Volume 1 — DIE ERSTEN MESSIADEN.
Reading edition
HELJAND.
[Scherer D. 46, E. 42.]
Ein altsächsisches alliterirendes Gedicht, von einem sächsischen Geistlichen auf Veranlassung des Kaisers Ludwigs des Frommen um das Jahr 830 verfasst. Herausgegeben von Schmeller, ‘Heliand. Poema Saxonicum seculi noni’ (2 Bde. München, 1830. 1840); von Sievers (Halle, 1878). Übersetzungen von Grein (1854; 2. Aufl. 1869), Köne (in seiner Ausgabe 1855), Simrock (1856; 3. Aufl. 1882).
JUDAS DER VERRÄTHER.
Gesîðos Cristes uuacodun thô aftar them uuordun ‖ endi gisâhun thô that uuerod kuman an thene berg uppen ‖ brahtmu thiu mikilon, uurêða uuâpanberand. ‖ Uuîsde im Judas, gramhugdig man; ‖ Judeon aftar sigun, fiundo folcscepi; ‖ drôg man fiur an gimang, logna an liohtfatun, ‖ lêdde man faklon brinnandea fan burg, ‖ thar sie an thene berg uppan stigun mid strîdu. ‖ Thea stedi uuisse Judas uuel, huar he thea liudi tô ‖ lêdean scolde. 10 Sagde imu thô te têkne, ‖ thô sie thar tô fôrun themu folke biforan, ‖ te thiu that sie ni farfengin thar erlôs ôðren man: ‖ ‘ik gangu imu at êrist tô’ quað he, ‘cussiu ine endi queddiu: ‖ that is Crist selbo. Thene gi fâhen sculun ‖ folco craftu, binden ina uppan themu berge ‖ endi ina te burg hinan lêdien undar thea liudi: ‖ he is lîbes habad mid is uuordun faruuerkod.’ ‖ Uuerod sîðode thô, antat sie te Criste ‖ kumane uurðun, grim folc Judeono, ‖ thar he mid is jungarun stôd, mâri drohtin: ‖ bêd metodogiscapu, 10 torhtero tîdeo. ‖ Thô geng imu treulôs man, Judas tegegnes ‖ endi te themu godes barne hnêg mid is hôƀdu ‖ endi is hêrron quedde, custe ina craftagne ‖ endi is quidi lêste, uuîsde ina themu uuerode, ‖ al sô he êr mid uuordun gehêt That tholode al mid githuldiun ‖ thiodo drohtin, uualdand thesara uueroldes ‖ endi sprak imu mid is uuordun tô, frâgode ine frôkno: ‖ ‘behuî kumis thu sô mid thius folcu te mi, behuî lêdis thu mî sô these liudi tô ‖ endi mi te thesare lêðan thiode farcôpos mid thînu kussu ‖ under thit kunni Judeono, meldos mi te thesaru menegi?’ ‖ Geng imu thô uuið thea man sprekan, uuið that uuerod ôðar, ‖ endi sie mid is uuordun fragn, huene sie mid thiu gesîðiu ‖ sôkean quâmin sô niutlîco an naht, ‖ ‘sô gi uuillean nôd frummien manno huilicumu.’ ‖ Thô sprak imu eft thiu menegi angegin, quâðun that im hêleand thar ‖ an themu holme uppan geuuîsid uuâri, ‖ ‘the thit giuuer frumid Judeo liudiun ‖ endi ina godes sunu 10 selƀon hêtid: ‖ Ina quâmun uui sôkean herod, uueldin ina gerno bigeten: ‖ he is fan Galileo lande, fan Nazarethburg.’ ‖ Sô im thô the neriendio Crist sagde te sôðan, ‖ that he it selƀo uuas, sô uurðun thô an forhtun ‖ folc Judeono, uurðun underbadode, ‖ that sie under bac fellun alle efno sân, ‖ erðe gisôhtun, uuiðerwardes that uuerod: ‖ ni mahte that uuord godes, thie stemnie antstandan: ‖ uuârun thoh sô strîdige man, ahliopun eft up an themu holme, ‖ hugi fastnodun, bundun briostgithâht, ‖ gibolgane gengun nâhor mid nîðu, ‖ anttat sie thene neriendion Crist uuerodo biuurpun. ‖ Stôdun uuîse man, suîðo gornundie ‖ giungaron Kristes biforan theru dereƀeon dâdi ‖ endi te iro drohtine sprâkun: ‘uuâri it nu thîn uuillio’ quâðun sie, ‖ ‘uualdand frô mîn, that sie ûs hêr an speres ordun ‖ spildien môstin 10 uuâpnun uunde, ‖ than ni uuâri ûs uuiht sô gôd, sô that uui hêr for ûsumu drohtine ‖ dôan môstin binidiun blêka.’ ‖ Thô gibolgan uuarð snel suerdthegan, ‖ Simon Petrus, uuel imu innan hugi, ‖ that he ni mahte ênig uuord sprekan: sô harm uuarð imu an is hertan, ‖ that man is hêrron thar binden uuelde. ‖ Thô he gibolgan geng, suîðo thrîstmôd thegan ‖ for is thiodan standen, hard for is hêrron: ‖ ni uuas imu is hugi tuîfli, blôth an is breostun, ‖ ac he is bil atôh, suerd bi sîdu, ‖ slôg imu tegegnes an thene furiston fiund ‖ folmo crafto, that thô Malchus uuarð ‖ mâkeas eggiun, an thea suîðaron half ‖ suerdu gimâlod: thiu hlust uuarð imu farhauuan: ‖ he uuarð an that hoƀid uund, that imu herudrôrag ‖ hlear endi ôre beniuundun brast; ‖ blôd aftar sprang, uuel fan uundun. ‖ Thô uuas an is uuangun scard 10 the furisto thero fiundo. ‖ Thô stôd that folc an rûm: andrêdun im thes billes biti. ‖ Thô sprak that barn godes selƀo te Simon Petruse, ‖ hêt that he is suerd dedi skarp an skêðia: ‖ ‘ef ik uuið thesa scola uueldi’, quað he, ‘uuið theses uuerodes geuuin ‖ uuîgsaca frummien, than manodi ik thene mâreon ‖ mahtigne god, hêlagne fader ‖ an himilrîkea, that he mi sô managan engil herod ‖ oƀana sandi uuîges sô uuîsen, ‖ sô ni mahtin iro uuâpanthreki man adôgen; ‖ iro ni stôdi gio sulic megin samad, folkes gifastnod, ‖ that im iro ferh aftar thiu uuerðen mahti. ‖ Ac it haƀad uualdand god, alomahtig fader ‖ an ôðar gimarkot, that uui githoloian sculun, ‖ sô huat sô ûs thius thiod tô bittres brengit: ‖ ni sculun ûs belgan uuiht, uurêdean uuið iro geuuinne; ‖ huand sô hue sô uuâpno nîð, grimman gêrheti uuili ‖ gerno frummien, he suiltit imu eft ‖ suerdes eggiun, 10 dôit im bidrôregan: ‖ uui mid ûsun dâdiun ni sculun uuiht auuerdian.’ ‖ Geng he thô te themu uundon manne, legde mid listiun ‖ lîk tesamne, hôƀiduundon, ‖ that siu sân gihêlid uuarð, thes billes biti, ‖ endi sprak that barn godes uuið that uurêðe uuerod: ‖ ‘mi thunkid uunder mikil,’ quað he, ‘ef gi mi lêðes uuiht ‖ lêstien uueldun, huî gi mi thô ni fengun, ‖ than ik undar iuuuomu folke stôd an themu uuîhe innan ‖ endi thar uuord manag sôðlîc sagde. ‖ Than uuas sunnon skîn, diurlîc lioht dages, ‖ than ni uueldun gi mi doan eouuiht lêðes an thesumu liohte, ‖ endi nu lêdiad mi iuua liudi tô an thiustrie naht, ‖ al sô man thioðe dôt, than man thene fâhan uuili ‖ endi he is ferhes haƀad faruuerkot uuamscaðo.’ ‖ Uuerod Judeono gripun thô an thene godes sunu, ‖ grimma thioda, hatandiero hôp, ‖ huurƀun ina umbi môdag manno folc ‖ —mênes ni sâhun— 10 heftun herubendium ‖ handi tesamne, faðmos mid fitereun: ‖ Im ni uuas sulicaro firinquâla tharf te githolonne, ‖ thiodarƀedies, te uuinnanne sulic uuiti, ‖ ac he it thurh thit uuerod deda, huand he liudio barn ‖ lôsien uuelda, halon fan helliu ‖ an himilrîki, an thene uuîdon uuelon: ‖ bethiu he thes uuiht ne bisprak, thes sie imu thurh inuuidnîð ‖ ôgean uueldun. Thô uurðun thes sô malsce ‖ môdag folc Judeono, thiu heri uuarð thes sô hrômeg, ‖ thes sie thena hêlagon Krist an liðobendion ‖ lêdian môstun, fôrian an fitereun. ‖ Thie fiund eft geuuitun fan themu berge te burg. ‖ Geng that barn godes undar themu heriscepi ‖ handun gebunden, druƀondi te dale.
Die Gesellen Christi Erwachten bei den Worten: ‖ da gewahrten sie Volk Den Berg hinauf ziehn ‖ in brausendem Schwarm, Wüthige Waffenknechte. ‖ Judas wies den Weg, Der grimmgesinnte; ‖ die Juden drangen nach In feindlicher Volksschar. ‖ Sie trugen Feuer bei sich, In Lichtgefässen flammend, ‖ und führten Fackeln Brennend aus der Burg, ‖ da sie den Berg hinauf Stiegen zum Streit. ‖ Die Stätte wusste Judas, 20 Wohin er die Leute ‖ geleiten sollte; Dazu noch zum Zeichen, ‖ eh sie zogen, sagt’er Dem Volk zum Voraus, dass die Knechte nicht fiengen Einen andern aus Irrthum: ‖ ‘Ich gehe zuerst zu ihm 20 Und küss ihn kosend: ‖ das ist Christ selber dann, Den ihr fahen sollt ‖ mit Volkeskraft Auf dem Berg, und binden ‖ und zur Burg ihn von hinnen Geleiten vor die Leute: ‖ er hat sein Leben Verwirkt durch seine Worte.’ ‖ Die Gewaffneten eilten Bis sie zu Christo ‖ gekommen waren, Die grimmigen Juden, ‖ wo er mit den Jüngern stand, Der mächtige Herr, ‖ der Gottesschickung harrend, Der entscheidenden Zeit. ‖ Da schritt ihm der treulose Judas entgegen, ‖ vor dem Gotteskinde 30 Mit dem Haupt sich neigend ‖ und seinen Herren grüssend, Küsste den kräftigen, ‖ mit diesem Kuss Ihn den Gewaffneten weisend, ‖ wie sein Wort verheissen. Das trug in Geduld ‖ der theure Herr, Der Walter dieser Welt; ‖ doch wandt’ er das Wort an ihn Und fragt’ ihn frank: ‖ ‘Was kommst du mit diesem Volk, Leitest die Leute her? ‖ Du hast mich den leidigen Verkauft mit deinem Kusse, ‖ den Kindern der Juden, Verrathen dieser Rotte.’ ‖ Dann rief er die Männer an, 20 Die andern Gewaffneten, ‖ und fragte, wen sie Mit solchem Gesinde ‖ zu suchen kämen Bei Nacht und Nebel, ‖ als gedächten sie Noth Irgend wem zu schaffen. ‖ Da sprach die Waffenschar, Man habe den Heiland ‖ auf der Höhe des Berges Ihnen angezeigt, ‖ der da Zwietracht stifte Unter den Judenleuten ‖ und sich Gottes Sohn Selber heisse: ‖ ‘Den kommen wir suchen, Und griffen ihn gerne. ‖ Von Galiläaland ist er, Von Nazarethburg.’ ‖ Als nun der Nothhelfer Christ 30 Ohne Säumen sagte, ‖ er selber sei es, Da ward von Furcht befallen ‖ das Volk der Juden, So eingeschüchtert, ‖ dass sie hinunter liefen, Eilends die ebene ‖ Erde zu suchen. Die Gewaffneten wussten ‖ dem Worte Gottes nicht, Seiner Stimme zu stehen, ‖ ob streitbare Männer. 20 Doch wieder aufwärts stiegen sie, ‖ stärkten ihr Herz, Fassten frischen Muth ‖ und voller Bosheit Giengen sie hastig näher, ‖ bis sie den Nothhelfer Christ Mit Waffengewalt umgaben. ‖ Die weisen Männer standen In grossem Kummer, ‖ die Jünger Christi, Umher bei der heillosen That ‖ und riefen dem Herren zu: ‘Wär’ es dein Wille nun, ‖ waltender Fürst, Dass sie an der Speere Spitzen ‖ uns spiessen sollten, Mit Waffen verwunden, ‖ dann wär’ uns nicht so gut Als standhaft im Streit ‖ für den Herrn zu sterben, 30 Im Kampf zu erbleichen.’ ‖ Da erboste sich Der schnelle Schwertdegen ‖ Simon Petrus: Ihm wallte wild der Muth, ‖ kein Wort mocht er sprechen, So härmt es ihn im Herzen, ‖ als sie den Herrn ihm da Zu greifen begehrten. ‖ Ingrimmig gieng Der dreiste Degen ‖ vor den Dienstherrn stehn, Hart vor seinen Herren. ‖ Sein Herz war entschieden, Nicht blöd in der Brust. ‖ Blitzschnell zog er 20 Das Schwert von der Seite ‖ und schlug und traf Den vordersten Feind ‖ mit voller Kraft, Davon Malchus ward ‖ durch des Messers Schärfe An der rechten Seite ‖ mit dem Schwert gezeichnet, Am Gehör verhauen: ‖ das Haupt war ihm wund, Dass ihm waffenblutig ‖ Backen und Ohr Borst im Gebein, ‖ und das Blut nachsprang Aus der Wunde wallend. ‖ Als die Wange schartig war Dem vordersten Feinde, ‖ wich das Volk zurück, Den Schwertbiss scheuend. ‖ Da sprach der Sohn des Herrn 30 Zu Simon Petrus: ‖ ‘Dein Schwert stecke, Das scharfe, in die Scheide. ‖ Wollt ich vor dieser Schar Wider Gewaffnete ‖ mit Waffen kämpfen, Dann möcht ich den mächtigen ‖ Gott wohl mahnen Den heiligen Vater ‖ im Himmelreiche, Dass er so manchen Engel ‖ von oben sendete, Des Kampfs so kundigen, ‖ es könnten diese Männer Sie im Streit nicht bestehn; ‖ stünde des Volks auch hier Noch so mächtige Menge, ‖ doch möcht’ ihr Leben 20 Bewahrt nicht werden. ‖ Aber der waltende Gott Hat es anders geordnet, ‖ der allmächtige Vater: Wir sollen Alles dulden, ‖ was dieses Volk uns Bitteres bringt. ‖ Wir sollen uns nicht erbosen, Nicht wider sie wehren, ‖ denn wer da Waffenstreit, Grimmen Gerkampf ‖ gerne üben mag, Der soll von des Schwertes ‖ Schärfen umkommen, Traurigen Tod sterben. ‖ Unser Thun soll Dem Waltenden nicht wehren.’ ‖ Da gieng er zu dem Wunden, Leitete Leib ‖ zu Leibe weise 30 An seines Hauptes Wunde, ‖ dass heil sofort war Des Schwertes Biss. ‖ Dann sprach der Geborne Gottes, Zu der wüthigen Waffenschar: ‖ ‘Wunder nimmt mich, Wenn euch gelüstete ‖ mir Leides zu thun, Was fiengt ihr mich nicht früher, ‖ wenn ich unter dem Volk Im Weihthum war ‖ und manch wahres Wort Den Sinnigen sagte? ‖ Da schien die Sonne, 20 Das theure Tageslicht: ‖ doch thatet ihr mir nie Ein Leid bei dem Lichte. ‖ Und nun leitet ihr die Leute In düstrer Nacht zu mir, ‖ wie man dem Diebe thut, Den man fahen will, ‖ weil er verfallen ist Dem Tod, der Übelthäter.’ ‖ Der Tross der Juden Griff da den Gottessohn, ‖ die grimme Rotte, Der hassvolle Haufen. ‖ Hart umdrängten ihn Scharen schonungslos: ‖ sie scheuten die Meinthat nicht. Sie hefteten die Hände ‖ ihm mit harten Banden, Die Arme mit Armschellen. ‖ Ihm war solche Angstqual 30 Nicht zu dulden Noth, ‖ nicht ertragen Musst er solche Marter: ‖ für die Menschen that ers, Erlösen wollt er ‖ der Leute Kinder, Aus der Hölle heben ‖ in das Himmelreich, In das weite Wohl. ‖ Darum wehrt’ er nicht ab, Was ihr arger Wille ‖ ihm anthun wollte. Da ward gar verwegen ‖ die jüdische Waffenschar, Gar hochmüthig der Haufen, ‖ dass sie den heiligen Christ In Gliederbanden ‖ leiten durften, 10 Gefesselt führen. ‖ Die Feinde eilten nun Von dem Berge zur Burg. ‖ Der Geborne Gottes Gieng unter der Heerschar, ‖ die Hände gebunden, Betrübt zu Thal.
SIMROCK.