer, lebte am Hofe Herzog Leopold VI von Österreich, machte mit diesem den Kreuzzug 1190 mit und starb um 1207. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 20.
Ich alte ie von tage ze tage, und bin doch hiure nihtes wîser danne vert. und hete ein ander mîne klage, dem riete ich sô daz ez der rede wære wert, und gibe mir selben bœsen rât. ich weiz vil wol waz mir den schaden gemachet hât. daz ich si niht verhelen kunde swaz mir war. des hân ich ir geseit sô vil daz si es niht mêre hœren wil: nû swîge ich unde nîge dar. 10 Ich wânde ie, ez wære ir spot, die ich von minnen grôzer swære hôrte jehen. desngilt ich sêre, semmir got, sît ich die wârheit an mir selben hân ersehen. mirst komen an daz herze mîn ein wîp, sol ich der volle ein jâr unmære sîn, und sol daz alse lange stân daz si mîn niht nimet war, sô muoz mîn fröide von ir gar vil lîhte ân allen trôst zergân.
Ich altre nun von Tage zu Tage Und bin doch um nichts weiser denn sonst heuer, Und hätt ein andrer meine Klage, Dem riethe ich so, dass es wäre eine Rede theuer, Und gebe mir selber bösen Rath; Ich weiss viel wohl, was mir den Schaden gemachet hat, Dass ich ihr nicht verhehlen konnte, wie mir War. Das hab’ ich ihr gesagt so viel, 20 Dass sie es nicht mehr hören will. Nun schweige ich und neige ihr. Ich wähnte sonst, es wäre ihr Spott, Die mir von Minne das grosse Leiden gestunden, Das entgelte ich sehre, nun helfe mir Gott, Da ich die Wahrheit an mir selber hab erfunden. 10 Mir ist kommen in das Herze mein Ein Weib, soll ich der ein ganzes Jahr noch unlieb sein, Und soll das also lange stahn, Dass sie mein nicht nimmt wahr, So muss meine Freude von ihr gar Vielleicht ohn’ allen Trost zergahn.
TIECK.
Mirst ein nôt vor allem mînem leide, doch durch disen winter niht. waz dar umbe, valwent grüene heide? solher dinge vil geschiht; 20 der ich aller muoz gedagen: ich hân mê ze tuonne danne bluomen klagen.
Mir ist ein Leid vor allem meinem Leide; Nicht dass der Sommer hat ein Ziel: Nun was thut es, falbt die grüne Haide? Solcher Dinge giebt es viel. Darüber weiss ich nichts zu sagen. Ich habe mehr zu thun als über Blumen klagen.
SIMROCK.
HEINRICH VON MORUNGEN.
[Scherer D. 148, E. 141.]
Ein Ritter aus Thüringen, dichtete Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 18.
Ich wæne nieman lebe der mînen kumber weine[176], den ich eine[177] trage, ez entuo diu guote, diech mit triuwen meine, vernimt si mîne klage. wê wie tuon ich sô, daz ich sô herzeclîche bin an si verdâht[178], daz ich ein künicrîche für ir minne niht ennemen wolde, ob ich teilen unde welen solde? Swer mir des verban[179], ob ich si minne tougen[180], seht der sündet[181] sich. 10 swenn ich eine bin, si schînt mir vor den ougen. sô bedunket mich wie si gê dort her ze mir aldur[182] die mûren. ir rede und ir trôst enlâzent mich niht trûren. swenn si wil, sô füeret si mich hinnen mit ir wîzen hant hôh über die zinnen. Ich wæne, si ist ein Vênus hêre, diech dâ minne: wan si kan sô vil. si benimt mir beide fröide und al die sinne. swenne sô si wil, 20 sô gêt si dort her zuo einem vensterlîne, und siht mich an reht als der sunnen schîne: swan ich si dan gerne wolde schouwen, ach sô gêt si dort zuo andern frouwen. Dô si mir alrêrst ein hôhgemüete[183] sande in daz herze mîn, des was bote ir güete, die ich wol erkande, und ir liehter schîn sach mich güetlîch ane mit ir spilnden[184] ougen: lachen si began ûz rôtem munde tougen. sâ zehant enzunte[185] sich mîn wunne, daz mîn muot stuont hôhe sam[186] diu sunne. Wê waz rede ich? jâ ist mîn geloube bœse und ist wider got. wan[187] bite ich in des daz er mich hinnen lœse? ez was ê mîn spot. 10 ich tuon sam der swan, der singet swenne er stirbet. waz ob mir mîn sanc daz lîhte noch erwirbet, swâ man mînen kumber sagt ze mære[188], daz man mir erbünne[189] mîner swære[190]?
WALTHER VON DER VOGELWEIDE.
[Scherer D. 197, E. 189.]
Aus ritterlichem Geschlecht, aber arm; vermuthlich in Österreich geboren. Lebte viel auf Reisen. Seine Jugend verbrachte er am babenbergischen Hofe zu Wien, den er nach dem Tode seines Gönners Herzog Friedrich 1198 verliess, aber später noch wiederholentlich besuchte. Er unterhielt Beziehungen zu Philipp von Schwaben, Hermann von Thüringen, Otto IV., Friedrich II. Von letzterem erhielt er ein Lehen. Er starb nach 1227 zu Würzburg. Herausgegeben von Lachmann (Berlin 1827, fünfte Ausg. 1875); Wackernagel und Rieger (Giessen 1862); Pfeiffer (Leipzig 1864, sechste Aufl. 1880); Wilmanns (Halle 1869, 1883); Simrock (Bonn 1870); Paul (Halle 1882). Übersetzt von Simrock (Berlin 1833, sechste Aufl. Leipzig 1876); Koch; Weiske; Pannier.
1. TANZLIED.
‘Nemt, frowe, disen kranz:’ alsô sprach ich zeiner wol getânen maget: ‘sô zieret ir den tanz mit den schœnen bluomen, als irs ûffe traget. het ich vil edele gesteine, daz müest ûf iuwer houbet, obe ir mirs geloubet. sêt mîne triuwe, daz ichz meine. Si nam daz ich ir bôt, einem kinde vil gelîch daz êre hât. ir wangen wurden rôt, same diu rôse, dâ si bî der liljen stât. 10 do erschampten sich ir liehten ougen: dô neic si mir vil schône. daz wart mir ze lône: wirt mirs iht mêr, daz trage ich tougen. ‘Ir sît sô wol getân, daz ich iu mîn schapel gerne geben wil, so ichz aller beste hân. wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil: die stênt sô verre in jener heide. dâ si schône entspringent 20 und die vogele singent, dâ sule wir si brechen beide.’ Mich dûhte daz mir nie lieber wurde, danne mir ze muote was. die bluomen vielen ie von dem boume bî uns nider an daz gras. seht, dô muost ich von fröiden lachen. do ich sô wünneclîche was in troume rîche, dô taget ez und muos ich wachen. Mir ist von ir geschehen, daz ich disen sumer allen meiden muoz vast under dougen sehen: lîhte wirt mir eniu: so ist mir sorgen buoz. waz obe si gêt an disem tanze? 10 frowe, dur iuwer güete rucket ûf die hüete. owê gesæhe ichs under kranze!
‘Nehmt, Herrin, diesen Kranz’, Sprach ich jüngst zu einem Mägdlein wunderhold; ‘So zieret ihr den Tanz Mit den schönen Blumen, die ihr tragen sollt. Hätt ich viel Gold und Edelsteine, Sie müssten euch gehören, Kann ich redlich schwören: Vertraut mir, dass ichs ernstlich meine. Sie nahm, was ich ihr bot, Einem Kinde gleich, dem Freundliches geschieht: Ihr Wänglein wurde roth Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht. 10 Ihr Auge schämte sich, das lichte: Ein holdes Gegengrüssen Ward mir von der Süssen, Und bald noch, was ich nicht berichte. ‘Ihr seid so wohlgethan, Dass ich euch ein Kränzlein gönnte herzlich gern, So gut ichs winden kann. Noch viel Blumen stehen, roth und weisse, fern, Die weiss ich dort in jener Haide, Wo sie gar hold entspringen 20 Bei der Vöglein Singen: Da sollten wir sie brechen beide.’ Ich glaubte niemals mehr Freude zu gewinnen, als ich da besass: Die Blüthen fielen schwer Von den Bäumen bei uns nieder in das Gras. Ich war so fröhlich, dass ich lachte. Als mich der Traum umsponnen Hielt mit solchen Wonnen, Da ward es Tag und ich erwachte. Mir ist von ihr geschehn, Dass ich allen Mägdlein jetzt zur Sommerzeit Muss in die Augen sehn; Fänd ich jene wieder: o der Seligkeit! Wär sie bei diesem Ringeltanze? 10 Ihr Frauen, habt die Güte, Rücket auf die Hüte: Säh ich sie wieder unterm Kranze!
2. HALMMESSEN.
In einem zwîvellîchen wân was ich gesezzen, und gedâhte, ich wolte von ir dienste gân; wan daz ein trôst mich wider brâhte. trôst mag ez rehte niht geheizen, owê des! ez ist vil kûme ein kleinez trœstelîn; sô kleine, swenne ichz iu gesage, ir spottet mîn. 20 doch fröwet sich lützel ieman, er enwizze wes. Mich hât ein halm gemachet frô: er giht, ich sül genâde vinden. ich maz daz selbe kleine strô, als ich hie vor gesach von kinden. nû hœret unde merket ob siz denne tuo. ‘si tuot, si entuot, si tuot, si entuot, si tuot.’ swie dicke ichz tete, sô was ie daz ende guot. daz trœstet mich: dâ hœret ouch geloube zuo. Swie liep si mir von herzen sî, sô mac ich doch vil wol erlîden 10 daz ich ir sî zem besten bî: ich darf ir werben dâ niht nîden. Ichn mac, als ich erkenne, des gelouben niht dazs ieman sanfte in zwîvel bringen müge. mirst liep daz die getrogenen wizzen waz si trüge, und alze lanc dazs iemer rüemic man gesiht.
In Zweifelsucht und trübem Wahn War ich befangen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ihr Trost ihr wieder brachte. Trost mag es wohl nicht heissen, sei es drum— Ja ists auch nur ein kleines Tröstelein, So klein, erzähl’ ich euch davon, ihr spottet mein; 20 Doch freut sich selten Jemand, der nicht weiss warum. Mich macht’ ein kleines Hälmchen froh: Es sagt, mir solle Gnade kommen; Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ichs bei Kindern wahrgenommen. Nun höret All und merkt, ob sie es thu: Sie thut, thuts nicht, sie thut, thuts nicht, sie thut: Wie oft ich mass, so war noch stäts das Ende gut. Das ist mein Trost nun; da gehört auch Glaube zu. Wie lieb sie mir von Herzen sei, So mag ich doch nun wohl erleiden, 10 Steht auch dem Besten Zutritt frei: Ich darf ihr Werben nicht mehr neiden. Nach dem Bescheid, der mir geworden, glaub ich nicht, Dass wer so leicht sie mir entfremden mag. Doch säh ichs gerne, käm der Selbstbetrug zu Tag; Zu lange währt mir, dass sie noch mit Prahlern spricht.
3. FRAUENLOB.
Waz sol ein man der niht engert gewerbes umb ein reine wîp? si lâze in iemer ungewert, ez tiuret doch wol sînen lîp. er tuo dur einer willen sô daz er den andern wol behage: sô tuot in lîhte ein ander frô, ob im diu eine gar versage. dar an gedenke ein sælic man: dâ lît vil sælde und êren an. swer guotes wîbes minne hât, der schamt sich aller missetât. 10
Was taugt ein Mann, der nicht begehrt Zu werben um ein reines Weib? Gesetzt, sie lass ihn ungewährt, Es werthet ihm doch Seel und Leib. Er thu der Einen wegen so, Dass er den Andern wohl behagt, Dann macht ihn eine Andre froh, Wenn sich die Eine ihm versagt. Daran gedenk ein werther Mann: Viel Heil und Ehre liegt daran. Wer gutes Weibes Minne hat, Der schämt sich aller Missethat. 10
4. FRÜHLING UND FRAUEN.
Sô die bluomen ûz dem grase dringent, same si lachen gegen der spilden sunnen, in einem meien an dem morgen fruo, und diu kleinen vogellîn wol singent in ir besten wîse die si kunnen, waz wünne mac sich dâ genôzen zuo? ez ist wol halb ein himelrîche. suln wir sprechen waz sich deme gelîche, sô sage ich waz mir dicke baz in mînen ougen hât getân, und tæte ouch noch, gesæhe ich daz. Swâ ein edeliu schœne frowe reine, wol gekleidet unde wol gebunden, dur kurzewîle zuo vil liuten gât, hovelîchen hôhgemuot, niht eine, umbe sehende ein wênic under stunden, alsam der sunne gegen den sternen stât,— der meie bringe uns al sîn wunder, waz ist dâ sô wünneclîches under, 10 als ir vil minneclîcher lîp? wir lâzen alle bluomen stân, und kapfen an daz werde wîp. Nû wol dan, welt ir die wârheit schouwen! gên wir zuo des meien hôhgezîte! der ist mit aller sîner krefte komen. seht an in und seht an werde frouwen, wederz dâ daz ander überstrîte; daz bezzer spil, ob ich daz hân genomen. owê der mich dâ welen hieze, deich daz eine dur daz ander lieze, wie rehte schiere ich danne kür! hêr Meie, ir müeset merze sîn, ê ich mîn frowen dâ verlür.
Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, 20 Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne Des Morgens früh an einem Maientag, Und die kleinen Vöglein lieblich singen Ihre schönsten Weisen, welche Wonne Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag? Man glaubt sich halb im Himmelreiche; Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche, So sag ich was mir wohler doch An meinen Augen öfters that Und immer thut, erschau ichs noch. Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite 20 Wohlgekleidet, wohlbekränzt hernieder, Sich unter Leuten wandelnd zu ergehn, Hochgemuth, in fürstlichem Geleite, Etwas um sich blickend hin und wieder, Wie Sonne neben Sternen anzusehn: Der Mai mit allen Wundergaben Kann doch nichts so Wonnigliches haben, Als ihr viel minniglicher Leib; Wir lassen alle Blumen stehn Und blicken nach dem werthen Weib. 30 Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen: Gehn wir zu des Maien Lustbereiche, Der ist in seiner ganzen Fülle da. Schauet ihn und schauet edle Frauen, Was dem Andern wohl an Schönheit weiche, Ob ich mir nicht das bessre Theil ersah. Ja wenn mich Einer wählen hiesse, 10 Dass ich Eines für das Andre liesse, Ach wie so bald entschied ich mich: Herr Mai, ihr müsstet Jenner sein, Eh ich von meiner Herrin wich!
5. AUSFAHRTSEGEN.
Mit sælden müeze ich hiute ûf stên, got hêrre, in dîner huote gên und rîten, swar ich in dem lande kêre. Krist hêrre, lâz mir werden schîn die grôzen kraft der güete dîn, unt pflic mîn wol dur dîner muoter êre. 20 als ir der heilig engel pflæge, unt dîn, dô du in der kripfen læge, junger mensch unt alter got, dêmüetic vor dem esel und vor dem rinde (und doch mit sælderîcher huote pflac dîn Gabriêl der guote wol mit triuwen sunder spot), als pflig ouch mîn, daz an mir iht erwinde daz dîn vil götelîch gebot.
Mit Segen lass mich heut erstehn, Herr Gott, in deinem Schutze gehn Und reiten, wohinaus mein Weg sich kehre; Herr Christ, an mir gieb an den Tag, Was Deiner Güte Kraft vermag, Und steh mir bei zu Deiner Mutter Ehre. Wie ihr der Engel half, der gute, 30 Dir, der in der Krippe ruhte, Jung als Mensch, als Gott so alt, Demüthig vor dem Esel und dem Rinde (Und doch mit himmlisch treuem Sorgen Hielt Dich Gabriel geborgen Vor Gefahren mannigfalt): 10 So schütz auch mich, dass man nicht falsch mich finde, Noch gegen Deine Liebe kalt.
6. GEFÄHRDETES GELEIT.
Ich saz ûf eime steine, und dahte bein mit beine: dar ûf sast ich den ellenbogen: ich hete in mîne hant gesmogen daz kinne und ein mîn wange. dô dâhte ich mir vil ange, wie man zer welte solte leben: deheinen rât kond ich gegeben, 20 wie man driu dinc erwurbe, der keines niht verdurbe. diu zwei sint êre und varnde guot, daz dicke ein ander schaden tuot: daz dritte ist gotes hulde, der zweier übergulde. die wolte ich gerne in einen schrîn. jâ leider des enmac niht sîn, daz guot und weltlich êre und gotes hulde mêre zesamene in ein herze komen. stîg unde wege sint in benomen: untriuwe ist in der sâze, gewalt vert ûf der strâze: fride unde reht sint sêre wunt. diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.
Ich sass auf einem Steine, Da deckt’ ich Bein mit Beine, Darauf der Ellenbogen stand; Es schmiegte sich in meine Hand Das Kinn und eine Wange. Da dacht ich sorglich lange Dem Weltlauf nach und irdschem Heil; Doch wurde mir kein Rath zu Theil, 20 Wie man drei Ding erwürbe, Dass ihrer keins verdürbe. Die zwei sind Ehr und zeitlich Gut, Das oft einander Schaden thut; Das dritte Gottes Segen, An dem ist mehr gelegen: Die hätt ich gern in einen Schrein. Ja leider mag es nimmer sein, Dass Gottes Gnade kehre Mit Reichthum und mit Ehre Je wieder in dasselbe Herz; Sie finden Hemmung allerwärts: Untreu’ hält Hof und Leute, Gewalt fährt aus auf Beute; So Fried als Recht sind todeswund: Die dreie haben kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.
7. DEUTSCHLAND ÜBER ALLES.
Ir sult sprechen willekomen: 10 der iu mære bringet, daz bin ich. allez daz ir habt vernomen, daz ist gar ein wint: nû frâget mich. ich wil aber miete: wirt mîn lôn iht guot, ich sage iu vil lîhte daz iu sanfte tuot. seht waz man mir êren biete. Ich wil tiuschen frowen sagen solhiu mære daz si deste baz al der werlte suln behagen: 20 âne grôze miete tuon ich daz. waz wold ich ze lône? si sint mir ze hêr: sô bin ich gefüege, und bite si nihtes mêr wan daz si mich grüezen schône. Ich hân lande vil gesehen unde nam der besten gerne war: übel müeze mir geschehen, kunde ich ie mîn herze bringen dar daz im wol gevallen wolde fremeder site. nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite? tiuschiu zuht gât vor in allen. Von der Elbe unz an den Rîn 10 und her wider unz an Ungerlant mugen wol die besten sîn, die ich in der werlte hân erkant. kan ich rehte schouwen guot gelâz unt lîp, sem mir got, sô swüere ich wol daz hie diu wîp bezzer sint danne ander frouwen. Tiusche man sint wol gezogen, rehte als engel sint diu wîp getân. swer si schildet, derst betrogen: 20 ich enkan sîn anders niht verstân tugent und reine minne, swer die suochen wil, der sol komen in unser lant: da ist wünne vil: lange müeze ich leben dar inne!
Heisst mich froh willkommen sein, 10 Der euch Neues bringet, das bin ich. Eitle Worte sinds allein, Die ihr noch vernahmt; jetzt fraget mich. Wenn ihr Lohn gewähret Und den Sold nicht scheut, Will ich Manches sagen, was die Herzen freut: Seht, wie ihr mich würdig ehret. Ich verkünde deutschen Fraun Solche Dinge, dass sie alle Welt Noch begierger wird zu schaun: 20 Dafür nehm ich weder Gut noch Geld. Was wollt ich von den Süssen? Sie sind mir zu hehr: Drum bescheid ich mich und bitte sie nichts mehr, Als dass sie mich freundlich grüssen. Lande hab ich viel gesehn, Nach den Besten blickt ich allerwärts. Übel möge mir geschehn, Wenn sich je bereden liess mein Herz, Dass ihm wohl gefalle Fremder Lande Brauch: Wenn ich lügen wollte, lohnte mir es auch? Deutsche Zucht geht über alle. Von der Elbe bis zum Rhein 10 Und zurück bis her an Ungerland, Da mögen wohl die Besten sein, Die ich irgend auf der Erden fand, Weiss ich recht zu schauen Schönheit, Huld und Zier, Hilf mir Gott, so schwör ich, dass sie besser hier Sind als andrer Länder Frauen. Züchtig ist der deutsche Mann, Deutsche Fraun sind engelschön und rein; Thöricht, wer sie schelten kann, 20 Anders wahrlich mag es nimmer sein; Zucht und reine Minne, Wer die sucht und liebt, Komm in unser Land, wo es noch beide giebt, Lebt’ ich lange nur darinne!
8. DER OPFERSTOCK
Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet, swenne er sînen Walhen seit ‘ich hânz alsô gemachet’! (daz er dâ seit, des solt er niemer hân gedâht.) er giht ‘ich hân zwên Almân under eine krône brâht, daz siz rîche sulen stœren unde wasten. ie dar under füllen wir die kasten: ich hâns an mînen stoc gement, ir guot ist allez mîn: ir tiuschez silber vert in mînen welschen schrîn. ir pfaffen, ezzent hüenr und trinkent wîn, unde lânt die tiutschen ....... vasten.’ 10
Ei! wie so christlich mag der Pabst in Rom nun lachen, Wenn er zu seinen Wälschen spricht? ‘Seht, solches kann ich machen!’ (Was er da spricht, das hätt er besser nie gedacht!) ‘Zwei Alemannen hab ich unter Einen Hut gebracht. Nun müssen sie das Reich zerstören und belasten: Unterdessen füllen wir die Kasten: Zinspflichtig sind sie meinem Stock und all ihr Gut ist mein; Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen Schrein: Ihr Pfaffen esset Hühner, trinket Wein: Und lasst die Deutschen ............ fasten.’ 20
9. ALLVATER.
Swer âne vorhte, hêrre got, wil sprechen dîniu zehen gebot, und brichet diu, daz ist niht rehtiu minne. dich heizet vater maneger vil: swer mîn ze bruoder niht enwil, der spricht diu starken wort ûz krankem sinne. wir wahsen ûz gelîchem dinge: spîse frumet uns, diu wirt ringe, sô si dur den munt gevert. wer kan den hêrren von dem knehte scheiden, swa er ir gebeine blôzez fünde, het er ir joch lebender künde, sô gewürme dez fleisch verzert? 10 im dienent kristen juden unde heiden, der elliu lebenden wunder nert.
Wer deine zehn Gebote spricht So furchtlos und sie dennoch bricht, Mein Herr und Gott, dem fehlt noch wahre Minne: So mancher wohl dich Vater nennt: Wer mich als Bruder nicht erkennt, Der spricht das starke Wort mit schwachem Sinne. Wir wachsen All’ aus gleichem Samen, Die Speise schwindet, die wir nahmen, Wenn sie Nahrung uns gewährt. Wer kann den Knecht vom Herrn noch unterscheiden, (Kannt er auch beide wohl im Leben,) 20 Wird ihm ihr bloss Gebein gegeben, Nachdem Gewürm das Fleisch verzehrt? Dem dienen Christen, Juden sowie Heiden, Der alle lebenden Wunder nährt.
10. ELEGIE.
Owê war sint verswunden alliu mîniu jâr! ist mir mîn leben getroumet, oder ist ez wâr? daz ich ie wânde daz iht wære, was daz iht? dar nâch hân ich geslâfen und enweiz es niht. nû bin ich erwachet, und ist mir unbekant daz mir hie vor was kündic als mîn ander hant. liut unde lant, dâ ich von kinde bin erzogen, die sint mir frömde worden reht als ez sî gelogen. die mîne gespilen wâren, die sint træge unt alt. vereitet ist daz velt, verhouwen ist der walt: wan daz daz wazzer fliuzet als ez wîlent flôz, für wâr ich wânde, mîn unglücke wurde grôz. mich grüezet maneger trâge, der mich bekande ê wol. diu welt ist allenthalben ungenâden vol. 10 als ich gedenke an manegen wünneclîchen tac, die mir sint enpfallen gar als in daz mer ein slac, iemer mêre ouwê. Owê wie jæmerlîche junge liute tuont! den unvil riuweclîche ir gemüete stuont, die kunnen nû wan sorgen: owê wie tuont si sô? swar ich zer werlte kêre, dâ ist nieman frô: tanzen unde singen zergât mit sorgen gar: nie kristenman gesach sô jæmerlîchiu jâr nû merkent wie den frouwen ir gebende stât: die stolzen ritter tragent dörpellîche wât. uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen, uns ist erloubet trûren und fröide gar benomen. daz müet mich inneclîchen (wir lebten ie vil wol), daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol. die wilden vogel die betrüebet unser klage: waz wunders ist, ob ich dâ von vil gar verzage? waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen zorn? swer dirre wünne volget, der hât jene dort verlorn 10 iemer mêr ouwê. Ouwê wie uns mit süezen dingen ist vergeben! ich sihe die [bittern] gallen mitten in dem honege sweben: diu Welt ist ûzen schœne, wîz grüen unde rôt, und innân swarzer varwe, vinster sam der tôt. swen si nû habe verleitet, der schouwe sînen trôst: er wirt mit swacher buoze grôzer sünde erlôst. dar an gedenkent, ritter: ez ist iuwer dinc. ir tragent die liehten helme und manegen herten rinc, dar zuo die vesten schilte und diu gewîhten swert. wolte got, wær ich der sigenünfte wert! sô wolte ich nôtic man verdienen rîchen solt. joch meine ich nicht die huoben: noch der hêrren golt ich wolte sælden krône êweclîchen tragen: die möhte ein soldenære mit sîme sper bejagen. möht ich die lieben reise gevaren über sê, sô wolte ich denne singen ‘wol’ und niemer mêr ‘ouwê’. 10
O weh, wohin verschwunden ist so manches Jahr? Träumte mir mein Leben, oder ist es wahr? Was stäts mich wirklich däuchte, war’s ein trüglich Spiel? Ich habe lang geschlafen, dass es mir entfiel, Nun bin ich erwachet und ist mir unbekannt, Was mir so kund einst war wie diese jener Hand. Leut’ und Land, die meine Kinderjahre sahn, Sind mir so fremde jetzt, als wär’ es Lug und Wahn. Die mir Gespielen waren, sind nun träg’ und alt, Umbrochen ist das Feld, verhauen ist der Wald; Nur das Wasser fliesset, wie es weiland floss: Ja gewiss, ich bin des Unglücks Spielgenoss. Mich grüsset mancher lau, der mich einst wohlgekannt, Die Welt fiel allenthalben aus der Gnade Stand. 10 Weh’, gedenk’ ich jetzt an manchen Wonnetag, Der mir nun zerronnen ist, wie in das Meer ein Schlag: Immer mehr O weh’! Weh’, wie beschwert die jungen Leute trüber Sinn! Die einst in Glück und Freud ihr Leben brachten hin, Sie wissen nur von Sorgen. Weh’, wie thun sie so? Wohin ich blick’ und schaue, find’ ich niemand froh. Das Tanzen, Singen, das vergeht vor Sorgen gar; Nie sah man unter Christen solche Jammersjahr. Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand; Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand. Uns sind ungnädige Briefe jüngst von Rom gekommen: Uns ist erlaubt zu trauern, Freude gar benommen; Nun schmerzt mich sehr (wir lebten ehmals wonnevoll), Dass ich mein Lachen jetzt für Weinen tauschen soll. Die Vögel in den Lüften dauert unsre Noth: Was Wunder, wenn es mich betrübt bis in den Tod? Was sprech’ ich dummer Mann im Schmerz manch unnütz Wort? Wer dieser Wonne folgen will, der misset jene dort 10 Immer mehr O weh’! O weh’, wie hat man uns mit Süssigkeit vergeben! Ich seh’ die Galle mitten in dem Honig schweben; Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und roth, Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod; Wen sie verleitet hat, der suche Trost und Heil; Für kleine Busse wird ihm Gnade noch zutheil. Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding: Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring, Dazu den festen Schild und das geweihte Schwert. Wollte Gott, ich wär’ für ihn zu streiten werth, So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold; Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Fürsten Gold: Ich trüge Krone selber in der Engel Heer: Die mag ein Söldner wohl erwerben mit dem Speer. Dürft’ ich die liebe Reise fahren über See, So wollt’ ich ewig singen Heil und nimmermehr O weh! 10
SIMROCK.
ULRICH VON LICHTENSTEIN.
[Scherer D. 211, E. 202.]
Ein steierischer Ritter, geboren um 1200, gestorben 1276. Sein ‘Frauendienst,’ in den seine Lieder eingeschaltet sind, ist 1255 verfasst und enthält seine Liebesmemoiren. Sein ‘Frauenbuch,’ 1257 verfasst, ist satirischen Charakters. Herausgegeben von Lachmann (Berlin 1841).
In dem walde süeze dœne singent cleiniu vogelîn! an der heide bluomen schœne blüejent gegen des maien schîn. alsô blüet mîn hôher muot mit gedanken gegen ir güete, diu mir rîchet mîn gemüete sam der troum den armen tuot. Ez ist ein vil hôch gedinge den ich gegen ir tugenden trage, daz mir noch an ir gelinge: daz ich sælde an ir bejage. des gedingen bin ich vrô. got geb daz ichz wol verende, daz si mir den wân iht wende, der mich freut sô rehte hô. Si vil süeze, valsches âne 10 vrî vor allem wandel gar, lâze mich in liebem wâne di wîl ez niht baz envar; daz diu vreude lange wer, daz ich weinent iht erwache, daz ich gegen dem trôste lache, des ich von ir hulden ger. Wünschen unde wol gedenken dêst diu meiste vreude mîn: des sol mir ir trôst niht wenken, 20 si enlâze mich ir sîn mit den beiden nâhen bî, sô daz si mit willen günne mir von ir sô werder wünne daz si sælic immer sî. Sælic maie, dû aleine trœstest al di welde gar: dû und al diu werlt gemeine vreut mich minr dann umb ein hâr. 30 wie möht ir mir vreude geben âne die vil lieben guoten? von der sol ich trôstes muoten; wan ir trôstes muoz ich leben.
In dem Walde süsse Töne Singen kleine Vögelein; An der Haide blühen schöne Blumen in des Maien Schein Also blüht mein hoher Muth, Wenn er denkt an ihre Güte, Die mir reich macht mein Gemüthe, Wie der Traum den Armen thut. Hoffnung hat auf hohe Dinge Die Erwartung mir gestellet, Dass mir noch an ihr gelinge, Süsses Loos mir einst noch fällt. Der Erwartung freu’ ich mich: Gebe Gott, dass ichs beende, Dass sie mir den Wahn nicht wende, Der mich freut so inniglich. Die viel süsse Wohlgethane, 10 Frei von allem Wandel gar, Lasse mich im lieben Wahne, Bis es endlich werde wahr, Dass die Freude lange währe, Dass ich weinend nicht erwache, Noch dem Trost entgegen lache Und der Huld, die ich begehre. Wünschen nur und süss Gedenken Ist die meiste Freude mein. Will sie mir den Trost nur schenken, 20 Dass ich stäts ihr dürfe sein Mit den beiden nahe bei, Will sie das mit Willen leiden, Mir so holdes Glück bescheiden, Wünsch’ ich, dass sie selig sei. Süsser Maie, du alleine Tröstest Alle wunderbar; Mich erfreust du im Vereine Mit der ganzen Welt kein Haar: Möchtest du mir Freude geben 30 Ausser ihr, der Lieben, Süssen? Trösten kann mich nur ihr Grüssen: Ihres Trostes will ich leben.
SIMROCK.
REINMAR VON ZWETER.
[Scherer D. 212, E. 204.]
Ein Spruchdichter adligen Standes, Schüler Walthers von der Vogelweide, wurde ums Jahr 1200 am Rhein geboren, verlebte seine Jugend in Österreich, siedelte um 1234 nach Böhmen über und führte von 1241 an ein unstätes Wanderleben an mitteldeutschen Höfen. Er starb um 1260 zu Essfeld in Franken. Herausgegeben von Röthe (Leipzig, 1885).
1. Swer bannen wil unt bannen sol, der hüete daz sîn ban ‖ iht sî vleischlîches zornes vol: swâ vleischlich zorn in banne steckt, ‖ dazn ist niht rehter Gotes ban. Swes ban mit Gote ist unt in Gote, der wirbet wol nâch Gote ‖ als ein gesanter Gotes bote: swer des bannes niht ‖ envürhtet, der ist niht ein wîser man. Swer under stôle vluochet, schiltet, bennet unt under helme roubet unde brennet, 10 der wil mit beiden swerten strîten. mac daz geschehen in Gotes namen, sô darf sich Sente Pêter schamen, daz er des niht ‖ enphlac bî sînen zîten.
Wer bannen will und bannen soll, Der hüte sich: sein Bann ‖ sei nicht von Fleisches Zorne voll: Wo fleischlich Zorn im Banne ‖ sich birgt, das ist kein rechter Gottesbann. Wer mit Gott nur und in Gott bannt, Der thut nach Gottes Wort, ‖ er ist ein Bote gottgesandt: Wer solchen Bann nicht fürchtet, ‖ der dünket wahrlich mich kein weiser Mann. Wer in der Stola bannen will und ächten Und unterm Helme rauben, brennen, fechten, Der will mit beiden Schwertern streiten. Ist solches Thun gottseliglich, Dann schäme du, St. Peter, dich, Dass du nicht so ‖ gethan zu deinen Zeiten.
2. Von Rîne sô bin ich geborn, in Ôsterrîche erwahsen, ‖ Bêheim hân ich mir erkorn 10 mêre durch den hêrren, ‖ dan durch daz lant: doch beide sint si guot. Der hêrre ist guot, sîn lant ist sam: wan deich mich einer dinge ‖ sêre bî in beiden scham, daz mich nieman wirdet, ‖ éz ensî ob erz al eine tuot. Wære ich bî Gote im vrône himelrîche unt heten mich die sîne unwerdiclîche, daz dûhte mich ein missewende: ich hân den künec al eine noch unt weder ritter noch daz roch: mich stiuret niht ‖ sîn alte noch sîn vende.
Am Rheine da bin ich geboren, In Östreich auferwachsen, ‖ Böhmen, hab ich mir erkoren Mehr um des Fürsten willen, ‖ als um das Land: doch sind sie beide gut. 20 Der Fürst ist gut mitsammt dem Lande: Wenn mich nur nicht beschämte ‖ bei beiden eine bittre Schande! Es will mich Niemand ehren, ‖ es sei denn dass der Fürst allein es thut. Wär’ ich bei Gott am hehren Himmelsthrone Und diente dort den Seinen auch zum Hohne, Das schüfe Kummer mir und Trauer. Den König hab ich einzig nur Und keine andre Schachfigur: Mir hilft kein Thurm, ‖ kein Läufer, Springer, Bauer.
NEIDHART VON REUENTHAL.
[Scherer D. 213, E. 204.]
Ein baierischer Ritter. Er nahm am Kreuzzuge Leopolds VII. von Österreich (1217–1219) Theil und lebte dann zu Wien, am Hofe Herzog Friedrichs des Streitbaren († 1246). Herausgegeben von Haupt (Leipzig 1858).
‘Nu ist der küele winder gar zergangen; diu naht ist kurz, der tac beginnet langen; sich hebet ein wunneclîchiu zît diu al der werlde vreude gît; 10 baz gesungen nie die vogele ê noch sît. Komen ist uns ein liehtiu ougenweide: man siht der rôsen wunder ûf der heide; die bluomen dringent durch daz gras. wie schône ein wise getouwet was, dâ mir mîn geselle zeinem kranze las! Der walt hât sîner grîse gar vergezzen; der meie ist ûf ein grüenez zwî gesezzen; er hât gewunnen loubes vil. bint dir balde, trûtgespil: dû weist wol daz ich mit einem ritter wil.’ Daz gehôrte der mägde muoter tougen. sî sprach “behalte hinne vür dîn lougen. dîn wankelmuot ist offenbâr. 10 wint ein hüetel um dîn hâr: dû muost ân die dînen wât, wilt an die schar.” ‘Muoter mîn, wer gap iu daz ze lêhen daz ich iuch mîner wæte solde vlêhen? dern gespunnet ir nie vadem. lâzet ruowen solhen kradem. wâ nû slüzzel? sliuz ûf balde mir daz gadem.’ Diu wât diu was in einem schrîne versperret. daz wart bî einem staffel ûf gezerret. diu alte ir leider nie gesach. dô daz kint ir kisten brach, dô gesweic ir zunge, daz sî niht ensprach. Dar ûz nam sî daz röckel alsô balde. daz was gelegen in maneger kleinen valde. ir gürtel was ein rieme smal. in des hant von Riuwental warf diu stolze maget ir gickelvêhen bal. 10
‘Nun ist der kühle Winter gar zergangen, Die Nacht ist kurz, der Tag beginnt zu langen: Uns kommt die wonnigliche Zeit, Die Freude aller Welt verleiht, Die Vögel sangen nie so lustig weit und breit. Gekommen ist uns lichte Augenweide, 20 Der Rosen wunderviel sind auf der Haide, Die Blumen dringen durch das Gras; Von Thaue war die Wiese nass, Wo mir mein Gesell zu einem Kranze las. Der Wald hat seiner greisen Tracht vergessen, 20 Der Mai ist auf dem grünen Zweig gesessen, Gewonnen hat er Laubes viel: Nun schmück dich bald, mein traut Gespiel; Du weisst, dass ich dahin mit einem Ritter will.’ Die Mutter hörte das und wollt es rügen: ‘Nun lass hinfort dein Leugnen und dein Lügen. Dein Wankelmuth ist offenbar. Wind ein Kränzlein um dein Haar, Denn ohne Kleider musst du, willst du zu der Schar.’ ‘Mutter mein, wer gab euch das zu Lehen, 30 Dass ich euch sollt um meine Kleider flehen, Davon ihr keinen Faden spannt? Stellt solchen Lärmen ein zuhand. Wo ist der Schlüssel? schliesst mir auf die Leinewand.’ Das Linnen war in einen Schrein versperret, Der ward mit einem Stuhlbein aufgezerret; Die Alte sahs nicht mehr hernach. Als das Kind die Kiste brach, Verstummt war ihre Zunge, dass sie nichts mehr sprach. Sie nahm hervor das Röcklein trotz der Alten; Das war gelegt in viele kleine Falten; Ihr Gürtel war ein Riemen schmal. Hin zu dem von Reuenthal Warf die stolze Magd den bunten Federball. 20
SIMROCK.
DER TANNHÄUSER.
[Scherer D. 214, E. 206.]
Minnesänger. Aus dem salzburgischen Geschlechte von Tanhusen, führte etwa von 1240–1270 ein abenteuerliches Wanderleben und hielt sich am baierischen, am österreichischen und an andern Höfen auf. Herausgegeben in v. d. Hagens ‘Minnesinger’ Nr. 90.
Mîn frouwe diu wil lônen mir der ich sô vil gedienet hân. des sult ir alle danken ir: si hât sô wol ze mir getân. si wil daz ich ir wende den Rîn daz er für Kobelenze iht gê: sô wil si tuon den willen mîn. mag ich ir bringen von dem sê des grienes, dâ diu sunne, gêt ze reste, sô wil si mich wern. ein Sterne dâ bî nâhe stêt, des wil si von mir niht enbern. ich hân den muot swaz si mir tuot, 10 daz sol mich allez dunken guot. si hât sich wol an mir behuot, diu reine: sunder got aleine, sô weiz die frouwen nieman diech dâ meine. Ich muoz dem mânen sînen schîn benemen, sol ich si behaben: sô lônet mir diu frowe mîn, mag ich die werlt al umbegraben. Meht ich gefliegen als ein star, sô tæt diu liebe des ich ger, 20 und hôhe sweiben als ein ar und ich ze mâle tûsent sper zertæte als mîn her Gamuret vor Kamvoleis mit rîcher tjost, sô tæt diu frouwe mîne bet: sus muoz ich haben hôhe kost. ich hân den muot, swaz si mir tuot, daz sol mich allez dunken guot si hât sich wol an mir behuot, diu reine: sunder got aleine, sô weiz die frouwen nieman diech dâ meine. 10 Si giht, müg ich der Elbe ir fluz benemen, sô tuo si mir wol, dar zuo der Tuonowe iren duz: ir herze ist ganzer tugende vol. den salamander muoz ich ir gebringen ûz dem fiure her, sô wil diu liebe lônen mir und tuot ze mir des ich dâ ger. mag ich den regen und den snê erwenden, des hœr ich si jehen, 20 dar zuo den sumer und den klê, sô mac mir liep von ir geschehen. ich hân den muot, swaz si mir tuot, daz sol mich allez dunken guot. si hât sich wol an mir behuot, diu reine: sunder got aleine, sô weiz die frouwen nieman diech dâ meine.
Die Herrin will die Dienste mir Vergelten, die sie hat empfahn: Das sollt ihr Alle danken ihr; Sie hat so wohl an mir gethan. Wenn ich ihr wenden kann den Rhein, Dass er nicht mehr vor Coblenz geh, So will sie thun den Willen mein: Weiss ich den Sand ihr von der See Zu bringen, drein die Sonne sinkt Zur Ruh, so will sie mir gewähren; Den Stern auch, der darüber blinkt: Den will sie nicht von mir entbehren. Mir ist zu Muth, Was sie mir thut, 10 Das soll mich Alles dünken gut. Sie nahm an mir die Ehr in Hut, die reine; Ausser Gott alleine, So weiss die Holde Niemand, die ich meine. Ich muss dem Monde seinen Schein Benehmen, wenn ich sie soll haben: So lohnet mir die Fraue mein, Mag ich die Erde rings umgraben; Sieht sie mich fliegen wie ein Staar, So thut sie, was ich nur begehre, 20 In Lüften schweben wie ein Aar, Dazu auf einmal tausend Speere Verthun, wie einst Herr Gamuret Mit reicher Tjost vor Kanvoleis, So thut sie, was ich lang gefleht, Sie wird mir hold um solchen Preis. Mir ist zu Muth, Was sie mir thut, Das soll mich alles dünken gut. Sie nahm an mir die Ehr in Hut, die reine; Ausser Gott alleine So weiss die Holde Niemand, die ich meine. 10 Nehm ich der Elbe nur den Fluss, So thut sie Alles, was sie soll, Der Donau nur den jähen Schuss; Ihr Herz ist ganzer Tugend voll. Den Salamander muss ich ihr Nur aus dem Feuer bringen her, So will die Liebe lohnen mir Und leisten jegliches Begehr. Mag ich den Regen und den Schnee Verhindern, das verhiess sie mir, 20 Dazu den Sommer und den Klee, So mag mir wohlgeschehn von ihr. Mir ist zu Muth, Was sie mir thut, Das soll mich Alles dünken gut. Sie nahm die Ehr an mir in Hut, die reine, Ausser Gott alleine So weiss die Holde Niemand, die ich meine.
GOTTFRIED VON NEIFEN.
[Scherer D. 215, E. 207.]
Ein schwäbischer Ritter, dessen Name in würtembergischen Urkunden zwischen 1234–1255 erscheint. Herausgegeben in v. d. Hagens Minnesinger IV, 80; und von Haupt (Leipzig 1851).
Nu stêt diu liebe heide bar der wunnenclîchen bluomen und der liehten rôsen rôt. der walt hât sich enkleidet gar: des lîdent aber diu kleinen vogellîn vil grôze nôt. waz klage ich tumber vogele sanc? wan klage ich niht die swæren zît daz ich der minneclîchen hân gedienet allez âne danc? 10 Si lône mir, si lône niht, sô ist si doch mîs herzen trôst und ouch diu vrowe mîn. ich diene ouch ir, swaz mir geschiht. si muoz diu êrste und ouch mîn leste unz an mîn ende sîn. ir ougen blic der vie mich sô daz ich von ir niht scheiden mac, swie selten mich diu herzeliebe hât gemachet frô. Sist tougen in mîs herzen grunt die ich von êrst ze herzelieber frouwen mir erkôs. dâ von sô wirt ez ungesunt. was schât der lieben daz si schœne ist unde dâ bî lôs? von liebe kan ich niht gesagen: mir wart sô liebes nie niht mêr; des wolde ich ûf genâde gerne ein glüendez îsen tragen. 10
Nun steht die liebe Haide bar Der wonniglichen Blumen und der lichten Rosen roth. Entkleidet hat der Wald sich gar: Drum leiden wieder kleine Vögelein so grosse Noth. Was klag ich Thor der Vöglein Sang? Was klag ich nicht die schwere Zeit, 20 Da ich der Minniglichen dienen musste sonder Dank? Sie lohne mir, sie lohne nicht, Sie ist doch meines Herzens Trost und ist die Fraue mein. Ich dien ihr, was sie immer spricht, Sie muss die Erste, Letzte mir bis an mein Ende sein. Sie fieng mich mit der Augen Pracht, Dass ich nicht scheiden mag von ihr, Wie selten mich die Herzgeliebte noch hat froh gemacht. Sie wohnt in meines Herzens Grund, Die ich schon früh zu lieber Herrin mir erwählte frei: Davon wird es krank und wund; Was mag ihr schaden, dass sie schön ist und auch los dabei? Von Freude weiss ich nicht zu sagen; Doch freut nichts Andres mich so sehr, Darauf um Gnade wollt ich gern ein glühend Eisen tragen. 20
SIMROCK.
DER MARNER.
[Scherer D. 217, E. 209.]
Ein bürgerlicher Fahrender, Schüler Walthers von der Vogelweide. Er wirkte vierzig oder fünfzig Jahre bis gegen 1270, verfasste deutsche und lateinische Gedichte und wurde nach einem Spruche Rumelants als blinder, gebrechlicher Greis ermordet. Herausgegeben von Strauch (Strassburg 1876).
Sing ich dien liuten mîniu liet, sô wil der êrste daz wie Dieterîch von Berne schiet, der ander, wâ künc Ruother saz, der dritte wil der Riuzen sturm, sô wil der vierde Ekhartes nôt, der fünfte wen Kriemhilt verriet, dem sehsten tæte baz war komen sî der Wilzen diet. der sibende wolde eteswaz Heimen ald hern Witchen sturm, Sigfrides ald hern Eggen tôt. sô wil der ahtode niht wan hübschen minnesanc. dem niunden ist diu wîle bî den allen lanc. 10 der zehend enweiz wie, nû sust nû sô, nû dan nû dar, nû hin nû her, nû dort nû hie. dâ bî hæte manger gerne der Nibelunge hort. der wigt mîn wort ringer danne ein ort: des muot ist in schatze verschort. sus gât mîn sanc in manges ôre, als der mit blîge in marmel bort. sus singe ich unde sage iu, des iu niht bî mir der künec enbôt.
Singe ich den Leuten meine Lieder, so will der Erste das, wie Dietrich von Bern schied, der Andere, wo König Ruother sass; der Dritte will der Russen Sturm: so will der Vierte Eckharts Noth, der Fünfte, wen Kriemhilt verrieth; 20 dem Sechsten wäre lieber, wohin der Wilzen Volk gekommen sei; der Siebente wollte etwa Heimes oder Herrn Wittichs Kampf, Siegfrieds oder Herrn Egges Tod. So will der Achte dabei nur höfischen Minnesang; dem Neunten ist bei alledem die Weile lang; der Zehnte weiss nicht wie: nun so, nun so, nun fort, nun da, nun hin, nun her, nun dort, nun hier; dabei hätte Mancher gern der Nibelungen Schatz; der schätzt mein Wort 30 geringer als ein Loth, des Sinn ist in Geld vergraben. So geht mein Sang in Manches Ohren, wie wer mit Blei in Marmor bohrt; so singe ich und sage ich, wovon euch der König nichts durch mich bestellte.
HEINRICH FRAUENLOB.
[Scherer D. 217, E. 210.]
Meister Heinrich von Meissen, Frauenlob genannt, ein fahrender Sänger; geboren zu Meissen 1250, gestorben 1318 zu Mainz. Gedichte herausgegeben von Ettmüller (Quedlinburg 1843). Frauenlob soll zu Mainz die erste Meistersängerschule gegründet haben.
1. Ich saz ûf einer grüene[191] unt dâhte an maneger hande dinc, wie ich die werlt behielte, und ouch gên[192] Gote iht wurde linc[193]; dô kunde ich nie erdenken daz, daz mir iht töhte[194] ûf solher hande ger[195]. Mîn blœdekeit wart küene 10 gedanke der ich vil verschriet[196]; al nâch der werlte tücke[197] mîn kintheit[198] mir die wizze[199] riet, daz nieman ûf der êren saz[200] kum âne schaz: daz wart mîns herzen swer[201]. Ich strâfte vrouwen Êren, ich sprach ‘ir sît ein kranke meit, lât ir iuch schaz verkêren.’ si sûfte, unt sprach ‘du tumber, schaz hât mich leider überwegen[202]. man mac mîn wol mit schazze pflegen: schaz âne tugent dêst[203] gegen mir ein kumber.’ 20
2. Swer Gotes brôt wil niezen[204] unt sîn bluot darzuo, sîn bîhte er tuo ûz volles herzen gierde[205], sînes geistes wierde[206] habe kiuschen muot unt reinez leben; in sô hôher zierde kein bruch[207] in jage von Kristes ê[208]; mit kreften des gelouben Er sol die Gotes vorhte in wârer minne haben, umb sie begraben der werlde lop, ir prîsen; er sol sich bewîsen 10 den vîenden sîn ein voller vriunt, wil er sich wol spîsen, der ûzer lust sol sînen muot niht innekeit berouben. Er sol ouch lûterlich vergeben schult, missetât unt widerstreben, sô mac er weben ein heilec leben; sîn herze ist Gotes tempel eben; Krist kan in solhen himeln sweben: die sô niht nemen daz lebende brôt, wê in, wê in, den touben![209]
3. Wie tœtet man die sorgen? 20 wie wirt verwunnen[210] allez leit? wie wirt gekrenket[211] swære, wie senftet man grôz arebeit? wie leschet man des zornes vluot? wie wirt verschart[212] daz triwe muoz jâmer klagen? Wie tar[213] trôst vorhte bringen? wie wirt verjagt haz unde nît? wie salbet man den smerzen, der senfteberndiu[214] herzen gît, nâch liebe sende[215] heilen tuot? swer vlêhet mich, dem wil ichz allez sagen. Seht, als diu sunne erliuhtet den luft und alle vinsterheit, baz dürren[216] muot erviuhtet[217] ein reinez angesihte. daz touwet[218], regenet süezen lust in mannes herze, in mannes brust: jâ, wîbes name, der wunsch ist dir gerihte[219].
THOMASIN VON ZIRCLARIA.
[Scherer D. 222, E. 214.]
Ein Italiener, aus Friaul gebürtig, Domherr zu Aquileja. Sein Sittengedicht ‘Der wälsche Gast’ verfasst 1216; herausgegeben von H. Rückert (Quedlinburg 1852).
Ich wil daz einr den andern êre, wellnt si volgen zühte lêre. ir deheiner sol zeiner tür den andern allen dringen vür. 10 Bêde frouwen unde herren sulen vrömede liute êren: ist sîn ein vrömeder man niht wert, si habent sich selben geêrt; ist sîn aver wert der, sô habent si sîn bêde êr. man enweiz niht wer der vrömede ist: dâ von êre man in zaller vrist. swenn ze hove kumt ein vrömeder gast, diu kint suln im dienen vast sam er wær ir aller herre: daz ist der zühte wille und lêre. si sulen haben kiuschiu wort: wan daz ist der zühte hort. Ein vrouwe sol sich sehen lân, kumt zir ein vrömeder man: swelihiu sich niht sehen lât, diu sol ûz ir kemenât sîn allenthalben unerkant; 10 büeze alsô, sî ungenant. ein vrouwe sol niht vrevelîch schimphen: daz stât vröuwelîch. ich wil ouch des verjehen: ein vrouwe sol niht vast an sehen einn vrümeden man: daz stât wol. ein edel juncherre sol bêde rîter unde vrouwen gezogenlîche gerne schouwen. Ein juncvrouwe sol senfticlîch 20 und niht lût sprechen sicherlîch. ein juncherre sol sîn so gereit daz er vernem swaz man im seit, sô daz ez undurft sî daz man im sage aver wî. zuht wert den vrouwen alln gemein sitzen mit bein über bein. ein juncherr sol ûf ein banc, si sî kurz ode lanc, deheine wîse stên niht, ob er einn rîtr dâ sitzen siht. ein vrouwe sol ze deheiner zît treten weder vast noch wît. wizzet daz ez ouch übel stêt, rît ein rîtr dâ ein vrouwe gêt. 10 ein vrouwe sol sich, daz geloubet, kêren gegen des pherftes houbet swenn si rîtet: man sol wizzen, si sol niht gar dwerhes sitzen. ein rîter sol niht vrevelîch zuo vrouwen rîten; sicherlîch, ein vrouwe erschraht hât dicke getân den sprunc der bezzer wær verlân. swer sînem rosse des verhenget, daz ez eine vrowen besprenget, 20 ich wæne wol daz sîn wîp ouch âne meisterschaft belîp. zuht wert den rîtern alln gemein daz si niht dicke schowen ir bein swenn si rîtnt: ich wæne wol daz man ûf sehen sol. ein vrowe sol recken niht ir hant, swenn si rît, vür ir gewant; si sol ir ougen unde ir houbet stille haben, daz geloubet. ein juncherr unde ein rîter sol hie an sich ouch behüeten wol, daz er sîn hende habe still, swenner iht sprechen wil. er sol swingen niht sîn hende wider eins vrumen mannes zende. swer der zuht wol geloubet, 10 der sol setzn ûf niemens houbet sîn hant, der tiuwerr sî dan er, noch ûf sîn ahsel: daz ist êr. Wil sich ein vrowe mit zuht bewarn, si sol niht âne hülle varn; si sol ir hül ze samen hân, ist si der garnatsch ân: lât si am lîbe iht sehen par, daz ist wider zuht gar. ein rîter sol niht vor vrouwen gên 20 parschinc, als ichz kan verstên. ein vrouwe sol niht hinder sich dicke sehen, dunket mich: si sol gên vür sich geriht und sol vil umbe sehen niht, gedenke an ir zuht über al, ob si gehœre deheinen schal. ein juncvrouwe sol selten iht sprechen, ob mans vrâget niht. ein vrowe sol ouch niht sprechen vil, ob si mir gelouben wil; und benamen swenn si izzet, sô sol si sprâchen niht, daz wizzet. Man sol sich zem tische vast bewarn, 10 der nâch rehte wil gebârn, da gehœret grôziu zuht zuo. ein iegelîch biderb wirt der tuo war ob si habent alle gnuoc. der gast der sî sô gevuoc daz er tuo diu glîche gar, sam er dâ nihtes neme war. swelich man sich rehte versinnet, swenner ezzen beginnet, so enrüer niht wan sîn ezzen an 20 mit der hant: deist wol getân. man sol daz brôt ezzen niht ê man bring d’ êrsten riht. ein man sol sich behüeten wol daz er niht legen sol bêdenthalben in den munt. er sol sich hüeten zuo der stunt daz er trinke und spreche niht di wîl er hab im munde iht. swer mit dem becher zem gesellen sich kêrt sam er im geben welle, ê ern von dem munde tuo, den hât der wîn gebundn derzuo swer trinkend ûz dem becher siht, daz stât hüfschlîche niht. ein man sol niht sîn ze snelle, daz er neme von sîme gesellen, daz im dâ gevellet wol, wan man sînhalb ezzen sol. 10 man sol ezzen zaller vrist mit der hant diu engegen ist. sitzet dîn gesell ze der rehten hant, mit der andern iz zehant. man sol ouch daz gerne wenden daz man nien ezz mit bêden henden. man sol ouch niht sîn ze snelle, daz man tuo mit sîme gesellen in die schüzzel sîne hant, wan er nimt si ûz ze hant. 20 der wirt sol ouch der spîse enpern der sîn geste niht engern, diu in ist ungemeine. der wolf izzet gerne eine: der olbent izzet eine niht, ob er des wilds iht bî im siht. dem volget der wirt mit êren baz dann dem wolve, wizzet daz. der wirt nâch dem ezzen sol daz wazzer geben: daz stât wol. dâ sol sich dehein kneht 10 denne dwahen: daz ist reht. wil sich dwahen ein juncherre, der sol gân einhalp verre von den rîtrn und dwahe sich tougen: daz ist hüfsch und guot zen ougen.
Ich will, dass Einer den Andern ehre, wenn sie der Zucht Lehre folgen wollen. Keiner von ihnen soll an einer Thür den andren allen sich vordrängen. 10 Sowohl Frauen als Männer sollen fremde Leute ehren: ist ein fremder Mann dessen nicht werth, so haben sie sich selbst geehrt; ist er aber dessen werth, so haben sie beide Ehre davon. Man weiss nicht, wer der Fremde ist, deshalb ehre man ihn zu aller Zeit. Wenn ein fremder Gast zu Hof kommt, so sollen die (adelichen) Jünglinge ihm eifrig dienen, als ob er ihrer aller Herr wäre: das ist die Lehre und der Wille der Zucht; sie sollen bescheidne Worte sprechen: denn dies ist der Schatz der Zucht. Eine Frau soll sich sehen lassen, wenn ein fremder Mann zu ihr kommt: die welche sich nicht sehn lässt, die wird ausser ihrem Gemach allenthalben unbekannt sein; 10 sie büsse es also, und sei ungenannt. Eine (adeliche) Frau soll nicht keck scherzen: das steht ihr weiblich. Ich will auch das sagen: eine Frau soll nicht viel ansehn einen fremden Mann: das steht ihr wohl. Ein edler Junker soll sowohl Ritter als Frauen züchtig gern anschauen. Eine Jungfrau soll sanft 20 und nicht laut sprechen sicherlich. Ein Junker soll so flink sein, dass er verstehe, was man ihm sagt, so dass es nicht Noth sei, dass man ihm wieder sage, wie. Zucht wehrt den Frauen allen gemeinsam mit dem Bein über dem Bein zu sitzen. Ein Junker soll auf eine Bank, sei sie kurz oder lang, in keiner Weise treten, wenn er einen Ritter da sitzen sieht. Eine Frau soll zu keiner Zeit weder schnell noch weit ausschreiten. Wisset, dass es auch übel steht, reitet ein Ritter, wo eine Frau geht. 10 Eine Frau soll sich, das glaubet, kehren gegen des Pferdes Haupt, wenn sie reitet: man soll wissen, sie soll nicht gar quer sitzen. Ein Ritter soll nicht keck auf Frauen losreiten sicherlich: eine Frau erschreckt hat oft gethan einen Sprung der besser unterlassen worden wäre. Wer seinem Rosse das erlaubt, dass es eine Frau bespritzt, 20 ich wähne wohl, dass dessen Frau auch keinen guten Meister habe. Zucht wehrt den Rittern allen gemeinsam, dass sie nicht viel ihr Bein besehen, wenn sie reiten: ich wähne wohl, dass man in die Höhe sehn soll. Eine Frau soll nicht ihre Hand, wenn sie reitet, aus ihrem Gewand hervorstrecken; sie soll ihre Augen und ihr Haupt still halten, das glaubt. Ein Junker und ein Ritter soll auch das wohl in Acht haben, dass er die Hand still halte, wenn er etwas sprechen will: er soll seine Hände nicht schwingen gegen die Zähne eines braven Mannes. Wer der Zucht wohl huldigt, 10 der soll auf Niemandes Haupt seine Hand legen, der vornehmer ist als er, noch auf seine Achsel: das ist Ehre. Will sich eine Frau mit Zucht bewahren, so soll sie nicht ohne Mantel gehn; sie soll ihren Mantel zusammenhalten, wenn sie kein langes Oberkleid hat: lässt sie am Körper etwas bloss sehn, das ist gar wider die Zucht. Ein Ritter soll nicht vor Frauen gehn 20 mit nackten Schenkeln, wie ich es verstehn kann. Eine Frau soll nicht viel hinter sich sehn, däucht mir: sie gehe vor sich hin gerade und sehe sich nicht viel um, gedenke an ihre Zucht überall, wenn sie irgend einen Lärm hört. Eine Jungfrau soll selten etwas sprechen, wenn man sie nicht fragt. Eine Frau soll auch nicht viel sprechen, wenn sie mir glauben will; und besonders, wenn sie isst, so soll sie nicht sprechen, das wisst. Man soll sich bei Tische sehr in Acht nehmen, 10 wenn man sich geziemend betragen will (da gehöret grosse Zucht zu). Ein jeder brave Wirth der habe Acht, ob sie alle genug haben; der Gast der sei so höflich, dass er dem gleich thue, als ob er da nichts bemerke. Wenn ein Mann sich recht darauf versteht: wenn er zu essen beginnt, so rühre er nur sein Essen an 20 mit der Hand: das ist wohl gethan. Man soll nicht das Brod essen, ehe man die ersten Gerichte bringt. Ein Mann soll sich wohl hüten, dass er nicht nehmen soll auf beiden Seiten in den Mund. Er soll sich zur Stund hüten, dass er nicht trinke und spreche, während er etwas im Munde hat. Wer mit dem Becher zu dem Nachbarn sich kehrt, als ob er ihm geben wollte, ehe er ihn von dem Mund thut, den hat der Wein daran gebunden. Wer trinkend aus dem Becher sieht, das ist höfischer Sitte nicht gemäss. Ein Mann soll nicht zu schnell sein, dass er von seinem Genossen nimmt, was ihm da wohl gefällt; denn man soll nur seinen Theil essen. 10 Man soll essen zu aller Zeit mit der Hand, die entgegen ist. Sitzt der Freund zur rechten Hand, so iss sofort mit der andern Hand. Man soll auch das gern vermeiden, dass man nie mit beiden Händen esse. Man soll auch nicht zu schnell sein, dass man mit dem Tischgenossen in die Schüssel seine Hand thue, wenn er sie eben herausnimmt. 20 Der Wirth soll auch der Speise entbehren, deren seine Gäste nicht begehren, und die ihnen nicht genehm ist. Der Wolf isst gern allein, das Kameel isst nicht allein wenn es irgend ein Thier bei sich sieht. Diesem folgt der Wirth mit Ehren besser als dem Wolfe, wisset das. Der Wirth soll nach dem Essen das Wasser geben, das steht ihm wohl. Da soll sich kein Knecht 10 dann (die Hände) waschen, das ist recht; will sich ein Junker (die Hände) waschen, der gehe weit seitwärts von den Rittern und wasche sich heimlich: das ist höfisch und gesund für die Augen.
FREIDANK.
[Scherer D. 223, E. 215.]
Ein Fahrender, wahrscheinlich aus Schwaben. W. Grimm hat in ihm mit Unrecht den Walther von der Vogelweide vermuthet. Er diente im Kreuzheer Friedrichs II und schrieb einen Theil seines Gedichts in Syrien. Er nannte dasselbe ‘Bescheidenheit’ d. i. ‘Lebensweisheit.’ Herausgegeben von W. Grimm (Göttingen 1834, 1860); Bezzenberger (Halle 1872).
Ich bin genant Bescheidenheit, diu aller tugende krône treit; mich hât berihtet Frîdanc ein teil von sinnen die sint kranc. Gote dienen âne wanc deist aller wîsheit anevanc. Swer umbe dise kurze zît die êwigen fröude gît, der hât sich selben gar betrogen und zimbert ûf den regenbogen. [swenne der regenboge zergât, sone weiz er, wâ sîn hûs stât.][220] Swer die sêle wil bewarn, der muoz sich selben lâzen varn. Swer Got minnet, als er sol, des herze ist aller tugende vol. Swer âne Got sich wil begân, der mac niht stæter êren hân. Swer Got niht fürhtet alle tage, daz wizzet, deist ein rehter zage. Swelch mensche lebt in Gotes gebote, in dem ist Got und er in Gote. Got hœhet alle güete, 20 und nidert hôchgemüete. Gote ist niht verborgen vor, er siht durch aller herzen tor. Ez sî übel oder guot, swaz ieman in der vinster tuot, od in dem herzen wirt erdâht, daz wirt doch gar ze liehte brâht. Al diu werlt lôn enpfât von Gote, als si gedienet hât. Vil selten ieman missegât, swer sîniu dinc an Got verlât. Wir suln mit allen sinnen Got fürhten unde minnen. Der werlde drô unde ir zorn ist hin ze Gote gar verlorn, man muoz im flêhen unde biten; er fürhtet niemens unsiten. 10 Diu aller kleinste Gotes geschaft vertriffet aller werlde kraft. Got geschuof nie halm sô swachen den ieman müge gemachen; der engel, tiuvel noch der man, ir keinz ein flôch gemachen kan. Got hât allen dingen gegeben die mâze wie si sulen leben. Got bezzer mâze widert gît, dan wir im mezzen zaller zît; 20 die liute snîdent unde mænt von rehte als si den acker sænt: Got kan uns gerihte geben, dâ nâch als wir hie leben. Got rihtet nâch dem muote ze übele unde ze guote. [Ein iegelîcher lôn enpfât dar nâch, als im sîn herze stât. der wille ie vor den werken gât ze guote und ouch ze missetât.] Got der durch alliu herzen siht, den möhte al diu werlt niht erbiten eins unrehtes: er enwil niht tuon wan slehtes; ein kleine kint erbæte in wol des man in ze rehte biten sol. Got zweier slahte willen hât, die er uns beide wizzen lât: 10 er tuot wol allez daz er wil; er verhenget ouch unbildes vil. und ræche en halbez daz er mac, sô stüend diu werlt niht einen tac. Wolte uns Got in pînen lân, als lange wir gesündet hân [(daz sîn genâde wende!), sô würdes niemer ende.] hete wir den himel zebrochen, ez würde eins tages gerochen. 20 diu buoch sagent uns vür wâr, ein tac sî dâ tûsent jâr. Got alliu dinc geschaffen hât: nieman er gar wizzen lât waz krefte in sînen dingen sî: da ist meisteil allez wænen bî. Si jehent, got habe der werlde gegeben michel êre unt senftez leben: doch ist ir senfte nie sô grôz, unsenfte sî dâ hûsgenôz. selten mir ie liep geschach, da enwæren drîzec ungemach. Diu zît sælde nie gewan dâ man gotes vergizzet an. 10 Man vergizzet gotes dicke von süezem aneblicke. Got manegen dienst enphâhet, daz tôren gar versmâhet. die brosmen sint vor Gote wert, der nieman obe tische gert. Wir geheizen alle Gote mê, dan iemer mit den werken ergê. Durch sünde nieman lâzen sol, ern tuo doch eteswenne wol. 20 niemens guottât wirt verlorn, wan der zer helle wirt geborn. Swer niht rehte mac geleben, der sol doch nâch rehte streben. Got niht unvergolten lât swaz ieman guotes begât: dekeiner slahte missetât er ouch ungerochen lât. Gotes gebot niht übergât wan der mensche den er geschaffen hât: vische, vogele, würme und tier hânt ir reht baz danne wir. Got hôrte Môyses gebet, daz er den munt nie ûf getet: swes noch ein reinez herze gert, des wirt ez âne wort gewert. 10 des mundes bete ist leider kranc âne des herzen fürgedanc. Mennegelîches gewizzenheit vor gote sîne schulde seit. Wist Got allez daz geschiht ê er iht geschüefe, od wiste ers niht? die wîsen jehent, er wiste ez wol daz ie was unde geschehen sol. Got himel und erden umberinc geschuof und dar in alliu dinc. 20 Got geschuof ein engel, der sît wart ein tiuvel durch sîn hôchvart; dar nâch geschuof er einen man: die zwên nieman versüenen kan. Got wiste ir strît wol und ir haz ê ers geschüefe, und über daz geschuof si Got. wer schuldic sî, daz scheide ouch got: der was dâ bî. Wer mac den strît gescheiden under kristen, juden, heiden wan Got der si geschaffen hât und alliu dinc ân iemens rât? der wiste wol ir aller strît, 10 ê ers geschüefe, und ouch ir nît. War umbe ein mensche sî verlorn, daz ander sî ze genâden erkorn, swer des vrâget, dêst ze vil: Got mac und sol tuon swaz er wil. swaz Got mit sînre geschepfede tuot, daz sol uns allez dunken guot. waz mac der haven sprechen, wil in sîn meister brechen? als lützel muge wir wider Got 20 sprechen, kumt uns sîn gebot. swie der haven vellet, er wirt vil lîhte erschellet; er valle her oder hin, der schade gât ie über in.
Ich bin genannt Bescheidenheit, die aller Tugenden Krone trägt; Mich hat Freidanc gedichtet zum Theil aus schwachen Sinnen. Gott zu dienen ohne Wank, das ist aller Weisheit Anfang. Wer für diese kurze Zeit die ewige Freude hingiebt, der hat sich selbst gar betrogen und baut auf dem Regenbogen. Wenn der Regenbogen zergeht, So weiss er nicht, wo sein Haus steht. Wer die Seele bewahren will, der muss sich selbst fahren lassen. Wer Gott liebt, wie er soll, dessen Herz ist aller Tugenden voll. Wer ohne Gott leben will, der wird nicht stäter Ehren geniessen. Wer Gott nicht fürchtet alle Tage, das wisst, der ist ein wahrer Feigling. Welcher Mensch nach Gottes Gebot lebt, in dem ist Gott, und er in Gott. Gott erhöhet alle Güte 20 und erniedrigt Hochmuth. Vor Gott ist nichts verborgen: er sieht durch aller Herzen Thor. Es sei übel oder gut, was Jemand im Finstern thut, oder was im Herzen erdacht wird, das wird doch ganz ans Licht gebracht. Alle Welt empfängt Lohn von Gott, wie sie verdient hat. Sehr selten geht Jemand fehl, wer sich in seinen Sachen auf Gott verlässt. Wir sollen mit allen Sinnen Gott fürchten und lieben. Der Welt Drohen und ihr Zorn ist bei Gott ganz verloren: man muss ihn flehen und bitten, er fürchtet Niemandes Unsitte. 10 Das kleinste Geschöpf Gottes übertrifft aller Menschen Kraft. Gott schuf nie einen Halm so schwach, dass ihn Jemand machen könnte; weder Engel, Teufel noch Mensch, ihrer keiner kann einen Floh machen. Gott hat allen Dingen gegeben das Mass, wie sie leben sollen. Gott giebt besseres Mass wieder, als wir ihm messen in aller Zeit. 20 Die Leute schneiden und mähen mit Recht, wie sie den Acker säen: Gott kann uns Gericht geben, je nachdem wir hier leben. Gott richtet nach dem Herzen im Bösen und im Guten. Ein Jeglicher empfängt Lohn danach, wie ihm sein Herz steht. Der Wille geht stäts den Werken vorher zum Guten und zur Missethat. Gott, der durch alle Herzen sieht, den könnte die ganze Welt nicht zu einem Unrecht bewegen: er will nichts thun, als was recht und schlecht ist; ein kleines Kind könnte von ihm wohl erbitten, worum man ihn erbittet rechtmässig. Gott hat zweierlei Willen, die er uns beide wissen lässt: 10 er thut wohl Alles, was er will; er lässt auch viel Unrecht zu. Und rächte er nur die Hälfte von dem, was er mag, so stünde die Welt nicht einen Tag. Wollte uns Gott in der Strafe lassen, so lange als wir gesündigt haben (möge seine Gnade das abwenden!), so würde dessen nimmer ein Ende. Und hätten wir den Himmel zerbrochen, es würde eines Tags gerächt. 20 Die Bibel sagt uns fürwahr, ein Tag sei da tausend Jahr. Gott hat alle Dinge geschaffen: er lässt Niemand recht wissen, was für Kraft in seinen Dingen sei: da ist meistens nur Wahn dabei. Sie sagen, Gott habe der Welt gegeben grosse Ehre und frohes Leben: doch ist ihre Freude nie so gross, Leid sei denn der Hausgenoss. Selten geschah mir je etwas Liebes, ohne dass dreissigfaches Ungemach dabei gewesen wäre. Die Zeit gewann nie Heil, darin man Gottes vergisst. 10 Man vergisst Gottes oft wegen eines süssen Anblicks. Gott nimmt manchen Dienst an, der den Thoren verächtlich erscheint. Die Brosamen sind vor Gott werth, der Niemand an dem Tisch begehrt. Wir verheissen alle Gott mehr, Als je mit der That geschieht. Wegen Sünde soll Niemand unterlassen, doch manchmal Gutes zu thun. 20 Niemandes gute Thaten werden verloren, ausser wer zur Hölle geboren. Wer nicht recht leben kann, der soll doch nach dem Rechten streben. Gott lässt nicht unvergolten, was Jemand Gutes thut: keine Art Missethat bleibt auch ungestraft. Gottes Gebot übertritt Niemand ausser der Mensch, den Er geschaffen hat: Fische, Vögel, Würmer und Thiere halten ihr Gesetz besser als wir. Gott hörte Moses’ Gebet, obgleich er den Mund nie aufthat: wonach ein reines Herz begehrt, das wird ihm ohne Wort gewährt. 10 Des Mundes Gebet ist leider schwach ohne des Herzens Vorgedenken. Jedes Menschen Gewissen sagt vor Gott seine Schuld. Wusste Gott Alles was geschieht, ehe Er etwas schuf, oder wusst’ er’s nicht? Die Weisen sagen, er wusste es wohl, was je war und noch geschehen soll. Gott schuf Himmel und den Erdkreis und darin alle Dinge. 20 Gott schuf einen Engel, der nachher ein Teufel durch seine Hoffahrt wurde; danach schuf er einen Menschen: die beiden kann Niemand versöhnen. Gott wusste wohl ihren Streit und ihren Hass, ehe er sie schuf, und trotzdem schuf sie Gott: wer schuldig sei, das entscheide auch Gott: der war dabei. Wer mag den Streit scheiden unter Christen, Juden, Heiden ausser Gott, der sie geschaffen hat und alle Dinge ohne Jemandes Rath? Der wusste wohl ihrer aller Streit, 10 ehe er sie schuf, und auch ihren Hass. Warum der eine Mensch verloren sei und der andere zu Gnaden erkoren, wer danach fragt, das ist zu viel: Gott kann und soll thun, was er will. Was auch Gott mit seinen Geschöpfen thut, das soll uns Alles dünken gut. Was kann der Topf sagen, will ihn sein Meister zerschlagen? Ebenso wenig mögen wir wider Gott 20 sprechen, kommt sein Gebot zu uns. Wie auch der Topf fällt, gar leicht wird er zerschellet; er falle her oder hin, der Schade kommt immer über ihn.
DER STRICKER.
[Scherer D. 186, 225, E. 176, 217.]
Lebte in Österreich und dichtete zwischen 1225 und 1250. Unter seinen Werken ist ‘der Pfaffe Amis’, ein alter Eulenspiegel, am bekanntesten. Ausserdem sein ‘Daniel von Blumenthal’, nach dem Vorbild von Albrich von Besançon; ‘Karl’, eine Überarbeitung des Rolandsliedes vom Pfaffen Konrad, und kleine Erzählungen und Beispiele. ‘Kleinere Gedichte von dem Stricker’ herausgegeben von Hahn (Quedlinburg 1839); ‘vom Verfall der Dichtkunst in Österreich’ in Hagens Germania 2,82; ‘von den Gauhühnern’ in Pfeiffers Germania 6,457; der ‘Pfaffe Amis’ in Lambels ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr. 1 (Leipzig 1872); ‘Karl der Grosse’ von Bartsch (Quedlinburg 1857).
1. DER PFAFFE AMIS.
Nû hœret waz im dô geschach. er kom da er einen probest sach, alwære und einvaltic, und was iedoch gewaltic über ein vil michel guot. dô riet dem phaffen sîn muot, möht er den betriegen, 10 daz wær ein nützez liegen: ez gülte im solhe miete, daz er sîn hûs beriete zeinem halben jâre. an kleidern unde an hâre schuof sich der trügenære Als er ein gebûr wære. . . . . . . . . da er den selben probest vant. der begunde in vrâgen zehant, war stüende sîn gemuot. ‘ich bin ein man âne guot’, sprach der phaffe Âmîs; ‘ouch stêt mîn muot ze solher wîs daz ich niht wil nâch guote streben: wand ich wil âne sünde leben, unt wil unz an mîn ende 10 mîn herze unt mîne hende gegen gote bieten swenne ich mac, daz mir der ängestlîche tac ze sælden müeze erschînen, sô got mit den sînen die sündære verteilet di er nimmer mêr geheilet.’ nû sprach der phaffe Âmîs sô wîse wort in leien wîs daz der probest selbe sprach 20 ‘swaz ich leien ie gesach, so vernam ich nie sô wîsen niht. kunnet ir der buoche iht?’ ‘nein ich, herre,’ sprach er. ‘sît gote willekomen her’, sprach der probest aber dô: triuwen, ich bin iuwer vrô. sît ir sô wîse rede gebet unt dar zuo âne sünde lebet, sô sult ir tuon des ich iuch bite: dâ wirt diz arm klôster mite gebezzert ein michel teil, unt wirt ouch iuwer sêle heil; daz ir hie bî uns belîbet und iuwer tage vertrîbet die ir noch ze lebenne hât. ich hœre wol daz iuwer rât diz klôster helfen sol: ir habet sô wîser sinne zol.’ 10 dô sprach der phaffe Âmîs ‘ich bin leider niht sô wîs als von rehte ein klôsterman, wan ich der phrüende niht enkan sô wol gedienen als ich sol.’ ‘ir dienets’ ûzer mâze wol’, sprach der alwære: ‘sît unser schaffære (dâ enscheide ich niht abe) über allez daz diz klôster habe 20 dâ ûze oder dâ inne, oder immer mê gewinne. daz gibich iu vür iuwer sünde, unt wil iwer urkünde an dem jungisten tage sîn. dâ zuo besliuzet unsern schrîn dâ unser silber inne lît.’ dâ wider heter deheinen strît: er enphie daz amt iesâ. sus was der phaffe Âmîs dâ wol vier wochen ode mê, daz des amtes sît noch ê nie sô wol gephlegen wart. ez was sô rehte wol bewart daz guot dâ mite er umbe gie, daz des jâhen alle die, die daz klôster hâte, an bû unde an râte 10 kunder nimmer wîser wesen, im möht diu sêle wol genesen, dô si gesâhen wes er phlac: sîn vaste diu was allen tac, und az et wazzer unde brôt; dar zuo leit er grôze nôt von wachen unde von gebete. nuo hœret waz er tete. er vuort den probest besunder: ‘ich wil iu sagen ein wunder’, 20 sprach der phaffe Âmîs, ‘ir sît sô getriu und sô wîs daz ichz iu wol tuon kunt. der engel ist nû drîstunt zuo mir komen dâ ich lac unde got ze vlêhen phlac: der sprichet zallen zîten, ich sül niht langer bîten, ich sül die messe singen: mir sül sô wol gelingen, 30 als ich daz messegewant an mich gelege, daz ich zehant der buoche ein wîser meister sî. nû râtet mir durch die namen drî waz iuch dar umbe dunket guot. ich sagiu rehte mînen muot. ich versuocht ez gerne, meht ez sîn, sô niuwan iuwer unde mîn in dem münster wære. wil unser schephære daz ich diu buoch kunnen sol, daz kunnet ir vernemen wol. 10 ist daz ab ich betrogen bin, sô habet ir sô getriuwen sin daz ir mirz helfet verdagen. diz sult ir nieman sagen, unt sult swîgen durch got; ich würde anders gar ein spot, vernæme man daz mære daz ich betrogen wære.’ der probest sprach ‘des sît gewert: ich tuon vil gerne swes ir gert. 20 entriwen, wir sülnz versuochen. wir lesen an den buochen von mangem der ze schuole nie weder halben tac noch ganzen gie, wan daz in got erkande und im ze meister sande sînen geist der im in kurzer stunt alle wîsheit machte kunt. wil got, daz mac ouch hie geschehen. ist ez als ir mir habt verjehen, sô ist iu nütze unde guot daz ir vil willeclîche tuot swaz der engel gebôt.’ nû wart dem probest harte nôt 10 daz er in bereite dâ zuo. des anderen morgens vruo vuort ern in daz münster hin, und beslôz die tür nâch in. dar nâch machter in bereit: er het im schiere an geleit daz beste messegewant. dô huop der phaffe Âmîs zehant von dem heilgen geiste, unde sanc ein messe schœne unde lanc. 20 dô der probest daz vernam, sîn herze in den gelouben quam, swaz er læse od sunge, daz ez mit alle erklunge ûz des heilgen geistes munde; wand er niht enkunde, sô het er gesworen wol, er wær des heilgen geistes vol. do er gesanc unt gelas unz der messe ein ende was, dô vrâget er der mære ob diu messe rehte wære. der probest sprach ‘si ist sô guot, daz sich vröuwet mîn muot deich künde iuwer ie gewan. ir sît ein heilic man. got hât grôz dinc durch iuch getân. nû sult ir mich durch got lân 10 in iuwerm gebete sîn.’ ‘ich tuon’ sprach er, ‘herre min.’ der probest niht verdagte, er enbôt unde sagte diz mære swem er kunde. in einer kurzen stunde kom wunder phaffen dâ hin. durch ir kärclîchen sin wolten si in versuochen. si begunden in von den buochen 20 starker mære vrâgen. des beschiet er si âne bâgen, unz si alle begunden jehen, si enheten gehôrt noch gesehen deheinen man sô wîsen sô meister Âmîsen. sus macht er mangen affen. nuo seiten die phaffen daz mære iesâ zehant allenthalben in diu lant, daz Âmîs der schaffære ein heiliger phaffe wære; wan von gotes lêre würde nie kein man sô sêre mit dem heilgen geiste bevangen. geriten unt gegangen kômen die lantliute gelîche, beidiu arm unde rîche, 10 unt brâhten alle ir opher dar. daz werte vier wochen gar, daz er niuwan opher enphienc unt daz liute zuo gienc beidiu naht unde tac. dô diu zuovart gelac, nu wârn im tougenlîche bî sîner knappen zwêne oder drî. die hiez er daz si gâhten und im diu ros brâhten. 20 des wurden si gemeit, und wâren der künfte gereit. si kômen an der selben naht. nû het er trunken gemaht beidiu bruoder unde knehte, daz si lâgen rehte als ob si wæren erslagen. dô hiez der phaffe ûz tragen silber unde golt drâte, swaz man im gophert hâte, 30 daz des niht vergezzen wart. sus brâht er mit im an die vart wol zwei hundert marke. dô gâht er harte starke daz er âne schaden hin quam. dô man daz mære vernam, dô wart der probest überladen mit grôzem zorne unde schaden; dar zuo leit er grôzen spot. die tumben liute lobten got daz im sô leide was geschehen 10 durch daz wan si in hôrten jehen daz sîn schaffære ein heilic phaffe wære. swaz dâ rede wart vernomen, doch was er wol hin komen. wolt ich die trügen alle sagen die er begienc bî sînen tagen, der würde mêr dan ze vil: durch daz ich michs mâzen wil. er was der êrste man 20 der solhes amptes ie began.
Nun höret, was ihm da geschah. Er kam dahin, wo er einen Probst sah, albern und einfältig, und war doch mächtig über ein sehr grosses Gut. Da rieth dem Pfaffen sein Sinn, könnte er den betrügen, 10 so wäre das ein nützliches Lügen: es gälte ihm solchen Lohn, dass er sein Haus versorgte für ein halbes Jahr. An Kleidern und am Haar machte sich der Betrüger, als ob er ein Bauer wäre. . . . . . . . . Als er denselbigen Probst fand, begann dieser ihn sogleich zu fragen, wonach sein Sinn stände. ‘Ich bin ein Mann ohne Gut’, sprach der Pfaffe Amis; ‘auch steht mein Sinn so, dass ich nicht will nach Gütern streben: denn ich will ohne Sünde leben, und will bis an mein Ende 10 mein Herz und meine Hände zu Gott emporstrecken, so oft ich mag, damit mir der angstvolle Tag zum Heile erscheinen müsse, wenn Gott mit den Seinen die Sünder verurtheilet, die er nimmer errettet.’ Nun sprach der Pfaffe Amis so weise Worte auf Laien Art, dass der Probst selbst sprach: 20 ‘So viel der Laien ich je sah, so hört’ ich doch nie einen so weisen. Könnet ihr etwas von Büchern?’ ‘Nein, Herr,’ sprach er. ‘Seid Gott willkommen hieher’, sprach der Probst da wieder. ‘Fürwahr, ich bin eurer froh. Da ihr so weise Rede gebt und dazu ohne Sünde lebt, so sollt ihr thun, worum ich euch bitte: damit wird dies arme Kloster sehr viel gebessert, und wird auch eurer Seele Heil: dass ihr hier bei uns bleibet, und eure Tage hier verlebt, die ihr noch zu leben habt. Ich sehe wohl, dass euer Rath diesem Kloster nützen wird: ihr habt die Gabe von so weisen Sinnen.’ 10 Da sprach der Pfaffe Amis: ‘Ich bin leider nicht so weise, wie ein Klostermann von rechtswegen sein sollte, so dass ich die Pfründe nicht so gut verdienen kann, als ich sollte.’ ‘Ihr verdient es ausnehmend wohl’, sprach der Alberne: ‘Seid unser Schaffner (davon stehe ich nicht ab) über Alles was dies Kloster hat 20 draussen oder drinnen, oder jemals gewinne. Das geb ich euch für eure Sünden, und will euer Zeuge am jüngsten Tage sein. Dazu verschliesset unsern Schrank, wo unser Silber drinnen liegt.’ Dagegen hatte er keinen Streit: er empfieng das Amt sogleich. So war der Pfaffe Amis da wohl vier Wochen oder mehr, so dass des Amtes weder seither noch früher je so wohl gepflogen ward. Es war so recht wohl bewahrt das Gut, womit er umgieng, dass es alle die sagten, welche das Kloster hatte, in der Verwaltung und im Rathe 10 könnte er weiser gar nicht sein; ihm würde die Seele wohl gedeihn, da sie sahen, was er that; sein Fasten war jeden Tag, und ass er nur Wasser und Brot; dazu litt er grosse Noth vom Wachen und vom Beten. Nun höret, was er that. Er führte den Probst abseits: ‘Ich will euch ein Wunder sagen’, 20 sprach der Pfaffe Amis: ‘Ihr seid so getreu und weise, dass ichs euch wohl kund thue. Der Engel ist nun drei Mal zu mir gekommen, wo ich lag und Gott zu bitten pflegte. Der spricht zu allen Zeiten, ich soll nicht länger warten, ich soll die Messe singen: mir soll es so wohl gelingen, 30 sobald als ich das Messgewand anlege, dass ich sogleich ein weiser Meister in den Büchern sei. Nun rathet mir bei den drei Namen, was euch darüber gut dünkt. Ich sage euch recht meinen Sinn: ich versuchte es gern, wenn es sein könnte, dass Niemand ausser euch und mir in dem Münster wäre. Will unser Schöpfer, dass ich die Bücher verstehen soll, das könnt ihr wohl sehn. 10 Ist es aber, dass ich betrogen bin, so habt ihr so treuen Sinn, dass ihr es mir verbergen helft. Dies sollt ihr Niemand sagen und sollt schweigen um Gottes Willen: ich würde sonst gar zum Spott vernähme man die Kunde, dass ich betrogen sei.’ Der Probst sprach: ‘Seid dessen versichert: ich thue sehr gern, was ihr begehrt. 20 Fürwahr, wir wollen es versuchen. Wir lesen in den Büchern von Manchem, der nie zur Schule einen halben Tag noch einen ganzen gieng, nur dass ihn Gott erkannte und ihm als Lehrer sandte seinen Geist, der ihm in kurzer Frist alle Weisheit kund machte. Will es Gott, das mag auch hier geschehen. Ist es so, wie ihr mir sagt, so ist es euch nütze und gut, dass ihr ganz willig thut, was der Engel gebot.’ Nun ward es dem Probst sehr eilig, 10 dass er ihn dazu vorbereite. Des andern Morgens früh führte er ihn in den Münster hin, und schloss die Thür nach ihm. Danach machte er ihn bereit: er hatte ihm schnell angelegt das beste Messgewand. Da begann der Pfaffe Amis sogleich von dem Heiligen Geist und sang eine Messe, schön und lang. 20 Als der Probst das vernahm, da kam sein Herz zu dem Glauben, dass, was er lese und singe, durchaus erklinge aus des Heiligen Geistes Munde; da er (Amis) nichts gelernt hatte, so hätte er wohl geschworen, er wäre des Heiligen Geistes voll. Als er gesungen und gelesen, bis der Messe ein Ende war, da fragte er danach, ob die Messe richtig wäre. Der Probst sprach: ‘Sie ist so gut, dass sich mein Herz freut, dass ich jemals von euch Kunde erhielt. Ihr seid ein heiliger Mann, Gott hat grosse Dinge durch euch gethan. Nun sollt ihr mich um Gottes Willen 10 in euerm Gebet sein lassen.’ ‘Ich thue es’, sprach er, ‘mein Herr.’ Der Probst verschwieg nichts, er entbot und sagte die Märe, wem er konnte. In einer kurzen Zeit kamen viele Pfaffen dahin: durch ihre Schlauheit wollten sie ihn versuchen. Sie begannen ihn nach den Büchern 20 grosser Kunde zu fragen. Er gab ihnen darauf Bescheid ohne Widerrede, bis sie alle zu sagen anfiengen, sie hätten weder gehört noch gesehn irgend einen Mann so weise als Meister Amis. So machte er manchen zum Narren. Nun sagten die Pfaffen die Geschichte sogleich allenthalben in den Landen, dass Amis, der Schaffner, ein heiliger Pfaffe wäre; durch Gottes Lehre wäre nie ein Mann so sehr mit dem Heiligen Geist begabt worden. Geritten und gegangen kamen die Leute gleich, arme und reiche, 10 und brachten alle ihr Opfer dar. Das währte gar vier Wochen, dass er nichts als Opfer empfieng, und die Leute herbeikamen Tag und Nacht. Als der Zudrang sich legte, da waren bei ihm heimlich zwei oder drei seiner Knappen. Denen befahl er, dass sie eilten und ihm die Pferde brächten. 20 Des wurden sie froh, und waren bereit zu kommen. Sie kamen in derselben Nacht. Nun hatte er trunken gemacht die Brüder und die Diener, dass sie da lagen gerade, als ob sie erschlagen wären. Da hiess der Pfaffe heraustragen schnell Silber und Gold, Alles was man ihm dargebracht hatte, 30 dass davon nichts vergessen ward. So bracht’ er mit sich auf die Fahrt wohl zweihundert Mark. Da eilte er sehr stark, dass er ohne Schaden hinweg kam. Als man die Geschichte gewahr ward, da ward der Probst schwer beladen mit grossem Zorn und Schaden; dazu erlitt er grossen Spott. Die dummen Leute lobten Gott, dass ihm solches Leid geschehn 10 davon, dass sie ihn sagen hörten, dass sein Schaffner ein heiliger Pfaffe sei. So viel Rede man da hörte, doch war er wohl hinweggekommen. Wollte ich all die Betrügereien sagen, die er in seinen Lebtagen begieng, davon würde es mehr als zuviel: deshalb will ich mich dessen enthalten. Er war der erste Mann, 20 der solches Geschäft je anfieng.
2. DAS MÆRE VON DEN GAUHÜHNERN.
Ez was hie vor ein burcstat, diu machte manegen riter mat. ein riter wolte drûffe wesen und wânde dâ vil wol genesen: er bowete dâ ein veste sô ers aller beste drûffe gemachen kunde. in einer kurzen stunde warf si diu ertbibe nider. dô bowete er aber hin wider und verlôs ab sîne habe: si brante im der doner abe. 10 sus wart er dicke hûslôs. swie manic hûs er dâ verlôs, so geviel im doch daz wesen dâ baz danne iender anderswâ: er bowete ie baz unde baz. alsô lange tet er daz daz er sîn guot verzerte und sich diu stat erwerte daz si ze jungest œde beleip und ouch den riter dâ vertreip 20 und vertreip vil manegen sît. nû habent gnuoge den strît daz si dar ûf bouwent noch, und erwert si sich in allen doch. Diu stat lât iu sîn bekant: si ist daz göuwe genant. die des geniezen wolten für baz dan si solten und dar ûf bouweten veste und der ie wurden geste, der ist gewesen harte vil. swer ûf daz göuwe zimbern wil der hât vil schiere bejaget daz man zallen zîten klaget dem landesherren über in. ze jungist sendet er dâ hin und heizet daz hûs brechen. sus kan sich daz göu rechen. dâ ist des herren gwalt 10 zuo der ertbibe gezalt. der herre schadet noch für baz. diu ertbibe leibet etwaz, so enleibent des herren boten niht: daz beste daz von in geschiht sô si daz göu rechent, ob si daz hûs niht brechent, sô wirt iz doch von in verbrant. dâ hât der donr dar gesant daz fiwer daz alsô rihtet 20 und die krumben voite slihtet. daz göu hât sô grôze kraft, an im wirt nieman sigehaft: ez pflag ie des ez immer pfliget daz ez in allen angesiget, die ez niezen wellent âne reht. ez sî riter oder kneht, der muot dar ûf ze hûsen hât, der sehe wie Kirchelinge stât: daz stiezen göuhüenre nider. den göuhüenren ist niht wider, die heten ie vil grôzen prîs. si lâzent rehte in tracken wîs daz fiwer ûz dem munde gân. 10 in enmac ein burc niht vor gestân: ders ungenædic wellent wesen diu ist vor in vil ungenesen. ir stimme ist ein donrslac, si schrîent daz manz hœren mac in dem lande über al. ir zorn machet bürge val: swie grôze veste ein burc habe, si brennents oder stôzents abe, alss Kirchelinge tâten. 20 man mags ungerne brâten, sît si sich alsô rechent dazs bürge nider brechent. swie œde Kirchelinge stê, der hiuse ist z’Œsterrîche mê diez göu hât zebrochen. er hât sich sô gerochen daz sis noch alle enkolten diez göu twingen wolten. Swer muot ze stæten dingen hât der neme die niht an sînen rât die in ûf daz göu reizen und in daz niezen heizen 10 und sprechen durch ir geslende ‘herre, ir sît ellende in iuwer besten künde. daz ist ein michel sünde: ir gebâret rehte in gastes wîs. welt ir gwinnen grôzen prîs, sô erzeiget iuch des muotes daz ir lîbes unde guotes ein meister unde ein herre sît, und machet iwern gwalt wît. 20 habt riterlîchen mannes muot, lât iu dienen liute und guot in der gegende swes ez sî: des enlâzet ir deheinen vrî. ez kumet vil schiere an die vrist daz daz ir beste vreude ist daz si iwer hulde müezen hân und sint iu gerne undertân. sô fürhtent die rîchen iwer kraft, die armen sint iu diensthaft. wir kunnen mit gefüegen dingen die liute wol dar zuo bringen daz si iu dienent alle tage mit guotem willen âne klage. 10 swaz wir mit guoten minnen noch hiure ab in gewinnen, daz müezens ouch ze jâre geben: da geturrens nimmer wider streben, sô müezen siz ouch iemer tuon, swer iu hiure gît ein huon, der gît iu âne geschrei ze jâre driu ode zwei. sô wehset iemer mêre iwer frum und iwer êre 20 und werdet werder danne ê. swelich gebûre iu wider stê, den gewinnet zeinem muntman. swaz er geleisten danne kan, daz ist iemer iwer eigen. sus sult irs alle neigen mit listen unde mit gewalt, sus werdet ir mit êren alt.’ Die ir herren alsô heizent leben, daz sint verworhte râtgeben: die enhânt nicht willen wan der zuo daz er sîn guot mit in vertuo. des æhtent si âne mâze, si swelhen und si vrâze. swie vaste si ûf daz göu streben und niht wan roubes wellen leben, 10 si erkennent niht des göuwes kraft und der göuhüenre meisterschaft. diu kluckent etlîchem abe den hals und alle sîne habe, der gar wil sîn ein göustrûz. si kluckent manegem d’ougen ûz und füeze abe und hende. sô dôwent si daz geslende. swelch herre ir râte volgen wil der gwinnet vînde harte vil, 20 daz im diu hüenre werdent sûr, sînen ieglich sîn nâchgebûr sînen dienest widersaget und dem landesherren über in klaget. daz ist der göuhüenre geschrei. sô machent driu ode zwei daz er muoz suochen einen tac, dâ er niht über werden mac, ezn müeze in kosten zehen pfunt. dâ sint diu hüenre ungesunt. daz muoz er von den rîchen hân, den er daz laster hât getân. noch sint die armen übersehen, den der schade ist geschehen. 10 ê er den und gote gebüeze, im wirt der hüenre süeze ein sô bitterlîchiu siure daz si in dunkent ungehiure.