Volume 1 — DAS AUSGEHENDE MITTELALTER.
Reading edition
DAS SPIEL VON DEN ZEHEN JUNGFRAUEN.
[Scherer D. 245, E. 238.]
Behandelt die neutestamentliche Parabel von den klugen und thörichten Jungfrauen; soll 1322 vor dem Landgrafen Friedrich von Thüringen aufgeführt sein, wurde aber schon früher verfasst. Herausgegeben von L. Bechstein (Halle 1855); Rieger in der ‘Germania’ 10, 311.
Die erste dorechte sprichet alsus:
Herre vater, hymelischer got, thuwe es durch dinen bitteren dot, den du liede an dem crutze frone[237], vnde habe vnser armer juncfrauwen schone[238]. vns hat leider versumet vnser dorheit: lass vns genyssen diner grossen barmehertzekeit vnde Marien, der lieben muter din, vnde lass vns zu der wirstchafft[239] hien in.
{10} Jhesus sprichet alsus:
Wer die zyt der ruwe versumet hat vnde nit enbussete sin missedat, kommet der vor myn thore stan, er wirdet nommer in gelan.
Die ander dorechte sprichet alsus:
Thuwe vff, herre, din thore! die gnadenlosen juncfrauwen sten hie vore. wir bidden dich, lieber herre, daz du din gnade wullest zu vns keren.
{20} Jhesus sprichet alsus:
Ich weiss nit wer ir syt, want ir zu keiner zyt mich selben erkant hat nach die andern myn hantgedat[240]. des wirdt uch vil unuerdrossen[241] die hymelthore vor beslossen.
Die dritte dorechte sprichet alsus:
Sint vns got hat verseid[242], so bidden wir die reinen meid, muter aller barmehertzekeit, daz sie sich erbarme uber vnser grosse hertzeleit vnd bidden iren sone vor vns armen, 10 daz er sich uber vns wulle erbarmen.
Die vierde dorechte sprichet alsus:
Maria muter vnde meit! vns ist dicke geseit, du sist aller gnaden vol: nu bedurffen wir gnaden wol. diss bidden wir dich sere durch aller juncfrauwen ere, daz du biddest dinen sone vor vns armen, daz er sich uber vns wulle erbarmen. 20
Maria sprichet alsus:
Hettit ir mir ader[243] myme kinde ye keinen dinst getan, daz muste uch nu zu staden stan. des entadet ir leider nicht: des wirdit vnser beider bedde vnuerfenclich. doch wil ich versuchen an myme lieben kinde, ob ich keine gnade moge finden.
Maria fellet vff ir knye vor vnsern herren vnde sprichet:
Eya liebes kynt myn, gedencke an die armen muter din. 30 gedencke an die manicfaldigen not, die ich leid durch dinen dot. herre sone, do ich din genas, do hatte ich wedder hus nach palas, dan alles armude[244]: daz leit ich alles durch din gude. ich hatte mit dir arbeit, daz ist ware, me wan dru vnde dryssig jare. siech, liebes kint, des lone mir vnde erbarme dich uber diese armen hier.
Jhesus zu Marien sprichet:
Mutter, gedencket an die wort, 10 die sie finden geschrieben dort: wolken unde erden sal zugen, mine worte sullen ommer stille sten. du nach[245] alles hymelisch here mogen einen sunder nit ernern[246].
Die erste dorechte sprichet alsus:
Eya herre, durch dine gude entwich hude dim gemude vnde erzorne dich nit so sere! durch aller juncfrawen ere 20 siech an hude vnser iamerkeit. was wir gein dir getan han, daz ist vns leit: wir wullen din gebot me halden stede. erhore hude diner muter bedde vnde lass vns armen juncfrauwen din wirtschafft beschauwen. Maria, aller sunder drosterin, hilff vns zu der wirtschafft hien in!
Maria sprichet alsus:
Ich will gerne uwer vorsprecherin sin, 30 weret ir von sunden fry, so mocht ir desto bass herin kommen. ich wil aber vor uch bidden myn kint Jhesum.
Maria sprichet alsus:
Liebes kint, la dich myner bede nit verdriessen. lass hude vnser trehen vor din augen fliessen vnde gedencke an daz vngemach, daz von diner martel[247] mir geschach, do ein swert durch myne sele ging. so was ich pine durch dich enphing, der lone mir mit diesen armen vnde lass sie dich erbarmen. du bist ir vater vnde sie din kint: 10 gedencke wie sure sie dir worden sint mit manchem vngemache. mit so welcher hande sache der sunder dich erzornet hat, so ist er doch din hantgedat[248]. drut sone guter, erhore din muter. ob ich dir ye keinen dinst getede, so gewere mich dieser einigen bede vnde lass diese jemerlichen schare 20 ane vrteil zu hymel varn.
Jhesus sprichet alsus:
Nu swyget, frauwe muter myn: die redde mag nit gesin. die wyle sie in der wernde[249] waren, guder wercke sie verbaren[250], gereidt[251] was yne alle bosheit: des versage ich yne mine barmhertzekeit, want sie ir dort nit geruchten[252]. des beuel ich sie den verfluchten: 30 ir spade ruwe daug zu nichte. ich wil nu zu rechte richten. get, ir verfluchten ane sele vnde ane libe, von mir wil ich uch vertriben: get in daz fure, daz uch bereidt ist dem tufel vnde sime genist[253]. sunder, gang von mir: droist vnde gnade versagen ich dir. kere von den augen myn, min antlitz wirdt dir nommer schin. scheide von myme riche, daz du vil jemerliche mit dinen sunden verlorn hast: drag mit dir der sunden last. 10 gang hien vnde schry ach vnde we; din wirdt rad[254] nu iach[255] nommer me.
OSTERSPIEL.
Befindet sich in einer Wiener Handschrift aus dem Jahre 1472. Herausgegeben von Hoffmann in seinen ‘Fundgruben’ 2, 296.
[Scherer D. 247, E. 239.]
Hie hebet sich an das spil von der besuchunge des grabes und von der uferstendunge gotes.
Precursor. Hüt und tret mir aus dem wege, Dass ich meine sache vorlege: Wer seine sache nicht wol vorlegen kan, Der nimt ofte schaden daran. Wer ist gewest nach meinen sitten? Ich wolte daher haben geritten Ein pfert, ane pfenninge mochte ichs gekaufen: 20 Darumme muss ich zu fusse laufen. Wol umb, ir herren, und wol umbe, Die weite und auch die krumme, Die breite und auch die firre[256], Dass uns niemant irre. Nu horet zu alle geleich, 20 Beide arm unde reich; Horet zu alle gemeine, Beide gross unde kleine; Ir jungen und ir alde, Horet zu also balde, Und ir alten flattertaschen[257], Ir kunnet vil smetzen[258] unde waschen, Und wo man icht wil beginnen, Da wolt ir euch auch zu dringen. Wir wellen haben ein osterspil, Das ist frolich und kost nicht vil, Wie got ist erstanden Von des todes banden, 10 Und hat die heiligen veter erlost Von der bittern hellen rost. Das welle wir tun in seiner ere, Dass sich sein gedechteniss mere In allen guten herzen, Die da wellen erlost werden von smerzen. Und wer unser darumme spott, Es sei Kunze Heinrich oder Ott, Hensel oder Eckehart, Oder Nitsche mit dem grossen bart; 20 Auch wirt uns iemant hindern daran, Es sei frau oder man: Entstet[259] im darunter icht, Das welle wir achten gar vor nicht, Und wünschen im dass er falle Als eine feder von eime stalle. Darumb bleibet alle stille sten Und horet wie sich das wirt ergen. Ich kan euch nicht mer geschallen[260]: Ir sulet uf treten alle. Pilatus und die juden gen mit im. Ein kaufman spricht. Ich bins nemlich kommen von Paris; Uf erztei[261] habe ich geleget meinen fleiss Wol vier und vierzig jar: 10 Was ich euch sage, das ist nicht war. Aliud. Nu horet, ir jungen und ir alten, Ir rauchen und ir kalten; Nu horet alle gleich, Beide arm unde reich. Ich bin ein meister her kommen: Ir sollet mein nemen kleinen frommen[262]. Ich habe erztei also vil, Die ich euch itzunt nennen wil; 20 Ich habe auch gutes geretes vil, Nuscheln[263] unde deisselseil[264], Beutel unde teschelein, Darzu die glesen[265] tepfelein. Ich bin ein meister gar hoch geborn, Und habe meinen knecht verlorn: Und wer ierne[266] einer in dem lande Der gebrauen[267] hette eine schande, Und welte meines dienstes pflegen, Zwar reichen solt wolte ich im geben. Rubin kommet. Herre, wie dunket euch umbe mich? Ich bin jung und hofelich. Ich kan den alten weiben Die beutel abesneiden; 10 Auch kan ich stelen und gar wol verslan[268], Und bin doch nie zu der staupe[269] gehan[270]. Aber in Beierlant Da wart ich durch die backen gebrant: Wer ich nicht entgangen, Man hette mich vorwar gehangen. Der kaufman spricht. Nu sage mir, liebes knebelein, Wie ist genant der name dein? Rubin antwort. 20 Rubin bin ich genant, In Beiern wart ich geschant; Ich kan keufen und verkeufen Und die leute wol leichen[271]. Medicus ad servum. Rubein, solte ich die warheit jehn, Ich hette dich vor in eime lande gesehn: Da was ein kleines knebelein, Das was genant Rubein; Das zalte[272] die heuser umb den mittag Und nam das gemerke[273] in den sack. Rubein antwort. Ja herre, zwar, 10 Ich bins gewest vorwar. Medicus dicit. Nu sage, lieber Rubein, Was ist das lon dein? Rubein respondit. Herre, mein lon ist gar stark: Ein pfunt pulze[274] und ein gebraten quark[275]. Medicus dicit. Rubein, ich wil dir den quark geben, Dass du das jar nicht must uberleben, 20 Und auch einen fladen[276] darzu Den da machet die ku: Das ist ein grosses lon zwar, Das ich dir gebe zuvor. Rubinus spricht. Herre, in euerem dienst wil ich leben Und das stete pflegen. Der arzt spricht. Nu sage, knecht, was das bedeute: Ich sehe aldort gar vil leute: Mich dunket in meinem mut Dass sie suchen salbe gut. Nu setze aus die buchsen schier, Zwei, drei, oder vier, 10 Ob wir icht mochten gekeufen[277] gelt. Nu slag uf unser gezelt, Und tu das alzuhant. Dass die erztei werde den leuten bekant. Mercator dicit. Nu ist das die eine: Die slug ich aus eime steine. So ist das die ander: Die brachte ich von Flandern. So ist das die dritte: 20 Die brachte ich von Egipten. So ist das die vierte: Die macht ich zu dem biere. So ist das die fumfte fein und klar, Als eine ku die kalben sal: Wer da hat ein har oder zwe, Der wirt rauch als ein ganse[278]. Medicus antwort. Ich wil dir sagen, Rubein, Und vernim gar wol die rede mein: Sich die buchsen gar eben[279] an, Dass sie niemant mag von hinne getran; Wirt dir ierne eine genommen, Du wirst sein nemen kleinen frommen: Du wirst mir dieselbe teuer gelten, Oder ich werde dich gar sere schelten ... Nu gen die person und singen. Almechtiger got, vater der hochste, Der engel trost der uns erloste 10 Von grossen noten unde troste. Die ander persone. Vater, almechtiger got, Dem die engel sten zu gebot, Wie sol uns armen nu geschehn, Dass wir dich nicht me sullen sehn? und spricht. Wir han verlorn Der uns zu troste wart geborn, Jesum Christum 20 Der reinen juncfrauen sun So er was der werlde hoffenunge ... Owe wie gross ist unser smertze! Wir haben verlorn Jesum Christ, Der aller werlde ein troster ist, Marien son den reinen: Darum müsse wir beweinen Swerlichen seinen tot: Wenn er half uns aus grosser not. Die dritte persone. Wir sullen gan ‖ da Jesus wart geleit[280] Und trauer han ‖ durch unser selikeit Und salben im die grossen wunden sein. Owe wie gross ist unser herzepein! Vil lieben swestern beide, 10 Wie sulle wir uns haben[281] zu unserem leide, Wenne wir Jesu des süssen Leider entberen müssen. Des gehe wir und kaufen salben Damite wir in allenthalben Bestreichen seine wunden Nu zu disen stunden. Der kaufman ruft dem knechte. Rubein, Rubein, Rubein! Rubinus komt gelaufen. 20 Was welt ir, herre meister mein? Mercator. Rubein, wo bist du so lange gewest? Du tust meinem dienste nicht recht: Du soltest hie keufen und verkeufen Und die leute wol teuschen unde leichen ... Rubein, es mag wol schiere tagen. Ich hore jemmerliche klagen Drei frauen unde singen: Uns mag noch gar wol gelingen An dem kaufe den wir da han. Gehe und heiss sie her gan. Rubinus. Herre, welche meinestu? 10 Sol ich sie alle rufen herzu? Mercator. Nein, rufe mir die alleine, Die da an dem wege klagen und weinen. Rubinus get zu den swestern. Got grüsse euch, ir frauen, zu aller zeit: Ich sehe wol dass ir betrübet seit; Was euch auch werre, Ir holet das seufzen ferre[282]; Das ist mir leit, das gleubet mir, 20 Dass ir also betrübet stet alhier. Die personen sagen. Gut kint, got lone dir: Wir haben swer gemüte alhier. Rubinus. Das besser euch got durch seine güte Und euch von allem leiden behüte! Dürft ir nicht hülfe oder trost, Get zu meinem hern: ir wert erlost. Die ander persone. Got ere dich, guter jüngeling; Dass got gebesser deine ding! Unser leit ist verborgen. Wir wellen dir gerne volgen; Nicht lenger welle wir alhie stehn: Wir wellen gerne mit dir gehn. 10 Mercator canit. Ir frauen, nu seit mir wilkommen: Ich hoffe, ich neme euer guten frommen. Ist hier icht das ir begert, Des wert ir von mir ganz gewert. Ich habe die besten salben Die da allenthalben In dem lande mag gesein, In Ysmodia und in Neptaleim[283]. Summer[284] mein korp und mein stap, 20 Die brachte ich von Arab; Summer mein schones weip Anthonie, Die brachte ich von Babylonie; So müsse euch die wol gedein: Wenne ich brachte sie von Allexandrein. Die dritte persone. Gut man, ich habe in meinen henden Drei gute gulden besanden[285]: Gip uns darumme deine masse, Dass dich got leben lasse. Mercator. Ir frauen, ir keuft ane schelten[286]: Euer gelt wil ich euch abe gelten[287]. Nemet dise buchse darumme: Wenne sie ist besser wenne ander funfe; 10 Und nemet die buchse dabei: Die ist besser wenn ander drei; Auch nemet die darzu: Sie ist besser wenne ander zwu. Tercia persona. Nu sage uns, guter man: Sulle wir mit diser salbe gan? Mercator. Ja frau, were ich rot golt, Ir soltet sie tragen wohin ihr wollt. 20 Die erztin zornig spricht. Ir frauen, lat die büchsen stan; Ir sullet sie nicht von danne tran: Sie kost mich alzu teuer; Ich machte sie nechten[288] bei dem feuer; Und geht gar engelich[289] von meinem kram[290], Oder ich wil euch mit eime knuttel slan. Der kramer spricht zu ir. Wie, ir rechte übel haut! Wie tort ir[291] immer werden laut, Dass ir strafet mein verkeufen? Darum muss ich euch slan und reufen. Mercatrix. Se[292] wie dunket dich um den flessen[293] bart? Du bist ein mudig[294] von der art. Dass dich der geier schende 10 Hie unter meinen henden! Mercator. Sweiget, fraue, und lat euer swantzen[295] Zu Breslau uf dem tume[296] becket man gute mosanzen[297]; Zu Otmachau[298] gar gute weiche kese; Ich getraue gar wol vor euch genesen. Mercatrix. Ich sweige noch nicht so schiere. Wenn du kommest von dem biere, So bistu trunken sam ein swein: 20 Dass es dir nummer müsse gedein! Mercator. Sweiget, frau, oder ich gebe euch einen puf[299]. Mercatrix. Dorte get der monde uf. Mercator. Sweiget! ich gebe euch einen slag. Mercatrix. Zolch[300] da er hie lag! Mercator. Ach du altes redefass[301], 10 Ich bin dir nie worden gehass: Ich wil dich nu slan umb den kop, Dass du wirst werden top[302]; Nu sehe dir eines uf den rucke[303] Zu deinem grossen ungelucke. Mercatrix. Ach ach ach leider! Sein das die neuen kleider Die du mir zu den ostern hast gesant? Dass du must werden gebrant! 20 Got gebe dir das korfel[304] in den magen, Dass du das jar nicht musst überleben! Werstu zu Wiene nicht entgangen, Man hette dich an den galgen gehangen. Du hast auch einen roten bart, Und bist ein mudig von der art. Mercator. Fraue, liebe fraue mein, Dass ir immer selig müst sein! Vergib mir dass ich dich habe geslagen Gar hertlich an deinen kragen[305]. Du machst deine klage gar manchfalt: Daran tustu mir gewalt; 10 Und hast ein wunderlich geberde, Und wilt mich bringen unter die erde. Mercatrix. Nein, ich vergebe dir nicht dise slege, Ich sehe dich denne in ein grab legen. Mercator spricht zu Rubein. Wol hin mit den pulvern: Ich kan alhie nicht me bleiben. Hebe uf korb unde stab, Und laufe wir gein Arab, 20 Und mache wir uns aus dem lande: Anders wir mochten werden zu schanden. Rubinus dicit. Herre, ich lege ein alzuhant, Und laufe mit euch in fremde lant. Die personen sagen. Owe uns drei armen frauen! Mag man schauen Jammers not? Nu ist er tot, Den die Juden han ermort Ane sache[306] und ane schulde, Als ir dicke hat gehort. Owe uns armen drei frauen! Was jammers mag man schauen 10 Den wir tragen in unserm herzen! Awe des jemmerlichen smerzen Den wir umb unseren herren tragen, Den uns die Juden haben erslagen! Prima persona. Wenn der meister und der hirte Jemmerlich geslagen wirt, So verirren sich die schefelein Und die lieben junger sein. Von seiner verlust so leiden wir 20 An dem herzen jammers vil. Die ander persone. Nu schaut wie das stet, Wo das vie ane hirten get, Und die schüler ane meister sein: Das ist uns wol worden schein, Sint wir haben verlorn Den der uns zu troste wart geborn. Darumb beweine wir seinen tot: Wenne er half uns aus aller not. 30 Die dritte persone. Swestern, wir sullen hie nicht lenger stan: Wir sullen zu dem grabe gan: Wenne ich habe ein alt sprichwort Gar dicke unde ofte gehort, Dass man die treue lobet allermeist Die man nach dem tode leist. Darumme, lieben swestern mein, Was uns liep das leben sein, Das tu wir nach dem tode schein. 10 Zu dem grabe wolle wir eilen, Ob wir finden Jesum Christ Der uns ie der liebeste ist, Und alle seine wunden gross Die er empfangen hatte bloss Bestreichen allenthalben Mit diser teuern salben. Persone sil. euntes ad sepulcrum canunt. Wer hilft uns welzen abe 20 Den stein von dem grabe Der dar uf gelegit ist, Dass wir unserm herren Jesu Christ Salben seine wunden? Die sten noch im unverbunden. Die engel antworten. Wen sucht ir, frauen gut, Mit so traurigem mut, Also frü vor tage Mit so jemmerlicher klage? Die ander persone. Gottes kint, das sage wir dir: Jesum von Nazareth suche wir, Den wir hatten vor einen waren got, Und taten gerne seine gebot. Die engel singen. Er ist nicht hie, den ir sucht: Sunder get, ob irs gerucht[307], Und saget seinen jungern 10 Und Petro besunder Dass er ist erstanden Und gein Galilea gegangen. Die dritte persone. Weist uns, vil stolzen jungelinge, Die stat da er hat gelegen inne. Die engel singen. Get her und schauet die stat Da Jesus inne gelegen hat. Hie ist nicht me denne ein tuchelein, 20 Da Jesus was gewunden ein. Die personen alle singen. Owe, wir armen swestern waren komen mit leide zu unsers hern grabe: Der stein was abe, Die engel sageten uns mere Wie Christus erstanden were. Die ander persone. So wir zu dem grabe quamen, Der engel stimme wir vernamen: Sie sageten uns liebe mere, Dass Jesus erstanden were Von dem tode wol gesunt Und het zubrochen der hellen grunt. Der erste engel. Vil lieben frauen, wir sagen euch vor war Dass Jesus alhie hat gelegen zwar: Sunder[308] er ist nu erstanden Und vorbass gegangen. 10 Darumb wolt ir in han, So suchet in zu Galilean. Die dritte persone geseinende[309]. Got geseine euch, liebe swestern mein! Seht, noch heute komt mir swere pein: Ich mag weder gerasten noch gerun Bis ich meinen herren finde nu; Ich wil auch meine hende winden Bis ich meinen herren vinde. Die erste persone. 20 Jesu, du bist der milde trost Der uns von sunden hat erlost, Von sunden und von sorgen Den abent und den morgen. Die ander persone. Er hat dem teufel angesiget, Der noch[310] vil feste gebunden liget; Er hat vil manche sele erlost: O Jesu, du bist der werlde trost. Die dritte persone. Nu schauet alle dise stat Da Jesus inne gelegen hat. Ich habe das tuch in meiner hant Das im seine mutter umbbant. Ich bin genant Maria von Magdala: Ich werde nimmer fro; 10 Trauren mag mich nicht vorgan, Ich sehe in denne mit den augen an. Der mir meine sunde vergap, Der wart geleget in ein grap: Des muss ich aber klagen mer Und grossen[311] meines herzen swer. Owe der mere! Owe der jemmerlichen klage! Das grap ist lere: Owe meiner tage! 20 Wo ist nu hin mein trost, Der mich von sunden hat erlost? Der mir die sunde vergap, Den sach ich legen in ein grap. Tercia persona. Ich quam gegangen salben Den herren in ein grab allenthalben: Da vant ich das grap wan[312], Und da erkante ich an Dass er was erstanden Von des todes banden[313]. Silete, canitur. Der stein ist abe, Des meret sich mein ungemach, Von unsers herren grabe, Also mir der engel sprach. Ich suchte den engel nicht: 10 Ja suchte ich Jesum, der engel licht. Ich sterbe durch das licht: Vil süsser got, nu tröste mich! Tercia persona dicit. Der stein ist werlich geleget von der stat Darinne unser herre gelegen hat; Mit rittern was das grap besatzet wol: Nu weiss ich nicht wo ich in suchen sol.
MARIEN KLAGE.
[Scherer D. p. 247, E. 241.]
Aus einer dem 15. Jahrhundert angehörigen Handschrift der Trierer Stadtbibliothek herausgegeben von Hoffmann in seinen ‘Fundgruben’ 2, 259.
Deinde Maria ut sequitur:
Owê owê hiute! waz sol ich Oder wer wil nû trœsten mich? Sint ich den süezen hân verlorn 10 Der mich ze muoter hete erkorn. Owê owê! nû gên ich wider unde vür; Nieman tritet vür die tür, Der dise nôt welle enden! Des ringe ich arme muoter mîne hende. Owê owê der jæmerlîchen nôt! Owê, mich dunket er sî tôt. Johannes neve, nû vüere mich Zuo mîme kinde, des bite ich dich. Wehe wehe über den heutigen Tag! was soll ich, und wer wird mich nun trösten, da ich den Süssen habe verloren, 10 der mich zur Mutter hatte erkoren? Wehe wehe! nun geh ich auf und ab; und niemand tritt vor die Thür, der diese Noth will enden: darum ringe ich arme Mutter die Hände. Oweh, oweh der jammervollen Qual! Oweh, mich dünkt er sei tod. Johannes, Neffe, nun führe mich zu meinem Kinde, darum bitte ich dich.
Tunc vadunt ante crucem et Maria cantat plangendo cum manibus.
Owê owê der jæmerlîchen klage, Die ich muoter eine trage Al von des tôdes wâne. Weinen was mir unbekant, Sint ich muoter wart genant, 10 Und bin doch mannes âne. Nû ist ze weinen mir geschehen, Sint ich sînen tôt muoz sehen Den ich âne swære gar Muoter unde meit gebar. Owê tôt! Dise nôt Mahtû wol volenden, Daz du von dir Her zuo mir Dîne boten wellest senden. Owê der leide! 20 Der tôt der wil uns scheiden. Tôt nû nim uns beide, Daz er niht aleine Sô jæmerlîche von mir scheide. Owê! waz hât er iu getân? Muget ir ime niht sîn leben lân Und nemt mir mînen lîp? Owê! waz sol ich armez wîp! Grôzer klage ist mir nôt. Owê, læge ich vür in tôt! Vater schepfer bistû mîn, Und ich dîn gebererîn: Dîne wunden tuont mir wê. Miner klage ist worden mê, Sint dû herzeliebez kint trût 10 Wider mich niht maht werden lût. Herzekint, Dîne ougen sint Dir sô gar verblichen. Dîne maht Und dîne kraft Ist dir sô gar entwichen. Owê owê, vil lieber sun mîn! Owê der grôzen marteln dîn! Owê, wie jæmerlîchen dû hengest! Owê, wie dû mit dem tôde ringest! Ach wie jæmerlîchen bibet dir dîn lîp! 20 Eiâ, waz sol ich armez wîp, Sint ich dich, liebez kint mîn, Sihe lîden alsô grôze pîn! Des sticht mich ze dirre stunt Ein swert durch mînes herzen grunt. Simeonis grimmec swert Daz hât mich wol bevunden. Pînen bin ich wol gewert Ze disen selben stunden. Weh weh, welch jammervolle Klage, die ich, die Mutter, alleine trage von des Todes Gedanken. Weinen war mir unbekannt, seitdem ich Mutter ward genannt, 10 obwohl ich des Mannes ledig bin. Nun ist mir das Weinen angekommen, seitdem ich seinen Tod vernommen, den ich ohne jeden Schmerz trug unter jungfräulichem Herz. Oweh Tod! Dieser Noth machst du leicht ein Ende, wenn du von dir her zu mir deine Boten willst senden. Weh und Leid! 20 Der Tod der will uns scheiden. Tod, nun nimm uns beide, dass er nicht alleine so jämmerlich von mir scheide. Oweh! was hat er euch gethan? Könnt ihr ihm nicht seine Leben lassen und nehmt mir meinen Leib? Oweh! was soll ich armes Weib! Grosse Klage thut mir Noth. Oweh, läg ich statt seiner tod! Vater Schöpfer bist du mir, und ich, die dich geboren hat: deine Wunden thun mir weh. Meine Klage hat sich vermehrt, seit du herzliebes trautes Kind 10 zu mir keinen Laut mehr sprechen kannst. Herzenskind, deine Augen sind dir so ganz verblichen. Deine Macht und deine Kraft ist dir so ganz entwichen. Oweh, oweh mein viel lieber Sohn! Weh über deine grosse Marter! Weh, wie jämmerlich du hängest! Weh, wie du mit dem Tode ringest! Ach, wie jämmerlich bebt dir der Leib! 20 Weh, was soll ich armes Weib, da ich dich, liebes Kind mein, Sehe leiden solch grosse Pein! Damit sticht mich zu dieser Stund ein Schwert durch meines Herzens Grund. Simeons grimmes Schwert das hat mich wohl getroffen. Qualen sind mir reich beschert zu dieser selben Stunde.
Post hoc Salvator cantat: Mulier ecce filius tuus, et dicit cum hoc Rhythmo:
Sich, wîp, ditz ist der sun dîn, Johannes sol nû dîn pfleger sîn Und sol nû dîn sun wesen, Wande dû wol sihest daz ich niht mac genesen.
Sieh, Frau, dies ist dein Sohn, Johannes soll dein Pfleger sein und soll nun dein Sohn werden, da du wohl siehst, dass ich nicht am Leben bleiben kann.
Et deinde dicit ad Johannem: Ecce mater tua, cum hoc Rhythmo:
Johannes, lieber neve mîn, 10 Ich bite dich daz dû mîner muoter pfleger wellest sîn Und daz dû trœstest ir herzeleit, Daz si durch mîne martel treit.
Johannes, mein lieber Neffe, 10 ich bitte dich, du mögest meiner Mutter Pfleger sein und sie trösten in ihrem Herzeleid, das sie wegen meiner Marter trägt.
Johannes respondet:
Gerne, Jesus meister mîn, Ich wil gerne ir huoter sîn Und si bewarn die wîle ich leben, Sint dû mich ir ze pfleger hâst gegeben.
Gerne, Jesus Meister mein, ich will gerne ihr Hüter sein und sie bewahren Zeit meines Lebens, Da du mich ihr zum Pfleger gegeben hast.
Maria dicit R. ad Salvatorem.
Owê Jesus, vil liebez kint mîn, 20 Wie grôz ist dînes lîbes pîn! Ach owê, wie dîn munt nû bibet! Owê des urloubes, des er mir nû gibet! Owê leit vor allen leiden! Sol ich mich nû von im scheiden Von deme der ie ist gewesen mîn trôst? Von jâmer bin ich ungelôst. Owê, wâ herberge ich die êrste naht? Mit grôzem jâmer bin ich überdaht. Ditz ist ein bitterlîcher mort. Ach liebez kint, nû sprich mir doch zuo ein wort, Ob ich dîn muoter bin. Owê! er enmac, er ist dâ hin. Er ist leider übel gereiset, 10 Wande ich bin ze mâle verweiset: Des muoz ich schiere vor leide vergân. Ach dû herter kriuzeboum, Wie dû dîne arme hâst zetân, Dâvon ich grôzes jâmers vil hân. Ach wistest dû an dirre stat, Waz man an dir gesperret hât, Dû tætest dîne arme zesamne sint Und liezest ruowen mîn liebez zartez kint. Eiâ dû sûre jüdesche diet, 20 Warumbe tœtet ir mich niet? Wand mînen trôst hât ir mir benomen. Owê, wâ sol ich hinnen komen? Nune weiz ich leider war ich vlîe. Des tôdes wil ich bîten hie.
Wehe Jesus, mein viel liebes Kind, 20 wie gross ist deines Leibes Pein! Ach wehe, wie dein Mund jetzt bebt, weh über den Abschied, den er mir giebt! Weh Schmerz über alle Schmerzen! Soll ich mich nun von ihm trennen, von dem, der jeder Zeit mein Trost gewesen? Mit Jammer bin ich unlöslich verbunden. Oweh, wo kehre ich die erste Nacht ein? Mit grossem Jammer bin ich überdacht. Dies ist ein bitterer Mord. Ach liebes Kind, nun sprich doch zu mir ein einzig Wort, wenn ich deine Mutter bin. Weh, er kann nicht, er ist dahin. Er ist leider auf einer schlimmen Reise, 10 und ich bin zumal verweiset: drum muss ich schier vor Leid vergehn. Ach du harter Kreuzesbaum, wie hast du deine Arme geöffnet! Das bereitet mir grossen Schmerz. Ach wüsstest du nur, was man an dich gehängt hat, du schlössest deine Arme und liessest mein liebes zartes Kind ruhen. Weh du rauhes Judenvolk, 20 warum tödtet ihr mich nicht? Habt ihr mir doch meinen Trost benommen. Weh, wohin soll ich nun von hier mich wenden? Leider weiss ich nun nicht, wohin fliehen. Des Todes will ich harren hier.
Et sic residet in terram.
THEOPHILUS.
[Scherer D. 248, E. 242.]
Von einem niederdeutschen Dichter verfasst. Aus einer dem 15. Jahrhundert angehörigen Handschrift der Stadtbibliothek zu Trier herausgegeben von Hoffmann (Hannover 1853).
Theophilus. Ik bin geheiten Theophilus, Myne klage begint aldus[314]. Ik was geheiten ein kloken man, An pâpheit[315] kundik my wol verstân Und ôk noch als ik hoppe. Ik was gekoren to einem bischoppe Unde sold ein here[316] syn gewesen, 10 Do verdrôt my singen unde lesen. Nu hebben sei einen anderen koren, De hevet my dôr synen toren Verdreven unde myne provende[317] nomen, Dei my plach degeliks in to komen An wyne und ôk an weite[318], So dat ik nu ein arm man heite. Seit, dat mojet[319] my also sere: Wistik ef jenich[320] duvel were Hyr an dusser êrden, 20 Syn eigen woldik wêrden! De my helpen wold dâr an, Dat ik worde so ryken man, Dat ik dem bischop unde dem stichte[321] Mochte wederstân mit gichte[322]. Is ôk an dusser stunt Jenich duvel an hellengrunt Edder an der hellen dore, De make drade sik hervore, Edder wâr hei besloten sy, De kome drade her to my! Ik beswere dy, duvel Satanas, By dem gode, de lôf[323] unde gras 10 Und alle dink geschapen hât, Des hemels lôp[324], der êrden stât[325]; Ik beswere dy by dem valle, Den gy duvele vellen alle, Da unde dyne medegenoten[326], Do gy worden van dem hemel stoten; Ik beswere dy by dem jungesten dage, Wan godes sôn kumt mit syr klage Over alle sunderlude[327], Dat du to my komes hude 20 Mit bescheide und antwôrdes my Allet des ik vrage dy!
Hyr komet nu de duvel springen unde secht to Theophilo mit greseliker stemme dussen rymen:
Satanas. Theophile, wat mênstu hyr mede? Dit is jo juwer[328] papen sede: Wan ju is ein vort entgân, So wil gy uns armen duvele hân, Wy en blasen ju den weder in: 30 Sus sêrdy[329] uns, eft[330] wy ju eigen syn. Jo en egen[331] wy es nicht van ju papen, Wente[332] wêr wy duvele nicht geschapen, Dat gy de leien mit uns vervêrt[333], Gy mosten ôk halden den plôchstêrt[334]. Nu twing gy uns mit juwer klôkheit, It sy uns leif, it sy uns leit, Dat wy moten to ju komen. Dû hefst my eine lange reise benomen: Ik was dâr hento India, Myne gesellen sochtik da. Dâr was de konink gestorven, Ik had syn sele na[335] erworven. 10 Tohant do ik dyn bannen hôrde Unde dyne greseliken wôrde, Do mostik rôklose[336] komen to dy. Nu sech up[337] drade, wat woltu my?
Theophilus. Hefstu silver unde golt So wil ik dy den dûrsten solt Den ik ye gewan verkopen: Myne sele, dei in der dopen[338] Mit godes blode is gereinet 20 Unde na synem bilde is vereinet, Dei wil ik setten in dyne hant, Ik en hebbe nein durer pant[339]. Woltu solke pande entfân, So wil ik met dy einen kôp angân.
Satanas secht weder:
Satanas. Nein, nein, dâr mede schaffestu nicht! Dat is uns ôk wol mêr geschicht[340], Dat wy gôt den luden geven, 30 Dat sei er wâllust mede dreven Twintich edder dertich jâr, So begunden sei dan to lesten dâr In einen wech to komen, Dat sei uns worden benomen. Doch wo em sy, is dy icht leif Gelt unde gôt, so schryf einen breif! De breif sal also wesen, Al dei en sein[341] efte lesen, Den salstu bekennen unde gein[342] Openbâr unde dâr nicht entein[343]; Dat Theophilus des duvels sy. Dyn segel[344] sal dâr hangen by, 10 Dat du dregest an dyner hant: So antwôrd my breif unde pant. Ik wil dy so vele gudes geven, Dat du hêrliken moges leven.
Theophilus. Wat solen dei breive myn? Myn wôrt doch recht solen syn! Ik en wil dy nicht vôrleigen[345], Wente woldik dy bedreigen, Wat dochtik dan to einem papen?
Satanas. Nicht, nicht! it is al anders schapen. 20 Woltu my wêrden underdân, Dyne hantveste[346] wil ik êrst entfân, Dâr inne salstu dat schryven, Dat du myn willes ewich blyven Mit lyf, mit sele. Ôk schryf dârby, Dat nein trôst mêre an dy en sy. Und ôk we vor dy bede, Dat hei dy unrecht dede. Hefstu leive to solken saken, So wil ik den kôp mit dy maken 30 Unde wil dy so vêl godes geven, Dat du moges hêrliken leven.
Theophilus. Ik bin darum to dy gekomen, Als du ein deil wol hefst vernomen, Dat ik gêrne jummermere Um geldes willen dyn eigen were.
Satanas. Dyn wille sal dy wol geschein, Ân ik wil êrst pant unde breive sein.
Theophilus. Nu du my dârto wolt dryven, Dat ik dy einen breif sal schryven, Dei my an myne sele geit, Dârto bin ik gâr bereit. 10 Wat helpet, dat ik dâr weder sage? Went ik môt doch al myn dage Eweliken syn verloren. Nu recket my her ein inkethoren[347], Eine vederen unde permint[348]! Dat is my recht so ein wint. Ik wil schryven ein tractât, Dat nummer myr[349] sele wêrde rât.
KAISER UND ABT.
[Scherer D. 249, E. 243.]
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verfasst. Herausgegeben von Keller (Tübingen 1850).
Der apt dicit:
Mulner, pis mir gotwilkumm her! 20 Dreier ret ich von dir beger: du pist ein abenteuerlich man. Wer mag das geluck am nechsten han?
Der mulner:
Herr, das ist gar guot zuo erraten, als wurst zuo essen, wenn sie sein gepraten: vil leicht kan ich euch das gesagen.
Der apt:
Mulner, ich wil dich mer fragen: was gult ein keiser, solt man in kaufen?
Der mulner dicit:
Müest ich dann ausz der müle laufen, das wundert mich von herzen ser. 10
Der apt:
Wie vil ist wassers in dem mer?
Der mulner:
Sein das die ratnus alle drei?
Der apt:
Ja, lieber mulner, hab fleisz da bei, wann mir leit nit ein kleinsz daran.
Der mulner:
Ei herr, was wer ich fur ein man, kund ich des nit und het es gesehen? 20
Der apt:
Die ret müessen vor dem keiser geschehen. Wann du sie erretst, so wil ich dir geben genuoc, die weil du magst iemer leben.
Der mulner:
Herr apt, ir sult mir warlich getrauen, oder laszt mir den kopf abhauen.
Der apt:
Mein mulner, ich gelaub dir gern! Du muost dir lassen ein platten schern, 30 und leg auch an ein kutten frei, das der keiser maint, das ich das sei....
Der mulner kumpt in der kutten und spricht zuo dem apt:
Mein herr der apt, bona dies! . . . . . .
Der apt:
Herr, ir wert nu auf sitzen.
Nu sitzt der mulner auf das wegenlein, so ziehen in die pauren in die stuben fur den keiser. Der herolt:
Ir durchleuchtiger keiser her, eur apt ist hie und hat beger, woll euch die drei rete raten hie.
Der keiser:
Wir wollen in gern horen, wie; wann groszer weisheit tet im noten, 10 sol er uns die drei sach erroten.
Der keiser:
Herr apt, habt ir die sach nu bracht?
Der neu apt:
Herr keiser, ich habsz kaum erdacht: kein dink ist mir nie seurer worden, mir und mein bruodern in dem orden, pisz wir die sach erfunden han.
Der keiser dicit:
Herr apt, herr apt, nu ratent an, 20 wie vil ist wassers in dem mer?
Der neu apt:
Das sag ich euch, genediger herr, das solt ir mir gelauben wol: das mer ist neur drei kuofen vol.
Der keiser dicit:
Herr apt, sagt, wie mag das gesein? Tet man all kuofen darausz und drein, So kunt man es umb ein tropfen nit sehen. Wie tort ir dann ein solches jehen, 30 des meres sei neur drei kuofen vol?
Der neu apt:
Des wil ich euch bescheiden wol. Wenn grosz genuoc weren die zuber, so belieb des mers nit ein tropf uber.
Der keiser spricht zuo reten:
Ir herrn, wie gefelt euch die sach? Was sol ich thuon, dan das ich lach? Muosz mich dar an benuogen lan. Das ander muosz er mich auch lassen verstan: was sei wir keiser an gelt wol wert?
Der neu apt:
Herr, gilt der grosch heur als fert?
Der keiser dicit:
Herr apt, er gilt der pfennig siben. 10
Der neu apt:
Ich find in mein puochern geschriben, dass eur genade gult vier groschen.
Der keiser:
Maint ir, wir sein als gar erloschen, oder wir sein ausz taig gemacht?
Der neu apt:
Genediger keiser, habt selbs acht! Cristus, der ward umb dreissig geben, ir gelt kaum achtundzweinzig darneben. 20
Der keiser:
Herr apt, herr apt, ich straf euch nit. Nu ratend uns hie auch das dritt, wer ie das geluck am nechsten gewan.
Der neu apt:
Genediger keiser, so hort an! Ich bin der herr, des gelauben habt! Vor was ich ein mulner, iez ein apt: und kunt ich lesen, singen und schreiben, man müest mich lan im closter bleiben. 30
Der keiser:
Nu tret zuo uns, ir alter apt! Seit ir mit im gewechselt habt und er fur euch die dinc erriet, darumb solt ir eur lebtag niet mer apt sein, und gebt im das regiment! Mulner, die schlussel gebt im in die hent und nim von im weis und ler.
Der neu apt:
Euren keiserlichen genaden dank ich ser! Ich bit euch, erlaubt mir acht tag, pis ich mein mül verkaufen mag, das ich sag meiner mulnerin, wie sie nu sei ein eptissin, und meinen tochtern und knaben, 10 das sie ein munch zuo eim vater haben, im kloster sei ich das hochste haupt.
Der keiser.
Ja, mulner, das sei dir erlaupt!
ALBRECHT VON EYB.
[Scherer D. 251, E. 245.]
Aus Franken, wurde geboren 1420, studierte zu Pavia, erwarb dort den Doctorgrad, wurde Domherr zu Bamberg, Eichstädt und Würzburg, starb 1475. Er schrieb eine Art Anleitung zur Beredsamkeit ‘Margarita poetica’ (Nürnberg 1472); ein Ehebuch ‘Ob einem mann sey zu nemen ein eelich weib oder nit’ (Nürnberg 1472); die moralische Chrestomathie ‘Spiegel der Sitten’ erschien erst nach seinem Tode (Augsburg 1511) und enthält u. a. die Übersetzung von zwei Comödien des Plautus.
PLAUTUS BACCHIDES.
(Nach der Probe bei Cholevius, ‘Geschichte der deutschen Poesie nach ihren antiken Elementen’ I, 286).
Götz.
Lentz, ich bin dir lang, heimlich nachgangen und hab gewartet, wo du hin willst, und als ich sehe, so möcht ein Karthäuser (Lycurgus) an den Enden verführt werden. Sag bald, wo willst du hin mit solchem Muth, mit diesem Kleid, mit solcher Hochfahrt {20} und mit solchem Umgeug (? pompa).
Lentz.
Dahin.
Götz.
Wie dahin? wer wohnet da?
Lentz.
Es wohnt da Liebe, Wollust, Venus, Freud, Schimpfscherzen, Spiel, süsse Red, Halsen und Kussen (Amor, Voluptas, Venus etc.)
Götz.
Was Heiligen sind das, was Gemeinschaft hast du mit solchen verfluchten Heiligen? (cum diis damnosissimis)
Lentz.
Das sein böse Menschen, die frommen Leuten übel reden, und du redest auch übel den Heiligen; wahrlich du thust nit recht.
Götz.
Ist auch ein Heilig, der da heisset Halsen und Kussen?
Lentz.
{10} Hast du das nie gewisst? O Götz, du bist fürwahr ein grob Mensch; ich wollt wähnen, du wärst weiser denn Salomon (Thales), so bist du der grösst Narr, der da lebt, und bist so alt und weisst noch nit, wie die Heiligen heissen.
Götz.
Wie dem Allem, mir gefällt nit das Kleid, das du anhast.
Lentz.
Man hat es nit gemacht, dass es dir gefallen soll, sondern es soll mir gefallen.
Götz.
Du spottest mein; ja und hättest du zehen Zungen, so sollt du doch stillschweigen deinem Schulmeister.
Lentz.
Sicher Götz, es ist nicht ein jegliches Alter gut zum Schimpf; {20} ich gedenk jetzund mehr, wie ich hab ein guten Koch, der das Mal zubereite.
Götz.
O Lentz, ich sehe wol, es ist alle Mühe und Arbeit an dir verloren, was ich dich je Gutes hab gelehrt.
Lentz.
Da hab ich (auch) mein Müh verloren, dir zuzuhören, so du dein Müh hast verloren, mich zu lehren; dein Lehrung ist weder dir noch mir zu nutz kommen.
Götz.
O du verfluchtes Mensch!
Lentz.
Schilt mich nit, Götz; schweig still und geh mit mir zu den Frauen.
Götz.
{10} Sieh ein Mann zu, du heisst mich Götz und nit Schulmeister?
Lentz.
Es ist nit ziemlich, so ich bei den Frauen bin und hals und kuss sie, dass du gegenwärtig seiest als ein Schulmeister, sonder als ein Götz und gut Gesell.
Götz.
Wird das dein Mahl sein, Halsen und Kussen?
Lentz.
Ich hoff es, aber es steht zu Gott.
Götz.
{20} Und wirst du bei dir haben deinen Buhlen?
Lentz.
Ja, so du es sehn wirst, wirst du es glauben.
Götz.
Wahrlich, es geschicht nit; ich lass es nit zugehn; ich will es deinem Vater offenbaren.
Lentz.
Thu das nit, Götz, willst du dich hüten vor Übel.
Götz.
Wie sagst du, hüten vor Übel?
{20} Lentz.
Ja, ich bin deiner Ruthen entwachsen (iam excessit mihi ætas ex magisterio tuo).
Götz.
O Höll (barathrum), wo bist du, das du mich nit verschlingest! ich hab länger gelebt, dann mir lieb ist....
MICHEL BEHEIM.
[Scherer D. 252, E. 246.]
Der Sohn eines Webers, geb. 1416 bei Weinsberg, gest. nach 1474. Gab sein Handwerk auf, ward Soldat und Dichter, wanderte viel umher und hielt sich an verschiedenen Fürstenhöfen auf. Er schrieb viele Gedichte, theils historische Beschreibungen, theils Meistergesänge. Bekannt ist sein ‘Buch von den Wienern’ herausgegeben von Karajan (Wien 1843, 1867) und sein ‘Leben Friedrichs I von der Pfalz’ herausgegeben von K. Hofmann (München 1863). Karajan veröffentlichte ‘Zehn Gedichte Michael Beheims zur Geschichte Österreichs und Ungarns’ (Wien 1848). Geistliche Lieder Beheims wurden herausgegeben von Ph. Wackernagel in ‘Das deutsche Kirchenlied’ Bd. 2 (Leipzig 1867).
EIN MEISTERGESANC.
Hie wil ich Michel Behamer mit singen machen offenber wie ketzer und auch zauberer manchen menschen petœren, und stellen sich doch in dem schein als ob si frum und geistlich sein; vil manchen si in hellepein[350] verleiten und petauben[351] mit wildem ungelauben 10 und ach artikeln mancherlei und vil zauberstücken dabei, daz als perüret ketzerei, daz ir ein teil solt hœren. des ersten wurt[352] euch hie benannt vil ungelauben mancherhant, daz mit warsagen wurt bekant von den die sich an nemen[353] kunftige ding zu offenbarn; das sie an dem fewer ervarn und an den wolken wellen larn[354] und an des windes wehen: auch mein[355] si es zu sehen an dem wasser und an der erd; an dem sand es in kundig werd und mit puncten. hort waz geverd[356] 10 sölhe ketzer hie gemen[357]. auch wellen si ein solhs erscheinn mit teufelhaften menschn unreinn und auch mit toten, die si meinn zu erkiken[358] mit zaber[359]; darzu mit der vogel geschrei und ach wuhin ir fliegen sei, mit messen[360] und mit mancherlei unglauben also grossen; und mit den würfeln losen und mit dem salter und der schrift. ach wirt unglaub durch trem[361] gestift, und mit der teufel antwirt[362] prift[363] man solhs unglauben aber und auch mit sternen sehen. wer 10 zu vast daran geloubet, der velt ach in unglaben, und mer wer glabt in tages zeite, das eine für die andern bei dem menschen gluckhaftiger sei. ach ist das grosse ketzerei, wer glaubt in die geschöpfen, daz die menschen stöpfen[364] und uflegen waz im beschicht: wan ob daz also wer gericht, 20 so gings keim menschen anders nicht dan im würd of geleite[365]. daz ist ein grosser ungelab: wan uns got freien willen gab, daz wir mit werken gen hell ab oder gen himmel keren. auch wirt manch ungelaub behert[366] der von beswerung widervert, da man die teufel mit beswert, und auch von manchem segen, des tœreht cristen pflegen, und ach von wurzeln oder craut, oder daz man warsagern traut, daz einer eim in sein hant schaut, im vil dings wil vermeren[367], und im selb nichts gutz sagen kan. 10 ach nimpt sich mancher zaberns an, daz die leut zamen mussen han beid veintschaft ader libe. ich tun euch mer unglaben kunt. wer auch gelaubt das man pegund[368] die leut an sprechen für den gsund[369]. auch sagt man wie daz trollen[370] in Norwegen sein sollen. nu hon ich verr[371] durch varn die lant, das mir kein troll nie wart bekant. 20 hort auch von lüpeln[372] mancherhant, daz ich euch füre gibe, von valschen kractarn[373], und der man etwaz bei im tragen began, das er davon gelück sol han. hort, mer wil ich euch sagen. ez ist ach ketzerlich geverd, wer glaubet daz der alb[374] uf erd von unzeitigen kinden werd, der die weib tu betauben. der ach des hat gelauben, daz man mit heissem wasser und heiss eisen schuldig leut erfund, 10 und ach mach den manslachter[375] kund mit anrüern des erslagen. auch wirt unglaub do mit bewert[376], das man eins toten sel beswert[377] und zwingt das sie erwider vert und sagt wie ir beschichte. auch wirt unglaub da mit gepreut[378], daz man gelaubet daz die leut zu wolfen werden. daz sein neut[379] wan ketzerlich unglaben. 20 auch etlich glauben haben, ieglichs haus hab ein schreczlin[380]: wer das ert, dem geb es gut und er; auch vint man das * an der berecht nacht[381] seinen tisch richte[382]. etlich glaben daz kline kind zu pilweissen[383] verwandelt sind. auch wie die schreczlin so geswind uf vich reiten und varen. auch sprechen ir etliche me von unholden, ich daz verste, wie das die machen reif und schne, schauren[384] und regens giessen; wie sie mit börsten[385] schiessen, und den leuten ir mich versteln, 10 und den mannen nemen ir gseln[386] und sy zu irer liebe weln[387] mit irem zauber karen[388]. mit tauf, mit krisem[389] und weichbrun[390], mit des mon scheinen und der sunn und vil sach mein sie es ze tun; das als unglaben seine. auch meinen etlich mit geschrei und mit gedœn und ach dabei mit segen und mit ketzerei 20 die weter[391] zu vertreiben. noch vint man mancherhand gestüp[392], da ich ietzunt nit innen grüp[393]. dis ist alles nit wann gelüp[394], das man nit glaben selle: wann ob ez wol also beschicht, so ist ez doch umb anders nicht, dann es der teufel nur zuricht, das sein unglab werd veste. darumb rat ich daz beste, wer mit solhem zauber umb ge, das er abloss und davon ste, e es in bring in ewig we in das abgrund der helle.
HANS ROSENBLÜT.
[Scherer D. 250. E. 244.]
Hiess vermuthlich Hans Schnepperer und war Büchsenmeister der Stadt Nürnberg, an deren Kämpfen er 1449 theilnahm. Er suchte, wie er selbst angiebt, zeitweise als Wappendichter an den Höfen der Fürsten und Herren seinen Unterhalt und schrieb hauptsächlich Fastnachtspiele, Erzählungen und Schwänke. Sieh v. Keller ‘Fastnachtspiele aus dem 15. Jahrhundert’ 3 Bde. (Stuttgart 1853). Seine ‘Weingrüsse’ und ‘Weinsegen’ herausg. von Haupt in ‘Altdeutsche Blätter’ Bd. 1, 401.
WEINGRUSS.
Gott gruss dich, du lieber landtmann! Keinen bessern gesellen ich nye gewan Vnd den ich lieber bei mir wil wissen, Wenn ich des morgens hab angepissen[395]. Wenn ich dich hab in meinem trunkvass, 10 So dynest du mir zu tisch vil pass Denn alle die truchsessen die da leben. Got behut den pergk den stock vnd die reben Daran du hewer gewachssen bist. Gott fuge deim stock pfel[396] pant vnd mist Vnd sunnen vnd regen vnd auch ein man, Der dich wol sneyden vnd hacken kan Das du biss jar mugst wider geraten, Die grossen weck, die veisten praten, Wenn ir drew bei einander seyt, 20 Das es mir vil mer frewden geyt Dann harpffen, geygen, tantzen vnd paden. Dorumb wil ich dich zu gast laden: Kum spet oder frw, so wil ich dich einlassen Vnd wil dich nicht lang an der thur lan possen[397].
HUGO VON MONTFORT.
[Scherer D. 253, E. 247.]
Graf Hugo II, Herr von Bregenz, geb. 1357, begann seine dichterische Thätigkeit 1396. Er bildet mit einigen andern Dichtern der Zeit den Übergang der älteren höfischen Poesie in die spätere lyrische Volkspoesie und den Meistergesang. Herausgegeben von Bartsch (Tübingen 1879); Wackernell (Innsbruck 1881).
Ich schrib dir gerne cluoge wort, So hast du min hertz gfangen, Min lieber buol[398], min höchster hort! Du hasts in dinen banden. Von gold ein ketten die ist vin, Damit hast du es beschlossen: Din eigen wil es iemer sin, Des ist es unverdrossen. Und hat mir nüwlich[399] potschaft tan, Es well sich von mir ziehen 10 Und well in dinem dinst bestan, Zuo diner liebi fliehen. Und spricht, daz es kein anders trib, Es well bi dir beliben, (Im gefiel uff erd nie bas ein wib), Zuo diner liebi schiben[400]. Also hast du mir das hertz abtrünig gmachen Mit gewalt an alle fürbot[401]: Ich muoss mins schaden selber lachen. Uns beide behuet der ewig got! 20 Ich chan mich zwar nicht ab dir clagen, Du tuost mim hertzen guetlich; So wil ich ie die warheit sagen: Bi dir so ist es frödenrich. Geben nach Crists gebürt vierzehenhundert jar (Das schrib ich dir mit einem wort) Und in dem andern (das ist war), Min lieber puol, min höchster hort!
OSWALD VON WOLKENSTEIN.
[Scherer D. 253, E. 247.]
Aus Tirol, geboren 1367, gestorben 1445. Er machte mit Hugo von Montfort eine Wallfahrt nach Jerusalem und suchte ritterliches Wesen und Dichten wieder zu beleben. Herausgegeben von Weber (Innsbruck 1847).
Wuninklicher wol gezierter may, dein suess geschray 10 pringt freuden mangerlay, besunderlich wo zway an ainem schœnen ray[402] sich muetiklich verhendelt[403] han. Gruen ist der perg ow gevild und tal; die nachtigal und aller voglin schal man hœret ane zal erklingen uber al. 10 Seyd[404] nu die zeit wennt[405] lieplich ungemach, so wach, lieb, ach! zwar mir sol wesen gach zu hengen[406] der hin nach, der ich lang nye gesach, uncz mich ir ermlin weyss umbfan.
VOLKSLIEDER.
[Scherer D. 253, E. 248]
Herausgegeben in Wackernagel ‘Das deutsche Kirchenlied,’ B. II. (Leipzig, 1867); Uhland ‘Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder’ (Stuttgart, 1844, 45); Hoffmann von Fallersleben ‘In dulci iubilo. Nun singet und seid froh’ (Hannover, 1854); Liliencron ‘Die historischen Volkslieder der Deutschen,’ 5 Bde. (Leipzig, 1865–69); Böhme, ‘Altdeutsches Liederbuch’ (Leipzig, 1877).
1.
In dulci iubilo nu singet und seit fro! alle unser wonne leit in præsepio; sie leuchtet vor die sonne matris in gremio; que est a et o, que est a et o. O Jesu parvule, nach dir ist mir so we, 10 tröste mein gemüte, o puer optime, durch aller jungfraun güte, o princeps glorie. trahe me post te. trahe me post te! Mater et filia, o jungfrau Maria, hettest du uns nicht erworben celorum gaudia, so wär wir alle verdorben per nostra crimina. quanta gratia, quanta gratia! Ubi sunt gaudia? nierne[407] wen alda, 10 da die engel singen in nova cantica mit iren süssen stimmen in regis curia. eia wär wir da, eia wär wir da!
2.
Ein kindlein ist geboren von einer reinen mait! Gott hat ims auserkoren in hoher wirdigkeit. 20 Ein sun ward vns gegeben zu trost an alles mail[408]: Daz sult ir merken eben; er bracht vns alles heil. Ave, du Gotes minne! wie wol ir mit im was! 20 Heil werde trosterinne! vnd do sie sein genas, Gros freud wart vns gekundet von einem Engel klar; Wirt nimmer mer durchgrundet[409], sagt vns die schrift fürwar. Freut euch der selden[410] mere: Messias der ist kumen. Er hat an alls gefere[411] die menschait an sich gnumen. Fur vns mit ganzen treuen volbracht er alle dink. 10 Der greis wolt sich verneuen: er ward ein jungelink. Got vater in dem trone was mit der zarten weis. Die tochter von Syone hat wol den hochsten preis. Drei edel kunig milde die brachten reichen solt; zugen vber gefilde nicht anders als Got wolt. Elend ward jn bekande; die seld must fere[412] bas, Ferr in Egypten lande: Herodes trug jn has. Er zog in nach mit listen: manch kint vergos sein blut. Got wolt sich lenger fristen: das was vns allen gut. 10 Wol dreisig iar vnd mere trug er fur vns die not; Wol umb sein rechte lere leid er fur vns den tod: Danck wir im zu den stunden! Hilf, edler kunig rein! Sein heiliglich fünf wunden solnt vns genedig sein.
3.
Wolauf, jr brüder allzumal, quos sitis vexat plurima. 20 ich weiss ein Wirt klug überall, quod vina spectat optima. sein wein mischt er nicht mit dem saft, e puteo qui sumitur. ein jeder bleibt in seiner krafft, e botris ut exprimitur. Herr wirt, bringt uns ein guten wein, im keller quod est optimum! 20 die brüder wöllen frölich sein, ad Noctis usque terminum. wer greinen[413] oder murren will, ut canes decet rabidos, der mag wol bleiben aus dem spil, ad porcos eat sordidos!
4. ZECHLIED.
Den liebsten bulen[414] den ich hab der leit beim wirt im keller, er hat ein hölzens[415] röcklein an und heist der Muscateller; er hat mich nechten[416] trunken gmacht und frölich heut den ganzen tag, gott geb im heint[417] ein gute nacht! Von disem bulen den ich mein wil ich dir bald eins bringen, er ist der allerbeste wein, macht mich lustig zu singen, frischt mir das blut, gibt freien mut, als[418] durch sein kraft und eigenschaft, nu grüss dich gott, mein rebensaft!
5. LASS RAUSCHEN!
Ich hort ein sichellin rauschen, wol rauschen durch das korn, ich hort ein feine magt klagen: 10 sie het ir lieb verlorn. ‘La rauschen, lieb, la rauschen! 10 ich acht nit wie es ge; ich hab mir ein bulen erworben in feiel[419] und grünen kle.’ ‘Hast du ein bulen erworben in feiel und grünen kle, so ste ich hie alleine, tut meinem herzen we.’ Lass rauschen, sichele, rauschen 20 und klingen wol durch das korn! weis ich ein meidlin trauren, 20 hat iren bulen verlorn.
6. HASEL.
Es wolt ein mägdlein tanzen gen, sucht rosen auf der heide, was fand sie da am wege sten? eine hasel, die war grüne. ‘Nun grüss dich gott, frau Haselin! von was bist du so grüne?’ ‘nun grüss dich gott, feins mägdelein! von was bist du so schöne?’ ‘Von was dass ich so schöne bin, das kan ich dir wol sagen: ich iss weiss brot, trink külen wein, davon bin ich so schöne.’ ‘Isst du weiss brot, trinkst külen wein und bist davon so schöne: 10 auf mich so fällt der küle tau, davon bin ich so grüne.’ ‘Hüt dich, hüt dich, frau Haselin, und tu dich wol umschauen! ich hab daheim zwen brüder stolz, die wollen dich abhauen.’ ‘Und haun sie mich im winter ab, im sommer grün ich wider; verliert ein mägdlein iren kranz, den findt sie nie mer wider.’ 20
7. ZWEI KÖNIGSKINDER.
Et wassen[420] twe künigeskinner, de hadden enanner so lef[421], de konnen to nanner nich kummen, dat water was vil to bred[422]. ‘Lef herte, kanst du der nich swemmen? lef herte, so swemme to mi! ick will di twie keskes[423] upstecken un de sölld löchten to di.’ Dat horde ne falske nunne up ere slopkammer, o we! se dei de keskes utdömpen[424], lef herte blef[425] in de se. Et was up en sunndage morgen, de lüde wören alle so fro, nich so des königes dochter, de augen de seten[426] er to. ‘O moder,’ sede se, ‘moder! mine augen dod mi der so we; 10 mag ick der nich gon spazeren an de kant[427] von de ruskende[428] se?’ ‘O dochter,’ sede se, ‘dochter! allene kanst du der nich gon, weck up dine jüngste süster und de sall met di gon.’ ‘Mine allerjüngste süster is noch so n unnüsel[429] kind se plücket wol alle de blömkes de an de sekante sind. 20 Un plückt se auk men[430] de wilden un lett de tammen[431] ston, so segged doch alle de lüde, dat hed dat künigskind don. O moder,’ sede se, ‘moder! mine augen dod mi der so we, mag ick der nich gon spazeren an de kant von de ruskende se?’ ‘O dochter,’ sede se, ‘dochter! allene sast[432] du der nich gon, 30 weck up dinen jüngsten broder! und de sall met di gon.’ ‘Min allerjüngsten broder is noch so unnüsel kind, he schütt[433] wull alle de vügel[434] de up de sekante sind. Un schütt he auk men de wilden un lett de tammen gon, so segged doch alle de lüde, dat hed dat künigskind don. O moder,’ sede se, ‘moder! min herte dod mi der so we, 10 lot annere gon tor kerken! ick bed an de ruskende se.’ Do sad de künigsdochter upt hœfd[435] ere goldene kron, se stack up eren finger en rink von demanten so schon. De moder genk to de kerken, de dochter genk an de sekant, se genk der so lange spazeren bes se enen fisker fand. 20 ‘O fisker, leveste fisker! ji könnt verdenen grot lon, settet jue netkes[436] to water, fisket mi den künigesson!’ He sette sin netkes to water, de lotkes[437] sünken to grund, he fiskde un fiskde so lange, de künigsson wurde sin fund. Do nam de künigesdochter von hœfd ere goldene kron: 30 ‘süh do, woledele fisker! dat is ju[438] verdende lon.’ Se trock[439] von eren finger den rink von demanten so schon: ‘süh do, woledele fisker! dat is ju verdende lon.’ Se nam in ere blanke arme den künigsson, o we! se spranc met em in de wellen: ‘o vader un moder, ade!’
8. TANHAUSER.
Nun will ich aber heben an 10 von dem Danhauser singen und was er wunders hat getan mit Venus, der edlen Minne. Danhauser was ain ritter gůt wann er wolt wunder schawen, er wolt in fraw Venus berg zu andren schönen frawen. ‘Herr Danhauser, ir seind mir lieb, daran sölt ir gedenken! ir habt mir ainen aid geschworn: 20 ir wölt von mir nit wencken.’ ‘Fraw Venus! das enhab ich nit, ich will das widersprechen, und redt das iemants mer dann ir gott helf mirs an im rechen!’ ‘Herr Danhauser, wie redt ir nun? ir sölt bei mir beleiben; ich will euch mein gespilen geben zu ainem stäten weibe.’ ‘Und näm ich nun ein ander weib ich hab in meinen sinnen: so můst ich in der helle glůt auch ewiklich verprinnen.’ ‘Ir sagt vil von der helle glůt, habt es doch nie empfunden, gedenkt an meinen roten mund! der lacht zu allen stunden.’ ‘Was hilft mich euer roter mund? er ist mir gar unmäre[440]; 10 nun gebt mir urlob, frewlin zart, durch aller frawen ere!’ ‘Danhauser! wölt ir urlob han ich will euch kainen geben: nun pleibt hie, edler Danhauser, und fristen euer leben!’ ‘Mein leben das ist worden krank, ich mag nit lenger pleiben; nun gebt mir urlob, frewlin zart, von eurem stolzen leibe!’ 20 ‘Danhauser, nit reden also! ir tůnd euch nit wol besinnen; so gen wir in ain kemerlein und spilen der edlen minne!’ ‘Eur minne ist mir worden laid, ich hab in meinem sinne: fraw Venus, edle fraw so zart! ir seind ain teufelinne.’ ‘Herr Danhauser, was redt ir nun und dass ir mich tůnd schelten? 30 und söltt ir lenger hier innen sein ir mŭstens ser engelten.’ ‘Fraw Venus! das enwill ich nit, ich mag nit lenger pleiben. Maria můter, raine maid, nun hilf mir von den weiben!’ ‘Danhauser, ir sölt urlob han, mein lob das sölt ir preisen, und wa ir in dem land umb fart nemt urlob von dem greisen!’ Do schied er widrumb auss dem berg in jamer und in rewen: 10 ‘ich will gen Rom wol in die statt auf aines bapstes trewen. Nun far ich frölich auf die ban, gott well mein immer walten! zu ainem bapst der haist Urban ob er mich möcht behalten.— Ach bapst, lieber herre mein! ich klag euch hie mein sünde die ich mein tag begangen hab als ich euch will verkünden. 20 Ich bin gewesen auch ain jar bei Venus ainer frawen, nun wolt ich beicht und bůss empfahn ob ich möcht gott anschawen.’ Der bapst het ain steblin in seiner hand und das was also durre: ‘als wenig das steblin gronen mag kumstu zu gottes hulde.’ ‘Und sölt ich leben nun ain jar, ain jar auf diser erden, 30 so wölt ich beicht und bůss empfahn und gottes trost erwerben.’ Do zoch er widrumb auss der statt in jamer und in laide. ‘Maria můter, raine maid! ich můss mich von dir schaiden.’ Er zoch nun widrumb in den berg und ewiklich on ende: ‘ich will zu meiner frawen zart, wa mich gott will hin senden.’ ‘Seind gottwillkomen, Danhauser! ich hab eur lang emboren[441]; 10 seind willkom, mein lieber herr, zu ainem bůlen ausserkoren!’ Es stond biss an den dritten tag, der stab fieng an zu gronen, der bapst schickt auss in alle land: wa Danhauser hin wär komen? Do was er widrumb in den berg und het sein lieb erkoren, des můss der vierde bapst Urban auch ewig sein verloren. 20
9 LINDENSCHMID.
Es ist nit lang dass es geschah dass man den Lindenschmid reiten sah auf einem hohen rosse, er reit den Reinstrom auf und ab, hat sein gar wol genossen[442], ja genossen. ‘Frisch her, ir lieben gsellen mein! es muss sich nur gewaget sein, wagen das tut gewinnen; wir wöllen reiten tag und nacht biss wir ein beut gewinnen!’ Dem marggrafen von Baden kamen newe mär wie man im ins gleit gefallen wär, das tet in ser verdriessen; wie bald er junker Casper schreib: er solt im ein reislein dienen! Junker Casper zog dem beurlein ein kappen an, er schickt in allzeit vorne daran 10 wol auf die freie strassen: ob er den edlen Lindenschmid fünd den selben solt er verraten. Das beurlein schiffet über Rein, er keret zu Frankental ins wirtshaus ein: ‘wirt! haben wir nichts zu essen? es kommen drei wägen, seind wol beladen, von Frankfurt auss der messen.’ Der wirt der sprach dem beurlein zu: ‘ja wein und brot hab ich gnug, 20 im stall da sten drei rosse, die seind des edlen Lindenschmid, er nert sich auf freier strassen.’ Das beurlein dacht in seinem mut: die sach wird noch werden gut, den feind hab ich vernommen; wie bald er Junker Casper schreib dass er solt eilends kommen! Der Lindenschmid der het einen son, der solt den rossen das futter tun, 30 den habern tet er schwingen: ‘stet uf, herzliebster vatter mein! ich hör die harnisch klingen.’ Der Lindenschmid lag hinderm tisch und schlief, sein son der tet so manchen rief, der schlaf hat in bezwungen. ‘ste auf, herzliebster vatter mein! dein verräter ist schon kommen.’ Junker Casper zu der stuben ein trat, der Lindenschmid von herzen ser erschrak. ‘Lindenschmid, gib dich gefangen! zu Baden an den galgen hoch, daran so soltu hangen.’ 10 Der Lindenschmid der war ein freier reutersman, wie bald er zu der klingen sprang: ‘wir wöllen erst ritterlich fechten!’ es waren der bluthund also vil, sie schlugen in zu der erden. ‘Kan und mag es dann nit anders gesein, so bitt ich umb den liebsten sone mein auch umb meinen reutersjungen, und haben sie iemands leid getan darzu hab ich sie gezwungen.’ 20 Junker Casper der sprach nein darzu: ‘das kalb muss entgelten der ku, er sol dir nicht gelingen, zu Baden in der werden statt muss im sein haupt abspringen.’ Sie wurden alle drei gen Baden gebracht, sie sassen nit lenger denn eine nacht; wol zu der selbigen stunde da ward der Lindenschmid gericht, sein son und der reutersjunge, ja junge. 30
10. REITERLIED.
Der gutzgauch[443] hat sich zu tod gefallen von einer holen weiden, wer soll uns disen sommer lang die zeit und weil vertreiben? Das soll sich tůn fraw Nachtigal, sie sitzt uf einem zweige, sie singt, sie springt, ist freuden voll wann andere vöglen schweigen. Mein bůl[444] hat mir ein brief geschickt, 10 darinn da stet geschriben: sie hab ein andern lieber dann mich; darauf hab ich verzigen. Hastu ein andern lieber dann mich das acht ich warlich kleine, da sitz ich uf mein apfelgrows ross und reit wol über die heide. Und do ich über die heide kam mein feins lieb trauret sere; lass farn, lass farn was nit bleiben will! 20 man findt der schön junckfrewlin mere. Der uns das liedlen new gesang, von newem hat gesungen, das haben getan zwen reuter gůt, ein alter und ein junger.
REINEKE FUCHS.
[Scherer D. 259, E. 254.]
Der flämische Dichter Willem verfasste um 1250 den niederländischen ‘Reinaert’ nach einem französischen Original. Sein Werk wurde um 1380 umgearbeitet und fortgesetzt und um 1480 von Hinrek van Alkmer mit einer prosaischen Glosse versehen. Der niederdeutsche ‘Reinke de Vos,’ von dem hier eine Probe folgt, wurde 1498 zu Lübeck verfasst und gedruckt. Er ist eine Übertragung der Arbeit Hinreks. Herausgegeben von Lübben (Oldenburg, 1867); Schröder (Leipzig, 1872).
DAT VI. GESETTE.
Wô Brûn dê bare mit einen brêve wart gesant tô Reinken, unde wô hê ene vant unde ansprak.
Dê konnink sprak tô Brûne den ber ‘Brûne, ik segge jû alse jûwe hêr, dat gî mit vlît desse bodeschop dôt. men sêt, dat gî sît wîs unde vrôt, wente Reinke is sêr valsch unde quât, 10 hê wêt sô mannigen lôsen rât, hê wert jû smêken unde vorelêgen, jâ kan hê, hê wert jû wisse bedrêgen.’ ‘Wanne nein’ sprak Brûn, ‘swîget der rede! ik segget bî mîneme swâren êde: sô geve mî got ungeval, wô mî Reinke icht hœnen sal. ik wolde em dat sô wedder inwrîven hê scholde vor mî nicht wetten tô blîven.’ Alsus makede sik Brûn up dê vârt. stolt van môde, tô berge wert; dorch eine wôstenî grôt unde lank, dâr dorch makede hê sînen gank. dô quam hê dâr twei berge lâgen: dâr plach Reinke, sîn ôm, tô jagen unde hadde den vordach dâr gewest. 10 sô quam hê vor Malepertûs tô lest, wente Reinke hadde mannich schôn hûs, men dat castêl tô Malepertûs was dê beste van sînen borgen, dâr lach hê alse hê was in sorgen. Dô Brûn vor dat slot was gekomen unde dê pôrten gesloten vernomen dâr Reinke ût plach tô gân, dô gink hê vor dê pôrten stân unde dachte, wat hê wolde beginnen. hê rêp lûde ‘Reinke ôm, sint gî dâr binnen? ik bin Brûn, des konninges bode. hê heft gesworen bî sîneme gode: kome gî nicht tô hove tô deme gedinge unde ik jû nicht mit mî enbringe, dat gî dâr recht nemen unde geven, dat wert jû kosten jûwe leven. kome gî nicht, gî stân bûten gnâde, 10 jû is gedrauwet mit galgen unde rade. dâr umme gât mit mî, dat râde ik int best.’ Reinke hôrde wol desse wôrde êrst unde lest. hê lach dâr binnen unde lûrde unde dachte ‘wan mî dit eventürde, dat ik deme baren betâlde desse wôrt dê hê sô hômôdigen sprikt vôrt! hîr ût wil ik denken dat beste.’ dâr mit gink hê dêper in sîne veste, wente Malepertûs was der winkel vul, hîr ein gat unde gindert ein hol, hadde mannige krumme, enge und lank, unde hadde ôk mannigen seltzên ûtgank, dê hê tôdede unde tôslôt, alse hê vornam, dat hê des hadde nôt; wan hê dâr jennigen rôf in brochte edder wan hê wuste, dat men ene sochte umme sîne valschen missedât, sô vant hê dâr den nauwesten rât. 10 mannich dêr in simpelheit ôk dâr in lêp dat hê dâr in vorrêtlîken grêp.
Wie Braun der Bär mit einem Brief zu Reineke gesandt ward, und wie er ihn fand und ansprach.
Der König sprach zu Braun dem Bären: ‘Euch will ich mit dieser Botschaft beehren. Ich befehl’ euch, Braun, werbt sie mit Fleiss; Doch seht euch vor, seid klug und weis’: Sehr falsch ist Reineke und voll von Ränken. 10 Er weiss manch losen Rath zu erdenken; Er wird euch schmeicheln und belügen, Und glaubt mir, wie er nur kann, betrügen.’ ‘O nein,’ sprach Braun, ‘beruhigt euch nur, Ich sag’ euch bei meinem höchsten Schwur, So lass’ es Gott mir nimmer glücken, Wenn mich Reineke höhnen soll und berücken; Ich wollt’ es so übel ihm wieder eintränken, Dass er zu bleiben nicht wüsste mit seinen Schwänken.’ Da machte Braun der Bär sich auf Mit stolzem Muth, den Berg hinauf; Durch eine Wüste, gross und lang, Nahm er zuvörderst seinen Gang. Dann kam er, wo zwei Berge lagen, Und sein Neffe Reineke pflegte zu jagen; Er war erst dort den Tag zuvor. 10 So kam er vor Malepartus Thor. Denn Reineke hatte manch schönes Haus; Doch Malepartus, die Burg, voraus War die beste von allen gar: Da lag er, wenn er in Sorgen war. Als Braun nun vor dem Schlosse stand Und dessen Thor geschlossen fand, Durch welches Reineke pflegte zu geh’n, Da blieb er vor der Pforte steh’n. Und bedachte sich, was zu beginnen. ‘Freund Reineke,’ rief er, ‘seid ihr drinnen? Ich bin Braun, den der König zum Boten erkoren. Er hat bei seinem Gott geschworen, Kommt ihr nicht an Hof zu Gericht, Oder bring ich euch mit mir nicht, Da Recht zu nehmen und zu geben, So soll es euch kosten euer Leben. Bleibt ihr aus, ihr verwirkt des Königs Gnade, 10 Euch ist gedräut mit Galgen und Rade; Drum rath’ ich euch gut, mit mir zu kommen.’ Reineke hatte wohl Alles vernommen; Er lauerte drinnen und dachte bei sich: Wenn es das Glück doch wollte, dass ich Den Bären bezahlte für die Worte, Die er so hochfährtig spricht vor der Pforte! Ich will’s bedenken, das ist das Beste. Da gieng er tiefer in seine Feste.
DAT VII CAPITTEL.
Wô Reinke vorsichtigen sik bedachte unde dâr nâ ûtgink unde Brûnen mit vruntlîken wôrden wilkome hêt.
Dô Reinke sus des baren wôrde nam unde ôk hôrde, hê lôvede nicht gruntlik den wôrden stolt, 20 em was leide vor ein achterholt. dô hê dat enkede hadde vornomen, dat Brûn alleine was gekomen, desto min hê dô vorschrak. hê gink ût tô em unde sprak ‘ôm Brûne, wilkome môte gî wesen! ik hebbe recht nû dê vesper gelesen, dâr umme konde ik nicht êr komen. ik hope, it schal mî sîn tô vromen, dat gî tô mî gekomen sît. sît wilkomen, ôm Brûne, tô aller tît. 10 deme enwêt ik des jô nênen dank, dê dat schaffede, dat gî dessen gank scholden overgân, dêde is sêr swâr. gî sweten, dat jû nat is dat hâr. envant unse hêre dê konnink nû nênen anderen boden tô senden dan jû? wente gî sint dê eddelste unde grôtste van love dê nû is in des konninges hove. it wert mî sîn sunderlik tô vromen, dat gî sît her tô mî gekomen, jûwe vrôde rât wert mî helpen sêre bî deme konninge dêde is unse hêre. al hadde gî dessen wech nicht angenomen, ik wêre doch morgen tô hove komen. doch dunket mî sêre in mîneme wân, ik schal nû nicht wol konen gân: ik hebbe mî geten alsô sat; it was nie spîse dê ik at, dat ganze lîf deit mî wê dâr van.’ 10 Dô sprak Brûn ‘Reinke ôm, wat ête gî dan?’ dô sprak Reinke ‘lêve ôm, wat hulpe jû dat wan ik jû sêde wat ik at? it was ringe spîse, dâr ik nû bî leve, ein arm man enis jô nên grêve! wan wî it nicht konen beteren mit unsen wîven, sô môte wî eten versche honnichschîven. sôdâne kost at ik dorch dê nôt, dâr van is mî dê bûk sô grôt. ik môt sê eten ân mînen dank, dâr van bin ik wol half krank. wan ik dat jummer beteren kan, wolde ik umme honnich nôde upstân.’ Dô sprak Brûn alsô vôrt ‘wanne, wanne, wat hebbe ik nû gehôrt! holde gî honnich sô sêr unwêrt, dat doch mannich mit vlîte begêrt? honnich is ein sô sœten spîse dê ik vor alle gerichte prîse. 10 Reinke, helpet mî dâr bî tô komen, ik wil wedder schaffen jûwen vrômen.’ Reinke sprak ‘Brûn ôm, gî holden jûwen spot!’ Brûn sprak ‘nein, sô helpe mî got! scholde ik spotten, dat dô ik nôde.’ dô sprak wedder Reinke dê rôde is dat jûwe êrnst, dat lâtet mî wetten! moge gî dat honnich sô gêrne eten, ein bûr wonet hîr, dê hêt Rustevîle, dat is men eine halve mîle: 20 bî em is sô vele honniges, vorstât mî recht, gî sêgens nî mêr mit al jûwem slecht.’ Brûnen deme stak sêr dat smer, nâ honnige stunt al sîn beger. hê sprak ‘lâtet mî komen dâr bî, ik denke des wedder, lôvet des mî. wan ik mî honniges sat mochte eten, sô môste men mî des vele tômeten.’ Reinke sprak ‘gâ wî hen up dê vârt, honniges schal nicht werden gespârt. 10 al kan ik nû nicht wol gân, recht trûwe môt jummer schînen voran, dê ik mit gunst tô jû drage. wente ik wêt nên mankt al mînen mâge den ik alsus wolde mênen, wente gî mî sêr wol wedder konen dênen jegen mîne vîende unde jegen ere klage in des konninges hof tôm hêrendage. ik make jû noch tâvent honniges sat, dâr tô van deme besten, merket dat, sô vele alse gî des jummer mogen dregen.’ men Reinke mênde: van grôten slegen. Reinke lôch sêr unde swinde, Brûn volgede eme nâ alse ein blinde. Reinke dachte ‘wilt mî gelingen, ik wil dî tô degen uppet honnichmârket bringen!’ Sê quêmen tôhant tô Rustevîls tûn. dô vraude sik sêr dê bare Brûn, men des hê sik vraude, dâr wart nicht van. 10 sô geit it noch mannigem unvrouden man.
Wie Reineke sich vorsichtig bedachte, und dann hinausgieng und Braun mit freundlichen Worten willkommen hiess.
Als Reineke so des Bären Worte Vernommen hatte, bei der Pforte, Da glaubt’ er dem Stolzen nicht alsbald, 20 Er sorgte vor einem Hinterhalt. Doch als er’s gründlich jetzt vernommen, Dass Braun alleine war gekommen, Da war’s gar um seine Furcht gethan. Er gieng hinaus und sprach ihn an: ‘Willkommen, Ohm Braun, in meinem Heimwesen! Ich hatte so eben die Vesper zu lesen, Drum konnt’ ich nicht eher zu euch kommen. Ich hoffe gewiss, es soll mir frommen, Dass ihr hieher gekommen seid. Seid willkommen, Ohm Braun, zu jeder Zeit; 10 Weiss ich gleich dem keinen Dank, Der da schuld ist, dass ihr diesen Gang Übernahmt, der zu schwer euch war. Ihr schwitzt ja, dass euch trieft das Haar. Fand unser Herr, der König reich, Keinen andern Boten zu senden als euch? Denn ihr seid der grösste, der edelste Mann, Den man am Hofe finden kann. Doch wird es mir ganz absonderlich frommen, Dass ihr zu mir seid hergekommen. Sehr wird mir helfen euer kluger Rath Bei dem König, der uns zu gebieten hat. Hättet ihr die Fahrt nicht übernommen, Ich wär’ doch morgen zu Hof gekommen. Zwar dünkt mich jetzt in meinem Sinn, Dass ich zu gehen unfähig bin. Ich ass mich heut schier übersatt An fremder Speise, das macht mich matt; Der ganze Leib, seht, schwoll mir an.’ 10 Da fragte Braun: ‘Was asset ihr dann?’ Reineke sprach: ‘Was hülf’ euch das, Wenn ich euch sagte, was ich ass? Es war schlechte Kost, die ich hier traf; Ist doch ein armer Mann kein Graf! Wissen wir Bess’res nicht aufzutreiben, So essen wir frische Honigscheiben. Das ass ich heut’ aus Hunger auch; Davon ist mir so dick der Bauch. Ich musst’ es essen wider Willen Und kann die Schmerzen nun nicht stillen. Wenn ich was Bess’res finden kann, So rühr’ ich keinen Honig an.’ Verwundert sprach Herr Braun sofort: ‘Ei, ei, was hör’ ich für ein Wort! Dünkt Honig euch so wenig werth, Den mancher doch mit Fleiss begehrt? Honig ist eine süsse Speise, Die ich vor allen Gerichten preise. 10 Reineke, helft mir daran zu kommen, So bedenk’ ich wieder euer Frommen.’ Er sprach: ‘Ohm Braun, es ist euer Spott’: ‘O nein,’ sprach Braun, ‘so helfe mir Gott. Sollt’ ich spotten? das thu ich nicht.’ Da gab ihm Reineke, der rothe, Bericht: ‘Ist das euch Ernst, das lasst mich wissen: Seid ihr des Honigs so beflissen? Hier wohnt ein Bauer, heisst Rüstefeile, Es ist nur eine halbe Meile, 20 Der hat viel Honig, versteht mich recht, Nie saht ihr es mehr, noch eu’r ganzes Geschlecht.’ Braun den Bären gelüstete sehr, Nach Honig stund all sein Begehr; Er sprach: ‘Zeigt mir den Weg dahin, Ich gedenk’ es euch wieder, so wahr ich bin; Wann ich mich Honigs satt sollt’ essen, Man müsst’ ihn mir mit Scheffeln messen.’ Reineke sprach: ‘Nur gleich an die Fahrt! Der Honig werde nicht gespart. 10 Ich bin zwar noch gar schlecht zu Fuss, Die Liebe jedoch mich stärken muss, Und die Ehrfurcht vor des Königs Gesandten; Auch weiss ich Keinen von meinen Verwandten, Dem ich Gutes stäts so gern gegönnt; Zumal ihr mir wieder dienen könnt Gegen meine Feinde und ihre Klage, An des Königs Hof, am Herrentage. Ich mach’ euch Honigs satt und voll Noch heut’, von dem besten, merket wohl; Ihr werdet ihn nicht allen mögen.’ Doch Reineke sprach es von derben Schlägen. Reineke lief voraus geschwind, Da folgte Braun ihm nach wie blind. Reineke dachte: Will’s gelingen, Ich will dich schön auf den Honigmarkt bringen. Sie kamen bald an Rüstefeils Haus: Da freute Braun sich im Voraus; Doch des er sich freute, das ward zunicht. 10 So geht es noch manchem unklugen Wicht.
DAT VIII CAPITTEL.
Wô Reinke mit Brûnen deme baren gink unde en leidede, dâr hê honnich eten scholde, dat em ovel bequam; wô en Reinke bedrôch unde lêt en stân beklemmet in den bôme eft blocke mit deme hôvede unde beiden {20} vôten.
Dô dê âvent was gekomen unde Reinke dat hadde vornomen, dat Rustevîl, dê vorgesechte bûr, tô bedde was in sînem schûr,— Rustevîl was van grôteme love ein timmerman unde hadde in sînem hove liggende eine êke, dê hê wolde klôven, unde hadde dâr in geslagen boven twei grôte kîle, dê wêren sêr glat. Reinke dê vos merkede dat: dat sulve holt was an einer sît upgeklôvet einer elen wît,— hê sprak ‘hôret mî, Brûn ôm! 10 recht hîr in dessem sulven bôm is honniges mêr wan gî lœvet: steket dâr in wol dêpe jûwe hœvet, nemet nicht tô vele, dat is mîn rât, jû mochte dâr anders af komen quât in jûweme lîve, sît des bericht.’ Brûn sprak ‘Reinke, sorget nicht. mêne gî, dat ik sî unvrôt? mâte is tô allen dingen gût.’ alsus lêt sik dê bare bedôren 20 unde stak dat hœvet in over dê ôren unde ôk dê vordersten vôte mede. Reinke dô grôt arbeit dede: hê brak ût dê kîle mit der hast,— dâr lach dê bare gevangen vast mit hôvet unde vôten in der êken, em halp wêr schelden edder smêken. hê plach tô wesen kône unde stark, men hîr hadde hê sîn vulle werk. sus brachte dê neve sînen ôm mit losheit gevangen in den bôm. 10 hê begunde tô hûlen unde tô brâschen, mit den echtersten vôten tô krâschen, unde makede alsô grôten lût, dat Rustevîl mit der hast quam ût: hê dachte, wat dat wesen mochte; jâ ein scharp bîl hê mit sik brochte up eventûr, efte des wêre nôt. Brûn lach dô in anxte grôt: dê klôve dâr hê in lach; ene knêp, hê brak sik unde tôch, dat hê pêp, men dat was pîn umme nicht gedân. hê vormôde sik nummer van dâr tô gân. dat mênde ôk Reinke, unde sach Rustevîle van vêrne komen mit deme bîle. hê rêp tô Brûne ‘wô steit it nû? etet nicht tô vele, dat râde ik jû, des honniges. segget mî, isset ôk gût? ik sê, dat Rustevîl kumpt hîr ût, villichte wil hê jû bedenken 10 unde wil jû up dê mâltît schenken.’ dâr mede gink Reinke wedder nâ hûs nâ sîneme slote tô Malepertûs.
Wie Reineke Braun den Bären dahin geleitete, wo er Honig essen sollte, was ihm übel bekam, und wie ihn Reineke betrog und ihn mit dem Haupt und den Füssen in einen Baum oder Block geklemmt da stehen {20} liess.
Der Abend war heran gekommen: Da hatte Reineke vernommen, Dass Rüstefeil, wie stäts er pflag, Zu Haus in seinem Bette lag. Rüstefeil war als Zimmermann Berühmt; in seinem Hofe sah’n Sie eine Eiche, die wollt er zerkloben. Schon hatt’ er eingeschlagen oben Zwei Keile, die waren glatt. Reineke merkt’ es an der Statt. Das Holz war schon an einer Seite Gespaltet in einer Ellen Weite. Er sprach: ‘Nun hört mich, Oheim Braun! 10 Seht hier, in diesem hohlen Baum Ist des Honigs mehr, als ihr wohl glaubt. Nun stecket tief hinein das Haupt, Übernehmt euch nicht, ich rath euch zum Frommen, Es möchte euch übel sonst bekommen In euerm Leib, lasst euch berichten.’ Braun sprach: ‘Reineke, sorgt mich nichten. Meint ihr gar, ich sei ein Frass? Zu allen Dingen gut ist Maass.’ Also ward der Bär zum Thoren: 20 Er steckte das Haupt bis über die Ohren Nebst den Vorderfüssen in den Spalt. An die Arbeit gab sich Reineke bald: Er brach die Keile heraus mit Kraft, Da lag der Bär in schmählicher Haft; Die Eiche klemmt’ ihm Haupt und Füsse, Ihm half nicht Schelten, noch Schmeicheln süsse; Sonst war er stark und kühn, doch nun Hatt’ er mit Überkraft zu thun. So brachte der Neffe den Ohm mit List In den Baum, aus dem keine Rettung ist. 10 Er begann zu heulen und zu schnarren, Mit den Hinterfüssen im Sand zu scharren, Und machte solchen Lärm vor dem Haus, Dass Rüstefeil eilends sprang heraus. Was bedeutet, dacht’ er, dies Geheul? Er brachte mit ein scharfes Beil Für den Fall, dass es zu brauchen wär’. Braun lag indes in Ängsten schwer. Der Kloben, drin er lag, ihn kniff, Er zog und zerrte sich, dass er pfiff: Die Müh’ war all’ umsonst gescheh’n. Schon glaubt’ er, nimmer zu entgeh’n. Auch Reineke meint’ es, und sah Rüstefeil Von ferne kommen mit dem Beil. Da rief er dem Bären: ‘Wie steht es, Braun! Esst nicht zu viel, das rath ich euch traun, Des Honigs! Sagt mir, mundet der Schmaus? Ich sehe, Rüstefeil kommt heraus; Vielleicht will er den Gast bedenken 10 Und will euch auf die Mahlzeit schenken.’ Hiermit gieng Reineke heim zuhand, Nach seinem Schloss, Malepartus genannt.
DAT IX CAPITTEL.
Dô quam Rustevîl altôhant, den baren hê sus gevangen vant. 20 hê lêp hastigen mit eineme lôpe dâr hê dê bûre wuste tô hôpe, dâr sê hêlden gesterî. hê sprak ‘komet hastigen mit mî, in mîneme hove is ein bare gevangen, dat segge ik jû vorwâre.’ sê volgeden em alle unde lêpen sêre, islik nam mit sik sîne were wat hê êrst krêch ût sînem werke: dê eine eine forke, dê ander eine harke, dê dridde ein spêt, dê vêrde eine rake, 10 dê vîfte einen grôten tûnenstake; dê kerkhêre unde dê koster beide, dê quêmen dâr ôk mit ereme gerêde; dê papemeiersche, dê hêt vrôw Jutte— dat was dê dê dê besten grutte konde bereiden unde kocken— dê quam gelôpen mit ereme wocken dâr sê des dages hadde bî geseten, den armen Brûne mede tô meten. dô Brûn hôrde dat rochte sô grôt, dâr hê lach up sînen dôt, hê tôch mit pînen dat hœvet ût, men dâr binnen blêf bekleven dê hût bî beiden ôren umme dat hœvet her. ik mêne, men sach nü lêtlîker dêr. dat blôt em over dê ôren ran. al brochte hê dat hœvet ût, nochtan bleven beide vôte dâr in al vast. doch ruckede hê sê ût mit der hast 10 al râsende, eft hê wêre van den sinnen: men nochtan bleven dê klâwen dâr binnen, dâr tô dat fel van beiden vôten. dat honnich was nicht van deme sôten dâr em Reinke, sîn ôm, van sêde. eine quâde reise Brûn dô dede, jâ it was eine sorchlîke vârt. dat blôt lêp vaste over sînen bârt dê vôte dêden em wê sô sêr, hê konde nicht gân wêr nâ edder vêr. Rustevîl quam unde begunde tô slân, sê gingen en altômâlen an, al dê mit em quêmen her, Brûnen tô slân was al er beger. dê pape hadde einen langen staf, wô mannigen slach hê eme gaf! hê konde nergen gân efte krûpen. sê quêmen up en in eineme hûpen, ein dêl mit spêten, ein dêl mit bîlen; 10 dê smit brachte beide hamer unde vîlen, etlîke hadden schuffele, etlîke spaden, sê slôgen en âne alle gnâden, alle gêven sê em mannigen slach dat hê sik bedede dâr hê lach. al slôgen sê, jâ dâr enwas nên sô klêne: Slobbe mit deme krummen bêne unde Lûdolf mit der brêden nese, alderwrêdest wêren eme dese. hê slôch mit sîner holten slingeren, 20 Gerolt mit dem krummen vingeren unde sîn swâger Kuckelrei; aldermeist slôgen desse twei, Abel Quack unde dâr tô vrouw Jutte, unde Tâlke Lôrden Quacks dê slôch mit der butte, nicht dese alleine, men al dê wîve, dê stunden al nâ Brûnen lîve; hê môste nemen al wat men eme brochte. Kuckelrei makede dat meiste gerochte, wente hê was dê eddelste van gebôrten: 10 vrôw Willigetrût vor der kafpôrten, dê was sîn môder, dat wuste iderman, wê aver sîn vader was, dâr wust men nicht van; doch sêden dê bûr under malkander, it wêre dê stoppelmeter, dê swârte Sander, ein stolt man dâr hê was allein. Brûn môste ôk van mannigem stein den worp entfangen up sîn lîf: sî worpen nâ em, beide mans unde wîf. int leste Rustevîls brôder her sprank, dê hadde einen knuppel dicke unde lank unde gaf em int hœvet einen slach dat hê wêr hôrde edder sach: van deme slage entsprank hê mit sîneme lîf, al râsende quam hê mankt dê wîf unde vêl mankt sê alsô sêr, dat der vîve quêmen int revêr dat dâr bî was unde ôk sêr dêp. hastigen dô dê pape rêp 10 unde was schêr half vorzaget ‘sêt, gindert vlüt vrûw Jutte mîn maget beide mit pelze unde mit rocke! sêt, hîr licht ôk noch er wocke! helpet er altômâlen nû, twei tunne bêrs dê geve ik jû, dâr tô aflât unde gnâde grôt.’ sus lêten sê Brûnen liggen vor dôt unde lêpen hastigen hen mankt dê wîve unde hulpen en ût deme water al vîve. Dê wîle sê hir mit wêren vorwôrn, krôp Brûn int water van grôten tôrn unde begunde van grôtem wê tô brummen. hê mênde nicht dat hê konde swummen, sîn andacht was unde begunde tô denken, dat hê sik sulven wolde vordrenken, up dat en nicht mêr slôgen dê bûre. dô weddervôr em noch dit eventûre: hê konde noch swommen unde swam tô degen. 10 jâ dô dit dê bûre alle sêgen, mit grôtem gerochte unde mit gremen sprêke sê ‘wanne, wî mogen uns wol schemen!’ sê hadden dâr umme grôte undult unde sprêken ‘dit is desser wîve schult. in untît quêmen sê hîr tô mâte. sêt, hê swommet wech sîne strâte!’ sê sêgen den blok unde worden des enwâr, dat dâr noch in sat beide hût unde hâr van vôten unde ôren. dat was en lêf, sê rêpen ‘kum wedder, ôrlôse dêf! hîr sint dîne ôren unde hantschen tô pande!’ sus volgede em tô deme schaden schande, doch was hê vrô dat hê entgink. hê vlœkede deme bôme dê ene vink, dâr hê van vôten unde ôren wes lêt; hê vlœkede Reinken dê ene vorrêt— dit was dat gebet dat hê dô las, 10 dê wîle hê in deme water was. dê strôm lêp snelle unde vast, den drêf hê nedder mit der hast unde quam in einer kôrten wîle vil nâ bî kant eine mîle. hê krôp tô lande bî dat sulfste revêr. nî werlde sach jêmant bedrôveder dêr: hê mênde sînen geist dâr up tô geven unde trôste dô nicht lenger tô leven. hê sprak ‘ô Reinke, dû valsche creatûr!’ ôk dachte hê up dê quâden bûr, dat sê en sus hadden slagen tôr stûpen, unde dat Reinke en hêt sô dêp in krûpen.
Wie der gefangene Braun von den Bauern geschlagen wird, endlich doch loskommt und sich ins Wasser begiebt.
Da kam Rüstefeil gerannt: Als er den Bären gefangen fand, 20 Da gab er hastig sich ans Laufen: Er wusste einen Bauernhaufen Im Wirthshaus sitzen überm Bier. Er sprach: ‘Kommt eilends all mit mir! Es hat sich in meinem Hofe dort Ein Bär gefangen, auf mein Wort!’ Sie folgten ihm all und liefen sehr; Ein Jeder nahm mit sich seine Wehr, Was er zuerst zu fassen bekam, Der die Gabel, jener die Harke nahm, Der dritte den Spiess, der vierte den Rechen, 10 Der fünfte gieng einen Stab aus dem Zaune brechen. Der Kirchherr und der Küster beide Kamen auch hin mit ihrem Gereide. Die Pfaffenköchin, Frau Jutte genannt, Die die beste Grütze im ganzen Land Bereiten konnte, auf den Socken Kam sie gelaufen mit ihrem Wocken, An dem sie den ganzen Tag gesessen, Den armen Braun damit zu messen. Als Braun hörte den Lärm mit Angst und Noth, Gefangen lag er auf den Tod, Da zog er das Haupt heraus mit Gewalt; Doch sitzen blieb ihm in dem Spalt Von Gesicht und Ohren Haar und Haut: Ein kläglicher Thier ward nie geschaut. Das Blut ihm über die Ohren lief. Zwar bracht er das Haupt heraus, doch tief Hielt ihm der Spalt die Füsse gefasst. Nun ruckt’ er sie auch heraus in Hast, 10 Als wär’ er rasend und ganz von Sinnen. Da blieben ihm die Klauen drinnen Und das Fell dazu von beiden Füssen. Der Honig war nicht von dem süssen, Zu dem ihm Reineke Hoffnung gemacht. Eine üble Reise hatte Braun vollbracht, Ja, es war ihm eine sorgliche Fahrt: Das Blut lief hell über seinen Bart; Die Füsse schmerzten ihn so sehr, Er konnte nicht gehen noch stehen mehr. Da kam Rüstefeil, der zu schlagen begann; Sie fielen ihn all zumalen an: Alle, die mit ihm kamen daher, Braunen zu schlagen war ihr Begehr. Der Pfaffe trug einen langen Stab. Wie manchen Schlag er damit ihm gab! Er konnte sich nirgend nur verschnaufen, Sie bedrängten ihn in dichtem Haufen, Ein Theil mit Spiessen, ein Theil mit Beilen, 10 Der Schmied mit dem Hammer und mit der Feilen; Etliche hatten Schaufeln, etliche Spaten: Damit zermürbten sie ihm den Braten. Sie gaben ihm so manchen Schlag, Dass er im eigenen Unrath lag. Ihn schlugen Alle, die Grossen und Kleinen, Schloppe mit den krummen Beinen, Und Ludolf mit der breiten Nase, Die schlugen ihn, als wär’s ein Hase. Auf seine krummen Finger stolz, 20 Schlug ihn Gerold mit dem Riegelholz, Und sein Schwager Kukelrei; Am schlimmsten schlugen ihn die Zwei, Abel Quak und dazu Frau Jutte, Und Talke Lorden Quacks, die schlug mit der Butte. Nicht die allein, nein all’ die Frau’n, Nach dem Leben stunden sie dem Braun. Er musste nehmen, was man ihm brachte; Kuckelrei des Lärms am meisten machte. Denn er war der edelste von Geburt. 10 Frau Willigtraut von der Schweinefurt War seine Mutter, das war bekannt, Sein Vater aber blieb ungenannt; Doch raunten die Bauern unter einander, Der Stoppelmesser wär’s, der schwarze Sander, Ein stolzer Mann für sich allein. Auch musste Braun von manchem Stein Den Wurf empfangen auf seinem Leib Sie warfen nach ihm, Mann und Weib. Zuletzt kam Rüstefeils Bruder gesprungen Und hat einen mächtigen Knüttel geschwungen Und gab ihm einen Schlag auf’s Haupt, Dass er aller Sinne lag beraubt. Dem Schlag entsprang lebendig Braun, Wie rasend fuhr er zwischen die Frau’n, Und hatte sich so als Weiberhasser, Dass ihrer etliche fielen in’s Wasser, Das da vorbeifloss, ziemlich tief. Da begann alsbald der Pfaff’ und rief 10 Und war beinah’ schon halb verzagt: Da treibt Frau Jutte, meine Magd; Die in dem Pelz und grauen Socken; Seht, hier liegt auch noch ihr Wocken. Nun helft ihr allzumal davon! Zwei Tonnen Bieres geb’ ich zum Lohn, Auch sollt ihr grossen Ablass kriegen!’— Da liessen sie Braun für todt da liegen, Und liefen hastig zu den Weibern, Sie herauszuzieh’n mit nassen Leibern. Da sie dies betrieben, dieweil Kroch Braun ins Wasser in zorniger Eil’, Und brummte dabei vor Schmerz und Grimmen. Er dachte sich nicht, er könne schwimmen, Er wusste nicht andern Rath zu erdenken, Als sich hier selber zu ertränken, Dass ihn die Bauern nicht mehr schlügen. Da wollt’ es sich ihm so glücklich fügen, Er konnte noch schwimmen, und schwamm fürwahr. 10 Ja, als dies die Bauern wurden gewahr, Mit grossem Lärmen und mit Grämen Riefen sie: ‘Wetter, wir müssen uns schämen!’ Sie sahn’s mit grosser Ungeduld Und sprachen: ‘Das ist der Weiber Schuld; Zur Unzeit sind sie hieher gekommen: Nun ist er seiner Wege geschwommen.’ Sie besah’n den Block und wurden gewahr, Dass noch darin sass Haut und Haar von Ohren und Füssen: das war ihnen lieb. Sie riefen: ‘Komm wieder, ehrloser Dieb, Hier sind deine Ohren und Handschuh’ zu Pfande!’ So folgt’ ihm auf den Schaden die Schande! Doch war er froh, dass er entgieng. Er fluchte dem Baum, der ihn fieng, Ihm die Haut von Füssen und Ohren schied; Er fluchte Reineken, der ihn verrieth. Dies war das Gebet, das er da sprach, 10 Dieweil er in dem Wasser lag. Der Strom lief schnell und sonder Rast; Er trieb herab mit gleicher Hast. Und ward in einer kurzen Weile Herabgeführt wohl eine Meile. Da kroch er aus der Flut an’s Land: Betrübter Thier hat die Welt nicht gekannt. Den Geist schon meint’ er aufzugeben, Er getraute länger nicht zu leben. Er sprach: ‘O Reineke, falsches Geschöpfe!’ Auch dacht’ er an die Bauerntröpfe, Wie die ihn geschlagen und ausgestaupt, Weil er so tief hinein gesteckt das Haupt.
SEBASTIAN BRAND.
[Scherer D. 262, E. 256.]
Geboren zu Strassburg 1457, studierte zu Basel und wurde 1489 Doctor beider Rechte. Später ward er Stadtschreiber zu Strassburg und von Kaiser Maximilian zum Rath und Pfalzgrafen erhoben. Starb 1521. Ein satirischer und didactischer Schriftsteller. Sein berühmtes ‘Narrenschiff’ erschien zuerst Basel 1494 und ward oft nachgedruckt. Es wurde in das niederdeutsche, in lateinische Hexameter und hiernach in das Französische, Englische und Niederländische übersetzt. Herausgegeben von Zarncke (Leipzig 1854), Gödeke (Leipzig 1872).
1.
Wer sinen kinden übersicht irn můtwil und sie strofet nicht, dem selbst zů letzst vil leides gschicht.
VON LER[445] DER KIND.
Der ist in narrheit ganz erblint, der nit mag acht han, das sin kint 10 mit züchten[446] werden underwiszt, und er sich sunders[447] daruf fliszt, das er sie losz[448] irr gon on straf glich wie on hirten gönt die schaf, und in all můtwil übersicht, und meint, sie dörfen[449] strofens nicht, sie sigen[450] noch nit bi den joren, das sie behalten in den oren was man in sag, si strof[451] und ler. o groszer dor, merk zů und hör: die jugent ist zů bhalten gring[452], sie mercket wol uf alle ding; was man in nüe häfen[453] schitt, den selben gsmack[454] verlont[455] sie nit. ein junger zwig sich biegen lot[456]. wann man ein alten understat[457] 10 zu biegen, so knellt[458] er entzwei, zimlich[459] strof bringt kein sorglich gschrei; der růt der zucht vertribt on smerz die narrheit usz des kindes herz; on strafung selten iemens lert[460]. alls übel wechszt, das man nit wert: Hely was recht und lebt on sünd, aber das er nit stroft sin kind, des stroft in got, das er mit klag starb, und sin sün uf einen tag. 20 das man die kind nit ziehen wil, des findt man Catilinen vil. es stünd ietz umb die kind vil bas, geb man schůlmeister in, als was Phenix[461] den Peleus sinem sůn Achilli sůcht, und zů wolt důn; Philippus durchsůcht Kriechenland bisz er sim sůn ein meister fand: dem gröszten kunig in der welt wart Aristoteles zůgsellt; 30 der selb Platonen hort lang jar, und Plato Socratem darvor. aber die väter unser zit, darumb das sie verblendt der git[462] nemen sie uf sölich meister nůn[463], der in zům[464] narren macht ein sůn und schickt in wider heim zů hus halb narrechter[465], dann er kam drus. des[466] ist zů wundern nit daran, das narren narrecht kinder han. Crates, der alt, sprach, wann es im zůstůnd, wolt er mit heller stim schreien: ir narren unbedacht, 10 ir hant uf gůtsamlen grosz acht und achten nit uf uer kind, den ir sölich richtum samlen sind[467]. aber uch wirt zůletst der lon, wan uer sůn in rot sönt[468] gon und stellen zücht und eren nach, so ist in zů dem wesen gach[469], wie sie von jugent hant gelert; dan wirt des vatters leid gemert und frist sich selbst[470], das er on nutz 20 erzogen hat ein winterbutz[471]. etlich důnt sich in bůben rot[472], die lästern und gesmächen got; die andern henken an sich säck[473]; dise verspielen rosz und röck; die vierden prassen tag und nacht. das würt usz solchen kinden gmacht, die man nit in der jugent zücht und mit eim meister wol versicht. dan anfang, mittel, end, der ere 30 entspringt allein usz gůter lere. ein löblich ding ist edel sin, es ist aber frömbd, und nit din, es kumbt von dinen eltern har[474]; ein köstlich ding ist richtum gar, aber das ist des glückes fall, das uf und ab danzt wie ein ball; ein hübsch ding der welt glori ist, unstantbar[475] doch, dem alzit gbrist[476]; schonheit des libes man vil acht, wert etwan doch kum ubernacht. glich wie gesuntheit is vast liep und stielt sich ab doch wie ein diep. 10 grosz sterck acht man für köstlich hab, nimt doch von krankheit, alter ab; darumb ist nützt[477] undötlich[478] mer und bliblich[479] bi uns, dan die ler. Gorgias frogt[480], ob selig wer von Persia der mächtig her? sprach Socrates: ‘ich weisz noch nüt, ob er hab ler und tugent üt[481]’, als ob er sprech, das gwalt und golt on ler der tugent nützet solt[482]. 20