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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Volume 1 — SÄNGER UND PREDIGER. (continued 2)

Reading edition

Es war vordem ein Bauplatz für eine Burg, der setzte manchen Ritter matt. Ein Ritter wollte sich darauf niederlassen und hoffte dort sehr wohl zu fahren: er baute da eine Feste, so gut er sie darauf nur anlegen konnte. Nach kurzer Zeit warf sie ein Erdbeben nieder. Da baute er eine zweite dahin und verlor wiederum Hab und Gut: ein Blitzstrahl äscherte sie ein. 10 So ward er wiederholt häuserlos. Wie manches Haus er auch da verlor, so gefiel ihm doch der Aufenthalt da besser, als irgend wo anders: er baute immer mehr und mehr. Also lange that er das, bis er sein Gut verzehrte, während sich die Stätte behauptete, so dass sie zuletzt öde blieb und auch den Ritter vertrieb, 20 und vertrieb noch manchen seitdem. Auch jetzt noch bemühen sich genug, darauf zu bauen, aber sie erwehrt sich ihrer aller. Lasst euch die Stätte nennen: sie heisst der Gau. Die den mehr ausnützen wollten, als sie sollten, und darauf Burgen bauten und die stäts wieder verlassen, mussten. derer sind sehr viele gewesen. Wer auf dem Gau zimmern will, der hat sehr schnell erzielt, dass man jeder Zeit über ihn bei dem Landesherrn Klage führt. Schliesslich sendet der (seine Leute) hin und lässt das Haus brechen. So kann der Gau sich rächen. Vorhin wurde des Herren Gewalt 10 mit einem Erdbeben verglichen. Der Herr schadet aber noch viel mehr. Das Erdbeben schont doch noch etwas, das aber thun des Herren Boten nicht: das mindeste das von ihnen geschieht, wenn sie den Gau rächen, ist, wenn sie das Haus nicht niederbrechen, dass es von ihnen verbrannt wird. Dort hat der Blitzstrahl hingesandt das Feuer, das also richtet 20 und die falschen Vögte auf den rechten Weg bringt. Der Gau hat so grosse Gewalt, über ihn erringt niemand den Sieg: es pflegte noch stäts und pflegt auch heut’ über alle den Sieg davonzutragen, die ihn wider Recht ausnützen wollen. Sei es Ritter oder Knecht, wer Absicht hat darin zu hausen, der sehe, wie es mit Kirchlingen steht: das stiessen die Gauhühner nieder; den Gauhühnern widersteht nichts, die hatten immer sehr grossen Ruhm. Sie lassen ganz nach Drachenart Feuer aus ihrem Munde gehn. 10 Vor ihnem kann keine Burg bestehn: mit der sie es nicht gnädig machen wollen, die ist vor ihnen unrettbar verloren. Ihre Stimme ist ein Donnerschlag, sie schreien, dass man sie hören kann in dem Lande überall. Ihr Zorn bringt die Burgen zu Fall: Wie starke Befestigungen eine Burg auch habe, sie brennen oder stossen sie nieder, wie sie an Kirchlingen gethan. 20 Man wird sie lieber nicht braten, da sie sich so kräftig rächen, dass sie die Burgen niederbrechen. Wenn Kirchlingen verödet liegt, so sind der Häuser in Österreich mehr, die der Gau gefällt hat. Er hat sich so gerächt, dass sie es noch jeder Zeit entgolten haben, die den Gau zwingen wollten. Wer an gesicherten Verhältnissen Gefallen hat, der nehme die nicht zu Berathern, die ihn gegen den Gau aufreizen und ihn den auszupressen auffordern 10 und ihrer Schlemmerei zu Liebe sprechen: ‘Herr, ihr seid ausgestossen aus eurer eigensten Heimat. Das ist eine wahre Sünde: ihr lebt ganz wie ein fremder Gast. Wollt ihr grossen Ruhm gewinnen, so bethätigt eure Gesinnung, dass ihr über Leib und Gut Meister und Herr seid und erweitert eure Gewalt. 20 Zeigt ritterlichen Mannes Muth, lasst euch in der ganzen Landschaft Leute und Gut dienen gleichviel, wem es angehört: befreit keinen davon. Bald kommt es dann so weit, dass das ihre höchste Freude ist, wenn sie eure Huld besitzen, und dass sie euch gerne untergeben sind. Dann fürchten die Mächtigen eure Kraft und die Armen sind euch dienstbar. Wir wissen Mittel und Wege, die Leute dahin zu bringen, dass sie euch tagtäglich gutwillig ohne Klage dienen. 10 Was wir ihnen heuer noch in Liebe abgewinnen, das müssen sie auch übers Jahr geben: da wagen sie nicht mehr zu widerstreben, und dann müssen sie’s auch immer thun. Wer euch heuer ein Huhn giebt, der giebt euch ohne Geschrei übers Jahr zwei oder drei. So wächst dann mehr und mehr euer Nutzen und eure Ehre 20 und ihr werdet angesehener als vordem. Wenn euch ein Bauer Widerstand leistet, so gewinnt ihn zu eurem Schützling (Clienten). Was er dann erarbeiten kann, das ist immer euer eigen. So sollt ihr alle unter euer Joch beugen mit List oder mit Gewalt. Dann werdet ihr mit Ehren alt.’ Die ihren Herren ein solches Leben empfehlen, das sind verwünschte Rathgeber: die haben damit keinen andern Zweck im Auge, als dass er sein Gut mit ihnen verthun soll. Das verfolgen sie masslos, die Prasser und Fresser! Wie sehr sie auch den Besitz des Gaus erstreben und von nichts als Raub leben wollen, 10 so kennen sie doch nicht des Gaues Kraft und der Gauhühner Meisterschaft. Die brechen gar manchem den Hals und bringen ihn um sein Gut, der durchaus ein Gaustrauss sein will. Sie reissen manchem die Augen aus und Füsse und Hände ab. So verdauen sie das Geschmauste. Der Herr, der ihrem Rathe folgen will, der erwirbt sich viel Feinde, 20 wenn ihm die Hühner aufsessig werden, so dass ihm alle seine Nachbarn ihren Dienst aufsagen und beim Landesherren über ihn Klage führen. Das ist der Gauhühner Geschrei; dann bewirken zwei oder drei, dass er einen Ausgleich suchen muss, wo es ihm nicht erspart bleibt, dass er zehen Pfund Strafe zahlen muss. Dann sind die Hühner ungesund. Das muss er von den Mächtigen hinnehmen, denen er den Schimpf angethan. Noch aber sind die Armen übersehen, denen auch Schade geschehen ist. 10 Eh er vor denen und Gott sich rechtfertigt, verwandelt sich ihm der Hühner Süssigkeit in so bittere Säure, dass sie ihm unlieblich erscheinen.

WERNER DER GÄRTNER.

[Scherer D. 227, E. 218.]

Ein Dichter aus dem damals baierischen, jetzt österreichischen Innviertel, verfasste um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts den ‘Meier Helmbrecht’, eine baierische Dorfgeschichte. Herausgegeben von Haupt in seiner Zeitschrift, Bd. 4; von Lambel ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr. 3.

Dô si dô mit freuden gâzen, der wirt niht wolte lâzen, er frâgte in der mære wie der hovewîs wære dâ er wære gewesen bî. ‘sage mir sun, wie der sî; sô sag ich dir denne wie ich etewenne bî mînen jungen jâren die liute sach gebâren.’ ‘vater mîn, daz sage mir; zehant sô wil ich sagen dir wes dû mich frâgen wil: der niuwen site weiz ich vil.’ ‘Wîlen dô ich was ein kneht 10 und mich dîn ene Helmbreht, der mîn vater was genant, hin ze hove het gesant mit kæse und mit eier, als noch tuot ein meier, dô nam ich der ritter war und markte ir geverte gar. sî wâren hovelîch unde gemeit und kunden niht mit schalkheit, als nû bî disen zîten kan 20 manic wîp und manic man. die ritter heten einen site, dâ liebtens sich den frouwen mite: einez ist buhurdiern genant; daz tet ein hoveman mir bekant, dô ich in frâgte der mære wie ez genennet wære. si fuoren sam si wolten toben (dar umbe hôrte ich si loben), ein schar hin, diu ander her; ez fuor diser unde der als er enen wolte stôzen. under mînen genôzen ist ez selten geschehen daz ich ze hove hân gesehen. als si danne daz getâten, 10 einen tanz si danne trâten mit hôchvertigem gesange: daz kurzt die wîle lange. vil schiere kam ein spilman; mit sîner gîgen huop er an: dô stuonden ûf die frouwen; die möht man gerne schouwen; die ritter gegen in giengen, bî handen si si viengen. dâ was wunne überkraft 20 von frouwen und von ritterschaft in süezer ougen weide. junkherren unde meide, si tanzten frœlîche, arme unde rîche. alz des danne nie mê was, sô gie dar einer unde las von einem der hiez Ernest. swaz ieglîch aller gernest wolte tuon, daz vander. 30 dô schôz aber der ander mit dem bogen zuo dem zil. maneger freude was dâ vil: ener jagte, diser birste. der dô was der wirste, der wære uns nû der beste. wie wol ich etewenne weste waz triuwe und êre mêrte ê ez valscheit verkêrte! die valschen und die lôsen, die diu reht verbôsen mit ir listen kunden, 10 die herrn in dô niht gunden ze hove der spîse. der ist nû der wîse, der lôsen unde liegen kan; der ist ze hove ein werder man und hât guot und êre leider michels mêre danne ein man der rehte lebet und nâch gotes hulden strebet. als vil weiz ich der alten site. 20 sun, nû êre mich dâ mite und sage mir die niuwen.’ ‘Daz tuon ich entriuwen. daz sint nû hovelîchiu dinc: “trinkâ, herre, trinkâ trinc! trinc daz ûz; sô trinke ich daz.” wie möhte uns immer werden baz? vernim waz ich bediute: ê vant man werde liute bî den schœnen frouwen: nû muoz man si schouwen bî dem veilen wîne. 10 daz sint die hœhsten pîne den âbent und den morgen, wie si daz besorgen, ob des wîns zerinne, wie der wirt gewinne einen der sî alsô guot, dâ von si haben hôhen muot. daz sint nû ir minne: “vil süeze lîtgebinne, ir sult füllen uns den maser. 20 ein affe und ein narre waser, der ie gesente sînen lîp für guoten wîn umbe ein wîp.” swer liegen kan, der ist gemeit, triegen daz ist hövescheit; er ist gefüege, swer den man mit guoter rede versnîden kan; swer schiltet schalclîche, der ist nû tugentrîche. der alten leben, geloubet mir, die dâ lebent alsam ir, der ist nû in dem banne und ist wîbe und manne ze genôze als mære als ein hâhære. âht und ban daz ist ein spot.’ 10 Der vater sprach ‘daz erbarme got und sî im immer gekleit daz diu unreht sint sô breit. die alten turnei sint verslagen, und sint die niuwen für getragen, wîlen hôrte man kroyieren sô “heyâ, ritter, wis et frô!” nû kroyiert man durch den tac “jagâ, ritter, jagâ jac! stichâ stich! slahâ slach! 20 stümbel den der ê gesach; slach mir dem abe den fuoz, tuo mir dem der hende buoz: dû solt mir disen hâhen, und enen rîchen vâhen, der gît uns wol hundert phunt.” ‘Mir sint die site alle kunt. vater mîn, wan deich enwil, ich trouwe dir gesagen vil niuwan von den niuwen siten. ich muoz slâfen: ich hân vil geriten; mir ist hînte ruowe nôt.’ dô tâten si als er gebôt.

Als sie fröhlich assen, da konnte der Wirth sich nicht länger zurückhalten, er fragte ihn darnach, wie man bei Hofe gelebt, da wo er gewesen wäre. ‘Sage mir, Sohn, wie es damit steht, so sag ich dir nachher, wie ich einstmals in meiner Jugend die Leute sich benehmen sah.’ ‘Vater, das sage mir, so will ich sofort dir sagen, was du mich fragen willst: denn die neuen Sitten kenn ich sehr wohl.’ ‘Früher als ich Knecht war, 10 und mich dein Grossvater Helmbrecht, also mein Vater, mit Käse und Eiern nach Hof geschickt hatte, wie die Meier noch thun, da hab ich mir die Ritter angesehen und ihr Treiben genau beobachtet. Sie waren höfisch und fröhlich und wussten nichts von niedriger Gesinnung, die in unseren Tagen 20 manche Frau und mancher Mann besitzt. Die Ritter hatten eine Gewohnheit, womit sie sich bei den Damen beliebt machten: das hiess ‘buhurdieren’; so erklärte mir ein Diener bei Hofe, als ich ihn darnach fragte, wie das Ding genannt würde. Sie jagten wie die Verrückten (und dafür hört ich sie noch loben), eine Schaar hin, die andere her; der eine fuhr auf den andern los, als wollte er ihn stossen. Unter meines Gleichen ist das nie geschehen, was ich da bei Hof gesehen habe. Als sie damit zu Ende waren, 10 da traten sie einen Tanz unter heiterem Gesange: das vertrieb die lange Weile. Nun kam gleich ein Spielmann; Sobald der zu geigen anfieng, da erhoben sich die Damen; es war eine Lust sie zu sehen; die Ritter giengen ihnen entgegen und fassten sie bei den Händen. Da war an Wonne Überfluss 20 von Frauen und Ritterschaft zu süsser Augenweide. Junker und Mägdlein tanzten fröhlich, Arm und Reich durcheinander. Als das nun vorüber war, da kam einer und las vor von einem Namens Ernst. Jeder konnte thun, wozu er am meisten Lust verspürte. 30 dort schoss wieder einer mit dem Bogen nach dem Ziel. Da gab es vielerlei Lustbarkeiten: der eine jagte, der andere pirschte. Und wer damals nicht viel bedeutete, der wäre für uns heute noch der beste. Wie wohl ich mich damals darauf verstand, was Treue und Ehre zu mehren in Stande ist, ehe Falschheit es in’s Gegentheil verwandelte! Die Falschen und die Schlimmen, die ihre Künste darauf gerichtet, das Recht zu stürzen, 10 ihnen gönnten die (adelichen) Herren damals bei Hof nicht einen Bissen. Heute ist der weise, der lügen und trügen kann; der ist bei Hof ein angesehener Mann und besitzt leider weit mehr Gut und Ehre, als ein Mann, der schlecht und recht lebt und nach Gottes Huld strebt. So viel weiss ich vom alten Brauch. 20 Mein Sohn, nun erweise mir die Ehre und berichte mir von dem neuen.’ ‘Das will ich thun meiner Treu. Jetzt heisst das höfisches Benehmen: “Trink zu, Herr, trink nur, trink! trink den aus; ich trinke nach.” Wie möcht’ es uns jemals besser ergehn? Höre nur, was ich erzähle: ehedem fand man anständige Männer bei schönen Frauen: jetzt muss man sie bei feilem Weine suchen. 10 Das sind ihre grössten Schmerzen am Abend und am Morgen, wie sie es fertig bringen, dass, wenn ihnen der Wein zu Ende geht, der Wirth einen anschafft, der ebenso gut ist, daran sie sich ergötzen können. Das ist heute ihre Liebe: “Viel süsses Kellnermädchen, füllt uns die Kanne! 20 Ein Affe und ein Thor war der, der je in Sehnsucht seinen Leib verzehrt nach einem Weibe statt nach gutem Wein.” Wer lügen kann, der ist flott; trügen, darin besteht die rechte höfische Lebenskunst; es ist ziemlich, dass man den Leuten mit geschickter Rede die Ehre abschneidet; wer boshaft klatscht, der ist heut tugendreich. Der Alten Weise, glaubt mir nur, die so leben wie ihr, die ist heut verpönt, und Frauen und Männer wünschen sie zum Henker. Über Acht und Bann macht man sich lustig.’ 10 Der Vater sprach ‘Das erbarme Gott, ihm sei’s ewig geklagt, dass das Unrecht sich so breit macht. Die alten Turniere sind dahin, an ihre Stelle sind neue gesetzt. Ehedem hörte man solch Feldgeschrei: “Heisa, Ritter, sei wohlgemuth!” Nun rufen sie den lieben langen Tag: “Jage zu, Ritter, jage doch, jage! Stich doch, stich! schlag zu, schlag! 20 verstümmle den, der vordem sehen konnte; hau mir dem den Fuss ab, hilf mir dem von den Händen: diesen sollst du mir aufhenken, den Reichen dort fangen, der giebt uns wol hundert Pfund (als Lösegeld).” ‘Mir sind die Bräuche alle wohlbekannt. Wollte ich, lieber Vater, so konnte ich dir noch viel erzählen nur von den neuen Bräuchen; doch ich muss schlafen: ich bin weit geritten; mir thut heut abend Ruhe noth.’ Da thaten sie, wie ers haben wollte.

DER WEINSCHWELG.

[Scherer D. 228, E. 220.]

Eine satirische Novelle, nach 1260 gedichtet. Der Verfasser ist wie bei den meisten gleichzeitigen Gedichten dieser Gattung unbekannt. Herausgegeben von Grimm ‘altdeutsche Wälder’ 3, 13; Schröer (Jena, 1876) mit Übersetzung.

Swaz ich trinkens hân gesehen, deist gar von kinden geschehen; ich hân einen swelch gesehen: 10 dem wil ich meisterschefte jehen. den dûhten becher gar enwiht, er wolde näpf noch kophe niht: er tranc ûz grôzen kannen. er ist vor allen mannen ein vorlouf allen swelhen. von ûren und von elhen wart solher slünd nie niht getân. ez muos alle zît vor im stân ein grôz kanel wînes vol. er sprach ‘wîn, ich erkenn dich wol; ich weiz wol, daz du guot bist. die wîl dîn in dem vazze iht ist, sô wil ich bûwen dise banc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc von zweinzec slünden. er sprach ‘nu wil ich künden, waz tugent du hâst, vil lieber wîn. 10 wie möhtestu tugenthafter sîn? du hâst schœne und grôze güete, du gîst uns hôhgemüete, du machest küene den zagen. swer dîn wâfen wil tragen, der wirt wîse unde karc, er wirt snel unde starc, er fürhtet niemannes drô. du machst die trûrigen vrô, du gîst dem alten jungen muot, 20 du rîchst den armen âne guot, du machst die liute wol gevar. du bist ouch selbe schœne gar: du bist lûter unde blanc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc der für die andern gie. er sprach ‘war umbe oder wie sold ich den wîn vermîden? ich mac in wol erlîden, sît er allen mînen willen tuot. er dunkt mich bezzer denne guot; ich geniete mich sîn nimmer. ich wil in loben immer für bûhurdieren und für tanz. krône, tschapel unde kranz, 10 pfell, samît unde scharlât, swaz gezierde disiu werlt hât, die næme ich niht für den wîn. in hât in dem herzen mîn Minne alsô behûset, versigelt und verklûset: wir mugen uns niht gescheiden. swer mir in wolde leiden, der mües immer haben mînen haz. er kürzet mir die wîle baz 20 denn sagen, singen, seiten klanc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc noch grœzer vil dann ê. er sprach ‘gras, bluomen unde klê und aller krûte meisterschaft, die würze und aller steine kraft, der walt und elliu vogelîn, die möhten dîn, vil lieber wîn, die liute niht ergetzen; si möhten dich niht ersetzen mit allem dem, daz si künnen, ich wil dir gerne günnen, daz du mir kürzest die zît. swaz fröude mir diu werlt gît, 10 diu kumt vil gar von dîner tugent. dîn lop hât immer jugent; dîn werdekeit wirt nimmer kranc.’ Dô huob er ûf unde tranc einen trunc alsô starc: und solde er ein halbe marc ze lôn dâ mit verdienet hân, ern dörft niht bezzers hân getân. ‘beidiu ich und der wîn müezen immer ensamt sîn, 20 mir ist an im gelungen. er hât mich des betwungen, deich ie tet swaz er mir gebôt. der wîn ist guot für manige nôt. künde er iht wan fröude geben, diu werlt sold immer gein im streben. sîn fröude ist vor allen dingen. ich wil nâch fröuden ringen, sît mir der wîn fröude gît. nu wil ich ringen unz an die zît, daz er mir sô vil fröuden gebe, daz ich mit fröuden immer lebe: wie kan ich denne verderben? ich wil nâch fröuden werben. des habe mîn lîp immer danc.’ 10 Dô huob er ûf unde tranc, daz man mê solhes niht vernam. er sprach ‘der herzoge Ytam, der was gar âne wîsheit, daz er einem wisent nâch reit, er und sîn jäger Nordiân. si soldenn wîn gejagt hân; sô wærn si wîse, als ich pin. mir ist vil samfter denne in; ich kann jagen unde vâhen; 20 mich enmüedet niht mîn gâhen. ich jage den vil lieben wîn; des jäger wil ich immer sîn: er hât mir ie sô wol getân. swaz ich sîn her getrunken hân, und swaz ich sîn noch immer tac in mînen lîp geswelhen mac, daz ist wan ein anevanc.’ Alrêst huob er unde tranc vil manigen ungefüegen slunt. ‘wîn, mir ist dîn tugent kunt ich erkenne wol dîne kraft, dîn kunst und dîne meisterschaft. du bist meister der sinne; du liebest mir die minne; 10 du machest stæte manigen kouf, du machest manigen wettelouf, du machest maniger hande spil, mit fröuden kurzewîle vil. diu werlt ist gar mit dir erhaben. du kanst die durstigen laben, du machst die siechen gesunt. sît du mir êrst würde kunt, sô bin ich dir gewesen bî, swie vil dîner diener sî, 20 daz mich doch niemen von dir dranc.’ Dô huob er ûf unde tranc, daz die slünde lûte erklungen. unde einander drungen. dô wart von starken slünden ein sturm, daz den ünden diu drozze wart ze enge, daz sich von dem wâcgedrenge diu güsse begunde werren, blôdern unde kerren als ein windes prût ûf dem mere. Dô huob er ûf unde tranc ein trunc, der wart swære. swie grôz diu kanel wære, si was zem trunke niht volgrôz, 10 wan man zeiner nôt în gôz. er hiez et vaste în giezen und lie daz in sich vliezen, daz dâ noch solhez niht geschach. dô saz er nider unde sprach ‘der wîn ist rehte ein gimme. ich hœre ein süeze stimme in mînem houbet singen. die hœre ich gerne klingen. ez ist reht, daz ich in krœne. 20 er singet mêre süezer dœne denn aller slahte klingen und aller vogele singen, mir wart solhes nie niht bekant. er singt sô wol, daz Hôrant daz dritteil nie sô wol gesanc.’ Dô huob er ûf unde tranc, daz diu banc begunde krachen. er sprach ‘des muoz ich lachen. des ist ze lachen harte guot. daz krachen freut mir den muot. ez machet des wînes güete. ich hân allez mîn gemüete in den fröuden wol getrenket. dar in hân ich mich gesenket. ich sanc ie sît der stunde, 10 daz ich êrste trinken kunde und mir der wîn sô wol geviel. ich weiz wol daz dehein kiel in daz mere sô tiefe nie gesanc.’ Dô huob er ûf unde tranc einen vierschrœtigen trunc. er sprach ‘ich pin worden junc an lîbe unde an muote. wol mich’ sô sprach der guote, ‘daz ich sô gar ein meister bin 20 an trinken, seht, daz heiz ich sin. ich weiz wol, datz Parîs, ze Padouwe und ze Tervîs, ze Rôme und ze Tuscân vindet man deheinen man, ich ensî sîn meister gewesen, daz mir nie gein einer vesen ir deheiner möhte gelîchen. halt in allen diutschen rîchen kom mir nie deheiner zuo, 30 der beidiu spât unde fruo sô wol an trinken tûre. wînes nâhgebûre wil ich hiute und immer wesen. mîn sêle muoz mit ime genesen, im ist mîn sêle immer holt. swenne er schœne als ein golt von dem zaphen schiuzet, wie wênic mich des verdriuzet, swaz man sîn in mich giuzet! 10 vil wol mîn lîp des geniuzet. man sagt von turnieren: vaste swelhen under vieren daz kan ich wol; des hab ich danc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc, der vil grôz was. er sprach ‘swaz man ie gelas von den, die minne pflâgen und tôt von minne lâgen, die wâren mir niht glîche wîs. 20 wie starp der künic Pârîs der durh Helênam wart erslagen! des tumpheit sol man immer klagen. er solden wîn geminnet hân: sô het im niemen niht getân. vrô Dîdô lac von minnen tôt. Grâlanden sluoc man unde sôt und gab in der vrowen zezzen. want si sîn niht wolde vergezzen. Pîramus und Tispê, den wart von minne sô wê, daz si sich rigen an ein swert. mîn minne ist bezzers lônes wert, denn ir aller minne wære: mîn minne ist fröudebære. 10 ich bûw der minne strâze. mir ist baz denn Curâze, der von minne in dem sê ertranc.’ Dô huob er ûf unde tranc ein trunc mit grôzer île; der wert unz an die wîle, daz im diu gürtel zebrast. er sprach ‘daz bant ist niht ein bast, dâ mit ich zallen stunden zuo dem wîne bin gebunden. 20 daz ist mîn sælde und mîn heil; und sint ouch driu vil starkiu seil. daz eine ist des wînes güete, daz ander mîn stæte gemüete, daz dritte ist diu gwonheit. er mac mir nimmer werden leit: ich muoz in immer minnen. ich mac im niht entrinnen; wie zebræche ich ein sô starken stranc!’ Dô huob er ûf unde tranc sô sêre, daz si alle jâhen, die sîn trinken rehte ersâhen, swaz er getrunken het unz dar, des solde man vergezzen gar: der trunc behielte gar den prîs. 10 er sprach ‘diu werlt ist unwîs, daz si niht ze wîne gât, sô si deheinen gebresten hât, und trunke dâ für allez leit, für angest und für arbeit, für alter unde für den tôt, für siechtuom und für alle nôt, für schaden und für schanden slac, und für swaz der werlt gewerren mac, für nebel und für bœsen stanc.’ 20 Dô huob er ûf unde tranc sô sêr, daz sich diu kanel bouc. ‘swaz ie gevlôz ode gevlouc, daz sol billîch erkennen mich. die liute solten alle sich ze mînem gebote neigen. diu werlt ist gar mîn eigen. ich hân gewaltes sô vil, daz ich tuon daz ich wil. swaz ich wil, daz ist getân, deich allen mînen willen hân, dâ von heiz ich ungenôz. mîne tugende sint sô grôz; wær der werlde sô vil mê, daz daz mer und ieslich sê als guot wær als daz beste lant, 10 daz müese stên ze mîner hant und mües mir dienen âne wanc.’ Dô huob er ûf unde tranc sô lange und sô sêre, sô vil und dannoch mêre, sô vaste und sô harte, daz sich daz hemde zarte. er sprach ‘des wirt guot rât: ich weiz wol waz derwider stât; ich kan wol wâfen mich.’ 20 er zôch ein hirzhals an sich: den hiez er vaste brîsen; darzuo von guotem îsen ein vestez banzier enge. er sprach ‘des wînes gedrenge lât mich nu ungezerret. ich hân mich sô versperret: ern mac mich niht entsliezen. des sol ich wol geniezen, daz ich ze fröuden mînen lîp getwungen hân, daz man noch wîp sîn lîp sô sêre nie getwanc.’ Dô huob er ûf unde tranc.

Was ich von Trinken gesehen habe, das war alles Kinderspiel; einen Säufer jedoch hab ich kennen gelernt: 10 dem will ich die Meisterschaft zuerkennen. Dem galten Becher für nichts, er wollte von Näpfen noch Schalen etwas wissen: er trank aus grossen Kannen. Er ist vor allen Menschen ein Vorläufer aller Zecher. Von Auerochsen und Elenthieren wurden solche Schlucke nie gemacht. Jeder Zeit musste vor ihm stehn eine grosse Kanne voll Wein. Er sprach: ‘Wein, ich kenne dich wohl; ich weiss wohl, dass du gut bist. So lange von dir noch etwas im Fasse ist, weich’ ich nicht von dieser Bank.’ Da setzte er an und trank einen Trunk von zwanzig Schlucken. Er sprach: ‘Nun will ich künden, was du alles vermagst, viel lieber Wein. 10 Wie könnt es etwas volkommneres geben? du besitzest Schönheit und grosse Güte, du verleihst uns frohen Muth, du machst den Zaghaften kühn. Wer Deine Rüstung tragen will, der wird weise und sparsam, der wird schnell und stark, er fürchtet Niemandes Dreun. Du machst die Traurigen froh, du giebst den Alten Jugendmuth, 20 du bereicherst den Armen ohne Gut, du machst die Leute wohl aussehn. Du bist auch selber gar schön: du bist lauter und blinkend.’ Da setzte er an und trank einen Trunk, der die andern übertraf, er sprach: ‘Warum oder wie sollt’ ich von dem Weine lassen? Ich mag ihn recht wohl leiden, da er allen meinen Willen thut. Er dünkt mich besser als gut; ich bekomme ihn nimmer satt. Ich will ihn immerdar mehr loben als Buhurdieren und als Tanz. Nicht Krone, Kopfschmuck noch Kranz, 10 Seide, Sammet und Scharlachzeug, nicht allem Putz, den diese Welt hat, Gäb ich je den Vorzug vor dem Wein. Ihn hat in meinem Herzen die Liebe also einquartiert, versiegelt und eingeschlossen, dass wir uns nicht trennen können. Wer mir ihn verleiden will, den verfolge stäts mein Hass. Er kürzt mir die Zeit besser 20 als Sagen, Singen und Saitenklang.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen noch viel grösseren Trunk als vorher. Er sprach: ‘Gras, Blumen und Klee und aller Kräuter Heilgewalt, die Gewürze und aller Steine Kräfte, der Wald und alle Vöglein, die vermöchten dich nicht, mein lieber Wein, bei den Leuten in Vergessenheit zu bringen; sie könnten dich nicht ersetzen mit alle dem, was sie vermögen. Ich will dir gerne gönnen, dass du mir kürzest die Zeit. Die Freude, die mir die Welt verleiht, 10 die kommt durchaus von deiner Tugend. Dein Lob hat ewige Jugend; dein Werth wird nimmermehr krank.’ Da hub er die Kanne und trank einen so gewaltigen Trunk: ja hätte er eine halbe Mark Belohnung damit verdient, er hätt es nicht besser machen können. ‘Wir beiden, ich und der Wein, Wir müssen immer beisammen sein! 20 Ich bin mit ihm ganz einig. Er hat mich dazu gezwungen, dass ich das stäts that, was er geboten. Der Wein ist gut in mancher Noth. Und vermöchte er auch nicht nur Freude zu geben, die Welt sollte doch immer zu ihm streben. Seine Freude steht über allen Dingen. Ich will nach Freuden ringen, da mir der Wein Freude giebt. Jetzt ringe ich bis auf die Zeit, dass er mir so viel Freuden giebt, dass ich immerdar in Freude lebe. Wie kann ich dann verderben? Um Freude will ich werben. Mein Leib empfange dafür Dank.’ 10 Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass man solches nie mehr erlebte. Er sprach: ‘Der Herzog Itam der war von Weisheit ganz verlassen, dass er einem Wisent nachritt, er und sein Jäger Nordian. Hätten sie auf den Wein Jagd gemacht: dann wären sie so weise, wie ich bin. Mir geht’s viel leichter von der Hand als ihnen: ich kann ihn jagen und fangen; 20 mich ermüdet nicht mein Hasten. Ich jage den viel lieben Wein; des Jäger will ich immer sein: er hat mir stäts so wohl gethan. Was ich seither getrunken habe, und was ich dessen mein Lebtag auch noch schlingen kann in meinen Bauch, das ist ja nur ein Anfang.’ Erst recht nun hub er auf und trank gar manchen ungefügen Schluck. ‘Wein, mir ist dein Wesen kund. Ich kenne wohl deine Kraft, deine Kunst und deine Meisterschaft. Du bemeisterst die Sinne; du reizest zur Minne; 10 du bestätigst manchen Kauf, du machst manchen Wettlauf, du treibst mancherlei Spiel, mit Freuden unterhältst du viel. Die Welt wird durch dich ganz erhaben, du kannst die Durstigen laben, du lässt die Siechen gesunden. Seit deine Freundschaft ich gefunden, so war ich bei dir immerdar, wie gross auch deiner Diener Schar, 20 dass mich doch keiner bracht zu Wank.’ Da hub er die Kanne empor und trank, dass die Schlucke laut erklangen und stossend durcheinander drangen. Da ward von der Schlucke Schwall ein Sturm, dass dem Wogenprall der Schlund ward zu enge, dass in der Wellen Gedränge die Fluth sich durch einander schlang, ein wildes Rauschen erklang, als führ die Windsbraut übers Meer. Da hub er auf und trank einen schweren Trunk. Wie gross die Kanne auch war, sie war für den Trunk nicht gross genug, 10 mit Mühe brachte man etwas hinein. Da hiess er tüchtig hinein giessen und liess das in sich fliessen, dass so etwas noch nie geschehen. Darauf setzte er sich nieder und sprach: ‘Der Wein ist ein wahrer Edelstein. Ich höre eine süsse Stimme in meinem Haupte singen; die höre ich gerne klingen. Es gehört sich, dass ich ihn kröne. 20 Er singt mehr süsse Töne als aller Art Wohlklang und aller Vögel Gesang. Nie ward mir so etwas bekannt. Er singt so schön, dass Horant nicht den dritten Theil so schön gesungen hat.’ Da hub er auf und trank, dass die Bank zu krachen begann. Er sprach: ‘Darüber muss ich lachen. Darüber ist gut lachen. Das Krachen macht mir Vergnügen. Das thut des Weines Güte. Ich habe meine Seele ganz in Freuden getränkt. Da hinein hob ich mich versenkt. Ich sank stäts von der Stunde an, 10 wo ich zuerst trinken konnte, und mir der Wein so wohl gefiel. Ich weiss wohl, dass kein Schiff je in das Meer so tief gesunken.’ Da hub er die Kanne auf und trank einen vierschrötigen Trunk. Er sprach: ‘Ich bin jung geworden an Leib und an Seele. Wohl mir,’ so sprach der Gute, ‘dass ich solch ein Meister bin 20 im Trinken. Seht, das nenn ich mir Verstand. Ich weiss wohl dort in Paris, in Padua und Treviso, in Rom und in Toscana findet man keinen Menschen, dessen Meister ich nicht wäre, der sich auch nur ein Linschen mit mir vergleichen könnte. In allen deutschen Landen ist mir nie einer begegnet, 30 der früh und spät sich in Trinken so auszeichnete. Mit dem Weine will ich heute und immerdar gute Nachbarschaft halten. Meine Seele muss mit ihm gesunden, ihm ist sie immerdar hold. Wenn er schön wie Gold von dem Zapfen schiesst, hei wie wenig mich das ärgert, mag man noch so viel in mich giessen. 10 Meinem Leibe bekommt das sehr wohl. Man redet viel von Turnieren: tüchtig schlucken unter Vieren kann ich wohl; das ist mein Fall.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Schluck, der sehr gross war. Er sprach: ‘Was man erzählt von denen, die der Liebe pflagen und von der Liebe todt gelegen, die waren nicht so weise wie ich. 20 Wie starb der König Paris, der um Helenas willen erschlagen ward? Dessen Thorheit sollte man ewig beklagen. Hätte er lieber den Wein geminnet, so hätt’ ihm niemand etwas gethan. Frau Dido fand durch die Liebe ihren Tod. Graland wurde erschlagen und gesotten und drauf seiner Herrin zu essen gegeben, weil sie ihn nicht vergessen wollte. Piramus und Thisbe, denen geschah von der Liebe so viel Weh, dass sie sich in ein Schwert stürzten. Meine Liebe ist besseren Lohn werth, als ihrer aller Liebe: Meine Liebe ist freudebringend. 10 Ich wohne an der Liebe Strasse, doch ist mir wohler als Curas, der vor Liebe in der See ertrank.’ Da hub er die Kanne empor und trank einen Trunk in grosser Eile, den dehnte er so lange aus, bis ihm der Gürtel zersprang. Er sagte: ‘Das Band ist nicht von Bast, womit ich jeder Zeit mit dem Weine verbunden bin. 20 Das ist mein Glück und mein Heil; und zwar sind es drei starke Seile. Das eine ist des Weines Güte, das andere mein starker Geist, das dritte die Gewohnheit. Niemals wird er mir leid, ich muss ihn immer lieben. Ich kann ihm nicht entrinnen. Wie vermöcht ich einen so starken Strang zu zerreissen?’ Da hub er die Kanne auf und trank so gewaltig, dass alle sagten, die sein Trinken richtig sahen, was er bis dahin getrunken hätte, das sollte man ganz vergessen: dieser Trunk verdiente den Preis vor allen. 10 Er sagte: ‘Die Welt ist unklug, dass sie nicht zu Weine geht, wenn sie irgend ein Gebresten hat, und dass sie nicht gegen alles Leid trinkt, gegen Angst und Mühsal, gegen Alter und gegen den Tod, gegen Siechthum und alle Noth, gegen Schaden und der Schande Schlag, und gegen alle Widerwärtigkeiten der Welt gegen Nebel und schlimmen Gestank.’ 20 Da hub er empor und trank so kräftig, dass sich die Kanne bog. ‘Was da fliesset und flieget, soll mich billig anerkennen. Die Leute sollten sich alle meinem Gebote neigen. Die Welt ist ganz mein Eigen. Ich habe so viel Gewalt, dass ich thue, was ich will. Was ich will, das ist gethan, so dass ich allen meinen Willen habe. Davon heisse ich Ungenoss. Meine Kräfte sind so gross, wär der Welt so viel mehr, dass das Meer und jeglicher See so gut wäre wie das beste Land, 10 das müsste unter meiner Botmässigkeit stehn und müsste mir ohne Wanken dienen.’ Da hub er die Kanne empor und trank so lange und so gewaltig, so viel und immer noch mehr, so tüchtig und so heftig, dass sein Hemd zerplatzte. Er sprach: ‘Dem wird schon abgeholfen: ich weiss wohl, was Allem widersteht; ich kann mich wohl waffnen.’ 20 Er zog ein Koller von Hirschleder an, da liess er sich fest hinein schnüren; dazu von trefflichem Eisen einen engen festen Panzer. Drauf sagte er: ‘Des Weines Drängen lässt mich nun ungezerrt. Ich habe mich so versperrt: er kann mich nicht mehr aufschliessen. Das soll mir gut bekommen, dass ich meinen Leib zum Vergnügen mir eingezwängt habe, dass Mann noch Weib sich nie so fest verschnürt haben.’ Und immer noch hub er die Kanne empor und trank.

HUGO VON TRIMBERG.

[Scherer D. 228, E. 220.]

Ein gelehrter Dichter, wirkte als Schulmeister einer Vorstadt von Bamberg. Sein bedeutendstes Werk ist ein Lehr- und Strafgedicht, ‘der Renner’ 1300–1313 verfasst, herausgegeben vom historischen Vereine in Bamberg (Bamberg, 1833).

DER RENNER.

Ein wolf, ein fuhs und ouch ein nôz gein Rôme wolten: ir riuw was grôz. und dô si nâhten gein der stat, 10 dô sprach der wolf ‘sît got uns hât mit sînen gnâden her brâht, eins dinges hân ich mich bedâht: alsô daz ouch süllen wir vor bîhten, daz gevellet mir, ê wir den bâbest ane sehen.’ dô sprach der fuhs ‘daz sol geschehen: wan der bâbst hât vil ze schaffen beide mit leien und mit pfaffen: des hât er selten muoze. bîhte wir, und setzen buoze, und bittenn daz er si bestete durch got und durch unser bete.’ dô sprach der wolf ‘nu sît gemein, und bîhte ie einr den andern zwein 10 daz grœste daz er habe getân. sô hebich ze dem êrsten an. ich tet ein sünde, ze der ich hân grôze vorhte. ez het ein man ein zuhtmuoter bî dem Rîn. diu het zwelf kleiniu verchelîn ligen in einer stîgen. diu hôrtich vaste schrîgen des morgens nâch ir ammen, wan si mit voller wammen 20 gie am velde, unde ir jungen mit grôzem hunger rungen. daz jâmerte mich, wan ichz sach. an der ammen ich mich rach eins tages dô sir niht enpflac: ich beiz si, daz si tôt gelac, und fulte mit ir mînen magen. nu lât iu grœzer sünde sagen. dar nâch, dô ich mich es versan daz ich vil übele hæt getân, erbarmten mich diu verchelîn ellende unde ir hungers pîn, und half in gar ûz aller nôt: si lâgen elliu von mir tôt; von rehter herzeleide 10 beslôz ichs in mîn gweide: weinende ich iu daz künde. setzet buoz umb mîne sünde.’ ‘alsô ich iuch vernomen hân, so enhât ir niht missetân’ sprach der fuhs: ‘ir tâtz durch guot, als manec ander man noch tuot, den dicke muoz erbarmen ellender und hûsarmen. ir sult knien für unser klôster 20 unde sprechen ein paternôster: daz ist umb die sünd ze vil. ein sünde ich ouch bîhten wil’ sprach der fuhs, ‘diu mich vil sêre twinget unde mir manc siufzen bringet. bî einem dorf saz ein gebûr: der het ein hanen. der was sô sûr, daz er all die hanen beiz die zuo im giengen in den kreiz, und het dâ bî vil grôzen braht mit zwelf hennen tac und naht, daz dick von im betoubet wart siecher liute houbet. daz tet mir wê von herzen. eins tages sach ich in scherzen 10 mit sînen gspunsen ime garten. ich nam in bî der swarten, und truog in durch die barre vür baz in ein ander pfarre, dâ ich den lîp im an gewan: in sîner pfarr vorhtich den ban. dar umbe schriuwen sîniu wîp al tage über mînen lîp: daz betoubte mir den sin, und rach ich mich ouch an in, 20 daz ich eine nâch der ander az: wie sold ich mich gerechen baz? wan si truogen nâch mir haz. herr, nu sprechet mir antlâz umb die grôze missetât.’ dô sprach der wolf ‘sîn wirt guot rât, daz daz schrîen und der braht ist zeinem guoten ende brâht. du enhâst niht sêre missetân, als ich mich nu versinnen kan. iedoch faste an drîn frîtagen, ob du fleischs enmüges bejagen. ich geloube dir: als tuost du mir. wol, her esel, nu bîhtet ir.’ ‘ich enweiz waz ich bîhten sol: ir wizzet beide selben wol daz ich bin martelær genôz: 10 wan mîniu arbeit ist sô grôz, daz ich von leid mac immer sagen. ir seht mich ûf und abe tragen wazzer, holz, korn unde mist, und swaz teglîch ze tuonne ist ûf einer hôhen bürge, daz ich ân danc mich würge mit maneger herten arbeit. ich tet ein sünde: diust mir leit, und hât mich vil gerûwen sît. 20 ein kneht der mîn pflac zaller zît gienc zeimâl für mich durch den snê. dô tet mir frost und hunger wê, und wart gewar daz im ein strô ragete ûz beiden schuohen dô. des zuctich im her ûz ein teil: daz was sîn schade, und mîn unheil: an der sêle bin ichs schuldic. nu sît gein mir geduldic und setzt mir buoze gnædiclîch.’ si sprâchen ‘wê dir êwiclîch! morder, waz hâstu getân! du hâst verderbet einen man, 10 dem sîne füeze sint erfrorn: der mort hât dir die sêle vlorn. so ensol der ouch niht genesen, der diep und morder ist gewesen.’ sus nâmens beide im sîn leben. sô gtân buoze künnen noch geben in klôstern übel platten: swem si niht sint gerâten, wirt hin und her gediuset biz er sêle und lîp verliuset 20 als der esel umb kleine schulde: der fuhs behielt des wolves hulde.

Ein Wolf, ein Fuchs und auch ein Esel wollten nach Rom: ihre Reue war gross. Und da sie der Stadt nahe kamen, 10 da sprach der Wolf: ‘Da Gott uns hat mit seiner Gnade hergebracht, hab’ ich mich eines Dings bedacht: also dass wir auch sollen vorher beichten, das gefällt mir, ehe wir den Pabst ansehn.’ Da sprach der Fuchs: ‘Das soll geschehn: denn der Pabst hat viel zu schaffen sowohl mit Laien als Pfaffen: deshalb hat er selten Musse. Beichten wir und bestimmen die Busse, und bitten ihn, dass er sie bestätige um Gott und unsres Gebets willen.’ Da sprach der Wolf: ‘Nun seid einig und beichte je einer den andern zwein 10 das Grösste, was er gethan hat. So heb’ ich zuerst an. Ich that eine Sünde, vor der ich habe grosse Furcht. Es hatte ein Mann am Rhein eine Zuchtsau. Die hatte zwölf kleine Ferkel in einem Stalle liegen. Die hört ich sehr schreien des Morgens nach ihrer Amme, während sie mit vollem Bauche 20 im Felde umhergieng, und ihre Jungen mit grossem Hunger rangen. Das jammerte mich, als ichs sah. An der Amme rächte ich mich eines Tags, da sie sie nicht pflegte: ich biss sie, dass sie todt dalag, und füllte meinen Magen mit ihr. Nun lasst euch grössere Sünde sagen. Danach, da ich mich besann, dass ich sehr übel gethan hätte, erbarmten mich die Ferkel, die elenden, und ihres Hungers Pein, und half ich ihnen ganz aus aller Noth: sie lagen alle von mir todt; aus rechtem Herzeleid 10 schloss ich sie in mein Eingeweide: weinend künd’ ich euch das. Bestimmt die Busse für meine Sünde.’ ‘So wie ich euch vernommen habe, so habt ihr nicht gesündigt,’ sprach der Fuchs, ‘ihr thatet es aus Güte, wie mancher andre Mann noch thut, den oft erbarmen muss der Elenden und Hausarmen. Ihr sollt vor unsrem Kloster knien 20 und ein Paternoster sprechen: das ist für die Sünde zu viel. Ich will auch eine Sünde beichten,’ sprach der Fuchs, ‘die mich recht sehr drückt und mir manch Seufzen bringt. Bei einem Dorfe wohnte ein Bauer, der hatte einen Hahn; der war so böse, dass er all’ die Hähne biss, die zu ihm in den Kreis kamen, und machte dabei sehr grosses Geschrei mit zwölf Hennen Tag und Nacht, dass oft von ihm betäubt ward der Kopf kranker Leute. Das that mir von Herzen weh. Eines Tags sah ich ihn spielen 10 mit seinen Gemahlinnen im Garten. Ich nahm ihn bei der Schwarte und trug ihn durch den Zaun fürbass in eine andre Pfarre, wo ich ihm das Leben nahm: in seiner Pfarre fürchtete ich den Bann. Darum schrien seine Weiber alle Tage über mich: das betäubte mir den Sinn, und rächte ich mich auch an ihnen, 20 dass ich eine nach der andern ass: wie konnte ich mich besser rächen? Denn sie trugen mir Hass. Herr, nun sagt mir Ablass für die grosse Missethat.’ Da sprach der Wolf: ‘Dessen wird guter Rath, dass das Schreien und das Krähen zu einem guten Ende gebracht ist. Du hast nicht sehr gesündigt, wie ich mich nun besinnen kann. Jedoch faste an drei Freitagen, wenn du kein Fleisch erjagen kannst. Ich erlaube es dir, wie du mir es thust. Wohl, Herr Esel, nun beichtet ihr.’ ‘Ich weiss nicht, was ich beichten soll: ihr wisst beide selber wohl, dass ich ein Märtyrer-Genosse bin: 10 denn meine Arbeit ist so gross, dass ich immer von Leid zu sagen habe. Ihr seht mich auf und nieder tragen Wasser, Holz, Korn und Mist, und was täglich zu thun ist auf einer hohen Burg, dass ich ohne Dank mich plage mit mancher harten Arbeit. Ich that eine Sünde: die ist mir leid, und hat mich seither viel gereuet. 20 Ein Knecht, der meiner zu aller Zeit pflegte, gieng einmal vor mir durch den Schnee. Da thaten mir Frost und Hunger weh, und ich ward gewahr, dass ihm Stroh aus beiden Schuhen da heraus ragte. Da riss ich ihm etwas heraus, das war sein Schade und mein Unheil: an der Seele bin ichs schuldig. Nun seid gegen mich geduldig und bestimmt mir Busse gnädiglich.’ Sie sprachen: ‘Weh dir, ewiglich! Mörder, was hast du gethan? Du hast einen Mann zu Grunde gerichtet, 10 dem seine Füsse erfroren sind: der Mord hat deine Seele vernichtet. So soll der (Leib) auch nicht gerettet werden, der Dieb und Mörder gewesen ist.’ So nahmen sie beide ihm sein Leben. Solche Busse können noch austheilen in den Klöstern die bösen Plattköpfe: wem sie nicht günstig sind, wird hin und her gezaust, bis er Seele und Leib verliert, 20 wie der Esel wegen einer kleinen Schuld: der Fuchs behielt des Wolfes Huld.

ULRICH BONER.

[Scherer D. 230, E. 221.]

Ein Predigermönch aus Bern. Er lebte bis nach 1349. Sein ‘Edelstein’ ist eine Sammlung von hundert Beispielen aus lateinischen und deutschen Quellen. Herausgegeben von Benecke (Berlin 1816) und von F. Pfeiffer (Leipzig 1844). Älteste Ausgabe Bamberg 1461, das erste deutsche Buch, welches im Druck erschienen.

Wen[221] sprichet ‘dô der siech[222] genas, dô was er, der er ouch ê was.’ wer bettet vil, und übel tuot, der ist sælig, wirt sîn ende guot. um guot geding[223] und übel leben wirt vil swacher lôn gegeben. Eines zîtes daz beschach, daz ein wîg[224] ze sîner muoter sprach und klagte ir bitterlîche nôt: wand er was siech unz[225] ûf den tôt; 10 er sprach ‘vil liebiu muoter mîn, mich dunkt ez müg nicht anders sîn, ich müez leider sterben. sol ich ouch denn verderben an der sêl, daz ist mir leit. sich an mîn grôzen erebeit, und bit die götte daz si sich wellen erbarmen über mich.’ diu muoter sprach ‘mîn liebez kint, die götte vaste erzürnet sint; du hâst bereicht der götten zorn: ich vörcht du müezist sîn verlorn. vil kûm[226] die götte vergezzent des si sich vermezzent ze tuonde um dîne missetât. ûz vorchte nu dîn riuwe gât. dîn riuwe ist nu ze spâte komen: er mag dir kleine nu gevromen. nâriuwe[227] wirdet selten guot. 10 mich dunkt, er hab ein tumben muot, der nâch der rossen diupstâl alrêrst besliezen wil den stal. der riuw der sêle ist nicht gesunt, der von des tôdes vorchte kunt. ein wolf was siech: do er genas, er was ein wolf als er ê was. hætist du nicht erzürnet got noch übergangen sîn gebot, und hætist weder wîp noch man 20 betrüebt, und hætist ab gelân dîn bœsiu werk in dîner jugent, und hætist dich gesetzt ûf tugent: sô möcht dîn bet got dankber[228] wesen, und möchtist an der sêl genesen.’ Wer werden wil von gotte erhœrt, der achte daz sîn sünd zerstœrt werden, und sîn leben guot. wâ bittent werk, wort unde muot, die bet sol got erhœren wol, gât si von herzen, als si sol. wer got bittet umb diu ding 10 diu der sêlen nütze sint, der wirt ân zwîvel des gewert, des er nâch nutz der sêl begert. wer bittet daz im schaden tuot, wirt der erhœrt, daz ist nicht guot. got wil erhœren dîn gebet nâch nutz, als er Sant Paulus tet, und nicht nâch dem willen dîn, mag ez der sêlen schedlich sîn. ist daz, dar umb du bittest got, mit werken hâst verdienôt, 10 und du ûz dînem herzen lâst, ungunst und des nîdes blâst[229]: sô wirst du vätterlîch gewert von gotte des dîn herze gert.

BRUDER BERTHOLD VON REGENSBURG.

[Scherer D. 234, E. 226.]

In Regensburg geboren, Schüler des Bruders David, des Minoriten, Franziskaner zu Regensburg. Reiste viel in Deutschland umher und hielt Predigten vor dem Volke, die überall einen ungeheuren Zulauf fanden, von 1250 bis zu seinem Tode 1272. Herausgegeben von Pfeiffer und Strobl 2 Bde. (Wien 1862, 1880).

‘Sælic sint die armen, wan daz himelrîche ist ir’ etc. Mit disen aht tugenden sint alle die ze himelrîche komen, die dâ sint, unde mit den selben aht tugenden müezent noch alle die dar komen, die iemer mêr dar komen süln. Nû wil ich die siben under wegen lân, und wil niwan von ir einer sagen; wan alse vil guoter dinge an ir ieglîcher ist (unde von ir ieglîcher wære gar vil und gar lanc sunderlîchen ze sagenne) unde wie manigiu untugent uns an disen ahte tugenden irret, daz würde eht von ieglîcher gar lanc ze sagenne. Wande man ez allez in einer predigen niht verenden mac noch in vieren noch in zehenen, sô wil ich iu hiute niwan sagen von den die ein rein herze habent unde von den man hiute dâ liset in dem heiligen êwangeliô: ‘sælic sint die reines herzen sint: die werdent {10} got sehende.’ Die sint wol von rehte sælic, die dâ got sehent. Ein übergülde ist ez aller der sælikeit, diu ie wart oder iemer mêr eht werden mac, swer got ansehende eht wirt: alse süeze und alse wünneclich ist diu gesiht, die man an gote siht. Sô wart nie deheiner muoter ir kint nie sô liep, ân unser frouwen, unde solte si ez drîe tage ane sehen ân underlâz, daz sie anders niht enpflæge, wan eht sie ir liebez kint solte an sehen: si æze an dem vierden tage vil gerner ein stücke brôtes. Unde wolte ich vil gerner daz ich als ein guot mensche wære, als daz wâr ist, daz ich iezuo reden wil. Ob daz alsô wære, daz man zuo einem menschen spræche, der iezuo bî gote ist: ‘dû hâst zehen kint ûf ertrîche, unde dû solt in koufen allen samt, daz sie êre unde guot haben unz an ir tôt, dâ mite, daz dû einigen ougenblic von gotes angesiht tuost, niuwen als lange als einz sîne hant möhte umbe kêren, unde sich danne wider ze gote, unde dû solt dîn ougen niemer mêr von im kêren’: der mensche entæte sîn niht. Alse wâr, herre, dîn wârheit ist, alse wâr ist disiu rede, daz er disiu zehen kint unze an ir tôt ê nâch dem almuosen lieze {10} gên, ê danne er sich die kleine wîle von gote wolte wenden. In habent die engel wol sehzig hundert jâr an gesehen, unde sehent in hiute als gerne als des êrsten tages unde sie sint ouch alle samt sam des êrsten tages: sâ dô sie got an sehende wurden, dô wart ir deheiner sît nie eltlîcher danne des êrsten tages unde sint doch sider wol sehzig hundert jâr alt. Swelher hundert jâr alt würde under uns, der wære den liuten alse smæhe an ze sehenne von ungestaltheit unde von dem gebresten, den daz alter an in hæte gemachet. Sô man mâlet die engele, dâ seht ir wol, swâ man die engele mâlet, daz man sie eht anders niht enmâlet wan als ein kint von fünf jâren, als junclich, oder von sehsen. Wan alle die got sehent, die werdent niemer eltlîcher, die in in himelrîche sehent in sînen freuden und in sînen êren. Ûf ertrîche sehen wir in alle tage in sînem gewalte. Dehein irdenischer muot noch irdenisch lîp möhte daz niht erlîden, daz in dehein irdenisch ouge iemer an gesehen möhte in sînen freuden und in sînen êren, als er ze himelrîche ist. Wir sagen iu {10} etewenne ein glîchnüsse, wie schœne got sî. Seht, allez daz wir iemer gesagen künnen oder mügen, daz ist rehte dem glîche, als obe ein kint uns solte sagen, ob ez mügelich wære, die wîle ez in sîner muoter lîbe ist beslozzen, unde daz solte sagen von aller der wirde unde von aller der gezierde die diu werlt hât, von der liehten sunnen, von den liehten sternen, von edeler gesteine kraft unde von ir maniger slahte varwe, von der edelen wurze kraft unde von der edelen gesmaeke unde von der rîchen gezierde, die man ûzer sîden und ûzer golde machet in dirre werlte, und von maniger hande süezen stimme, die diu werlt hât, von vögelîn sange unde von seiten spil, unde von maniger hande bluomen varwe unde von aller der gezierde, die disiu werlt hât. Alse unmügelîche und alse unkuntlîchen eime kinde dâ von ze sprechen wære, daz noch beslozzen ist in sîner muoter lîbe, daz nie niht gesach weder übel noch guot noch nie deheiner freuden enpfant: als unkunt dem kinde dâ von ze redenne ist, als unkunt ist ouch uns dâ von ze redenne, von der unsägelîchen wünne, diu dâ ze himel ist unde von dem wünneclîchen antlütze des lebendigen gotes. Wan alliu {10} diu freude diu dâ ze himel ist, der ist niht wan von dem schîne, der von unsers herren antlitze gêt. Unde rehte als alle sternen ir lieht von der sunnen nement, alsô habent alle heiligen ir gezierde und ir schônheit von gote, und engele und allez himelische her: reht als alle die sternen des himels, der mâne und die planêten, grôz unde kleine, die habent alle samt ir lieht von der sunnen, diu uns dâ liuhtet. Und alsô hât allez himelischez her, engele unde heiligen, die hœhsten unde die minnesten, die habent alle samt ir freude und ir wünne und ir gezierde unde die êre unde die wirde und ouch die schœnde, daz habent sie alle samt von der angesihte gotes, daz sie got an sehent. Die engele die dâ unser hüetent, die sehent in ze aller zît an, als ob sie bî im wæren; wan alliu diu freude diu in himelrîche ist, diu diuhte sie ze nihte, solten sie got niht an sehen. Unde dâ von: ‘sælic sint die reines herzen sint, wan sie werdent got sehende.’ Nu seht, ir liebe kristenheit, wie sælic die sint, die dâ reinez herze tragent! Ir junge werlt, die noch unbewollen sint mit sünden, behaltet iuwer herze vor allen tœtlîchen {10} sünden: sô werdet ir got sehende in solichen freuden und in sô grôzen êren, die ouge nie gesach oder ôre nie gehôrte, alse sant Paulus dâ sprichet unde alse sant Johannes sprichet: ‘wær ez mügelich, daz man ez allez samt geschrîben möhte, sô möhte diu werlt diu buoch in ir niht behalten, dâ ez an gestüende daz ich gesach, und allez daz ich gesach, daz was niht wan got alleine.’ Und dar umbe möhten wir doch gerne ze dem himelrîche komen unde drumbe arbeiten. Ob uns niht diu liebe unde diu minne dar twünge der wir gote schuldic sîn, seht, sô möhten wir dar umbe dar komen durch daz wunder daz dâ ist. Ez ist maniger vor mir, der im von sô getâner freude seite, daz si jenhalp meres wære, er füere gar gerinclîchen dar von hinnen über mer, niwan daz erz gesæhe. Sô möhtet ir hundertstunt gerner dar umbe arbeiten, daz irz iemer mêre êwiclîchen niezen soltet. Die vil wünneclîchen angesiht des almehtigen gotes unde der himelischen küniginne ze der zeswen sîner sîten in guldîner wæte, die möhtet ir gerne an sehen. Wan würde iu einiger anblic, sô wære iu alliu diu freude unde diu êre und aller {10} der wollust, den diu werlt ie gewan, daz wær iu hinne für als widerzæme und ouch alse unmære, reht als sant Paulus dâ sprach. Nû hœret wie er sprach. Er sprach: ‘alliu diu êre unde diu freude unde daz gemach, diu disiu werlt ie gewan von keisern unde von künigen, wider der freude diu in himelrîche ist; als widerzæme einem wære ein diep an einem galgen, als kurz einem diu wile dâ mit wære, daz er einen erhangenen man triuten solte, wider aller der freude die diu werlt hât: alse widerzæme ist mir diu freude aller der werlte wider der êwigen freude.’ Ei, wol iuch wart, daz iuch iuwer muoter ie getruoc, die sô getâne freude süln besitzen! Der ist, ob got wil, vil maniger vor mînen ougen. Ouch ist maniger, der vil kleine freude dar für nimt hie ûf ertrîche, unde daz den guoten sante Paulen gar versmâhte, des wirt im der tûsentste teil niht. Unde die habent übele koufet, die sô übergrôze freude gebent umb ein sô kurzez freudelîn in dirre werlte: die habent übele gevarn, wan sie habent weder hie noch dort niht. Als ich iezuo sprach, rehte in glîcher wîse, reht alse alle sternen des himels ir lieht von der sunnen habent, alsô hât {10} allez himelische her ir lieht von dem wâren sunnen, sît danne unser herre der wâre sunne unde daz wâre lieht ist, alse der guote sant Johannes dâ sprichet. Der heizet in daz wâre lieht; als ouch daz vil wâr ist, wan er ist daz wâre lieht, daz niemer mêr verlischet. Und alle die von sîme gotvarwen liehte enzündet werdent, die erleschent ouch niemer mêre von der schônheit, die sie von dem wâren sunnen hânt. Und als vil diu sunne liehter unde gelpfer ist danne wir dâ sehen, rehte als vil diu liehtes unde glastes über alle sternen hât die an dem himel stênt: als vil hât der wâre sunne in himelrîche schînes unde glastes mêr über alle engele, und ist geschœnet unde gewirdet an allen êren, alse billich ist. Unde dâ von sint sie sælic, die ein reinez herze habent, wan sie werdent got sehende.

‘Selig sind die Armen, denn das Himmelreich ist ihr’ u. s. w. Mit diesen (hier erwähnten) acht Tugenden sind alle die in das {20} Himmelreich gekommen, die darinnen sind. Und mit denselben acht Tugenden müssen noch alle dahin kommen, die jemals hineinkommen sollen. Nun will ich die sieben unterwegs lassen, und {20} will nur von ihrer einer reden, da an einer jeglichen von ihnen so viel des Guten ist (und von einer jeglichen von ihnen wäre gar viel und gar lang besonders zu reden), und wie manche Untugend uns in diesen acht Tugenden irre macht, das würde besonders von jeder gar lang zu sagen sein. Da man dies Alles in einer Predigt nicht zu Ende bringen kann, noch in vieren, noch in zehn, so will ich heute nur von denen reden, die ein reines Herz haben, und von denen man heute in dem heiligen Evangelio da liest: ‘Selig sind die reines Herzens sind, sie werden Gott sehen.’ Die sind wohl wahrhaft selig, die Gott sehen. Es überbietet alle Seligkeit, die je {30} ward oder jemals werden kann, wer Gottes ansichtig wird: so süss und so wonniglich ist der Anblick, den man an Gott hat. Keiner Mutter ward je ihr Kind so lieb (ich spreche nicht von Unserer Frauen), sollte sie es drei Tage ohne Unterlass ansehn, so dass sie nichts andres pflöge, denn dass sie nur ihr liebes Kind ansähe: doch ässe sie lieber am vierten Tage ein Stück Brot. Und nun möchte ich gern, dass ich ein so guter Mensch wäre, wie wahr das ist, was ich jetzt sagen will. Wenn das so sein möchte, dass man zu einem Menschen, der jetzt bei Gott ist, spräche: ‘Du hast {20} zehn Kinder auf Erden, und du sollst für sie alle das erwerben, dass sie damit Ehre und Gut bis an ihren Tod haben, so du einen einzigen Augenblick von Gott hinweg siehst, nur so lange als Jemand seine Hand umkehren möchte, und blicke dann wieder auf Gott, und sollst deine Augen nie wieder von ihm kehren’: der Mensch thäte es nicht. So wahr, o Herr, als deine Wahrheit ist, so wahr ist diese Rede, dass er diese zehn Kinder bis an ihren Tod lieber nach Almosen gehn liesse, als dass er sich die kurze Weile von Gott wenden wollte. Die Engel haben ihn wohl sechstausend Jahre angesehn, und sehen ihn heute so gern als am ersten Tag. {30} Und sie sind auch allesammt wie am ersten Tage, da sie Gottes ansichtig wurden. Keiner von ihnen ward seither älter als am ersten Tage, und sind doch seither wohl sechstausend Jahr alt. Wer von uns hundert Jahr alt würde, der wäre den Leuten so schmählich anzusehn, wegen seiner Hässlichkeit und wegen der Gebrechen, die das Alter an ihm gemacht hätte. Wenn man malet die Engel, {20} da seht ihr wohl, wo man sie auch malet, dass man sie nie anders malt als ein Kind von fünf Jahren, so jung, oder von sechs Jahren. Denn alle die Gott sehn, die werden nie älter, die ihn im Himmelreich sehen in seinen Freuden und seinen Ehren. Auf Erden sehen wir ihn alle Tage in seiner Macht. Kein irdischer Sinn und kein irdischer Leib könnte das ertragen, dass ein menschlich Auge ihn jemals ansähe in seinen Freuden und seinen Ehren, wie er im Himmelreich ist. Wir sagen euch manchmal ein Gleichniss, wie schön Gott sei. Seht, Alles was wir je sagen können oder mögen, das ist so recht dem gleich, als ob ein Kind uns sagen sollte, wenn {30} es möglich wäre, während es in seiner Mutter Leib beschlossen ist, und dies Kind sollte erzählen von all der Würde und all der Zierde, die die Welt hat, von der lichten Sonne, von den lichten Sternen, von edler Steine Kraft und ihrer mannigfachen Farbe, von der edlen Gewürze Kraft und von ihrem edlem Geruch, und von dem reichen Schmucke, den man aus Seide und aus Gold macht in dieser Welt, und von dem mannigfachen süssen Getön, welches die Welt hat, von Vogelsang und Saitenspiel, und von mancherlei {20} Blumen Farbe, und von all dem Schmuck, den diese Welt hat. So unmöglich und so unbekannt es einem Kinde wäre davon zu sprechen, das noch in seiner Mutter Leib beschlossen, das nie weder Böses noch Gutes sah, noch irgend welche Freude empfand; so unbekannt dem Kinde davon zu reden ist, so unbekannt ist auch uns davon zu reden, von der unsäglichen Wonne, die da im Himmel ist, und von dem wonniglichen Antlitz des lebendigen Gottes. Denn alle die Freude, die da im Himmel ist, die kommt alle nur von dem Glanze, der von unsres Herrn Antlitz ausgeht. Und gerade wie alle Sterne ihr Licht von der Sonne empfangen, so {30} haben alle Heiligen ihre Zierde und ihre Schönheit von Gott, und ebenso die Engel und das ganze himmlische Heer. Gerade wie alle Sterne des Himmels, der Mond und die Planeten, grosse und kleine, die haben allesammt ihr Licht von der Sonne, die uns da leuchtet: ebenso hat das ganze himmlische Heer, Engel und Heilige, die höchsten und die geringsten, die haben allesammt ihre Freude und ihre Wonne und ihre Zierde und die Ehre und die Würde und auch die Schönheit, das haben sie allesammt von dem Anblick Gottes, {20} davon dass sie Gott ansehn. Die Engel, die da unser hüten, die sehen ihn zu aller Zeit, als ob sie bei ihm wären. Denn all die Freude, die im Himmelreich ist, die däuchte ihnen nichts, sollten sie Gott nicht ansehn. Und deshalb: ‘Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott sehn.’ Nun seht, ihr liebe Christenheit, wie selig die sind, die da ein reines Herz tragen. Ihr junge Welt, die ihr noch unbefleckt von Sünden seid, hütet euer Herz vor allen tödlichen Sünden: dann werdet ihr Gott sehn in solchen Freuden und so grossen Ehren, die kein Auge je sah und kein Ohr gehört hat, wie St. Paulus spricht. Und wie St. Johannes spricht: {30} ‘Wäre es möglich, dass man es alles insgesammt schreiben könnte, die Welt würde die Bücher nicht in sich fassen, wo es geschrieben stände, was ich sah. Und alles was ich sah, das war nichts als Gott allein.’ Und darum möchten wir doch gern in das Himmelreich kommen und dafür arbeiten. Wenn uns auch nicht die Liebe und die Minne, die wir Gott schuldig sind, dazu drängten, seht, so möchten wir doch darum schon dahin kommen, nämlich um des Wunders willen, das dort ist. Es steht so Mancher vor mir: {20} wer dem von solcher Freude sagte, dass sie jenseit des Meeres wäre, er führe gar schnell dorthin von hier übers Meer, nur damit er es sähe. So solltet ihr also hundertmal lieber dafür arbeiten, dass ihr es auf immer und ewig geniessen solltet. Das wonnigliche Angesicht des allmächtigen Gottes und der himmlischen Königin zu seiner rechten Seite in goldenem Gewand, die möchtet ihr gern ansehn. Würde euch ein einziger Blick zu Theil, so wäre euch all die Freude und die Ehre und all die Wollust, welche die Welt je gewann, das wäre euch hinfür so widerwärtig und auch so gleichgültig, gerade wie St. Paulus da sprach. Nun höret, wie der {30} sprach. Er sprach: ‘Alle die Ehre und die Freude und das Gemach, das diese Welt je gewann von Kaisern und von Königen, gegen die Freude, die im Himmelreich ist; so widerwärtig einem, ein Dieb an einem Galgen wäre, so kurz einem die Zeit damit wäre, dass man einen gehängten Mann lieb haben sollte, gegen alle die Freude, die die Welt hat: so widerwärtig ist mir die Freude der ganzen Welt gegen die ewige Freude.’ Ei wohl euch, dass euch eure Mutter je trug, euch, die solche Freude besitzen sollen. {20} Von denen ist, so Gott will, Mancher hier vor meinen Augen. Auch ist Mancher, der dafür gar kleine Freude hier auf Erden empfängt, und was dem guten St. Paulus so verächtlich erschien, davon wird ihm nicht der tausendste Theil. Und die haben übel gekauft, die so übergrosse Freude für ein so kurzes Freudelein auf dieser Welt hingeben. Die sind übel gefahren: denn sie haben nichts, weder hier noch dort. Wie ich eben sagte, ganz in gleicher Weise, gerade wie alle Sterne des Himmels ihr Licht von der Sonne haben, also hat das ganze himmlische Heer sein Licht von dem wahren Sonnen, sintemal unser Herr der wahre Sonne und {30} das wahre Licht ist, wie der gute St. Johannes da spricht. Der nennet ihn das wahre Licht, wie das auch ganz wahr ist: denn er ist das wahre Licht, das nie verlischt. Und alle die von seinem gottfarbigen Lichte entzündet werden, die erlöschen auch nimmer zufolge des Glanzes, den sie von dem wahren Sonnen haben. Und wie viel die Sonne lichter und glänzender ist, als (Alles) was wir da sehn, wie viel sie Licht und Glanz über alle Sterne hat, die am Himmel stehn, so viel hat der wahre Sonne im Himmelreich mehr Schein und Glanz über alle Engel, und ist geziert und geehrt mit allen Ehren, wie es billig ist. Und deshalb sind sie selig, die {10} ein reines Herz haben: denn sie werden Gott sehn.

HEINRICH SUSO.

[Scherer D. 238, E. 230.]

Mystiker. Aus edlem Geschlecht im Jahre 1300 zu Constanz geboren, ward Dominikaner, lebte später in Cöln und vorzüglich in Ulm, wo er 1365 starb. Der Name Suso stammt von seiner Mutter, welche Seuse hiess. Herausgegeben von Diepenbrock (Regensburg 1829, 3 Aufl. Augsburg 1854); Denifle Bd. 1 (München 1880).

WIE ER BEGIE DAZ ÎNGÂNDE JÂR.

Als zuo Swâben in sînem lande an etlichen stetten gewonlich ist an dem îngândem jâre, sô gânt die jungelinge des nahtes ûz in unwîsheit[230] und bitent des gemeiten[231], daz ist: siu singent lieder und sprechent schœniu gediht und bringent ez zuo, wie siu mügent mit hovelîcher wîse, daz in iriu liep schappel gebent. Daz viel sînem jungen minnerîchem herzen alsô vast în, sô er ez hôrte, daz er ouch der selben naht für sîn êwigez liep gie und bat ouch des gemeiten. Er gie vor tage für daz bilde, dâ diu reine muoter ir zartez kint, die schœnen êwigen wîsheit ûf irre schôze an ir herze hâte getrücket {20} und kniuwete nider und huop an zuo singende in stillem süezem getœne sîner sêle ein sequenzie[232] der muoter vor an, daz siu ime erloubte ein schappel zuo erwerbende von irem kinde, und dô er ez niht wol kunde, daz siu ime dâ hulfe. Und wart ime dik[233] als ernst und alsô nôt zuo weinende, daz ime die heizen trahen über diu wangen ab walten. Sô er dâ ûz gesang, sô kêrte er sich denne gên der herzelieben wîsheit und neig[234] ir ûf die füeze und gruoste si von dem tiefen abgründe sînes herzen und ruomde siu mit lobe an schœne, an adel, an tugenden, an zartheit, an frîheit mit iemer werender wirdikeit über alle schœnen juncfrowen diser welt, und tet daz mit singende, mit sagende, mit gedenken und mit begirden, sô er iemer beste kunde; und wunschte denne, daz er in geistlîcher {10} wîse aller minner und minneclîcher herzen ein vorloufer wêri und aller lieplîcher gedenken, worten und sinnen ein orthaber[235] wêri, dar umb, daz er die wirdigen gnuog minneclîch von irem unwirdigem diener kunde geloben. Und sprach denne ze jungest alsô: ‘ach du bist doch, liep, mîn frœlîcher ôstertag, mîns herzen sumerwunne, mîn liebiu stunde! Du bist daz liep, daz mîn jungez herze allein minnet und meinet, und allez zîtlich liep durch dich hât versmâhet. Des lâz, herzen trût, mich geniezen und lâz mich hiut ein schappel von dir erwerben. Ach, miltez herze, tuo ez durch dîn götlîchen tugende, durch dîn natiurlîchen gnâde, und lâz mich hiute an disem {20} îngândem jâre niht lêr von dir gân. Eyâ wie stüende ez dir, süeziu süezikeit! Gedenke, daz ein dîn lieber kneht uns von dir seit und sprichet, daz in dir niht sî Nein und Jâ: in dir sî niuwent[236] Jâ und Jâ. Dar umb, mîns herzen minne, biut mir hiut ein minneclîchez Jâ dîner himelschen gâbe; und als den touben minnern ein lieplîchez schappel würt gegeben, alsô müeze mîner sêle hiute zuo einem guoten jâre etwaz sunderlîcher gnâden oder niuwes liehtes von dîner schœnen hant werden gebotten, zarte, trûte mîn wîsheit!’ Diz und des glîch begunde er dô und gie niemer ungewert dannân.

Fußnoten:

Notes in this chapter

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