Volume 1 — DIE HÖFISCHEN EPEN. (continued 2)
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Es betrübt mir Seel’ und Leib, dass so manche heisset Weib. Die Stimme lautet allen hell, doch viele sind zum Falsche schnell, andre frei von falschem Wandel: so theilt sich dieser Handel. Dass die mit gleichem Namen prangen, das hat mein Herz mit Scham befangen. Weibheit, dein ordentlicher Brauch, Treue hielt und hält der auch. 10 Viele sprechen, Armut sei zu keinem Dinge gut; wer sie um Treue will erleiden, der mag doch Höllenfeuer meiden. Armut trug ein Weib um Treu: da ward ihr immer wieder neu im Himmelreich gegeben. Nun werden wen’ge leben, die jung der Erde Reichthum liessen um des Himmels Ruhm. Ich kenne keinen, der das will, Mann und Weib sind mir gleich viel, 10 sie gleichen alle sich darin. Frau Herzeleid, die, Königin floh ihren dreien Landen fern: sie trug der Freuden Mangel gern. Aller Fehl so ganz an ihr verschwand, dass ihn nicht Ohr noch Auge fand. Ein Nebel war ihr die Sonne; sie mied die weltliche Wonne. Auch war die Nacht ihr wie der Tag, ihr Herz nur stäten Jammers pflag. 20 Sie zog sich vor des Grams Gewalt aus ihrem Land in einen Wald, in der Wildniss von Soltane; nicht um Blumen auf dem Plane: ihr Herz erfüllte Leid so ganz, sie kehrte sich an keinen Kranz, ob er roth war oder fahl. Sie flüchtete dahin zumal des werthen Gahmuretes Kind. Leute, die da bei ihr sind, müssen reuten und pflügen. Ihre Pflege konnte wohl genügen dem Sohn. Eh der Verstand gewann, 10 rief sie ihr Volk zu sich heran, wo sie Mann und Weib zumal bei Leib und Leben anbefahl, dass von Rittern schwieg’ ihr Mund: ‘Denn würd’ es meinem Herzlieb kund, was ritterliches Leben wär, so hätt ich Kummer und Beschwer. Nun legt die Zunge klug in Haft und hehlt ihm alle Ritterschaft.’ Allen Leuten schuf das Sorgen. 20 Der Knabe ward verborgen in der Wüste von Soltan erzogen, um königlichen Brauch betrogen, ausser in dem einen Spiel: der Bogen und der Bolzen viel schnitt er sich mit eigner Hand und schoss die Vögel, die er fand. Wenn er jedoch das Vöglein schoss, dem erst Gesang so hold entfloss, so weint’ er laut und strafte gar mit Raufen sein unschuldig Haar. Sein Leib war klar und helle: auf dem Plan an der Quelle wusch er sich alle Morgen. 10 Nie meint’ er sich geborgen, bis ob ihm war der Vöglein Sang; die Süsse ihm das Herz durchdrang: das dehnt’ ihm seine Brüstlein aus. Mit Weinen lief er in das Haus. Die Kön’gin sprach: ‘Wer that dir’s an? Du warst ja draussen auf dem Plan.’ Da wusst er ihr kein Wort zu sagen, so geht es Kindern noch in unsern Tagen. Solches macht’ ihr viel zu schaffen. 20 Einst sah sie ihn nach Bäumen gaffen, davon der Vögel Lied erscholl. Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll von dem Gesang die junge Brust; in seiner Art lag solch Gelust. Frau Herzleid trug den Vögeln Hass seitdem, sie wusste nicht um was: sie wollt’ ihr Singen gern beschränken. Ihre Bauern und Enken schickte sie mit Netz und Stangen, Vöglein zu würgen und zu fangen. 10 Die Vöglein waren gut beritten, sie haben den Tod nicht all’ erlitten: etliche blieben noch am Leben, die hört man neuen Sang erheben. Der Knabe sprach zur Mutter sein: ‘Was giebt man Schuld den Vögelein?’ Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund. Seine Mutter küsst’ ihn auf den Mund. Sie sprach: ‘Was brech’ ich Sein Gebot, der doch ist der höchste Gott? 20 Sollen Vöglein trauern meinethalb?’ Der Knappe sprach zur Mutter bald: ‘Höre, Mutter, was ist Gott?’ ‘Das sag’ ich, Sohn, dir ohne Spott: er ist noch lichter denn der Tag, der einst Angesichtes pflag nach der Menschen Angesicht. Sohn, vergiss der Lehre nicht, und fleh ihn an in deiner Noth, dessen Treu’ uns immer Hülfe bot. 10 Ein Andrer heisst der Hölle Wirth, der schwarz Untreu nicht meiden wird; von dem kehr die Gedanken und auch von Zweifels Wanken.’ Seine Mutter unterschied ihm gar, was finster ist, was licht und klar. Waldein dann eilt’ er hin zu springen. Das Gabilot auch lernt’ er schwingen, womit er manchen Hirsch erschoss, davon der Mutter Haus genoss. 20 Ob man Grund sah oder Schnee, dem Wilde thät sein Schiessen weh. Hört aber fremde Märe: wenn er erschoss das schwere, einem Maulthier wär’ die Last genug, die er unzerlegt nach Hause trug. Er kam auf seinem Waidegang eines Tages einer Hald’ entlang, und brach zum Blatten einen Zweig. In seiner Nähe gieng ein Steig: da vernahm er Schall von Hufschlägen: er begann sein Gabilot zu wägen. ‘Was hab’ ich da vernommen? 10 Dass nun der Teufel kommen wollte grimm und zorniglich! Ich bestünd’ ihn sicherlich. Meine Mutter Schrecken von ihm sagt: mich dünkt, sie ist auch zu verzagt.’ So stand er da in Streits Begehr. Seht, da traben dortenher drei Ritter in der Rüstung Glanz, von Haupt zu Fuss gewappnet ganz. Der Knappe wähnte sonder Spott, 20 jeglicher wär’ ein Herregott. Wohl stand er auch nicht länger hie, er warf sich in den Pfad aufs Knie; mit lauter Stimme rief er gleich: ‘Hilf Gott, du bist wohl hilfereich!’ Der Vordre zürnte drum und sprach, als ihm der Knapp’ im Wege lag: ‘Dieser täppische Waleise wehrt uns schnelle Weiterreise.’ Ein Lob, das wir Baiern tragen, muss ich von Waleisen sagen: Sie sind täppischer als Bairisch Heer und leisten doch gleich tapfre Wehr. 10 Wen dieser Länder eins gebar, wird der gefüg, ists wunderbar. Da kam einher galoppiert, an Helm und Harnisch wohl geziert ein Ritter, welchem Zeit gebrach: streitgierig ritt er denen nach, die ihm schon weit vorausgekommen. Zwei Ritter hatten ihm genommen eine Frau aus seinem Lande: das däuchte diesen Schande. 20 Der Jungfrau Leid betrübt’ ihn schwer, die erbärmlich ritt vor ihnen her. Die dreie sind ihm unterthan. Er ritt ein schönes Kastilian; an seinem Schild war wenig ganz. Er hiess Karnachkarnanz, Le Comte Ulterleg. Er sprach: ‘Wer sperrt uns hier den Weg?’ So fuhr er diesen Knappen an; dem schien er wie ein Gott gethan: er sah noch niemals lichtre Schau. Sein Wappenrock benahm den Thau. Mit goldrothen Schellen klein waren an jedwedem Bein ihm die Stegereif’ erklängt 10 und zu rechtem Mass gelängt. Sein rechter Arm von Schellen klang, wenn er ihn rührt’ oder schwang; er war von Schwertschlägen hell. Der Degen war zur Kühnheit schnell. Also diesen Wald durchstrich der Fürst gerüstet wonniglich. Aller Mannesschöne Blumenkranz, den fragte da Karnachkarnanz: ‘Knapp, saht ihr hier vorüberfahren 20 zwei Ritter, die nicht können wahren das Gesetz der Rittergilde? Gewaltthat tragen sie im Schilde und sind an Würdigkeit verzagt: sie entführten eine Magd.’ Was er auch sprach, doch hielt ihn noch der Knapp für Gott: so malt Ihn doch die Königin, Frau Herzeleid, die vom lichten Schein ihm gab Bescheid. Da rief er laut sonder Spott: ‘Nun hilf mir, hilfereicher Gott!’ Niederwarf sich zum Gebet Le Fils du Roi Gahmuret. Da sprach der Fürst: ‘Ich bin nicht Gott; doch leist’ ich gerne sein Gebot. 10 Vier Ritter möchtest du hier sehn, wenn du besser könntest spähn.’ Der Knappe fragte fürbass: ‘Du nennest Ritter: was ist das? Hast du keine Gotteskraft, so sage, wer giebt Ritterschaft?’ ‘Die theilt der König Artus aus. Junker, kommt ihr in sein Haus, so mögt ihr Ritters Namen nehmen, dass ihrs euch nimmer habt zu schämen. 20 Ihr seid wohl ritterlicher Art. Von den Helden er beschauet ward: da sahn sie Gottes Kunst und Fleiss. Von der Aventür ich weiss, die mich mit Wahrheit des beschied, dass Mannesantlitz nie gerieth so schön wie seins von Adams Zeit: drum lobten Fraun ihn weit und breit. Da hub der Knappe wieder an, dass sein zu lachen Der begann: ‘Ei Ritter gut, was soll dies sein? du hast so manches Ringelein an den Leib gebunden dir, dort oben und auch unten hier.’ 10 Der Knapp befühlte mit der Hand, was er eisern an dem Fürsten fand. Den Panzer wollt er gern beschauen: ‘Meiner Mutter Jungfrauen wohl an Schnüren Ringlein tragen, die nicht so in einander ragen.’ Noch sprach der Knappe wohlgemuth zum Fürsten: ‘Wozu ist dies gut, was sich an dir so wohl will schicken? Ich kann es nicht herunter zwicken.’ 20 Da wies der Fürst ihm sein Schwert: ‘Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt, des erwehr ich mich mit Schlägen. Gegen seine muss ichs an mich legen, und dieser Schild behütet mich vor dem Schuss und vor dem Stich.’ Wieder sprach der Knappe laut: ‘Hätten die Hirsche solche Haut, sie versehrte nicht mein Gabilot; so fällt doch mancher vor mir todt.’ Die Ritter zürnten, dass er sprach mit den Knappen, welchem Sinn gebrach. 10 Da sprach der Fürst: ‘Gott hüte dein! O wäre deine Schönheit mein! Dir hätte Gott genug gegeben, besässest du Verstand daneben. Die Gottesgabe liegt dir fern.’ Da ritt er weiter mit den Herrn. Sie gelangten alle bald zu einem Feld im tiefen Wald. Da fand er an der Pflugschar Frau Herzeleidens Bauernschar. 20 Dem Volke nie so leid geschah. Die man künftig ernten sah, sie mussten säen erst und egen, starken Ochsen dräun mit Schlägen. Der Fürst ihnen guten Morgen bot und frug sie: ‘Sahet ihr nicht Noth eine Jungfrau erleiden?’ Da konnten sies nicht meiden, sie sagten ihm, was er gefragt: ‘Zwei Ritter und eine Magd sahn wir reiten heute Morgen. Das Fräulein schien in Sorgen. Kräftig mit den Sporen rührte 10 die Pferde, der die Jungfrau führte.’ Es war Meliakanz, dem nachritt Karnachkarnanz und ihm im Kampf die Jungfrau nahm; sie war an aller Freude lahm. Sie hiess Imäne von der Bellefontäne. Die Bauern waren sehr verzagt, da diese Helden sie befragt. Sie sprachen: ‘Wie ist uns geschehn!’ 20 Hat unser Junker ersehn an diesen Rittern schartges Eisen, so dürfen wir das Glück nicht preisen. Uns trifft mit Recht nun immerhin darum der Zorn der Königin, weil er mit uns zu Walde lief heute früh, da sie noch schlief.’ Gleich galts dem Knappen, wer nun schoss im Wald die Hirsche klein und gross; heim zu der Mutter lief er wieder und sagt es ihr. Da fiel sie nieder, seiner Worte sie so sehr erschrak, dass sie bewusstlos vor ihm lag. Als darauf die Königin wieder fand bewussten Sinn, wie sie zuvor auch war verzagt, 10 doch sprach sie: ‘Sohn, wer hat gesagt dir von ritterlichem Orden? Wie bist du’s inne worden?’ ‘Mutter, ich sah vier Männer licht, lichter ist Gott selber nicht: die sagten mir von Ritterschaft. Artusens königliche Kraft soll mich mit ritterlichen Ehren des Schildes Amt und Pflichten lehren.’ Das war ihr neuen Leids Beginn. 20 Die Königin sann her und hin, wie sie eine List erdächte und ihn von solchem Willen brächte. Der einfältge Knappe werth bat die Mutter um ein Pferd. Das begann sie heimlich zu beklagen. Sie gedacht: ‘Ich will ihm nichts versagen; aber grundschlecht muss es sein. ‘Es giebt noch Leute,’ fiel ihr ein, ‘die gar lose Spötter sind. Thorenkleider soll mein Kind an seinem lichten Leibe tragen. Wird er gerauft dann und geschlagen, so kehrt er wohl in kurzer Frist.’ 10 O weh der jammervollen List! Da nahm sie grobes Sacktuch und schuf daraus ihm Hemd und Bruch (Hose), aus Einem Stück jedoch geschnitten bis zu des blanken Beines Mitten; eine Kappe dran für Haupt und Ohren: so trugen damals sich die Thoren. Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch, als Kalbshäuten frisch und rauch, mass man seinen Beinen an, da weinten alle, die es sahn. 20 Die Königin mit Wohlbedacht bat ihn zu bleiben noch die Nacht; ‘du darfst dich nicht von hinnen heben, ich muss dir erst noch Lehren geben: du sollst auf ungebahnten Strassen dich nicht auf dunkle Furt verlassen; ist sie aber seicht und klar, so hat der Durchritt nicht Gefahr. Du sollst auch guter Sitte pflegen, jeden grüssen auf den Wegen. Will dich ein grauweiser Mann Zucht lehren, wie ein solcher kann, so folg ihm gerne mit der That, 10 und zürn ihm nicht, das ist mein Rath. Eins lass dir, Sohn, befohlen sein: wo du guter Frauen Ringelein erwerben mögest und ihr Grüssen, da nimms: es kann dir Leid versüssen. Magst du auch ihren Kuss erlangen und herzend ihren Leib umfangen, das giebt dir Glück und hohen Muth, wenn sie keusch ist und gut. Du sollst auch wissen, Sohn mein, 20 dass der stolze kühne Lähelein zwei Länder dir hat abgefochten, die dir sonst nun zinsen mochten: Waleis und Norgals. Deiner Fürsten Einer, Turkentals, den Tod von seiner Hand empfieng: all dein Volk er schlug und fieng.’ ‘Das räch ich, Mutter, will es Gott: ihn verwundet noch mein Gabilot.’ Da Morgens schien des Tages Licht, der stolze Knappe säumte nicht: Herr Artus ihm im Sinne lag. 10 Sie küsst’ ihn oft und lief ihm nach. Das grösste Herzleid ihr geschah. Da sie den Sohn nicht länger sah, (der ritt hinweg: wen mag das freun?) da fiel die Fraue Falsches rein zur Erde, wo sie Jammer schnitt, bis sie den Tod davon erlitt. Ihr getreulicher Tod bewahrt sie vor der Hölle Noth. O wohl ihr, dass sie Mutter ward! 20 So fuhr die lohnergiebge Fahrt, diese Wurzel aller Güte, aus der das Reis der Demuth blühte. Weh uns, dass uns nicht verblieb ihre Sippe bis zum eilften Glied! Drum muss man so viel Falschheit schaun. Doch sollten die getreuen Fraun Heil erwünschen diesem Knaben, den sie hier sehen von ihr traben.
2. TITUREL.
Al die minne phlâgen ‖ und minne an sich leiten, nu hœret magtlîch sorge ‖ unde manheit mit den arbeiten: dâ von ich wil âventiure künden den rehten, die ........ ‖ durch herzeliebe ie senende nôt erfünden. Der süeze Schîonatulander genante, 10 als sîn gesellekeit ‖ in sorgen manecvalt in kûme gemante: dô sprach er ‘Sigûne helferîche, nu hilf mir, süeziu maget, ‖ ûz den sorgen: sô tuostu helflîche. Ducisse ûz Katelangen, ‖ lâ mich geniezen: ich hœre sagen, du sîst erboren ‖ von der art, die nie kunde verdriezen, sine wæren helfec mit ir lône, swer durch si kumberlîche nôt ‖ enphienc: dîner sælden an mir schône.’ ‘Bêâs âmîs, nu sprich, ‖ schœner vriunt, waz du meinest. lâ hœrn, ob du mit zühten ‖ dich des willen gein mir sô vereinest, daz dîn klagendiu bet iht müge vervâhen. dune wizzest es vil rehte ‖ die wârheit, sone soltu dich niht vergâhen.’ ‘Swâ genâde wonet, dâ ‖ sol man si suochen. frouwe, ich ger genâden: ‖ des solt du durh dîne genâde geruochen. werdiu gesellekeit stêt wol den kinden. swâ reht genâde nie niht ‖ gewan ze tuonne, wer mac si dâ vinden?’ 10 Si sprach ‘du solt dîn trûren ‖ durch trœsten dâ künden, dâ man dir baz gehelfen mac ‖ danne ich: anders du kanst dich versünden, ob du gerst daz ich dir kumber wende: wan ich bin reht ein weise ‖ mîner mâge, lands und liute ellende.’ ‘Ich weiz wol, du bist landes ‖ und liute grôziu frouwe. des enger ich alles niht, ‖ wan daz dîn herze dur dîn ouge schouwe alsô daz ez den kumber mîn bedenke. nu hilf mir schiere, ê daz dîn ‖ minn mîn herze und die fröude verkrenke.’ ‘Swer sô minne hât, daz sîn ‖ minne ist gevære deheime als lieben friunde ‖ als du mir bist, daz wort ungebære wirt von mir nimer benennet minne. got weiz wol daz ich nie ‖ bekande minnen flust noch ir gewinne.10 Minne, ist daz ein er? ‖ maht du minn mir diuten? ist daz ein sie? kumet mir ‖ minn, wie sol ich minne getriuten? muoz ich si behalten bî den tocken? od fliuget minne ungerne ûf hant ‖ durh die wilde? ich kan minn wol locken.’ ‘Frouwe, ich hân vernomen ‖ von wîben und von mannen, minne kan den alten, ‖ den jungen sô schuzlîchen spannen, daz si mit gedanken sêre schiuzet: sie triffet âne wenken ‖ daz loufet, kriuchet, fliuget oder fliuzet. Jâ erkande ich, süeziu maget, ‖ ê wol minn von mæren. minne ist an gedanken: ‖ daz mag ich nu mit mir selbe bewæren: des betwinget si diu stæte liebe. minne stilt mir fröude ‖ ûz dem herzen, ez entöhte eim diebe.’ 10 ‘Schîonatulander, ‖ mich twingent gedanke, sô du mir ûz den ougen kumest, ‖ daz ich muoz sîn an fröuden diu kranke, unze ich tougenlîche an dich geblicke. des trûre ich in der wochen ‖ niht zeim mâl, ez ergêt alze dicke.’ ‘Sone darft du, süeziu maget, mich ‖ niht frâgen von minne: dir wirt wol âne frâge ‖ bekant minnen flust und ir gewinne. nu sich wie minne ûz fröude in sorge werbe: tuo der minne ir reht, ê ‖ diu minne uns beide in [den] herzen verderbe.’ Si sprach ‘kan diu minne ‖ in diu herzen sô slîchen, daz ir man noch wîp ‖ noch diu magt mit ir snelheit entwîchen, weiz abe iemen waz diu minne richet an liuten die ir schaden nie ‖ gewurben, daz si den fröude zebrichet?’ ‘Jâ ist si gewaltec ‖ der tumben und der grîsen. niemen als künstec lebet, ‖ daz er künne ir wunder volprîsen. 10 nu sulen wir bêdiu nâch ir helfe kriegen mit unverscharter friuntschaft ‖ minn kan mit ir wanke niemen triegen.’ ‘Owê, kund diu minne ‖ ander helfe erzeigen, danne daz ich gæbe ‖ in dîn gebot mîn frîen lîp für eigen! mich hât dîn jugent noch niht reht erarnet. du muost mich under schiltliem ‖ dache ê dienen: des wis vor gewarnet.’ ‘Frouwe, als ich mit krefte ‖ diu wâpen mac leiten, hie enzwischen unde ouch dan mîn lîp ‖ wirt gesehen in [den] süezen sûren arbeiten, sô daz mîn dienst nâch dîner helfe ringe. ich wart in dîne helfe erboren: ‖ nu hilf sô daz mir an dir gelinge.’ Diz was der anevanc ‖ ir geselleschefte mit worten, an den zîten ‖ dô Pompeius für Baldac mit krefte het ouch sîne hervart gesprochen, und Ipomidôn der werde: ‖ ûz ir her wart vil niwer sper zebrochen. 10
Die je geminnet haben ‖ und Minneleid getragen, Von magdlichem Kummer ‖ höret nun und Jünglingsschmerzen sagen. Davon will ich euch Abenteuer künden, Allen, die der Sehnsucht Pein ‖ je herzliche Liebe liess ergründen. Der süsse Schionatu— ‖ lander entbrannte, 20 Als seiner Gespielin ‖ Huld sein leidend Herz übermannte. Da sprach er: ‘Sigune, hülfereiche, Hilf, süsse Magd, dass deine Hand ‖ mir aus diesen Sorgen Hülfe reiche. Düschess von Katelangen, ‖ lass mich des geniessen, Man sagt, du seist der Art entstammt, ‖ die es niemals mochte verdriessen Mit Minnelohn ihm Hülfe zu gewähren, Der Minnenoth durch sie empfieng: ‖ die Sitte solltest du an mir bewähren!’ ‘Doux Ami, nun sprich, ‖ süsser Freund, was du meinest. Lass hören, ob du solche ‖ Gesinnung gegen mich mir bescheinest, Dass ich Gehör der Klage müss ertheilen: Bist du des Schadens nicht gewiss, ‖ so solltest du dich nicht übereilen.’ ‘Gnade soll man suchen, ‖ da wo sie wohnet: Herrin, ich suche Gnade: ‖ nun sieh, wie deine Güte mir lohnet. 20 Freundschaft halten ziemt verständgen Kindern; Aber wo sich Gnade ‖ nie gezeigt, da kann sie Schmerz nicht lindern.’ Sie sprach: ‘Du sollst um Linderung ‖ deinen Schmerz da künden, Wo man dir besser helfen mag ‖ als ich, du möchtest sonst dich versünden, Wenn du begehrst, dass ich den Schmerz dir heile. Denn ich bin eine Waise, ‖ Land und Leuten fern, ach, manche Meile!’ ‘Ich weiss wohl, dass dir Leut ‖ und Land gehorchen, ihrer Frauen; Das begehr ich Alles nicht: ‖ nur lass dein Herz durch deine Augen schauen, So dass es meines Kummers Noth bedenke: Hilf bald, eh deiner Minne Flut ‖ mir das Herz und die Freuden ertränke.’ ‘Wer solche Minne hat, dass er ‖ durch Minne gefährde So lieben Freund, wie du mir bist, ‖ mir der liebste Freund auf der Erde, 20 Solch gefährlich Ding ist mir nicht Minne. Gott weiss wohl, ich wusste ‖ nie von der Minne Verlust noch Gewinne. Minne ist das ein Er? ‖ Kannst du Minne beschreiben? Ist es ein Sie? Und kommt mir ‖ Minne, wo soll ich mit ihr bleiben? Soll ich sie verwahren bei den Docken? Fliegt sie uns auf die Hand ‖ oder ist sie wild? Ich kann ihr wohl locken.’ ‘Herrin, ich hörte sagen ‖ von Frauen und von Mannen, Minne kann auf Alt und Jung ‖ den Bogen so meisterlich spannen, Dass sie mit Gedanken tödlich schiesset: Sie trifft ohne Fehlen, ‖ was da läuft, kriecht, fliegt oder fliesset. 20 Ich kannte, süsse Magd, bisher ‖ Minne nur aus Mären: In Gedanken wohnt die Minne, ‖ das kann ich mit mir selber nun bewähren. Dazu treibt sie wandellose Liebe. Minne stiehlt mir Freude ‖ aus dem Herzen gleich einem Diebe.’ ‘Schionatulander, ‖ mich zwingen Gedanken, Wenn du mir aus den Augen kommst, ‖ dass ich an den Freuden muss erkranken, Bis ich dich heimlich wieder angesehn. Drum traur ich in der Wochen ‖ nicht Einmal, zu oft ist mirs geschehen.’ ‘So darfst du, süsse Magd, mich ‖ nicht fragen nach Minne: Du erfährst wohl ohne Fragen ‖ von der Minne Verlust und Gewinne. Sieh, wie die Minne Freude kehrt in Schmerzen; Thu der Minn ihr Recht, dass ‖ uns die Minne nicht verderbt in den Herzen.’ Sie sprach: ‘Kann die Minne ‖ die Herzen so beschleichen, Dass ihr nicht Mann, nicht Weib noch Magd ‖ mit Behendigkeit mög entweichen: 20 Weiss denn Jemand, was die Minne rächen Will an Leuten, die ihr nie ‖ geschadet, ihre Freuden so zu brechen?’ ‘Ja, sie ist gewaltig ‖ der Jungen wie der Greisen: Kein Meister lebt auf Erden, ‖ der ihre Wunder alle möge preisen. Lass uns um ihre Hülfe beide werben Mit wandelloser Freundschaft; ‖ so kann mit Wank uns Minne nicht verderben.’ ‘O weh, könnte Minne ‖ doch andre Hülf erzeigen, Als dass ich meinen freien Leib ‖ in dein Gebot dir gäbe zu eigen! Deine Jugend war zu Dienst mir nie beflissen: Du musst mich unter Schildesdach ‖ erst verdienen, das sollst du wissen!’ ‘Herrin, wenn ich erstarke ‖ die Waffen zu führen, In süsser, saurer Arbeit ‖ will ich heut und immer mich rühren, Dass mein Dienst nach deiner Hülfe ringe; Deine Hülfe thut mir Noth: ‖ hilf denn, dass mir an dir gelinge.’ So hatt ihre Minne ‖ den Anfang genommen Mit Worten in den Zeiten, ‖ da Pompejus vor Baldag zu kommen Sich gerüstet mit gewaltigem Heere, Und Ipomedon der werthe; ‖ da zerbrachen sie viel neue Speere. 20
3. WILLEHALM.
Durh Gyburge al diu nôt geschach. diu stuont ûf, mit zuht si sprach, ê daz sich schiet der fürsten rât. ‘swer zuht mit triwen hinne hât, der ruoche hœren mîniu wort. got weiz wol daz ich jâmers hort sô vil inz herze hân geleit, daz in der lîp unsamfte treit.’ Die gein ir ûf begunden stên, die bat si sitzn und ninder gên. dô si gesâzen über al, si sprach ‘der tôtlîche val der hiest geschehen ze bêder sît dar umbe ich der getouften nît 10 trag und ouch der heiden, daz bezzer got in beiden an mir, und sî ich schuldic dran. die rœmschen fürsten ich hie man, daz ir kristenlîch êre mêrt, ob iuch got sô verre gert, daz ir mit strîte ûf Alischanz rechet den jungen Vivîanz an mînen mâgn und an ir her: die vindet ir mit grôzer wer. 20 und ob der heiden schumpfentiur ergê, sô tuot daz sælekeit wol stê: hœrt eins tumben wîbes rât, schônt der gotes hantgetât. Ein heiden was der êrste man den got machen began. Nu geloubt daz Eljas unde Enoch für heiden sint behalten noch. Nôê ouch ein heiden was, der in der arken genas. Iop für wâr ein heiden hiez, den got dar umbe niht verstiez. nu nemt ouch drîer künege war, 10 der heizet einer Kaspar, Melchîor und Balthasân: die müeze wir für heiden hân, diene sint zer flüste niht benant: got selb enpfienc mit sîner hant die êrsten gâbe an muoter brust von in. die heiden hin zer flust sint alle niht benennet. wir hân für wâr bekennet, swaz müeter her sît Even zît 20 kint gebâren, âne strît gar heidenschaft was ir geburt: etslîchz der touf het umbegurt. getouft wîp den heiden treit, swie dez kint der touf hab umbeleit. der juden touf hât sundersite: den begênt si mit eime snite. wir wârn doch alle heidnisch ê. dem sældehaften tuot vil wê, ob von dem vater sîniu kint hin zer flust benennet sint: er mac sih erbarmen über sie, 10 der rehte erbarmekeit truoc ie. Nu geloubt ouch daz diu mennescheit den engelen ir stat ab erstreit, daz si gesetzet wâren, die unser künne vâren, ze himele in den zehenden kôr. die erzeigeten got alsölhen bôr, daz sîn werdiu kraft vil stætec von in wart anrætec. dieselben nôtgestallen 20 von gedanken muosen vallen: got enlie si niht zen werken komn, der gedanc weiz wol unvernomn. dar umbe des menschen wart erdâht. sich heten mensch und engel brâht beidiu in den gotes haz: wie kumt daz nu daz mennisch haz dan der engl gedinget? mîn munt daz mære bringet. daz mennisch wart durch rât verlorn: der engel hât sich selb erkorn zer êwigen flüste mit sîner âküste, 10 und al die im gestuonden die selben riwe fuonden. die varent noch hiute dem mensche bî, als ob der kôr ir erbe sî, der den ist ze erbe lâzen die sich des kunnen mâzen daz gotes zorn erwirbet, des sælde niht verdirbet. Swaz iu die heiden hânt getân, ir sult si doch geniezen lân 20 daz got selbe ûf die verkôs von den er den lîp verlôs. ob iu got sigenunft dort gît, lâts iu erbarmen ime strît. sîn werdeclîchez leben bôt für die schuldehaften an den tôt unser vater Tetragramatôn. sus gab er sînen kinden lôn ir vergezzenlîchen sinne. sîn erbarmede rîchiu minne elliu wunder gar besliuzet, 10 des triwe niht verdriuzet, sine trage die helfeclîche hant diu bêde wazzer unde lant vil künsteclîch alrêrst entwarf, und des al diu crêatiure bedarf die der himel unbesweifet hât. diu selbe [hant] die plânêten lât ir poynder vollen gâhen bêdiu verre und nâhen. swie si nimmer ûf gehaldent, 20 si warment unde kaldent: etswenne’z îs si schaffent: dar nâch si boume saffent, sô diu erde ir gevidere rêrt unde si der meie lêrt ir mûze alsus volrecken, nâch den rîfen bluomen stecken. Ich diene der künsteclîchen hant für den heiden got Tervigant: ir kraft hât mich von Mahumeten unders toufes zil gebeten. des trag ich mîner mâge haz; und der getouften umbe daz: durch menneschlîcher minne gît si wænent daz ich fuogte disen strît. dêswâr ich liez ouch minne dort, 10 und grôzer rîcheit manegen hort, und schœniu kint, bî einem man, an dem ich niht geprüeven kan daz er kein untât ie begienc, sîd ich krôn von im enpfienc. Tybalt von Arâbî ist vor aller untæte vrî: ich trag al ein die schulde, durh des hœhsten gotes hulde, ein teil ouch durh den markîs 20 der bejaget hât sô manegen prîs. ey Willalm, rehter punjûr, daz dir mîn minne ie wart sô sûr! waz werder diet ûz erkorn in dîme dienste hânt verlorn ir lîp genendeclîche! der arme und der rîche, nu geloubt daz iwerr mâge flust mir sendet jâmer in die brust: für wâr mîn vreude ist mit in tôt.’ si weinde vil: des twanc si nôt. 10
Kyburg, der Quell all dieser Leiden, stand auf, und nimmt das Wort bescheiden, bevor der Fürstenrath sich trennt: ‘Wer Zucht und Treue hier bekennt, geruh zu hören, was ich sage. Gott weiss, dass solchen Schatz der Klage ich habe in mein Herz gelegt, dass ihn mit Müh der Leib nur trägt.’ Die vor ihr begannen aufzustehn, bat sie zu sitzen und nicht zu gehn. Als dann sie sassen überall, hub an die Königin: ‘Den tödlichen Fall, der beiderseits geschehen ist, weshalb der Heide wie der Christ 10 mir zürnt, den wende Gottes Huld zum Bessern Beiden, so wie mir, bin ich allein auch daran schuld. Die römischen Fürsten mahn’ ich hier, dass ihre Christenehr’ es mehrt, wenn Gott euch dazu nun begehrt, dass ihr im Kampf auf Alischanz rächet den jungen Vivianz an meinen Verwandten und ihrem Heer. Die findet ihr mit grosser Wehr. 20 Doch werft ihr die Heiden nieder im Streit, so sorgt, zu wahren die Seligkeit. Hört an einfält’ges Weibes Rath: Achtet, was Gott geschaffen hat! Ein Heide war der erste Mann, den zu erschaffen Gott begann. Für Heiden sind Elias und Henoch gehalten auch, so glaubt ihr doch. Gleichfalls ein Heide Noah war, des Arch’ ihn trug aus der Gefahr. Fürwahr ein Heid’ auch Hiob hiess, den Gott doch deshalb nicht verstiess. Auch nehmt die drei Kön’ge wahr, 10 Melchior, Kaspar und Balthasar; wir müssen sie zwar Heiden nennen, doch aber auch zugleich bekennen, dass nimmer sie verdammet sind. Gott selbst empfieng, das Jesuskind, an Mutterbrust aus ihrer Hand die erste Gabe. Nicht alle Heiden sehn drum wir hin zur Hölle scheiden. Es ist als wahr von uns erkannt: Alle Kinder, die seit Evas Zeit 20 die Mütter gebaren, sind ohne Streit im Heidenthum bei ihrer Geburt; nur einige schirmt der Taufe Gurt. Das Christenweib den Heiden trägt, bis ihm die Taufe ist angelegt. Der Juden Tauf’ ist eigner Sitte, die sie vollziehen mit einem Schnitte. Wie waren all’ drum heidnisch eh: doch thut’s dem heiltheilhaft’gen weh, wenn von dem Vater seine Kind zu den Verdammten gezählet sind; und es erbarme sich über sie, 10 der sein Erbarmen versagt noch nie. Auch glaubet ihr, die Menschheit hat den Engeln abgestritten die Statt, wohin gesetzt sie ehbevor, in des Himmels zehnten Chor, die unser Geschlecht bedrohn mit Wuth. Gott zeigten sie solchen Übermuth, und suchten mit beharrlichem Werben seine Herrlichkeit zu verderben. Dieselben Jammerbrüder alle 20 kamen durch Gedanken zu Falle. Gott, der die Gedanken unausgesprochen doch weiss, hat ihr Sündenwerk gebrochen. Drauf ward der Mensch von ihm erdacht. Mensch und Engel haben gebracht sich beide um die Gotteshuld. Wie kommt’s nun, dass des Menschen Schuld soll leichter als die der Engel wiegen; Das sei euch nicht von mir verschwiegen. Durch Verführung gieng der Mensch verloren; die Engel haben sich selbst erkoren durch ihren Verrath und Treuebruch der ewigen Verdammniss Fluch, 10 wie gleiches Elend alle fanden, die zu ihnen gleichfalls standen. Sie umstricken den Menschen wie zuvor noch heute, als sei ihr Erbe der Chor, der doch als Erbe nur denen gelassen, die vermeiden, was Gott muss hassen, dass seinen Zorn sie nicht erwerben. Ihr Heil entgehet dem Verderben. Was auch die Heiden euch gethan, so sollt ihr denken doch daran, 20 dass denen auch Gott selbst verzieh, die seinen Leib getödtet hie. Wenn Gott euch dort den Sieg verleiht, so übt Erbarmen in dem Streit. Sein würdereiches Leben bot für die Schuldigen dem Tod unser Vater Tetragrammaton[22]. So gab er seinen Kindern Lohn, wie wohl sie seiner schwer vergassen. Seiner reichen erbarmenden Lieb’ entfliessen alle Wunder sonder Massen. 10 Nie kann es seine Treu verdriessen, zu helfen mit hülfreicher Hand, die beides, Wasser so wie Land zuerst mit weiser Kunst entwarf, des alle Kreatur bedarf, die der Himmel umkreiset. Dieselbe Hand den Planeten weiset die Bahnen an in Fernen und Nähen, den vorgeschriebnen Lauf zu gehen. Wie unaufhaltsam ihren Kreis 20 sie vollenden, giebt ihre Kraft Wärm’ und Kälte; sie schaffen das Eis, sie giessen in den Baum den Saft, wenn die Erd’ erneuert ihr Gefieder und sie der Mai belehret, wieder, um ihre Mause zu vollenden, Blumen nach dem Reif zu spenden. Ich diene der Einen, der kunstreichen Hand, anstatt dem Gotte Tervigant. Ihre Kraft hiess durch der Taufe Segen mich ab den Glauben Mahoms legen; deshalb trag’ ich den Hass der Meinen. Doch den Getauften will es scheinen, als ob durch menschlicher Minne Begier ich diesen Streit entflammet hier. Wahr ist’s, ich liess auch Minne dort, 10 und grosses Reichthums manchen Hort, und schöne Kinder bei einem Mann, dem niemals ich nachweisen kann, dass irgend Unthat er begieng, seit ich von ihm die Kron’ empfieng. Tybald von Arabien sei von allem Frevel gesprochen frei. Ich trag allein die Schuld durch des höchsten Gottes Huld und theils durch den Marquis gezwungen, 20 der sich so manchen Preis errungen. Weh, Wilhelm, rechter Pongneor, weh mir, dass so meine Liebe verderblich dir! Wie werthe Männer auserkoren haben ihr edles Leben verloren in deinem Dienst! Ihr Reich’ und Arme, o glaubt es, dass mit tiefstem Harme eurer lieben Verwandten Verlust mir jammervoll beschwert die Brust. Meine Freud’ ist wahrlich mit ihnen todt.’ Sie weinte sehr im Zwang der Noth. 10
RUDOLF VON EMS.
[Scherer D. 189, E. 180.]
Ein Schweizer, Dienstmann zu Montfort. Ein gelehrter Dichter, der viel geschrieben hat und zwischen 1251 und 1254 starb. Erhalten sind von seinen Werken: ‘der gute Gerhard’ (ed. Haupt, Leipzig 1840); ‘Barlaam und Josaphat’ (ed. Pfeiffer, Leipzig 1843); und ‘Wilhelm von Orlens’, ‘Alexander’, ‘Weltchronik’ (unvollendet und Konrad IV. gewidmet), sieh Vilmar ‘Die zwei Recensionen und die Handschriftenfamilien der Weltchronik Rudolfs von Ems’ (Marburg 1839).
BARLAAM UND JOSAPHAT.
Die jenen rehten herren lânt und disem valschen bî gestânt, den wirt der tôt vür daz leben von im ze lône gegeben. sîn lôn ist niht wan herzeleit, als ich ein teil dir hân geseit. Die dirre welte volger sint unde ir dienstlîchiu kint, die gelîche ich einem man, der nôt von einem tiere gewan; daz was ein einhürne grôz. sîn lüejen alsô lûte dôz, daz ez den man brâhte in nôt. er vorhtim unde vlôch den tôt. 10 ez jaget in âne milte zuht. dô er was in sorgen vluht und vor dem einhürnen lief, in ein abgründe tief viel er über eine want. in dem valle ergreif sîn hant ein boumelîn; dâ hieng er an: daz vriste disen selben man. er habete sich vil vaste ze des boumelînes aste. 20 die vüeze hâte er gesat an eine wunderenge stat; daz was ein kleiner erdewase, gewurzet âne kraft mit grase: dar ûf enthielt er sînen val. diu selbe stat was alsô smal, daz er dar an niht mohte gestân, swenn er daz boumel müeste lân. Swier dâ stuont in grôzer nôt, er wânde, im wære der tôt mit vride gar benomen dâ. dô kômen zwô miuse sâ: einiu was swarz, diu ander wîz: die kêrten allen ir vlîz an der stûden wurzel gar. 10 sie nuogen alsô vaste dar, biz diu wurz vil nâch sich lie, von der kraft diu stûde gie. diz was ein ängestlîch geschiht. er mohte des erwenden niht, sie wolten der wurze angesigen. dô sach er einen trachen ligen tief under im in dem tal; der dinget ûf des mannes val. ez was ein ängestlîcher stric. 20 er truoc vil leiden aneblic: diu ougen und der âtem sîn wâren beidiu viurîn; er tet vil wîte ûf den munt: dô dranc daz viur sâ zestunt mit grôzer flamme, als er sich vleiz, als ûz einem ovene heiz ûz sinem wîten munde. vil sêre in der stunde mit grimme blangen began, daz er verslunde disen man. ûf sînen val was er bereit ginende, als ich hân geseit, als er in wolde slinden. dem man begunde swinden 10 herzevreude (daz tet nôt), als im diu vorhte gebôt. Dô der man diz ungemach under im an dem trachen sach und den wüetenden einhürnen ob im sô sêre zürnen, dô er nâch im lûte schrei, und daz der stûden wurz enzwei von den miusen nâch geschaben was: er dâhte, ob in enthaben 20 möhte disiu kleiniu stat, dâ er hâte hin gesat die vüeze durch des valles vrist. als er disen kleinen list in sînen grôzen nœten vant, er sach des endes sâ zehant. aldâ moht er sich niht entsagen: ûz der wende sach er ragen vier grôzer würme houbet. vreude er wart betoubet, wan er des tôdes was gewis. ein slange, heizet aspis, der vil grôze vrävele hât, swenne er lebendes iht bestât. der wurden im dâ vier erkant bî sînen vüezen in der want, die den wasen undergruoben 10 und vlîzeclîche schuoben, der under sînen vüezen lac und sîn mit unstæte phlac, wan er sô sêre began mit helfe entwîchen disem man. dô disiu viervalte nôt dem man sô grôze vorhte bôt, er sach ûz einem aste samfte, niht ze vaste, ein kleine honicseimes gân. 20 al sîn nôt begunder lân: er habete sich dar sâ zestunt und liez im triefen in den munt. swar er sach, dâ was nôt; er sach nâhen im den tôt: swie vorhteclich was diu gesiht, er lie der honictropfen niht. Ist dînen sinnen iht ze snel ze merkenne diz bîspel sô wil ich dirz ze tiute sagen, die rehten bîschaft niht verdagen. diu gruobe, dar in viel der man, dâ soltû die welt merken an, diu mit sô maneger arbeit uns ir stricke hât geleit. der einhürne, dêst der tôt, der mit ängestlîcher nôt 10 allez menschenkünne jaget, biz daz sîn name an im betaget. daz boumelîn, daz ist daz leben, daz uns allen ist gegeben, ieglîchem nâch sîner maht. der liehte tac, diu trüebe naht bezeichent dise miuse zwô, die jene wurzen nuogen sô daz der stûden kraft zergienc, dar an der man mit vorhten hienc. 20 alsus genagent widerstrît unser leben disiu zît. ir nagen daz hât endes niht, ê man si abe genagen siht unser lebenes wurzelkraft, dâ unser leben ist angehaft. merke ouch in den sinnen dîn, daz der trache viurîn, der gên dem man ûf tet den munt, bezeichent der helle grunt und des tiuvels angesiht, diu vorhtlîcher swære giht. Der vier slangen houbet sint vier tugende, von den al diu kint, diu von menschen sint bekomen, lîp unde leben hânt genomen, der vier êlementen kraft, von den diu gotes meisterschaft 10 den lîp al der menscheit hât ze samene geleit. daz ist diu ungewisse stat, ûf die der man hâte gesat durch vristen sîne vüeze. der welte unstætiu süeze sî dir bî dem honige kunt, daz jenem trouf in den munt, und durch daz kleine tröpfelîn vergaz er al der nœte sîn. 20 hie sî dir bilde bî gegeben, daz dû dirre welte leben rehte erkennest, wie si stât.’
Die jenen rechten Herren verlassen und diesem falschen sich zugesellen, denen wird der Tod statt des Lebens von ihm zum Lohne gegeben. Sein Lohn ist nichts als Herzeleid, wie ich zum Theil dir schon gesagt. Die dieser Welt Anhänger sind und ihre dienstfertigen Kinder, die vergleiche ich mit einem Mann, der durch ein Thier in Noth gerieth; das war ein gewaltiges Einhorn. Sein Brüllen erscholl so laut, dass es den Mann in Noth brachte. er fürchtete sich und floh den Tod. 10 Doch verfolgte es ihn rücksichtslos. Als er in sorgenvoller Flucht vor dem Einhorn davonlief, da fiel er in einen tiefen Abgrund über eine Wand hinab. Im Fallen ergriff seine Hand ein Bäumlein; da blieb er dran hängen: das rettete unseren Mann. Er hielt sich gar fest an des Bäumleins Äste. 20 Die Füsse hatte er auf ein furchtbar enges Plätzchen gesetzt; das war ein kleines Stück Rasenerde, ohne kräftige Wurzeln mit Gras bewachsen: darauf hielt er sich im Fallen. Dieser Platz war so schmal, dass er nicht darauf stehn konnte, wenn er das Bäumlein etwa hätte fahren lassen müssen. Stand er auch da in grosser Noth, so meinte er doch, es wäre der Tod in Frieden von ihm genommen. Da kamen sofort zwei Mäuse; die eine war schwarz, die andere weiss: die machten sich mit eifrigem Bemühen an die Wurzel der Staude. 10 Die benagten sie so emsig, bis die Wurzel beinahe nachgab, welche die Staude fest hielt. Das war eine ängstliche Geschichte. Er vermochte es nicht abzuwenden, sie waren daran, die Wurzel zu bewältigen. Da sah er einen Drachen liegen tief unter sich in dem Thal; der hoffte auf des Mannes Fall. Es war eine ängstliche Umschliessung. 20 Er war gar leidig anzusehen: seine Augen und sein Athem waren feurig; er sperrte den Rachen weit auf: da drang das Feuer sofort heraus mit gewaltiger Flamme, sobald er sich regte, wie aus einem heissen Ofen aus seinem weiten Rachen. Er harrte der Stunde mit wüthendem Verlangen, in der er verschlänge diesen Mann. Für den Fall dass er fiele, hatte er bereits das Maul aufgesperrt, wie ich gesagt, als wollte er ihn verschlingen. Da begann dem Mann 10 die Freude zu vergehn in dieser Noth, dazu brachte ihn die Furcht. Als der Mann dies Ungemach unter sich in dem Drachen erblickte, und wie das wüthende Einhorn über ihm tobte, indem es laut nach ihm schrie, und dass die Wurzel der Staude von den Mäusen nahezu entzwei gerieben war, da dachte er, ob ihn 20 wohl die kleine Stelle tragen könnte, wo er die Füsse hingesetzt hatte, um sich vor dem Falle zu retten. Als er auf diese kleine List in seinen grossen Nöthen kam, da sah er sofort das Ende ab. Dort konnte er sich nicht befreien: aus der Wand sah er ragen vier grosser Würmer (Drachen) Häupter. Da ward er freudeleer, denn nun war er des Todes gewiss. Von Schlangen, sie heissen Aspis und besitzen grosse Unerschrockenheit im Kampfe mit lebenden Wesen, von denen wurde er vier gewahr zu seinen Füssen an der Wand, die untergruben den Rasen 10 und stiessen ihn heftig, der unter seinen Füssen lag und ihn nur unsicher trug; schon begann er allen Ernstes diesem Mann seine Hilfe zu versagen. Als diese vierfältige Noth dem Mann so grosse Furcht erweckte, da sah er aus einem Aste sanft und nicht schnell ein wenig Honigseim herausfliessen. 20 All seine Noth vergass er da: er beugte sich sofort dahin und liess ihn sich in den Mund träufeln. Wohin er sah, da war Noth; er sah sich dem Tod nahe: Wie fürchterlich auch war, was er sah, er liess nicht von den Honigtropfen! Ist deinen Sinnen dies flüchtige Beispiel, zu schwer zu erfassen, so will ich dir’s deuten, die richtige Erklärung nicht verschweigen. Die Grube, darein der Mann fiel, darunter sollst du die Welt verstehn, die mit mancherlei Pein uns ihre Stricke gelegt hat. Das Einhorn, das ist der Tod, der mit ängstlicher Sorge 10 das ganze Menschengeschlecht jagt, bis dass sein Name an ihm zu Tage tritt. Das Bäumlein, das ist das Leben, das uns allen gegeben ist, einem jeden nach seiner Macht. Der lichte Tag, die trübe Nacht bezeichnen diese zwei Mäuse, die jene Wurzeln so zernagten, dass die Staude ihren Halt verlor, an der der Mann mit Furcht hieng. 20 Also zernagen um die Wette unser Leben Tag- und Nachtzeit. Ihr Nagen nimmt kein Ende, eh man sie abnagen sieht unseres Lebens Wurzelkraft, daran unser Leben hängt. Merke auch in deinem Verstand, dass der feurige Drache, der den Rachen nach dem Manne aufsperrte, den Höllengrund bezeichnet und des Teufels Anblick, der furchtbaren Kummer bedeutet. Die vier Schlangenhäupter sind vier Kräfte, durch die alle Kinder, welche Menschen entstammen, Leib und Leben empfangen haben, der vier Elemente Kraft, aus denen Gottes Meisterschaft 10 das Leben aller Menschheit zusammengefügt hat. Das ist die ungewisse Stelle, auf die der Mann um sich zu retten seine Füsse gesetzt hatte. Der Welt unstäte Süssigkeit erkenne in dem Honig, der jenem in dem Mund troff, und um des kleinen Tröpfleins willen vergass er all seiner Ängste. 20 Damit sei Dir ein Bild gegeben, dass du daran dieser Welt Leben genau erkennest, wie es darum steht.’
KONRAD VON WÜRZBURG.
[Scherer D. 190, E. 180.]
Ein gelehrter Dichter, bürgerlichen Standes, in Würzburg geboren, lebte am Oberrhein, in Strassburg und Basel, wo er 1287 starb. Seine Werke sind: ‘Der Welt Lohn’ (ed. Roth, Frankfurt 1843); ‘Otto mit dem Bart’ (ed. Hahn, Quedlinburg 1838); ‘Schwanritter’ (ed. Roth, Frankfurt 1861); ‘Engelhard’ (ed. Haupt, Leipzig 1844); ‘Herzmäre’ (ed. Roth, Frankfurt 1846); ‘Alexius’ (ed. Haupt in seiner Zeitschrift III, 534); ‘Pantaleon’ (ed. Haupt in seiner Zeitschrift VI, 193); ‘Silvester’ (ed. W. Grimm, Göttingen 1841); ‘Goldene Schmiede’ (ed. W. Grimm, Berlin 1840); ‘Partonopier und Meliur’ (ed. Bartsch, Wien 1871, zugleich ‘Turnei von Nantheiz’ und ‘Lieder und Sprüche’); ‘Trojanerkrieg’ (ed. Keller, Stuttgart 1858); ‘Klage der Kunst’ (ed. Joseph, Strassburg 1885).
1. DER WELT LOHN.
Ir werlde minnære vernemet disiu mære, wie einem ritter gelanc, der nâch der werlde lône ranc beidiu spâte unde fruo. er dâhte in manege wîs dar zuo wâ mite er daz begienge daz er den lôn enphienge werltlicher êren; er kunde wol gemêren 10 sîn lop an allen orten: mit werken und mit worten sîn leben was sô vollenbrâht, daz sîn zem besten wart gedâht in allen tiuschen landen, er hete sich vor schanden alliu sîniu jâr behuot: er was hübisch unde fruot, schœne und aller tugende vol. swâ mite ein man zer werlde sol bejagen hôher wirde prîs, daz kunde wol der herre wîs bedenken und betrahten. man sach den vil geslahten ûz erweltiu kleider tragen. 10 birsen, beizen unde jagen, kunde er wol und treip sîn vil; schâchzabel unde seiten spil daz was sîn kurzewîle. wær über hundert mîle gezeiget im ein ritterschaft, dar wær der herre tugenthaft mit guotem willen hin geriten und hete gerne dâ gestriten nâch lobe ûf hôher minne solt. 20 er was den frouwen alsô holt, die wol bescheiden wâren, daz er in sînen jâren mit lange wernder stæte in sô gedienet hæte, daz alliu sældenhaften wîp sînen wünneclichen lîp lobeten unde prîsten. als uns diu buoch bewîsten und ich von im geschriben vant, 30 sô was der herre genant her Wirent dâ von Grâvenberc. er hete werltlîchiu werc gewürket alliu sîniu jâr. sîn herze stille und offenbâr nâch der minne tobte. sus saz der hôch gelobte in einer kemenâten mit fröuden wol berâten und hete ein buoch in sîner hant, 10 dar ane er âventiure vant von der minne geschriben. dar obe hete er dô vertriben den tac unz ûf die vesperzît; sîn fröude was vil harte wît von süezer rede, die er las. dô er alsus gesezzen was, dô kam gegangen dort her ein wîp nach sînes herzen ger ze wunsche wol geprüevet gar 20 und alsô minneclîch gevar, daz man nie schœner wîp gesach. ir schœne volleclichen brach für alle frouwen die nû sint. sô rehte minneclichez kint von wîbes brüsten nie geslouf. ih spriche daz ûf mînen touf, daz si noch verre schœner was dan Vênus oder Pallas und alle die gotinne, die wîlen phlâgen minne: Ir antlütze unde ir varwe diu wâren beidiu garwe durchliuhtec alse ein spiegelîn. ir schœne gap sô liehten schîn und alsô wünneclichen glast 10 daz der selbe palast von ir lîbe erliuhtet wart. der wunsch der hete niht gespart an ir die sînen meisterschaft; er hete sîne besten kraft mit ganzem vlîze an si geleit. swaz man von schœnen wîben seit, der übergulde was ir lîp. ez wart nie minneclicher wîp beschouwet ûf der erde; 20 ouch was nâch vollem werde ir lîp bekleidet schône. diu kleider und diu krône, die diu selbe frouwe kluoc ûfe und ane ir lîbe truoc, die wâren alsô rîche, daz si halt sicherlîche nieman vergelten kunde, ob man si veile funde. Von Grâvenberc der herre Wirnt der erschrac von ir wol zwirnt, dô si kam geslichen: sîn varwe was erblichen vil harte von ir künfte dâ. in nam des michel wunder sâ, 10 waz vrouwen alsô kæme. ûf spranc der vil genæme erschrocken unde missevar unde enphienc die schœnen gar vil schône als er wol kunde. er sprach ûz süezem munde ‘sît, frouwe, gote willekomen! swaz ich von frouwen hân vernomen, der übergulde sît ir gar.’ diu frouwe sprach mit zühten dar 20 ‘vil lieber friunt, got lône dir! erschric sô sêre niht von mir. ich bin diu selbe frouwe doch der dû mit willen dienest noch und al dâ her gedienet hâst. swie dû vor mir erschrocken stâst, sô bin ich doch daz selbe wîp, durch die dû sêle unde lîp vil dicke hâst gewâget. dîn herze niht betrâget, ez trage durch mich hôhen muot. dû bist hübesch unde fruot gewesen alliu dîniu jâr; dîn werder lîp süez unde klâr hât nâch mir gerungen, gesprochen und gesungen von mir swaz er guotes kan; 10 dû wære eht ie mîn dienestman den âbent und den morgen; dû kundest wol besorgen hôhez lop und werden prîs; dû blüejest als ein meienrîs in manecvalter tugende; dû hâst von kindes jugende getragen ie der êren kranz; dîn sin ist lûter unde ganz an triuwen ie gein mir gewesen. 20 vil werder ritter ûz erlesen, dar umbe bin ich komen her, daz dû nâch dînes herzen ger mînen lîp von hôher kür schouwest wider unde für, wie schœne ich sî, wie vollekomen. den rîchen lôn, den grôzen fromen, den dû von mir enphâhen maht um dînen dienest vil geslaht, den solt dû schouwen unde spehen. ich wil dich gerne lâzen sehen, waz lônes dir geziehen sol, dû hâst gedienet mir sô wol.’ Den edelen herren tugentrîch dûhte harte wunderlîch dirre frouwen teidinc. wan si der selbe jungelinc 10 dâ vor mit ougen nie gesach, und doch diu selbe frouwe sprach, er wære ir dienestman gesîn. er sprach ‘genâde, frouwe mîn. hân ich iu gedienet iht, entriuwen, des enweiz ich niht: mich dunket âne lougen daz ich mit mînen ougen iuch vil selten hân gesehen. sît aber ir geruochet jehen 20 mîn ze knehte, sælec wîp, sô sol mîn herze und ouch mîn lîp iu ze dienste sîn bereit mit willeclicher arebeit unz ûf mînes endes zil. ir habet sô hôher sælden vil und alsô manecvalte tugent, daz iuwer fröudeberndiu jugent mir vil wol gelônen mac. jâ wol mich daz ich disen tac gelebet hân, des fröuwe ich mich, sît daz ir, frouwe minneclich, mînen dienst enphâhen welt. frouwe an tugenden ûz gezelt, geruochet künden mir ein teil durch daz wünnebernde heil daz an iu, schœniu frouwe, lît, von wannen ir geheizen sît oder wie ir sît genant. 10 iuwer name und iuwer lant daz werde mir hie kunt getân, durch daz ich wizze sunder wân, ob ich in allen mînen tagen ie von iu gehôrte sagen.’ Des antwurte im diu schœne dô, si sprach gezogenlîche alsô ‘vil lieber friunt, daz sol geschehen: ich wil dir gerne alhie verjehen mînes hôchgelobten namen. 20 dun darft dich nimmer des geschamen daz dû mir undertænec bist. mir dienet swaz ûf erden ist hordes unde guotes. ich bin sô frîes muotes daz keiser unde küneges kint alle under mîner krône sint; grâven, vrîen, herzogen, die habent mir ir knie gebogen und leistent alle mîn gebot. ich fürhte niemen âne got, der ist gewaltec über mich. diu Werlt bin geheizen ich, der dû nû lange hâst gegert. lônes solt dû sîn gewert von mir als ich dir zeige nû. hie kumt ez dir, daz schouwe dû!’ Sus kêrtes im den rücke dar, 10 der was in allen enden gar bestecket unde behangen mit ungefüegen slangen, mit kroten und mit nâtern; ir lîp was voller blâtern und ungefüeger eizen. fliegen unde âmeizen ein wunder drinne sâzen; ir fleisch die maden âzen unze an daz gebeine. 20 si was sô gar unreine daz von ir blœdem lîbe dranc ein sô angestlicher stanc, den niemen kunde erlîden. ir rîchez kleit von sîden wart übele dâ gehandelt und vil gar verwandelt in ein bœsez tüechelîn, sîn liehter wünneclicher schîn ersticket unde missevar 30 rehte alsam ein asche gar. Hie mite schiet si dannen. daz si vor mir verbannen, und ab der kristenheite sî! der ritter edel unde frî dô er diz wunder ane sach, zehant sîn herze im des verjach, er wære gar verwâzen, swer sich wolte lâzen an ir dienste vinden. 10 von wîbe und ouch von kinden schiet er sich al dâ zehant; er nam daz kriuze an sîn gewant und huop sich über daz wilde mer und half dem edelen gotes her strîten an die heidenschaft. dâ wart der ritter tugenthaft an stæter buoze funden. er schuof daz zallen stunden, dô im der lîp erstorben was, daz im diu sêle dort genas. 20 Nû merket alle die nû sint dirre wilden werlte kint diz endehafte mære. daz ist alsô gewære daz man ez gerne hœren sol. der werlte lôn ist jâmers vol, daz müget ir alle hân vernomen. ich bin sîn an ein ende komen, swer an ir dienste funden wirt daz in diu fröude gar verbirt, die got mit ganzer stætekeit den ûz erwelten hât bereit. Von Wirzeburc ich Kuonrât gibe iu allen disen rât, daz ir die werlt lâzet varn, wellet ir die sêle bewarn.
Ihr Liebhaber der Welt vernehmt folgende Erzählung, wie es einem Ritter ergangen, der spät und früh nach der Welt Lohn gerungen hat. Er dachte auf manche Weise darauf, womit er es dahin brächte, dass er den Lohn weltlicher Ehren empfienge; er verstand seinen Ruhm 10 aller Orten zu mehren; in Werken und Worten verlief sein Leben so, dass man ihn zu den Edelsten zählte in allen deutschen Landen; von Schande hatte er sich Zeitlebens behütet; er war höfisch gebildet und klug, schön und im Besitz aller trefflichen Eigenschaften. Womit man in dieser Welt hoher Würde Preis erjagen mag, das wusste der weise Herr zu bedenken und zu beachten. Man sah den vornehmen Mann gewählte Kleidung tragen. 10 Mit Spürhunden, mit Falken und jeder Art Jagen verstand er wohl und trieb es viel, mit Schach- und Saitenspiel kürzte er sich die Zeit. Wär ihm über hundert Meilen weit ein Turnier angesagt worden, so wär der taugliche Herr bereitwillig hin geritten, und hätte dort gerne löblich um hoher Minne Sold gekämpft. 20 Den Damen war er so hold, den verständigen, dass er Jahr aus Jahr ein ihnen mit anhaltender Treue also gedient hatte, dass alle glückseligen Frauen den wonnigen Mann lobten und priesen. Wie uns das Buch berichtet, und ich von ihm geschrieben fand, 30 hiess dieser Herr Herr Wirent von Grafenberg. Er hatte weltliches Streben bethätigt sein Leben lang. Sein Herz war im Geheimen und öffentlich auf Liebe versessen. Nun sass einmal der Hochgerühmte in einer Kemenate in freudiger Stimmung und hielt ein Buch in der Hand, 10 in dem er eine Liebesgeschichte gefunden hatte. Damit hatte er sich die Zeit bis zur Vesperstunde vertrieben; seine Brust war freudig geschwellt von der süssen Erzählung, die er las. Wie er so dasass, da kam ein Weib daher gegangen, ganz nach seines Herzens Wunsch idealisch schön gestaltet 20 und von so liebenswürdigem Ansehn, dass man ein schöneres Weib nicht erblicken konnte. Ihre Schönheit überstrahlte alle Frauen, die heute leben. Ein so überaus liebliches Kind verliess noch nie eines Weibes Schooss. Meine Taufe setze ich zum Pfande: sie war weit schöner als Venus und Pallas und alle die Göttinnen, die einst sich der Liebe annahmen. Ihr Antlitz und ihre Hautfarbe leuchteten ganz und gar wie ein Spieglein. Ihre Schönheit gab so lichten Schein und so wonnigen Glanz, 10 dass der Palast von ihrem Leibe erleuchtet ward. Der Schönheit Inbegriff hatte an sie sein Meisterstück vollbracht; er hatte seine beste Kraft mit ganzem Fleiss an ihr verschwendet. Von wie viel schönen Frauen man auch redet, sie alle überglänzte ihr Leib. Nie ward ein liebenswertheres Weib auf Erden geschaut; 20 auch war ihre Gestalt nach ihrem vollen Werthe prächtig bekleidet. Die Kleider und die Krone, welche die schöne zierliche Frau auf dem Haupt und an ihrem Leibe trug, die waren so reich, dass sie sicherlich kein Mensch hätte bezahlen können, wenn man sie feil gefunden hätte. Von Grafenberg Herr Wirent erschrack vor ihr wohl doppelt, als sie leise herantrat: da war sein Angesicht in Folge ihres Kommens erblichen. Und es wunderte ihn gar sehr, 10 was für eine Frau also nahte. Der Liebenswürdige sprang erschrocken und verstört aussehend empor und empfieng die Liebliche, so schön er konnte. er sprach mit süssem Munde: ‘Seid, Herrin, gottwillkommen! So weit ich Frauen kenne, die überstrahlt ihr ganz und gar.’ Die Dame erwiderte in Züchten: 20 ‘Mein lieber Freund, Gott lohne dirs! Erschrick nicht so sehr vor mir. Bin ich doch dieselbe Dame, der du noch jetzt willig dienst und seit lange gedient hast. Wie erschrocken du auch vor mir dastehst, so bin ich doch dasselbe Weib, der zu Liebe du Seele und Leib schon so oft auf’s Spiel gesetzt. Dein Herz ist nicht müde geworden, um meinetwillen fröhlich zu sein. Du bist höfisch und klug dein ganzes Leben gewesen; dein edler, süss- und klarer Leib hat sich nach mir gesehnt, du hast von mir erzählt und gesungen, so gut du es verstanden; 10 du warst ja stäts mein Vasall des Abends und des Morgens; und wusstest wohl zu besorgen hohes Lob und werthen Preis; du blühest wie ein Maienreis in mannigfacher Tugend; du hast von frühster Kindheit an der Ehren Kranz getragen; dein Sinn war lauter und ganz in Treuen mir zugethan. 20 Mein werther, auserlesener Ritter, darum bin ich her gekommen, dass du nach deines Herzens Lust meinen Leib, den hochgeschätzten, beschauest von vorn und von hinten, wie vollkommen schön ich bin. Den reichen Lohn, den grossen Nutzen, den du von mir empfangen kannst um deinen vielgestaltigen Dienst den sollst du schauen und erspähen. Ich will dich gerne sehen lassen, welcher Lohn dir zufallen soll; du hast mir so wohl gedient.’ Den edlen tugendreichen Herren däuchte sehr wunderbar dieser Dame Vorschlag, weil sie der junge Mann 10 noch nie mit seinen Augen gesehen, und diese Frau doch sagte, er wäre ihr Vasall gewesen. Er sprach: ‘Verzeiht, hohe Frau, hab’ ich euch irgendwie gedient, traun, davon weiss ich nichts; mich dünkt wahrlich, dass diese meine Augen euch noch niemals gesehen haben. Da ihr mich aber annehmen wollt 20 als euren Knecht, seliges Weib, so soll mein Herze und mein Leib zu euren Diensten bereit sein mit freudigem Streben bis zu meines Todes Ziel. Ihr habt so viel hohes Glück und so mannigfache Tugend, dass eure freudvolle Jugend mir sehr wohl lohnen kann. Ja, Heil mir, dass ich diesen Tag erlebt habe, des freu’ ich mich, da ihr, liebliche Herrin, meinen Dienst annehmen wollt. An Tugend auserlesene Herrin, geruht mir ein wenig zu künden, um des wonnetragenden Heiles willen, das in euch, schöne Frau, liegt, woher ihr seid, und wie ihr heisset. 10 Euer Name und euer Land, das werde mir hier kund gethan, damit ich sicher weiss, ob ich Zeit meines Lebens je von euch habe sagen hören.’ Darauf antwortete ihm die Schöne und sprach mit edlem Anstand also: ‘Viel lieber Freund, das soll geschehen: ich will dir gerne meinen hochberühmten Namen offenbaren. 20 Du brauchst dich dessen nie zu schämen, dass du mir unterthänig bist. Mir dient alles, was auf Erden ist an Schatz und Gut. Ich bin von so hoher Art, dass Kaiser und Königskinder alle unter meiner Krone stehn; Grafen, Freie, Herzöge, die haben vor mir ihr Knie gebogen, und erfüllen alle mein Gebot. Ich fürchte niemand ausser Gott, der hat Gewalt über mich. Die Welt bin geheissen ich, nach der du lange hast begehrt. Lohn soll dir sein gewährt von mir, wie ich dir jetzt zeige. So komme ich dir, nun schau mich an!’ Damit kehrte sie ihm den Rücken zu, 10 der war aller Enden besteckt und behangen mit scheusslichen Schlangen, mit Kröten und Nattern; ihr Leib war voller Blattern und widerlicher Beulen. Fliegen und Ameisen sassen wunderviel darin; ihr Fleisch frassen Maden bis auf’s Gebein. 20 Sie war so unsauber, dass von ihrem elenden Leibe ein so fürchterlicher Geruch ausgieng, dass ihn niemand ertragen konnte. Ihr reiches Seidenkleid war da in schlimmem Zustand und ganz verwandelt in einen gemeinen Stoff, sein lichter, heiterer Glanz erstickt und farblos 30 gerade so wie Asche. Damit schied sie von dannen. Sei sie aus meinen Augen gebannt und aus der Nähe der Christenheit! Als der edle vornehme Ritter dies Wunder gesehen, da sagt’ er sich in seinem Herzen, der wäre völlig verdammt, der sich in ihrem Dienste wollte finden lassen. 10 Von Weib und Kindern trennte er sich da sogleich; er nahm das Kreuz an sein Gewand und fuhr über das wilde Meer und half dem edeln Gottesheer streiten wider die Heidenschaft. Da ward der wackere Ritter in stäter Busse befunden. Er arbeitete jeder Zeit darauf hin, dass wenn er hier gestorben, seine Seele dort Rettung fand. 20 Merkt auch alle, die ihr hier der wilden Welt Kinder seid, diese bedeutungsvolle Mär. Sie ist so wahrhaftig, dass man sie gerne anhören soll. Der Lohn der Welt ist jammervoll, das habt ihr alle wohl vernommen. Ich bin zu der Ansicht gekommen: wer in ihrem Dienste sich betreffen lässt, ihm schwindet alle Freude, die Gott in Ewigkeit den Auserwählten bereitet hat. Von Würzburg ich, Konrad, geb euch allen diesen Rath, dass ihr die Welt lasst fahren, wollt ihr die Seele bewahren.
2. KLAGE DER KUNST.
Frou Wildekeit[23] für einen walt mich fuorte eins an ir zoume. dâ sach ich bluomen manicvalt 10 mêr danne zeinem soume[24]; ouch vant ich einen brunnen[25] kalt dâ under grüenem boume, der eine mülen mit gewalt wol tribe an sînem stroume[26]. Der brunne lûter als ein glas stuont wol mit grüenem üemet[27], daz velt dar umbe schône was gezieret und gesüemet[28]. von einem plâne ich nie gelas 20 der wære baz gerüemet: der meie het dâ wol sîn gras gerœset und geblüemet. Dar obe stuont ein schatehuot[29] gewünschet wol nâch prîse. man sach dâ lachen wîze bluot ûf dem grüenen rîse (des man ze winter niht entuot bî dem vil kalten îse); dâ sâzen vogel ûfe guot 10 und sungen süeze wîse. Nû hœret wie mir dô geschach bî disem brunnen küele, des vil wünneclicher bach wol kerne[30] hiute[31] müele[32]. ob ime stuont ein schœnez dach, dar under ein gestüele gesetzet, daz man verre sach dâ liuhten vor dem brüele[33]. Dar ûf ein werdiu frouwe saz 20 an leben unde an künne[34]. man seit daz si sich verre baz dan alliu wîp versünne[35]; an ir lac zwâre[36], geloubet daz, vil gar der werlde wünne, si was ein reinez tugentvaz daz ir Got liebes günne! Got selbe hæte si gesant dâ her ûz himeltrône, dar inne fröude wirt erkant der tugende sîn[37] ze lône. ir namen ich geschriben vant reht oben umbe ir krône: Gerehtekeit was si genant, daz las ich dâ vil schône. Frou Wârheit mich niht liegen lât, daz wizzet sicherlîche: 10 ir krône und ouch ir liehtiu wât[38] die wâren alsô rîche, die wîle und disiu werlt gestât, in allem künicrîche daz nieman alsô guotez hât, daz disen zwein gelîche. Ouch sâzen bî ir frouwen vil die rîche krône truogen; an den lac hôher wünne spil, des ich begonde luogen[39]. 20 ir namen ich iu nennen wil, wan[40] ich si dâ mit fuogen vant geschriben ûf ein zil[41] mit worten harte kluogen[42]. Dâ saz Erbarmeherzekeit frî vor missetæte, diu Triuwe was dâ wol bekleit und ouch diu glanze Stæte. ouch vant ich dâ Bescheidenheit in wünneclicher wæte: die viere wâren wol bereit, vil guot was ir geræte[43]. Dâ saz frou Güete gallen frî der krône was gewieret[44], Milte[45] und Êre ich vant dâ bî nâch wunsche wol gezieret. an die vil werden frouwen drî wart von mir vil gezwieret[46]; 10 si bluoten als ein rôsenzwî[47] daz ûf der heide smieret[48]. Dâ saz frou Schame, diu reine fruht, frî vor itewîze[49], von der man seit daz ir genuht[50] für alle tugende glîze[51]. dâ saz frou Mâze und ouch frou Zuht, diu lûter und diu wîze, si hæte Kiusche an sich getruht mit herzeclichem flîze[52]. 20 Dâ saz ân alle missetât ouch bî der küniginne Wârheit und ir vil hôher rât und ouch gerehtiu Minne. swaz edeler tugent namen hât, daz was dâ mit gewinne: unz an[53] die Kunst, der was ir wât zerbrochen ûze unt inne. An fröuden dürre alsam ein strô was si von sender[54] quâle: Armuot si troffen hæte dô mit ir vil scharpfem strâle[55]. hin für die küniginne unfrô gienc si zuo dem mâle[56] und huop ir rede hin zir alsô mit zühten sunder twâle[57]. ‘Vil ûz erweltiu künigîn, ich suoche an dir gerihte. 10 durch die vil hôhen êre dîn mîn krumbez dinc[58] verslihte[59]; lâ dir mîn leit geklaget sîn und michel ungeschihte[60], wie valschiu Milte vâret mîn[61]: daz bringet mich ze nihte. Ich bin verdorben als ein mist, sam bitter als ein galle, vil ungenædec si mir ist ze hove und in dem schalle[62]. 20 si wil daz manic süezer list[63] in armekeit nû valle und machet rîche in kurzer frist die künstelôsen alle. Swer kunst in sînem herzen hât, den kan si wol versmâhen; swer abe dâ âne fuoge[64] stât, dem wil si balde nâhen. si kan durch valsche missetât die gengen[65] gâbe enpfâhen: diu mich vil armen dicke[66] lât in grôzem kumber gâhen[67]. Sus wîset mich in arebeit[68] diu valsche Milte sêre, si machet mîne sorge breit swar ich der lande kêre. sît dû nû bist Gerehtekeit genennet, frouwe hêre, 10 sô rihte dû diz herzeleit durch[69] aller frouwen êre.’ Gerehtekeit diu sprach: ‘daz sî. antwürte, valschiu Milte. sît dir ist swære alsam ein blî diu Kunst, die ich niht schilte[70], swaz ir von dir wont leides bî, vil schiere ich dir daz gilte[71].’ Ûf stuont frou Milte fröuden frî, der rede si bevilte[72]. 20 ‘Ich bin unschuldec’ sprach si ‘gar, des si mich, frouwe, zîhet[73]. des swer ich ûf dem alter[74] dar dâ Got ûf wart gewîhet. vor Kunst ich guotes niht enspar: swie kûme[75] ez doch gedîhet, mîn hant diu nimt ir guoten war, si gibt ir unde lîhet.’ ‘Zewâre daz getet si nie,’ sprach aber Kunst diu slehte[76], ‘wan wîlent[77] dô ir nâhen gie mîn fröudenrîch gebrehte[78]. nû lât si mich versmâhen ie herren, ritter, knehte: und obe ich daz beziuge hie, geniuze ich des ze rehte?’ ‘Jâ’ sprâchen dô von hôher kür[79] die tugende algemeine. 10 ‘Frou Wârheit, nû sô gêt her für, und ouch frou Stæte reine, und helfet mir daz man hie spür ir schulde niht ze kleine, diu mir sô gar der Sælden tür beslozzen hât aleine!’ Sus wart beziuget[80] ... * Swer ir[81] tuot genge gâbe schîn[82], dem fröuwet si sîn herze. mit krâme[83] füllet man[84] ir schrîn, 20 des wirt vil kleine ir smerze; si sitzet als ein keiserîn behenket mit ir merze[85]: des wirt diu Kunst verdorben sîn, wan si niht hât von erze[86].’ ‘Jâ’ sprach dô diu Gerehtekeit ‘und spulget[87] si des meiles[88] daz man ir heim durch miete[89] treit[90] swaz man dâ vindet veiles: sô frâge ich dich, Bescheidenheit, waz dû dar umbe teiles[91]. 10 wirt mir daz reht von dir geseit, an sorgen dû mich heiles.’ ‘Ich teile’ sprach diu frouwe dô, ‘swer künstelôser diete[92] guot umb êre gebe alsô durch keiner slahte miete[93], daz im dar umbe ir smæhe drô[94] diu werde Minne erbiete, sô daz er nimmer werde frô swenn er sich frouwen niete[95].’ 20 Sus wart geteilet bî der zît von der Bescheidenheite. ouch wart ir ot[96] gevolget sît vil schiere und vil gereite[97]: ‘der Milte schaden machen[98] wît, ir ungemach vil breite!’ sus riefens alle wider strît[99] zuo der Gerehtekeite. ‘Sît si nû niht ze rehte wil ir hôhez ambet üeben, 10 sô müeze kumbers harte vil ir dienestman betrüeben. vil maneger hande wunnespil wir in dar umbe[100] erhüeben[101]: sus muoz leide ân endes zil in volgen in ir grüeben. Frou Schame ir selber des gesteme[102] daz si in gar vermîde, sô daz er schanden sich niht scheme 20 und lasters sî geschîde[103]. frou Êre im hôhen prîs beneme, diu lûter und diu blîde[104], und allez lop daz im gezeme von fluoche er immer lîde.’ ‘Hie mite sî der rede genuoc’ sprach dô diu rihtærinne. ‘gespilen hövesch unde kluoc, swer rehte kunst niht minne und doch hie milten namen truoc, den lât mit ungewinne hie leben durch den ungefuoc[105] den er hât an dem sinne. Ir habet stæte waz hie sî vor mir geteilet hiute: 10 er sî iu swære alsam ein blî, swer rehte kunst niht triute[106], minne und aller fröuden frî; in fremden[107] hie die liute! bî Kuonzen[108], der uns stêt hie bî, die rede ich in enbiute.’ Sus kêrte ich hin ûf mînen pfat und seite disiu mære diu mich dô ûf der selben stat der edelen Künste swære[109] 20 den rîchen herren künden bat. diu sint alsô gewære daz in diu Sælde[110] sprichet mat swem Kunst ist wandelbære[111].
DIE REIMCHRONIK OTTOKARS VON STEIERMARK.
[Scherer D. 187, E. 178.]
Verfasst zwischen 1290–1318, erzählt die Geschichte Österreichs von 1250–1309. Herausgegeben in Pez ‘Scriptores rerum Austriacarum’ III.
KÖNIG OTTOKARS VON BÖHMEN TOD.
Do chünig Otakcher erspeht daz in von newen dingen veht[112] ein schar deu noch was geruet[113], vil sere in daz muet[114]. daz was sin pet und sin gepot daz man hern Milot hiez pald riten zue. nu hœrt waz her Milot tue. er gedaht dar an ze hant[115] daz im sin prueder was verprant 10 in dem turn datz[116] dem Eichorn. da von was er[117] gar verlorn. swaz man nach im moht gesenden, er pegunde danne wenden und cherte bi der Marich ze tal. er enruecht[118], wer daz wal[119] da behabt[120] oder verlos, gemechlich vluht er erchos, wan im jait[121] niemen nach. do der chünig von Peheim sach 20 daz er niht trostes an im het, do wær er an der stet[122] gern chomen ouz dem strouz. selb vierder drang er ouz und ander nieman mer tet mit im dannecher.[123] hin durch begund er gahen;[124] vil schier in ersahen umb die er daz het versolt,[125] daz si im niht warn holt; die legten sich mit nid ouf in, vor in triben si in hin 10 ouz dem strit ouf den plan. da wolt mit in gevohten han chünig Ottakcher der zier: do wurden der vier die zwen ze tod erslagen. do muest er sich lazen jagen. war dannoch der ein cham, zu der zit ich des niht vernam, ich hort aber her nach jehen[126], er wær ouch toter da gesehen. 20 Owe des schaden, owe! ich fürht daz ez niht wol erge, sit er alein ist beliben. vaste si in umb triben. doch wizzet sicherlichen daz von Pern an hern Dietrichen solich ellen[127] nie wart schin[128] gegen Sifrid dem hürnin in dem rosengarten, als man von Peheim den zarten[129] da sach begen und tuen. do er dhein suen[130] moht umb seu erwerben, er sprach ‘waz sol eu min sterben, daz ir min pluet welt verrern[131]? pringt ir mich ewrm hern lemptigen[132] gevangen, daz ist eu wol ergangen. swaz halt er an mir tuet, peiden an ern und mit guet frumt[133] ez eu ser hin für immer mer.’ Ouf die red si ahten niht. vil gar was ez enwicht[134] swaz er gepiten moht, lüzel[135] im daz toht[136]. Die red wil ich machen churz: den chünig si mit einem sturz von dem orse[137] prahten. als lang si mit im vahten unz daz er werlos peleib. der ein do ouf in treib; sins sterbens den gelust, dar umb er im in die prust ein gespitztez swert stach daz man ez anderhalben[138] sach. dannoch wand[139] er genesen[140]. er sprach ‘hei lat noch gewesen, ir ziern helde, daz ich leb. ewer ieglicher mir vergeb, ob ich iht han wider eu getan, 10 und lat mich nach den schulden[141] chomen zu ewern hulden,’ sprach der chünig von Peheim. ‘ir geltet[142] mir den oheim, von Mernberg hern Sifrit,’ sprach der ein, ‘der ich mit nihten wird ergetzt,[143] wan daz ir hie geletzt[144] wert von miner hant.’ niemen in des erwant[145]. 20 er hurte[146] so hin und stach daz mezzer in in bi dem hals ze tal. da von tet er einen val für tot ouf die erden. ligen liezen si den werden. niht lenger si do piten[147], wider in daz her si riten, die in da heten versert[148] und sin pluet verrert. Niemen mich darumb frag, wan ich sin doch niht ensag wer die selben wærn, von der hazz und geværn[149] also verderbt wart der chünig von hoher art. stætlich siht man han einen ambtman in ir höven die fürsten swenn die leut erdürsten, die in des ziehen ze rat: des ambtes nam der ein hat, der den chünich da betoubt[150]; deu het er beroubt ein teil siner ern, do man sin ze hern jach in Osterrich. deu sach ist so heimlich, daz si mir niht füegt ze sprechen, die er an im begunde rechen. Wer der ander was, der daz grüen gras mit sinem pluet netzt und der sich da ergetzt mit sinem pluet rot sines freundes tot, den er im verderbt het, den mügt ir hie ze stet bi der sipp wol erchennen: er füegt mir niht ze nennen. Chünig Ruedolfen chomen mær daz der Peheim chünig gevangen wær. genad sagt er des got, iedoch was daz sin gepot, daz man in fuert zu dem vanen. dar an begund in manen her Ott von Liehtenstein; ein sach niht ze chlein pesargt dar an der selb wis man, wan ez ist e ergangen, so hohe fürsten sint gevangen, 10 daz si mit gab machen plint die in der gewalt si sint, daz si in wider helfent hin. dar umb hiez er in her zue dem vanen fuern. nu sach man dort her ruern[151] einen andern poten, der sagt den chünich toten. do si von im warn geriten, die sin verch[152] heten versniten, 20 do wart der ellenhaft[153], der an mänlicher chraft nie het gewunnen meil[154] den pueben[155] ze teil. die machten in ploz und par, wan si zugen im ab gar harnasch und chleider also daz er der peider mit nihten was pedakcht: todwund[156] lag er nakcht. 30 an der selben zit chom geriten ouz dem strit von Emerberig her Perhtolt, als er da von niht wizzen solt. sin houbt legt er in sin schoz; er chlagt daz er was ploz. der von Perichtoltsdorf über in do warf einen schapproun[157], den nam er sinem garzoun[158]; er pegund in mit wazzer laben. ob im sach man do haben michel volkch daz dar zue zoch, der manigen hueb ez gar unhoch[159], daz mit im het der strit ein end. dem trukchsæzen in der hant der chünich Otakcher starb, der ie nach hohem pris warb. hie lag erslagen ouf dem plan der aller tewrist man, die ie getruech chron, wan daz er nach der Welt lon mit aller siner maht al ze sere vaht[160]: swaz nach der werlt gezeuht[161], nihtes er des scheuht, er dient der werlt da mit: daz ist ein ungueter sit an den chünigen gerlich[162], die zepter chron und rich dar umb man siht nemen, daz seu des sol gezemen, daz si behalten deu gepot, deu da ziehent zue got, wan ist daz war, daz man seit, 10 daz nieman mit gewarheit[163] mag gedienen zwein hern, die niht gelicher ding gern[164], so ist ouch unwendig[165] daz: swer niht wil gotes haz und sinen zorn liden, der muez die welt vermiden, wan deu werch der si gert, deu sint vor got unwert. des vermeit niht der wakcher 20 von Peheim chünig Otakcher.
DAS LEBEN DER HEILIGEN ELISABETH.
[Scherer D. 193, E. 185.]
Das Leben der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen, ist nach 1297 von einem unbekannten Dichter geschrieben, von dem auch die ‘Erlösung’ herrührt. Zu Grunde liegt die lateinische vita Dietrichs von Apolda. Herausgegeben von Rieger (Stuttgart 1868).
In Düringer lande ein fürste saz der sich gar selten ie vergaz an dugenden joch an êren. sîn herze in kunde lêren und ouch sîn ellenthafter muot daz er kost unde ander guot gab wol mit rîlîcher hant. er hatte bürge, kreftec lant, und dâ zuo herren gülte vil. er sach gar gerne ritter spil. er was geheizen Herman, wan er ein kreftec her gewan, 10 wie balde daz er wolde, alse er ez haben solde. sîn name floug ûz verre. lantgrâve was der herre in Düringen als iuch ist geseit. die liude wâren sîn gemeit und sîner wirdekeide frô, wande sîn gemüede stuont alsô, daz er in fride mahte, und ungenâde abe lahte. 20 dugent was im ungespart. sîn künne was von hôher art: der künic von Bêheimer lant, der künic Ôdaker was genant (der wart leider irslagen sint), unde er die wâren süster kint. waz sülde langer rede mê? der herre hatte zuo der ê eine dugenthafte frouwen. ir lob was unferhouwen. 30 si was nâch frowelîcher art an hôhen êren ungespart. ir name was Sophye. die edel unde frîe hatte frouwelîche side; ir wonte zucht unde êre mide, alse einer frouwen rechte quam di eime fürsten wol gezam zuo fleze unde ouch zuo bette, di sînen rât begette an allen dingen rehte. ritter unde knehte in wâren dienstes underdân 10 wie dicke si iz solten hân. ir schîbe lief gar ebene. in zæme wol zuo lebene mit einander ummer mê. früntlîche hîlden si ir ê. gnâde was in unferzihen. nâch wunsche hatte in got verlihen einen keiserlîchen suon, geboren an daz fürstenduon: der was geheizen Lodewîg. 20 er wuos ûf alse ein meien zwîg. in sîner kintlîchen jugent zucht unde êre unde alle dugent nâch fürstelîchen êren hîz in der vader lêren, alse er hât bezöuget sint. noch hatten si driu ander kint: Cuonrâden unde Heinrich, unde eine dochter lobelich: di was geheizen Agnes. 30 si beide fröuweten sich des gar gedriuwelîche. der werde fürste rîche was zuo koste swinde. grôz was sîn ingesinde von knehten und von mâgen, die sîn mit dienste plâgen. er hatte wirtschaft allen dac. der fürste ouch hoves dicke plac, daz in di herren suochten; di bî ime ouch geruochten 10 zuo drîbene kurzewîle. verre über manige mîle quam ime ritterschefte gnuoc die alle ir eigen wille druoc, daz si gerne quâmen dar unde âventiure nâmen war. man suochte den wîganden ûz allen tiuschen landen; Ungere unde Riuzen, Sassen unde Priuzen, 20 Denen mit den Winden sich liezen ouch dâ vinden; Bêheime und Polâne, mit grâven di sopâne, dînstherren unde frîen vil, di alle suochten ritter spil. stechen, justieren, fôresten und durnieren, wes man ze ritterschefte gert, des was man alles dâ gewert. 30 dâ was ouch manic hübes man. des sînen dirre und der began, wes man vor herren plegen sol. der fidelte ûz der mâzen wol; der sluoc die drumen, dirre peif; der ander süeze wîse greif an harpen unde an rotten. Franzôse unde Schotten, Diutsche unde anders ieder man sîn ammet wîsen dâ began unde irzöugen sîne kunst. si suochten garlîche alle gunst 10 der fürsten und der frîen. man hôrte dâ schalemîen; dâ schullen die busûnen. man sach dâ pauwelûnen, manic keiserlich gezelt ûf geslagen an daz felt, dar under herren lâgen wanne si raste plâgen. noch was dâ maniger leige diet. die sprâchen, dise sungen liet, 20 daz man in meisterschefte jach. her Wolfram von Essebach, der Tugenthafte Schrîber, her Reimâr, und her Walter von der Vogelweide; dâ bî was ouch gereide zuo sange meister Bitterolt. unde in gefüeger ungedolt Heinrîch von Ofterdingen: die alle wolden singen 30 wider ein in krîges wîs, wer dâ behîlde sanges prîs. Nu was ouch meister Clinsor geladen an die selben for, von Sibenbürge ûz Ungerlant, deme aller dinge was bekant die nigromanzîe; ûz astrônomîe kunde er schœne meisterschaft; aller elementen craft, der sunnen langen ummesweif, des mânen zirkel unde reif, oryzon und zôdyacus 10 unde ouch der polus articus, des firmamentes ummeganc, der planêten widerfanc unde aller sterren orden sûden unde norden, ôsten unde westen: des hatte er keinen bresten; er kente ez allez sament gar. nu was er iezuo kumen dar zuo Ysenache al in di stat. 20 zuo hove er dannoch nit indrat: ein herbürge er suochte; dâ inne ouch he geruochte, alse er hatte sich erwegen, gemaches sunderlîche plegen. von golde was er rîche: er hatte jærlîche wol driu dûsent marke wert. er hatte zere unde eigen pert; mit selbes ingesinde was er zuo koste swinde. sô er nu zuo sâze quam, des dages lieht ein ende nam; zuo dal di sunne was genigen und der âbent zuo gesigen, biz er sich engeste, unde ouch ein teil gereste. sô man daz âbentimmez gaz, her Clinsor an den luft gesaz, 10 an daz weder durch gemach. der sterren louf er dâ gesach; he sach dar unde aber dar. er nam ir âventiure war; ir ampâre he gar balde entsuob, dô sich ir parlament erhuob daz si driben under ein. der sterre enbran, und dirre schein; sô lûchte der gar schône an sîme stadelthrône. 20 mit flîze warten er in began. zuo jungest sprach ein edel man, der ime was gesezzen bî ‘ey meister, saget waz iz sî des ir goume hât genomen. hât ir niuwes icht vernomen? obe iz sî an iuwer stade, iz sî gefüerlich oder schade, sô lât uns, herre, werden kunt den selben wunderlîchen funt 30 und den godelîchen rât des ir goume genomen hât an der sterren brünste. wol iuch der werden künste die godes willen unde muot iuch, meister herre, wizzen duot.’ Her Clinsor smunzete unde sprach ‘got büeze iuch, herre, iuwe ungemach unde allen iuwen werren! ich hân an disen sterren erkoren niuwe mære, 10 die sint unschadebære. doch alles daz ich hân gesehen, des wil ich, herren, iuch verjehen unferholen über lût. iz sol mîn frouwe Gêrdrût, von Ungerlant di künegîn, noch hînt in dirre nacht gelîn: eine hêre dochter si gebirt, di ein êwic liuchte wirt, ein heilwâge unde ein wünne, 20 ein spiegel in ir künne. sô diz dinc alsô ergêt, man doufet si Elyzabêt. si sol gar dugentlîche leben. zuo lande wirt si her gegeben des fürsten sune in dirre stede.’ ‘heil walde is! daz sint guode rede’ sprâchen alle hinne dô di dirre sache wâren vrô.
Im Thüringer Lande sass ein Fürst, der sich gar selten je vergass an Tugenden und an Ehren. Sein Herz konnte ihn lehren und auch sein Heldensinn, dass er Kost und andres Gut wohl gab mit reichlicher Hand. Er hatte Burgen, grosses Land, und dazu Herrenabgaben viel. Er sah gar gerne Ritterspiel. Er war Hermann genannt, weil er ein grosses Heer fand, 10 sobald als er wollte, wenn er es haben sollte. Sein Name flog weit hinaus. Landgraf war der Herr in Thüringen, wie euch gesagt ist. Die Leute waren seiner fröhlich, und seiner Herrlichkeit froh, denn sein Sinn war so, dass er ihnen Friede schaffte und Unglück weg trieb. 20 Tugend war ihm reichlich, sein Geschlecht war von hoher Art: der König von Böhmenland, der König Odaker genannt war, (der ward leider seitdem erschlagen) und er, sie waren Geschwisterkind. Was sollte längere Rede mehr? Der Herr hatte zur Ehe eine tugendhafte Frau. Ihr Lob war unangetastet. 30 Sie war nach Art edler Frauen an hohen Ehren reich. Ihr Name war Sophie. Die Edle und Freie hatte fraulichen Anstand; ihr wohnte Zucht und Ehre bei, wie es einer Frau von Recht zukam, die einem Fürsten wohl ziemte im Zimmer und im Bette, die seinen Nutz bedachte an allen Dingen recht. Ritter und Knechte waren ihnen dienstlich unterthan 10 wie oft sie es haben sollten. Ihr Glücksrad lief gar glatt. Sie sollten wohl leben für immer zusammen. Liebend hielten sie ihre Ehe, Gnade war ihnen unversagt. Nach Wunsche hatte Gott ihnen verliehen einen stattlichen Sohn, geboren für das Fürstenthum: der war Ludwig genannt. 20 Er wuchs auf wie ein Maienzweig. In seiner kindlichen Jugend befahl der Vater ihm zu lehren Zucht und Ehre und alle Tugend nach fürstlichen Ehren, wie er seither bezeugt hat. Noch hatten sie drei andre Kinder: Konrad und Heinrich, und eine lobesame Tochter, die war Agnes genannt. 30 Sie beide freuten sich darüber gar getreulich. Der edle reiche Fürst war schnell im Ausgeben. Gross war sein Gefolge von Knechten und Verwandten, die sein im Dienste pflegten. Er hatte Gastmahl jeden Tag. Der Fürst hielt auch oft Hof, dass ihn die Herren besuchten, die auch bei ihm geruhten 10 Kurzweil zu treiben. Von fern her über manche Meilen kam zu ihm viel Ritterschaft, die alle ihr eigner Wille brachte, dass sie gern dahin kamen und Abenteuer vernahmen. Man besuchte den Helden aus allen deutschen Landen; Ungarn und Russen, Sachsen und Preussen, 20 Dänen mit Wenden liessen sich auch da finden. Böhmen und Polen, mit Grafen auch die slavischen Edlen, Dienstherren und viel Freie, sie alle suchten Ritterspiel. Stechen, kämpfen, jagen und turnieren, was man zur Ritterschaft begehrt, das alles war da zu finden. 30 Da war auch mancher höfische Mann. Dieser und jener begann mit dem Seinen, was man vor Herren thun soll. Der geigte über Massen gut; der schlug die Trommel, jener pfiff; der Andre griff süsse Weisen auf der Harfe und der Rotte. Franzosen und Schotten, Deutsche und jeder andre Mann begann da sein Amt zu zeigen und seine Kunst zu bezeugen. Sie suchten gar sehr alle Gunst 10 der Fürsten und der Freien. Man hörte da schalmeien; da klangen die Posaunen. Man sah da Pavillons, manch herrlich Zelt aufgeschlagen im Feld, darunter die Herren lagen, wenn sie der Rast pflegten. Noch war da mancherlei Volk, die sprachen, die sangen Lieder, 20 dass man ihnen Meisterschaft zugestand. Herr Wolfram von Eschenbach, der tugendhafte Schreiber, Herr Reimar, und Herr Walther von der Vogelweide; dabei war auch bereit zu singen Meister Biterolt, und in höflicher Ungeduld Heinrich von Ofterdingen: die Alle wollten singen 30 gegeneinander im Kampfe, wer da des Sanges Preis behielte. Nun war auch Meister Clinsor geladen zu denselben Vorgenannten, von Siebenbürgen aus Ungarland, dem gänzlich bekannt war die Zauberkunst; in der Astronomie verstand er schöne Meisterschaft; aller Elemente Kraft, der Sonne langen Umlauf, des Mondes Zirkel und Kreis, Horizont und Zodiacus, 10 und auch der Polus articus, des Firmaments Umgang, der Planeten Gegenfang (entgegenstrebende, einhaltende Bewegung), und aller Sterne Heer im Süden und Norden, im Osten und Westen: dessen hatte er keinen Mangel, er kannte es Alles ganz und gar. Nun war er jetzund dahin gekommen nach Eisenach in die Stadt. 20 Zu Hof gieng er jedoch nicht: er suchte eine Herberge; darinnen wünschte er auch, wie er sich entschlossen hatte, der Ruhe allein zu pflegen. Er war reich an Gold: er hatte jährlich wohl dreitausend Mark. Er hatte seine eigene Zehrung und Pferd; mit seiner Dienerschaft war er stäts freigebig. Als er nun zur Ruhe kam, des Tages Licht ein Ende nahm; die Sonne war untergegangen und der Abend neigte sich, bis er sich entkleidet und etwas geruht hatte. Als man das Abendessen genommen, setzte sich Herr Clinsor in die freie Luft, 10 um sich zu erholen. Er sah da der Sterne Lauf; er sah hin und wieder hin. Er nahm ihre Abenteuer wahr, ihre Gebehrden merkte er gar bald, als sich ihr Parlament erhob, das sie untereinander trieben. Der Stern entbrannte, und jener schien, so leuchtete der gar schön auf seinem festen Throne. 20 Er begann ihn mit Fleiss zu beobachten. Zuletzt sprach ein Edelmann, der ihm zur Seite sass: ‘Ei Meister, sagt, was es sei, worauf ihr Acht genommen habt. Habt ihr etwas Neues vernommen? Wenn es Euch ansteht, es sei nützlich oder schädlich, so lasst uns, Herr, kund werden dieselbe wunderbare Entdeckung 30 und den göttlichen Rathschluss, dessen ihr Acht genommen habt am Glanze der Sterne. Wohl euch für die werthen Künste, die Gottes Wille und Sinn euch, Meister und Herr, zu wissen thut.’ Herr Clinsor schmunzelte und sprach: ‘Gott bessre euch, Herr, euer Ungemach und alle eure Leiden! Ich habe an diesen Sternen neue Märe erfunden, 10 die sind schadlos. Doch alles, was ich gesehn habe, das will ich euch, ihr Herren, sagen unverhohlen und ganz deutlich. Es wird meine Frau Gertrud, von Ungarland die Königin, noch heut in dieser Nacht niederkommen: sie gebiert eine hehre Tochter, die eine ewige Leuchte wird, ein Heilwasser und eine Wonne, 20 ein Spiegel ihres Geschlechts. Wenn die Sache dann ergeht, so tauft man sie Elisabeth. Sie wird gar tugendlich leben. Sie wird her zu Land gegeben dem Sohn des Fürsten in dieser Stadt.’ ‘Heil walte dessen! das sind gute Reden,’ sprachen alle drinnen da, die dieser Sache froh waren.
Fußnoten: