Volume 1 — REFORMATION UND RENAISSANCE. (continued 2)
Reading edition
THOMAS NAOGEORG.
[Scherer D. 309, E. 308.]
Aus Baiern. Eine Zeitlang Pfarrer zu Kahla in Thüringen. Führte, nachdem er mit Luther zerfallen, ein unstätes Leben. Er dichtete protestantische Tendenzdramen in lateinischer Sprache: ‘Pammachius’ 1538; ‘Mercator’ 1540; ‘Incendia’ 1541; ‘Hamanus’ 1543; ‘Hieremias’ 1551; ‘Judas Icariotes’ 1552.
AUS DEM PAMMACHIUS.
(Porphyrius. Pammachius. Satan.)
Porphyrius:
Er würt nun gwisslich ledig sein Und sein stůl haben gnomen ein Ich halt es sei der greülich man Gehörnt, der uns sicht hesslich an. Sein augen seind nür feüres glast, Eyn Habichs nass geknodet[901] vast. Sein maul ist weiter dann es sol. Sein gantzer leib schwartz wie eyn kol. 10
Pammachius:
Du hast verstand: es ist der man. Lass sehen was er hie wöll than.
Porphyrius:
Mir zittert aller meyner leib. Ich weyss nit, wo ich vor im bleib.
Pammachius:
Du můst sein angsicht leiden lern, Er gibt sunst grosse gaben gern Wann eyners eyn mol leiden mag 20 So leidt ers darnach allen tag.
Porphyrius:
Sag mir, Pammachi, wer sind die, Die also gkrönet stond alhie? Sichstu sie oder sichstus nit? Sag mirs, das ist mein grosse bitt.
Pammachius:
Es ist die öberkeyt im reich Ich sich ye sunst nit ires gleich.
Satan:
Die habend noch keyn feindlich gsicht, Mit forcht ir augen abgericht, Als ob sie etwas hetten gern, Das ich sie solt umb bitt gewern.
Porphyrius:
Sie ungleichen dem fürsten nit, 10 Als werns in eyner ess geschmit.
Pammachius:
Wolher, wir wöllen zů im gahn Und mit im zreden heben an.
Porphyrius:
O grossmechtiger fürst und her, Wir grüssen dich beyd ich und der.
Satan:
Was sůchend meyne find alhie? Ich hett solchs in vertrawet nie. 20
Porphyrius:
Ich weyss nit wie mir gschehen ist, So meyner zungen red gebrist[902]. Mich hat erschreckt die greülich stim, Das ich kan forter[903] reden nim[904].
Pammachius:
Du můst eyn starck gemüt hie hon Und wie eyn starcker kriegsman thon.
Porphyrius:
Wir deine diener hond eyn bitt, 30 Begerend: fürst, verschmeh uns nit.
Satan:
Was habt ir dann für bitt an mich? Sags von stund an, dazů schick dich!
Porphyrius:
O grosser fürst, gnediger her, Wiewol es von sich selbs ist schwer, Das eyner bei sein finden redt Und er werd gweret seiner bedt Bei denen, die er hett zůvor Mit wort und werck beleydigt zwor Noch tröst uns dein gross miltigkeyt Die bei dir allweg ist bereyt Die macht das wir auch hoffnung han 10 Dein gnad die werd uns nemen an Bissher hond wir noch nie erkant Dein onüberwintliche handt Und das mit unserm schaden gross Das wir nit wurden zerst dein gnoss Dieweil du so freigebig bist Das all den deinen nichts gebrist Mit grossem bracht sie gond daher Als ob die gantz welt iren wer. Nichts mangelt in an eer und gůt. 20 Dazů hond sie eyn gůten můt. On arbeyt werden sie all reich, So uns gar nit geschicht der gleich. Wir sind verschmacht[905] in aller welt Wir hond auch weder gold noch gelt, Wir sind veracht und gar verbandt. Man nimbt uns alles was wir handt. Mit hauss und hoff, mit weib und kind Wir täglich in den gferden sind Thůnd wir schon gůts, so ists keyn danck 30 Also leiden wir grossen zwanck Aber uns gschicht da eben recht Das wir nit wöllen sein dein knecht Die in deim reich hie müssend won. Drumb nemend wir eyn solchen lon. Eyn knecht sol warten auff sein hern, Will er von im eyn lon begern. Solchs solten wir betrachtet hon Und nit wöln deim gwalt widerston. Aber es gschach auss unverstandt. Drumb strecken wir auss unser hand, Du wölst dein knechten gnedig sein. Die vorhin haben straff und pein. Jetzt nim uns auff auch in dein reich. Mach uns dein underthonen gleich: 10 Wir wöllen gůten fleiss an kern, Dasselbig fürdern und zů mehrn. Das du můst sagen sicherlich, Du habst zůvor nit unsers gleich. Wie wir dir theten widerstandt, So wöln wir fürter mern dein landt, Also das keyner strenger sei Von allen die dir wonen bei.
JOHANNES CHRYSEUS.
[Scherer D. 310, E. 308.]
Deutscher Tendenzdramatiker der Reformationszeit. Lebte zu Altendorf in Hessen. 1546 übersetzte er den ‘Haman’ von Naogeorg. Sein ‘Hofteufel’ steht an der Spitze der gesammten Teufelsstücke des sechzehnten Jahrhunderts.
AUS DEM HOFTEUFEL.
Actus Quarti Scena Septima.
Sibilla. Salomon. Ben Jamin. Blepsidemus. Joseph[906].
Ach, Blepsideme, böse mehr Bringt jr mit euch mir jetzund her. 20 Ach Gott, mein Gott, klag dir mein leid; Ach Herr, hilff jetzt zu diser zeit! Ach hertzenliebsten kinder mein, Solt jr denn jetzt so jung vnd klein Zu armen elendn waysen werdn? Das klag ich dir mein Gott vnd Herrn. Wie hertzlich hat euwr Vatter doch Geliebet euch, vnd sollet noch Sein werdn beraubt so jämmerlich? Ach Gott, solchs jetzund krencket mich.
Salomon.
Wer wil denn vnserm Vatter thun? 10
Sibilla.
tlosn Leut, mein lieber Son. Bin doch ein gantz elende Frauw. Du treuwer Gott von Himmel, schauw, Sih an mein jammr und gross ellend: Diss böss fürnemmen gnedig wend! Ach Blepsideme, günner gut, Ich bitt, geht hin, erfaren thut, Wies vmb mein Herren sey gestalt, Ob er noch leb, vnd sagt mirs bald, 20 All weil ich hie verziehen wil.
Blepsidemus.
Wils bald erfarn, steht jr hie stil.
Sibilla.
Ach lieben kindr, bitt jetzt auch Gott, Das er errett euwrn Vattr vorn Tod.
Ben Jamin.
Ich wil flugs bettn, mein Memelein.
Sibilla.
Das thu, du hertzer Sone mein. 30
Joseph.
Wil ich meim Vatter helffen wol?
Sibilla.
Der treuwe Gott jm helffen sol. Ach lieben kindr, jr jammert mich. Du heiligr Gott, erbarme dich Vbr meinen Mann, den diener dein!
Ben Jamin.
Ach greinet nicht, mein Memelein.
Blepsidemus.
Ich habs erkundt, er ist noch frey, Drumb geht nur her, trett bass herbey.
Sibilla.
Mag mich jn jetzt nicht sehen kan: 10 Die kindr würdn jm zu hertzen gan.
Blepsidemus.
Ey, seit getröst vnd weinet nicht. Kan noch wol werden als geschlicht.
Sibilla.
Ach Gott, er jammert mich zu sehr.
Blepsidemus.
Seit stil, der König kompt jetzt her.
THIEBOLD GART.
[Scherer D. 304, E. 303.]
Bürger zu Schlettstadt. Sein Volksstück ‘Joseph’ wurde 1540 von Schlettstädter Mitbürgern aufgeführt und in demselben Jahre das erste Mal gedruckt zu Strassburg. Herausgegeben von E. Schmidt (Strassburg 1880).
SOPHORA.
O wee mein höchster Jupiter, Cupido du gewaltigster, 20 O Venus, dein gestrenges kind, Durchtringt mein traurigs hertz geschwind, Mit scharpffen pfeilen heysser lieb, Du brünnens[907] fewr, der ehren dieb, Was bringstu für ein preiss daruon? Wann du ein weib bezwingest schon, Ein plede[908] creatuer seer, Du plinder schütz, wa ist dein ehr? Mir kam doch in mein keüsches hertz, Nie semlich[909] vngehörter schmertz, Als seit der zeit so Joseph kam, In vnser hauss der heysse flamm, So bitt ich edle Venus mein, Gib jm das auch dagegen ein, 10 Vnd aber nim du bald hinweg, Das du mir gabst, das gross gekläg, Heu[910] soll ich mir ein sollchen mann, So hertzlich lassen ligen an Treib auss deim keuschen hertzen treib, Die schandtlich lieb, o leydigs weib, So fast du magst, ja wann ich möcht? So wer ich auch geschickter lecht[911], Mich zwingt vnwillig newe macht, Ein anders hat mein hertz betracht, 20 Ein anders radt mir liebes brunst, Ich kenn das recht vnd lobs vmb sunst, Denn ich folg nur dem bösen nach, Du arme, was ist dir so goch? Nach disem Hebreischen knecht, Er ist der thewren frawen zschlecht, Wa komm ich hin, was foch ich an? Du schändtlichs fewr, weich weit hindan Solt mich erbitten liebes lust, Eim dem mein lieb noch vnbewusst, 30 Wie möcht ichs jmmer vndersthon? Schamm würd mein mund beschliessen than. Jetzt weyss ich mir ein freien fund, Brieff brieff, die müssens machen kundt, Keyn bessers möcht ich han erdacht, Er kumpt, O wee die thür die kracht, Er ists, ich wags vnd solt ich schon, Eya meins hertzen höchste kron, Du bists nach dem mein hertz verlangt, An dir mein leib vnd leben hangt.
HANS SACHS.
[Scherer D. 306, E. 304.]
Geboren 1494 zu Nürnberg. Er besuchte die lateinische Schule, wurde Schuhmacher, gieng auf die Wanderschaft und befleissigte sich der Dichtkunst. 1515 nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete er 1519 und starb 1576. Zwischen den Jahren 1514, wo er zu dichten angefangen, und 1567 hatte er 34 Bände mit 6048 Stücken gedichtet. Eine neue Ausgabe durch Keller und Götze begonnen (Tübingen 1870 ff.); eine Sammlung der Fastnachtspiele von Götze (Halle 1880 ff.); eine Auswahl veranstalteten Gödeke und Tittman (3 Bde. Leipzig 1870, 1871).
1. WARUMB BETRÜBSTU DICH.
Warumb betrübstu dich mein hertz, bekümmerst dich vnd tregest schmertz Nur vmb dz zeitlich gut, Vertraw du deinem Herren vnnd Gott, der alle ding erschaffen hat. 10 Er weyss gar wol, was dir gebricht, Himel vndt Erdt ist sein, Mein Vatter vnnd mein Herre Gott, der mir beisteht in aller not. Weil du mein Gott vnnd Vatter bist, Dein Kind wirst du verlassen nicht, du Vätterliches hertz, ich bin ein armer erden Kloss, auff Erden weiss ich keinen trost. 10 Der Reich verlest sich auff sein zeytliches gut, ich aber wil dir vertrawen mein Gott. ob ich gleich werdt veracht, So weiss ich vnd glaub vestiglich, wer dir vertrawt dem mangelt nicht. Helia wer erneret dich, da es so lange regnet nicht, Inn so schwer thewrer zeyt, Eine Widwe auss Sodmer landt, zu welcher du von Gott warst gesandt. Do er lag vnter dem Wacholder baum, der Engel Gottes vom Himmel kam, bracht jm Speiss vnde tranck, Er gieng gar einen weiten gang, Biss zu dem berg Horeb genandt. Des Daniels Gott nicht vergass, da er vnter den Löwen sass: 10 sein Engel sand er hin, vnd liess jm speise bringen gut durch seinen diener Habacuck. [Joseph in Egypten verkauffet ward, von König Pharao gefangen hart vmb sein Gottsförchtigkeit: Gott macht jn zu eim grossen Herrn, das er kundt Vatter vnd Brüder ernehrn. Es verliess auch nicht der trewe Gott die drey Menner im Fewer ofen rot: 20 sein Engel sandt er jhn, Bewart sie für dess Fewres glut vnd halff jhnen auss aller noht.] Ach Gott du bist noch heut so Reich, Als du gewesen Ewigkleich, Mein trawen steht zu dir, Mach mich an meiner Seelen reich, so hab ich genug hie vnd ewigkleich. Der zeitlichen ehr will ich gern entpern, du wöllest mich nur des ewigen gewern, das du erworben hast durch deinen herben bittern todt, des bit ich dich mein HERR vnd Gott. Alles was ist auff diser Welt, 10 es sey Silber Gold oder gelt, Reichtumb vnnd zeitlich gut, das weret nur ein kleine zeit vnd hilfft doch nichts zur seligkeyt. Ich danck dir Christ O Gottes Son, das du mich solchs hast erkennen lon[912] durch dein Gottliches Wort, Verley mir auch bestendigkeyt zu meiner seelen seligkeyt. Lob ehr vnd preiss sey dir gesagt 20 für alle dein erzeigte wolthat vnd bit demütig, Lass mich nicht von deim angesicht verstossen werden ewigklich, Amen.
2. LANDS KNECHT SPIEGEL.
Dess Kriegs art, frucht vnd lohn, Magst du hierinn verstohn.
ALS ich vor dreyssig Jaren, Noch Jung vnd vnerfahren, Offt hört vom Kriege sagen, Vnd mir auch hart anlagen Mein Gsellen, das ich hin Solt in den Krieg mit jhn, Auch etwas zuerfahren, 10 Das ich in alten Jaren Daruon zusagen west[913], Fürsagten mir das best, Das ich ein lust gewunn Zum Krieg, vnd dem nachsunn, Wie noch manch Junges blut, Auss vnwissenheit thut. Nun, eins Nachs gegem Tag, Als ich frey munder lag, Erschin mir hell vnd pur 20 Der gross Gott der Natur Genius, sprach zu mir: Wolauff Gsell, das ich dir Den Krieg thu zeygen on, Sein art, frucht vnd sein lohn, Wenn ich dir den fürstell, Nach dem dir ausserwel In disen Krieg zuziehen, Oder jhn gar zufliehen. Nachdem da nam er mich, 30 Führt mich hoch vbersich Hindurch den klaren lufft, Vnd auff der Erden grufft Mir zeigt ein weytes thal, Verwüstet vberal, Verhawen warn die Wälder, Zertretten die Bawfelder, Würtz, Kraut, Laub vnde Grass Als abgefretzet was, 10 Sampt allerley Getreyd, Vnd aller wunn vnd weyd, Vnd die edlen Weinreben, All fruchtbar Bäum darneben Waren all abgehawen, Die Ecker vngebawen, Auch stunden die Weyer Von Visch vnd Wasser leer, Auch zeigt er mit darumb Ein vber grosse sumb, 20 Lang vnd breyt etlich meyler Dörffer vnd kleine Weyler Die brunnen[914] hoch vnd lo,[915] Eins theils die lagen do In der Aschen, vnd rochen[916], Zeigt mir wie sich verkrochen Die Bawern in den Wälden, In heckn vnd finstern hälden[917], Der ich doch vil sah schetzn[918], Fahen, Martern vnd pfetzn, 30 Auch wie da an den Strassen, Vor den Dörffern sassen Weib vnd die kleinen Kinder, Hin war Rossz, Schaf vnd Rinder, Auch jhr Schätzgelt eingraben, War hin von den Kriegsknaben, Sampt Futter vnd Getreyd, Dess sassens in hertzleyd, In hunger, durst vnd frost, Elend ohn allen trost, Vnd westen nit wohin, Nach dem zeigt er mir in 10 Den Bergen mannich Schloss, Welche durch das Geschoss, Warn hart worden bekümmert, Zerscherbet vnd zertrümmert, Vnd aussgebrendt mit Fewer, Doch stund noch etlich gmewer, Sonst all NotFest[919] zerstört, Kein Adel man drinn hört, Hin war als Frawen Zimmer, Vnd als was man vor jmmer 20 Geflöhnet[920] hett darein, Das war hin gross vnd klein, Nach dem er mir auch hat Gezeiget die Hauptstatt, Die vor war vest beschlossen, Jetzt durch den Feind zerschossen, Jhr Pastey[921] warn zerschellet, Thürn vnd Brustwör gefellet, Mit Pölern[922] hart gedrenget, Vnd mit Puluer zersprenget, 30 Die Mawer vnd den Graben Gar aussgefüllet haben, Auch lag da noch vom sturm Kriegsrüstung mancher furm[923], Von den die Statt ward gewunnen Das Wasser vnd die Brunnen Warn abgraben vnd gnommen, Als wir darob sind kommen, Zeigt er mir hin vnd her All gassen öd vnd lär, Elend stund das Rathauss, All Grechtigkeit war auss, Niemand hett straff noch schutz, 10 Es lag gemeiner Nutz, Freyheit, Original, All Pollicey zumal, Es schwieg Rath, Gsetz vnd Recht Es galt Herr wie Stadtknecht, War als verjagt vnd blöd, Auch stund die Kirch gar öd, Geblündert jhrer zier, Kein Freyheit war in jhr, Kein Ampt noch Sacrament, 20 Als Kirchengsang hett end, Kein Glocken noch kein Vhr, In jhr gehöret wur, Da war kein Priester mehr, Hin war jhr Würd vnd Ehr, Derhalb das Göttlich Wort Ward darinn nit gehort Mehr auff dem Predigstul, Auch stund gantz öd die Schul, Niemand da mehr studieret 30 In Künsten Arguiret, Kein freye Kunst gelehret, Dardurch würde gemehret Die zucht, weissheit vnd Tugend, Bei der blüenden Jugend, Auch stunden all Hämmer vnd Mül, Auch sah ich alle Stühl In den Werkstätten lär, Ich sah kein Handwercker Darinn schmieden noch drehen, Bachen[924], schneyden noch nehen, Schmeltzen, Giessen noch Weben, Graben, Zimmern, darneben 10 Buchtrucken noch Binden, Blieb alles dahinden, Sticken vnd Seidenfitzen, Mahln, Gulden oder schnitzen, Sah weder Badn noch schern, Lär waren all Tafern[925], Sah kein Hochzeit noch Tentz, Kein Bulerey noch Krentz, Kein Seytenspiel, hofiern, Kein Kurtzweil noch Thurniern, 20 Trawrig war all jhr wandel, Aller Gewerb vnd Handel Vom Krieg gefeget was, Vnsicher war die Strass, Auff alle Mess vnd Märck, In Summa all Handwerck Vnd Händel lagen nider, Ich schawet hin vnd wider Die Häuser alle offen, Das Volck hett sich verschloffen[926], 30 All winckel hin vnd dar Mit klag erfüllet war, Mit seufftzen, gschrey vnd weinen, Von grossen vnd von kleinen, Dann all Häuser in zorn Zerrissn, geblündert worn, Aller Haussrath war hin, Pettgwand, Silber vnd Zinn, Kleyder vnd die Barschafft, Der gantzen Burgerschafft, Dergleich gemeine Stadt, 10 War an jhrem vorrath, Beraubt, sampt aller Schätz, Erst sah ich das all plätz Vnd Gassn vol Burger lagen, Erschossen vnd erschlagen, Im Blut geweltzt jhr Leiber, Darbey Töchter vnd Weiber Sassen ein grosse Schar, Raufften jhr eygen Har, Wanden vor leyd jhr Händ, 20 Ihr vil waren geschend An jhr Weiblichen Ehr Von dem vnzüchting Heer. Genius sprach zu mir: Nun will ich zeygen dir Auch das gewaltig Heer, Das mit blutiger Weer Die Landschafft hat verhert, Schlösser vnd Städt vmbkehrt, Was sie für werth vnd lohn 30 Auch entpfangen daruon. Schnell mit mir Genius Durch die Wolcken hin schuss Vber ein weittes Feld, Das stund voller Gezeld, Vnd darumb Circkel rund Ein Wagnburg gschlossen stund, Da lag die blutig Rott An der Erd in dem Kot, Samb[927] lebendig begraben, In jrn Hüttn gleich den Raben, Gantz Wetterfarb vnd hager, Hungerig, dürr vnd mager, Ihre Kleyder zerrissen, 10 Erfaulet vnd zerschlissen, Bey der Nacht sie erfrurn, Beym Tag hart peinigt wurn Von der Sonn, hitz vnd staub, Macht sie gantz matt vnd taub, Regen vnd vngewitter, Herb kalte Wind warn bitter, Die Leuss in nassem Kleyd, Theten auch vil zu leyd, Offt ward gesperrt das Land, 20 Bracht mangel an Prouant, Derhalb Alter vnd Junger Musst leyden grossen hunger, Wann sie dann hetten wol, Warens denn gar stüd vol[928], Frassens fleisch hinein gar, Wans kaum halb gsotten war, Durch so vnorndlich leben Thet sich bey jhn begeben Das jhr vil waren kranck, 30 Vmb sie war gross gestanck, Sie hetten Breun vnd Ruhr, Vil jhr begraben wur, Kein rhu thetens auch haben Mit schantzen vnd mit graben, Mit Tagwach vnd schiltwachen, Vnd andern Kriegessachen, Der Pfenningmeister[929] gar Offt zu lang aussen war, Vil loffen auff die Beut, Zaltens offt mit der heut[930], Vil auch durch Armut kamen Das Feind vnd Freunden namen, Die henckt man dann an Galgen, O wie sah ich ein palgen[931], 10 Ein Gottlestern vnd schwern, Das niemand kund erwehrn, Auff dem vmbplatz vil ringer Lagen Händ vnde Finger, Ohn zahl jhr worden wund, Die man offt schlecht verbund, Das sehr vil Krüppel gab, Ich sah von oben ab, Wie sie litten zumal Vom Feind gross vberfal, 20 Auch kamen vom Scharmützel Ihr offt herwider lützel, Auch zeigt er mir von ferren In eim Zelt die Kriegsherren, Theten vil anschläg machen, Felten doch in vil sachen, Dess war jhn heimlich bang, Der Krieg verzog sich lang, Das Land gar zugewinnen, Offt thet jhn Gelts zerrinnen, 30 Bey all jhren auffsetzen[932], Der Vnderthanen schetzen, Denn thet der Krieg sie tringen[933], Eylend Gelt auffzubringen, Musten zu underpfand Versetzen jhr eygen Land, Ihr Kleinat vnd Credentz, Gieng auch dahin behends, Ietzt fehlt Puluer, dann Bley, Vnd ander Municey[934], Dem reysing Zeug gebrach Fütterung vnd Obtach, Das wasser mancher zeyt 10 Dem Läger war zu weyt, Offt ward Proviant verlegt, Der Lerman[935] sie erschreckt, Klag kam abend vnd morgen, Auch mustens hart besorgen, Ihn würd heimlich vergeben[936], Ander aufsetz darneben, Auch fürchtens mancherley Auffruhr vnd Meuterey In jhrem eygnen Heer, 20 Auch ereygnet sich mehr Vntrew jhrer Amptleut, Ihr vil trugen schalksheut, Auch war jhr kundschafft schlecht Offt falsch vnd vngerecht, Auch wurd jhn hin vnd wider Vil Post geworffen nider, Dardurch kam an den Tag Jhr heimlicher vorschlag, Von jhnen fiel auch ab 30 Etlich Stätt, sich begab Ir Bundgnossn wurden gweltigt, Noth, angst wurd manigfeltigt, Ihr Land vnd Fürstlich gnad Stund als auff dem glückrad, Der Feind auch auff sie zug, Das Läger an sie schlug, Beyd theil zuthun ein Schlacht, Wurden ordnung gemacht, Beyde zu Fuss vnd Ross, Abgieng das Feldgeschoss, Dass gleich das Erdrich kracht, Nach dem gieng an die schlacht, Vom Gschütz war ein gedöss, 10 Von Rossen ein gestöss, Ein stechen vnde hawen, In dem da thet ich schawen Das ein Heer siegloss floch, Der ander Hauff abzog. Genius liess mich sehen, Bald die schlacht ward geschehen, Die Walstatt diser Wisen, Sah ich mit Blute fliesen, Da grosse hauffen lagn 20 Erstochen vnd erschlagn, Eins theils lagen todwund Echtzten noch mit dem Mund, Eins theils hört ich laut gemmern Seufftzen vnd kläglich wemmern Vnd nach dem Tode schreyen, Auss ängsten sie zu freyen. Genius zeigt herab, Wie man auch vrlaub gab Dem gantzen hellen Hauffen, 30 Ach wie sah ich ein lauffen, Beyde von Jung vnd Alt, Dess Sold nicht gar bezahlt, Derhalb die strassen schlecht Lag gar vol Krancker Knecht, Ihr vil sah wir gefangen, Auch an den Baumen hangen, Ihr vil die Bawern erschlugn, Gantz elend sie heimzugn, Wann der tausent theil gleich Nit heim kam gsund vnd reich, Der meist theil kam zu Hauss Erger dann er zog auss, 10 Vol Laster vnd Vntugend, Also die blüend Jugend Im Krieg verdorben war, Das jhr anhangt vil Jar. Genius sprach zu mir: Sag an Gsell, wie gfelt dir Der Krieg vnd die Kriegsleut, Sein art, frucht, lohn vnd peut? Ich antwort jhm gar klug, Dess Kriegs hab ich genug, 20 Dieweil ich hab mein leben, So will ich mich begeben In kein Krieg nimmermehr, Weil er ohn nutz vnd Ehr Handelt, allein mit schaden Wirdt Land vnd Leut beladen, Welche der Krieg thut rühren, Sampt denen die jhn führen, Derhalb der Krieg ich sag Ist lautter straff vnd plag, Dess gar soll müssig gan Ober vnd Vnterthan. Da antwortet Genius Vnd sprach: Gesell man muss Dess Feindes sich offt weren, 10 Der wider Recht vnd Ehren Bekümmert Leut vnd Land, Allda mit thewrer hand Wehrt man sich recht vnd billig, Da solt du auch gutwillig, Deim Vatterland beystahn, Als ein ehrlicher Mann, Dran setze Leib vnd Blut, Krafft, Macht, Gwalt vnde Gut, Dein Vatterland zu retten, 20 Als auch die Alten theten, Das frid vnd rhu jhm wachs, Spricht von Nürnberg Hans Sachs.
3. AUS DIE WITTEMBERGISCH NACHTIGALL, DIE MAN JETZT HÖRET ÜBERALL.
Wach auff, es nahend gen dem tag! Ich hör singen im grünen Hag Ein wunnigkliche Nachtigal, Ihr stimb durchklinget Berg und Thal. Die Nacht neigt sich gen Occident, Der Tag geht auff von Orient, Die rotbrünstige Morgenröt Her durch die trüben Wolcken geht, Darauss die liechte Sonn thut plicken Dess Mondes schein thut sie verdrücken[937]; Des ist jetzt worden bleich und finster, Der vor mit seinem falschen glinster[2] Die gantzen Herd Schaf hat geblend, Das sie sich haben abgewend Von ihrem Hirten und der Weyd Und haben sie verlassen beyd, 10 Sind gangen nach des Mondes schein In die Wildnuss den Holzweg ein, Haben gehört des Löwen stimb Und sind auch nachgefolget jhm, Der sie geführet hat mit liste Gantz weit abwegs tieff in die Wüste; Da habens ihr süss Weyd verlorn, Hant gessen Unkraut, Distel, Dorn ... Zu solcher Hut haben geholffen Ein gantzer Hauff reissender Wolffen ... 20 Auch lagen vil Schlangen im Grass, Sogen die Schaf ohn unterlass Durch all Gelid biss auff das Marck. Dess wurden die Schaf dürr und argk Durchauss und auss die lange Nacht Und sind auch allererst erwacht, So die Nachtigall so hell singet, Und des Tages Gelentz[938] herdringet, Der den Löwen zu kennen geit[939], Die Wölff und auch jhr falsche Weid. 30 Dess ist der grimmig Löw erwacht, Er lawret und ist ungeschlacht Uber der Nachtigal Gesang, Das sie melt der Sonnen auffgang ... Der schein niemand verbergen kan. Nun das ihr klärer möcht verstan, Wer die lieblich Nachtigal sey, Die uns den hellen tag ausschrey, Ist Doctor Martinus Luther, Zu Wittenberg Augustiner, Der uns auffwecket von der Nacht, Darein der Mondschein uns hat bracht. Der Mondschein deut die Menschen Lehr Der Sophisten hin und her Innerhalb der vierhundert Jaren, 10 Die sind nach ihr Vernunfft gefaren Und hant uns abgeführet ferr Von der Evangelischen Lehr Unseres Hirten Jesu Christ Hin zu dem Löwen in die Wüst. Der Löwe wird der Bapst genennt, Die Wüst das Geistlich Regiment, Darinn er uns hat weit verfürt Auff Menschensünd, als man jetzt spürt ... Darumb, ihr Christen, auss der Wüste 20 Kehrt zu dem Hirten Jesu Christe! Derselbig ist ein guter Hirt, Hat sein Lieb mit dem Tod probiert[940], Wie samlet er aber diss sein Lob? Nämlich durch sein wort, die recht prob, Das lasst er trewlich durch sein Lehrer Theylen nach gelegenheit der Zuhörer, Also, das ers auch nicht verschweigt Den Kindern, wie diss Büchlein zeigt, Darinn er ihn nach jhrm Verstand 30 Durch kurtze Fragstück macht bekant Die fürnemst stück Christlicher Lehre, Wie man jhn recht nach seim wort ehre. Derwegen niemand nicht veracht Die Fragen, hie kurtz eingebracht, Sondern denck, das wir müssen all Zu Kindern werden in dem fall, Wollen wir anders glauben recht Die gheimnuss unsers glaubens schlecht. Die kindlich einfallt muss uns führen, Und müssen lassen uns Regieren Gotts wort, gleich wie das Kind regiert Des Vatters Red, was der ordiniert; Müssen von uns nicht hoch ding halten, Sondern wie Kind demütig walten, 10 Welchs Christus damals hat gewelt, Da er das Kind für die Jünger stelt. Hierumb so brauch, mein liebe Jugend, Diss Büchlin zu Lehr und rechter Tugend, Die dann in Gotts Erkantnuss stehet, Das man nach seinen Gebotten gehet. Darzu wöll Gott sein gdegen[941] geben Und nach disem das ewig Leben.
4. FABEL. {20} DER KRÄMER MIT DEM AFFEN.
Ein Krämer sein Krämerey trug Darmit er hin vnd wider zug Auff alle Kirchwey in dem Land, Auff den Dörffern, wo er die fand, Darmit er sich gar kaum ernehrt, Mit müh vnd arbeit streng vnd hert[942], Lid darbey hitz, frost, hunger vnd kommer Nun begab sich im heissen Sommer, Dass diser armer Krämer alt Sein krämerskorb trug durch ein Wald, 30 Nun schien die Sonn so vberheiss, Das vber sein Leib loff der schweiss, Gieng daher helig[943], müd vnd schwach, In dem ein Brünnlein er ersach, Das in eim gelben sand auffqwül[944], Gantz silberfarb, klar frisch vnd kül, Zu dem der Krämer nider sass In schatten in das grüne Grass, Vnd sein Krämerskorb von jm setzt, Vnd seines vnmuts sich ergetzt, Thet sich mit disem Brünnlein laben, Vnd gedacht jhm allda zu haben 10 Ein halbe stund ein stille rhu, Vnd höret den Waldvögeln zu, Wie sie sungen mit freyer stim, In dem giengen die augen jm Zu, vnd bey dem Brünnlein entschlieff, In süssem schlaff gar hart[945] vnd tieff, Vnter eim hohen Kistenbaum[946]. Im schlaff gedaucht jn in dem Traum Wie er auff einr Dorff-Kirchwey wer, Darauff sehr vil Gelds löset er, 20 Von Bawersvolck alten vnd jungen, Die sich vmb seinen Kram vast drungen[947]. Dess wurd der Krämer frewden vol Im schlaf, das es im gieng so wol, In dem ein Aff ersehen was[948] Den Krämer ligen in dem Gras. Der lof, vnd bracht im Wald daher Bey zweintzig Affen, oder mehr. Die Affen alle vmb jn stuhnden, Bleckten jr Zän, sein spotten kunden, 30 Aus fürwitz bald der Affen hauff Brachen jm sein Krämers-Korb auff, Vnd schütten jm herausser gar All seine elende Krämers Wahr, Als Brüch[949], Pfeiffen vnd Schlötterlein[950], Niesswurtz, Zucker vnd Brentenwein, Leckuchen[951] süssholtz, dergleich gneschlein[952] Gürtel, Nestel vnd Kindstäschlein Spiegel, Schelln, Kämb[953] vnd Harpand, Fingerlein[954], Nadel, das alles sand[955] Hieng der fürwitzen Affen Hauff Im Walde in dem Baumen auff, An den Esten hin vnde her, Samb im Wald ein Dorfkirchwey wer. Nach dem die Affn aneinander hiengen, 10 Ein Tantz vmb den Krämer anfiengen ... Die Schu jm von sein Füssen zugen, Vnd sie jhm in den Wald vertrugen ... Von disem so ist munter worn Der Krämer, vnd schnell aufferwacht, Fuhr auff, vnd gar vngeschlacht[956], Die Affen aber flohen bald, Hin vnd her zerstrewt in dem Wald, Vnd dem Krämer alle entloffen; Der fund seinen Krämerskorb offen, 20 Der war von aller Wahr gantz ler, Die hieng in Baumen hin vnd her, Vnd dazu in Hecken vnd Stauden, Die samlet er mit schweiss vnd schnauden[957]. Ein theil war jhm zu hoch gehangen, Dieselben kund er nit erlangen. Was er erlanget, packt er ein Widerumb in den Kramkorb sein, Vnd zog also barfuss darvon; Must spot vnd schmach zum schaden hon. 30
DER BESCHLUSS.
Also sich hie in diser zeit Manch Mann mit grossr müh vnd arbeit Kan sich gar kümmerlich ernehrn, Mit Weib vnd Kind hungers erwehrn, Mit schwerer Armut ist beladen, Vnd ist gantz jederman ohn schaden Mit seim Gewerb was er thut treiben, Kan doch vor den Affen nicht bleiben, Welche man sonst nent die Spottvögel, Welche sind frech, fürwitz vnd gögel[958], Die öffnen vnverschembt allzeit Eins guten Mannes heimligkeit Spott weiss mit jhren hinterschlegen, 10 All sein ding zum ärgsten ausslegen, In all seim Handl jn verunglimpffen, Sehr grob mit wort vnd wercken schimpffen[959] Wiewol mit solchem groben schimpff Kompt der gut Mann vmb ehr vnd glimpff Dardurch der gut Mann wird veracht, Wenn aber der in ernst erwacht, Vnd redet den vnd jenen an, Was er geredt hat vnd gethan, Als denn solch Spottvögel fliehen, 20 Vnd den Kopff auss der Schlingen ziehen Wischen das Maul, drollen darvon, Keiner wil nichts geredet hon, Oder sie geben für jhm glimpff[960], Es sey geschehn in gutem schimpff. Solches sind recht vntrewe tück, Vnd arg, neckische Bubenstück, Welches thut gar kein Byderman, Derselb schertzen vnd schimpffen kan, In fröligkeit ohn allen schaden, 30 Dass sein Nechster bleibt vnbeladen, Beyde an glimpff, Ehren vnd Gut; Solchs abr der Schandvogel nicht thut, Sonder schertzweiss aussbreit er das, Vnd doch auss bitter neyd vnd hass, Alls was er sicht, hört vnd erfehrt, Er alle ding zum ärgsten kehrt. Solch Affen vnd Schandvögel auff Erd Die sind gar keiner Ehren werd. Sie richten an vil vngemachs. Nur mit jn hin! das wünscht Hans Sachs. Anno Salutis MDLVIII. Am 19. Tage Decembris.
5. AUS DER COMEDIA: DIE UNGLEICHEN KINDER EVÆ.
{10} Ausgabe: Nürnberg bey Christoff Heussler 1558.
Actus III.
Adam vnnd Eua geen ein, vnd Abel selb sechst, Kain auch selb sechst.
Adam spricht.
Eua ist das hauss gezirt Auff das wenn der Herr kummen wirt Das es als schön vnd lüstig Ste Wie ich dir hab befolhen Ee.
Eua spricht.
Alle ding war schon zu bereyt Za nechten[961] vmb die versperzeit. 20
Adam spricht.
Ir kinderlein ich sich den Herrn Mit seinen Engeln kummen von Ferrn Nun stelt euch in die ordnung fein Vnd bald der Herre dritt herein Neygt euch und bietet jm die hend Schaw zu wie stelt sich an dem End Der Kain vnd sein Galgen-rott Sam wöllen sie fliehen vor Gott.
{30} Der Herr geet ein mit zweyen Engeln, geyd den segen vnd spricht.
Der Fried sey euch jr Kinderlein.
Adam hebt sein hend auff vnnd spricht.
O Himelischer Vater mein Wir dancken in vnsrem gemüt Das du vns Sunder durch dein güt Heimsuchst in vnser angst vnd not.
Eua hebt jr hend auff vnd spricht.
Ach du trewer Vatter vnd Got. Wie soll wirs verdienen vmb dich Das du kumbst so demütigklich 10 Zu vns elenden an diss ort Dieweil ich hab veracht dein wort Vnd gefolgt der hellischen schlangen Da ich die gröst sünd hab begangen Wider dich, drumb wirt mein gewissn Bekümmert, geengst vnd gebissn.
Der Herr spricht.
Mein Tochter sey zu frieden eben Deine Sünde seind dir vergeben Wann ich bin barmhertzig vnd gütig 20 Genedig, Trew vnd gar langmütig Ein Vater der trostlosen armen Ich wirt mich vber euch erbarmen So ich euch send in meinem namen Des verheissenen weibes samen Der wirt von übel euch erlösen Zertretten die hellischen bösen Schlangen doch mitler zeit vnd fort Solt jhr euch halten an mein wort Mit eim festen vnd starcken glaubn 30 Vnd last euch des niemand beraubn Das sol die weil ewer trost sein.
Adam spricht.
O himelischer vater mein Des sey dir lob, danck, preiss vnd ehr Jetzund ewig vnd jmmer mehr Nun jhr kinder euch hieher macht Mit reuerentz den Herrn entpfacht Sich, Sich, wie sich der Kain stelt Mit seiner rott so vngschickt helt Vnd wend vnserm herr gott den rück Wend euch und habt euch als[962] vnglück Empfacht jn nach einander rumb.
Kain entpfecht den Herrn mit der lincken hand vnd spricht.
Herr nun biss mir wilkumb. 10
Eua spricht.
Ey reicht jr denn an diesem end Vnserm hergott die lincken hend Ziecht auch ewre hütlein nit ab Wie ich euch vor geleret hab Ir groben filtz[963] an zucht vnd ehr Mein Abel kum zum Herren her Sambt den ghorsamen brüdern dein Entpfahet Gott den herrn fein.
{20} Abel beut dem Herrn sein hand sampt den frommen kindern vnnd spricht.
O Herr Got du himlischer vater Ich danck dir du höchster Wolthater Der du dich vnser so gnedigklich Annembst wer kan vol loben dich.
Der Herr spricht.
Abel vnd diese fünffe sind Gehorsam wolgezogne kind Kumpt thüt neher zu mir her trettn 30 Saget mir her wie künd jhr bettn.
NICODEMUS FRISCHLIN.
[Scherer D. 310, E. 309.]
Geboren 1547 zu Balingen in Würtemberg, schon 1568 Professor der freien Künste zu Tübingen, 1575 vom Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt und später zum Comes Palatinus ernannt. Wurde dann viel besonders von Seiten des Adels angefeindet und verfolgt, führte daher ein unstätes Leben, ward schliesslich eingekerkert und verunglückte bei einem Fluchtversuch 1590. Er dichtete meist in lateinischer Sprache sechs Comödien und zwei Tragödien; ‘Priscianus vapulans’ 1571; ‘Rebecca’ 1576; ‘Susanna’ 1578; ‘Hildecardis magna’ 1579; ‘Julius redivivus’; ‘Helvetiogermani’ 1589; ‘Phasma’ 1592.— ‘Dido’ 1581; ‘Venus’ 1584. Unter seinen sonstigen Gedichten sind seine ‘Elegien’ und die ‘Hebrais’ die bedeutendsten. Die deutschen Dichtungen gab Strauss heraus (Stuttgart 1857).
AUS DER COMMEDIA JULIUS REDIVIVUS, DEUTSCH BEARBEITET VON JACOB AYRER (herausg. von v. Keller, Stuttgart, 1865).
Hermannus sagt:
Wer seidt jhr dann? so zeigt mirs an! Ich hets vorhin lengst gern gewüst.
Cicero sagt:
Dises Julius Cesar ist, Der aller erst Keiser zu Rom, Vnd Cicero heiss ich mit Nahm, Ein Meister aller redner Kunst. 10
Hermannus sagt:
Ey schweigt! eur reden ist vmbsunst. Dise beid, die jhr habt genendt, Vor Sechzehenhundert Jahrn todt sendt Vnd in die Erd gescharret sein. Wo wolt jhr kommen da herein? Ihr seidt loss vnd verlogen Leut. Darumb führt sie hin allebeidt! Ihrer lügen ich schon gnug hab.
Cicero sagt:
Mercurius vns das lebn gab Vnd hat vns auch drey Monat gebn, Darinn wir möchten wider lebn, Zu sehen, wie es stündt im Landt.
Hermannus sagt:
So löset ihn auff jhre Pandt, Das ich mich bass mit jhn beredt! Vnd jhr solt mir sagen allbeed, Wie es steh drunden in der Helln. 10
Julius Cesar sagt:
So viel wir euch vermelten wölln, Das in der Helle seind zugleich Beide Jung vnd Alt, Arm vnd Reich, Auch Edl vnd vnedel drinn fahrn. Doch dörff wir euch nit offenbarn, Was bey den thaten heimblich ist.
Hermannus sagt:
So saget mir allein nur dist: Warumb seidt jhr auff Erden kommen? 20
Julius Cesar sagt:
Das wir so gern haben vernommen, Wie sich das Teutschlandt hab verkerdt, Wie es sich bessert vnd gemehrt, Das es könn Griechisch vnd Latein.
Hermannus sagt:
Keine sprach auff der Erden sein, Die man nicht auch im Teutschlandt kan.
Julius Cesar sagt:
Was seidt jhr für ein grosse Person, 30 In Eissern Kleidung wol gerüst, Darinn sich böss zu wehren ist: Der keine ist gwest bey mein zeitn. Wie wolt jhr mit den Feinden streitn Mit disen schweren Instrument?
Hermannus sagt:
Die besten Wehrn diss derzeit sendt. Meine Feind kan ich Würgen mit Dardurch wol auff Dreyhundert schrit, Also das er stracks auffm platz bleibt.
Julius Cesar sagt:
Zu grossem Wunder mich das treibt. Zu meiner zeit da braucht man Schleiter, Kondt doch damit werffen nit weiter, Als etwan ein Zwaintzig schrit weit. 10 Nit wissen wir zu dieser zeit, Wie dise Waffen gbrauchet wern.
Hermannus sagt:
Ich wil euchs lassen sehen gern.
Er reist die Büchssen rab, spandt sie, schüet Pulffer auff vnnd zeucht den Hannen herrüber vnnd trucket loss. Julius fellt auff die Knie, hebt die Händ auff vnd sagt:
O erschröcklich Gott, sey mir gnädig! Ob ich mich ghalten vnflätig, Verzeuch mirs! ich wills nit mehr than. 20 O Cicero, beth den Gott auch an, Der mit seim schröcklichn Donnerkeil Vns beidt vmbbringt über ein weil! Wir haben vns an jhm versündt.
Cicero fellt nider vnd sagt:
Ja wir seind ein weng gwest zu gschwindt, Das wir nit glauben, was er redt. Dein Donder mich erschrecken thet, Das ich nit west, wie mir war gschehen. Ach das wir etwas köndten sehen, 30 Das wir geben zum Opffer dir!
Hermannus sagt:
Steht auff! ich bin ein Mensch wie jhr, Heiss Hermannus vnd bin ein Fürst.
WOLFHART SPANGENBERG.
[Scherer D. 297, E. 264.]
Magister in Strassburg, war ein gelehrter Theolog und besass vielseitige Bildung. Er war ungefähr zwischen 1601–1611 literarisch thätig. Er verfasste moralisierende Stücke für die Gesellschaft der Meistersinger, übersetzte antike und moderne Tragödien und Comödien; mit seinem berühmten ‘Ganskönig’ und seinem unvollendeten ‘Eselkönig’ setzte er Fischarts Thierdichtung fort. Auch in kleineren Gattungen der Poesie versuchte er sich.
AUS DEM STRASSBURGER ‘SAUL.’
Michal.
Deiner Tochter erbarme dich, Die jetzund thut den Fussfall dir. Ach, er geht gar weg. O weh mir! O welch ein hartes Vatter Hertz. Wer hilfft mir nun in meinem Schmertz? Wer wird sich mein erbarmen fein, Weil mich verstosst der Vatter mein? 10 Ach, du mein Hertz, mein Frewd, mein Leben, Wohmit soll Jch dir helffen eben? Solt Jch dich sehn doch nur ein mahl, Vnd dich gesegnen in dem Fall: Vnd dir erzeygen in dem Schmertzen Ein zeugniss meiner lieb im Hertzen. Ach, was solt mir nun Frewde geben, Wann du nicht mehr bist in dem leben. Ach, solt Jch jetzt sterben mit dir. O Jhr Trabanten hört, die jhr 20 Den David vmbbringt grimmiglich: Tödet mit jhm zugleich auch mich. Jch will mit Frewden sterben nuhn. Was solt jch mehr bei Menschen thun? Solt Jch mich auch hinfort erzeygen Bey den Jungfrawen an dem Reygen? Niemand wird mich mehr hören singen Jch werd auch heim kein Hoffnung bringen Dass Er mein Breutgam werd bewegt. Ja mein zung mir am Gaumen klebt: Vnd alle die Gelieder mein Seind erhartet gleich wie eyn Stein. Die Erd mich eh verschlingen solt, Eh jch dich nit mehr lieben wolt. Inn ein Einöd will jch mich eben In diesem meim Elend begeben 10 Damit jch wasch, so offt jch wein, Mit den Thränen die Backen mein. Wenn mein Zung red nach Menschen brauch So folg eyn klag der andern auch. Gleich wie eyn Vöglein sitzt allein Auff eim Dannbaum vnd klaget fein. Oder auff einer Eichen Breit: Also will jch klagen mein leyd Mit Seufftzen, die auss meinem Hertzen Heuffig werden tringen mit Schmertzen. 20 Seuffzend will Jch meine Brust schlagen: Vnd den langsamen Tod anklagen. Ja für Trawren werd Jch verschmachten. Eim blümlein wird man mich gleich achten, Das früh emporhebt sein Häuptlein Wann herfür bricht der Sonnenschein Welchs die scharff Senss abhawt behend, Vnd wird durch strenge Hitz verbrennt: Das es abends verdorret balt, Ligt im Feld vnd hat kein gestalt. 30 Also hett Jch mir eingebild Des morgens früh eyn hochzeit mild: Vnd werde gleich mit schwerer plag Dahin gericht den ersten Tag Vnd leid mit Seufftzen vnd mit Schmertzen So grosse Angst, in meinem Hertzen: Dass jch balt gegen abend, gleich Sein werde, einer Toden Leich. Aber was ist das? was seh Jch? Wen schlept Jhr da jhr Bösewich! Wen schleifft Jhr da? last jhn balt gehen, Ach liebes Hertz, thu Jch dich sehen? Seh Jch nicht, den begehrt mein Hertz?
DIE ENGLISCHEN COMÖDIANTEN.
[Scherer D. 314, E. 313]
Eine Schauspielertruppe, die 1585 aus England herüberkam, ganz Deutschland durchzog und hier Shakespearesche und andere englische Stücke in prosaischer Übersetzung zur Aufführung brachte. Eine erste Sammlung dieser Prosadramen ‘Engelische Comedien vnd Tragoedien—Sampt dem Pickelhering’ erschien 1620. Vgl. A. Cohn, ‘Shakespeare in Germany’ (London und Berlin 1865); Tittmann ‘Die Schauspiele der englischen Komödianten in Deutschland’ (Leipzig 1880).
AUS DER TRAGÖDIA VON TITO ANDRONICO.
Nun ist die Morgenstunde heran gekommen, vnnd man jaget; die Jägerhörne vnd Tumpeten werden geblasen.
{10} Titus Andronicus (kömpt herausz).
O wie lieblich vnnd freundlich singen jetzt die Vogel in den Lüfften; ein jeglich suchet jetzt seine Nahrung, vnd die Jaget ist auch schon angefangen in Frewde vnnd Herrligkeit. Aber mein Hertz ist mir dennoch beängstiget vnd beschweret, denn ich diese vergangen Nacht solch ein schrecklichen Traum gehabt, vnd nicht weisz was er bedeuten wirdt. Nun musz ich wiederumb zum Keyser reiten, der Persönlich bey der Jagt vorhanden.
Gehet weg etc.
Jetzt kömpt herausz Andronica, hat jhr Gemahl bey der Handt; {20} die Kayserin kömpt jhm entgegen, die Jäger blasen.
Andronica.
Hertzliebes Gemahl, schöner vnnd lustiger Jaget habe ich mein Tage nicht gesehen.
Gemahl.
Ich auch, mein schöne Gemählin, kan mit Warheit sagen, das ich auff vielen Jagten gewest, aber nimmermehr lustiger vnnd frewdiger gesehen. Was aber sehe ich jetzt für ein Wunder: die Kayserin die da gar alleine eilend zu vns spatziret?
Kayserin (kömpt zu jhnen).
Sich welch ein grosz Wunder nimpt mir doch diese Andronica. Wie gehestu mit deinem Gemahl gar allein. Hastu nicht ein tausent Reuter vnnd Fuszvolck hinter dich, die da auff euch {10} warten?
Andronica.
Schöne Kayserin, ich frage euch wieder, wie kömpts, dasz jhr alleine gehet vnnd auch nicht ein Hauffen Diener auff euch bestellet haben? Aber ewrn Spott den jhr jetzt an vns treibet, thu ich doch weniger denn nichtes achten vnd jhne auch leichtlich vertragen. Verhoffe auch wann es würde von nöhten seyn, wolte ich eben so wol ein tausent Reuter vnd Fuszvolck können auffbringen dann jhr.
Kayserin.
{20} Andronica, das du jetzt so frech vnd mit spitzsinnigen Worten wiederumb fragest, warumb ich auch alleine gehe, soltu wissen, dasz es mir also gefelt. Aber ich frage, wie kömpts doch, dasz du mir so frech vnd trotziglich darffest antworten. Bin ich nicht deine Keyserin, vnd solst nicht wissen, wie hoch du mich ehren soltest; gedenck nun aber nicht, dasz ichs also dabey wil bleiben lassen.
Andronica.
Ja Keyserin, wie mann ins Holtz ruffet, also krieget man ein Widerschall, denn wie jhr mich ausz hoffertigen Gemüth fraget, so antworte ich euch. Ob ihr aber wol Keyserin seyd, wil ich euch {30} drumb nicht vnter den Füssen liegen, denn bedencket dieses: waret jhr nit erstlich meines Herren Vater gefangen, vnd nun weil jhr Keyserin worden seyd, wisset nicht wie jhr euch für Hoffart lassen wollet. Derhalben könnet jhr wol immer hinfahren in ewer Hoffart vnd mich bleiben lassen wer ich bin. Ich frage: was hat diese Stadt Rom für Nutz von euch vnd den ewren gehabt? was hat sie aber für Nutz von den meinigen, vnd mein Herr Vater? ja warlich wenn der es nicht gethan, vnd mit seinen Ritterlichen Händen erhalten, das Kayserthumb vnnd gantz Rom würde vorlangst zu Boden gangen seyn, thut aber so viele böses an mir, was jhr nicht lassen könnet.
Keyserin.
O mein Hertz wil mir im Leibe zerspringen; gehe mir ausz meinen Augen, du verfluchte Creatur, maszen ich dann dein Hochmuth nicht straffen könte, so wolte ich mich selbest tödten. Sich {10} ich thu schweren bey allen Göttern, dasz ich zuvor nicht essen oder trincken, auch nunmehr mein Häupt sanffte legen wil, bisz ich mein Muth sats vnd genugsam an dich gekület, vnnd mit Frewden vber dir triumphiret.
Gehet ein Schritt sex fort; da kommen jhre zween Söhne zu jhr; die Andronica redet vnter dessen in geheim mit jhrem Gemahl.
Helicates.
Gnädige Fraw Mutter, es nimpt vns grosz Wunder, dasz jhr so gar allein vnd von allen spatzieren gangen. Aber vielmehr thun wir vns verwunderen, warumb jhr so sehre betrübet, vnnd in {20} schwermütigen Gedancken gehet.
Mutter.
O mein liebe Söhne, öffenet ewre Ohren vnd observiret meine Wörter wol: jhr sollet wissen, dasz ich nit weit von hie einem Orte spatzierete, da die Andronica sampt jhrem Gemahl ist, welche mich also erfasset vnd mit spöttischen vnnd hönischen Worten wer vber mich bald toll vnd vnsinnig wordn, derhalben kömpft nur vnd rechnet euch mächtigklich wieder an sie; vnd gehet erbärmlich mit jr vmb; vnnd erstecht jhr alszbald ihren Gemahl an der Seiten, darvon jhr mich lieb habet. So jhrs aber nicht thut, so wil ich {30} euch verfluchen vnd nicht für meine Söhne halten.
Söhne.
Gnädige Fraw Mutter, wir seynd willich euch zu gehorsamen. Kömpt nu mit vnd zeiget vns an welchen Orte sie seyn, so wil ich jhm alszbald sein Leben nehmen.
Mutter.
Nun so folget mir vnd habt keine Erbarmnisse nit.
Gehen zu ihm. Helicates ziehet sein Schwerdt.
Helicates.
Sich, finden wir euch hie! Du hast nun gar zu lange gelebet.
Ersticht jhn.
O mordio, mordio!
Andronica.
Ach wehe, ach wehe! ist dar denn kein wehr vnd zeter dieser {10} mordtliche Todt.
Gehet für den todten Cörper auff die Erde sitzen.
Kayserin.
Sich nun du hoffertiges Weib: Wie gefelt dir disz? was düncket dir? hab ich den Eydt nicht gehalten, welchen ich geschworen? Ja dieser sol noch gar nichts seyn, sondern so wil ich dich zämen, dasz du mir vnter meinen Fuszsolen solt liegen, vnd ich vber deinem Leichnam trete; dein gantz Geschlechte sampt deinem Vateren vnnd Brüder wil ich gar auszrotten vnd bey meinem Gnädigsten Herrn Kayser mit List vnd Practicken zu wege {20} bringen, dasz sie alle eines jämmerlichen Todes sterben sollen. aber ich bin dir hoffertige Mensche so spinne feindt, denn mir vnmüglich ist lenger lebendig fur meine Augen zu sehen. Derohalben mein lieber Sohn; thue mir jetzt dein Schwerdt; damit wil ich jhr selbst jämmerlich jhr Leben nehmen.
JOHANN VALENTIN ANDREÄ.
[Scherer D. 315, E. 314.]
Geboren 1586 zu Herrenberg in Würtemberg. Er war der Sohn eines Predigers, studierte in Tübingen Theologie, reiste dann in Deutschland, Frankreich und Italien und erhielt nach seiner Rückkehr verschiedene Anstellungen als protestantischer Geistlicher. Er starb als Abt von Adelberg 1654. Er schrieb satirische Dialoge und Parabeln und Comödien in lateinischer Sprache. Unter seinen deutschen Werken sind zu nennen: ‘Christenburg’ 1615 (herausgegeben von Grüneisen); ‘Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreuz’ (1616); ‘Geistliche Kurzweil’ 1619.
1. AN DEN GRÜBLER.
OHn kunst, ohn müh, ohn fleiss ich dicht, Drumb nit nach deinem kopf mich richt, Biss du witzt[964], schwitzst, Spitzst, Schnitzst im Sinn, Hab ich angsetzt, vnd fahr dahin. Biss du guckst, buckst, schmuckst[965], truckst im Kopff, Ist mir schon aussgelehrt der Topff: Biss du flickst, spickst, zwickst, strickst im Hirn, Ist mir schon abgehaspt[966] die Zwirn. Gfelts dir nu nit, wie ich im thu, 10 Machs besser, nimb ein Jahr darzu.
2. EIN GESPRÄCH CHRISTI MIT EINER WELTLIEBENDEN SEELEN.
Christus.
CHristus zu einer Seelen spricht, Ach lass mich bey dir ein: Eh dann dir kompt das schwer Gericht Das nichts bringt dann nur pein: Dann dein vnrhüwigs[967] Hertz, Sucht hie vnd da sein schertz, 10 Vnd findt doch nichts dann schmertz.
Seel.
HErr Christ, antwort die Seel alsbald, Du bist mir gar nicht frembdt. Mein Hertz gegen dir ist gar nit Kalt, Mein Mund dich stehts bekendt: Ich hab im Leben mein Mich geben dir allein, Mein Heyland soltu sein.
Christus.
Reichlich redet dein Munde mir, Ich find es aber nit, So offt ich kam für deine Thür, 20 So wiltu noch nit mit, Die Eytelkeit der Welt, Darzu das schnöde gelt Dir noch zuwol gefellt.
Seel.
In dieser Welt ich leben muss, Allda ist wunders vil, Solt ich mir legen auff mehr buss, Wer wer dem dis gefiel, Dann solt nicht auch sein frewd, Vnder so vielem leid, Wer blib zu diser zeit.
Christus.
Sich Seel was mir versprochen hast, Als ich dich gnommen an, In diser welt wöllst han kein Rast, All tag zu Kampffe stahn, Nun hastu dich gelendt[968], 10 Zu meinen Feinden gwendt, Dein Frewd zur Höllen rendt[969].
Seel.
Tracht ich dann nicht nach deiner Ehr, So hast zu klagen wol, All Ketzerey von mir ist ferr, Mein Mund dir betten[970] soll, Doch bitt ich mir verzeich, Dass ich den Leuten gleich, Vnd doch von dir nit weich. 20
Christus.
Ich eyffer zsehr, vnd nit vertrag, Dass du liebst Andre mehr, Alda ich auch nit bleiben mag, Wa herrscht ein andrer Herr, Ist mirs nit grösser Spott, Dass du ehrst für dein Gott, Ehr, Gelt, vnd die bös Rott.
Seel.
Ach nit, das wer ein böse Sach, Fürthin mich massen[971] will, Mein armes Fleisch, das ist so schwach, Dass ich diss lieb zu vil, Drumb mein Hertz öffne ich, Zeuch ein Herr gnädiglich, Treib auss, was wider dich. 10
Christus.
Nit denck dass Ich dir kan[972] mit Pracht, Mein schmuck ist Creutz vnd schmach, Bey mir wirstu nur sein veracht, Dass jedermann dein lach, Jedoch biss wol gemut, Sey still in meiner hut, Ich bring dirs höchste gut.
Seel.
Adi O Welt vnd Fleisches Rhu, 20 Ich hab das gut erwehlt, Nun zeuch ich all mein Thürlin zu, Forthin mirs nimmer fehlt, Dir Christ ich nun allein, Einraum das Hertze mein, Dein vnd mein Will sey Ein.
JOHANN ARNDT.
[Scherer D. 315, E. 315.]
Geboren 1555 zu Ballenstädt im Anhaltischen. Sein Vater war Prediger. Arndt studierte zuerst Medicin, dann Theologie. 1583 erhielt er eine Pfarrei zu Badeborn im Anhaltischen, wurde aber von den Calvinisten vertrieben und nahm 1590 eine Stelle als Prediger zu Quedlinburg an. 1599 wurde er nach Braunschweig, 1608 nach Eisleben berufen. Er starb 1621 zu Celle als Generalsuperintendent. Er suchte in seinen Schriften fûr die Idee des wahren Christenthums zu wirken. Am verbreitetsten waren sein ‘Wahres Christenthum’ und das ‘Paradisgärtlein voll christlicher Tugenden.’
1. DANKLIED.
JEsu, meine Liebe, die ich offt betrübe, hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft hat geholffen in den Klagen, 10 Noth, Leid, Angst und Zagen. Nun ich wil dran dencken, wenn ich werd in Kräncken und in Ängsten seyn, wo ich werde stehen, wo ich werde gehen, wil ich dencken dein, ich wil dir, Heyl, für und für Danckbar seyn in meinem Hertzen, dencken dieser Schmertzen. 20 Ich bat dich mit Thränen, mit Leid, Angst und Sehnen, mein Aug und Gesicht hub ich auff und schriee, neigte meine Kniee, stund auch auffgericht, ich gieng hin und her, mein Sinn war bekümmert und voll Sorgen durch die Nacht an Morgen. Ich, als ich nicht sahe, dass du mir so nahe, 10 sprach zu dir im Sinn: Ich kan nicht mehr beten, komm, mein Heyl, getreten, sonst sinck ich dahin ja ich sinck! Ey, sprach dein Winck: Halt, meynst du, dass ich nicht lebe, noch fort ümb dich schwebe? Ich war noch im Glauben, den mir doch zu rauben 20 Satan war bemüht, der die armen Seelen in der Leibes-Höhlen vielmahls nach sich zieht. Ich sprach doch: Ich gläube noch: Gläubt ich nicht, nicht wolt ich beten, noch für dich hintreten. HErr, wer zu dir schreyet, seine Sünd anspeyet, rufft dich hertzlich an, aus getreuem Hertzen, dessen grosse Schmertzen 10 wirst du, HErr, alsdann, wann er fest gläubt, dich nicht lässt, als die deine selbst empfinden, tilgen seine Sünden. Drum, O meine Liebe, die ich oft betrübe hier in dieser Welt, dir danckt mein Gemüthe, wegen deiner Güte, die mich noch erhält, die mir offt gar unverhofft 10 hat geholffen in dem Klagen, Noth, Leid, Angst und Zagen.
2. VON DER KRAFFT UND NOTHWENDIGKEIT DES GEBETS, IN DIESEN GÖTTLICHEN BETRACHTUNGEN.
WEil das lebendige Erkäntniss GOttes, vnd auch des gecreutzigten Christi nicht kan erlanget werden, man lese denn täglich vnd ohne Vnterlass in dem Buch des vnschüldigen vnd heiligen Lebens CHRisti JEsu vnsers HERRn, vnd aber dieselbe Betrachtung vnd Erhebung des Gemüths zu Gott nicht kan geschehen ohn ein {20} andächtig, gläubig, demütig vnd fleissiges Gebet, welches nicht allein ein Gespräch des Mundes, sondern vielmehr des gläubigen Hertzens vnd Gemüts, vnd aller Kräffte der Seelen Erhebung ist: So ist von nöten, dass man die Art vnd Tugend des Gebets verstehen lerne. Denn ohne Gebet findet man Gott nicht. Das Gebet ist ein solch Mittel, dardurch man Gott suchet vnd findet. Dasselbe ist nun dreyerley, Mündlich, Innerlich, vnd Vbernatürlich, wie S. Paulus sagt: Ich wil im Geist beten, vnd mit dem Gemüthe. Das mündliche Gebet ist eine feine demütige eusserliche Vbung, welche zu dem innerlichen Gebet führet, ja welches den Menschen {30} in sein eigen Hertz führet, sonderlich wenn man im Glauben andächtig betrachtet die Wort so man betet, denn dieselbe bewegen vnd erheben den Geist vnd die Seele zu Gott, dass man ein gläubig Gespräch in kindlicher Zuversicht mit Gott hält. Das innerliche Gebet geschicht ohn vnterlass im Glauben, Geist vnd Gemüte, wie Joh. 4. vnser lieber HERR sagt, die wahren Anbeter werden den Vater im Geist vnd in der Warheit anruffen, vnd der 19. Psalm, lass dir wolgefallen das Gespräch meines Hertzens für dir. Item, Psa. 37. Mein Hertz redet, mein Geist muss forschen. Item, Rom. 8. Durch welchen wir ruffen Abba lieber Vater. Durch ein solch innerlich Gebet wird man denn geführet zu dem vbernatürlichen Gebet, welches geschicht, wie Taulerus sagt, durch wahre Vereinigung mit Gott durch den Glauben, da vnser {10} erschaffener Geist verschmelzt vnd versenkt wird in den vnerschaffenen Geist Gottes, da alles in einem Augenblick geschicht was sonst von allen Heiligen mit Worten vnd Wercken, von Anfang der Welt her geschehen, vnd so klein ein Heller ist, gegen 1000. Marck Goldes, so viel besser ist diss Gebet gegen das auswendige. Denn hie wird das Gemüt durch waren Glauben also mit Gottes Liebe erfüllet, dass es nichts anders gedencken kan, denn Gott, vnd wenn ein ander Gedanck ins Hertz vnd Gemüt fället, so ists der Seelen leid. Ein solch Gemüt lässet die Zunge nicht reden, oder ja sehr wenig, seufftzet jmmer zu Gott, dürstet {20} nach Gott, hat seine einige Lust vnd Liebe an Gott, vnd schleust die gantze Welt aus, vnd alles was in der Welt ist, vnd wird jmmer mehr vnd mehr mit Gottes Erkäntniss, Liebe vnd Frewde erfüllet, welches die Zunge nicht aussreden kan. Denn was die Seele alsdenn erkennet, ist vnaussprechlich, vnd wenn sie in solcher hoher Andacht gefragt würde, was erkennestu? Würde sie antworten, ein Gut, das alles Gut ist: Was sihestu? Eine Schönheit die alle Schönheit vbertrifft: Was empfindestu? Eine Frewde vber alle Frewde: Was schmäckestu? Eine Freundligkeit vber alle Freundligkeit. Ja sie würde sprechen alle Wort die ich darvon rede, sind {30} nur ein Schatten, denn das köstliche das ich in meiner Seelen empfinde, kan ich nicht aussreden. Das ist des ewigen Worts Stimme, vnd redet zu der liebhabenden Seele, wie Johan. 14 geschrieben ist, Wer mich liebet dem wil ich mich offenbaren, vnd was man als denn sihet vnd empfindet, ist vber die Natur, da höret man vnaussprechliche Wort vnd Stimme, welche heissen Vox intellectualis & mentalis. Da lernet denn die Seele Gott recht erkennen vnd schmäcken. Vnd in dem sie Gott erkennet, liebet sie jhn, vnd in dem sie jhn liebet, begehret sie jhn gantz zu haben. Vnd ist das rechte Zeichen der Liebe, dass sie das geliebte gantz haben, sich mit demselben gantz vereinigen, vnd sich in dasselbe verwandeln wil. Diss wird offt in der Seele des Menschen empfunden als in einem Blick, der bald vergehet. So suchet denn die Seele embsiglich, ob sie diesen himlischen Blick vnd Geschmack könte wieder bekommen, dass sie sich mit dem Geliebten müge vereinigen. Vnd fähet denn an zu beten mündlich vnd innerlich. Denn sie sihet wol, dass man solche himlische Lust vnd Erquikung {10} durchs Gebet widersuchen muss. Denn also hats die göttliche Weissheit verordnet, vnd dieselbe thut nichts ohne die allerschöneste Ordnung, vnd gibt auch allen Dingen jhre Ordnung. Darumb hat sie es also geordnet, dass niemand ohne das mündliche Gebet kommen kan zu dem Gebet des Gemüts, vnd ohne dasselbe kan niemand kommen zum vbernatürlichen Gebet vnd Vereinigung mit dem höchsten lieblichsten Gut: Welches man zwar empfindet, aber nicht aussreden kan. Darumb hat Gott das Gebet so ernstlich, so offt vnd so betheurlich befolen, dieweil das Gebet ist ein Pfand, vnd ein Band dardurch vns Gott zu sich {20} zeuhet, dardurch er vns desto offter vnd länger bey sich behalten wil, dardurch wir auch desto näher zu jhm kommen könten, vnd vns mit jhm als dem Vrsprung alles guten vereinigen, vnd sein in allen Dingen nicht vergessen sollen. Sonst dächten wir selten an jn, vnd würden seiner Güter nicht theilhafftig. Wenn du nun recht beten wilt, so mustu mit gantzem, vnd nicht mit halbem Hertzen beten. Vnd da gehöret grosse Vbung, vnd grosser Fleiss zu, sonst wirstu die Frucht des Gebets nicht erlangen. Im Gegentheil, wenn du andere eusserliche Ding thust, so mustu sie also thun, dass du nicht mit gantzem Hertzen daran hangest, als, wenn du issest vnd {30} trinckest, oder andere eussere Ding thust, das muss nicht dein gantz Hertz seyn, sondern dein Hertz sol gantz in Gott seyn, dass du durchs innerliche Gebet stetiglich an Gott hangest. Vnd je mehr du also beten wirst, je mehr du wirst erleuchtet werden. Je klärer du nun wirst Gott erkennen, je lieblicher du das höchste Gut empfinden wirst, vnd je mehr du wirst in der Liebe Gottes angezündet, vnd fähiger werden des höchsten Gutes, welches du vbernatürlich in deiner Seelen, als das allerköstlichste, so nicht ausszureden ist, schmecken wirst. Dieses dreyerleyes Gebets Exempel, Lehr, Art vnd Weise haben wir an vnserm HERRn Jesu Christo, wenn wir seine weise zu beten recht ansehen. Denn er offt etliche Tage vnd Nacht im Gebet verharret, vnd mit allen Kräfften gebetet, vnd sich im Gebet vnd im Geist gefrewet. Darumb er vns mit Worten vnd Wercken, mit seinem Exempel hat lehren beten, wie er sprach zu seinen Jüngern: Wachet vnd Betet, dass jr nicht in Anfechtung fallet. Vnd wie sehr offt vermahnet er vns zum Gebet, zubezeugen, dass ihm nichts liebers vnd angenehmers sey, denn {10} vnser Gebet, vnd dass er vns warhafftig also lieb habe, dass wir durchs Gebet das edelste vnd köstlich Gut der Seelen erlangen möchten. Vnd damit wir keine Entschüldigung hätten, als könten wir diese edle hohe Frucht des Gebets nit erlangen, so hat er nicht allein gesagt: Bittet so werdet jhr nehmen, dass ewer Frewde vollkommen sey, sondern er hat mit seinem Exempel vns zum Gebet bewegen wollen, in dem er für vns gebetet in seinem Leyden, wie der Evangelist sagt: Es kam aber, dass er mit dem Tode rang, vnd betet hefftiger, Es war aber sein Schweiss wie Bluts-Tropffen, die fielen auff die Erden. Setze diesen Bet-Spiegel für deine {20} Augen, vnd lerne im Gebet verharren, vnd ob du schwach bist im Gebet, so sihe deinen HERRn Jesum an. Denn er hat nicht für sich, sondern für dich gebetet, vnd dadurch dein Gebet geheiliget, gesegnet, vnd kräfftig gemacht. Sihestu, dass dein Erlöser, ob er gleich als warer Gott alles hatte, so hat er doch als ein Mensch alles durchs Gebet von seinem himlischen Vater erlangt vnd erbetet vmb deinet willen. Darumb sein gantzes Leben nichts anders gewest ist denn ein stetig Gebet vnd Seufftzen den Willen Gottes zuthun. Darumb er auch sein Leben am Creutz mit dem Gebet beschlossen hat. So nun der HERR Christus vmb deinet willen {30} so hefftig gebetet, vnd erhöret worden ist, Ach so wird er dich auch ja vmbsonst nit beten lassen: Vnd so dein HERR vnd Erlöser durchs Gebet alles erlanget hat, dir zu gut, meynestu denn, dass du ohne Gebet etwas erlangen wirst? Du weist ja, dass ohne Gottes Gnade, Liecht, Erkäntniss, vnd Glauben niemand kan selig werden: Wiltu aber Gottes Gnade, Liecht vnd Erkäntniss haben, so mustu beten. Denn ohn Gebet wirstu es nicht erlangen. Bitte vmb den Glauben, vmb die Liebe, vmb die Hoffnung, vmb Demuth, vmb Gedult, vmb den H. Geist, vmb alle Christliche Tugende, sie werden dir gegeben, vnd vermehret werden durch den, der sie hat. Denn der sie nicht hat, der kan sie dir nicht geben. Der sie dir aber geben kan, vnd wil, von dem mustu sie bitten. Du kanst aber nimmer brünstiger vnd andächtiger beten, du setzest dir denn den Spiegel des demütigen sanfftmütigen Lebens CHristi für deine Augen, seine Armuth, Verachtung, Schmertzen, vnd seinen schmählichen Tod. Wenn du in diss Bettbüchlein sihest, so wird dein Hertz vnd Gemüt angezündet werden mit inniglichem brünstigem {10} fewrigem Seufftzen, vnd werden dir zwar viel Anfechtungen des Teuffels vnd deines Fleisches begegnen, aber du wirst sie durch beten vberwinden. Durch das anschawen des gecreutzigten Christi wird das Gebet erwecket vnd wird starck. Dardurch wird auch das Hertz gereiniget. Ohne welche Reinigung des Hertzens durch den Glauben kein recht Gebet geschehen kan. Vnd durch solch Gebet kompt der H. Geist zu dir, wie am Pfingsttage vber die Apostel, als sie beteten. In deinen Anfechtungen aber vber deinem Gebet thue, wie der HERR JEsus that: Je hefftiger er angefochten ward in seinem Gebet am Ölberg, je hefftiger er betet. So wirstu {20} auch durchs Gebet vberwinden. Durchs Gebet offenbaret sich Gott den Menschen, durchs Gebet wird die Demut recht geübet. Da kömpt denn zusammen das höchste vnd nidrigste, das demütigste Hertz, vnd der höchste Gott. Vnd durch solche Demut wird viel Gnade in des Menschen Seele eingegossen. Denn je mehr die Gnade Gottes den Menschen demütigt, je mehr in solcher Demut die Gnade Gottes wächset vnd zunimpt, vnd je mehr Gottes Gnade im Menschen zunimpt, je mehr sich die Seele demütiget. Die gröste Anfechtung vnd Hinderung aber des Gebets ist, wenn Gott die Gnade der Andacht vnd Inbrünstigkeit entzeucht, vnd {30} denn solt du am meisten beten. Denn ob wol Gott ein inbrünstiges Gebet sehr lieb ist, so ist jhm doch das Gebet vil lieber, welches du in solcher deiner Seelen noth, in deiner Anfechtung, Betrübniss vnd Trawrigkeit thust. Denn gleich als es einem natürlichen Vater viel mehr jammert, wenn jhn ein kranckes Kind mit kläglicher Stimme anwinselt, denn wenn jhn ein starckes gesundes Kind mit vollem Munde anruffet: Also ist dem lieben Gott eines kleinmütigen, schwachgläubigen, trostlosen, geistarmen Menschen innerlich heimliches Leyden vnd Seufftzen viel lieber denn eines starckgläubigens Gebet, der voller Frewde ist. Gott wird dir seine Gnade zu seiner zeit wol wiedergeben, vnd dieselben dir nicht vergünnen oder versagen.
JACOB BÖHME.
[Scherer D. 315, E. 315]
Geboren 1575 zu Altseidenberg bei Görlitz. Er erhielt eine streng religiöse Erziehung und einen guten Schulunterricht in der Stadtschule seiner Vaterstadt. Zu schwach um den väterlichen Beruf, Bauernwirthschaft, zu betreiben, wurde er Schuhmacher. Er verfasste mehrere mystische Werke, die er als Offenbarungen ausgab. Die bedeutendsten sind: ‘Aurora, oder Morgenröthe im Aufgang,’ verfasst 1612; ‘Psychologia Vera, oder vierzig Fragen von der Seelen Urstand,’ 1618; ‘Mysterium Magnum, oder Erklärung des ersten Buches Mosis.’ Er zog sich Verfolgungen der Geistlichkeit zu, gab später sein Schuhmacherhandwerk auf, und starb 1624. Herausgegeben von Schiebler (7 Bde. Leipzig, 1831–1846).
AUS DEM MYSTERIUM MAGNUM.
VON ERSCHAFFUNG DES HIMMELS UND DER ÄUSSERN WELT.
WUnderlich kommts der Vernunft vor, wenn sich dieselbe beschauet, wie Gott habe Sternen und 4 Elementen geschaffen: Sonderlich wenn sie die Erde mit den harten Steinen, und gantz rauhen {10} strengen Wesen betrachtet: und siehet wie grosse Felsen und Steine geschaffen sind, welche ein Theil zu nichts mögen gebraucht werden, und dem Gebrauche der Creaturen dieser Welt nur hinderlich sind: So dencket sie, woraus mag eine solche Compaction entstanden seyn in so vielerley Formen und Eigenschaften? Denn es sind mancherley Steine, mancherley Metalle, und mancherley Erde, daraus auch mancherley Bäume und Kräuter wachsen.
2. So sie sich nun also besiehet, so findet sie nichts, als dass sie erkennet, es müsse eine verborgene Kraft und Macht sein, welche unergründlich und unerforschlich sey, welche alle Dinge habe also {20} erschaffen; dabey läst sie es bleiben, und läuffet also in dem Geschöpf hin und her, als wie ein Vogel in der Luft flieget, und siehets an, als die Kuhe eine neue Stallthür; und betrachtet sich niemals, was sie selber sey; und kommt selten also weit, dass sie erkennete, dass der Mensch ein Bilde aus alle diesem Wesen sey. Sie lauffet dahin als das Vieh, das keinen Verstand hat, das nur begehret sich zu füllen und zu gebären: und wenns am höchsten mit ihr kommt, dass sie will etwas forschen, so forschet sie in dem äussern Spielwercke der Sternen, oder sonsten um ein Schnitzwerck der äussern Natur, sie will schlecht[973] ihren Schöpfer nicht lernen kennen; und ob es geschiehet dass ein Mensch dahin kommet, {10} dass er Ihn lernet kennen, so heisset sie ihn närrisch; und verbeut ihme den edlen Verstand an Gott, und rechnets ihm noch wol für Sünde zu, und verspottet ihn darinnen.
3. Solche Viehe-Menschen sind wir nach dem Fall Adams worden: Dass wir nicht eins betrachten, dass wir sind in Gottes Bilde geschaffen, und mit rechten natürlichen Verstande beydes nach der ewigen und zeitlichen Natur begabet worden, dass wir gedächten das Verlorne durch grossen Ernst wieder zu erlangen; und da wir noch eben dieselbe erste Seele haben, darinnen der wahre Verstand lieget, so wir nur dahin möchten arbeiten, dass {20} dasselbe verlorne Licht wieder in uns scheine, welches uns doch aus Gnaden angeboten wird.
4. Darum wird keine Entschuldigung seyn auf dem grossen Tage des HErrn, da Gott das Verborgene der Menschheit richten wird; dieweil wir Ihn nicht haben wollen lernen erkennen, und seiner Stimme, welche täglich bey und in uns angeklopfet, nicht gehorchen und uns ihme nicht ergeben: dass unser Verstand aufgethan würde; und wird ein strenges Gericht über den ergehen, welcher sich läst Meister und Herr nennen, und doch den Weg Gottes nicht kennet noch wandelt, und auch noch darzu denen verbeut, so ihn kennen {10} und gehen wollen.
5. Die Schöpfung der äussern Welt ist eine Offenbarung des innern Geistlichen Mysterii, als des Centri der ewigen Natur mit dem heiligen Elemente: Und ist durch die Bewegung des Innern als ein Aushauchen, erboren worden durch das ewig-sprechende Wort, welches aus der innern Geistlichen Welt das Wesen hat ausgesprochen; und da es im Sprechen doch kein solch Wesen gewesen ist, sondern als ein Brodem[974] oder Rauch vor dem Innern, beydes aus der finstern Welt und Licht-Welt Eigenschaft, darum ist das äussere Wesen der Welt bös und gut.
6. Und ist uns dieselbe Bewegung des ewigen Mysterii der geistlichen Welt gar wol und gantz-inniglich zu betrachten. Wie das sey zugangen, dass ein solch grimmig rauhe, gantz stachlicht[975] Wesen und Regiment sey erboren, und offenbar worden, wie wir an den äussern Gestalten der Natur, an dem webenden[976] Wesen, sowol an Stein und Erden sehen. Wovon ein solcher Grimm entstanden {10} sey, welcher die Kräfte der Eigenschaften also in solche wilde Art compactirt und eingeführet hat, wie wir an der Erden und Steinen sehen.
7. Denn uns ist gar nicht zu dencken, dass im Himmel, als in der geistlichen Welt, dergleichen sey; Es sind nur die Eigenschaften der Möglichkeit in der Geistlichen Welt: Sind aber in solcher wilden Eigenschaft nicht offenbar, sondern als wie verschlungen, gleichwie das Licht die Finsterniss verschlinget, und da doch die Finsterniss wahrhaftig im Lichte wohnet, aber es nicht ergreiffet.
{20} 8. So ist uns deme nachzuforschen; Wie doch die finstere Begierde sey in der Kraft des Lichts offenbar worden, dass sie beyde sind mit einander in die Compaction oder Coagulation eingangen. Und noch viel ein grösser Nachdencken gibt uns das, dass da der Mensch nicht bestehen konte im Geistlichen Mysterio der Paradeisischen Eigenschaft, Gott dieselbe Compaction, als die Erde, verfluchte, und ein ernst Gericht anstellete: das Gute in der Compaction der Erden vom Bösen wieder zu scheiden, dass das Gute soll also im Fluche als im Tode stehen; wer allhier nichts siehet, der ist ja blind. Warum wolte Gott sein gutes Wesen verfluchen, {30} so nicht etwas wäre darein kommen, dass dem Guten zuwieder sey? oder ist Gott mit Ihme uneins worden? würde die Vernunft sagen; Denn bey Mose stehet: Und Gott sahe an alles was er gemacht hatte; und siehe, es war sehr gut. Gen. 1: 31.
9. Nun hatte doch der Mensch (um welches willen die Erde verfluchet ward) nichts in die Erde gebracht, davon sie dismal wäre also bös worden: dass sie Gott hätte mögen verfluchen, als nur seine falsche und unrechte Imagination der Begierde vom Bösen und Guten zu essen; die Eitelkeit, als das Centrum der Natur, in ihme zu erwecken, und Böses und Gutes zu wissen: Aus welcher Begierde der Hunger in die Erde einging, daraus der äussere Leib, als eine Massa war ausgezogen worden, der führte seinen Hunger der Begierde wieder in seine Mutter ein; und erweckte aus der finstern Impression des Centri der Natur, die Wurtzel der Eitelkeit, daraus ihme der Versuch-Baum, als Bös und {10} Gut, offenbar wuchs; und als er davon ass, ward die Erde um seinent willen verflucht.
GEORG RUDOLF WECKHERLIN.
[Scherer D. 316, E. 320.]
Geboren 1584 zu Stuttgart. Nachdem Weckherlin seine Studien in Tübingen beendet, reiste er viel in Deutschland umher, gieng dann nach Frankreich und England, wo er mit politischen Geschäften beauftragt war. 1616 wurde er Secretär und Hofdichter des Herzogs von Würtemberg. Seit 1620 war er auf Empfehlung des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz in der Deutschen Kanzlei zu London angestellt, woselbst er 1653 starb. Er verfasste Trink- und Liebeslieder, Preisgedichte auf historische Personen, geistliche Gedichte. Herausgegeben von Gödeke (Leipzig, 1873).
1. VBER DEN TOD DES KÖNIGS VON SCHWEDEN.
DEin aigner muht, O Held, weil Gotsforcht, Ehr vnd Recht, Dein hertz vnd schwerd allein gestörcket vnd gewötzet[977], Weil auch der erdenkraiss für dich zu eng vnnd schlecht, Hat in den himmel dich (zu früh für vns) versötzet. Dan gleichwie deine faust der gläubigen geschlecht, Als es in höchster noht, erröttet vnd ergötzet: Also hat durch dein haupt die kugel (layder!) recht Der Teutschen Freyheit hertz vnd Tugent haupt verlötzet. 20 Sigreich vnd seelig zwar hat dich, weil in der schlacht Du frey für Gottes wort dein thewres blut vergossen, In die endlose frewd vnd ehr dein end gebracht: Jedoch in layd vnd noht seind deine bunds-genossen, Weil deine herrschung du mit sig, triumff vnd pracht Dort in dem himmelreich anfangend, hie beschlossen.
2. AN HERREN MARTIN OPITZEN.
INdem mein Ohr, hand, mund schier müd, die schwere plagen Die diser grosse Krieg mit hunger, schwert, pest, brand, Vnd vnerhörter wuht auff vnser Vatterland Aussgiesset, ohn ablass zu hören, schreiben, klagen, Da wird mit wunder mir vnd mit wohn[978] fürgetragen: 10 Mein Opitz, deiner lieb vnd freindschafft wehrtes pfand, Pfand, welches mir alssbald die feder auss der hand, Vnd auss dem mund vnd gaist die klag vnd layd geschlagen. Dan ja dein Orgelstraich[979], vnd deiner Harpfen klang So lieblich das gehör vnd hertz zugleich berühren, Dass (wer sinnreich) mit mir erforschet jhren zwang, Der kan nichts dan dein werck vnd wohrt zu hertzen führen, Vnd sein mund muss dich bald mit einem lobgesang, Vnd seine hand dein haupt mit Lorbörzweigen zieren.
3. {20} ODE.
FRisch auff, jhr dapfere Soldaten, Ihr, die jhr noch mit Teutschem blut, Ihr, die jhr noch mit frischem muht Belebet, suchet grosse thaten! Ihr Landsleut, jhr Landsknecht frisch auff, Das Land, die Freyheit sich verlieret, Wa jhr nicht muhtig schlaget drauff, Vnd vberwindend triumfieret. Der ist ein Teutscher wolgeboren, Der von betrug vnd falschheit frey, 30 Hat weder redlichkeit noch trew, Noch glauben, noch freyheit verlohren: Der ist ein teutscher ehren wehrt, Der wacker, hertzhafft, vnverzaget, Für die Freyheit mit seinem schwert In die gröste gefahr sich waget. Dan wan jhn schon die feind verwunden, Vnd nemen jhm das leben hin, Ist doch ruhm vnd ehr sein gewin, Vnd Er ist gar nicht vberwunden: 10 Ein solcher tod ist jhm nicht schwer, Weil sein gewissen jhn versüsset; Vnd Er erwirbet lob vnd ehr, Indem er sein blut so vergiesset. Sein Nahm vnd ruhm allzeit erklingen In allem land, in jedem mund: Sein leben durch den tod wird kund, Weil sein lob die Nachkömling singen: Die edle freyheit ist die frucht, Die er dem Vatterland verlasset; 20 Da der hertzloss durch seine flucht Wirt gantz verachtet vnd gehasset. Also zu leben vnd zu sterben Gilt dem redlichen Teutschen gleich: Der Tod vnd Sig seind schön vnd reich, Durch beed kan er sein hayl erwerben: Hingegen fliehen allen danck Die flüchtige vnd der verrähter, Vnd jhnen folget ein gestanck, Weil sie verfluchte vbelthäter. 30 Wolan derhalb, jhr wehrte Teutschen, Mit Teutscher faust, mit kühnem muht, Dämpfet nu der Tyrannen wuht, Zubrechet jhr joch, band und beutschen[980]: Vnüberwindlich rühmet sie Ihr titul, torheit vnd stoltzieren: Aber jhr Heer mit schlechter müh Mag (vberwindlich) bald verlieren. Ha! fallet in sie: jhre fahnen Zittern auss forcht: Sie trennen sich, Ihr böse sach hält nicht den stich, Drumb zu der flucht sie sich schon mahnen: Gross ist jhr heer; klein ist jhr glaub, Gut ist jhr Zeug, böss jhr gewissen: Frisch auff, sie zittern wie das laub, 10 Vnd weren schon gern aussgerissen. Ha! schlaget auff Sie, Liebe brüder, Ist die müh gross, so ist nicht schlecht Der sig vnd beut: vnd wol vnd recht Zuthun, seind sie dan jhr viel müder: So straff, O Teutsches hertz vnd hand, Nu die Tyrannen, vnd die bösen; Die Freyheit vnd das Vatterland Must du auff dise weiss erlösen.
MARTIN OPITZ.
[Scherer D. 320, E. 319.]
Geboren 1597 zu Bunzlau in Schlesien, woselbst er eine gute Erziehung erhielt. Er besuchte später das Gymnasium zu Breslau und studierte die Rechte. 1618 gieng Opitz zur Universität nach Frankfurt an der Oder und trat mit dem herzoglichen Hof zu Liegnitz in Verbindung. Sein erstes Werk, der ‘Aristarch,’ war lateinisch geschrieben. Er befürwortet darin den Gebrauch der deutschen Sprache für die Dichter Deutschlands und empfiehlt den Alexandriner als Versmass. 1619 begab er sich als Erzieher nach Heidelberg, wo er die Bekanntschaft von Janus Gruter und unter jüngern Leuten von Zinkgref, Caspar Barth und H. A. Hamilton aus Kopenhagen machte. Beim Ausbruch des dreissigjährigen Krieges gieng Opitz (1620) von Heidelberg nach Holland, wo er mit Heinsius in Verbindung trat. 1622 nahm er eine Stelle am Gymnasium zu Weissenburg in Siebenbürgen an, kehrte aber bereits 1623 nach Schlesien zurück, wo er fürstlicher Rath beim Herzog von Liegnitz wurde. 1626 trat er, obwol Protestant, in die Dienste des Burggrafen Karl Hannibal von Dohna, eines erklärten Feindes der Protestanten. 1628 ward er von Kaiser Ferdinand II. als Martin Opitz von Boberfeld in den Adelstand erhoben, nachdem er bereits 1625 zum Dichter gekrönt war. 1630 reiste Opitz, in politischen Aufträgen nach Paris und machte die Bekanntschaft von Hugo Grotius. Nach dem Tode des Grafen Dohna (1633) fand Opitz neue Gönner und Beschützer und ward endlich Secretär und Historiograph des Königs Ladislaus IV. von Polen. Er starb 1639 an der Pest, angesteckt von einem Bettler, dem er ein Almosen gegeben. Er ist der Gründer der ersten schlesischen Schule. Von seinem ‘Buch von der deutschen Poeterei’ (1624) gab einen Neudruck heraus Braune (Halle, 1876). Eine Auswahl seiner Gedichte sowie der Werke der bedeutendsten Dichter des siebzehnten Jahrhunderts findet sich in Wilhelm Müllers ‘Bibliothek deutscher Dichter des XVII. Jahrhunderts’ (14 Bde. Leipzig 1822); auch von Tittman wurden ausgewählte Dichtungen herausgegeben (Leipzig 1867).
1. AUS DER ‘PROSODIA GERMANICA ODER DEM BUCH VON DER DEUTSCHEN POETEREY.’
ÜBER DEN ACCENT IN DEUTSCHEN VERSEN.
Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden. Ein Jambus ist dieser: Erhalt vns, Herr, bey deinem wort. {10} Der folgende ein Trochéus: Mitten wir im leben sind. Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan, in dem anderen verse die erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch etc. aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die Lateiner nach den quantitatibus oder grössen der sylben jhre verse richten vnd reguliren. Denn es gar einen übelen klang hat: Venus die {20} hat Juno nicht vermocht zue obsiegen; weil Venus vnd Juno Jambische, vermocht ein Trochéisch wort sein soll: obsiegen aber, weil die erste sylbe hoch, die andern zwo niedrig sein, hat eben den thon welchen bey den lateinern der dactylus hat.
2. GESANG ZUR ANDACHT.
AVff, auff mein Hertz’, vnd du, mein gantzer Sinn, Wirff alles dass was Welt ist, von dir hin: Im fall du wilt[981] was Göttlich ist erlangen, So lass den Leib in dem du bist gefangen: Die Seele muss von dem gesaubert seyn 10 Was nichts nicht ist als nur ein falscher Schein, Muss durch den Zaum der Tugend dämpffen können Die schnöde Lust der eusserlichen Sinnen. Ein jeder Mensch hat etwas dass er liebt, Dass einen Glantz der Schönheit von sich gibt: Der suchet Gold, vnd trawet sich den Wellen; Der gräbet fast biss an den Schlund der Hellen, Viel machen sich durch Kriegesthat bekandt, Vnd stehn getrost für GOTT vnd für jhr Land: Der dencket hoch, vnd strebet gantz nach Ehren; 20 Vnd jener lässt die Liebe sich bethören. Indessen bricht das Alter bey vns ein, In dem man pflegt vmb nichts bemüht zu seyn; Eh’ als wir es recht mögen innen werden, So kömpt der Todt, vnd rafft vns von der Erden. Wer aber gantz dem Leib’ ist abgethan, Vnd nimpt sich nur der Himmels-Sorgen an, Setzt allen Trost auff seines Gottes Gnaden, Dem kan noch Welt, noch Todt, noch Teuffel schaden. Den Ancker hat der Noa eingesenckt, 30 Da als er war mit Lufft vnd See verschrenckt; Der grosse Trost hat Abraham erquicket, Als er sein Schwerdt nach Isaac gezücket. Der Glaube muss von GOTT erbeten seyn, Der einig macht, dass keine Noth noch Pein, Vnd Todes-Angst auch den geringsten Schmertzen Erwecken kan in frommer Leute Hertzen. Drumb schaw’, O Mensch, hinauff vnd vber dich, Nach dem was nicht den Augen zeiget sich, Was niemand kan beschliessen in den Schrancken Der Sterbligkeit vnd flüchtigen Gedancken. Vollbringst du dass, mein Hertz’, vnd du, mein Sinn Vnd legst die Last der Erden von dir hin, 10 Sagst ab dem Leib’ in dem du bist gefangen, So wird GOTT dich, vnd du wirst GOTT erlangen.
3. AUFF LEYD KOMPT FREUD.
SEy wolgemuth, lass trawren sein, Auff Regen folget Sonnenschein, Es gibet endtlich doch das Glück Nach toben einen guten Blick. Vor hat der rauhe Winter sich An vns erzeiget grimmiglich, Der gantzen Welt Revier gar tieff 20 In einem harten Traume schlieff. Weil aber jetzt der Sonnen Liecht Mit vollem Glantz herausserbricht, Vnd an dem Himmel höher steigt, Auch alles frölich sich erzeygt, Das frostig Eyss muss gantz vergehn, Der Schnee kan gar nicht mehr bestehn, Favonius der zarte Windt Sich wider auff die Felder findt, Die Saate gehet auff mit macht, 30 Das Grase grünt in vollem Pracht, Die Bäume schlagen wieder auss, Die Blumen machen sich herauss. Das Vieh in Felden jnniglich, Das Wild in Püschen frewet sich, Der Vögel Schaar sich frölich schwingt, Vnd lieblich in den Lüfften singt, So stelle du auch trawren ein, Mein Hertz, vnd lass dein Zagen sein, Vertrawe Gott, vnd glaube fest Dass er die seinen nicht verlest. Vlysses auch, der freye Heldt, Nachdem er zehn Jahr in dem Feldt Vor Troja seine Macht versucht, Zog noch zehn Jahr vmb in der Flucht. 10 Durch Widerwertigkeit im Meer, Ward er geworffen hin vnd her, Noch blieb er standhafft allezeit, In Noth vnd Todt, in Lieb vnd Leydt. Die Circe mit der Zauberkunst, Bracht jhn niemals zu jhrer Gunst, Auch der Sirenen süsser Mundt Vnd Harfen jhn nicht halten kundt, Er warff doch endtlich von sich noch Des rauhen Lebens schweres Joch, 20 Penelopen er wieder fandt, Vnd Ithacen sein Vaterland, So biss du auch getrost, mein Hertz, Vnd vbersteh des Glückes Schertz, Traw Gott, sey nur auff jhn bedacht, Die Hoffnung nicht zu schanden macht.
4. ICH EMPFINDE FAST EIN GRAUEN.
Ich empfinde fast ein Grawen Dass ich, Plato, für vnd für Bin gesessen vber dir; 30 Es ist zeit hinauss zu schawen, Und sich bei den frischen Quellen In dem grünen zu ergehn, Wo die schönen Blumen stehn, Vnd die Fischer Netze stellen. Worzu dienet das studieren 30 Als zu lauter Vngemach? Vnter dessen laufft die Bach[982] Vnsers Lebens das wir führen Ehe wir es inne werden, Auff jhr letztes Ende hin, Dann kömpt ohne Geist vnd Sinn. Dieses alles in die Erden. Hola, Junger, geh’ vnd frage, Wo der beste Trunck mag seyn, Nimb den Krug, vnd fülle Wein. Alles Trawren, Leid vnd Klage Wie wir Menschen täglich haben Eh’ vns Clotho fortgerafft, 10 Wil ich in den süssen Safft Den die Traube giebt vergraben. Kauffe gleichfals auch Melonen Vnd vergiess des Zuckers nicht; Schawe nur dass nichts gebricht. Jener mag der Heller schonen, Der bey seinem Gold’ vnd Schätzen Tolle sich zu krencken pflegt, Vnd nicht satt zu Bette legt; Ich wil weil ich kan mich letzen. Bitte meine gute Brüder Auff die Music vnd ein Glass: Nichts schickt sich, dünckt mich so bass Als gut Tranck vnd gute Lieder. Lass’ ich gleich nicht viel zu erben, 10 Ey so hab’ ich edlen Wein; Will mit andern lustig seyn, Muss ich gleich alleine sterben.
SIMON DACH.
[Scherer D. 321, E. 322.]
Geboren 1605 zu Memel. Er erhielt eine sorgsame Erziehung in Memel, Königsberg, Wittenberg und Magdeburg, gab sich 1626 in Königsberg zunächst theologischen und philosophischen, dann allgemein humanistischen Studien hin, nahm hier 1633 eine Anstellung an der Domschule an, wurde 1638 zum Professor der Poesie an der Universität ernannt und starb 1659, nachdem ihn kurz vorher Friedrich Wilhelm, der grosse Kurfürst, mit einem kleinen Landgut belehnt hatte. Dach war der Mittelpunkt der sogenannten Königsberger Schule, die ausser ihm noch Heinrich Albert, Robert Roberthin, Johann Peter Titz und andere unbedeutende Dichter umfasste. Herausgegeben von Osterley (Tübingen 1876).
1. PERSTET AMICITIÆ SEMPER VENERABILE FÆDUS!
Der Mensch hat nichts so eigen So wol steht jhm nichts an, Als dass er Trew erzeigen 20 Vnd Freundschafft halten kan; Wann er mit seines gleichen Sol treten in ein Band, Verspricht sich nicht zu weichen Mit Hertzen, Mund vnd Hand. Die Red’ ist vns gegeben 20 Damit wir nicht allein Vor uns nur sollen leben Vnd fern von Leuten seyn; Wir sollen vns befragen Vnd sehn auff guten Raht, Das Leid einander klagen So vns betretten hat. Was kan die Frewde machen Die Einsamkeit verheelt[983]? Das gibt ein duppelt Lachen 10 Was Freunden wird erzehlt; Der kan sein Leid vergessen Der es von Hertzen sagt; Der muss sich selbst aufffressen Der in geheim sich nagt. GOtt stehet mir vor allen, Die meine Seele liebt; Dann soll mir auch gefallen Der mir sich hertzlich giebt, Mit diesem Bunds-Gesellen Verlach’ ich Pein vnd Noht, Geh’ auff dem Grund der Hellen Vnd breche durch den Tod. Ich hab’, ich habe Hertzen So trewe, wie gebührt, Die Heucheley vnd Schertzen 10 Nie wissendlich berührt; Ich bin auch jhnen wieder Von grund der Seelen hold, Ich lieb’ euch mehr, jhr Brüder, Als aller Erden Gold.
2. TOD DER FROMMEN.
O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen, Die ihr durch den Tod zu Gott gekommen! Ihr seyd entgangen Aller Noth, die uns noch hält gefangen. 20 Muss man hie doch wie im Kerker leben, Da nur Sorge, Furcht und Schrecken schweben; Was wir hie kennen, Ist nur Müh’ und Herzeleid zu nennen. Ihr hergegen ruht in eurer Kammer, Sicher und befreit von allem Jammer: Kein Kreuz und Leiden Ist euch hinderlich in Euren Freuden. Christus wäschet ab euch alle Thränen; Habt das schon, wornach wir uns erst sehnen: 30 Euch wird gesungen, Was durch Keines Ohr allhie gedrungen. Ach, wer wollte denn nicht gerne sterben Und den Himmel für die Welt ererben? Wer wollt’ hie bleiben, Sich den Jammer länger lassen treiben? Komm, o Christe, komm, uns auszuspannen, Lös’ uns auf, und führ’ uns bald von dannen! Bei dir, o Sonne, Ist der frommen Seelen Freud’ und Wonne.
3. TREWE LIEB’ IST JEDERZEIT ZU GEHORSAMEN BEREIT.
(In der Mundart des preussischen Landvolks.)
ANke van Tharaw öss, de my geföllt, 10 Se öss mihn Lewen, mihn Göt on mihn Gölt. Anke van Tharaw heft wedder eer Hart Op my geröchtet ön Löw’ on ön Schmart. Anke van Tharaw mihn Rihkdom, mihn Göt, Du mihne Seele, mihn Fleesch on mihn Blöt. Quöm’ allet Wedder glihk ön ons tho schlahn, Wy syn gesönnt by een anger tho stahn. Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn, Sal vnsrer Löve Vernöttinge syn. Recht as een Palmen-Bohm äver söck stöcht, 20 Je mehr en Hagel on Regen anföcht. So wardt de Löw’ ön onss mächtich on groht, Dörch Kryhtz, dörch Lyden, dörch allerley Noht. Wördest du glihk een mahl van my getrennt, Leewdest dar, wor öm dee Sönne kuhm kennt; Eck wöll dy fälgen dörch Wöler, dörch Mär, Dörch Yhss, dörch Ihsen, dörch fihndlöcket Hähr. Anke van Tharaw, mihn Licht, mihne Sönn, Mihn Leven schluht öck ön dihnet henönn. Wat öck geböde, wart van dy gedahn, 30 Wat öck verböde, dat lätstu my stahn. Wat heft de Löve däch ver een Bestand, Wor nich een Hart öss, een Mund, eene Hand? Wor öm söck hartaget, kabbelt on schleyht, On glihk den Hungen on Katten begeyht. Anke van Tharaw dat war wy nich dohn, Du böst min Dühfken myn Schahpken mihn Hohn. Wat öck begehre, begehrest du ohck, Eck laht den Rack dy, du lätst my de Brohk. Dit öss dat, Anke, du söteste Ruh’ Een Lihf on Seele wart vht öck on Du. Dit mahckt dat Lewen tom Hämmlischen Rihk, Dörch Zancken wart et der Hellen gelihk. 10
3. ÄNNCHEN VON THARAU.
(Herder’s Übertragung.)
Ännchen von Tharau ist die mir gefällt, Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld. Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz Auf mich gerichtet in Lieb’ und in Schmerz. Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut! Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut! Käm’ alles Wetter gleich auf uns zu schlahn, Wir sind gesinnt bei einander zu stahn. Krankheit, Verfolgung, Betrübniss und Pein 20 Soll unsrer Liebe Verknotigung sein. Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn’! Mein Leben schliess’ ich um deines herum[984]. Recht als ein Palmenbaum über sich steigt, Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt[985]; So wird die Lieb’ in uns mächtig und gross Nach manchen Leiden und traurigem Loos[986]. Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut! Du, meine Seele, mein Fleisch und mein Blut! Würdest du gleich einmal von mir getrennt, Lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt; Ich will dir folgen durch Wälder und Meer, Eisen und Kerker und feindliches Heer[987]. Ännchen von Tharau, mein Licht und mein’ Sonn! Mein Leben schliess ich um deines herum.
Die folgenden Verse fehlen bei Herder. Das Übrige heisst in hochdeutscher Sprache:
Was ich gebiete, wird von dir gethan, Was ich verbiete, das lässt du mir stahn. Was hat das Leben doch für ein’ Bestand, Wo nicht ein Herz ist, ein Mund, eine Hand? 10 Wo man sich ärgert, kabbelt und schlägt, Und gleich den Hunden und Katzen beträgt? Ännchen von Tharau, das werden wir nicht thun, Du bist mein Täubchen, mein Schäfchen, mein Huhn! Was ich begehre, begehrest Du auch, Ich lass den Rock dir, du lässt mir die Bruch[988]. Dies ist, dass, Ännchen, du süsseste Ruh’, Ein Leib und Seele ward aus Ich und Du. Dies macht das Leben zum himmlischen Reich, Durch Zanken ward es der Höllen gleich. 20
WILHELM MÜLLER.
4. SCHÖNER HIMMELSSAAL.
Schöner Himmelssaal, Vaterland der Frommen, Die aus grosser Qual Dieses Lebens kommen, Und von keiner Lust, In der Welt gewusst! Sey mir hochgegrüsst! Dich such’ ich für allen, Weil ich öd’ und wüst In der Welt muss wallen Und von Kreuz und Pein Nie befreit kann sein. Deinetwegen blos Trag’ ich diess mein Leiden, Diesen Herzensstoss Willig und mit Freuden; Du versüssest mir Alle Höll’ allhier. Trüg’ ich durch den Tod Nicht nach dir Verlangen, O, in meiner Noth Wär’ ich längst vergangen; 10 Du bist, einig du, Nichts, sonst meine Ruh! Gott, du kennst vorhin Alles, was mich kränket, Und woran mein Sinn Tag und Nacht gedenket: Niemand weiss um mich Als nur du und ich. Hab ich noch nicht sehr Ursach’, mich zu klagen, 20 Ei, so thu’ noch mehr Plage zu den Plagen; Denn du trägst, mein Heil, Doch das meiste Theil. Lass diess Leben mir Wohl versalzen werden, Dass ich mich nach dir Sehne von der Erden, Und den Tod bequem In die Arme nehm’. O wie werd ich mich 10 Dort an dir erquicken! Du wirst mich, und ich Werde dich anblicken, Ewig herrlich, reich Und den Engeln gleich. Schöner Himmelssaal, Vaterland der Frommen, Ende meiner Qual, Heiss mich zu dir kommen, Denn ich wünsch’ allein 20 Bald bei dir zu sein!
PAUL FLEMING.
[Scherer D. 321, E. 322.]
Geboren 1609 zu Hartenstein im Voigtlande; besuchte die Schule zu Meissen, und studierte Medicin in Leipzig. Der Dreissigjährige Krieg trieb ihn nach Holstein, wo er sich der Gesandtschaft anschloss, welche Herzog Friedrich von Holstein an seinen Schwager, den Zar Michael Feodorowitz, nach Moskau schickte. Nach seiner Rückkehr von Russland (1635) wurde er mit Olearius vom Herzog als Gesandter an den Schah Sefi nach Persien geschickt. Er starb bald, nachdem er diese Reise beendigt, im Jahre 1640 zu Hamburg. Seine gesammelten Gedichte erschienen erst nach seinem Tod 1646. Lappenberg gab die lateinischen Gedichte Stuttgart 1863, die deutschen Stuttgart 1865 heraus, Tittmann (Leipzig 1870) eine Auswahl.
1. GEISTLICHES LIED.
Lass dich nur nichts tauren mit Trauren! Sei stille! Wie Gott es fügt, so sei vergnügt, mein Wille! Was wilst du heute sorgen, auf morgen? Der Eine 10 steht Allem für, der giebt auch dir, das Deine. Sei nur in allem Handel ohn’ Wandel, steh feste! Was Gott beschleusst, das ist und heisst, das Beste. 10
2. NACH DES VJ. PSALMENS WEISE.
In allen meinen Taten lass ich den Höchsten raten, der Alles kan und hat; er muss zu allen Dingen, solls anders wol gelingen, selbst geben Rat und Tat. Nichts ist es spat und frühe, um alle meine Mühe[989], mein Sorgen ist ümsonst: 20 er mags mit meinen Sachen nach seinem Willen machen, ich stells in seine Gunst. Es kan mir nichts geschehen, als was er hat versehen[990] und was mir selig ist. Ich nehm’ es, wie ers giebet; was ihm von mir geliebet[991], das hab’ auch ich erkiest. Ich traue seiner Gnaden, 30 die mich für[992] allem Schaden, für allem Übel schützt. Leb’ ich nach seinen Sätzen, so wird mich nichts verletzen, nichts fehlen, was mir nützt. Er wolle meiner Sünden, in Gnaden mich entbinden, durchstreichen meine Schuld! Er wird auf mein Verbrechen nicht stracks das Urteil sprechen und haben noch Gedult. 20 Ich zieh’ in ferne Lande, zu nützen einem Stande, an den er mich bestellt. Sein Segen wird mir lassen was gut und recht ist fassen zu dienen seiner Welt. Bin ich in wilder Wüsten, so bin ich doch bei Christen; und Christus ist bei mir. Der Helfer in Gefahren, 30 der kan mich doch bewahren, wie dorte, so auch hier. Er wird zu diesen Reisen, gewündschten Fortgang weisen, wol helfen hin und her, Gesundheit, Heil und Leben, Zeit, Wind und Wetter geben und Alles nach Begehr. Sein Engel, der getreue, macht meine Feinde scheue, trit zwischen mich und sie. Durch seinen Zug, den frommen, 10 sind wir so weit nun kommen und wissen fast nicht wie. Leg’ ich mich späte nieder, erwach’ ich frühe wieder, lieg’ oder zieh’ ich fort, in Schwachheit und in Banden, und was mir stösst zu Handen[993], so tröstet mich sein Wort. Hat er es denn beschlossen, so will ich unverdrossen 20 an mein Verhängnüss gehn; kein Unfall unter allen wird mir zu harte fallen, ich will ihn überstehn. Ihm hab’ ich mich ergeben zu sterben und zu leben, so bald er mir gebeut. Es sei heut’ oder morgen, dafür lass ich ihn sorgen, Er weiss die rechte Zeit. Gefällt es seiner Güte, und sagt mir mein Gemüte nicht was Vergeblichs zu, so werd’ ich Gott noch preisen 10 mit manchen schönen Weisen daheim in meiner Ruh’. Indess wird er den Meinen, mit Segen auch erscheinen, ihr Schutz, wie meiner, sein; wird beiderseits gewähren was unser Wundsch und Zähren ihn bitten überein. So sei nun, Seele, deine[994] und traue dem alleine, 20 der dich geschaffen hat! Es gehe wie es gehe, dein Vater in der Höhe weiss allen Sachen Rat.
3. HERRN PAULI FLEMINGI DER MED. DOCT. GRABSCHRIFT, SO ER IHM SELBST GEMACHT IN HAMBURG, DEN XXIJX. TAG DES MERZEN M DC XL. AUF SEINEM TODBETTE, DREI TAGE VOR SEINEM SELIGEN ABSTERBEN.
Ich war an Kunst und Gut und Stande gross und reich, des Glückes lieber Sohn, von Eltern guter Ehren, 30 frey, meine, kunte mich aus meinen Mitteln nähren, mein Schall floh über weit, kein Landsmann sang mir gleich, von Reisen hochgepreist, für keiner Mühe bleich, jung, wachsam, unbesorgt. Man wird mich nennen hören, Bis dass die letzte Glut diss Alles wird verstören. Diss, deutsche Klarien[995], diss Ganze dank’ ich euch. Verzeiht mir, bin ichs wert, Gott, Vater, Liebste, Freunde, ich sag’ euch gute Nacht und trete willig ab. Sonst Alles ist getan bis an das schwarze Grab. Was frei dem Tode steht, das tu er seinem Feinde. Was bin ich viel besorgt, den Othem aufzugeben? An mir ist minder[996] Nichts, das lebet, als mein Leben.
GEORG PHILIPP HARSDÖRFER.
[Scherer, D. 322, E. 323.]
Geboren 1607 zu Nürnberg. Er gehörte einer vornehmen Familie an, erhielt eine gute Erziehung, studierte und bereiste Frankreich, England, Holland und Italien. Er lebte später in Nürnberg, wo er 1658 als Rath starb. Im Jahre 1644 stiftete er in Nürnberg den Blumenorden an der Pegnitz, einen Verein, zu dessen Mitgliedern ausser ihm noch Johann Klaj (1616–1656) und Sigmund Betulius oder von Birken (1626–1681) und Andere gehörten. Von seinen Werken sind am bekanntesten die ‘Gesprächspiele’ oder ‘Frauenzimmer-Gesprächspiele’ (8 Bde. Nürnberg 1642–49) und der ‘Poetische Trichter’ (3 Thle. 1648–53). Vgl. Tittmann ‘Die Nürnberger Dichterschule.’
1. DER WALD.
WOl dem der weit von grossen Stätten 10 ein dienstbefreites Leben führt; Er wird sich von viel Sünden retten, und geben Gott was Gott gebührt: Er wird sein Leben bringen zu, in Fried und überwehrter[997] Ruh.’ Er kan sich in den Wald gesellen, zu vieler Baumen Schatten-Raum, dass sie ihm zu betrachten stellen, dass auch er grune wie der Baum, und dass er sonder gute Frucht, 20 wird zu der Höllen Brand verflucht. Er siht die hochbelaubten Eichen, begipfelt gleichsam Wolcken-an; So soll sein Sinn an Himmel reichen, der seine Wurzel nehren kan, dort ist sein rechtes Erdenland das ihn hält mit verborgnem Band. Der Unterscheid ist bei den Baumen und bey dem Menschen, dass der Lentz kan die beschneeten äste raumen, und ihnen flechten grüne Kräntz: Hingegen is der Mensch veralt, so bleibt er todt und ungestalt. 10 Die Baumen zu dem Leben dienen, zum fahren, brennen und zum bau, sie blühen, fruchten, grauen, grünen, benasset von dem Himmels-tau; ermahnen uns der Christen Pflicht, die uns des Nechsten Dienst bericht[998]. Nun gute Nacht ihr hohen Forren[999] ihr Fichten und du Erlenstamm, grunt lange zeiten ohn verdorren gesichert vor des Feuers-flamm. 20 Ich wünsch euch alle reiffe Frucht, und dickbelaubte Schatten Zucht.
2. ABBILDUNG DES ZWEISPITZIGEN PARNASSUS.
Hohe welcher[1000] nehret unser eure Spitzen morgens mahlen Phöbus und die Pierinnen welcher Lustbereichte[1001] Frucht für die Ceres und dem Pan Schaut die neubegrünten Hügel, bald wir auf der Pfeiffen klingen[1002],
Berge, Weide Hirtenfreude, Sonnenstralen und erhitzen: wohnen auf so grossen Zinnen, unser Pegnitz Hirt Montan zu besingen hat gesucht. wünschen pfeilgeschwinde Flügel. und der Heerd zu Tische[1003] singen.
JOHANNES RIST.
[Scherer D. 323 (366), E. 324.]
Geboren 1607 zu Ottensen bei Altona, gestorben 1667. Prediger und äusserst fruchtbarer, aber sehr flacher Dichter. Er war Opitzianer und stiftete 1656 den Elbschwanenorden. J. R. ‘Das friedewünschende Teutschland’ und ‘Das friedejauchzende Teutschland’ herausgegeben von Schletterer (Augsburg 1864).
1. SCHRECKEN DER EWIGKEIT.
O Ewigkeit, du Donnerwort! O Schwerdt, das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit, Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende; Mein ganz erschrocknes Herz erbebt, Dass mir die Zung’ am Gaumen klebt: 10 O Ewigkeit du machst mir bang. O Ewig, ewig ist zu lang, Hie gilt fürwahr kein Scherzen. Drum, wenn ich diese lange Nacht Zusammt der grossen Pein betracht’, Erschreck’ ich recht von Herzen; Nichts ist zu finden weit und breit So schrecklich als die Ewigkeit. Was acht’ ich Wasser, Feu’r und Schwerdt? Dies alles ist kaum nennenswerth, 20 Es kann nicht lange dauren. Was wär’ es, wenn gleich ein Tyrann, Der fünfzig Jahr’ kaum leben kann, Mich endlich liess vermauren? Gefängniss, Marter, Angst und Pein Die können so nicht ewig sein. Wenn der Verdammten grosse Qual So manches Jahr, als an der Zahl Hie Menschen sich ernähren, Als manchen Stern der Himmel hegt, Als manches Laub die Erde trägt, Noch endlich sollte währen: So wäre doch der Pein zuletzt Ihr recht bestimmtes Ziel gesetzt. Nun aber, wenn du die Gefahr, Viel hundert tausend, tausend Jahr’ Hast kläglich ausgestanden Und von den Teufeln solche Frist 10 Ganz grausamlich gemartert bist, Ist doch kein Schluss vorhanden; Die Zeit, die niemand zählen kann Die fänget stets von neuem an. Ach Gott, wie bist du so gerecht! Wie strafst du deinen bösen Knecht So hart im Pfuhl der Schmerzen, Auf kurze Stunden dieser Welt Hast du so lange Pein bestellt! Ach, nimm dies wohl zu Herzen. 20 Betracht es oft, o Menschenkind: Kurz ist die Zeit, der Tod geschwind! Ach, fliehe doch des Teufels Strick; Die Wollust kann ein’n Augenblick Und länger nicht ergetzen. Dafür willt du dein arme Seel’ Hernachmals in des Teufels Höll’, O Mensch, zum Pfande setzen? Ja schöner Tausch! Ja wohl gewagt, Das bei den Teufeln wird beklagt! 30 So lang ein Gott im Himmel lebt Und über alle Wolken schwebt, Wird solche Marter leben. Es wird sie plagen Kält’ und Hitz’, Angst, Hunger, Schrecken, Feu’r und Blitz Und sie doch nie verzehren; Dann wird sich enden diese Pein, Wenn Gott nicht mehr wird ewig sein. Wach’ auf! o Mensch vom Sündenschlaf; Ermuntere dich, verlornes Schaf; Und bess’re bald dein Leben! Wach’ auf, es ist doch hohe Zeit; Es kommt heran die Ewigkeit, Dir deinen Lohn zu geben. Vielleicht ist heut’ der letzte Tag; Wer weiss noch, wie man sterben mag? O Ewigkeit, du Donnerwort! 10 O Schwerdt das durch die Seele bohrt! O Anfang sonder Ende! O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit! Ich weiss für grosser Traurigkeit Nicht, wo ich mich hinwende. Nimm du mich, wenn es dir gefällt, Herr Jesu, in dein Freudenzelt.