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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Volume 1 — REFORMATION UND RENAISSANCE.

Reading edition

MARTIN LUTHER.

[Scherer D. 276, E. 272.]

Geboren zu Eisleben 10. Nov. 1483 als der Sohn eines Bergmanns. 1501 auf der Universität zu Erfurt, wo er 1502 promovierte und 1505 ins Augustinerkloster trat. 1508 nach der Universität Wittenberg berufen; 1510 nach Rom gesandt; 1512 Doctor der Theologie; 1517 seine Thesen gegen Tetzel; 1520 vom Pabst in den Bann gethan; 1521 auf dem Reichstag zu Worms, dann versteckt auf der Wartburg; 1522 nach Wittenberg zurück, wo er seine deutsche Übersetzung des Neuen Testaments herausgiebt; 1523 die Bücher Moses; 1524 die Psalmen; 1529 den deutschen Katechismus. Vollständige Bibelübersetzung 1534. Luther starb am 18. Februar 1546. Die beste Gesammtausgabe Erlangen 1826–57, 67 Bde. Eine kritische Gesammtausgabe ist im Erscheinen begriffen; bisjetzt kamen Bde. I-III (Weimar 1883–85) heraus. Kritische Ausgabe der Bibelübersetzung von Bindseil und Niemeyer, 7 Thle (Halle 1850–55); Facsimile der sogenannten Septemberbibel, d. i. des Neuen Testaments vom September 1522 (Berlin 1883). Briefe herausgegeben von de Wette Bd. 1–5 Berlin (1825–28), Bd. 6 von Seidemann (Berlin 1856); ferner von Seidemann, Dresden 1859; Burkhardt (Leipzig 1866); Kolde ‘Analecta Lutherana’ (Gotha 1883).

1. AUS DEM NEUEN TESTAMENT VON 1522. (1 COR. 13).

Wenn ich mit menschen vnd mit engel zungen redet, vnd hette die liebe nicht, so were ich eyn dohnend ertz, odder eyn klingende schelle, Vnd wenn ich weyssagen kundt, vnd wuste alle geheymnis, vnd alle erkentnis, vnd hette allen glawben, also, das ich berge versetzete, vnd hette der liebe nicht, so were ich nichts. Vnd wenn ich alle meyn habe den armen gebe, vnd liesz meynen leyb brennen, vnd hette der liebe nicht, so were myrs nichts nutze.

Die liebe ist langmutig vnd freuntlich, die liebe eyffert nicht, die liebe schalcket nicht, sie blehet sich nicht, sie stellet sich nicht honisch, sie sucht nicht das yhre, sie lest sich nicht erbittern, sie gedenckt nicht arges, sie frewet sich nicht vber der vngerechtickeyt, sie frewet sich aber mit der warheyt, sie vertreget alles, sie glewbet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles, die liebe verfellet nymer mehr, {10}szo doch die weyssagung auffhoren werden, vnd die zungen auffhoren werden, vnd das erkentnis auffhoren wirt.

Denn vnser wissen ist stuckwerck, vnnd vnser weyssagen ist stuckwerck, Wenn aber komen wirt, das volkomene, so wirt das stuckwerck auffhoren. Da ich eyn kind war, da redet ich wie eyn kind, vnd richtet wie eyn kind, vnd hette kindische anschlege, Da ich aber eyn man wart, that ich abe was kindisch war. Wyr sehen ytzt durch eyn spiegel ynn eynem tunckeln wort, denne aber von angesicht zu angesicht. Itzt erkenne ichs stucksweysz, denne aber werd ichs erkennen, gleych wie ich erkennet byn. Nu aber bleybt, glawbe, hoffnung, liebe, dise drey, aber die liebe ist die grossist vnter yhn.

VORLUTHERSCHE ÜBERSETZUNG (NACH DER FÜNFTEN DEUTSCHEN BIBEL, AUGSBURG, ETWA 1473–75, BEI GÜNTHER ZAINER).

Ob ich red in der czungen der aengel und der menschen, aber ich {10} hab der lieb nit, ich bin gemachet als eyn glockspeis lautent oder als ein schell klingent. Und ob ich hab die weyssagung unnd erkennen alle heymlikait unnd alle kunst, unnd ob ich hab allen den gelauben, also das ich uebertrag die baerg, hab ich aber der liebe nit, {20} ich bin nichts. Und ob ich ausztayl alles mein guot in die speys der armen, und ob ich antwurt meinen leyb, also das ich brinne, hab ich aber der liebe nit, es ist mir nichts nutz.

Die lieb ist duldig, sy ist guetig. Die lieb die neyt nit, sy thuodt nit unrecht, sy zerpläet sich nit, sy ist nitt geitzig auf eer, sy suocht nit die ding, die ir seynd, sy wirt nit geraytzet. Sy gedenckt nit das uebel, sy freut sich nit ueber die boszheyt, aber sy mit frouwet sich der warheyt, alle ding uebertregt sy, alle ding gelaubt sy, alle ding hoffet sy, alle dyng duldet sy. Die lieb gevil nye. Es sey das die weyssagungen werden geraumet, oder das die zungen aufhoerent, {30} oder das die wissenheyt werde verwuest.

Wann wir erkennen unvolkumenlich, und weissagen unvolkumenlich. So aber kumpt, das do volkumen ist, so wirt auszgeraumet, das do unvolkumen ist. Do ich klein was, ich redt als ein kleiner, so ich aber bin ein man worden, do han ich auszgeraumet die ding, die do warn des kleinen. Wann nun sehen wir durch den spiegel in bedeckung, aber denn von antlitz zu antlutz. Nu erkenn ich unvolkumenlich, aber denn wird ich erkennen, als auch ich bin erkant. Aber nu beleibent dise drey ding, der gelaub, die hoffnung, die liebe, aber die groesser ausz den ist die liebe.

2. AUS DEM BRIEFE ‘VOM DOLMETSCHEN’ (8 Sept. 1530).

Gnad und Friede in Christo! Erbar, fursichtiger lieber herr vnd Freund! Ich hab ewer Schrifft empfangen mit den zwo Fragen, {10} darin jr meines Berichts begert. Erstlich, warumb ich in der Epistel Röm. 3 die wort S. Pauli Arbitramur hominem justificari ex fide absque operibus legis also verdeudscht habe, Wir halten, das der Mensch gerecht werde, on des Gesetzes werck, allein durch den Glauben, Vnd zeigt daneben an, wie die Papisten sich vber die massen vnnütz machen, weil im text St. Pauli nicht stehet das Wort sola (allein) Vnd sey solcher Zusatz von mir nicht zu leiden in Gottes worten....

Ich weis wol, was fur kunst, vleis, vernunfft, verstand zum guten Dolmetschen gehöret. Es heisst, Ver am Wege bawet, der hat {20} viel Meister, Also gehet mirs auch.... Ich hab mich des gefliessen im dolmetschen, das ich rein vnd klar deudsch geben möchte. Vnd ist vns wol offt begegenet, das wir 14 tage, drey, vier wochen haben ein einiges Wort gesucht vnd gefragt, habens dennoch zuweilen nicht funden. Im Hiob erbeiten wir also, M. Philips, Aurogallus[669] vnd ich, das wir in vier tagen zuweilen kaum drei zeilen kundten fertigen. Lieber, nu es verdeudscht vnd bereit ist, kans ein jeder lesen vnd meistern, Leuft einer jtzt mit den augen durch drey oder vier Bletter, vnd stösst nicht einmal an, wird aber nicht gewar, welche Wacken[670] vnd Klötze da gelegen sind, da {30} er jtzt vber hin gehet wie vber ein gehoffelt Bret, da wir haben must schwitzen vnd vns engsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem wege reumeten, auff das man kündte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist. Aber den Wald vnd die Stöcke ausrotten, und den Acker zurichten, da wil niemand an, Es ist bey der Welt kein danck zu uerdienen, Kann doch Gott selbs mit der Sonnen, ja mit Himel vnd Erden, noch mit seines eigen Sons tod, keinen danck verdienen, Sie sey vnd bleibe Welt ins Teufels namen, weil sie ja nicht anders wil.

Also habe ich hie Röm. 3 fast wol gewusst, das im Lateinischen vnd Griechischen Text das wort sola oder solum nicht stehet, vnd {10} hetten mich solchs die Papisten nicht dürffen leren. War ists, Diese vier buchstaben sola stehen nicht drinnen, welche buchstaben die Eselsköpff ansehen, wie die Küe ein new thor. Sehen aber nicht, das gleichwol die Meinung des Texts in sich hat, vnd wo mans wil klar vnd gewaltiglich verdeudschen, so gehöret es hinein, Denn ich habe Deudsch, nicht Lateinisch noch Griechisch reden wöllen, da ich Deudsch zu reden im Dolmetschen furgenommen hatte. Das ist aber die art vnser Deudschen sprache, wenn sich ein Rede begibt von zweien dingen, der man eins bekennet vnd das ander verneinet, so braucht man des worts (allein) neben dem wort {20} (nicht oder kein), Als wenn man sagt, Der Bawr bringt allein Korn vnd kein Gelt, Item, ich hab warlich jtzt nicht gelt, sondern allein Korn, Ich hab allein gessen und noch nicht getruncken, Hastu allein geschrieben vnd nicht uberlesen? Vnd dergleichen vnzeliche Weise in teglichem brauch. In diesen reden allen, obs gleich die Lateinische oder Griechische Sprache nicht thut, so thuts doch die Deudsche und ist jr art, das sie das wort (Allein) hinzusetzt, auf das das wort (nicht oder kein) deste völliger vnd deutlicher sey. Denn man mus nicht die buchstaben in der Lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deudsch reden, Sondern man mus die Mutter {30} im hause, die Kinder auff der gassen, den gemeinen Man auff dem marckt drumb fragen, vnd denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden, vnd darnach dolmetschen, So verstehen sie es denn und mercken, das man Deudsch mit jnen redet.... So wil ich auch sagen, du holdselige Maria, du liebe Maria, Vnd lasse die Papisten sagen, du vol gnaden Maria. Wer Deudsch kan, der weis wol, welch ein hertzlich fein wort das ist, die liebe Maria, der liebe Gott, der liebe Keiser, der liebe Fürst, der liebe Man, das liebe Kind. Vnd ich weis nicht, ob man das wort liebe, auch so hertzlich vnd gnugsam in Lateinischer oder andern sprachen reden müge, das also dringe vnd klinge ins hertz, durch alle sinne, wie es thut in vnser Sprache....

3. AUS DER PREDIGT ‘DAS MAN KINDER ZUR SCHULEN HALTEN SOLLE’ (1530).

Es meinen wol etliche, das Schreiberampt sey ein leicht, geringe ampt, Aber im Harnisch reiten, hitz, frost, staub, durst vnd ander vngemach leiden, das sey eine erbeit. Ja, das ist das alte gemeine {10} tegliche Liedlin, das keiner sihet, wo den andern der schuch druckt; Jederman fület allein sein ungemach und gaffet auff des andern gutgemach. War ist’s: Mir were es schweer, im Harnisch zu reiten; Aber ich wolt auch gern widerumb den Reuter sehen, der mir künde einen gantzen tag still sitzen und in ein Buch sehen, wenn er schon nichts sorgen, tichten, dencken noch lesen solt. Frage einen Cantzelschreiber, Prediger und Redener, was schreiben und reden fur erbeit sey, Frage einen Schulmeister, was leren und knaben zichen fur erbeit sey. Leicht ist die Schreibfedder, das ist war, ist auch kein Handzeug unter allen Handwercken bas zu erzeugen, {20} denn der Schreiberey. Denn sie bedarff allein der gense fittich; der man umbsonst allenthalben genug findet. Aber es mus gleichwol das beste Stücke (als der Kopff) und das edelste glied (als die Zunge) und das höhest werck (als die rede), so am Menschenleibe sind, hieher halten und am meisten erbeiten, da sonst bey andern entweder die faust, füss, rucken oder dergleichen glied allein erbeiten, und können daneben frölich singen und frey schertzen, das ein Schreiber wol lassen mus. Drey finger thuns (sagt man von Schreibern); Aber der ganz Leib und Seel erbeiten dran.

{30} Ich hab von dem löblichen theuren Keiser Maximilian hören sagen, Wenn die grossen Hansen drumb murreten, das er der Schreiber so viel brauchte zu Bottschafften und sonst, das er sol gesagt haben: Wie sol ich thun? sie wöllen sich nicht brauchen lassen, so mus ich Schreiber darzu nemen? Und weiter: Ritter kan ich machen, aber Doctor kan ich nicht machen. So hab ich auch von einem feinen Edelman gehöret, das er sagt: Ich wil meinen Son lassen studiren. Es ist nicht grosse Kunst zwey bein uber ein Ross hengen und Reuter werden; das hat er mir bald gelernt: und ist fein und wol geredt.

Das will ich nicht zur verachtung des reisigen Standes, noch einiges andern Standes, sondern wider die losen Scharhaufen gesagt haben, die alle Lere und Kunst verachten, und nichts rühmen können, denn das sie Harnisch füren und zwey Bein uber ein Ross hengen, wiewol sie solchs selten thun müssen, und dafur das gantze {10} jahr gemach, lust, freude, ehre und guts gnug haben. Es ist wol war, Kunst ist leicht zu tragen (sagt man) und Harnisch schweer zu tragen. Aber widerumb ist Harnisch füren bald gelernet, aber Kunst ist nicht bald gelernet, und nicht leicht zu uben und zu brauchen.

Und das ich dieses Gewesschs ein mal ein ende mache, So sollen wir wissen, dass Gott ein wünderlicher HERR ist. Sein Handwerck ist aus Bettler Herrn machen, gleichwie er aus Nichte alle Ding macht: Solch Handwerck wird im niemand legen noch hindern. Er lessts gar herrlich in aller Welt von sich singen: Ps. 113. Wer {20} ist, wie der Herr, der so hoch sitzt, und so tief hernieder sihet? Der den Geringen auffricht aus dem staube und erhohet den armen aus den kot, Das er jn sitzen lasse unter den Fürsten, ja unter den Fürsten seines Volcks. Sihe dich umb in aller Könige und Fursten höfe und in Stedten und Pfarren, was gilt’s, ob nicht dieser Psalm mit vielen starcken Exempeln drinnen regiret? Da wirstu finden Juristen, Doctores, Rethe, Schreiber, Prediger, die gemeiniglich arm gewest, und ja gewislich allzumal Schüler gewest sind, und durch die Fedder so emporgeschwungen und auffgeflogen, das sie Herrn sind, wie dieser Psalm sagt, und wie die Fürsten Land und {30} Leute regiren helffen. Gott wils nicht haben, das geborne Könige, Fürsten, Herrn und Adel sollen allein regiren und Herrn sein. Er wil auch seine Bettler dabey haben, Sie dechten sonst, die eddel Geburt macht alleine Herrn und Regenten, und nicht Gott alleine.

Man spricht, und ist die wahrheit, der Bapst ist auch ein Schüler gewest: Darumb verachte mir nicht die Gesellen, die fur der thür Panem propter Deum sagen, und den Brodreigen singen; du hörest (wie dieser Psalm sagt) grosse Fürsten und Herrn singen. Ich bin auch ein solcher partecken Hengst[671] gewest, und hab das brot fur den Heusern genomen, sonderlich zu Eisenach in meiner lieben Stad; wi wol mich hernach mein lieber Vater, mit aller liebe und trew in der Hohenschulen zu Erffurt hielt, und durch seinen sauern schweis und erbeit dahin geholffen hat, da ich hin komen bin. Aber dennoch bin ich ein Parteckenhengst gewest, Und nach diesem Psalm, durch die Schreibfedder so fern kommen, das ich jtzt noch wolt mit dem türckischen Keiser beuten, das ich sein Gut solt haben, und meiner Kunst emperen. Ja ich wolt der Welt gut {10} vielmal geheufft nicht dafur nemen, Und were doch on zweivel nicht dahin komen, wo ich nicht in die Schule und ins Schreiberhandwerck were geraten.

Darumb las deinen Son getrost studiren, Und solt er auch dieweil nach Brod gehen, so gibstu unserm HERRN Gott ein feines Höltzlin, da er dir einen Herrn aus schnitzen kan. Es wird doch dabey bleyben, das dein und mein Son, das ist, gemeiner Leute kinder, werden die Welt müssen regiren beide in geistlichem und weltlichem Stande, wie dieser Psalm zeuget. Denn die reichen Geitzwanste könnens und wollens nicht thun; Sie sind des {20} Mammon Cartheuser und Münche, des müssen sie tag und nacht warten. So vermügens die gebornen Fürsten und Herrn alleine nicht, und sonderlich vermügen sie das geistlich Ampt gar nichts verstehn: Also mus wol beide Regiment auff Erden bleiben bey den armen mittelmessigen und gemeinen Leuten und bey jren Kindern....

4.

Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, Und steur des Papsts und Türkenmord, Die Jesum Christum deinen Sohn Stürzen wollen von seinem Thron. Beweis dein Macht, Herr Jesu Christ, 30 Der du ein Herr all’r Herrn bist, Beschirm dein arme Christenheit, Dass sie dich lob in Ewigkeit. Gott heiliger Geist, du Tröster werth, Gieb deinem Volk einerlei Sinn auf Erd, Steh bei uns in der letzten Noth, G’leit uns ins Leben aus dem Tod. (1511).

5.

Ein feste burg ist vnser Gott, ein gute wehr vnd waffen; er hilfft vns frey aus aller not, die vns itzt hat betroffen. Der alt böse feind, mit ernst ers itzt meint; 10 gros macht vnd viel list sein grausam rüstung ist; auff erd ist nicht seins gleichen. Vnd wenn die welt voll Teuffel wer vnd wolt vns gar verschlingen, so fürchten wir vns nicht so ser; es sol vns doch gelingen. Der Fürst dieser welt, wie sawr er sich stelt, thut er vns doch nicht: 20 das macht, er ist gericht; ein wörtlin kan jn fellen. Mit vnser macht ist nichts gethan; wir sind gar bald verloren. Es streit für vns der rechte man den Gott hat selbs erkoren. Fragstu, wer der ist? Er heisst Jhesus Christ, 10 der HERR Zebaoth; vnd ist kein ander Gott; das felt mus er behalten. Das wort sie söllen lassen stan vnd kein danck dazu haben. Er ist bey vns wol auff dem plan mit seinem Geist vnd gaben. Nemen sie den leib, gut, ehr, kind vnd weib: las faren dahin! 20 sie habens kein gewin; das Reich mus vns doch bleiben.

6. SCHERTZSCHRIFFT D. M. L. AN SEINE TISCHGESELLEN, VON DER DOLEN VND KRAEN REICHSTAGE, DAHINTER DOCH EIN RECHTER GROSSER ERNST IST.

Gnade vnd Friede in Christo, Lieben Herren vnd Freunde. Ich hab ewer aller Schreiben empfangen, vnd, wie es allenthalben zustehet, vernomen. Auff dass jr nu widerumb vernemet, wie es hie zustehet, füge ich Euch zu wissen, das wir, nemlich Ich, M. {30} Veit und Ciriacus, nicht auff den Reichstag gen Augsburg ziehen, wir sind aber sonst wol auff einen andern Reichstag komen. Es ist ein Rubet[672] gleich für vnserm Fenster hinunter, wie ein kleiner Wald, da haben die Dolen vnd Kraen einen Reichstag hingelegt, da ist ein solch zu vnd abreiten, ein solch geschrey, tag vnd nacht, one auffhören, als weren sie alle truncken, voll vnd toll; da geckt[673] Jung vnd Alt durch einander, das mich wundert, wie Stim vnd Odem so lang wehren möge, vnd möcht gerne wissen, ob auch solches Adels vnd reisigen Zeugs auch etliche noch bey euch weren: mich dünckt, sie seien aus aller Welt hieher versamlet. Ich hab jren Keiser noch nicht gesehen, aber sonst schweben vnd {10} schwentzen der Adel vnd grossen Hansen jmer für vnsern Augen, nicht fast köstlich gekleidet, sondern einfeltig in einerley farbe, alle gleich Schwartz, vnd alle gleich Grawaugig, singen alle gleich einen gesang, doch mit lieblichem vnterscheid der jungen vnd der alten, grossen vnd kleinen. Sie achten auch nicht der grossen Pallast vnd Saal, denn jr Saal ist gewelbet mit dem schonen weiten Himel, jr boden ist eitel Feld, getefelt mit hübschen grünen zweigen; so sind die Wende so weit als der welt Ende. Sie fragen auch nichts nach Rossen vnd Harnisch, sie haben gefidderte[674] Reder, damit sie auch den Büchsen empfliehen vnd eim zorn {20} entsitzen[675] können.

Es sind grosse mechtige Herrn; was sie aber beschliessen, weis ich noch nicht. So viel ich aber von einem Dolmetscher hab vernomen, haben sie für einen gewaltigen zug vnd streit wider Weitzen, gersten, haffern, maltz vnd allerley korn vnd getreidig[676], vnd wird mancher Ritter hie werden vnd grosse Thaten thun.

Also sitzen wir hie im Reichstag, hören vnd sehen zu mit grosser lust vnd liebe, wie die Fürsten vnd Herrn, sampt andern Stenden des Reichs, so frölich singen vnd wolleben. Aber sonderliche Freude haben wir, wenn wir sehen, wie ritterlich sie schwentzen[677], {30} den Schnabel wisschen vnd die Wehr stürtzen[678], das sie siegen vnd ehre einlegen wider Korr vnd Maltz. Wir wündschen jnen glück vnd heil, das sie allzumal an einen Zaunstecken gespiesset weren. Ich halt aber, es sey nichts anders, denn die Sophisten vnd Papisten mit jrem predigen vnd schreiben: die mus ich alle auff eim Hauffen also für mir haben, auff das ich höre jre leibliche stimme vnd predigten, vnd sehe, wie seer nützlich Volck es ist, alles zuuerzeren, was auff Erden ist, vnd dafür gecken für die lange weil.

Heute haben wir die erste Nachtigal gehöret, denn sie hat dem Aprill nicht wöllen trawen. Es ist bisher eitel köstlich wetter gewest, hat noch nie geregnet, one gestern ein wenig. Bey euch wirds vielleicht anders sein. Hiemit Gott befohlen, vnd haltet wol Haus.

Aus dem Reichstag der Maltztürcken. XXVIII. Aprilis. Anno M. D. XXX.

Martinus Luther D.

7. {10} AUS WIDER HANS WORST.

ES hat der von Brunsuig zu Wolfenbuttel itzt aber mal ein lesterschrifft lassen ausgehen, darin er an meines Gnedigsten Herrn des Churfursten zu Sachsen ehren, seinen grind[679] vnd gnatz[680] zu reiben furgenomen, auch mich zweimal angetastet vnd gelocket. Erstlich da er schreibt. Ich hab meinen Gnedigsten Herrn, Hans Worst genennet, Darnach die gantze heubtsache des Glaubens angreifft, der ich mich mus bekennen der furnemesten Lerer einen zu dieser zeit. Da flucht, lestert, plerret, zerret[681], schreiet, vnd speiet er also, das wenn solche wort mündlich von jm gehöret würden, so {20} würde jederman mit keten vnd stangen zulauffen, als zu einem der mit einer Legion Teuffel (wie der im Euangelio) besessen were, das man jn binden vnd fangen muste. Wie wol ich aber den vnfletigen man nicht werd achte, das ich jm einen buchstaben antworten wolte, doch weil ers nicht allein ist, wil ich den vnsern etwas zureden geben.

Fur mich zwar zureden, hab ichs seer gerne, das solcher art bücher wider mich geschrieben werden, denn es thut mir nicht allein im hertzen, sondern auch in der kniekele vnd fersen sanfft, wenn ich mercke, das durch mich armen elenden menschen, Gott {30} der HErr, beide die hellischen vnd weltlichen Fürsten, also erbittert vnd vnsinnig macht, das sie fur bosheit sich zureissen vnd zubersten wollen, Vnd ich die weil vnter des Glaubens vnd Vater vnsers schatten sitze vnd lache, des Teuffels vnd seiner schupen[682] in jrem grossen zorn, plerren vnd zerren. Damit sie doch nichts ausrichten, on das sie jre sache teglich erger vnd meine (das ist Gottes) sache fordern vnd besser machen. Vnd wenn sie es könten leiden oder verstehen, wolt ich jnen darfur gedanckt haben vnd bitten, das sie on vnterlas solche Bücher wider mich schrieben, solch zerren vnd plerren trieben sampt allen Teuffeln in der Hellen. Wie künd ich sie besser plagen, denn dauon werde ich jung vnd frisch, starck vnd frölich.

Denn solche Bücher alle, wenn der selben so viel tausent weren, als der zu Wolffenbüttel lügen vnd vntugent an sich hat, vnd alle {10} tage vnd stunde so viel geschrieben würden, sind sie doch leichtlich zuuerantworten mit einem wortlin, das heist, Teuffel du leugest, wie denn der hohmutige Bettler Doct. Luther in seinem liedlin stöltzlich vnd verdrieslich singet, Ein wörtlin kan jn fellen. Der halben weil der Teuffel in seinem Heintzen zu Wolffenbüttel, so zornig ist, vnd die lügen so genaw sucht, das er an mir auch mit dem wort, Hans Worst, wil ritter werden, gedencke ich nicht viel noch besonders seinem verdampten gefangenen Heintzen zu antworten, als der nicht wirdig bey mir geacht, das ich an jn dencken wolt. Sondern wil dem selben seine ehre lassen suchen wie er kan, {20} denn er sol wol tausent jar süchen, ehe er ein kleines harlin dauon finden wird. Von Hans Worst wil ich erstlich ein wenig sagen.

Wie gar gern von grund aller seiner krefften der Teuffel leuget, zeiget er hie, auch da mit an, das er so aus der massen genaw durch seinen Heintzen zu Wolffenbüttel zu liegen sucht, da ich warlich gemeinet vnd mich nicht versehen hette, das der hohmütige Geist solte solche lecherliche, kindische vrsache zu liegen süchen, so er wol andere vrsachen hat, on das es mus sein, wie man spricht. Wer gern lachet, der kutzelt sich selbs, Also auch wer gern leuget, der mus auch liegen wenn er die warheit sagt, wie Chrysippus sagt. {30} Denn du zorniges Geistlin weissest wol, dein besessener Heintz auch sampt ewren Tichtern vnd schreibern, das dis wort, Hans Worst, nicht mein ist, noch von mir erfunden, Sondern von andern leuten gebraucht wider die groben tolpel, so klug sein wollen, doch vngereimbt vnd vngeschickt zur sachen reden vnd thun. Also hab ichs auch offt gebraucht, sonderlich vnd allermeist in der Predigt. Vnd weis mich nicht zu erinnern in meinem gewissen, das ich jemals eine Person in sonderheit gemeinet hette, weder feind noch freund. Sondern wie die sachen sich zugetragen, so hab ichs gebraucht. Denn es solte mich nicht hel haben zubekennen, wo ich mir bewust were, welche person ich gemeinet hette, wens gleich dein Heintz von Wolffenbuttel selbs were mit allem seinem anhang, ich wolts zu recht fur euch allen, von Gottes gnaden, wol verteidigen.

Aus dem folget nu, weil du vnd dein Heintz so vnuerschampt lieget vnd die lügen so genaw suchet, das auch durch gantz ewr Buch in grössern sachen, nichts denn eitel lügen sein wird, wie {10} vnser HERr spricht, wer im geringen vntrew ist, der ist auch im grossen vntrew. Wer sich kleiner vnnötiger lügen nicht enthalten kan, wie kan sich der aller ander grossen lügen enthalten? Ja weil dein Heintz vnd du solche grobe tolpel seid, das jr gemeinet, solcher fauler, lamer zote solte in diesen sachen mir schaden thun, oder euch glimpff bringen, so seid jr beide die rechten hans worst, tolpel, knebel[683] vnd rültze[684], Vnd wil hiemit euch beiden geantwort haben das jr alle beide, Vater vnd Son, seid verzweiuelte, ehrlose, verlogene böswichter, da jr sagt, ich habe meinen Gnedigesten Herrn, Hans worst genennet, Keiner antwort darffs mehr auff {20} solche wörstliche kunst.

ULRICH VON HUTTEN.

[Scherer D. 286, E. 283.]

Geboren 1488 auf dem Schlosse Steckelberg bei Fulda. Ein ritterlicher Vorkämpfer der Reformation. Er schrieb erst meist lateinisch, später deutsch für das Volk. Starb 1523 auf der Insel Ufnau im Zürichersee. Seine Werke sind zuletzt herausgegeben von Böcking (Leipzig 1859–1862, 5 Bde. mit 2 Supplementbänden). Die Gespräche sind übersetzt und erläutert von Strauss (Leipzig 1860). Vgl. Strauss ‘Ulrich von Hutten’ (Leipzig 1857, Bonn 1871, 2 Bde.)

1. AIN NEW LIED HERR VLRICHS VON HUTTEN.

Ich habs gewagt mit sinnen und trag des noch kain rew. Mag ich nit dran gewinnen, noch muss man spüren trew. Dar mit ich main: nit aim allain, wen man es wolt erkennen, dem land zu gut, wie wol man tut ein pfaffen feint mich nennen. Da lass ich ieden liegen und reden, was er wil; Het warhait ich geschwigen, mir weren hulder vil. 10 Nun hab ichs gsagt, bin drumb verjagt, das klag ich allen frummen, wie wol noch ich nit weiter flich, villeicht werd wider kummen. Umb gnad wil ich nit bitten, die weil ich bin on schult; Ich het das recht gelitten, so hindert ungedult[685], 20 Dass man mich nit nach altem sit zu ghör hat kummen lassen! villeicht wils got und zwingt sie not zu handlen diser massen. Nun ist oft diser gleichen geschehen auch hie vor, Dass ainer von den reichen ain gutes spil verlor. 30 Oft grosser flam von fünklin kam: Wer waiss, ob ichs werd rechen! stat schon im lauf, so setz ich drauf: muss gan oder brechen! Dar neben mich zu trösten mit gutem gwissen hab, Das kainer von den bösten mir er mag brechen ab Noch sagen, dass uff ainig mass ich anders sei gegangen 10 dan eren nach, hab dise sach in gutem angefangen. Wil nun ir selbs nit raten dis frumme nation, Irs schadens sich ergatten[686], als ich vermanet han, So ist mir laid; hie mit ich schaid, wil mengen bass die karten. 20 bin unverzagt: ich habs gewagt und wil des ends erwarten. Ob dan mir nach tut denken der curtisanen list: Ain herz last sich nit krenken, das rechter mainung ist. Ich waiss noch vil, wöln auch ins spil, und soltens drüber sterben. 30 auf, landsknecht gut und reuters mut, last Hutten nit verderben!

2. AUS DER AN FRANZ VON SICKINGEN GERICHTETEN VORREDE ZU DEN GESPRÄCHBÜCHLEIN VOM JAHRE 1521.

— — Für solche deine wohlthat[687] dir genuogsamen danck sagen, hab ich nit mangel an gemüt[688] vnd willen, sonder am glück vnd vermögen gebrechen. Würt mir aber ye ein bessere zeyt erscheinen vnd sich anderung des glückes (als dann mein freye hoffnung zuo gott) begeben, wil ich dir, allem meinen vermögen nach, der massen wider thienen, das du ye vffs wenigest mich keinen fleiss, dir danckbarkeit zuo erzöigen, gespart haben[689], spüren solt, vnd mitler {10} zeyt[690] mit dem, das mir kein frevel noch gewalt, kein trotz noch übermacht, kein armuot noch ellend benemen mag, das ist: mit krefften meiner synnen vnd vermögen der verstäntnuss[691] trewlich vnd fleissigklich thienen, auch dir yetzo, wie ettwan Virgilius den zweyen wolverthienten jünglingen[692], zuo gesagt haben:

Wo etzwas mein geschrifft vermag, Dein lob muossz sterben keinen tag.

Wiewol, ob du dich schon gegen mir der massen (wie obberürt) nit gehalten, hettest du dannocht on das mit deinen ritterlichen eerlichen[693] gethaten verthient, das ich vnd alle, deren vermögen ist, {20} gegenwärtige oder vergangene ding durch behelff der geschrifft in erkantnuss zuokünftiger zeyt bringen, deinen namen vss dunckelem vergessz in das lyecht der ewigen gedechtnuss setzeten. Dann, on schmeychelen vnd liebkossen zuo reden, bist du, der zuo disser zeyt, do yederman bedäucht, Teütscher Adel hette etzwas an strengkeit[694] gemüten[695] abgenommen, dich der masszen erzöigt[696] vnnd bewissen hast, das man sehen mag Teütsch bluot noch nit versygen, noch das adelich Teütscher tugend gantz aussgewurtzelt sein. Vnnd ist zuo wünschen vnd zu bitten, das gott vnserem haubt, keysser Carlen, deiner tugenthafftigen vnerschrockenen muotsamkeit erkentnuss jngebe, damit er dich deiner geschicklichkeit nach in hohen trefflichen seinen händeln, das Römisch Reich oder auch gantze Christenheit betreffend, so mit rat vnd der that brauche; denn als dann würde frücht deiner tugend zuo weiterem nutz komen. Fürwar, einen solchen muot solt man nit ruowen lassen, noch innwendig bezyrcks[697] kleiner Sachen gebraucht werden lassen. Aber ich hab mir nit fürgenommen, in disser vorred dein lob zuobeschreiben, sonder einmal meinem hertzen, das gesteckt voll guoter gedäncken vnd freüntlicher guotwilligkeit, die ich gegen deinen vnwidergeltlichen {10} an mir begangenen wolthaten, die doch du noch täglich ye mer vnd mer überhauffest, trag, einen lufft geben, schenck dir zuo dissem newen jar die nachfolgende meine büchlin, die ich in nechst verschinenen[698] tagen in der gerechtigkeit (wie vor genannt) herbergen[699] eylendts vnd on grösseren fleiss verteütscht hab; vnnd wünsch dir damit, nitt, als wir offt vnserenn freünden pflegen, ein fröliche sanffte ruo, sonder grossze, ernstliche, dapfere vnd arbeitsame geschäfft, darinn du vilen menschen zuo guot dein stoltzes heldisch gemuot brauchen vnd üben mögest. Darzuo wöl dir gott glück, heyl vnd wolfarn verleyhen.

{20} Geben zu Ebernburgk, vff den heyligen newen jars abent, im jar nach Cristi geburt MCCCCC. vnd einvndzweintzigsten.

NICLAS MANUEL.

[Scherer D. 286, E. 284.]

Geboren etwa 1484 zu Bern; Maler, Staatsmann und Soldat. Er schrieb reformatorische Tendenzdramen, einen poetischen Dialog und einen prosaischen Dialog ‘die Krankheit der Messe’ 1528. Er starb 1530. Herausgegeben von Grüneisen (Stuttgart 1837); Bächtold (Frauenfeld 1878).

DIE KRANKHEIT DER MESSE.

Cuderli Nebelkapp.

Land üch lingen[700] ir herren, die arzet! dann die Mess ist ie lenger ie schwecher, sie kürblet[701] und lurket[702] an der red.

Doctor Schryegk[703].

Herr früemesser, bringend uns unsern herrgott, dass wir sie versorgend!

Früemesser[704].

Herr doctor, ich mag in nit erlangen! der himel ist sin stůl und die erd sin fůssschemel, wie möcht ich in erlüpfen[705]?

Doctor Schryegk.

Ich mein, du syest völler narren, dann der summer mugken! bring uns unsern herrgott, oder du můst gen Costenz uf die schiben[706], {10} bi dem gott, den ich hüt gehept und gelegt hab.

Früemesser.

Hand ir in hüt gehept, wo hand ir in hingelegt?

Doctor Heioho[707].

Ich hab in gessen, weistu’s nun? ich hab in gessen.

Früemesser.

Ich mein, ir syend völler fantasten, dann ein zotteter hund flöchen im ougsten[708], und unsinniger, dann die süw[709], die sich im meer ertrankten, Matth. am viii ca. Hand ir in hüt gessen, wo sol dann ich in nemen? Lieber, ja schickend eins wegs nach dem {20} wind, der üch fern[710] das hüetlin abwarf und heissend mich glich ouch S. Bernharts berg zum goltschmid dragen, dass er in in ein gulden ring fasse, an ein finger zů stecken! Das sind mir gůt sachen!

Doctor Heioho.

Nit vil gespeiws[711] und wenig kramanzens[712]! nemend die schlüssel und bringend uns us dem sacramenthüsli den zarten fronlichnam Christi!

Früemesser.

Er sitzt zů der gerechten sins vaters im himel, oder unsere artickel des waren christlichen gloubens, ja die ganz heilig geschrift müest falsch sin; er ist erstanden und ist nit hie. Luce am xxiiii. Grifend ir ufhin und nemend in abher, ich bin im zů kurz, ir aber sind gross Hansen[713]!

Doctor Heioho.

Schnell bring uns du, caplan, das heilig öl! die zit nahet sich.

Caplan.

{10} Ich merk wol, ir meinend das öl, das man vom bischof kouft hat; des ist nit mer im büchslin, der sigrist[714] hat die schůch mit gesalbet.

Doctor Heioho.

So ist er im ban, da mag im niemant vor sin! er můss es tür gnůg bezalen.

Doctor Schryegk.

Schnell bringend ein liecht! louf zum beinhus! bi den ampelen zünd an wunder behend!

Sixst Stichdennebel.

{20} Do ist weder für noch liecht, kerzen noch ampelen; ir send[715] sin nun nüt denken! es sind dis jars ob den zehen tusent müs und ratzen hungers tot, und küechlet[716] des kilchherrn junkfrouw nit halb als vil, als vor vier jaren.

Doctor Heioho.

So hör ich wol, man brent den lieben selen weder öle, anken[717] noch unschlit und tůt inen nüt gůts nach. Dass gott erbarm, warzů ist es komen! Wer hat die irrung hie pflanzet, oder was ist die ursach?

Pauli Wattimtauw[718].

{30} Als der römisch versprochen aplass so vil schuldig was und gelten solt, dass er mit dem schelmen vom land můst loufen, hat er vor und e den nachtliechtern grosse ding verheissen; darumb sind sie im nachzogen, aber sie werdent alle erlöschen, ob sie in betretend, sonder so sie nit zůschub, stür[719] und hitz vom fegfür hand.

Burki Reigelbett[720].

Was darf man ir, der nachtliechter? die totenschedel sehend nüt, so tanzen die hülznen götzen nit; so hat gott erschaffen alle liechter, himelisch und irdisch, bi im ist die ewig klarheit und kein finsternuss. Darumb ist es ein heidnische torheit, im understan mit liechtern zů dienen.

{10} Doctor Thoman Katzenlied[721].

Bringend uns doch ein wenig palmen[722], dass wir ein gesegneten rouch machend für das bös gespenst[723]!

Wolfgang Adlerei[724].

Die wiber hand vor vier jaren das fleisch mit gereucht und sidher kein nimmermer lassen beschweren.

Doctor Lügegk[725].

Wo nun us? sprach der fuchs in der fallen; ietz sind wir im meer on schiff und růder. Wer kan kuechlen on für und anken, oder on federen fliegen? Es wär glich als müglich, das ganz meer {20} an den regenbogen zů henken wie ein brotwurst an ein stecken, dass es tüerr und drucken[726] wurd, als diser Mess zů helfen, so sie schon verlorn hat die rechten herzadern, nemlich das fegfür, welches in siner flucht mit im hinweg gefüert hat begrebt, dritten, sibenden, drissgost[727], vigilg und jarzit, sampt iren opfern, liechtern, wiewasser, öl und palmen. Nun rat, räter gůt, wie wir unbrämpt[728] vom kessel komend, es hilft doch weder schryen noch salben.

Doctor Heioho.

Sölt sie uns undern henden sterben, so wurd uns nüt für den arzetlon; darumb wil not sin, uns von hinnen zů füegen! ob sie {30} denn in unserm abwesen stirbt, so wend wir sprechen, sie si ermördt.

Doctor Schryegk.

Ich folg, ir hand’s erraten und wol troffen! hetten wir die hamerankensalb[729], so wir verschmirbt hand, wider in der büchsen, wir wöltend uns selber mit salben. Das ist nun ein verlorne red, bringt eben als vil frucht, als vogellim im pfeffer. Ich rat, wir ritend von hinnen, und wer uns fragt: wie stat es umb die Mess? wend wir antwurten: wol, wol, marter liden wol[730]! sie hatt’ gestern ein vortanz mit dem legaten.

Doctor Lügegken knecht, Fäit Verzechdenstifel.

{10} Potz marter, herr! wo wölt ir mit den süwen[731] allen hin, die ir dise jar mit üch heim bringend? Man würt uns für fürköufer uffahen.

Doctor Schryegk.

Lass meich ungefatzt[732]! dass deich sant Veltins arbeit besteh, els[733] bůben! eich hab sunst gnůg, das meich betrübt, woltst du meich erst gespoien[734]?

Datum zů Bergkwasser wind, nebem stuben offen, vff der zůkunfft des Herren Nachtmals. M.D. XXVIII.

BARTHOLOMÄUS RINGWALD.

[Scherer D. 290, E. 286.]

Geboren 1530 zu Frankfurt an der Oder; 1557 Prediger, 1567 Pfarrer in der Neumark. Starb gegen 1600. Er verfasste ausser zahlreichen geistlichen Gesängen zwei Lehrgedichte und einige Schauspiele. Vgl. Hoffmann, Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte, II (Leipzig 1844).

{20} DIE LAUTER WARHEIT.

EIN LIED DER KRIEGSLEUTE, WIDER DEN ERBFEIND, IM THON, VOM STÖRTZEBECHER, ETC.

NVn mach dich eilends auff, du Teutsche Nation, denn sih es kömpt ein Hauff, vons Türckischen Keysers Kron, mit Spiessen vnd Hellparten, mit Ross vnd Wagen viel, vnd Bogen ohne Ziel, in Vngern wolln sie warten. Gemelte lose Leut, die rühmen sich gar frey, wie dass sie grosse Beut, von dingen mancherley, vns wollen abestreiffen. daneben alle Fest, 10 vnd Wien die allerbest, zubrechen vnd zuschleiffen. Sie drawen[735] auch gar frech, dass sie ohn widerstand, mit Puluer vnnd mit Bech[736], das gantze Teutsche Land, stracks wollen niderbrennen, vnd aller Menschen Schar, im Blut erseuffen gar, die Jesum Christ bekennen. 20 Darumb so nemet bald die Rüstung von der Wand vnd macht euch jung vnd alt, hinein ins Vngerland mit Harnisch, Spiess vnnd Degen, mit hurtigem Geschoss, zu fuss vnd auch zu Ross, vnd zieht dem feind entgegen. Vnd wenn jhr kommen seid dahin mit ewer Wehr, 30 so fürchtet nicht ein meit[737], das wunderliche Heer, in sich gar hoch vermessen, Seht sie nur tapffer an, in Gott dem starcken Man, sie werden euch nicht fressen. Doch nemet euch in acht, an diesem scharffen Tantz, seid nüchtern, bett vnd wacht, vnnd stercket ewre Schantz, bey tag vnd auch bey nachte, vnnd schickt euch alle stund, 10 als solt jhr mit dem Hund, rümbspringen in der Schlachte. Vnd da jhr vnterweil mit jm scharmützeln müst, so seid mit ewrem Pfeil, des Glaubens wol gerüst, vnd rückt hinein mit freuden, vnd brent sie mit dem kraut, geschwinde auff die haut, sie werdens vbel leiden. 20 Vnd da in solchem Ritt, ein Man zwey oder drey, im Felde blieben mit, was wer es vor Geschrey, was könt ein solches machen, Dieweil dieselben fein, in GOTT verschieden sein, und in dem Himmel lachen. Ach wie kan doch ein Man, in dieser argen welt, 30 sein Leben besser lan, dieweil er in dem feld, auff CHRIstum wird erschossen, dieweil er auch sein Blut, der Christenheit zu gut, gar willig hat vergossen. Deshalben seid getrost, jr Reuter vnd jhr Knecht, frey in die Feinde stost, gar Ritterlichen fecht, vnd seid also gesunnen, Ir sieget oder falt, den Glauben doch behalt, 10 vnd habt in Gott gewonnen. Darumb wenn nun der Feind, ir seiner grossen macht, euch anzugreiffen meint, mit einer feldesschlacht, vnd kömpt daher gedrungen, in hesslicher gestalt, wie ein verdorrter Wald, geschriehen vnd geklungen. So seid nur wolgemut, 20 gedenckt an Jesum Christ, der mit der Engel Hut, forn an der spitzen ist, Den angriff erst zu setzen, da er mit eime stich, die feinde wünderlich, wird schrecken vnd verletzen. Vnd wenn jhr so mit Gott, vnnd Gideonis Schwert, die lesterliche Rott, 30 behertzt angreiffen werd, So wird jhr Ross vnd Wagen, darzu der Man im helm, gleich wie ein schlimmer Schelm, erschrecken vnd verzagen. Derwegen rückt hinan, macht ewer Euglein auff, vnd schlagt in Gottes Nam, mit allen freuden drauff, Der Heiland wird euch stercken, vnnd seine Herrligkeit, 10 bey euch in diesem Streit, gewaltig lan vermercken. Vnd da jr nun befind, das GOTTes starcke Hand, hab ewer Feinde blind, was in die Flucht gewandt, Der Christenheit zu gute, so schmeist ja ferner zu, Last jhnen keine ruh, Wascht euch in jhrem Blute. 20 Das helff euch ja die Krafft, des HErren Jesu Christ, der in der Ritterschafft der beste Kempffer ist, Vnnd kann mit schlechtem sprechen, all seiner Feinde Macht, wie gros sie wird geacht, im Augenblick zu brechen, Amen.

FRIEDRICH DEDEKIND.

[Scherer D. 291, E. 287.]

Geboren als Sohn eines Fleischers zu Neustadt an der Leine, 1551 Pastor zu Neustadt, 1576 zu Lüneburg, wo er 1598 als Superintendent starb. Er dichtete als Wittenberger Student 1549 den ‘Grobianus’ und später geistliche Dramen. Der Grobianus wurde 1551 von Kaspar Scheidt, einem Wormser Schulmeister, verdeutscht. Herausgegeben von Milchsack (Halle, 1882).

GROBIANUS.

Vng gentil ueau.

Wer dir begegnet auff der strassen, Den soltu für sich ziehen lassen, Vnangeredt, on grůss, on bscheidt, Diss ist der groben leut sententz, On alle zucht vnd freundtlichkeit, Ob er schon gleich vom Adel her, Oder ein Burgermeister wer, Sie thůnd niemandt kein reuerentz. Oder sunst säss in rhat vnd gricht, Oder die jugent vnderricht, Ein Doctor oder Predicant, 10 Rhatgeber, oder aussgesandt, Vnd wie solch Herren sind genant, Die gůt leer vnd exempel geben, Vnd füren ein vnsträflich leben: So gib bey leib kein achtung drauff, Wo wolt der filtz ein ander filtzhütlin nemen. Vnd lass dein schön filtzhütlin auff: Dann soltst dus offt heraber rauffen[738], Wie bald müst du ein anders kauffen? Vnd sind darzů solch hütlin thewr, Wer gäb dir etwas dran zu stewr[739]? 20 Hüt dich vor solchem kappen rucken, Mit neigen vnd paretlin zucken. Im winter ist der lufft zu kalt, Vnd ist dein har nicht wol gestalt, Zeuchstu das hütlin dann hernider, Vnd wilts dann gleich auff setzen wider, Wer möcht der arbeit zůkomen. So komen dann gleich ander Herren, Vnd můsts wider heraber zerren. Wer liess dem armen hütlin rhů? Vnd wer verloren müh darzů: Lůg ob man dir dergleichen thů. Verware das grob häuptgen. Geh still für vber, vnd passier, Dass dir dein häuptlin nicht erfrier, (Darin du hast so seltzam meuss, Vnd druff ein walt, darin vil leuss.) 10 Das ist in schimpff geredt, bedenckt es aber niemand mit ernst. Darneben vnsern stand betracht, Sind wir nicht all auss leymen[740] gmacht? Wer kan jm etwas setzen zu, Ist er dann gschickter weder[741] du? So sterben täglich hin zu gleich, Jung, alt, feisst, mager, arm, vnd reich. Sprich, wir sind erden[742] all zumal, Ich gäb kein nestel[743] vmb die wal, Darumb will ich kein brangens[744] treiben, Clotho colum baiulat, Lachesis filat, Atropos occat. Ir lasst mich doch wol bey euch bleiben. 20 Clotho jr werck hat zů gericht, Atropos niemandt vbersicht, Wann sie den letsten faden bricht: Hat sie auch je verschont eim reichen? Warumb solt ich dann jemands weichen? Trasones nostri et elati milites. Vnd breit dich auss, vnd brang dahin, Vnd nimb die halben gassen ein, Vnd stoss ein andren an ein seiten, Sprich, lantzman hebah[745], gib mir weiten. Du aber gib niemandt kein platz, 30 12. Mit solchen geseln ist gůt spatzieren gehen. Vnd was du magst thů jn zu tratz [746]. So du spatzieren wilt zu zeiten, Mit gsellen oder erbarn leuten, Ob er schon gschickter ist dann du, Vnd hat mehr ehr vnd gůt darzů, So will ich dir ein regel deuten, Geh allzeit auff der rechten seiten, Dass er zur lincken geh daher, Als ob er dein Discipel wer.

JOHANN FISCHART, GENANNT MENTZER.

[Scherer D. 291, E. 288.]

Geboren zu Mainz um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, erzogen zu Worms, bildete sich auf vielen und weiten Reisen, ward 1574 in Basel zum Doctor juris promoviert, lebte dann in Strassburg, Speyer und Forbach, wo er 1590 als Amtmann starb. Seine Werke sind sehr zahlreich. Er verfasste Übersetzungen, Bearbeitungen, originale Arbeiten, in Prosa und in Versen; satirischen und didaktischen Inhalts; auch Psalmen und andere geistliche Gesänge. Er war der gewaltigste protestantische Publicist nach Luther. Am bekanntesten ist seine Nachahmung Rabelais’, die ‘Affentheurliche, Naupengeheurliche Geschichtklitterung: Von Thaten vnd Rhaten der vor kurtzen, langen vnnd je weilen Vollenwolbeschreiten Helden vnd Herren: Grandgoschier, Gorgellantua vnd dess dess Eiteldurstlichen Durchdurstlechtgien Fürsten Pantagruel von Durstwelten, Königen in Vtopien, Jederwelt Nullatenenten vn̄ Nienenreich etc. etc. Durch Huldrich Elloposcleron. Getruckt zur Grensin im Gånsserich.’ (Berlin) 1590. Erste Ausgabe 1575. Herausgegeben von Kurz (3 Bde. Leipzig, 1866–67); Gödeke (Leipzig, 1880).

1. ERNSTLICHE ERMANUNG AN DIE LIEBEN TEUTSCHEN, AUS ANLASS DIESES BEIGESETZTEN BILDS DES TEUTSCHLANDS ANGEBRACHT.

Was hilfts, o Teutschland, das dir gfalt Diss bild, so herlich sighaft gstalt[747], Das es bedeit[748] der Teutschen macht, 10 Die unter sich der welt macht bracht, Und das du weisst, das dein uralten Den namen mit rum han erhalten, Wann du dasselbig lasst veralten, Was dein voralten dir erhalten; Wann nicht dasselbig wilt verwaren, Was dein Vorfaren dir vorsparen[749]; Wann nicht den namen wilt vermeren, Der auf dich erbt von grossen eren? Was ists, das man sich rümet hoch Der eltern und folgt in nicht noch[750]? Bist aller tugend grosser preiser, Aber der tugend kein erweiser; Tust gut alt sitten hoch erheben Und schickst doch nicht darnach dein leben. Was rümst du dich vil adelichs Und tust doch nichts dann tadelichs? 10 Was rum hat der jung adler doch, Wann er sich rümt der eltern hoch, Wie sie frei wonten in bergsklüften, Und frei regierten in den lüften: Und er sitzt gfesselt auf der stangen, Muss, was der mensch nur wil, im fangen! Also, was ist dir für ein ehr, Wann rümst die alten Teutschen sehr, Wie sie für ire freiheit stritten Und keinen bösen nachbarn litten, 20 Und du achtst nicht der freiheit dein, Kanst kaum in deim land sicher sein, Lasst dir dein nachbarn sein pferd binden An deinen zaun fornen und hinden! Sollt auch solch feiger art gebüren, Das sie soll kron und scepter füren? Ja! ir gbürt für den königsstab[751] Ein hölzlin ross, welchs sie nur hab, Und füre für den adler kün Ein bunte atzel[752] nun forthin, 30 Und für den weltapfel ein ball, Den man schlegt, wann er hupft im fall. Weil heut doch schier keim[753] ernst ist mehr, Handzuhaben freiheit und ehr; Sonder man scherzt nur mit der freiheit, Sucht fremde sitten, brauch und neuheit, Und für alt teutsch standhaftigkeit Reisst ein weibisch leichtfertigkeit. Drum ist nichts, das man adler fürt, Wann man des adlers mut nicht spürt; Nichts ists, das man fürmalt die welt Und kaum ein stuck der welt erhelt: Sonder man muss erweisen fein Diss, des man wil gerümet sein, Und nicht der alten wacker taten 10 Schenden mit untun ungeraten[754]. Aufrecht, treu, redlich, einig und standhaft, Das gwinnt und erhelt leut und landschaft; Also wird man gleich unsern alten, Also möcht man forthin erhalten Den erenrum auf die nachkomen, Das sie demselben auch nachomen[755]; Und also kan man sein ein schrecken Den nachbarn, das sie uns nicht wecken, Sonder dem hund lan seinen tratz[756], 20 Zu verwaren sein gut und schatz, Gleich wie man deren noch findt etlich, Die solchem rat nachsetzen[757] redlich Und recht bedenken ire würden, Wie ir vorfaren scepter fürten. Gott sterk dem edlen teutschen gblüt Solch anererbt teutsch adlersgmüt. Secht, diss hab als ein Teutscher ich Aus teutschem gblüt treuherziglich Euch Teutschen, die herkommt von helden, 30 Bei diesen helden müssen melden, So bald ich diss teutsch bild schaut an: Gott geb, das ir es recht verstan, Und beides treu seid euern freunden Und auch ein scheu[758] alln euern feinden.

2. AUS DEM GLÜCKHAFTEN SCHIFF.

Da freuten sich die raisgeferten, Als sie den Rein da rauschen hörten, Und wünschten auf ain neues glück, Das glücklich sie der Rein fortschick, Und grüssten jn da mit trommeten: ‘Nun han wir deiner hilf von nöten, O Rein, mit deinem hellen fluss! Dien du uns nun zur fürdernus[759]! Lass uns geniessen deiner gunst! 10 Dieweil du doch entspringst bei uns, Am Vogelberg bei den Luchtmannen[760] Im Rheinzierland[761], von alten anen, Und wir dein tal, dadurch du rinnst, Mit baufeld ziern, dem schönsten dienst. Schalt diss wagschiflein nach begeren[762], Wir wöllen dir es doch vereren[763]; Leit es gen Strassburg, deine zierd, Darfür du gern laufst mit begierd, Weil es dein[764] strom ziert und ergetzt, 20 Gleich wie ein gstain im ring versetzt[765].’ Der Rein mocht dis kaum hören aus, Da wund er um das schiff sich kraus, Macht um die ruder ain weit rad, Und schlug mit freuden ans gestad, Und liess ain rauschend stimm da hören, Draus man mocht dise wort erkleren: ‘Frisch dran, ir liebe eidgenossen!’ Sprach er, ‘frisch dran, seid unverdrossen! Also folgt eueren vorfaren, 30 Die diss taten vor hundert jaren[766]! Also muss man hie rum erjagen, Wann man den alten wil nachschlagen[767]. Von euerer vorfaren wegen Seid ir mir wilkumm hie zugegen. Ir sucht die alt gerechtigkeit[768], Die euer alten han bereit[769]; Dieselbig will ich euch gern gonnen, Wie es die alten han gewonnen. Ich waiss, ich werd noch oftmals sehen, Solchs von euern nachkommen gschehen. 10 Also erhelt man nachbarschaft; Dann ie der Schweizer aigenschaft Ist nachbaurliche freuntlichkeit Und in der not standhaftigkeit. Ich hab vil erlich leut und schützen, Die auf mich in schiff teten sitzen, Gelait gen Strassburg auf das schiessen, Dafür[770] mit freuden ich tu fliessen; Aber kaine hab ich gelait, Noch heut des tags[771] mit solcher freud. 20 Far fort! far fort! lasst euch nichts schrecken Und tut die lenden daran strecken! Die arbait tregt darvon den sieg, Und macht, das man hoch daher flieg Mit Fama, der rumgöttin herlich; Dann was gschicht schwerlich, das würd erlich. Mit solchen leuten solt man schiffen Durch die mörwürbeln und mördiefen; Mit solchen forcht man kain merwunder Und kain wetter, wie sehr es tunder; 30 Mit solchen dörft man sich vermessen, Das ainen fremde fisch nicht fressen: Dann dise alles überstreiten, Durch ir unverdrossen arbaiten. Mit disen knaben solte ainer Werden des Jasons schiffartgmainer[772] In die insul zum gulden widder: Da wüsst er, das er käm herwider. Weren dise am meer gesessen, So lang wer unersucht nicht gwesen America, die neue welt: Dann ir lobgier het dahin gstellt. Lasst euch nicht hindern an dem tun, Das auf die haut euch sticht die sunn: Sie will euch manen nur dadurch 10 Das ir schneid dapfer durch die furch, Dann sie seh gern, das ir die gschicht Vollbrechten bei irm schein und liecht, Damit sie auch rum davon drag, Gleich wie ich mich des rümen mag, Die blatern[773], die sie euch nun brennt, Und die ir schaffet in der hend, Werden euch dienen noch zu rum Wie zwischen tornen aine blum. Ir dörft euch nicht nach wind umsehen: 20 Ir seht, der wind will euch nachwehen, Gleich wie euch nun diss wetter liebt, Also bin ich auch unbetrübt. Ihr sehet ja mein wasser klar, Gleich wie ain spiegel offenbar, So lang man würd den Rein abfaren, Würd kainer euer lob nicht sparen, Sonder wünschen, das sein schiff lief, Wie von Zürch das glückhafte schiff. Wolan! frisch dran! ir habt mein glait 30 Um euer standhaft freudigkeit. Die strass auf Strassburg sei euch offen! Ir werd erlangen, was ir hoffen; Was ir euch heut frü namen vor, Das würt den abent euch noch wor[774]. Heut werd ir die statt Strassburg sehen, So war ich selbs herzu werd nehen[775]. Heut werd ir als wolkommen gest, Zu Strassburg noch ankommen resch[776]! Nun libs wagschifflin, lauf behend! Heut würst ain glückschiff noch genent, Und durch dich werd ich auch geprisen, Weil ich solch treu dir hab bewisen.’ Solch stimm der gsellschaft selzam war Und schwig drob still erstaunet gar, 10 Es daucht sie, das sie die Stimm fül[777] Als wann ain wind bliess in ein hül[778]: Derhalb jagt sie ir ein ain mut[779], Gleich wie das horn und rüfen tut Des jegers, wann es weit erschallt Den hunden in dem finstern wald, So sie im diefen tal vorlaufen, Und die berg auf und ab durchschnaufen, Alsdan in erst die waffel schaumt[780], Und kommen auf die spur ungsaumt: 20 Also war auch dem schiff die stimm, Bekam zu rudern erst ain grimm[781]; Teten so stark die ruder zucken, Als wolten fallen sie an rucken[782], In gleichem zug, in gleichem flug, Der steurman stund fest an den pflug[783], Und schnitt solch furchen in den Rein, Das das underst zu oberst schein[784]. Die sonn het auch ir freud damit Das so dapfer das schiff fortschritt, 30 Und schin so hell in druder rinnen[785], Das sie von fern wie spiegel schinen: Das gestad scherzt auch mit dem schiff, Wann das wasser dem land zulief, Dann es gab ainen widerton, Gleich wie die ruder teten gon[786]: Ain flut die ander trib so gschwind, Das sie aim underm gsicht verschwind: Ja, der Rein wurf auch auf klain wellen, Die danzten um das schiff zu gsellen. In summa: alles freudig war, Die schiffart zu vollbringen gar.

3. ANMAHNUNG ZU CHRISTLICHER KINDERZUCHT (1578).

{10} AUS DEM ‘KATECHISMUS.’

Was lust und fleiss haben die leut In iren gerten oft zur zeit Mit setzung, impfung und aufsetzung Etwan ein pflenzlein zur ergetzung? Wie warten sie doch sein so eben, Das sich das schösslein mög erheben? Frü machen sie im raum zur sonnen, Zu mittag sie im schatten gonnen; Da pfropfens, biegens, understützen, Beschüttens vor der frost zu schützen, 20 Messens bei ruten und minuten Sein teglich wachsen zu vermuten; Da gehen sie alle tritt hinzu, Sehen wie es aufschiessen tu. Und ist in süss all zeit und müh, Die sie damit zubringen ie: Wie viel mehr lust solt haben dann Ein hausvater und iederman, Dem gott die kinder tut bescheren, Oder befihlet, die zu leren, Das sie dieselben himmelspflenzlein, 20 Ir hauschösslein, ir ehrenkrenzlein Ziehen und schmuckn zu gottes ehren Sein wort gern hören und gern leren? Das sie zu preis dem aller höchsten, Auch mit der weil nutz sein dem nechsten? Was schöners opfer kan man geben Dem herren gott in diesem leben? Denn das sind die recht frücht und güter, Die gott gibt das man opfer wider; Das sind die ölzweig und die reben, Die fruchtbar deinen tisch umbgeben; Diss ist des hauses benedeien, Des alters früling, glenz und meien, 10 Das sind die beumlein und die palmen, Von denen David singt in psalmen, Das sie gebaut sind und gepflanzt Neben die wasserbech des lands, Welche kein hitz im sommer mindert, Noch im winter kein frost nicht hindert, Dann nicht erwelken ire bletter Oder abfallen von dem wetter, Die zu rechter zeit ir frucht bringen, Damit erfreuen sie, die tüngen, Vnd die zu letzt gott gar versetzt, Ins paradeis, sie da ergetzt, Sie macht zu ewigen himmelssprösslein, Zu gnadenfeuchten engelsschösslein. Wie solt ein lehrer und ein vater, Wa er hat ein barmherzig ader, Nicht han ein freud mit ihrer zucht, Dieweil es ist ein schöne frucht, Und noch viel mehr an inen wird 10 Natur lieblich anmutung gspürt, Als in den aller schönsten geschöpfen Daraus wir sonst ergötzung schöpfen, Das macht die lebhaft freundlicheit, Die anlachend gesprechlicheit, Die in den kindern wir all spüren, Wie sie schön all geberden zieren. Dann was ist lieblichers zu hören, Als wann die kinder reden leren? Wanns herauslispeln bald die red 20 Und rufen: abba, vater, ett[787], Rufen der muter, memm und ammen, Geben nach irer notturft namen, Brauchen den ererbt Adams gwalt, Der jedem geschöpf ein nam gab bald, Wie ist im zuzusehen wol, Wanns wankeln[788] wie ein wasserpfol?[789] Und so halslemig[790] ungwis tasten, Und wie ein engelchen erglasten[791]? Solch freundlicheit und lieblich sitten Solten die elter und ein ieden, 10 Reizen, das sie dess lieber mehr Mit kinderzucht umgiengen sehr, Dieweil solch blüend alter frisch Umsonst so lieblich gstalt nit ist Auch oft das wild und vieh bewegt, Das es zu dem ein gfallen tregt. Und dieweil die engel sich nicht schemen, Der kindspfleg sich selbs anzunemen. Wie Christus zeugt, das vor gott standen Allzeit die kinder engels gsanden: 20 Wie wolt ir dann solch arbeit scheuen, Weil es euch komt zu nutz und treuen? Dann wen mags freuen mehr dann euch, So euere kind sind tugendreich? Wie kanstu bessere ruh dir schaffen Und friedlicher in gott entschlafen, Dann so du weist, das dein kind seind Erzogen wol und drum gott freund? Und weisst, das nach dem tod dein kinder An gott han ein ewigen vormünder? 10 Zu dem solt euch auch darzu bringen, Das ir gern mit der zucht umgiengen, Dieweil Christus der herr verheisst, Das, was man solchen kindern bweist, Das wöll er halten und ansehen, Als obs im selber sei geschehen: Dann er in klar spricht: Wer ein kind In seim nam aufnimmt, im selbs dient: Wie kan man aber in seim namen Kinder aufnemen von seim stamen? Zwar[792] anders nicht, dann so die Zur gottsforcht anhallt zimlich frü, Es sei obere oder herren, Die sie in kirch und schulen leren, So wird selbs Christi drinn gepfleget Als ob man in im geren[793] treget, Und werden oberkeit und lerer Dardurch sein seugam und sein nerer. 10 Dann was sein kleinsten gliedern gschicht, Das rechnet er, das in anficht. Drum thun wol, die als dahin schlichten, Das man djugend mög recht berichten, Zu kennen lernen iren gott, Der sie von sünden, höll und tod Auch mit seins sons blut glöset hat, Und schenkt in als durch lauter gnad. Hingegen treut der herr gross pein Den, die der kleinsten ergern ein, Dann dem ein mülstein besser wer Am hals, und sein versenkt im mer. Derhalben aus mit losem gschwetz Welchs gute sitten nur verletzt! O aus mit unzucht, völlerei, Mit böser gsellschaft büberei! Raumt[794] weit von diesen zarten herzen Das gottlos gsind, das schandbar scherzen, Lasst solch wort nit mehr von euch hören, 10 Das djugend weltlichkeit muss leren[795]: Es dunkt mich, es leret sich früh, Mutwill und frechheit komt ohn müh. Ler du sie die recht gottsforcht vor, Die ist zu weisheit tür und tor, Und denk, das rechenschaft must geben Für die verderbnus und bös leben. Es lesst sich zwar nicht also schimpfen[796]: Und mit der weltlichkeit verglimpfen[797]: Du hörst wol, was dein Christus melt, 20 Sein völklein sei nit von der welt, Wiltu dein kinder weltlich machen, So stecksts dem teufel in den rachen: Dann man sol brauchen so die welt, Als ob mans[798] nit brauch, noch was gelt. Man kan nit dienen ie zugleich Gott und der welt, des teufels reich, Daher umsonst nit Christus spricht: ‘Ir Engel sehen gotts angsicht,’ Als sprech er, das sie die verklagen, 10 Die kindern hie bös vorbild tragen. O weh der welt vor ergernus, Welchs weltlichkeit heut heissen muss: Damit man reizt gotts rach herzu, Zu strafen das kalb mit der ku. Dann wie wolt gott das leiden immer, Das man sein grün setzling bekümmer, Und im dasselb beschmutzen tut, Was sein Son reinigt durch sein blut, Das man die zarte gfess verwüst 20 Die zu seim lob warn zugerüst. Bedacht[799], das der prophet sagt dort, Gott leg in kindsmund auch sein wort, Und müssen auch ir sön und töchter Sein aposteln sein und wechter, Und aus der unmündigen stamlen Will er seins namens lob auch samlen. Wie samlet er aber diss sein lob? Nemlich durch sein wort die recht prob, Das lasst er treulich durch sein lerer 10 Teilen nach glegenheit der hörer, Also das ers auch nicht verschweigt Dein kindern, wie diss büchlein zeigt, Darinn er in nach irm verstand Durch kurze fragstück macht bekant, Die fürnemst stück christlicher lere, Wie man in recht nach seim wort ere. Derwegen niemand nicht veracht Die Fragen, hie kurz eingebracht, Sondern denk, das wir müssen all Zu kindern werden in dem fall, Wollen wir andern glauben recht Die gheimnus unsers glaubens schlecht, Die kindlich einfalt muss uns füren, Und müssen lassen uns regieren Gotts worts, gleich wie das kind regiert, Des vaters red, was der ordiniert; Müssen von uns nit hoch ding halten, Sondern wie kind demütig walten, 10 Welchs Christus damals hat gemelt Da er das kind für djünger stellt. Hierum so brauch, mein liebe jugend, Diss büchlin zu ler und rechter tugend, Die dann in gotts erkantnus stehet, Das man nach seinen gboten gehet. Darzu wöll gott sein gdeien geben Und nach disem das ewig leben.

BURKARD WALDIS.

[Scherer D. 297, E. 294.]

Dieser berühmte Fabeldichter wurde in Hessen vermuthlich um 1495 geboren, lebte aber in seiner Jugend meist im Ausland, namentlich in Livland. 1523 wurde er vom Erzbischof Jasper van Linden als Abgesandter an den Kaiser und den Pabst geschickt, um Hilfe gegen den einbrechenden Protestantismus zu verlangen. Auf dem Rückwege ward er von den Protestanten in Riga gefangen genommen, trat dann selbst zum Protestantismus über und lebte als Zinngiesser in Riga. Später kehrte er nach Hessen zurück, war Pfarrer zu Abterode (1544) und starb wahrscheinlich 1557. Herausgegeben ‘Esopus’ von Kurz (2 Bde. Leipzig, 1862); Tittmann (2 Bde. Leipzig, 1882); ‘Der verlorene Sohn’ von Milchsack (Halle, 1881); ‘Streitgedichte’ von Koldewey (Halle, 1883).

DIE LXXXIJ FABEL VOM REICHEN UND ARMEN MANN.

ZV Lübeck in der schönen Stadt 10 Ein alter Bürger sass im Rath, Der war gar reich an Gut und Hab, Da mit sich nit zu frieden gab, Er hett ein Fraw vnd keine Erben, Dennoch hört er nit auff mit werben[800], Allzeit dem Gelt vnd Gut nach tracht, Dauor er weder tag noch nacht Kein ruh nit hett, so sehr jn plagt Der Geitz, wie der Poet auch sagt, Das sich gleich mit dem Geld vnd Gut, Die lieb des Gelts vermehren thut, Nun ist am selben end der brauch, Wie sonst in andern Stedten auch, Da sind viel tieffer Keller graben 10 Darinn vil Leut jr wonung haben, Die sich nur von dem Taglohn nehren, Nach kleinem Gut auch messig zeren, Also sass auch desselben gleichen, Ein armer vnter diesem Reichen, Pflag den Leuten die schuhe zu flicken, Mit Holtz vnd Henffen drad[801] zu sticken, Dauon er sich, sein Weib vnd Kind Ernehrt, wie man vil armen findt, Jedoch war er seins mutes frey, 20 Sang, vnd war stets frölich dabey, Des abends er daheime blieb, Vnd seine zeit also vertrieb, Des wundert sich der reich gar sehr, Er dacht, was ists doch jmmermehr, Das disen armen Mann erfrewt? Nun weyss ich doch das er offt kewt An armetey[802], die jn besessen Vnd hat offt kaum das Brodt zu essen, Vorwar ich keinen fleiss nit spar 30 Biss ich sein wesen recht erfahr. An einem Sontag kurtz darnach Also zu seiner Frawen sprach, Du must dichs nit verdriessen lassen Daniden[803] vnsern haussgenossen, Zu gast bitten heut disen tag Mit seiner Frawen, das ich mag Von jm werden einr frag bericht, Die mich bekümmert vnd anficht. Er schickt baldt seinen Knecht hinunder Bat jn zu gast, das nam gross wunder Denselben armen Mann, gedacht[804] Wer hat den jetzt so kostfrey[805] gmacht? Doch gieng er hin, versagts jm nit; Nach essens sprach der Wiert, ich bit 10 Vmb ein ding hab ich euch zu fragen Drauff wöllet mir die warheit sagen: Ich weyss das euch am gut zerrinnet[806], Vnd mit ewrm thun nit viel gewinnet, Mit grosser arbeit jr euch nehrt Vnd dennocht kaum des hungers wehrt, Vnd trincken auch gar selten Wein Vnd dennocht allzeit frölich sein, Beid[807] tag vnd nacht, abents vnd morgen Als ob jr hetten nichts zu bsorgen. 20 Nun hab ich gelts vnd gutes gnug An essen, trincken, gutem fug[808], Mit gutem Wein thu mich offt kröpffen[809], Kan dennocht solchen muth nit schöpffen. Er sprach, warumb solt mich betrüben, Mein gut ist sicher vor den Dieben, Zu Wasser vnd zu Landt der halb[810] Stirbt mir kein Pferdt, noch Kuh, noch kalb, Es kan kein Kauffman mich betriegen Oder in der handlung vorliegen, 30 Vnd wie ich hab ein kleine nerung[811], So halt ich auch ein kleine zerung, Verzer nit mehr denn ich erwerb Sorg nit das ich dabey verderb, Vnd steck mein fuss nit weiter nab Denn ich wol zu bedecken hab[812], Vnd mich zu frieden geb damit: Was ich nit hab, entfellt mir nit. Ich lass mir an demselben gnügen Was mir Gott teglich thut zu fügen, Gedenck, morgen kompt auch ein tag Der vor sich selber sorgen mag. Mit solcher redt wardt er bewogen Das ern vorbass nit mehr dorfft fragen, 10 Vnd dacht, er ist recht willig arm, Billich das ich mich sein erbarm, Lieff hin, vnd bracht baldt hundert gulden Vnd sprach, damit bezalt ewr schulden, Damit ich euch jetzt will begaben Das jr ewr not zu schützen haben. Der Mann wardt fro, gieng damit hin Vnd dacht baldt das ers auff gewin, Vnd auff Kauffmannschaft mocht anlegen Damit noch hundert brecht zu wegen[813], 20 Vnd tracht mit fleiss drauff tag vnd nacht Damit jm selb viel sorgen macht, Das er vor mühe den Kopff stets hieng Vnd auff der Gassen trawrig gieng, Des singens er dabey vergass. Den reichen sehr verwundert das, Er bat jn abermal zu gast, Der Mann die hundert gülden fasst In einen Beutel, brachts jm wider, Vnd sprach, von der zeit an vnd sider[814], 30 Das jr mir habt die gülden geben Ist mir vergahn mein bestes leben. Seht hin, fahrt wol mit ewrem gut, Ich nem dafür ein guten muth. Desselben ich viel bass geniess; Das Gelt macht mir bekümmerniss. — Solch einfalt ist gar vnderkommen[815] Vnd hat der Geitz das Landt eingnommen, Ich kenn auch jetzt viel armer leut, Doch halt ich nit, das man jetzt heut Vnder jn allen einen findt, Der gleich wie diser sey gesinnt. Es sind viel Wiert auff allen strassen Die Leut bei jn herbergen lassen, Doch solt man schwerlich ein bekommen, 10 Der dem Gast zu seim nutz vnd frommen, Ein Kopff[816], von Silber oder Golt In sein Sack heimlich stecken sollt, Wie man sagt, das ehe sey geschehen. Ists war, weyss nit, habs nit gesehen. Vielleicht man sonst wol ein bekem, Der eim eh etwas aussher[817] nem, So gar ist jetzt die gantze Welt Gericht auff das verfluchte Gelt. Dennocht so ists gewisslich war 20 Es zeugt die Schrifft so hell vnd klar, Das man nit zgleich dem Gelt kan dienen Vnd dennocht sich mit Gott versünen, Denn wer sein Datum[818] dahin richt Das er sich nur dem Gelt verpflicht, Vnd darinn all sein wollust hat, Der macht das Gelt zu einem Gott, Vnd fellt baldt in des Teuffels strick. Derhalben sich ein jeder schick, Das er seins guts ein Herre sey, 30 So ist er vieler sorgen frey.

GEORG ROLLENHAGEN.

[Scherer D. 297, E. 294.]

Geboren 1542, zu Bernau bei Berlin, studierte in Wittenberg, gestorben 1609 zu Magdeburg, wo er Rector der Schule war. Er ward vorzüglich berühmt durch seine Nachahmung der Batrachomyomachie, der Froschmäusler genannt. Herausgegeben von Gödeke (2 Thle. Leipzig, 1876).

FROSCHMEUSELER.

BRÖSELDIEB[819] SAGT, WER MURNER[820] SEI.

Murnern, der katzaner patron, Lert mich kennen mein mutter fron; Ich bat, wie ich noch war ein kind, Wie die kinder fürwitzig sind, Sie wolts lassen einmal geschehen, Mich auch lassen die welt besehen, Dieweil ein heimgezogen[821] kind Unverstendig blieb als ein rind, 10 Wie sie denn oftmals diese wort Vom herrn vater selbst het gehort. Sie weret ab mit hand und mund, Predigt mir viel von katz und hund, Wie die uns weren so gefer[822]. Ich bat und gilfert[823] immermer, Bis sie zuletzt williget drein, Das ich ein stund möcht von ihr sein, Warnet doch mich mit ganzem fleiss Und saget von des Murners weis, 20 Das er versteckt im winkel sess Und die meuslein on brot einfress, Das wern sein allerliebste speis, Den solt ich ja meiden mit fleiss. Ich schlich unter der wand herfür Nach unsers schlosses vordertür, Die in des mantiers[824] haus hingieng, Davon es werme und rauch empfieng, Und kuckt[825] heimlich zuerst heraus Wie ein unbewanderte maus, Ob auch da wer sicher geleit, Odr ob der Murner sess zur seit. So sass im haus im sonnenschein Ein schönes weisses jungfreulein, Sein euglein glenzten hell und klar, Es leckt und schlichtet seine har, Küsset die hend und wusch sie rein 10 Über die zarten wengelein; Das herz im leib verlanget mir, Das ich nur möcht treten herfür, Dasselb mit adeligen sitten Um seine lieb und freundschaft bitten, Küssen ihre schneweisse hend: So het al meine sorg ein end. — Es trat aber am platz herum Im haus die leng und in die krüm Ein erschreckliches wundertier, 20 Dafür die haut erschuttert mir, Vom haupt zu fuss aller gestalt Wie man ein basilisken[826] malt; Ich dacht, ob das der Murner wer, Der uns meusen ist so gefer. Vornen am kopf war er geschlacht[827], Wie man die bösen geister macht, Mit einem krummen spitzen schnabel, Hat füss, geteilt wie ein mistgabel, Und ein zweispitz geteilten bart 30 Nach des mantiers greulicher art, Und auf dem haupt ein glühend kron Mit vil türnen[828] erhoben schon[829], Und aus dem leib giengen beisammen Ein grosser hauf gelber feurflammen[830], Gekrümt unten und über sich, Übraus hesslich und erschrecklich; Damit pranget er über erd[831], Trat herein wie ein reisig[832] pferd, Und seiner trabanten wol zehen Giengen alzeit hinter ihm stehen, Doch nicht so statlich ausgemacht[833], Der könig fürt allein den pracht. Wie ich nun blieb im löchlein stecken, Dem abenteur zusehe mit schrecken, 10 Fengt er an dem boden zu schnablen[834], Scharret mit den zween mistgabeln Und ruft: ‘Guck, guck, curit, merkauf!’ Da erhob sich ein gross zulauf, Die trabanten waren gar schnell, Zu hören des königs befel, Reckten auch die köpf zu der stet, Zu sehn was er geschrieben het; Bis der könig mit grossem prassen[835] Sprang auf die haustür nach der gassen 20 Und schlug die arm auf beide seit, Sperret den rachen auf gar weit Und rief, man hets ein meil gehort, Diese drei erschreckliche wort: ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn![836]’ Als het mich der donner geschlagn, So stürzt ich zu dem loch hinein, Lief zu meinem frau mütterlein. Die erschrak und fragt, was mir wer, Das ich fast het kein atem mer 30 Und also ser fieng an zu beben; Wolt mir erzenei fürs schrecken geben. Ich sprach: ‘O mutter, der Murner Hat mich erschrecket also ser, Das ich schier nimmer atem hol; Wie habt ihr mich gewarnt so wol!’ ‘Was tat er denn?’ die mutter sprach. Ich sagt: ‘Im haus ich sitzen sach Ein zartes schönes jungfreulein, Im weissen pelzlein, artig fein, Das schmückt sich mit geleckter hand; Ich het mich gern zu ihm gewandt Und um ein kuss freundlich gebeten, So kömt der Murner hergetreten 10 Mit gabelfüssen, mit der kron, Mit brennenden schwanz angeton, Das mich daucht ser erschrecklich stehen. Der schelm het mich im loch gesehen, Springet auf die tür und rufet laut (Wenn ichs gedenk graust mir die haut): ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn!’ Damit wolt er sein dienern sagn, Das sie mich solten nemen an[837]. Und sie hettens warlich getan, 20 Wenn ich nicht bald entlaufen wer. Davon bin ich erschreckt so ser.’ Da sagt die mutter: ‘Liebes kind, Die so schrecklich anzusehen sind, Die tun uns meusen nichts zu leid; Die aber dichten[838] freundlichkeit, So leis und lieblich einher schleichen, Die hendlein küssen, wilkom reichen, Die sind giftige creatur, Teufl unter englischer figur; 30 Die sind geferliche katzen, Die vorn lecken, hinten kratzen. Judaskuss ist geworden neue, Fürt gute wort, helt falsche treue; Der dich anlacht, der reist dich hin: Das ist dieser welt weis und sin. Das jungfreulein, das so schön war, Bringt uns meuschen die gröst gefar, Futtert sein pelz mit unserm blut, Gott sei dank, das er dich behüt!’

ÆGIDIUS TSCHUDI.

[Scherer D. 295, (611) E. 292.]

Geboren 1505 zu Glarus; gestorben 1572, als Landamman. Sein ‘Chronicon Helveticum’ reicht bis 1570.

ÜBER WILHELM TELL.

Darnach am Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats, gieng ein redlicher frommer Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genannt (der auch heimlich in der Pundts-Gesellschaft[839] was), zu Altorf etlichmal für den uffgehängten Hut und tett Im kein {10} Reverentz an, wie der Land-Vogt Gessler gebotten hat. Das ward Ime, Land-Vogt, angezeigt. Also morndes[840] darnach am Montag berufft Er den Tellen für sich, fragt In trutzlich, warumb er sinen Gebotten nit gehorsam wäre, und dem König, ouch Ime zu Verachtung dem Hut keine Reverentz bewisen hette? Der Tell gab Antwurt: ‘Lieber Herr, es ist ungeward[841] vnd nit uss Verachtung geschehen; verzichend mirs; wär ich witzig, so hiess ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mehr geschehen.’ Nun was der Tell ein guter Armbrust-Schütz, dass man In besser kum fand, und hat hübsche Kind, die Im lieb warend, die beschickt der {10} Land-Vogt und sprach: ‘Tell, welches unter denen Kindern ist dir das liebste?’ Der Tell antwurt: ‘Herr, sie sind mir alle glich lieb.’ Do sprach der Land-Vogt: ‘Wolan Tell, du bist ein guter verruempter Schütz, als ich hör; nun wirst du din Kunst vor mir müssen beweren, und diner Kinder einem ein Öpffel ab sinem Haupt müssen schiessen; darumb hab eben Acht, dass du den Öpffel treffest: dann triffst du In nit des ersten Schutzes[842], so kost es dich din Leben.’ Der Tell erschrack, bat den Land-Vogt vmb Gottes willen, dass Er In des Schutzes erliesse, dann es unnatürlich wäre, dass er gegen sinen lieben Kind sollte schiessen; Er wolt {30} lieber sterben. Der Land-Vogt sprach: ‘das must du thun, oder du und das Kind sterben.’ Der Tell sach wol, dass Ers tun must, bat Gott innigklich, dass Er In vnd sin lieb Kind behüte; nam sin Armbrust, spien es, legt uff den Pfil und stackt noch ein Pfil hinden in das Göller; und legt der Land-Vogt dem Kind (das nit mehr dann sechs Jar alt was) selbst den Öpffel uf sin Houpt. Also schoss der Tell dem Kind den Öpffel ab der Scheitlen des Houpts, dass Er das Kind nie verletzt. Do nun der Schutz geschehen was, verwundert sich der Land-Vogt des meisterlichen Schutzes, lobt den Tellen siner Kunst und fragte Ine, was das bedüte, dass er {10} noch ein Pfil hinten in das Göllert gesteckt hette? Der Tell erschrack aber, und gedacht, die Frage bedutet nützit[843] Gutes; doch hett Er gern die Sach glimpfflich[844] verantwurt und sprach: Es wäre also der Schützen Gewonheit. Der Land-Vogt merckt wol, dass Im der Tell entsass[845], und sprach: ‘Tell, nun sag mir frolich die Wahrheit und fürcht dir nützit darumb: du sollt dins Lebens sicher sin; dann die gegebene Antwurt nimm ich nit an: es wird etwas anders bedut haben.’ Do redt Wilhelm Tell: ‘Wolan Herr, sitmalen Ir mich mines Lebens versichert habend, so wil ich uch die grundlich Warheit sagen, dass min entlich Meinung {20} gewesen, wann ich min Kind getroffen hette, dass ich uch mit dem andern Pfyl erschossen und ohne Zweifel uwer nit gefält wollt haben.’ Do der Land-Vogt das hört, sprach Er: ‘nun wolan Tell, Ich hab dich dins Lebens gesichert, das will ich dir halten; dieweil ich aber din bösen Willen gegen mir verstan, so will ich dich füren lassen an ein Ort und allda inlegen, dass du weder Sunn noch Mon niemerme sechen sollt, damit ich vor dir sicher sig.’ Hiess hiemit sin Diener In fachen und angentz[846] gebunden gen Flulen fuhren. Er fur auch mit Inen und nam des Tellen Schiesszüg, Kocher, Pfyl und Armbrust auch mit Im; wolts Im selbs behalten. {30} Also sass der Land-Vogt sambt den Dienern und dem gebundenen Tellen in ein Schiff, wolt gen Brunnen fahren, vnd darnach den Tellen über Land durch Schwitz in sin Schloss gen Küssnach füren, und allda in einem finstern Thurn sein Leben lassen enden. Des Tellen Schiesszüg ward im Schiff uff den Bieten oder Gransen[847] bim Stürruder gelegen.

Wie si nun uff den See kamend, und hinuff furend biss an Achsen das Ecke, do fugt Gott, dass ein solcher grusamer ungestümer Sturm-Wind infiel, dass si sich all verwegen[848] hattend ärmklich ze ertrinken. Nun was der Tell ein starker Mann, und kondt vast wol uff dem Wasser; do sprach der Dienern einer zum Land-Vogt: ‘Herr, Ir sechend üwre und unsre Not und Gfar unsers Lebens, darinn wir stand, und dass die Schiff-Meister erschrocken und des Farens nit wol bericht; nun ist der Tell ein stärcker Mann, und kan wol schiffen, man solt In jetz in der Not bruchen.’ Der Landt-Vogt was der Wasser-Not gar erklupfft[849], {10} sprach zum Tellen: ‘Wann du uns getruwtist uss diser Gfahr ze helffen, so wölt ich dich diner Banden ledigen.’ Der Tell gab Antwurt: ‘Jo Herr, ich getruwe uns mit Gottes Hilff wol hiedannen zu helffen.’ Also ward Er uffgebunden, stund an das Stürruder, und fur redlich dahin, doch lugt Er allweg uff den Schiess-Züg, der ze nächst bi Im lag, und uff ein Vorteil hinuss zu springen, und wie Er kam nah zu einer Blatten (die sidher den Namen des Tellen Blatten behalten, und ein Heilig Hüsslin dahin gebuwen ist) beducht Im, dass Er daselbs wol hinuss gespringen und entrinnen möcht, schry den Knechten zu, dass sie hantlich {20} zugind, biss man fur dieselb Blatten käme, wann si hättend dann das Bösist überwunden, und als Er nebent die Blatten kam, trukt Er den hindern Gransen mit Macht (wie Er dann ein starker Mann was) an die Blatten, erwüscht[850] sin Schüsszüg, und sprang hinuss uff die Blatten; stiess das Schiff mit Gwalt von Im, liss si uff dem See schweben und schwenken, der Tell aber luff Bergs und Schattens halb (dann noch kein Schnee gefallen was) über Morsach uss durch das Land Schwitz, bis uff die Höhe an der Landt-Strass, zwüschend Art und Küssnach, da ein hole Gass ist, und Gestüd[851] darob, darinn lag Er verborgen, dann Er wust, dass der Landt-Vogt allda fürryten {30} wurd gen Küssnach zu siner Burg.

Der Landt-Vogt und sin Diener kamend mit grosser Not und Arbeit übern See gen Brunnen, rittend darnach durch Schwitzer-Land, und wie si der gemelten holen Gassen nachneten, hört Er allerley Anschläg des Land-Vogts wider Ine, Er aber hat sin Armbrust gespannen und durchschoss den Landt-Vogt mit einem Pfyl, dass Er ab dem Ross fiel, und von Stund an tod was.

SEBASTIAN FRANCK.

[Scherer D. 286, 295, E. 282, 292.]

Geboren zu Donauwörth, gestorben gegen 1543 in Basel. Er führte ein unstätes Leben, ward als Mystiker und Schwärmer verfolgt, und scheint sich nothdürftig durch Schriftstellerei erhalten zu haben. Seine geschichtlichen Arbeiten, namentlich die ‘Chronik der Deutschen’, waren volksthümlich. Als Verfasser von mystischen Büchern ward er des Unglaubens verdächtig, und Luther nennt ihn: ein Lästermaul, des Teufels liebstes Maul, einen Enthusiasten und Geisterer, dem nichts gefällt als Geist, Geist, Geist. Seine Sprichwörtersammlung (vom Jahre 1532) wurde herausgegeben von Latendorf (Poesneck, 1876).

1. AUS DER VORREDE ZUR GERMANIA.

Es ist immerzu das frembd besser dann das heymisch. Was vor der thür, has hat mann niendert für[852]. Also ist es den Teutschen auch, daher haben sie so gar nicht von jn selbs, dass kaum ein volck ist, dass weniger von jm selbs weyss vnd hat. Zu dem hat das vnglück auch darzu geschlagen, dass sie mer krieger bissher dann glert Leut haben gezogen vnd gehabt: das macht, dass sie also versaumpt vnd dahinden bliben seind, dass sie so gar nicht von jn selbs wissen odder haben. Nit dass sie, so vnendlich[853] leut, {10} nichts Chronick wirdigs haben gestifft, geredt vnd thon; ja mer dann viel andere völcker, also dass sie in dem fall weder den Griechen noch Latinern weichen, sonder dass sie niemant haben gehabt, der jr weise kleinmüetige[854] red vnd that auffschrieb, vnd jrer eygen histori, so sie täglich gewont vor augen gesehen, vnd nichts seltzams oder wunders bey jnen gewesen ist, nit haben acht genommen, vnd nur fürwitzig auff andere völcker vnd lender gesehen, vnd jn lassen treumen[855], weil nuon von anderen orten inn Latein, Griechischer vnnd Judischer zung vil bücher seyen, so seyen allein dieselben land voller wunders, weissheit, reichthumb, {20} kunst, vnd jn ja lassen träumen, sie seien Barbari, darumb dass sie die Römer etwa Barbaros haben genent; dann Teutsche seind von art ein volck, dass nicht von seim ding helt, nur frembd ding guot ding, vnd allein in vnd mit kriegen niemant weicht, den sieg aber der weissheit lasst es leicht andern nationen, ja scheubts vonn sich vnd gibts den Latinern, Griechen vnd anderen völckern. Mann sihet, dass ein Gallus, Italus, Jud etc. nicht dann sein spraach, volck, histori, kunst, weissheit, sterck etc. rhümpt. Dauon schreiben sie grosse büecher; allein die kriegerischen Teutschen bleiben krieger vnd fromm landsknecht, den rhuom lassen sie jn nit gern zucken[856]; künst, spraach, weissheit, weise red vnnd that lassen sie gern demüetig anderen, ja gebens selbs anderen, vnd rhüemen {10} odder verwunderen[857] auss einer sonder schier torechten demuot anderer rath, that, bücher, leer, red, vnd gefelt einem Teutschen in summa nicht, was seyn eygen ist, sonder nur auss fürwitze frembder siten, gang, kleyder, spraach, geberde, so gar, dass etlich mit kunst auss gelbem weissen hare, darumb dass es Teutsch ist, schwarz, Frantzösisch, Spaniolisch odder Welsch hare lassen machen[858], mit seltzamen beschoren köpffen, verkerter spraach, welche, so sie es gleich reden, vngern vnd verkert, als kunden sie es nimmer reden[859], vnd in summa wie die affen alle aller land verderbt sitten vnd kleyder anmassen[860], vnd in Teutschland bringen, {20} also dass Germania jetz voller Teutscher Frantzosen, Teutscher Walhen[861] vnd Spanier ist. Es ist kein volck, es bleibt bei seiner spraach vnnd kleydung, dunckt sich der gemeyd[862] sein, vnd rhümpt sich deren, wil auch, dass mans darbey erkenn. Allein die Teutschen verleugnen jre spraach vnd kleydung vnd geen in frembder seltzamer mummerey herein, als haben sie einn böss stuck thon[863], dass mann sie an nicht kan kennen, dann an sauffen vnd kriegen....

Auss disser vnachtsamkeit ist kommen, dass wir nicht vonn vns selbs haben noch wissen vnd bass[864] von Türcken vnd Dattern[865] {10} wissen zu sagen dann von vns selbs vnd vnseren ältern, dass vns die Römer nit gar vergebens Barbaros haben genent vnd in dem fall nit vnrecht thon. Es ist kaum ein vernüfftig höflich wort, spruch, red vnd that eim Griechen auss dem mund vnd hand gefallen, es ist in die feder kommen vnd als heiltumb[866] vffgehebt worden. Aber von Teutschen wissen die Teutschen nicht, sogar, wann nit die Latini für vns sorgfeltig etwas hetten auffgezeichnet (doch immer zu, dz jn der glimpffe[867], sieg vnd rhuom bleib), so wissten vnd hetten wir gar nicht. Das haben zu vnserer Zeit vil hochgelerter bedacht vnd noch seuffzen, klagen[868], als Wilibaldus Birckheymer, Christoferus Scheurlin, Conradus Celtis, Jacobus Wimphelingius, Beatus Rhenanus, Conradus Peuttinger, Nauclerus, Irenicus, vnd vor jn allen der gelert Auentinus, Item Petrus Apianus, Bart. Amantius vnd {10} andere etc. vnd auss mangel der büecher solch müeh vnd schweiss drob verrert[869], dass kaum ein ander arbeyt schwerer sein mag; vnd dissen vmb Germania woluerdienten mennern bin ich auff die achsel gestanden, mich vnderstanden[870], den Teutschen diss, das ist sich selbs, zu Teutsch geben; wiewol ich nuon höre, dass andere auch mit vmbgeen, vnd, ob Gott wil, mit grossen ehren herauss vff den plan werden kommen, wie ich ein jar, zwey[871] vff sie gewart, so wil ich doch im verlorn hauffen als einer auss dem halt[872] mich erster herfür lassen, allein darumb, ob ich die andern möcht vffbringen vnd auss dem leger[873] locken. Vbermögen[874] sie mich {20} übelgewapneten, wie ich zu Gott verhoff, so wil ich gern vnd mit eern wider zu ruck in hag[875] fliehen, vnnd soll disse flucht mein grosse eer, sieg vnd gewin sein, dass ich solch landschirmer vff den plan hab gelockt vnd auss dem leger bracht, vnd sol disser mein erster aussrit sein gleich als wann man ein künstler oder senger zu singen durch bit, wie jr art ist, nit kan bewegen, dass man ein andern grif[876] brauchen muoss, dass man gantz übel vor jn singen muoss oder ein harpffen nemen vnd vor den orn des harpffenschlagers zittel discordantz vnd rossquit druff schlagen[877], dass den in oren wee thuot vnd nit leiden konden, da heben sie an zu singen {30} wie der Schwan, vnd mit genommener harpffen wöllen sie den misshal zu schanden machen. Also geb Gott, dass durch diss mein raspen[878] einn ander auffgeweckt mich nit allein, wo ich erlegen bin, ersetze, sonder mich mit meiner kunst zu schanden mache vnd Teutschland ein besser, warer melodey vnd simphonei schlag, vnnd eigentlicher heraus butz[879], dann ich geringer in disser profession vnd Chronick hab geleyst.

2. KLEINE VÖGLIN, KLEINE NESTLIN.

Ein grosser Vogel muss ein gross nest haben. Grosse herrn müssen vil verzern. Vil einnemens vil aussgebens. Man trinckt aus kleinen brunnen eben so gnug als auss grossen. Der hirt hat eben so gnug vnnd lebt eben so lang vnd wol als der schultheyss {10} im hauss, der bawr als der fürst. Es ist allein vmb ein wenig mehr bracht[880] zu thun, vnd der vnderscheid allein im schein. Die speise vnd kleyder seind wol vngleich; halt aber das habermuss[881] gegen eim hungerigen magen vnd die capaunen gegen dem saten, vnlustigen magen der reichen, so lebt der baur wie der fürst. Ja, was sag ich, der bauwer lebt wohl vnnd der fürst wie ein arm man vnnd Tantalus in der hell. Der baur schläft müd auf einem strosack, wasen[882], banck, vnd sonst, wo er ligt: der fürst mag in helffenbeynen betten, auff pflaumfeder, mit eitel spinet[883], seidin vnd gold vmbhenckt, vnder vnd vberlegt, nit schlaffen. Hie frage ich doch, {20} welcher wol lig? Der fürst kan den last der kleyder etwa kaum tragen; der baur singt vnd springt frei, hurtig in eim grawen röcklin daher, darff[884] der nit verschonen, vnd zert mit einem creutzer so weit als der reich mit einem ducaten.

... Wo vil vässer[885] seind, da seind vil abesser. Grosser hoff muss vil mägt vnd knecht haben, vnd vil einnemens macht vil aussgebens. Der baur, so sein höflin on mägd vnd knecht mit seiner hand kan bawen, vnd die bewrin, so on mägd jr vihe kan allein melcken: die mögen leicht haben, das jn gnug, vnnd seind in jrem nestlin wol so reich, als der gross Meyer[886] mit fünffzig haupt {30} vihe, fünfftzehen meyd vnd knechten. Vnd ist der vnderscheyd an der narung des meysslins[887] vnd des pfawen nur im schein. Das meysslin hat wenig vnd ein klein nestlin, es darff[888] aber auch wenig. Der pfaw aber muss vil vnd ein gross nest haben. So nun in das gross vnd weit vil gehört vnnd das klein vöglin an kleiner speiss vnd nest vergnügt ist, so seind sie ye gleich reich. Ein eymerig vass vol ist eben so reich vnd vol, als das füderig[889]; was jhens mehr fasst, darff es mehr, vnnd geht mehr in es. Weil aber ein Christ gar ein nidertrechtig[890] vöglin ist, darff er auch gar wenig, vnd steht doch in diesem wenig aller welt reichthumb, also dass in disem wenig alles jr ist, was die welt hat vnd ist. Ich sehe manchen reichen in stetten hin vnd wider, der vnrüwig fast zablet[891] {10} vnd in dem nicht thut, dann dass er seiner mägd vnd knecht knecht ist. Wie vil seliger ist das vöglin, an seinem kleinen Nestlin benügt, dass sich nach der deck streckt! Wer sich also einziehen kann, der wirt nimmer arm vnd ist gar an leichtem[892] reich.

3. SPRICHWÖRTER.

Thl. I (1541), Bl. 123.

Eygner herd ist golds werdt. Es sol niemand jm selbs loben. Freuntschafft thuot mehr not, dann wasser vnd brot. Ein guoter freund ist in der not besser, dann gelt. Guoter freund, guoter fund. 20 Guot freund verzeihen einander leicht.

Bl. 20.

Das angesicht verrath den man. Es ist niemand weniger allein, dann allein.

Thl. II, Bl. 24.

Zween hart stein muolen nie klein. Zween streitköpff werden nimmer eins.

Bl. 79.

Mensch helff dir selbs, so hilfft dir Gott.

JOHANNES PAULI.

[Scherer D. 298, E. 295.]

Geboren, 1455 zu Pfeddersheim von jüdischen Eltern, trat zur katholischen Kirche über, wurde Franciscaner und starb 1530 zu Thann im Oberelsass. Er war ein Anhänger Geilers von Kaisersberg und sammelte dessen Predigten. Sein Buch ‘Schimpf und Ernst’ ist eine Sammlung von 700 Schwänken, Erzählungen, Fabeln, Anekdoten u. dgl. Herausgegeben von Österley (Stuttgart, 1866).

SCHIMPF UND ERNST.

DIE BEIDEN BLINDEN.

Es stunden auff ein mal zwei blinden vnder einem thor, da der künig oben in dem sal sasz vnd asz vnd mocht zů demselbigen thor sehen, vnd sahe wer da vsz vnd yn gieng. Da schrei der ein blind. O wie ist dem so wol geholffen, dem der Künig oder Keiser wil helffen. Da fieng der ander blind auch an zůschreien vnd sprach, O wie is dem so wol geholffen, dem got wil helffen! vnd also eins vmb das anders schrauwen die zwen blinden, dieweil der keiser {10} oder künig asz. Der keiser wolt doch versůchen was sie für glück hetten, vnd liesz zwen kůchen bachen, vnd in den einen thet er vil guldin, das er schwer was, in den andern thet er vil dottenbein, das er leicht was, und hiesz dem blinden den schweren kůchen geben, der da zů dem künig schrei, da ieglicher sein kůchen het, da giengen die blinden zůsammen, vnd fragten einander was im worden wer. Der ein sprach, man hat mir als ein leichten kochen geben. Da sprach der ander, so ist meiner als schwer, ich mein es sei häbere brot lieber lassen vns tuschen mit einander, ich hab alwegen gehört, brot bei der leichte, vnd kesz bei {20} der schwere. Die tuschten mit einander, morgens kam der aber vnd schrei. O wie ist dem so wol geholffen, dem der künig wil helffen. Der ander blind kem nit me, er het gnůg. Der keiser kam vnd liesz den blinden fragen, wa er den kůchen hin het gethon. Der blind sprach, er het mit dem andern blinden getuscht, wan er wer leichter gewesen dan der sein. Da sprach der künig, der ander blind hat noch recht geschruwen, das dem wol geholffen ist dem got wil helffen. Du solt nichtz haben, darumb bleib du in dem ellend.

JÖRG WICKRAM.

[Scherer D. 299, E. 297.]

Aus Kolmar, wo er eine Meisterschule gründete. 1554 Stadtschreiber zu Burkheim am Rhein. Seine Erzählungen ‘Knabenspiegel’, ‘Von guten und bösen Nachbarn’, ‘Gabriotto und Reinhard’, ‘Goldfaden’ (herausgegeben von Brentano, Heidelberg, 1809) schrieb er zwischen 1551–1556. Sein ‘Rollwagenbüchlein’, zuerst 1555 erschienen, ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten; herausgegeben von Kurz (Leipzig, 1865). Wickram dichtete auch Dramen.

AUS DEM ROLLWAGENBÜCHLEIN.

Der schmackhafte Trunk.

Auf ein zeit fůr ein mechtig schiff auf dem mer mit grossem gůt und kaufmanschatz beladen. Es begab sich, das ein grosse fortun oder torment an sie kam, also das sich menniglich zů sterben und {10} zů ertrinken verwegen tet. Auf dem schiff was ein grober und gar ein ungebachner Baier. Als er von menniglich hort, das sie sich zů versinken und zů ertrinken verwegen hatten, gieng er über seinen ledernen sack, nam daraus ein gůte grosse schnitten brot, reib ein gůt teil salz darauf, hůb an und ass das ganz gütiglichen in sich, liess ander laut beten, gott und seine heiligen anrüfen. Als nun auf die letzt der torment vergieng und alles volk auf dem schiff wider zů růwen kamen, fragen sie den Baier, was er mit seiner weis gemeint hat? der gůt Baier gab auf ire fragen antwort und sagt: ‘Dieweil ich von euch allen hört, wie wir undergon und gar {20} ertrinken solten, ass ich salz und brot, damit mir ein solcher grosser trunk auch schmecken mocht.’ Dieser wort lachten sie genůg.

DOCTOR FAUST.

[Scherer D. 301, E. 298.]

Das älteste Volksbuch vom Doctor Faust erschien zuerst zu Frankfurt 1587 bei Johann Spies (herausgegeben von Braune, Halle 1878; in photolithographischer Nachbildung Berlin, 1884). Eine neue Originalausgabe zu Frankfurt 1588. Erweiterte Ausgaben zu Berlin 1590; zu Frankfurt 1592. Eine englische Übersetzung (nach einem Nachdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1588) erschien zu London, 1592, und bald darauf Marlows Tragödie. Das alte Faustbuch wurde in Deutschland seit 1595 durch Widmanns Bearbeitung verdrängt.

1. DOCT. FAUSTUS EIN ARTZT, VND WIE ER DEN TEUFFEL BESCHWOREN HAT.

WIe obgemeldt worden, stunde D. Fausti Datum dahin, das zulieben, das nicht zu lieben war, dem trachtet er Tag vnd Nacht nach, name an sich Adlers Flügel, wolte alle Gründ am Himmel vnd Erden erforschen, dann sein Fürwitz, Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also, dass er auff eine zeit etliche zäuberische vocabula, D. Faustus Beschweret den Teuffel zum erstenmal. figuras, characteres vnd coniurationes, damit er den Teufel vor sich möchte fordern, ins Werck zusetzen, {10} vnd zu probiern jm fürname. Kam also zu einem dicken Waldt, wie etliche auch sonst melden, der bey Wittenberg gelegen ist, der Spesser[893] Wald genandt, wie dann D. Faustus selbst hernach bekandt hat. In diesem Wald gegen Abend in einem vierigen Wegschied[894] machte er mit einem Stab etliche Circkel herumb, vnd neben zween, dass die zween, so oben stunden, in grossen Circkel hinein giengen, Beschwure also den Teuffel in der Nacht, zwischen 9. vnnd 10. Vhrn. Da wirdt gewisslich der Teuffel in die Faust gelacht haben, vnd den Faustum den Hindern haben sehen lassen, vnd gedacht: Wolan ich wil dir dein Hertz vnnd Muht erkühlen, {20} dich an das Affenbäncklin setzen, damit mir nicht allein dein Leib, sondern auch dein Seel zu Theil werde, vnd wirst eben der recht seyn, wohin ich nit (wil) ich dich meinen Botten senden, wie auch geschach, vnnd der Teuffel den Faustum wunderbarlich äfft vnnd zum Barren[895] bracht. Denn als D. Faustus den Teuffel beschwur, da liess sich der Teuffel an, als wann er nicht gern an das Ziel vnd an den Reyen käme, wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub, als wolte alles zu Grund gehen, dass sich die Bäum biss zur Erden bogen, Darnach liess der Teuffel sich an, als wann der Waldt voller Teuffel were, die mitten vnd neben dess D. Fausti Circkel her bald darnach erschienen, als wann nichts denn lauter Wägen da weren, darnach in vier Ecken im Wald {10} giengen in Circkel zu, als Boltzen vnd Stralen, dann bald ein grosser Bůchsenschuss, darauff ein Helle erschiene, Vnd sind im Wald viel löblicher Instrument, Music vnnd Gesäng gehört worden, Auch etliche Täntze, darauff etliche Thurnier mit Spiessen vnd Schwerdtern, dass also D. Fausto die weil so lang gewest, dass er vermeynt auss dem Circkel zu lauffen. Letztlich fasst er wider ein Gottloss vnd verwegen Fürnemen[896], vnd beruhet oder stunde in seiner vorigen condition, Gott geb, was darauss möchte folgen, hube gleich wie zuvor an, den Teuffel wider zu beschweren, darauff der Teuffel jhm ein solch Geplerr vor die Augen machte, {20} wie folget: Es liess sich sehen, als wann ob dem Circkel ein Greiff oder Drach schwebet, vnd flatterte, wann dann D. Faustus seine Beschwerung brauchte, da kirrete das Thier jämmerlich, bald darauff fiel drey oder vier klaffter hoch ein feuwriger Stern herab, verwandelte sich zu einer feuwrigen Kugel, dess dann D. Faust auch gar hoch erschracke, jedoch liebete[897] jm sein Fůrnemmen, achtet jhms hoch, dass jhm der Teuffel vnterthänig seyn solte, wie denn D. Faustus bey einer Gesellschafft sich selbsten berühmet, Es seye jhm das höchste Haupt auff Erden vnterthänig vnd gehorsam. Darauff die Studenten antworteten, sie wüssten kein höher Häupt, {30} denn den Keyser, Bapst oder König. O dess armen Diensts vnd Gehorsams. Drauff sagt D. Faustus, das Häupt, das mir vnterthänig ist, ist höher, bezeugte solches mit der Epistel Pauli an die Epheser, der Fürst dieser Welt, auff Erden vnd vnter dem Himmel, &c. Beschwur also diesen Stern zum ersten, andern, vnd drittenmal, darauff gieng ein Fewerstrom eines Manns hoch auff, liess sich wider herunder, vnnd wurden sechs Liechtlein darauff gesehen, Einmal sprang ein Liechtlin in die Höhe, denn das ander hernider, biss sich enderte vnd formierte ein Gestalt eines fewrigen Manns, dieser gieng vmb den Circkel herumb ein viertheil Stund lang. Bald darauff endert sich der Teuffel vnd Geist in Gestalt eines grauwen Münchs, kam mit Fausto zu sprach, fragte, was er begerte. Darauff war D. Fausti Beger, dass er morgen vmb 12. Vhrn zu Nacht jhm erscheinen solt in seiner Behausung, dess sich der Teuffel ein weil wegerte[898]. D. Faustus beschwur jhn aber bey seinem Herrn, dass er jm sein Begern solte erfüllen, {10} vnd ins Werck setzen. Welches jm der Geist zu letzt zusagte, vnd bewilligte.

2. D. FAUSTUS LÄST JHM DAS BLUT HERAUSS IN EINEN TIEGEL, SETZT ES AUFF WARME KOLEN, VND SCHREIBT, WIE HERNACH FOLGEN WIRDT.

ICh Johannes Faustus D. bekenne mit meiner eygen Handt offentlich, zu einer Bestettigung, vnnd in Krafft diss Brieffs, Nach dem ich mir fürgenommen die Elementa zu speculieren, vnd aber auss den Gaaben, so mir von oben herab bescheret, vnd gnedig mitgetheilt worden, solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht {20} befinde, vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag, So hab ich gegenwertigem gesandtem Geist, der sich Mephistophiles nennet, ein Diener dess Hellischen Printzen in Orient, mich vntergeben, auch denselbigen, mich solches zuberichten vnd zu lehren, mir erwehlet, der sich auch gegen mir versprochen, in allem vnterthenig vnnd gehorsam zuseyn. Dagegen aber ich mich hinwider gegen jhme verspriche vnd verlobe, dass so 24. Jahr, von Dato diss Brieffs an, herumb vnd fürvber gelauffen, er mit mir nach seiner Art vnd weiss, seines Gefallens, zuschalten, walten, regieren, führen, gut macht haben solle, O HERR Gott behüt. mit allem, es sey Leib, Seel, Fleisch, {30} Blut vnd gut, vnd das in sein Ewigkeit. Hierauff absage ich allen denen, so da leben, allem Himmlischen Heer, vnd allen Menschen, vnd das muss seyn. Zu festem Vrkundt vnnd mehrer Bekräfftigung, hab ich disen Recess eigner Hand geschrieben, vnderschrieben, vnd mit meinem hiefür getrucktem eygen Blut, meines Sinns, Kopffs, Gedancken vnnd Willen, verknüpfft, versiegelt vnd bezeuget, &c.

Subscriptio,

Johann Faustus, der Erfahrne der Elementen, vnd der Geistlichen Doctor.

3. WIE DOCT. FAUSTUS ZU ERFFORD DEN HOMERUM GELESEN, VND DIE GRIECHISCHEN HELDEN SEINEN ZUHÖRERN {10} GEWEIST VND VORGESTELT HABE.

ES hat sich auch D. Faustus viel Jahr zu Erfford gehalten, vnd in der hohen Schul daselbst gelesen, vnd viel Ebenthewr in dieser Stadt angerichtet, wie noch etliche Personen beim leben, die jn wol gekandt, solche Ebenthewr von jhm gesehen, auch mit jm gessen vnd getruncken haben. Als er nun seinen Zuhörern einmal den Griechischen fürtrefflichen Poeten Homerum gelesen, welcher vnter andern Historien auch den zehenjärigen Krieg von Troia, der sich der schönen Helenæ wegen vnter den Griechischen Fůrsten erhaben hatte, beschreibet, vnd da vielmals der Tapffern Helden, {20} Menelai, Achillis, Hectoris, Priami, Alexandri, Vlissis, Ajacis, Agamemnonis vnd anderer gedacht wird, hat er derselben Personen, gestalt vnd gesichte den Studenten dermassen beschrieben, das sie ein gros verlangen bekommen, vnd offt gewünscht, wo es jhr Præceptor zu wegen bringen könte, dieselbigen zu sehen, haben jn auch darumb bitlichen angelanget[899]. Faustus hat jn solches verwilligt vnd zugesagt in der nechsten Lection, alle die sie begerten zusehen, vor augen zu stellen, derwegen ein grosser concursch vnd zulauff von Studenten worden. Wie dann die Jugend allzeit mehr auff Affenwerck vnd Gauckelspiel, denn zu dem guten, Lust vnd {30} Zuneigung hat. Als nun die Stunde komen, vnd Doctor Faustus in seiner Lection fortgefahren, auch gesehen, das wegen seiner gethanen zusag, mehr Zuhörer verhanden, dann sonsten, Hat er fast mitten in der Lection angefangen, vnd gesagt: Ir lieben Studenten, weil euch gelüstet die Griechischen berhümbten Kriegsfürsten, welcher der Poet alhier neben vielen andern Scribenten gedenckt, in der Person, wie sie domals gelebt vnd herein gangen seind, anzuschawen, sol euch dieses jtzt begegnen, vnd sind auff solche Wort alsbald obernante Helden in jhrer damals gebreuchlichen gewesenen Rüstung in das Lectorium nacheinander hinein getreten, sich frisch vmbgesehen, vnd gleich als wenn sie ergrimmet weren, die Köpffe geschüttelt, welchen zu letzt nachgefolgt ist, der greuliche {10} Rise Polyphemus, so nur ein Aug im Kopffe mitten in der Stirn gehabt hat, vnd einen langen zottichten fewrrohten Bart, hat ein Kerln, den er gefressen, mit den Schenckeln noch zum Maul heraus zottend[900] gehabt, vnd so gresslich ausgesehen, dass jhnen alle Haar gen Berg gestanden, vnd sie vor schrecken vnnd zittern schier nicht gewust haben, wo sie naus solten. Dessen aber Faustus sehr gelacht, vnd jhnen einen nach dem andern bey namen genandt, vnd wie er sie beruffen, also auch ordentlich heissen wider hinaus gehen, welches sie auch gethan, alleine der eineugige Cyclops oder Poliphemus hat sich gestalt, als wolte er nicht weichen, sondern {20} noch ein oder zween fressen, Darüber sich dann die Studenten noch mehr entsatzt, sonderlich weil er mit seinen grossen dicken Spiesse, der lauter Eisen, vnd eim Weberbaum gleich war, wider den Erdboden sties, das sich das gantze Collegium bewegte vnd erschutterte. Aber Faustus winckete jhm mit eim Finger, da traff er auch die Thůr, vnd beschlos also der Doctor seine Lection, des die Studenten alle wol zu frieden waren, begerten fortan kein solch Gesichte von jhme, weil sie erfahren, was für gefahr hiebey zu fürchten.

Notes in this chapter

Note 1 · Professor der alten Sprachen zu Wittenberg, † daselbst 1543.Note 2 · Feldsteine.Note 3 · Der Partekensack = der Brotbeutel der Schulkinder.Note 4 · rubetum.Note 5 · schwatzen.Note 6 · gefiedert.Note 7 · entgehn.Note 8 · Getreide.Note 9 · einher schreiten.Note 10 · die Waffen einsenken.Note 11 · Grind, Ausschlag.Note 12 · Schorf.Note 13 · kreischen.Note 14 · Beweismittel.Note 15 · roher Gesell.Note 16 · Rülpser, roher Mensch.Note 17 · Ungeduld, aber auch Unduldsamkeit.Note 18 · gut machen.Note 19 · die vorher erwähnte Sicherheit und Gastfreundschaft, die Sickingen Hutten bewiesen.Note 20 · Absicht, mind.Note 21 · lateinische Construction des Infinitivs.Note 22 · in the mean time.Note 23 · Vernunft.Note 24 · Nisus und Euryalus.Note 25 · ehrenhaft.Note 26 · strength.Note 27 · der Gesinnung.Note 28 · bezeugt.Note 29 · within the sphere.Note 30 · vergangen.Note 31 · ‘Herberge der Gerechtigkeit,’ das Schloss Sickingen’s, die Ebernburg in der Pfalz.Note 32 · Eilt euch.Note 33 · röchelt.Note 34 · stammelt.Note 35 · Spottname für Dr. Eck.Note 36 · Berchtold Haller, bei der Disputation in Baden auf Seite der Evangelischen.Note 37 · in die Höhe heben.Note 38 · aufs Rad.Note 39 · Dr. Faber, eigentlichen Namens Heigerlin, auf katholischer Seite.Note 40 · August.Note 41 · Säue.Note 42 · im vorigen Jahr; Anspielung auf Fabers Streben nach dem Bischofshut und seine Niederlage an der Disputation zu Zürich.Note 43 · Gespött.Note 44 · grand merci sagen, Umstände.Note 45 · Prahler.Note 46 · Küster.Note 47 · sollt.Note 48 · bäckt Kuchen.Note 49 · Butter.Note 50 · Der St. Galler Joachim Watt (Vadianus), einer der Präsidenten bei dem Gespräch in Bern.Note 51 · Hülfe.Note 52 · Benedict Burgauer?Note 53 · Thomas Murner.Note 54 · Geweihte Palmen galten als Mittel zur Abwehr des Bösen.Note 55 · das Gespenst ist die Reformation.Note 56 · wol der Basler Bürgermeister Adelberg Meyer.Note 57 · Dr. Eck.Note 58 · dürr und trocken.Note 59 · den dritten u.s.w. Gedächtnisstag für die Todten.Note 60 · unberusst.Note 61 · Anspielung auf Fabers gegen Luther geschriebenen ‘Malleus’ (Hammer).Note 62 · ganz gewaltig wohl.Note 63 · Säue; ähnlich wie damals Sau gebraucht man jetzt Bock figürlich.Note 64 · ungeneckt.Note 65 · Ecks bairische Mundart soll verspottet werden.Note 66 · verspotten.Note 67 · drohen.Note 68 · Pech.Note 69 · kleine Münze, also: durchaus nicht.Note 70 · raffen, reissen.Note 71 · Beisteuer, Hülfe.Note 72 · Lehm.Note 73 · als.Note 74 · aus Erde.Note 75 · Schnürriemen.Note 76 · prangen, sich gross thun.Note 77 · heb dich weg!Note 78 · Trotz, Ärger.Note 79 · gestaltet.Note 80 · bedeutet.Note 81 · ersparen.Note 82 · nach.Note 83 · Scepter.Note 84 · Elster.Note 85 · keinem.Note 86 · mit bösen Unthaten.Note 87 · nachahmen.Note 88 · Trotz.Note 89 · nachfolgen.Note 90 · Furcht, Schrecken.Note 91 · Fortkommen.Note 92 · die Luckmanier am Gotthart.Note 93 · Rhätierland, Rheinzier-Land.Note 94 · führe es nach Wunsch.Note 95 · weihen.Note 96 · deinen.Note 97 · gefasst.Note 98 · 1456 hatte eine ähnliche Wasserfahrt von Zürich nach Strassburg stattgefunden.Note 99 · nachfolgen, ähnlich sein.Note 100 · Recht.Note 101 · erworben.Note 102 · wo vorbei, i. e. vor Strassburg.Note 103 · bis heut zu Tag.Note 104 · Schiffsgefährte.Note 105 · Blasen, blister.Note 106 · wahr.Note 107 · nahen.Note 108 · rasch.Note 109 · fühle.Note 110 · Höhle.Note 111 · gibt ihr, der Gesellschaft, Muth.Note 112 · das Maul schäumt.Note 113 · grimmen Muth.Note 114 · auf den Rücken.Note 115 · Steuerruder.Note 116 · erschien.Note 117 · Ruderfurche.Note 118 · gehn.Note 119 · Vater.Note 120 · hin und herschwanken.Note 121 · Pfahl im Wasser.Note 122 · mit noch lahmem Halse.Note 123 · erglänzen.Note 124 · Fürwahr!Note 125 · Schosse.Note 126 · entfernet.Note 127 · lernen.Note 128 · scherzen.Note 129 · entschuldigen.Note 130 · man sie.Note 131 · zumal, wenn man bedenkt.Note 132 · erwerben.Note 133 · Hanfzwirn, hempen thread.Note 134 · an Armuth kauen.Note 135 · da unten.Note 136 · er dachte.Note 137 · gastfrei.Note 138 · gebricht, mangelt.Note 139 · both.Note 140 · comfort.Note 141 · den Kropf füllen.Note 142 · so weit, ein blosses Flickwort.Note 143 · Gewinn.Note 144 · sich nach der Decke strecken.Note 145 · zu Wege bringen, schaffen.Note 146 · seit.Note 147 · untergegangen.Note 148 · Kopfstück, eine Münze.Note 149 · heraus.Note 150 · Thun und Streben.Note 151 · Sohn des Mäusekönigs.Note 152 · Name des Katers.Note 153 · im Haus erzogen.Note 154 · gefährlich.Note 155 · schwatzte, schrie.Note 156 · Mannthier, i. e. Mensch.Note 157 · kucken, schauen.Note 158 · Basilisk.Note 159 · geartet.Note 160 · Thurm, Spitze.Note 161 · schön.Note 162 · die Federn des Hahns.Note 163 · auf der Erde.Note 164 · gerüstet.Note 165 · ausgestattet.Note 166 · mit dem Schnabel wühlen.Note 167 · Lärm.Note 168 · ziehe ihn heraus beim Hals.Note 169 · anpacken.Note 170 · heucheln.Note 171 · Eidgenossenschaft.Note 172 · morgens.Note 173 · unbedacht.Note 174 · Schuss.Note 175 · nichts.Note 176 · höflich.Note 177 · ausweichen.Note 178 · anfänglich.Note 179 · Hintertheil.Note 180 · gefasst gemacht.Note 181 · beängstigt.Note 182 · erwischt.Note 183 · Gebüsch.Note 184 · für nichts halten.Note 185 · zahlreich.Note 186 · bescheiden.Note 187 · sich träumen lassen, sich einbilden.Note 188 · nehmen.Note 189 · bewundern.Note 190 · sich das Haar färben lassen.Note 191 · als könnten sie nicht mehr deutsch sprechen.Note 192 · annehmen.Note 193 · Italiener.Note 194 · froh, stolz.Note 195 · als hätten sie etwas Böses gethan.Note 196 · besser.Note 197 · Tataren.Note 198 · Heiligthum.Note 199 · Ehre.Note 200 · und seufzen und klagen noch darüber.Note 201 · vergossen, verwandt.Note 202 · habe mich unterstanden zu geben.Note 203 · ein oder zwei Jahre.Note 204 · Hinterhalt.Note 205 · Lager.Note 206 · übertreffen.Note 207 · Gehäge.Note 208 · Kunstgriff.Note 209 · schlecht darauf spielen (ein veralteter Ausdruck).Note 210 · kratzen, rasping.Note 211 · herausputzen.Note 212 · Pracht.Note 213 · Hafermus.Note 214 · Rasen.Note 215 · gesponnenes Zeug.Note 216 · braucht.Note 217 · Gefässe.Note 218 · Hofpächter.Note 219 · Meise.Note 220 · bedarf.Note 221 · ein Fass, das ein Fuder oder sechs Eimer hält.Note 222 · arm.Note 223 · der sehr zappelt.Note 224 · mit Wenigem.Note 225 · Spessart.Note 226 · nach vier Richtungen auslaufende Wegscheide.Note 227 · = Barn, Krippe.Note 228 · Vorsatz.Note 229 · wurde ihm lieb.Note 230 · weigerte.Note 231 · mit Bitten angegangen.Note 232 · in Zotten niederhangen.
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