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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Volume 1 — DIE HÖFISCHEN EPEN.

Reading edition

HEINRICH VON VELDEKE.

[Scherer D. 145, E. 138.]

DIE ÆNEIDE.

Heinrich von Veldeke, der Begründer des höfischen Minneepos, in der Nähe von Maestricht geboren, aus ritterlichem Geschlechte, lebte am Hofe zu Cleve und am thüringischen Hofe des Landgrafen Hermann. Die Æneide verfasste er nach einem französischen Vorbild und vollendete sie vor 1190. Herausgegeben von Ettmüller (Leipzig, 1852) und Behaghel (Heilbronn, 1882). Ausserdem dichtete er eine Servatiuslegende (her. von Bormans, Maestricht 1858) und Lieder (her. von Lachmann und Haupt, Minnesangs Frühling Nr. 9).

Dœ der hêre Ênêas te herbergen komen was, 10 der rîke end der mâre, sîne kamerâre hiet he dœ tœ hem gân. dœ sand der edele Troiân nusken ende bouge, sô nieman met sînen ougen beter dorchte beskouwen, tœ Laurente den frouwen, gordel ende vingerlîn, die niet beter dorchten sîn, 20 want he was Lâvînen holt. he sand er ein dûre houvetgolt, herre meisterinnen te gâven end te minnen. dar nâ sande Ênêas sîn gâve, die vel gœt was, den frouwen al besonder, want der was ein wonder dâ te kemenâden. des was wale berâden 10 Ênêas der hêre, dat he gœt gaf omb êre. Dœ Ênêas der wîgant sîn kleinôde hade gesant te Laurente den frouwen, dœ sî’t begonden skouwen, do was et vel lovebâre. skiere vernam die mâre die alde koninginne. si was nâ ût heren sinne 20 komen dorch den grôten toren. here witte hade sî nâ verloren; sî wart vel ovele gedân. her dochter hiet sî tœ her gân, die joncfrouwe lussam. dœ die maget dare quam, dœ sprac die koningin over lût: ‘wie frô du nu bist, ovel hût, mines herten rouwen ! du macht mir des getrouwen: 30 mir es leit, dat ich dich ie gedrœch, dat ich dich niet te dôde slœch als skiere, alse ich dich gewan, nu Turnus der edel man van dînen skulden es erslagen. et moet wal al die werelt klagen, dat du ie worde geboren. dorch dînen willen hât verloren menich man sînen lîf. dat ich ie wart dîns vader wîf, 10 dat quam van onheile, dat ich hem ie wart te deile.’ Aver sprac die koninginne met grôten onsinne end met grôten torne: ‘ôwê mir verlornen, dat ich den onnutten man dînen vader ie gewan, dat mir met hem ie wart vergeven! ich ensal niet lange mogen leven, 20 end al mochte ich, ich enwolde, sint dat ich gesien solde, dat du end der Troiân vor mir gekrônet solde gân, dat doch skiere mœt wesen, sô mochte ich ovele genesen. dat gienge mir harde ût den spele. nu dîn vader wele Ênêâse sîn rîke lâten, he dœt bôslîke. ich mochte et ovele gesien. leide mœte û geskien, dir van hem end hem van dir.’ ‘frouwe, wes ontgelde wir?’ sprac Lâvînâ die maget, ‘dat ir den goden van ons klaget end ons geflœket sô vele? onheil hebbe, swe et hebben wele. 10 Vrouwe,’ sprac dat megedîn: ‘des ander rât enmach sîn, des mœt man sich getrôsten. ich love es got den hôsten, dat he mich wale hât gewert, des ich lange hân gegert omb den edelen Troiân, want nie wart nehein man der dogende sîn gelîke. end mocht ich tien konincrîke 20 met einen andern man gewinnen, ich enmochte en niet geminnen. ich wolde ê kiesen den dôt. ir moget ûch mouwen âne nôt, welt ir ûch sterven dorch den toren: sô hât ir ovele verloren ûwer lof end ûwern lîf. dœt alse ein wetich wîf end bedenket ûch bat. ich wele û râden dat, 30 dat ir dorch toren niet endœt, dat niemanne donke gœt’, sprac sî, ‘frouwe mœder mîn.’ ‘des mœtes du onsâlich sîn,’ sprac die frouwe weder end viel an her bedde neder. met menegen rouwen sî lach ich enweit wie menegen dach, went her der dôt in’t herte quam, de her den lîf onsachte nam. Dat dœ der hêre Ênêas 10 gefrouwet ende gêret was, dat liet he wale skînen end sach dœ Lâvîne als decke als hen geluste. he halstes ende kuste, dat sî van hem gerne nam, went dat dagedinc quam ende die brûtlocht wart. mekel wart die tœvart. dare quâmen in allen sîden 20 die vorsten vele wîden in skepen end an der strâten end ridder ûter mâten. Die speleman end die varende diet, sî versûmden sich niet, die wereltlîken lûde. dat dâden sî noch hûde, dâ solîch hôtît wâre; gefriesken sî die mâre, sî togen allenthalven tœ. 30 alsô dâden sî dœ, die et hadden vernomen. sî mochten gerne dare komen ende frôlîke, want sî worden dâ rîke, alsô dat billîch was. dœ wart der hêre Ênêas te koninge gekrônet. dœ war hem wale gelônet. sînre arbeide met grôter rîcheide. te êren er oppert sînen goden, die hem die vart dare geboden, end lônde den sînen. dœ krônde man Lâvîne t’einre koninginnen. 10 sî was dœ herre minnen komen te lieven ende ân alle missewende. mekel was die hôtît end dat gestœle dat was wît. hêrlîke man’t dâ ane vienc. der koninc dœ te diske gienc end die vorsten edele iegelîch an sîn gesedele, arme ende rîke, 20 harde frôlîke. met flîte dâ gedienet wart. dâ wart die spîse niet gespart. de sich des flîten wolde, dat he seggen solde, wie dâ gedienet wâre, et wâre ein lange mâre, wan als ich seggen wele: man gaf hen allen te vele, eten ende drinken. 30 des ieman konde erdenken end des sîn herte gerde, wie wale man sî’s gewerde. Do sî alle frô sâten end dronken ende gâten vel wale nâ heren willen, do enwas et dâ niet stille. dâ was gerochte sô grôt, dat es die bôsen verdrôt. dâ was spil end gesanc end behurt ende dranc, pîpen ende singen, vedelen ende springen, 10 orgeln ende seitspelen, meneger slachte frouden vele. der nouwe koninc Ênêas, de dâ brûdegome was, he bereide die speleman. der gâven er selve began, want he dâ was alre hêrest. van dû hœf he’t alre êrest, so et wale koninge getam. swe dâ sîne gâve nam, 20 dem ergienc et sâllîke, want he was es rîke iemer sint went an sîn ende ende halp ouch sînen kinden, die wîle dat sî mochten leven, want he konde wale geven ende hadde ouch dat gœt, dar tœ den willigen mœt. Dar nâ die vorsten rîke gâven vollîke, 30 her iegelîch met sînre hant, dûre pellîn gewant ende ros ende skat, silver ende goltvat, mûle ende ravîte, pelle ende samîte gans ende ongeskrôden end menegen bouch rôden dorchslagen guldîn, tsovel ende harmîn gâven die vorsten. die wale geven dorsten, hertogen ende grâven, den speleman sî gâven grôtlîke ende sô, 10 dat si alle dannen skieden frô end lof den koninge songen iegelîch an sînre tongen. Dâ was mekel hêrskap, wonne ende wertskap. iedoch klagede Ênêas, dat her sô wênich dâ was, die sînes gœdes gerden. einen mânôt dœ werde die brûtlocht end die hôtît, 20 dat man dâ gaf enwederstrît. dâ wâren vorsten hêre, die dorch her selves êre end dorch den koninc gâven. hertogen ende grâven end ander koninge rîke, die gâven grôtlîke, die wênich achten den skaden. si gâven soumâr wale geladen met skatte end met gewande. 30 ich enfriesc in den lande neheine hôtît sô grôt, der alsô menich genôt. Dâ vane sprac man dœ wîden. ich envernam van hôtîde in alre wîlen mâre, die alsô grôt wâre, als dœ hadde Ênêas, wan die te Meginze was, die wir selve sâgen. des endorfe wir niet frâgen. die was betalle onmetelîch, dâ der keiser Frederîch gaf twein sînen sonen swert, dâ menich dûsont marke wert 10 vertert wart ende gegeven. ich wâne, alle die nu leven, neheine grôter hân gesien. ich enweit, wat noch sole geskien: des enkan ich ûch niet bereiden. ich envernam van swertleiden nie wârlîke mâre, da so menich vorste wâre end alre slachte lûde. her levet genœch noch hûde, 20 die’t weten wârlîke. den keiser Frederîke geskîede sô menich êre, dat man iemer mêre wonder dâ vane seggen mach went an den jongesten dach âne logene vor wâr. et wert noch over hondert jâr van hem geseget end geskreven, dat noch allet es verholen bleven. 30

Als der Herr Æneas zur Herberge gekommen war, 10 er, der mächtige und berühmte, da hiess er seine Kämmerer zu sich kommen. Da sandte der edle Trojaner Spangen und Armringe, wie Niemand mit seinen Augen bessere sehen konnte, den Frauen nach Laurente, Gürtel und Ringe, die nicht besser sein konnten: 20 denn er war ihr sehr hold. Er sandte ein kostbares Hauptgold ihrer Meisterin zur Gabe und zum Andenken. Danach sandte Æneas seine Gabe, die sehr gut war, all den Frauen besonders, denn deren war eine grosse Menge, hin zu den Gemächern, die sehr wohl bestellt waren. 10 Æneas, der berühmte, gab das Gut um der Ehre willen. Als Æneas, der Held, sein Kleinod geschickt hatte nach Laurente zu den Frauen, da sie es zu beschauen anfiengen, da war es sehr lobenswerth. Bald vernahm die Kunde die alte Königin. Da war sie von Sinnen gekommen 20 durch ihren grossen Zorn; sie hatte ihren Verstand verloren; sie ward sehr böse. Sie liess ihre Tochter herauskommen, die liebliche Jungfrau. Als sie da zu ihr kam, da sprach die Königin überlaut: ‘Wie froh du nun bist, böse Haut, meines Herzens Kummer. Du magst mir das glauben: 30 mir ist es leid, dass ich dich je gebar; dass ich dich nicht zu Tode schlug sobald als ich dich gewann! Nun Turnus, der edle Mann, durch deine Schuld erschlagen ist, muss es die ganze Welt beklagen, dass du je geboren wurdest. Denn deinetwillen hat mancher Mann sein Leben verloren. Dass ich deines Vaters Frau ward, 10 das kam von Unheil, dass ich ihm zu Theil ward.’ Wieder sprach die Königin mit grosser Wuth und mit grossem Zorne: ‘Wehe mir Verlorenen, dass ich den unnützen Mann, deinen Vater, je gewann, dass mir mit ihm eine böse Gabe wurde. Nun werde ich nicht länger leben, 20 und könnte ich, ich wollte nicht. Seit ich das erleben sollte, dass du und der Trojaner vor mir gekrönt gehn solltet, was doch bald geschehn muss, so würde ich übel am Leben bleiben: dass ist mir sehr ausser dem Spass. Nun dein Vater dem Æneas sein Reich geben will, so handelt er sehr böslich. Ich könnte es schwer ansehn. Leid müsse euch geschehn, dir von ihm, und ihm von dir.’ ‘Frau, womit verdienen wir,’ sprach Lavine, die Jungfrau, ‘dass ihr den Göttern von uns klaget und uns so sehr verflucht? Unheil habe, wer es haben will.’ 10 ‘Frau,’ sprach das Mädchen, ‘wogegen es keinen andern Rath giebt, des muss man sich trösten. Ich lobe darob Gott den Herrn, dass es mir wohl gewährt hat, dessen ich lang begehrt habe wegen des edlen Trojaners: denn nie gab es einen Mann, der an Tugend ihm gliche. Und könnt ich zehn Königreiche 20 mit Turnus gewinnen, ich könnte ihn nicht lieben, ich wollte lieber den Tod wählen. Ihr mühet euch ohne Noth. Wollt ihr euch aus Ärger tödten, so habt ihr übel verloren euer Lob und euren Leib. Nun thut wie ein weises Weib und bedenkt euch noch besser. Ich will euch das rathen, 30 dass ihr aus Zorn nicht thut, was Niemand gut dünkt.’ ‘Frau Mutter mein,’ sprach sie. ‘Du musst darum unselig sein,’ sprach die Königin wieder und fiel auf ihr Bette nieder. Sie lag in voller Betrübniss, ich weiss nicht wie viel Tage, bis ihr der Tod ans Herz kam, der ihr unsanft das Leben nahm. Dass da der Herr Æneas 10 erfreut und geehrt war, das liess er wohl sehn, und sah da Lavinen, so oft als er wünschte. Er halste und küsste sie, was sie gern von ihm annahm; bis der Tag kam und die Heimführung statt fand. Gross war da der Zudrang. Da kamen von allen Seiten 20 weither die Fürsten, auf Schiffen und auf Strassen, und Ritter ohne Zahl. Die Spielleute und die fahrenden Leute, die versäumten sich nicht, und die aussätzigen Menschen. So thäten sie noch heute, wo solch ein Fest wäre; hörten sie die Kunde, sie zögen allenthalben zu. 30 So thaten sie da, die es vernommen hatten. Sie mochten gern dahin kommen, und fröhlich, denn sie wurden da reich, wie das billig war. So ward der Herr Æneas zum König gekrönt. Da ward ihm der Lohn für seine Trübsal. Mit grossem Reichthum opferte er seinen Göttern zu Ehren, die ihm die Fahrt dahin geboten hatten, und belohnte die Seinen. Da krönte man Lavinen zu einer Königin. 10 Sie war da an das liebe Ende ihrer Liebe gekommen ohne alles Missgeschick. Gross war das Fest, und die Sitze waren weit. Man fieng es da herrlich an. Der König gieng zu Tische und die edelen Fürsten, jeder an seinen Platz, Arme und Reiche, 20 alle sehr fröhlich. Da ward gut bedient, da ward die Speise nicht gespart. Wer sich dessen befleissigen wollte, dass er es merken sollte, wie da bedient ward, es wär eine lange Geschichte: ich will euch denn also sagen, man gab ihnen alles zu viel. Essen und Trinken; 30 was Jemand nur denken konnte, und das sein Herz begehrte, wie wohl man ihnen das gewährte! Als sie alle froh sassen und tranken und assen sehr gut nach ihrem Belieben, da war es da nicht stille: da war das Gerufe so gross, dass es die Bösen verdross. Da war Spiel und Gesang, Turnieren und Drang, Pfeifen und Singen, Fiedeln und Springen, 10 Orgeln und Saitenspiel, mancher Art Freude viel. Der neue König Æneas, der da Bräutigam war, er bezahlte die Spielleute. Er begann selbst sie zu beschenken, denn er war der Allerhehrste, deshalb begann er es zuerst, wie ihm als König wohl geziemte. Wer da seine Gabe empfieng, 20 dem gieng es selig: denn er ward reich für immer bis an sein Ende, und half auch seinen Kindern, so lange als sie leben mochten: denn er konnte gut geben, und hatte auch grosses Gut, und dazu willigen Sinn. Danach gaben die reichen Fürsten sehr freigebig, 30 ihrer jeder mit seiner Hand, theures Pfellelgewand, dazu Pferde und Geld, Silber- und Goldgefässe, Maulthiere und Renner, Pfellel und Sammet, ganz und unzerschnitten, und manchen goldnen Reif, golden durchschlagen Zobel und Hermelin gaben die Fürsten. die wohl geben durften, Herzöge und Grafen gaben den Spielleuten grossartig und so, 10 dass sie alle froh von dannen schieden und dem König Lob sangen, ihrer jeglicher in seiner Zunge. Da war viel Herrlichkeit, Wonne und Gastmahl. Dennoch klagte Herr Æneas dass so wenig da waren, die seines Gutes begehrten. Einen Monat währte die Heimführung und das Fest, 20 dass man da um die Wette gab. Da waren hehre Fürsten, die um ihrer eigenen Ehre und um des Königs wegen gaben. Herzöge und Grafen und andre reiche Könige, die gaben grossartig, sie die wenig des Schadens achteten: Saumpferde, gut beladen mit Schätzen und Gewändern. 30 Ich hörte in dem Lande von keinem Feste so gross, dessen so Viele genossen. Davon sprach man da weit. Ich vernahm von keinem Feste, in aller Zeit Kunde, das so gross gewesen wäre, als da Æneas hatte, ausser dem, welches zu Mainz war, das wir selber sahen. Danach dürfen wir nicht fragen; das war durchaus unermesslich, als der Kaiser Friederich seinen zwei Söhnen das Schwert gab. Manch tausend Mark werth 10 ward da verzehrt und vergeben. Ich wähne, alle die jetzt leben, haben kein grösseres gesehn: ich weiss nicht, was noch geschehen soll, davon kann ich euch nichts berichten. Ich vernahm von einem Ritterschlag nie wahrhafte Kunde, wo so viele Fürsten gewesen wären, und so mancher Art Leute. Es leben ihrer noch genug heute, 20 die es wahrlich wissen. Dem Kaiser Friederich geschah so manche Ehre, dass man immer mehr davon Wunder sagen mag bis an den jüngsten Tag, ohne Lügen fürwahr. Es wird noch über hundert Jahr von ihm gesagt und geschrieben. Hier möge die Rede nun bleiben. 30

M.

MORIZ VON CRAON.

[Scherer D. 151, E. 143.]

Das Gedicht ist von einem Nachahmer Veldekes verfasst, und erzählt das Liebesabenteuer des französischen Dichters Moriz von Craon. Herausgegeben von Haupt in den ‘Festgaben für Homeyer’ (Berlin, 1871).

Ditz was in der stunde dô ez sumern begunde. die vogele in dem walde lûte unde balde sungen manege stimme. die rôsen und die brimme bluoten alle widerstrît. ez was rehte an der zît sô man unfreude hazzet. sich hâte gevazzet 10 der walt unde schœniu kleit gegen dem sumer an geleit, diu loup grüene und drunder gras, daz ez schône gemuoset was mit maneger hande blüete. ditz machet guot gemüete, swer an freude hât gedanc, und ouch der vogele süezer sanc. fruo an einem morgen dô mohte si von sorgen 20 geslâfen noch geligen dâ. diu frouwe stuont ûf sâ. dô gienc si durch ir trûre dâ über die burcmûre ein loube was gehangen. dar kam si eine gegangen: in ein venster si gestuont, als senendiu wîp ofte tuont den leit von liebe ist geschehen; diu muoz man trûrende sehen. alsô was ez ir ergân. ir wîze hant wol getân 10 leites an daz wange und loste dem vogelgesange. dô sanc vil wol diu nahtegal. si sprach ‘wol in der leben sal mit freuden, als ich tæte ob ich mirs gestatet hæte. nû muoz ich immer mêre mit grôzem schaden ân êre mîne jugent verslîzen. wem sol ich daz nû wîzen 20 daz ich hin für vergebene eim tôtlîchen lebene muoz sîn bereit und undertân? des gunde ich mir: des sol ichz hân. daz muoz gote sîn geklaget.’ nû was diu juncfrouwe, ir maget, geslichen ouch durch baneken dar und hôrte ir frouwen klage gar. swie schuldic si wære, si muote doch ir swære, daz si dâ mohte niht gestên, und wolte wider in gên: ir klage was sô jâmerlich. dô sach diu frouwe hinder sich und sprach zehant wider sie ‘bistû deheine wîle hie?’ 10 ‘jâ ich hân ez gar vernomen daz iu ist in daz herze komen. daz müejet mich und ist mir leit. ich sagte iu ê die wârheit: dô moht ir des gelouben niet. sô wizzet doch daz ichz iu riet.’ ‘jâ ich weiz rehte, der mich fröuwen mehte, der swante sîne sünde als stille des meres ünde. 20 ich mac ab nimmer werden frô, ez füege sich mir dannoch sô daz er mich noch frô gesetze und ouch mit güete ergetze von dem ich disen kumber trage beide naht unde tage. mich riuwet daz im ie geschach von mir dehein ungemach. diu riuwe kumet ze spâte. hete ich dînem râte gevolgt, daz wære mir guot. swer âne rât dicke tuot 10 nâch sînem willen für sich, den geriwet ez, alse mich. nû riuwet mich ez z’unzît. ich wânde daz der wîbe strît ze rehte vor solte gân. dâ von ich disen schaden hân. nû ist daz reht an mir gebrochen. er hât sich an mir gerochen dâ mite daz er mich mîdet. mîn herze kumber lîdet 20 und nôt biz an mîn ende. an ditz gestrakt gebende bin ich von schulden gevallen. von diu râte ich in allen, swer stæteclîcher minne hin für beginne, daz der an mînen kumber sehe und hüete daz im same geschehe.’ Nû lâzet dise rede varn. tiuschiu zunge diu ift arn: swer dar in wil tihten, sol diu rede sich rihten, sô muoz er wort spalten und zwei zesamen valten. daz tæte ich gerne, kunde ich daz, meisterlîcher unde baz.

Das war zu der Zeit, da der Sommer nahte: die Vögel in dem Walde laut und keck sangen mit mancherlei Stimmen. Rosen und Ginster blühten alle um die Wette. Es war gerade zu der Zeit, wo man Freudlosigkeit hasst. Es hatte sich geschmückt 10 der Wald und schönes Gewand für den Sommer angelegt, grünes Laub und drunter Gras, dass es ein schöner Teppich war von mancherlei Blüthen. Dies schafft ein gut, zufriednes Gemüth, wenn man auf Freude sinnen darf, und dazu der Vögel süsser Sang. Früh, an einem Morgen da konnte sie vor Sorgen 20 nicht schlafen noch länger liegen dort. Da erhob sich die Herrin sofort und gieng, ihrer Trauer nachzuhängen dorthin, wo über der Burgmauer eine Laube hieng. Dahin kam sie alleine gegangen: in ein Fenster sie trat, wie sehnsüchtige Frauen oftmals thun, denen die Liebe Leid gebracht; die muss man in Trauer sehen. So war es ihr ergangen. Ihre weisse schön geformte Hand 10 lehnte sie an die Wange und lauschte dem Vogelsange. Da sang gar süss die Nachtigall. Sie sprach ‘Wohl ihm, der leben darf in Freuden, wie ich es thun könnte, wenn ich mirs gegönnt hätte. Nun muss ich aber immerdar zu meinem grossen Schaden und ohne Ehre meine Jugend verderben. Und wem soll ich daraus einen Vorwurf machen, 20 dass ich hinfür vergebens einem todähnlichen Leben verfallen und unterthan sein muss? Ich gönnt’ es mir: drum muss ich’s haben. Das muss Gott geklagt sein.’ Nun war die Jungfrau, ihre Dienerin, auch leise dahin gegangen, um zu spazieren, und hörte ihrer Herrin Klage ganz an. Wenn sie auch schuldig war, so dauerte sie doch ihr Kummer so sehr, dass sie da nicht stehn bleiben mochte und wieder in’s Haus gehn wollte: so jämmerlich war jener Klage. Da sah sich die Dame um und sprach sofort zu ihr ‘Bist du schon einige Zeit hier?’ 10 ‘Ja, ich habe alles vernommen was euch in’s Herz gedrungen ist. das schmerzt mich und thut mir leid. Ich hab euch vordem die Wahrheit gesagt, da aber wolltet ihrs nicht glauben. ihr wisst doch noch, dass ich euch meinen Rath gegeben habe.’ ‘Ja, ich weiss recht wohl, der mich zu erfreuen vermöchte, der würde sein Vergehen so stille zu Nichte gemacht haben wie des Meeres Wogen. 20 Ich kann aber nimmermehr froh werden, es sei denn, dass mir das Glück noch werde, dass er mich fröhlich macht und mit Güte entschädigt, von dem ich bei Tag und bei Nacht diesen Kummer trage. Mich reut, dass ihm je von mir ein Ungemach geschehen. Die Reue kommt zu spät. Hätte ich deinem Rathe gefolgt, das wäre mir gut gewesen. Wer häufig ohne Rath handelt 10 nach seinem Willen für sich, den reut es so wie mich. Doch kommt mir die Reue zur Unzeit. Glaubt’ ich doch, dass Weiberlaune mit Recht den Vorrang hätte. davon hab’ ich diesen Schaden. Nun ist das Recht an mir gebrochen. Er hat sich damit an mir gerächt, dass er mir aus dem Wege geht. In meinem Herzen leid’ ich Kummer 20 und Noth bis an mein Ende. In diese ausgespannte Fessel bin ich durch meine Schuld gefallen. Deshalb rathe ich allen, die sich mit stäter Liebe fürder befassen, dass sie auf mein Leid blicken und sich hüten, dass ihnen so geschehe. Lasst diese Sache nun gehn Deutsche Sprache die ist arm: wenn einer darin dichten wolle, so muss er, soll seine Rede glatt werden, die Worte spalten und zwei zusammen falten. Das hätte ich gerne, wenn ich es vermöchte, meisterlicher und besser gemacht.

HARTMANN VON AUE.

[Scherer D. 155, E. 148.]

Aus einem Dienstmannengeschlecht von Aue; geboren gegen 1170 in Schwaben. Er erhielt Unterricht im lateinischen und französischen, schloss sich einer Kreuzfahrt an 1197. Die Reihenfolge seiner Dichtungen ist abgesehen von den Liedern (herausg. in Lachmann und Haupts ‘des Minnesangs Frühling,’ Nr. 21) vermuthlich die folgende: vor 1197 sind verfasst Erec (herausg. von Haupt, Leipzig, 1839, zweite Ausg. 1871), Gregorius (herausg. von Lachmann, Berlin, 1838; Paul, Halle 1873, 1882), erstes Büchlein (herausg. von Haupt ‘Die Lieder und Büchlein und der arme Heinrich,’ Leipzig 1842, zweite Ausg. 1881); nach dem Kreuzzuge der arme Heinrich (herausg. ausser von Haupt von Brüder Grimm 1815, Müller 1842, Paul 1882; übers. von Simrock), zweites Büchlein (s. o.), Iwein (herausg. von Benecke und Lachmann, Berlin 1827, vierte Aufl. 1877; übers. von Graf Baudissin). Sämmtl. Werke herausg. von Bech (3 Bde. Leipzig 1867–1869 u. ö.).

1. DER ARME HEINRICH.

Dô dô der arme Heinrich driu jâr dâ getwelte 10 unde im got gequelte mit grôzem jâmer den lîp, nû saz der meier und sîn wîp unde ir tohter, diu maget von der ich iu ê hân gesaget, bî im in ir unmüezekeit und begunden klagen ir herren leit. diu klage tet in michel nôt: wan sî vorhten daz sîn tôt sî sêre solte letzen und vil gar entsetzen êren unde guotes und daz herters muotes würde ein ander herre. si gedâhten alsô verre 10 unz dirre selbe bûman alsus frâgen began. Er sprach ‘lieber herre mîn, möht ez mit iuwern hulden sîn, ich frâgte vil gerne. sô vil ze Sâlerne von arzenîen meister ist, wie kumet daz ir deheines list ze iuwerme ungesunde niht gerâten kunde? 20 herre, des wundert mich.’ dô holte der arme Heinrich tiefen sûft von herzen mit bitterlîchem smerzen: mit solher riuwe er dô sprach daz ime der sûft daz wort zerbrach. ‘Ich hân disen schemelîchen spot vil wol gedienet umbe got. wan dû sæhe wol hie vor daz hôh offen stuont mîn tor 30 nâch werltlîcher wünne und daz niemen in sîm künne sînen willen baz hete dan ich: und was daz doch unmügelich, wan ich enhete niht gar. dô nam ich sîn vil kleine war der mir daz selbe wunschleben von sînen gnâden hete gegeben. daz herze mir dô alsô stuont als alle werlttôren tuont, 10 den daz saget ir muot daz si êre unde guot âne got mügen hân. sus troug ouch mich mîn tumber wân, wan ich in lützel ane sach von des genâden mir geschach vil êren unde guotes. dô dô des hôhen muotes den hôhen portenære verdrôz, die sælden porte er mir beslôz. 20 dâ kum ich leider niemer in: daz verworhte mir mîn tumber sin. got hât durch râche an mich geleit ein sus gewante siecheit die niemen mag erlœsen. nu versmæhent mich die bœsen, die biderben ruochent mîn niht. swie bœse er ist der mich gesiht, des bœser muoz ich dannoch sîn: sîn unwert tuot er mir schîn, er wirfet d’ougen abe mir. nû schînet êrste an dir dîn triuwe die dû hâst, daz dû mich siechen bî dir lâst und von mir niht enfliuhest. swie dû mich niht enschiuhest, swie ich niemen liep sî danne dir, 10 swie vil dîns heiles stê an mir, du vertrüegest doch wol mînen tôt. nû wes unwert und wes nôt wart ie zer werlte merre? hie vor was ich dîn herre und bin dîn dürftige nû. mîn lieber friunt, nû koufest dû und mîn gemahel und dîn wîp an mir den êwigen lîp daz dû mich siechen bî dir lâst. 20 des dû mich gefrâget hâst, daz sage ich dir vil gerne. ich kunde ze Sâlerne keinen meister vinden der sich mîn underwinden getörste oder wolte. wan dâ mite ich solte mîner sühte genesen, daz müeste ein solch sache wesen die in der werlte nieman mit nihte gewinnen kan. mir wart niht anders dâ gesaget wan ich müeste haben eine maget 10 diu vollen êrbære und ouch des willen wære daz sî den tôt durch mich lite und man sî zuo dem herzen snite, und mir wære niht anders guot wan von ir herzen daz bluot. nû ist genuoc unmügelich daz ir deheiniu durch mich gerne lîde den tôt. des muoz ich schemelîche nôt 20 tragen unz an mîn ende. daz mirz got schiere sende!’ Daz er dem vater hete gesagt, daz erhôrte ouch diu reine magt: wan ez hete diu vil süeze ir lieben herren füeze stânde in ir schôzen. man möhte wol genôzen ir kintlîch gemüete hin ze der engel güete. 30 sîner rede nam sî war unde marhte sî ouch gar: si enkam von ir herzen nie unz man des nahtes slâfen gie. dô sî zir vater füezen lac und ouch ir muoter, sô sî pflac, und sî beide entsliefen, manegen sûft tiefen holte sî von herzen. umbe ir herren smerzen wart ir riuwe alsô grôz daz ir ougen regen begôz 10 der slâfenden füeze. sus erwahte sî diu süeze. Dô sî der trehene enpfunden, si erwachten und begunden sî frâgen waz ir wære und welher hande swære sî alsô stille möhte klagen. nu enwolte sî es in niht sagen. und dô ir vater aber tete vil manege drô unde bete 20 daz sî ez ime wolte sagen, sî sprach ‘ir möhtent mit mir klagen. waz möht uns mê gewerren danne umb unsern herren, daz wir den suln verliesen und mit ime verkiesen beide guot und êre? wir gewinnen niemer mêre deheinen herren alsô guot der uns tuo daz er uns tuot.’ 30 Sî sprâchen ‘tohter, dû hâst wâr. nû frumet uns leider niht ein hâr unser riuwe und dîn klage: liebez kint, dâ von gedage. ez ist uns alsô leit sô dir, leider nû enmuge wir ime ze keinen staten komen. got der hât in uns benomen: het ez iemen anders getân, der müese unsern fluoch hân.’ Alsus gesweigeten sî sî dô. 10 die naht bleip sî unfrô und morne allen den tac. swes iemen anders gepflac, diz enkam von ir herzen nie unz man des andern nahtes gie slâfen nâch gewonheit. dô sî sich hete geleit an ir alte bettestat, sî bereite aber ein bat mit weinenden ougen: 20 wan sî truoc tougen nâhe in ir gemüete die aller meisten güete die ich von kinde ie vernam. welch kint getete ouch ie alsam? des einen sî sich gar verwac, gelebetes morne den tac, daz sî benamen ir leben umbe ir herren wolte geben.

Als so der arme Heinrich Drei Jahre dort geblieben war, 10 Während Gott ihm immerdar Mit Jammer schlug den siechen Leib, Da sass der Meier und sein Weib Und ihre Tochter, die Magd, Von der euch eben ward gesagt, Bei ihm in kurzer Mussezeit Und beklagten ihres Herren Leid. Ihnen that wohl solche Klage Noth, Denn sie fürchteten, sein Tod Möchte sie schwer verletzen Und sie gar entsetzen Der Ehren und des Gutes, Wenn ungnädgern Muthes Ein Andrer Gutsherr würde. Lange trugen sie die Bürde 10 Der Sorgen, bis der Bauersmann So zu fragen begann: Er sprach: ‘Lieber Herre mein, Möcht es mit euern Hulden sein, so fragt’ ich euch gerne: Da doch zu Salerne Viel Meister sind der Arzenei, Wie kommts, dass keiner war dabei, Der eure Sucht zu heilen Rath wusste zu ertheilen? 20 Herr, darüber wundr’ ich mich.’ Da zog der arme Heinrich Einen Seufzer tief vom Herzen Herauf mit bittern Schmerzen, Worauf er so bekümmert sprach, Dass der Seufzer ihm das Wort zerbrach: ‘Ich habe diesen Schimpf und Spott Nur zu wohl verdient um Gott: Denn du sahest wohl hievor, Dass weit offen stand mein Thor 30 Weltlicher Lust und Eitelkeit, Und dass Niemand weit und breit Seinem Willen nachhieng so wie ich. Daran that ich freventlich, So ohnmächtig wie ich war. Denn wenig nahm ich dessen wahr, Dessen Gnade mir dies Leben Nach allen Wünschen gegeben. So verirrt war da mein Herz Wie Weltkindern allerwärts: 10 Immer wähnt ihr blöder Sinn, Dass sie Ehr und Glücks Gewinn Möchten ohne Gott empfahn. So trog auch mich mein dummer Wahn, Denn ich achtet’ ihn gering, Von des Gnaden ich empfieng Der Ehren viel und Gutes. Als da des Übermuthes Den hohen Himmelsherrn verdross, Des Heiles Thor er mir verschloss: 20 Da geh ich leider nimmer ein: Mein Leichtsinn schuf mir diese Pein. Zur Strafe hat mir Gott gesandt Ein Siechthum, aus dessen Band Niemand mich erlösen kann. Nun verschmäht mich der geringste Mann; Der Biedre selbst vor mir erschrickt. Wie gering er sei, der mich erblickt, Er glaubt, dass ich noch schlechter sei. Er legt mir seinen Unwerth bei Und kehrt die Augen ab von mir. Nun wird erst offenbar an dir Die grosse Treue, die du hegst, Dass du mich Siechen hier erträgst Und nicht vor meinem Anblick fliehst. Doch wie du ohne Scheu mich siehst, Wie Niemand sonst mir Liebes thut, 10 Wie sehr dein Wohl auf mir beruht, Du ertrügest doch wohl meinen Tod. Nun, wessen Schmach und wessen Noth War je so auserlesen? Der zuvor dein Herr gewesen, Spricht dein bedürftig bei dir zu. Nun, lieber Freund, verdienest du, Dein gutes Weib und mein Gemahl, An mir den ewgen Freudensaal, Dass ihr mich Siechen hier ertragt. 20 Doch was du mich vorhin gefragt, Das sag ich dir gerne. Ich konnte zu Salerne Keinen Meister finden, Der mein sich unterwinden Dürfte oder wollte. Denn womit ich sollte Genesen meiner Noth und Pein, Das musste eine Sache sein, Die auf dieser Erde man Um keinen Preis erlangen kann. Mir ward nichts anders da gesagt, Als ich brauchte eine Magd, 10 Die bei vollen Jahren rein Und entschlossen müsste sein Den Tod für mich zu leiden. Man würd ihr Herz zerschneiden, Denn nichts anders wär mir gut Als des Mädchens Herzeblut. Nun findet sich, das ist wohl klar, Solch ein Mädchen nimmerdar, Die für mich leiden will den Tod. Drum muss ich schmähliche Noth 20 Tragen bis an mein Ende, Dass Gott es bald mir sende!’ Was dem Vater ward gesagt, Das hörte auch die reine Magd, Denn es hielt die Süsse Ihres lieben Herren Füsse In ihrem Schoose stehen. Da mochte man wohl sehen, Ihr kindlich Gemüthe Glich englischer Güte. 30 Seiner Rede nahm sie wahr Und behielt sie immerdar; Nur auf ihn war sie bedacht, Bis man zu Bett gieng in der Nacht Und die Gute, wie sie pflag, Zu ihrer Eltern Füssen lag. Als sie nun beide schliefen, Holte sie manchen tiefen Seufzer aus ihrem Herzen. Um ihres Herren Schmerzen Ward ihr Kummer so gross, Ihrer Augen Regen begoss 10 Der Schlafenden Füsse: So erweckte sie die Süsse. Als der Thränen gewahr Ward das fromme Elternpaar, Fragten sie, was ihr wäre, Dass sie so manche Zähre Vergösse unter Klagen? Da wollte sie’s nicht sagen. Doch als der Vater in sie drang, Erst bittend, drohend dann mit Zwang, 20 Da that sie ihm den Kummer kund. ‘Ihr hättet selbst zu klagen Grund, Denn was möcht uns näher gehn, Als was unserm Herrn geschehn, Den wir bald sollen missen, Denn dann wird uns entrissen Gut und Ehre werden: Finden wir doch auf Erden Keinen Herrn so mild und gut, Der uns thu, was er uns thut.’ 30 Sie sprachen: ‘Tochter, das ist wahr, Nur frommt uns leider nicht ein Haar Das Leid, und weinten wir uns blind. Darum schweig, liebes Kind, Es ist uns auch so leid wie dir; Aber leider mögen wir Ihm nicht zu Statten kommen. Gott hat ihn uns benommen: Hätt es ein Andrer gethan, So müsst er unsern Fluch empfahn.’ Zum Schweigen ward sie so gebracht. 10 Doch blieb ihr weh die ganze Nacht Und morgen den vollen Tag. Was Jemand that, was Jemand sprach, Dies kam von ihrem Herzen nie, Bis des andern Abends sie Wie gewöhnlich schlafen gieng. Als sie ihr altes Bett umfieng, Wieder, wie sie gestern that, Machte sie ein Thränenbad Und weint’ in ihren Sorgen, 20 Denn sie trug verborgen Im innersten Gemüthe Die grösste Herzensgüte, Die Gott noch einem Kind verlieh. Wann that auch je ein Kind wie sie? Sie nahm sich ernstlich in den Sinn, Brächte sie die Nacht nur hin So wollte sie ihr Leben Um ihren Herren geben.

SIMROCK.

2. IWEIN.

Daz smæhen daz vrou Lûnete dem herren Îweine tete, daz gæhe wider kêren, der slac sîner êren, daz sî sô von ime schiet daz si in entrôste noch enriet, daz smæhlîche ungemach, dazs im an die triuwe sprach, 10 diu versûmde riuwe und sîn grôziu triuwe sînes stæten muotes, diu verlust des guotes, der jâmer nâch dem wîbe: die benâmen sîme lîbe beide vreude unde den sin. nâch eime dinge jâmert in, daz er wære etswâ daz man noch wîp enweste wâ 20 und niemer gehôrte mære war er komen wære. Er verlôs sîn selbes hulde: wan ern mohte die schulde ûf niemen anders gesagen: in het sîn selbes swert erslagen. ern ahte weder man noch wîp, niuwan ûf sîn selbes lîp. er stal sich swîgende dan (daz ersach dâ nieman) unz er kom vür diu gezelt ûz ir gesihte an daz velt. dô wart sîn riuwe alsô grôz daz im in daz hirne schôz ein zorn unde ein tobesuht, 10 er brach sîn site und sîne zuht und zarte abe sîn gewant, daz er wart blôz sam ein hant. sus lief er über gevilde nacket nâch der wilde. Dô diu juncvrouwe gereit, dô was dem künege starke leit hern Îweines swære, und vrâgte wâ er wære (er wold in getrœstet hân) 20 unde bat nâch ime gân. und als in nieman envant, nû was daz vil unbewant swaz man ime dâ gerief, wander gegen walde lief. er was ein degen bewæret und ein helt unerværet: swie manhaft er doch wære und swie unwandelbære an lîbe unde an sinne, doch meistert vrou Minne daz im ein krankez wîp verkêrte sinne unde lîp. der ie ein rehter adamas rîterlîcher tugende was, der lief nû harte balde ein tôre in dem walde. Nû gap im got der guote, 10 der in ûz sîner huote dannoch niht volleclîche enliez, daz im ein garzûn widerstiez, der einen guoten bogen truoc: den nam er im und strâlen gnuoc. als in der hunger bestuont, sô teter sam die tôren tuont: in ist niht mêre witze kunt niuwan diu eine umbe den munt. er schôz prîslichen wol: 20 ouch gienc der walt wildes vol: swâ daz gestuont an sîn zil, des schôz er ûz der mâze vil. ouch muose erz selbe vâhen, âne bracken ergâhen. sone heter kezzel noch smalz, weder pfeffer noch salz: sîn salse was diu hungernôt, diuz im briet unde sôt daz ez ein süeziu spîse was und wol vor hunger genas. Dô er des lange gepflac, er lief umb einen mitten tac an ein niuweriute. dane vander nie mê liute wan einen einigen man: 10 der selbe sach im daz wol an daz er niht rehtes sinnes was. der vlôch in, daz er genas, dâ bî in sîn hiuselîn. dane wânder doch niht sicher sîn unde verrigelt im vaste de tür: dâ stuont im der tôre vür. der tôre dûht in alze grôz: er gedâhte ‘tuot er einen stôz, diu tür vert ûz dem angen, 20 und ist um mich ergangen. ich arme, wie genise ich?’ ze jungest dô verdâhter sich ‘ich wil im mînes brôtes gebn: sô lât er mich vil lîhte lebn.’ Hie gienc ein venster durch die want: dâ durch rahter die hant und leit im ûf ein bret ein brôt: daz suozt im diu hungers nôt; wand er dâ vor, daz got wol weiz, sô jæmerlîches nie enbeiz. waz welt ir daz der tôre tuo? er az daz brôt und tranc dâ zuo eines wazzers daz er vant in einem einber an der want, unde rûmtez im ouch sâ. der einsidel sach im nâ und vlêget got vil sêre 10 daz er in iemer mêre erlieze selher geste; wand er vil lützel weste wie ez umbe in was gewant. nu erzeicte der tôre zehant daz der tôre und diu kint vil lîhte ze wenenne sint. er was dâ zuo gnuoc wîse daz er nâch der spîse dar wider kom in zwein tagen, 20 und brâhte ein tier ûf im getragen und warf im daz an die tür. daz machte daz er im her vür deste willeclîcher bôt sîn wazzer unde sîn brôt: erne vorht in dô niht mê und was im bezzer danne ê, und vant ditz ie dâ gereit. ouch galt er im die arbeit mit sînem wiltpræte. daz wart mit ungeræte gegerwet bî dem viure. im was der pfeffer tiure, daz salz, unde der ezzich. ze jungest wenet er sich 10 daz er die hiute veile truoc, unde kouft in beiden gnuoc des in zem lîbe was nôt, salz unde bezzer brôt. Sus twelte der unwîse ze walde mit der spîse, unze der edele tôre wart gelîch eim môre an allem sîme lîbe. ob im von guotem wîbe 20 ie dehein guot geschach, ob er ie hundert sper zebrach, gesluoc er viur ûz helme ie, ob er mit manheit begie deheinen loblîchen prîs, wart er ie hövesch unde wîs, wart er ie edel unde rîch: dem ist er nû vil ungelîch. Er lief nû nacket beider, der sinne unde der cleider, 30 unz in zeinen stunden slâfende vunden drie vrouwen dâ er lac, wol umb einen mitten tac, nâ ze guoter mâze bî der lantstrâze diu in ze rîten geschach. und alsô schiere do in ersach diu eine vrouwe von den drin, dô kêrte sî über in und sach in vlîzeclîchen an. 10 nû jach des ein ieglich man wie er verlorn wære: daz was ein gengez mære in allem dem lande: und daz sî in erkande, daz was des schult; und doch niht gar, sî nam an im war einer der wunden diu ze manegen stunden an im was wol erkant, 20 unde nande in zehant. Sî sprach her wider zuo den zwein ‘vrouwe, lebt her Îwein, sô lît er âne zwîvel hie, oder ichn gesach in nie.’ Ir höfscheit unde ir güete beswârten ir gemüete, daz sî von grôzer riuwe und durch ir reine triuwe vil sêre weinen began, 30 daz eim alsô vrumen man diu swacheit solte geschehn daz er in den schanden wart gesehn. Ez was diu eine von den drin der zweier vrouwe under in: nû sprach sî zuo ir vrouwen ‘vrouwe, ir mugt wol schouwen daz er den sin hât verlorn. von bezzern zühten wart geborn nie rîter dehein danne mîn her Îwein, den ich sô swache sihe lebn. 10 im ist benamen vergebn, ode ez ist von minnen komen daz im der sin ist benomen. und ich weiz daz als mînen tôt daz ir alle iuwer nôt, die iu durch sînen übermuot der grâve Âliers lange tuot und noch ze tuonne willen hât, schiere überwunden hât, ober wirdet gesunt. 20 mir ist sîn manheit wol kunt: wirt er des lîbes gereit, er hât in schiere hin geleit: und sult ir ouch vor ime genesn, daz muoz mit sîner helfe wesn.’ Diu vrouwe was des trôstes vrô. sî sprach ‘unde ist der suht also daz sî von dem hirne gât, der tuon ich im vil guoten rât, wand ich noch einer salben hân die dâ Feimorgân machte mit ir selber hant. dâ ist ez umbe sô gewant daz niemen hirnsühte lite, wurd er bestrichen dâ mite, 10 erne wurde dâ zestunt wol varende unde gesunt.’ sus wurden sî ze râte und riten alsô drâte nâch der salben alle drî: wand ir hûs was dâ bî vil kûme in einer mîle. nû wart der selben wîle diu juncvrouwe wider gesant, diu in noch slâfende vant. 20 Diu vrouwe gebôt ir an daz lebn dô sî ir hâte gegebn die bühsen mit der salben, daz si in allenthalben niht bestriche dâ mite wan dâ er die nôt lite, dâ hiez sî sî strîchen an: so entwiche diu suht dan, under wær zehant genesn. dâ mite es gnuoc möhte wesn, daz hiez sî an in strîchen; und daz si ir nämelîchen bræhte wider daz ander teil: daz wære maneges mannes heil. ouch sante sî bî ir dan vrischiu kleider, seit von gran und cleine lînwât, zwei, schuohe und hosen von sei. 10 Nû reit sî alsô balde, daz sî in in dem walde dannoch slâfende vant, und zôch ein pfert an der hant, daz vil harte sanfte truoc (ouch was der zoum rîche gnuoc, daz gereite guot von golde), daz er rîten solde, ob ir daz got bescherte daz sî in ernerte. 20 Dô si in ligen sach als ê, nûne tweltes niuwet mê, sî hafte zeinem aste diu pfert beidiu vaste, und sleich alsô lîse dar daz er ir niene wart gewar. mit ter vil edelen salben bestreich si in allenthalben über houpt und über vüeze. ir wille was sô süeze daz sî daz alsô lange treip unz in der bühsen niht beleip. des wær doch alles unnôt, dâ zuo und man irz verbôt; wan daz si im den willen truoc, esn dûhtes dannoch niht genuoc, 10 und wær ir sehsstunt mê gewesn: sô gerne sach sî in genesn. Und dô siz gar an in gestreich, vil drâte sî von im entweich, wand sî daz wol erkande, daz schemelîchiu schande dem vrumen manne wê tuot, und barc sich durch ir höfschen muot, daz sî in sach und er sî niht. sî gedâhte ‘ob daz geschiht 20 daz er kumt ze sinnen, und wirt er danne innen daz ich in nacket hân gesehn, sô ist mir übele geschehn: wan des schamt er sich sô sêre dazer mich nimmer mêre willeclichen an gesiht.’ alsus enoucte sî sich niht unz in diu salbe gar ergienc und er ze sinnen gevienc. Dô er sich ûf gerihte und sich selben ane blihte und sich sô griulîchen sach, wider sich selben er dô sprach ‘bistuz Îwein, ode wer? hân ich geslâfen unze her? 10 wâfen, herre, wâfen, sold ich dan nimmê slâfen! wand mir mîn troum hât gegebn ein vil harte rîchez lebn. Ouwî waz ich êren pflac die wîl ich slâfende lac! mir hât getroumet michel tugent: ich hete geburt unde jugent, ich was schœne unde rîch und diseme lîbe vil unglîch; 20 ich was hövesch unde wîs und hân vil manegen herten prîs ze rîterschefte bejagt, hât mir mîn troum niht missesagt. ich bejagte swes ich gerte mit sper und mit swerte: mir ervaht mîn eines hant ein schœne vrowen, ein rîchez lant; wan daz ich ir doch pflac, sô mir nû troumte, unmanegen tac, unze mich der künec Artûs von ir vuorte ze hûs. mîn geselle was her Gâwein, als mir in mîme troume schein. 10 sî gap mir urloup ein jâr (dazn ist allez niht wâr): do beleip ich langer âne nôt, unz sî mir ir hulde widerbôt: die was ich ungerne âne. in allem disem wâne sô bin ich erwachet. mich hete mîn troum gemachet zeime rîchen herren. nû waz möhte mir gewerren, 20 wær ich in disen êren tôt? er hât mich geffet âne nôt. swer sich an troume kêret, der ist wol gunêret. Troum, wie wunderlich dû bist! dû machest rîche in kurzer vrist einen alsô swachen man der nie nâch êren muot gewan: swenner danne erwachet, sô hâstû in gemachet zeime tôren als ich. zwâre doch versihe ich mich, 10 swie rûch ich ein gebûre sî, wær ich rîterschefte bî, wær ich gewâfent unde geriten, ich kund nâch rîterlîchen siten alsô wol gebâren als die ie rîter wâren.’ Alsus was er sîn selbes gast, daz im des sinnes gebrast: und ober ie rîter wart und alle sîn umbevart 20 die heter in dem mære alss im getroumet wære. er sprach ‘mich hât gelêret mîn troum: der bin ich gêret, mac ich ze harnasche komen. der troum hât mir mîn reht benomen: swie gar ich ein gebûre bin, ez turnieret al mîn sin. mîn herze ist mîme lîbe unglîch: mîn lîp ist arm, mîn herze rîch. ist mir getroumet mîn lebn? ode wer hât mich her gegebn sô rehte ungetânen? ich möhte mich wol ânen rîterlîches muotes: 10 lîbes unde guotes der gebrist mir beider.’ als er diu vrischen cleider einhalp bî im ligen sach, des wuudert in, unde sprach ‘ditz sint cleider der ich gnuoc in mîme troume dicke truoc. ichn sihe hie niemen des sî sîn: ich bedarf ir wol: nû sints ouch mîn. nû waz ob disiu sam tuont? 20 sît daz mir ê sô wol stuont in mîme troume rîch gewant.’ alsus cleiter sich zehant. als er bedahte de swarzen lîch, dô wart er eime rîter glîch. Nu ersach diu juncvrouwe daz daz er unlasterlichen saz: sî saz in guoter kündekheit ûf ir pferit unde reit, als sî dâ vür wære gesant und vuorte ein pfert an der hant. weder si ensach dar noch ensprach. dô er sî vür sich rîten sach, 10 dô wærer ûf gesprungen, wan daz er was bedwungen mit selher siecheite daz er sô wol gereite niht ûf mohte gestân sô er gerne hete getân, unde rief ir hin nâch. dô tete sî als ir wære gâch und niht umb sîn geverte kunt, unz er ir rief anderstunt. 20 dô kêrte sî sâ unde antwurt ime dâ. sî sprach ‘wer ruofet mir? wer?’ er sprach ‘vrouwe, kêret her.’ sî sprach ‘herre, daz sî.’ sî reit dar, gehabt im bî. sî sprach ‘gebietet über mich: swaz ir gebietet, daz tuon ich,’ und vrâget in der mære wie er dar komen wære. Dô sprach her Îwein als ez ouch wol an im schein ‘dâ hân ich mich hie vunden des lîbes ungesunden. ichn kan iu des gesagen niht welch wunders geschiht mich dâ her hât getragen: 10 wan daz kan ich iu wol gesagen daz ich hie ungerne bin. nû vüeret mich mit iu hin: sô handelt ir mich harte wol, und gedienez immer als ich sol.’ ‘rîter, daz sî getân. ich wil mîn reise durch iuch lân: mich het mîn vrouwe gesant. diu ist ouch vrouwe über ditz lant: zuo der vüer ich iuch mit mir. 20 ich râte iu wol daz ir geruot nâch iuwer arbeit.’ sus saz er ûf unde reit. Nû vuorte sî in mit ir dan zuo ir vrouwen. diu nie man alsô gerne gesach. man schuof im guoten gemach von cleidern spîse unde bade, unz daz im aller sîn schade harte lützel an schein. hie het her Îwein sîne nôt überwunden unde guoten wirt vunden.

Die Härte, mit der Lunete den guten Ritter schmähte, ihr rasches Zurückkehren, der jähe Sturz all’ seiner Ehren, dann dass sie also von ihm schied und weder ihn tröstet’ noch ihm rieth: die grimme Kränkung und Schmach, also sie ihm die Treu absprach, 10 die verspätete Reue und die grosse Treue seines festen Muthes; der Verlust des Gutes, die Sehnsucht nach dem Weibe, die nahmen seinem Leibe beides, die Freude und den Sinn. Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin, er möchte von aller Welt getrennt, hinausziehn, wo ihn keiner kennt. 20 Und niemand hörte Märe, wohin er kommen wäre. Da ward er sich selber verhasst, denn seines Vergehens Last mochte kein Andrer für ihn tragen; sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen. Von allem Äussern abgelenkt brütet er ganz in sich versenkt, und als ihn Niemand ersah, schweigend stahl er sich da, bis fern vom Lager und Gezelt er hatt’ erreicht das freie Feld. Da wurden die Schmerzen ihm so gross, dass in das Hirn ihm schoss ein Rasen und tobende Sucht; 10 da brach er alle Sitt’ und Zucht, ab zerrt’ er sein Gewand, dass er bloss ward wie eine Hand. So lief er übers Gefilde nackt hinaus und suchte die Wilde. Als die Jungfrau sich heimgewandt, viel Kummer der König da empfand über Herr Iweins Schwere. Er fragte, wo er wäre; denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn, 20 und befahl nach ihm zu gehn. Und als ihn Niemand sah, viel sehr vergeblich blieb es da, wie man ihn sucht’ und nach ihm rief, während er in den Wald entlief. Er war ein Degen kühn bewährt, in seiner Fassung nie gestört, und wie mannhaft er immer war, und wie unwandelbar in seinem Leben und Sinne, doch bewältigt’ ihn Frau Minne, dass ihm ein schwaches Weib Seele verkehrt’ und Leib. Er, den man sonst recht als Demant aller Rittertugend erfand, lief nun umher gar balde als ein Verrückter im Walde. Nun wollte Gott der Gute, 10 der ihn aus seiner Hute nicht völlig entliess, für ihn das thun, dass er ihm zuschickt einen Garzun, der einen guten Bogen trug; den nahm er ihm ab, und Pfeile genug. Als der Hunger ihn nicht liess ruhn, da that er, wie die Tollen thun; kein andres Wissen ist ihnen kund als allein um ihren Mund. Er traf ausbündig scharf und wohl; 20 auch war die Waldung Wildes voll, und wo ihm das erschien als Ziel, da schoss er aus der Massen viel. Auch musst’ er selbst es fangen und ohne Bracken erlangen: dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz, weder Pfeffer noch Salz; seine Brühe war die Hungersnoth, die alles ihm briet und sott, und süsse Speise bereiten lehrt; also hat er dem Hunger gewehrt. Solches Lebens er lange pflag. Da lief er an einem mitten Tag zu einem neuen Gereute. Da fand er nicht mehr Leute als einen einzigen Mann; 10 derselbe sah ihm das wohl an, er sei der Sinne nicht mächtig: drum flüchtet’ er sich bedächtig nah bei in seine Klause hinein. Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein, und verriegelte schnell die Thür: da stellt der Tolle sich dafür. Der däucht dem Siedler allzugross: er dachte: thut er einen Stoss, so wird er die Thür ausheben 20 und vergreift sich an meinem Leben. Ich Armer, wie errett’ ich mich? Zu allerletzt besann er sich: ‘ich will ihm meines Brodes geben, so lässt er vielleicht mich am Leben.’ Ein Fenster hatt’ er in der Wand, dadurch streckt’ er die Hand und legt auf ein Brett ihm ein Brod, das stillt’ ihm des Hungers Noth; während ihm sonst, das mag Gott wissen, nicht hätte genügt so schmaler Bissen. Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?— Er ass das Brod und trank dazu eines Wassers, das er fand, in einem Eimer an der Wand, und leert’ ihn aus auf einen Zug. Der Einsiedel grosse Angst da trug, er flehte zu Gott viel sehr, 10 dass er in Zukunft ihn nicht mehr heimsuche mit solchem Gast; denn er hatte noch nicht gefasst, wie’s mit dem Ritter sei bewandt. Nun zeigt ihm der Tolle zuhand, dass ein Verrückter und ein Kind gar lenksam zu gewöhnen sind. Er war noch just so weise, dass er wegen der Speise wieder hinkam nach zween Tagen, 20 und bracht’ ein Reh getragen, das warf er hin vor die Thür. Das machte, dass ihm der Seidler hinfür desto williglicher bot sein Wasser und sein Brot; er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr, sorgt’ besser für ihn als vorher, und hielt’s ihm ferner so bereit. Auch vergalt ihm jener die Müh allzeit mit seinem Wilde, das er fieng. Das ward, so gut es eben gieng, gebraten bei dem Feuer: nur war der Pfeffer da theuer, das Salz und auch der Essig. Später war er nicht lässig, 10 dass er zum Markt die Häute trug, und kauft’ ihnen beiden genug, was ihnen zum Leben war noth, Salz und besseres Brot. So weilte der Unweise im Wald mit solcher Speise, bis endlich der edle Thor gebräunt ward wie ein Mohr an seinem ganzen Leibe. Wenn ihm von theuerm Weibe 20 viel Liebes sonst geschach, wenn er an hundert Speere brach, und Feuer aus den Helmen schlug, mit Mannheit aus dem Kampfe trug viel oft sich Dank und Preise, wenn er einst höfisch war und weise, edlen Gemüths und reich: dem ist er nun viel wenig gleich. Jetzt lief er ledig beider der Sinne wie der Kleider, 30 bis einst zu seiner Stunden schlafend ihn hatten gefunden drei Frauen, wo er lag. Es war um einen mitten Tag, nah in guter Masse im Felde von der Strasse auf der sie geritten waren. Kaum mocht’ ihn da gewahren die eine Fraue von den Drein, da hielt sie gleich den Zelter ein, stieg ab und sah ihn emsig an. 10 Nun wusste die Kunde Jedermann, wie er verloren wäre; das war eine gänge Märe von seinen Leiden und Thaten; drum hatte sie gleich auf ihn gerathen. Doch war’s ihr noch nicht völlig klar: da nahm sie endlich an ihm wahr eine Narbe breit, die seit langer Zeit an dem Ritter war bekannt, 20 und nannt’ ihn mit Namen zuhand. Sie sprach alsbald zu den Zwein: ‘Frauen, lebt Herr Iwein, so liegt er ohne Zweifel hie, oder ich sah ihn noch nie.’ Ihr höfischer Sinn und ihre Güte betrübten ihr Gemüthe, dass sie vor grossen Schmerzen und aus viel treuem Herzen viel sehr zu weinen begann, 30 dass einem also werthen Mann solch Elend sollte geschehn, und er so schmachvoll ward gesehn. Es war die Eine dieser Drei Gebieterin über die andern Zwei. Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen: ‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen, dass er den Sinn verloren. Von edlerem Blut geboren mag nimmer ein Ritter sein, als mein Herr Iwein, den wir hier sehn so elend leben. 10 Ihm ward ein Zaubertrank gegeben, oder es ist durch Minne gekommen, dass ihm der Sinn benommen. Und weiss ich so sicher als meinen Tod, dass ihr alle eure Noth, die euch straflos und ungescheut der Graf Aliers so lange dräut und noch zu bringen sich rüstet, alsbalde hättet gefristet, wenn dieser Ritter würde gesund. 20 Mir ist seine Mannheit völlig kund. Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt, er hätt’ euch gleich den Feind gefällt, und sollt ihr jemals Rettung finden, er kann allein sichs unterwinden.’ Die Fraue war des Trostes froh. Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so, dass sie den Sitz im Hirne hat, so weiss ich für ihn viel guten Rath; denn eine Salbe hab’ ich stehn, die von Morganen, der weisen Feen, bereitet ward mit eigner Hand. Um die nun ist es so bewandt, dass wo an Hirnsucht einer litt, wurd’ er bestrichen damit, 10 so ward er gleich zur Stund’ hergestellt und gesund.’ So hielten sie Rath zur Stelle, und ritten sofort und schnelle nach der Salbe alle Drei: denn ihr Haus lag nahe dabei, kaum weiter als einer Meilen; dann ward ohne Verweilen die Jungfrau wieder zurückgesandt, die ihn schlafend allda noch fand. 20 Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben, als sie ihr mitgegeben die Büchse mit der Salben, dass sie ihn allenthalben nicht solle bestreichen damit; nur wo er die Entzündung litt, da hiess sie den Balsam streichen, so werde die Sucht entweichen, und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei. Nicht mehr als eben genügend sei solle sie verwenden allhie: und ausdrücklich verlangte sie, dass sie den Rest ihr trage zurück, der sei vielleicht noch Vielen zum Glück. Auch sandte sie mit ihr hindann frische Kleider, Sayett in Gran und feine Leingewande zwei, Schuh und Hosen von wollnem Sey. 10 Nun ritt sie also balde, dass sie ihn in dem Walde annoch schlafend da fand, und zog ein Pferd an der Hand, das viel sanft und eben trug (auch war der Zaum ihm reich genug, Sattel und Zeug von reinem Golde), dass er hinreiten sollte, wenn Gott ihr dass gewährte und ihr Gebet erhörte. 20 Als sie ihn liegen sah wie zuvor, keinen Augenblick sie da verlor; sie heftet’ an einem der Äste der Rosse Zügel feste, und schlich zu ihm heran so sacht, dass er mit nichten erwacht; Mit der viel edlen Salben bestrich sie ihn allenthalben über das Haupt und die Füsse. Ihr Wille war ihm viel hold und süsse, dass sie also lange rieb, bis nichts mehr in der Büchsen blieb. Da hatt’ es keine Noth, dass man ihr’s so strenge verbot; denn wie sie’s für ihn im Willen trug, däucht’ ihr alles noch nicht genug, 10 und wär’ es sechsmal mehr gewesen: so gerne sah sie ihn genesen. Als sie die Salbe verstrichen, viel schnelle war sie drauf entwichen, weil sie das wohl erkannte, wie sehr Erröthen und Schande einem edlen Manne wehe thut. Drum barg sie sich in höfischem Muth, dass sie ihn sah und er sie nicht. Sie gedachte, ‘wenn das geschicht, 20 dass er erwacht und kommt zu Sinnen, und wird hiernach des innen, dass ich ihn also nackt gesehn, so ist viel übel mir geschehn; denn das beschämt ihn so sehr, dass er nich nimmermehr mit Willen hernach ansicht.’ Also zeigte sie sich nicht, bis ihn die Salbe ganz durchdrungen und seinen irren Sinn bezwungen. Auf richtet’ er sich alsbald, und als er schaut’ seine eigne Gestalt, und sich so schwarz und schrecklich sah, zu sich selber sprach er da: ‘Bist du Iwein? oder wer? Hab’ ich geschlafen bisher? 10 Weh, o weh mir, und ach! Wär’ ich lieber noch nicht wach! Denn im Traum ward mir gegeben ein viel reiches Heldenleben. Hei, was ich hoher Ehren pflag, während ich schlafend lag! Mir träumte gewalt’ge Rittertugend, ich hatte edle Geburt und Jugend, ich war schön von Gestalt und reich, und diesem Leibe viel ungleich; 20 ich war höfisch und weise, und hatte viel manche harte Preise durch meinen Ritterdienst erjagt, wenn mir der Traum nicht Lügen sagt. Ich erkämpfte, was ich begehrte, mit Speer mir und mit Schwerte; ich allein gewann mit meiner Hand eine schöne Frau, ein reiches Land; und leider, wenn mir recht geträumt, hab’ ich gar bald sie dann versäumt, als der König Artus war gekommen und hatte mich von ihr genommen. Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund, wie mir’s in meinem Traume scheint; 10 sie gab mir Urlaub auf ein Jahr— ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!— Da blieb ich länger ohne Noth, bis sie mir ihren Zorn entbot, und träumte da gar schwer und wilde; aus all dem wirren Wahngebilde bin ich jetzt eben erwacht. Mich hatte mein Schlaf gemacht zu einen reichen Herrn! alle Noth ja lag mir fern; 20 wär’ ich in solchen Ehren begraben! Er wollte mich nur zum Narren haben; wer da glaubt an Träume, dem werden sie eitel Schäume. Traum, wie so wunderlich du bist! Reichthum schaffst du in kurzer Frist einem der also ärmlich lebt, der nie nach hohen Ehren gestrebt. Wenn er dann erwacht, so hast du ihn gemacht zu einem Thoren wie mich. Und dennoch mein’ ich festiglich, 10 wie rauh ich sei und bauernhaft, fasst’ ich nur eines Speeres Schaft und wäre gewappnet und beritten, ich könnte nach ritterlichen Sitten ebenso wohl gebahren, als Alle, die jemals Ritter waren.’ So fremd geworden war er sich, dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich; und was er als Ritter errungen, all’ seine Züg’ und Wanderungen, 20 dies Alles, sagt’ er sich nunmehr, sei von ihm nur geträumt vorher. Er sprach: ‘Mich hat gelehret mein Traum, ich wäre geehret, könnt’ ich zu Waffen kommen. Er hat mir meinen Stand genommen; denn ob ich ein armer Bauer bin, kämpft und turniert mein ganzer Sinn. Mein Herz ist meinem Leib ungleich, mein Leib ist arm, mein Herze reich. War denn ein Traum mein ganzes Leben? Oder wer hat mir gegeben solche Hässlichkeit und Ungestalt? Ich ahne die volle Kraft und Gewalt ritterlichen Muthes; 10 zwar an Schönheit und Fülle des Gutes fehlt es durchaus mir leider!’ Als er die frischen Kleider zur einen Seite ihm liegen sach, wundert’ ihn das und er sprach: ‘Dies sind Kleider, wie ich genug sie oft in meinem Traume trug; ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein? Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein. Ob ich sie wohl auch tragen kann? 20 Denn vormals stand mir herrlich an in meinem Traume reich Gewand.’ Also kleidet er sich zuhand, und als er bedeckt die schwarzen Glieder, da glich er einem Ritter wieder. Nun ersah die Jungfrau das, wie er ehrbar und ohne Tadel sass. Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinn und reitet ihres Weges hin, als sei sie eben vorausgesandt, und führt’ einen Zelter an der Hand. Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn. Als er gradaus sie sah ziehn, 10 da wär’ er aufgesprungen, dafern ihn nicht bezwungen jene selbige Schwachheit, also dass er so schnell bereit nicht vom Boden sich rafft, als fühlt’ er noch die alte Kraft, und rief ihr nach eine gute Weil. Sie aber that, als habe sie Eil’, und acht’ auf den Wandrer nicht, bis dass er nochmals zu ihr spricht; 20 da machte sie Halt, und gab ihm Antwort alsobald. Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’ Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’ Sie sprach: ‘Herre, ich will.’ So wendet sie, und hält still und spricht: ‘Gebietet über mich, was ihr wünschet, das thue ich;’ und fraget ihn die Märe, wie er dahin kommen wäre? Da sprach Herr Iwein (wie er des wohl trug den Schein): ‘Ich fand erkrankt und matt hier im Wald eine Ruhestatt. Noch kann ich euch nicht berichten, durch was für Wundergeschichten ich ward hieher getragen; 10 doch mag ich das wohl sagen, dass ich ungern hier bin: Fraue, führt mich mit euch hin, so behandelt ihr mich gar liebevoll, und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’ ‘Ritter, das sei euch zugesagt und meine Fahrt für euch vertagt. Mich hatte meine Frau gesandt, die ist auch Herrin über dies Land; zu der führ’ ich euch mit mir, 20 Ich verhelf’ euch wohl, dass ihr ausruht nach euerm Ungemach.’ So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach. Nun führte sie ihn hindann zu ihrer Frau, der nie ein Mann also willkommen war. Man schuf ihm gute Pfleg’ alldar an Kleidern, Speisen und Baden, bis dass all’ sein Schaden kaum noch an ihm erschien. Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’n und Drangsal überwunden, und gute Wirthin funden.

W. GRAF VON BAUDISSIN.

GOTTFRIED VON STRASSBURG.

[Scherer, D. 166, E. 157.]

Meister Gottfried war bürgerlichen Standes, erhielt eine gelehrte Erziehung, dichtete nach französischer Quelle den ‘Tristan’ gegen 1210. Das Gedicht ward nicht von ihm vollendet und später von Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg fortgesetzt. Herausgegeben von von der Hagen (Breslau 1823), Massmann (Leipzig 1843), Bechstein (Leipzig 1869). Übersetzungen von Simrock, Kurtz, Hertz (Stuttgart 1877).

1. EINLEITUNG.

Ich hân mir eine unmüezekeit der werlt ze liebe vür geleit und edelen herzen zeiner hage, den herzen, den ich herze trage, der werlde, in die mîn herze siht. 10 ich meine ir aller werlde niht als die, von der ich hœre sagen, diu deheine swære müge getragen und niwan in fröuden welle sweben: die lâze ouch got mit fröuden leben! Der werlde und diseme lebene enkumt mîn rede niht ebene: ir leben und mînez zweient sich. ein ander werlt die meine ich, diu sament in einem herzen treit ir süeze sûr, ir liebez leit, ir herzeliep, ir senede nôt, ir liebez leben, ir leiden tôt, ir lieben tôt, ir leidez leben: dem lebene sî mîn leben ergeben, 10 der werlde wil ich gewerldet wesen, mit ir verderben oder genesen. ich bin mit ir biz her beliben und hân mit ir die tage vertriben, die mir ûf nâhe gêndem leben lêr unde geleite solten geben: der hân ich mîne unmüezekeit ze kurzewîle vür geleit, daz sî mit mînem mære ir nâhe gênde swære 20 ze halber senfte bringe, ir nôt dâ mit geringe. wan swer des iht vor ougen hât, dâ mite der muot zunmuoze gât, daz entsorget sorgehaften muot, daz ist ze herzesorgen guot. ir aller volge diu ist dar an: swâ sô der müezige man mit senedem schaden sî überladen, dâ mêre muoze seneden schaden. bî senedem leide müezekeit, dâ wahset iemer senede leit. durch daz ist guot, swer herzeklage und senede nôt ze herzen trage, daz er mit allem ruoche dem lîbe unmuoze suoche: dâ mite sô müezeget der muot und ist dem muote ein michel guot; 10 und gerâte ich niemer doch dar an, daz iemer liebe gernde man deheine solhe unmuoze im neme, diu reiner liebe missezeme: ein senelîchez mære daz trîbe ein senedære mit herzen und mit munde und senfte sô die stunde. Nu ist aber einer jehe vil, der ich vil nâch gevolgen wil: 20 der senede muot, sô der ie mê mit seneden mæren umbe gê, sô sîner swære ie mêre sî. der selben jehe der stüende ich bî, wan ein dinc daz mir widerstât: swer inneclîche liebe hât, doch ez im wê von herzen tuo, daz herze stêt doch ie dar zuo. der inneclîche minnenmuot, sô der in sîner senegluot ie mêre und mêre brinnet, sô er ie sêrer minnet. diz leit ist liebes alse vol, daz übel daz tuot sô herzewol daz es kein edele herze enbirt, sît ez hie von geherzet wirt. 10 ich weiz ez wârez alse den tôt und erkenne ez bî der selben nôt: der edele senedære der minnet senediu mære. von diu swer seneder mære ger, derne var niht verrer danne her: ich wil in wol bemæren von edelen senedæren die reine sene wol tâten schîn: ein senedære, ein senedærîn, 20 ein man ein wîp, ein wîp ein man, Tristan Îsot, Îsot Tristan. Ich weiz wol, ir ist vil gewesen, die von Tristande hânt gelesen; und ist ir doch niht vil gewesen, die von im rehte haben gelesen Tuon aber ich diu gelîche nuo und schephe mîniu wort dar zuo daz mir ir iegelîches sage von disem mære missehage, sô wirbe ich anders danne ich sol. ich entuon es niht: si sprâchen wol und niwan ûz edelem muote mir unde der werlt ze guote. benamen sie tâten ez in guot: 10 und swaz der man in guot getuot, daz ist ouch guot und wol getân, aber als ich gesprochen hân, daz sî niht rehte haben gelesen, daz ist, als ich iu sage, gewesen: sine sprâchen in der rihte niht, als Thômas von Britanje giht, der âventiure meister was und an britûnschen buochen las aller der lanthêrren leben 20 und ez uns ze künde hât gegeben. Als der von Tristande seit, die rihte und die wârheit begunde ich sêre suochen in beider hande buochen walschen und latînen, und begunde mich des pînen, daz ich in sîner rihte rihte dise tihte. sus treip ich manege suoche, unz ich an einem buoche alle sîne jehe gelas, wie dirre âventiure was. waz aber mîn lesen dô wære 10 von disem senemære, daz lege ich mîner willekür allen edelen herzen vür, daz sî dâ mite unmüezic wesen: ez ist in sêre guot gelesen. guot? jâ, inneclîche guot: ez liebet liebe und edelt muot, ez stætet triuwe und tugendet leben, ez kan wol lebene tugende geben; wan swâ man hœret oder list 20 daz von sô reinen triuwen ist, dâ liebent dem getriuwen man triuwe und ander tugende van: liebe, triuwe, stæter muot, êre und ander manic guot daz geliebet niemer anderswâ sô sêre noch sô wol sô dâ, dâ man von herzeliebe saget und herzeleit ûz liebe klaget. lieb ist ein alsô sælec dinc, 30 ein alsô sæleclîch gerinc, daz niemen âne ir lêre noch tugende hât noch ere. sô manec wert leben, sô liebe frumet, sô vil sô tugende von ir kumet, owê daz allez, daz der lebet, nâch herzeliebe niene strebet, daz ich sô lützel vinde der, die lûterlîche herzeger durch friunt ze herzen wellen tragen 10 niwan durch daz vil arme klagen, daz hie bî zetelîcher zît verborgen in dem herzen lît. War umbe enlite ein edeler muot niht gerne ein übel durch tûsent guot, durch manege fröude ein ungemach? swem nie von liebe leit geschach, dem geschach ouch liep von liebe nie. liep unde leit diu wâren ie an minnen ungescheiden. 20 man muoz mit disen beiden êr unde lop erwerben oder âne sî verderben. von den diz senemære seit, und hæten die durch liebe leit, durch herzewunne senedez klagen in einem herzen niht getragen, sone wære ir name und ir geschiht sô manegem edelen herzen niht ze sælden noch ze liebe komen. uns ist noch hiute liep vernomen, süeze und iemer niuwe ir inneclîchiu triuwe, ir liep ir leit, ir wunne ir nôt, al eine und sîn si lange tôt, 10 ir süezer name der lebet iedoch, und sol ir tôt der werlde noch ze guote lange und iemer leben, den triuwe gernden triuwe geben, den êre gernden êre: ir tôt muoz iemer mêre uns lebenden leben und niuwe wesen; wan swâ man noch gehœret lesen ir triuwe, ir triuwen reinekeit, ir herzeliep, ir herzeleit: 20 Deist aller edelen herzen brôt. hie mite sô lebet ir beider tôt. wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt, und ist uns daz süez alse brôt. Ir leben, ir tôt sint unser brôt. sus lebet ir leben, sus lebet ir tôt. sus lebent si noch und sint doch tôt, und ist ir tôt der lebenden brôt. Und swer nu ger daz man im sage ir leben ir tôt, ir fröude ir klage, der biete herze und ôren her: er vindet alle sîne ger.

Ich hab ein neues Thun mir jetzt der Welt zu Liebe vorgesetzt und edeln Herzen zum Genuss, den Herzen, die ich lieben muss, der Welt, die meinem Sinn gefällt: 10 nicht mein’ ich aller Andern Welt, die Welt, von der ich höre sagen, dass sie kein Mühsal möge tragen und nur in Freuden wolle schweben; die lass auch Gott in Freuden leben! Der Welt und solchem Leben scheint mein Gedicht uneben. Solch Leben ist nicht meine Welt, eine andre Welt mir wohlgefällt: die zusammen hegt in einer Brust das süsse Leid, die bittre Lust, das Herzensglück, die bange Noth, das sel’ge Leben, leiden Tod, den leiden Tod, das sel’ge Leben. Dem Leben hab ich meins ergeben, 10 der Welt will ich ein Weltkind sein, mit ihr verderben und gedeihn. Bei ihr bin ich bisher geblieben, mit ihr hab ich die Zeit vertrieben, die mir in vielbedrängtem Leben Geleit und Lehre sollte geben. Der hab ich Thun und Thätigkeit zu ihrem Zeitvertreib geweiht, dass sie durch meine Märe, welch Leid sie auch beschwere, 20 zu halber Lindrung bringe, ihre Noth damit bezwinge; denn hat man des zuweilen Acht, was uns die Weile kürzer macht, das entbürdet bürdeschweren Muth, das ist für Herzenssorgen gut. Es zweifelt Niemand daran: wenn der müssige Mann mit Liebesschaden ist beladen, so mehrt die Musse Liebesschaden; bei Liebesleiden Müssigkeit, so wächst nur noch der Liebe Leid. Drum rath ich, trägt wer Schmerzen und Liebesleid im Herzen, so widm’ er sich mit Kräften zerstreuenden Geschäften, damit das Herz in Musse ruht: das ist dem Herzen herzlich gut. 10 Doch ist es nimmer wohlgethan, wenn ein liebesiecher Mann sich solchen Zeitvertreib erkührt, der reiner Liebe nicht gebührt: mit edeln Liebeskunden versüss’ er seine Stunden, die mag ein Minner minnen mit Herzen und mit Sinnen. Noch hört man eine Rede viel, die ich nicht ganz verwerfen will: 20 je mehr ein Herz, das Liebe plage, sich mit Liebesmären trage, je mehr gefährd’ es seine Ruh. Der Rede stimmt’ ich gerne zu, wär eins nicht, das mir Zweifel regt: wer innigliche Liebe hegt, dass er im Herzen Schmerzen spürt, der bleibt von Schmerz nicht unberührt. Der innigliche Liebesmuth, je mehr in seines Triebes Glut der brennt und liebend lodert, je mehr er Liebe fodert. Dies Leiden ist so voll der Lust, dies Übel thut so wohl der Brust, dass es kein edles Herz entbehrt, weil dies erst Muth und Herz gewährt. 10 Mir ist gewisser nicht der Tod, nicht sicherer die letzte Noth, fühlt Einer Liebeswunden, so liebt er Liebeskunden. Wer solcher Mären trägt Begier, der hat nicht weiter als zu mir. Ich weiss ihm wohl ein Märchen, ein edles Liebespärchen, das reiner Lieb’ ergab den Sinn: ein Minner, eine Minnerin, 20 ein Mann ein Weib, ein Weib ein Mann, Tristan Isold, Isold Tristan. Ich weiss wohl, Mancher ist gewesen, der schon von Tristan hat gelesen; und doch, nicht Mancher ist gewesen, der recht noch hat von ihm gelesen. Tret ich nun aber hin sofort und sprech ein scharfes Richterwort, als wolle mir ihr Aller Sagen von dieser Märe nicht behagen, so thu ich anders, als ich soll; ich thu es nicht: sie sprachen wohl und nur aus edelm Muthe, wir und der Welt zu Gute. Bei meiner Treu, sie meintens gut, 10 und was der Mann in Güte thut, das ist auch gut und wohlgethan. Und stellt’ ich doch das Wort voran, als hätten sie nicht recht gelesen, damit ists so bewandt gewesen: sie sprachen in der Weise nicht, wie Thomas von Britannien spricht, der sich auf Mären wohl verstand und in britannschen Büchern fand all dieser Landesherren Leben, 20 davon er Kund uns hat gegeben. Was der von Tristans Lebensfahrt uns Zuverlässges hat bewahrt, das war ich lang beflissen aus Büchern zu wissen, lateinischen und wälschen, damit ich ohne Fälschen nach seinem Berichte berichte die Geschichte. So sucht’ ich denn und suchte lang, bis mir des Buches Fund gelang, darin all seine Meldung stand, wie es um Tristan war bewandt. Was ich nun so gefunden 10 von diesen Liebeskunden, leg ich nach freier Wahl und Kür allen edeln Herzen für, dass sie durch Zeitvertreib genesen: es ist sehr gut für sie zu lesen. Gut? Ja ohne Zweifel gut: es süsst die Liebe, höht den Muth, befestigt Treu, verschönt das Leben, es kann dem Leben Werth wohl geben; denn wo man höret oder liest, 20 dass reiner Treu ein Paar geniesst, das weckt in treuen Mannes Brust zu Treu und aller Tugend Lust. Liebe, Treue, stäter Muth, Ehr’ und noch manches hohe Gut gehn dem Herzen nie so nah, gefallen nie ihm so wie da, wo man von Herzensliebe sagt und Herzeleid um Liebe klagt. Lieb’ ist so reich an Seligkeit, 30 so selig macht ihr Glück, ihr Leid, dass ohne ihre Lehre Niemand Tugend hat noch Ehre. So viel die Liebe Gutes frommt, so manche Tugend von ihr kommt, weh, dass doch Alles, was da lebt, nicht nach Herzensliebe strebt; dass ich so Wenige noch fand, die im Herzen lautern Brand um Herzensfreunde wollen tragen 10 und einzig um das Bischen Klagen, das dabei zu mancher Stund verborgen liegt im Herzensgrund! Wie litte nicht ein edler Sinn ein Übel für so viel Gewinn, ein Ungemach um so viel Lust? Wer nie von Liebesleid gewusst, wusst’ auch von Liebesfreude nie. Freud und Leid, stäts waren die bei Minne nicht zu scheiden. 20 Man muss mit diesen beiden Ehr und Lob erwerben, oder ohne sie verderben. Die, welchen ich dies Buch geweiht, hätten die um Liebe Leid, um Herzenswonne sehnlich Klagen vereint im Herzen nicht getragen, so würd ihr Nam und dies Gedicht so manchem edeln Herzen nicht zu Trost und Freude frommen. Noch heut wird gern vernommen, noch dünkt uns ewig süss und neu ihre minnigliche Treu, ihr Glück und Leid, ihre Wonn und Noth; und sind sie nun auch lange todt, 10 so lebt ihr süsser Name doch, und soll ihr Tod den Leuten noch zu Gute lang und ewig leben, den Treubegiergen Treue geben, den Ehrbegiergen Ehre. Ihr frühes Sterben währe und leb uns Lebenden immer neu; denn wo man liest von ihrer Treu und ihrer reinen Stätigkeit, ihrem Herzensglück, ihrem Herzeleid: 20 Das ist der edeln Herzen Brot, hiermit so lebt der Beiden Tod. Man liest ihr Leben, ihren Tod, und ist uns das so süss wie Brot. Ihr Tod, ihr Leben ist uns Brot, so lebt ihr Leben, lebt ihr Tod. Sie leben noch, sind sie auch todt, und ist ihr Tod uns Lebensbrot. Und wer nun will, dass man ihm sage ihr Leben, Sterben, Glück und Klage, der biete Herz und Ohren her, so wird erfüllt all sein Begehr.

2. TRISTANS SCHWERTLEITE.

Sit die gesellen sint bereit mit bescheidenlîcher rîcheit, wie gevâhe ich nû mîn sprechen an, 10 daz ich den werden houbetman Tristanden sô bereite ze sîner swertleite, daz man ez gerne verneme und an dem mære wol gezeme? ine weiz, waz ich dâ von gesage, daz iu gelîche und iu behage und schône an disem mære stê. wan bî mînen tagen und ê 20 hât man sô rehte wol geseit von ritterlîcher werdekeit, von rîchem geræte, ob ich der sinne hæte zwelve, der ich einen hân, mit den ich umbe solte gân, und wære daz gefüege, daz ich zwelf zungen trüege in mîn eines munde, der iegelîchiu kunde sprechen, alse ich sprechen kan, ine weste, wie gevâhen an, daz ich von rîcheite sô guotes iht geseite, mane hæte baz dâ von geseit. ja ritterlîchiu zierheit 10 diu ist sô manege wîs beschriben und ist mit rede alsô zetriben daz ich niht kan gereden dar abe, dâ von kein herze fröude habe. Hartman der Ouwære, ahî, wie der diu mære beid’ ûzen unde innen mit worten und mit sinnen durchvärwet und durchzieret! wie er mit rede figieret 20 der âventiure meine! wie lûter und wie reine sîn kristallîniu wortelîn beidiu sint und iemer müezen sîn! si koment den man mit siten an, si tuont sich nâhe zuo dem man und liebent rehtem muote. swer guote rede ze guote und ouch ze rehte kan verstân, der muoz dem Ouwære lân sîn schapel unde sîn lôrzwî. swer nû des hasen geselle sî und ûf der wortheide hôchsprünge und wîtweide mit bickelworten welle sîn und ûf daz lôrschapelekîn wân âne volge welle hân, der lâze uns bî dem wâne stân, wir wellen an der kür ouch wesen: 10 wir, die die bluomen helfen lesen, mit den daz selbe loberîs underflohten ist in bluomen wîs, wir wellen wizzen, wes er ger: wan swer es ger, der springe her und stecke sîne bluomen dar. sô nemen wir an den bluomen war, op sî sô wol dar an gezemen, daz wirz dem Ouwære nemen und geben ime daz lôrzwî. 20 sit aber noch niemen komen sî, der ez billîcher süle hân, sô helfe iu got, sô lâze wirz stân. wirn suln ez niemen lâzen tragen, sîniu wort ensîn vil wol getwagen, sîn rede ensî ebene unde sleht, op iemen schône unde ûfreht mit ebenen sinnen dar getrabe, daz er dar über iht besnabe. vindære wilder mære, der mære wildenære, die mit den ketenen liegent und stumpfe sinne triegent, 10 die golt von swachen sachen den kinden kunnen machen und ûz der bühsen giezen stoubîne mergriezen: die bernt uns mit dem stocke schate, niht mit dem grüenen meienblate, mit zwîgen noch mit esten. ir schate der tuot den gesten vil selten in den ougen wol. op man der wârheit jehen sol, 20 dane gât niht guotes muotes van, dane lît niht herzelustes an. ir rede ist niht alsô gevar, daz edele herze iht lache dar. die selben wildenære si müezen tiutære mit ir mæren lâzen gân: wir enmugen ir dâ nâch niht verstân, als man si hœret unde siht; sone hân wir ouch der muoze niht, daz wir die glôse suochen in den swarzen buochen. Noch ist der värwære mêr: von Steinahe Blikêr diu sîniu wort sint lussam. si worhten frouwen an der ram 10 von golde und ouch von sîden, man möhtes undersnîden mit kriecheschen borten. er hât den wunsch von worten: sînen sin den reinen, ich wæne daz in feinen ze wundere haben gespunnen und haben in in ir brunnen geliutert unde gereinet: er ist benamen gefeinet. 20 sîn zunge, diu die harphen treit, diu hât zwô volle Sælekeit: daz sint diu wort, daz ist der sin: diu zwei diu harphent under in ir mære in fremedem prîse. der selbe wortwîse, nemet war, wie der hier under an dem umbehange wunder mit spæher rede entwirfet; wie er diu mezzer wirfet mit behendeclîchen rîmen. wie kan er rîme lîmen, als ob si dâ gewahsen sîn! ez ist noch der geloube mîn, daz er buoch unde buochstabe vür vedern an gebunden habe; 10 wan welt ir sîn nemen war, sîn wort diu sweiment alse der ar. Wen mac ich nû mêr ûz gelesen? ir ist und ist genuoc gewesen vil sinnec und vil rederîch. von Veldeken Heinrîch der sprach ûz vollen sinnen: wie wol sanc er von minnen! wie schône er sînen sin besneit! ich wæne, er sîne wîsheit 20 ûz Pegases urspringe nam, von dem diu wîsheit elliu kam. ine hân sîn selbe niht gesehen; nu hœre ich aber die besten jehen, die dô bî sînen jâren und sît her meister wâren, die selben gebent im einen prîs, er impete daz êrste rîs in tiutescher zungen: dâ von sît este ersprungen, von den die bluomen kâmen, dâ sî die spæhe ûz nâmen der meisterlîchen fünde; und ist diu selbe künde sô wîten gebreitet, 10 sô manege wîs geleitet, daz alle, die nu sprechent, daz die den wunsch dâ brechent von bluomen und von rîsen an worten unde an wîsen. Der nahtegalen der ist vil, von den ich nû niht sprechen wil: sine hœrent niht ze dirre schar. dur daz sprich’ ich niht anders dar, wan daz ich iemer sprechen sol: 20 si kunnen alle ir ambet wol und singent wol ze prîse ir süeze sumerwîse; ir stimme ist lûter unde guot, si gebent der werlde hôhen muot und tuont reht in dem herzen wol. diu werlt diu wære unruoches vol und lebete rehte als âne ir danc, wan der vil liebe vogelsanc: der ermant vil dicke den man, der ie ze liebe muot gewan, beidiu liebes und guotes und maneger hande muotes, der edelen herzen sanfte tuot. ez wecket friuntlîchen muot. hie von kumt inneclîch gedanc, sô der vil liebe vogelsanc der werlde ir liep beginnet zalen. nu sprechet umb die nahtegalen; 10 die sint ir dinges wol bereit und kunnen alle ir senede leit sô wol besingen unde besagen. welhiu sol ir baniere tragen, sît diu von Hagenouwe, ir aller leitevrouwe, der werlde alsus geswigen ist, diu aller dœne houbetlist versigelt in ir zungen truoc? von der denk ich vil unde genuoc, 20 (ich meine ab von ir dœnen den süezen, den schœnen), wâ sî der sô vil næme, wannen ir daz wunder kæme sô maneger wandelunge. ich wæne, Orphêes zunge, diu alle dœne kunde, diu dœnete ûz ir munde. Sît daz man der nu niht enhât, sô gebet uns, etelîchen rât! ein sælic man der spreche dar: wer leitet nû die lieben schar? wer wîset diz gesinde? ich wæne, ich sî wol vinde, diu die baniere füeren sol: ir meisterinne kan ez wol, diu von der Vogelweide. 10 her, wie diu über heide mit hôher stimme schellet! waz wunders sî gestellet! wie spæhe s’organieret! wi si ir sanc wandelieret! (ich meine ab in dem dône dâ her von Zithêrône, dâ diu gotinne Minne gebiutet ûf und inne). diu ist dâ z’hove kamerærîn: 20 diu sol ir leitærinne sîn! diu wîset sî ze wunsche wol, diu weiz wol, wâ si suochen sol der minnen mêlôdîe. si unde ir cumpânîe die müezen sô gesingen, daz sî ze fröuden bringen ir trûren unde ir senedez klagen: und daz geschehe bî mînen tagen!

Nun die Gesellen sind bereit mit wohlgemessner Kostbarkeit, wie fahe ich meine Rede an, 10 dass ich den werthen Held Tristan, meinen Hauptmann zur Schwertleite so rüste und bereite, dass es der Märe bekäme und man es gerne vernähme? Ich weiss nicht, wie ichs sage, ob es euch wohl behage, und ob es schön zur Märe steh: In meinen Tagen und auch eh 20 hat man die Worte so wohl gestellt von aller Herrlichkeit der Welt, von reichem Geräthe, grosser Zier, hätt ich der Sinne zwölfe hier, davon ich hab nur einen, und könnte sie vereinen, und trüge ich zur Stunde zwölf Zungen in diesem Munde, und könnte mit einer jeden also sprechen und reden, als ichs mit meiner Einen kann, ich wüsste es nicht zu fangen an, wie ich so Gutes sänge von Pracht und von Gepränge, das nicht wär bass gethan vorher. Ja, ritterlich Gewand und Wehr 10 ist also viel beschrieben, mit Reden so zerrieben, dass ich davon nichts reden kann, da sich ein Herz erfreue dran. Herr Hartmann von der Auen, ah, der kann Mären bauen, und kann sie aussen und innen mit Worten und mit Sinnen durchfärben und durchschmücken! Wie seine Reden zücken 20 recht auf der Aventüre Sinn! Wie fliessen rein und lauter hin seine krystallene Wörtelein! Sie sinds und mögen es immer sein! Sie treten sittig zu dem Mann und schmiegen sich dem Herzen an und heimeln einem reinem Muth. Wer gute Rede kann für gut verstehn und recht erfassen, muss dem von Aue lassen sein Reis und seinen Lorbeerkranz. Auf der Worthaide wer den Tanz will machen mit dem Hasen, hoch springen und weit grasen, mit Worten würfeln, wies Gott bescheert, und, unsrer Stimmen unbegehrt, Wahnhoffnung zu dem Kranze fassen, der möge uns nur den Wahn belassen, wir wollen auch bei der Wahl nicht fehlen. 10 Wir, die die Blumen helfen wählen, mit denen dieses Ehrenreis durchflochten ist in Blumenweis, wir wollen wissen, was er begehr! Wer es begehr, er trete her und stecke seine Blumen dar: so nehmen wir an den Blumen wahr, ob sie so schön am Kränzlein sehn, dass wirs ihm müssen zugestehn und dem von Aue herunterziehn. 20 Nun aber keiner noch erschien, dems besser stünde zu dieser Frist, helf Gott, so lassen wirs, wo es ist. Das Reis darf uns Keiner haschen, seine Rede sei denn wohl gewaschen, und eben jedes Wort und schlicht, dass Keiner den Hals darüber bricht, der schön und aufrecht auf dem Plan mit ebenen Sinnen kommt heran. Die aber in Mären wildern und wilde Mären bildern, mit Riegel und Ketten klirren, kurze Sinne verwirren, 10 und Gold von schlechten Sachen den Kindern können machen, die Büchsen schwingen und rütteln, statt Perlen Staub draus schütteln, die sinds! Vom Strunke kommt ihr Schatte, und nicht vom grünen Lindenblatte; die schirmen uns nicht mit Laub und Ästen. Ihr dürrer Schatte thut den Gästen viel selten in den Augen wohl. Wenn man die Wahrheit sagen soll, 20 daran erwärmet keine Brust, darin liegt keine Herzenslust, ihre Rede hat die Farbe nicht, die edlen Herzen dünket licht. Dieselben wilden Jäger sie müssen Wortausleger mit ihren Mären lassen gehn: wir können sie nicht so verstehn. Mit Augen und mit Ohren; auch ist die Zeit verloren, dass man im schwarzen Buche nach Noten und Glossen suche. Noch sind der Farbenmeister mehr: Bliker von Steinach tritt einher mit Worten, lust- und wundersamen. Die stickten Frauen an dem Rahmen 10 von Gold und auch von Seiden; mann könnte sie überkleiden mit griechischen Borten. Er hat den Preis von Worten: sein Sinn der ist so rein und klar, ich wähne, dass ihn wunderbar Feyen haben gesponnen, und ihn in ihrem Bronnen geläutert und geweihet: er ist fürwahr gefeyet. 20 Seine Zunge mit den Harfensaiten die hat zwo ganze Volkommenheiten: Das sind die Worte und der Sinn; die zwei die harfen zusammen hin und folgen ihrer Märe Gang zu seltenem Preise mit Einem Klang. Der Rede Meister, sehet dort, mit sinnreich ausgedachtem Wort wie er am Umhang Wunder bringt, wie ihm der Messerwurf gelingt mit wolgefügten Reimen! Wie kann er Reime leimen, als wärens einander gewachsen an! Fürwahr, es ist und bleibt mein Wahn, er müsse Buch und Schriftbuchstaben für Federn angebunden haben, 10 denn, wollt ihr seiner nehmen wahr, seine Worte die schweben gleich dem Aar. Wer nun? Es sind doch viel gewesen, an Rede reich, von Sinn erlesen. Wen soll ich auferwecken? Heinrich von Veldecken der sprach aus ganzem Sinne! Wie sang er wol von Minne! Wie schön er meisselte seinen Sinn! Ich wähne, dass er die Weisheit hin 20 vom Born des gefiederten Rosses nahm, von dem die Weisheit alle kam. Ich hab ihn selber nicht geschaut: Es geben aber die Besten laut, die noch zu seinen Jahren und selber Meister waren, ein Zeugniss ihm und einen Preis: Er impfete das erste Reis in unsrer deutschen Zungen; davon sind Äste entsprungen, von denen die Blumen kamen, daraus die Meister nahmen den Sinn zu schönem Funde; und ist dieselbe Kunde so mannigfach verbreitet, 10 von Gau zu Gau geleitet, dass alle, die nun sprechen, die höchsten Kränze brechen von Blumen und von Reisen, an Worten und an Weisen. Der Nachtigallen der sind viel, von denen ich nun nicht reden will: Sie gehören nicht zu dieser Schaar. Damit geb ich nichts andres dar, als was ich immer sagen muss: 20 Sie können alle ihren Gruss und singen wohl zu Preise ihre süsse Sommerweise. Ihr Ton ist lauter und ist gut, sie geben der Welt einen hohen Muth und thun so recht dem Herzen wol. Die Welt die würde stumpf und hohl und käme ausser allem Schwang ohne den lieben Vogelgesang; der mahnet und mahnet einen Mann, der je zu Freuden Muth gewann, an alles Gute und Liebe, und spielt mit manchem Triebe, der edlen Herzen sanfte thut. Das wecket freundlich holden Muth; hievon kommt inniglicher Drang, wenn spricht der süsse Vogelsang der Welt von ihren Freuden allen. Nun saget von den Nachtigallen: 10 Die sind zu ihrem Amt bereit und können alle ihr sehnend Leid so wohl besingen und besagen. Welche soll dem das Banner tragen, seit die von Hagenaue, der ganzen Schaar Leitfraue, die aller Töne höchsten Flug, versiegelt auf der Zungen trug, der Welt also verstummet ist? An die gedenk ich zu jeder Frist. 20 Ich wähne von ihren Tönen, den süssen und den schönen, dass wohl des Orpheus süsser Mund, dem alle Töne waren kund, (davon er ihr bescheerte, und sie das Wunder lehrte so mancher Wandelungen) aus ihrem Mund erklungen. Seit man nun diese nicht mehr hat, so gebt uns aber einen Rath. Ein frommer Mann der leg ihn dar: Wer leitet nun die liebe Schaar? Wer weiset dies Gesinde! Ich wähne, dass ich sie finde, die nun das Banner führen soll: Ihre Meisterin die kann es wohl, die von der Vogelweide. 10 Hei, was die über die Heide, mit hoher Stimme klinget! Was Wunder sie uns bringet! Wie fein sie organiert, ihr Singen moduliert! Ich meine aber in dem Ton, der klinget von jenem Berg und Thron, da wo die Göttin Minne gebietet drauf und drinne. Die ist bei Hofe Kämmererin: 20 die soll sie leiten fürohin; die weiset sie nach Wunsche wohl, die weiss wohl, wo sie suchen soll der Minnen Melodieen. Sie und die mit ihr ziehen, die mögen also singen, dass sie zu Freuden bringen ihr Trauern und ihr sehnendes Klagen: und das gescheh noch in meinen Tagen!

SIMROCK.

WOLFRAM VON ESCHENBACH.

[Scherer D. 170, E. 161.]

Ein bairischer Ritter, lebte viel am Hofe Hermanns von Thüringen zu Eisenach, wurde in der Liebfrauenkirche zu Eschenbach begraben. Er konnte nicht lesen und schreiben, verstand aber, wenn auch nur unvollkommen, französisch. Er dichtete ausser lyrischen Gedichten den ‘Parzival’ 1205–1215; den ‘Titurel’ (Bruchstück; von einem gewissen Albrecht zwischen 1260 und 1270 umgearbeitet und vervollständigt) und ‘Wilhelm von Oranse’ (unvollendet), vor 1216 begonnen, ergänzt und fortgesetzt von Ulrich von Türheim und Ulrich von dem Türlein. Seine Werke herausgegeben von Lachmann (Berlin 1833, vierte Ausg. 1880); ‘Parzival und Titurel’ von Bartsch (3 Bde. Leipzig, 1870–71, 1875–77). Übersetzungen von Simrock (Stuttgart 1842, fünfte Aufl. 1876), San-Marte (Marburg 1836, 1858).

1. PARZIVAL.

Ez machet trûric mir den lîp, daz alsô mangiu heizet wîp. ir stimme sint gelîche hel: genuoge sint gein valsche snel, etslîche valsches lære: sus teilent sich diu mære. daz die gelîche sint genamt, des hât mîn herze sich geschamt. wîpheit, dîn ordenlîcher site, dem vert und fuor ie triwe mite. 10 Genuoge sprechent, armuot, daz diu sî ze nihte got. swer die durch triwe lîdet, hellefiwer die sêle mîdet. die dolte ein wîp durch triuwe: des wart ir gâbe niuwe ze himel mit endelôser gebe. ich wæne ir nu vil wênic lebe, die junc der erden rîhtuom liezen durch des himeles ruom. ich erkenne ir nehein. man und wîp mir sint al ein: 10 die mitenz al gelîche. frou Herzeloyd diu rîche ir drîer lande wart ein gast: si truoc der freuden mangels last. der valsch sô gar an ir verswant, ouge noch ôre in nie dâ vant. ein nebel was ir diu sunne: si vlôch der werlde wunne. ir was gelîch naht unt der tac: ir herze niht wan jâmers phlac. 20 Sich zôch diu frouwe jâmers balt ûz ir lande in einen walt, zer waste in Soltâne; niht durch bluomen ûf die plâne. ir herzen jâmer was sô ganz, sine kêrte sich an keinen kranz, er wære rôt oder val. si brâhte dar durch flühtesal des werden Gahmuretes kint. liute, die bî ir dâ sint, müezen bûwn und riuten. si kunde wol getriuten ir sun. ê daz sich der versan, 10 ir volc si gar für sich gewan: ez wære man oder wîp, den gebôt si allen an den lîp, daz se immer ritters wurden lût. ‘wan friesche daz mîns herzen trût, welch ritters leben wære, daz wurde mir vil swære. nu habt iuch an der witze kraft, und helt in alle rîterschaft.’ Der site fuor angestlîche vart. 20 der knappe alsus verborgen wart zer waste in Soltâne erzogn, an küneclîcher fuore betrogn; ez enmöht an eime site sîn: bogen unde bölzelîn die sneit er mit sîn selbes hant, und schôz vil vogele die er vant. Swenne abr er den vogel erschôz, des schal von sange ê was sô grôz, sô weinder unde roufte sich, an sîn hâr kêrt er gerich. sîn lîp was clâr unde fier: ûf dem plân am rivier twuog er sich alle morgen. 10 erne kunde niht gesorgen, ez enwære ob im der vogelsanc, die süeze in sîn herze dranc: daz erstracte im sîniu brüstelîn. al weinde er lief zer künegîn. sô sprach si ‘wer hât dir getân? du wære hin ûz ûf den plân.’ ern kunde es ir gesagen niht, als kinden lîhte noch geschiht. Dem mære gienc si lange nâch. 20 eins tages si in kapfen sach ûf die boume nâch der vogele schal. si wart wol innen daz zeswal von der stimme ir kindes brust. des twang in art und sîn gelust. frou Herzeloyde kêrt ir haz an die vogele, sine wesse um waz: si wolt ir schal verkrenken. ir bûliute unde ir enken die hiez si vaste gâhen, vogele würgn und vâhen. 10 die vogele wâren baz geriten: etslîches sterben wart vermiten: der bleip dâ lebendic ein teil, die sît mit sange wurden geil. Der knappe sprach zer künegin ‘waz wîzet man den vogelîn?’ er gert in frides sâ zestunt. sîn muoter kust in an den munt: diu sprach ‘wes wende ich sîn gebot, der doch ist der hœhste got? 20 suln vogele durch mich freude lân?’ der knappe sprach zer muoter sân ‘ôwê muoter, waz ist got?’ ‘sun, ich sage dirz âne spot. er ist noch liehter denne der tac, der antlitzes sich bewac nâch menschen antlitze. sun, merke eine witze, und flêhe in umbe dîne nôt: sîn triwe der werlde ie helfe bôt. 10 sô heizet einr der helle wirt: der ist swarz, untriwe in niht verbirt. von dem kêr dîne gedanke, und och von zwîvels wanke.’ Sîn muoter underschiet im gar daz vinster unt daz lieht gevar. dar nâch sîn snelheit verre spranc. er lernte den gabilôtes swanc, dâ mit er mangen hirz erschôz, des sin muoter und ir volc genôz. 20 ez wære æber oder snê, dem wilde tet sîn schiezen wê. nu hœret fremdiu mære. swennerrschôz daz swære, des wære ein mûl geladen genuoc, als unzerworht hin heim erz truoc. Eins tages gieng er den weideganc an einer halden, diu was lanc: er brach durch blates stimme en zwîc. dâ nâhen bî im gienc ein stîc: dâ hôrter schal von huofslegen. sîn gabylôt begunder wegen: dô sprach er ‘waz hân ich vernomn? 10 wan wolt et nu der tiuvel komn mit grimme zorneclîche! den bestüende ich sicherlîche. mîn muoter freisen von im sagt: ich wæne ir ellen sî verzagt.’ Alsus stuont er in strîtes ger. nu seht, dort kom geschûftet her drî ritter nâch wunsche var, von fuoze ûf gewâpent gar. der knappe wânde sunder spot, 20 daz ieslîcher wære ein got. dô stuont ouch er niht langer hie, in den phat viel er ûf sîniu knie. lûte rief der knappe sân ‘hilf, got: du maht wol helfe hân.’ Der vorder zornes sich bewac, dô der knappe im phade lac: ‘dirre tœrsche Wâleise unsich wendet gâher reise.’ ein prîs den wir Beier tragn, muoz ich von Wâleisen sagn: die sint toerscher, denne beiersch her, unt doch bî manlîcher wer. 10 swer in den zwein landen wirt, gefuoge ein wunder an im birt. Dô kom geleischieret und wol gezimieret ein ritter, dem was harte gâch. er reit in strîteclîchen nâch, die verre wâren von im komn: zwên ritter heten im genomn eine frouwen in sîm lande. den helt ez dûhte schande: 20 in müete der juncfrouwen leit, diu jæmerlîche vor in reit. dise drî wârn sîne man. er reit ein schœne kastelân: sîns schildes was vil wênic ganz. er hiez Karnahkarnanz leh cons Ulterlec. er sprach ‘wer irret uns den wec?’ sus fuor er zuome knappen sân. den dûhter als ein got getân: ern hete sô liehtes niht erkant. ûfem touwe der wâpenroc erwant. mit guldîn schellen kleine vor iewederm beine wârn die Stegreife erklenget 10 unt ze rehter mâze erlenget. sîn zeswer arm von schellen klanc, swar ern bôt oder swanc. der was durch swertslege sô hel: der helt was gein prîse snel. sus fuor der fürste rîche, gezimiert wünneclîche. Aller manne schœne ein bluomen kranz, den vrâgte Karnahkarnanz ‘junchêrre, sâht ir für iuch varn 20 zwên ritter die sich niht bewarn kunnen an ritterlîcher zunft? si ringent mit der nôtnunft und sint an werdekeit verzagt: si füerent roubes eine magt.’ der knappe wânde, swaz er sprach, ez wære got, als im verjach frou Herzeloyd diu künegîn, dô sim underschiet den liehten schîn. dô rief er lûte sunder spot ‘nu hilf mir, hilferîcher got.’ vil dicke viel an sîn gebet fil li roy Gahmuret. der fürste sprach ‘ich pin niht got, ich leiste ab gerne sîn gebot. 10 du maht hie vier ritter sehn, ob du ze rehte kundest spehn.’ Der knappe frâgte fürbaz: ‘du nennest ritter: waz ist daz? hâstu niht gotlîcher kraft, sô sage mir, wer gît ritterschaft?’ ‘daz tuot der künec Artûs. junchêrre, komt ir in des hûs, der bringet iuch an ritters namn, daz irs iuch nimmer durfet schamn. 20 ir mugt wol sîn von ritters art.’ von den helden er geschouwet wart: dô lac diu gotes kunst an im. von der âventiure ich daz nim, diu mich mit wârheit des beschiet. nie mannes varwe baz geriet vor im sît Adâmes zît. des wart sîn lob von wîben wît. Aber sprach der knappe sân dâ von ein lachen wart getân. ‘ay ritter guot, waz mahtu sîn? du hâst sus manec vingerlîn an dînen lîp gebunden, dort oben unt hie unden.’ 10 aldâ begreif des knappen hant swaz er îsers ame fürsten vant: dez harnasch begunder schouwen ‘mîner muoter juncfrouwen ir vingerlîn an snüeren tragnt, diu niht sus an einander ragnt.’ der knappe sprach durch sînen muot zem fürsten ‘war zuo ist diz guot, daz dich sô wol kan schicken? ine mages niht ab gezwicken.’ 20 der fürste im zeigete sâ sîn swert: ‘nu sich, swer an mich strîtes gert, des selben wer ich mich mit slegn: für die sîne muoz ich an mich legn, und für den schuz und für den stich muoz ich alsus wâpen mich.’ aber sprach der knappe snel ‘ob die hirze trüegen sus ir vel, so verwunt ir niht mîn gabylôt. der vellet manger vor mir tôt.’ Die ritter zurnden daz er hielt bî dem knappen der vil tumpheit wielt 10 der fürste sprach ‘got hüete dîn. ôwî wan wær dîn schœne mîn! dir hete got den wunsch gegebn, ob du mit witzen soldest lebn. diu gotes kraft dir virre leit.’ die sîne und och er selbe reit, unde gâhten harte balde zeinem velde in dem walde. dâ vant der gefüege frôn Herzeloyden phlüege. 20 ir volke leider nie geschach; die er balde eren sach: sie begunden sæn, dar nâch egen, ir gart ob starken ohsen wegen. Der fürste in guoten morgen bôt, und frâgte se, op si sæhen nôt eine juncfrouwen lîden. sine kunden niht vermîden, swes er vrâgt daz wart gesagt. ‘zwêne ritter unde ein magt dâ riten hiute morgen. diu frouwe fuor mit sorgen: mit sporn si vaste ruorten, 10 die die juncfrouwen fuorten.’ ez was Meljahkanz. den ergâhte Karnachkarnanz, mit strîte er im die frouwen nam: diu was dâ vor an freuden lam. si hiez Imâne von der Beâfontâne. Die bûliute verzagten, dô die helde für si jagten. si sprâchen ‘wiest uns sus geschehen? 20 hât unser junchêrre ersehen ûf disen rittern helme schart, sone hân wir uns niht wol bewart. wir sulen der küneginne haz von schulden hœren umbe daz, wand er mit uns dâ her lief hiute morgen dô si dannoch slief.’ der knappe enruochte ouch wer dô schôz die hirze kleine unde grôz: er huop sich gein der muoter widr, und sagt ir mær. dô viel si nidr: sîner worte si sô sêre erschrac, daz si unversunnen vor im lac. Dô diu küneginne widr kom zir sinne, swie si dâ vor wære verzagt, 10 dô sprach si ‘sun, wer hât gesagt dir von ritters orden? wâ bist dus innen worden?’ ‘muoter, ich sach vier man noch liehter danne got getân: die sagten mir von ritterschaft. Artûs küneclîchiu kraft sol mich nâch rîters êren an schildes ambet kêren.’ sich huop ein niwer jâmer hie. 20 diu frouwe enwesse rehte, wie daz si ir den list erdæhte unde in von dem willen bræhte. Der knappe tump unde wert iesch von der muoter dicke ein pfert. daz begunde se in ir herzen klagn. si dâhte ‘in wil im niht versagn: ez muoz abr vil bœse sîn.’ do gedâhte mêr diu künegîn ‘der liute vil bî spotte sint. tôren kleider sol mîn kint ob sîme liehten lîbe tragn. wirt er geroufet unt geslagn, sô kumt er mir her wider wol.’ 10 ôwê der jæmerlîchen dol! diu frouwe nam ein sactuoch: si sneit im hemde unde bruoch, daz doch an eime stücke erschein unz enmitten an sîn blankez bein. daz wart für tôren kleit erkant. ein gugel man obene drûfe vant. al frisch rûch kelberîn von einer hût zwei ribbalîn nâch sînen beinen wart gesnitn. dâ wart grôz jâmer niht vermitn. 20 Diu küngin was alsô bedâht, si bat belîben in die naht. ‘dune solt niht hinnen kêren ich wil dich list ê lêren: an ungebanten strâzen soltu tunkel fürte lâzen: die sîhte und lûter sîn, dâ solte al balde rîten în. du solt dich site nieten, der werlde grüezen bieten, Op dich ein grâ wîse man zuht wil lêrn als er wol kan, dem soltu gerne volgen, 10 und wis im niht erbolgen. sun, lâ dir bevolhen sîn, swâ du guotes wîbes vingerlîn mügest erwerben unt ir gruoz, daz nim: ez tuot dir kumbers buoz. du solt zir kusse gâhen und ir lîp vast umbevâhen: daz gît gelücke und hôhen muot, op si kiusche ist unde guot. Du solt och wizzen, sun mîn, 20 der stolze küene Lähelîn dînen fürsten ab ervaht zwei lant, diu solten dienen dîner hant, Wâleis und Norgâls. ein dîn fürste Turkentâls den tôt von sîner hende enphienc: dîn volc er sluoc unde vienc.’ ‘diz rich ich, muoter, ruocht es got: in verwundet noch mîn gabylôt.’ Des morgens dô der tag erschein, der knappe balde wart enein, im was gein Artûse gâch. 10 Herzeloyde in kuste und lief im nâch. der werlde riwe aldâ geschach. dô si ir sun niht langer sach (der reit enwec: wemst deste baz?) dô viel diu frouwe valsches laz ûf die erde, aldâ si jâmer sneit sô daz se ein sterben niht vermeit. Ir vil getriulîcher tôt der frouwen wert die hellenôt. ôwol si daz se ie muoter wart! 20 sus fuor die lônes bernden vart ein wurzel der güete und ein stam der diemüete. ôwê daz wir nu niht enhân ir sippe unz an den eilften spân! des wirt gevelschet manec lîp. doch solten nu getriwiu wîp heiles wünschen disem knabn, der sich hie von ir hât erhabn.

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