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The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Volume 1 — DIE KREUZZÜGE.

Reading edition

EZZOS GESANG VON DEN WUNDERN CHRISTI.

[Scherer D. 89, E. 80.]

Ezzo, Scholasticus zu Bamberg, verfasste das Gedicht im Auftrag des Bischofs Günther von Bamberg, vermuthlich auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem, 1064. Herausgegeben in den Denkmälern Nr. 31; vgl. auch Zeitschrift für deutsches Alterthum XXIII, 210.

Duo got mit sîner gewalt sluoch in êgyptisce lant,— mit zehen blâgen er se sluoch,— Môyses der vrônebote guot, er hiez slahen ein lamb: vil tougen was der sîn gedanc. mit des lambes pluote die ture er segenôte, er streich ez an daz uberture: der slahente engel vuor dâ vure. 10 swâ er daz pluot ane sah, scade dâ inne nien gescah. Daz was allez geistlîch, dàz bezeichnôt christenlîchiu dinc: der scate was in hanten, diu wârheit ûf gehalten. duo daz wâre ôsterlamp chom in der Juden gwalt unt daz opher mâre làg in crûcis altâre, duo wuoste der unser wîgant des alten wuotrîches lant: den tievel unt al sîn here, dèn versualh daz rôte toufmere. Von dem tôde starp der tôt. diu helle wart beroubôt, duo daz mâre ôsterlamp 10 fur unsih geopheret wart. daz gab uns frîlîche vart in unser alterbelant, beidiu wege unte lant, dar hab wir geistlîchen ganc. daz tagelîche himelprôt; der gotes prunno ist daz pluot: swâ daz stuont an dem uberture, der slahente engel vuor dâ fure. Spiritalis Israel, 20 nû scowe wider dîn erbè. wante dû irlôset bist de jugo Pharaonis. der unser alte vîant der wert uns daz selbe lant, er wil uns gerne getaren: den wec scul wir mit wîge varen. der unser herzoge ist sô guot: ub uns ne gezwîvelôt daz muot,— vil michel ist der sîn gewalt,— mit im besizze wir diu lant. O crux benedicta, àller holze beszista, an dir wart gevangan der gir Levîâthan. lîp sint dîn este, wante wir den lîb ernereten ane dir. 10 jâ truogen dîn este die burde himelisce. an dich flôz daz frône pluot. dîn wuocher ist suoz unte guot, dâ der mite irlôset ist manchunn allez daz der ist. Trehtîn, dû uns gehieze daz dû wâr verlieze. du gewerdôtost uns vore sagen, swenn dû wurdest, hêrre, irhaben 20 vòn der erde an daz crûci, dû unsih zugest zuoze dir. dîn martere ist irvollôt. nû leiste, hêrre, dîniu wort. nû ziuch dû, chunich himelisc, ùnser herze dar dâ dû bist, daz wir die dîne dienestman von dir ne sîn gesceidan. O crux salvatoris, dû unser segelgerte bist. disiu werlt elliu ist daz meri, mîn trehtîn segel unte vere, dîu rehten werch unser seil: dîu rihtent uns die vart heim. der segel, der wâre geloubo, der hilfet uns der wole zuo. 10 Der heilige âtem ist der wint, der vuoret unsih an den sint. himelrîche ist unser heimuot, dâ sculen wir lenten, gotelob.

Als Gott mit seiner Gewalt schlug in Egyptenland,— mit zehn Plagen schlug er sie,— Moses, der treffliche heilige Bote, er hiess ein Lamm schlachten: sehr geheim war seine Absicht. Mit des Lammes Blute segnete er die Thür, er strich es an den Überpfosten: der Würgengel fuhr da vorüber. 10 Wo er das Blut erblickte, in dem Hause geschah kein Schade. Das war Alles geistlich zu verstehn, das bezeichnet christliche Dinge. Das Schattenbild war vorhanden, die Wahrheit aufbewahrt. Als das wahre Osterlamm kam in der Juden Gewalt, und das herrliche Opfer lag auf des Kreuzes Altar, da verwüstete unser Held des alten Wüthrichs Land: den Teufel und sein ganzes Heer, die verschlang das rothe Taufmeer. Von dem Tode starb der Tod. Die Hölle war beraubt, als das herrliche Osterlamm 10 für uns geopfert ward. Das gab uns freie Fahrt in unser altererbtes Land, über Weg und Steg thun wir einen geistlichen Gang. Das tägliche Himmelsbrot; Gottes Brunnen ist das Blut: wo das stand an dem Überpfosten, da schritt der Würgengel vorüber. Geistliches Israel, 20 nun erblicke von neuem dein Erbe, dieweil du erlöset bist von dem Joche Pharaos. Unser alter Feind der verwehrt uns nun dasselbe Land, er will uns gerne schädigen: den Weg müssen wir mit Kampf zurücklegen. Unser Herzog ist so gut: Wenn uns nicht zweifelt das Gemüth, gar gross ist seine Gewalt,— mit ihm behaupten wir das Land. O gebenedeites Kreuz, aller Hölzer bestes, an dir ward gefangen der gierige Leviathan. Leben sind deine Äste, dieweil wir das Leben gerettet an dir. 10 Ja es trugen deine Äste die himmlische Bürde. Auf dich floss das hehre Blut. Dein Wuchs ist lieblich und gut, damit erlöset ist die ganze Menschheit, die da ist. Herr, du hast uns verheissen, was du in Wahrheit vollführen wolltest. Du geruhtest uns zu versprechen, wenn du würdest, Herr, erhoben 20 von der Erde auf das Kreuz, du würdest uns zu dir ziehen. Deine Marter ist erfüllt. Nun erfülle, Herr, deine Worte. Nun zieh du, himmlischer König, unser Herz dahin, wo du bist, damit wir, deine Vasallen, von dir nicht getrennt sind. O Kreuz des Erlösers, du bist unsere Segelstange. Diese ganze Welt ist das Meer, mein Herr der segelnde Ferge, die guten Werke sind unser Seil: die bestimmen unsere Heimfahrt. Das Segel, der wahre Glaube, der hilft uns wohl dazu. 10 Der heilige Geist ist der Wind, der führt uns über die Fluth. Das Himmelreich ist unsre Heimat, da sollen wir landen, Gottlob.

WILLIRAMS ERKLÄRUNG DES HOHEN LIEDES.

[Scherer D. 90, E. 81.]

Williram von Geburt ein Franke, in Paris erzogen, Mönch zu Fulda, Scholasticus zu Bamberg, und später Abt zu Ebersberg in Baiern, wo er 1085 starb. Herausgegeben von Seemüller ‘Willirams deutsche Paraphrase des Hohen Liedes’ (Strassburg, 1878).

(Cap. III. v. 11.) Egredimini et videte, filiæ Syon, regem Salomonem in diademate quo coronavit eum mater sua in die sponsionis illius et in die lætitiæ cordis eius. Gêt ûz, ír iúncfróuuon, ír da búiuuet in Syon! tûot uuára dés cúninges Salomonis unte der corônon, da ín sîn mûoter mít hât gezîeret in {20} sînemo máheltáge unte in démo táge sîner fréuue! Ír gûoten sêla, ír der hîe bírt positæ in specula fidei, unte ír gedínge hât daz ír cúmet in atria cælestis Hierusalem, tûot iu sélbon êinan rûm, daz íuuich nechêin uuérlih strepitus geírre, ír ne gehúget álliz ána der mysteriorum íuueres redemptoris unte der dúrninon corônon, dîe ímo Judaica gens ûf sázta, díu sîn mûoter uuás secundum carnem. Dîe dúrnînon corônon dîe trûog ér gérno dúrh íuueren uuíllon, daz íuuih cælestis gloria amplecteretur. Daz neuuárt álliz nîet sînes úndanches, nóbe nâh sînemo uuíllen, uuánt íz gescáh in sînemo máheltáge, do ér ímo sélbemo máhelta mít démo uuídemen sînes hêiligen blûotes dîe Ecclesiam non habentem maculam aut rugam; íz gescáh ôuh in démo táge sînero fréuue, do ér sích fréuueta, daz mít sînemo tôde díu uuérlt irlôset uuárt uóne des tûiueles geuuálte unte uóne démo êuuegen tôde.

{10} (Cap. IV. v. 1.) Quam pulchra es, amica mea; quam pulchra es. oculi tui columbarum absque eo quod intrinsecus latet. Uuîe scône du bíst, frûintin mîn, uuîe scône du bíst! Dîn ôigon sint tûbon ôigon âne dáz, daz án dír ínlachenes uerhólan íst. Du bíst scône an dînen uuérchon, uuánte dú nîet scántlîches ne tûost, daz mînen ôugen mísselîche; du bíst ôuh scône an dînen uuórton, uuante dú in dîner prædicatione nîene mêinest âne mîn êra unte fraternam utilitatem. Dîn ôugon sínt tûbon ôugon, uuánte díu êinuáltige an dír skînet, dîe dích der spiritus sanctus lêret, qui per columbam figuratur. Díu scône íst an dír {20} âne dáz, daz nóh ínlachenes an dír uerhólan íst, daz íst díu spes cælestium præmiorum, dîe íh nóh dir gíbon in fine seculorum.

Capilli tui sicut grex caprarum quæ ascenderunt de monte Galaad. (v. 2.) Dentes tui sicut grex tonsarum ovium quæ ascenderunt de lavacro, omnes gemellis fœtibus, et sterilis non est in eis. Dîn uáhs íst sámo gêizze córter, dáz der gêt ûffe démo bérge Galaad, unte sínt ábo dîne zéne sámo daz córter déro gescórenon scâffo, dîe der ûfgênt uóne uuáske ál mit zuînelero zúhte unte íro nechêin íst únbârig. In dînen conuenticulis skînent bêide doctores ióh auditores. Díu {30} ménige fidelium auditorum íst glîh démo gêiz córtare, uuánte sîe síh peccatores bekénnent, capra enim sacrificium est pro peccato, unte dóh sîe sîn constituti in seculari actione, díu âne súnta uuésan nemág, sîe stégerent îe dóh gérno mít íro gelôiben, mít gebéte, mít eleemosyna unte mít ánderen uuóletâten ze démo gíth hûffen id est ad me. Álso Galaad uuás aceruus testimonii inter Jacob et Laban, álso bín íh ín apud patrem testis in cælo fidelis. Álso der hûffo sích búret an êinemo stêine unte álso ûf uuéhset, álso bín íh ín lapis angularis, super quem ædificandi sunt, ánne mír uíndent ôuh sîe dîe uuêida des êuuegen lîbes. Ábo dîne doctores, dîe der per dentes figurantur, uuánte sîe cibos sacræ scripturæ exponendo comminuunt, ut possint glutiri a populis, dîe sínt glîch dén gescórenon scâffon, dîe der uóne uuáske gênt, uuánte sîe bêide sínt abluti baptismo unte állen uuérlîchen rîchdûom uuílligo hína hând geuuórfan nâh mînemo râte, ut me expeditius sequi possint, unte sîe sínt ôuh gemellis fœtibus, uuánte sîe hábent dilectionem meam et proximi; {10} uóne dánnan níst íro nechêin únbârig, quia omnia quæcumque faciet prosperabuntur.

(v. 3.) Sicut vitta coccinea labia tua, et eloquium tuum dulce. Dîne léfsa sínt sámo êin rôta bínta unte dîn gekôse íst sûozze. Dîne doctores, qui per labia figurantur, dîe kúndent démo lûite dîe rôte mînes blûotes, da mít íh sîe erlôsta, unte sîe sínt ôuh ardentes in fraterna dilectione, álse coccus brínnet in suo colore, unte sîe héftent multitudinem auditorum in unitatem fidei, álse díu bínta zesámene duínget dîe ménige déro lókko. Íro gekôse íst ôuh sûozze, uuánte sîe dîe sûozze des êuuegen lîbes démo lûite {20} kúndent.

DAS ALEXANDERLIED.

[Scherer D. 92, E. 83.]

Von dem Pfaffen Lamprecht nach dem französischen Original des Alberich von Besançon wahrscheinlich um 1130 verfasst. Herausgegeben von Weismann, mit Übersetzung (2 Bde. Frankfurt, 1850); und in Diemers ‘Deutschen Gedichten des XI. und XII. Jahrhunderts’ (Wien, 1849); am besten von Kinzel (Halle 1884).

Dô wir fûren bî dem mere, dô reit ih ûzer dem here mit drîn dûsint mannen. dô hûbe wir unsih dannen und wolden wundir besehen. dô sâhe wir verre dannen stên einen hêrlîchen walt. daz wunder daz was manicfalt, daz wir dâ vernâmen. dô wir dâ bî quâmen, dô hôrte wir dar inne manige scône stimme, lîren unde harfen clanc und den sûzesten sanc, 10 der von menschen ie wart gedâcht, wêrer allir zesamene brâht, der ne kunde sih dar zô niet gegaten. vil harte wunniclîch der scate under den boumen dâr was. da entsprungen blûmen unde gras und wurze maniger kunne. ih wêne ie walt gewunne alsô manige zîrheit. er was lanc unde breit. 20 der selbe walt der lach, alsih û der von sagen mach, an einer scônen ouwen. dâr môste wir scowen manigen edelen brunnen, der ûz den walde quam gerunnen lûtir unde vil kalt. ih und mîne helede balt heten dâ wundiris gemach, daz uns ze liebe dâ gescah. daz ne wil ih sô niwit verdagen, ih ne wil iz iu flîzlîche sagen. Der edele walt frône was wunderlîchen scône. des nâme wir allis goume. hô wâren di boume, di zelgen dicke unde breit. nâh der rehten wârheit, 10 daz was ein michil wunne. dâ ne mohte di sunne an di erde niht geschîne. ih unde di mîne, wir liezen unse ros stân und giengen in den walt sân durh den wunniclîchen sanc. di wîle dûhte uns harte lanc, biz wir dare quâmen, dâr wir vernâmen, 20 waz wunderis dâ mohte sîn. vil manich scône magetîn wir al dâ funden, di dâ in den stunden spilten ûf den grûnen clê. hundirt tûsint unde mê di spileten unde sprungen; hei wî scône si sungen, daz beide cleine unde grôz durh den sûzlîchen dôz, den wir hôrten in den walt, ih und mîne helede balt, vergâzen unse herzeleit und der grôzen arbeit und alliz daz ungemah und swaz uns leides ie gescach. uns allen dô bedûhte, alsiz wol mohte, 10 daz wir genûc habeten di wîle daz wir lebeten, frowede unde rîcheit. da vergaz ih angist unde leit unde mîn gesinde, unde swaz uns von kinde ie leides gescach biz an den selben tach. mir dûhte an der stunt, ih ne wurde niemer ungesunt, 20 ob ih dâr imer mûste wesen, sô wâre ih garwe genesen von aller angistlîcher nôt und ne forhte niwit den tôt. Woldir nû rehte verstân, wî iz umbe di frowen quam, wannen si bequâmen oder wilich ende si nâmen, des mach û wol besunder nemen michil wunder. swanne der winter abe ginc und der sumer ane ginc und iz begunde grûnen und di edelen blûmen in den walt begunden ûf gân, dô wâren si vil wol getân. 10 lieht was ir glîze, ir rôte unde ir wîze vil verre von in schein. blûmen ne wart nie nehein, di scôner wesen mohte. si wâren, alsuns bedûhte, rehte sinewel als ein bal und vaste beslozzen ubir al; si wâren wunderlîchen grôz. alse sih di blûme obene entslôz, 20 daz merket an uheren sinne, sô wâren dar inne megede rehte vollencomen. ih sagû, alsichz hân vernomen. si giengen unde lebeten, menschen sin si habeten unde redeten unde bâten rehte alse si hâten aldir umbe zwelif jâr. si wâren gescaffen, daz is wâr, scône an ir lîbe. ih ne sach nie von wîbe scôner antluzze mê, noh ougen alsô wol stê. ir hande unde ir arme wâren blanc alseinen harme unde fuoze unde bein. undir in ne was nehein, 10 si ne phlêge scôner hubischeit. si wâren mit zuhten wol gemeit unde lacheten unde wâren frô unde sungen alsô, daz ê noh sint nehein man sô sûze stimme ne vernam. Mugint irs getrûwen, sô solden dise frowen alliz an den scate wesen, sîne mohten andirs nit genesen. 20 swilhe di sunne beschein, der ne bleib ze lîbe nie nehein. daz wunder daz was manicfalt. dô wart irschellet der walt von der sûzer stimme, di dâ sungen inne, di fugele unde di magetîn; wî mohtiz wunniclîcher sîn frô unde spâte. al ir lîbis gewête was ane si gewassen ane hûte und ane vasse. in was getân di varwe nâh den blûmen garwe rôt unde ouh wîz sô der snê. dô wir si zuns sâgen gê, zô zin spilete uns der lîb. sus lussame wîb sint der werlt unkunt. 10 * * owê daz wir sô schiere verlorn daz michele gemach! diz wunder ih alliz sah selbe mit mînen ougen. des mugent ir gelouben. diz werte, alsih û sage, drî mânede unde zwelif tage, daz ih und mîne helede balt wâren in dem grûnen walt und bî der scônen owen 20 mit den lieben frowen und wunne mit in habeten unde mit froweden lebeten. vil jâmerlîche uns dô gescach, daz ih verclagen nit ne mach. dô di zît vollenginc, unse frowede di zeginc: di blûmen gare verturben und die scônen frowen sturben. di boume ir loub liezen und di brunnen ir fliezen unde di fugele ir singen. dô begunde dwingen unfrowede mîn herze 10 mit manicfalder smerze. freislîch was mîn ungemah, daz ih alle tage sah an den scônen frowen. owê wî si mih rûwen, dô ih si sah sterben und di blûmen verterben, dô schiet ih trûrich dannen mit allen mînen mannen.

Als wir hinzogen an dem Meere, Da ritt ich ausser meinem Heere Mit dreien tausend Mannen. Darauf huben wir uns von dannen Und gedachten Wunder zu sehen; Da sahn wir fern von dannen stehen Einen grossen, prächtigen Wald. Das Wunder das war mannigfalt, Das wir da vernahmen. Als hinzu wir kamen, Da höreten wir wohl in ihm Manche wunderschöne Stimm,’ Leier und Harfenklang Und den süssesten Gesang, 10 Der je von Menschen ward erdacht, Wär er all zusammengebracht, Der könnte sich mit dem nicht gatten. Gar dicht und wonniglich der Schatten Unter diesen Bäumen was. Da entsprossen Blumen und Gras Und würz’ge Kräuter mancherhand. Noch nie in einem Walde fand Man also viele Zier bereit; Lang war dieser und auch breit. 20 Dieser selbe Wald der lag, Wie ich es euch wohl sagen mag, In einer schönen Auen. Da sollten wir auch schauen Manchen edlen Bronnen, Der aus dem Wald kam geronnen Kühlig und erquickend klar. Ich und meine kühne Schar Sahen Wundergleiches da, Das uns zu Liebe da geschah. Das will ich jetzt auch nicht verschweigen, Mit Fleisse will ich es euch zeigen. Der herrliche, der edle Wald War wunderbarlich schön gestalt’. Wir konnten’s all’ genau gewahren. Stattlich hoch die Bäume waren, Die Zweige waren breit und dicht, Nur Wahrheit gibt euch mein Bericht. 10 Das war eine grosse Wonne. Da konnte nicht die Sonne Hindurch bis zu der Erde scheinen. Ich und die Meinen Wir liessen unsre Rosse stehn, Um alsbald in den Wald zu gehn Nach dem wonniglichen Sang. Gar lang und weit der Weg sich wand, Bis wir dorthin kamen, Wo wir nun vernahmen, 20 Was Wunder darin mochte sein. Gar viele schöne Mägdelein Wir in dem Walde funden, Die spielten in diesen Stunden Auf dem grünen Klee umher, Hunderttausend und noch mehr; Die spieleten und sprangen, Hei, wie schön sie sangen, Dass wir alle, Kleine und Grosse, Durch das liebliche Getose, Das aus dem Walde zu uns scholl, Ich und meine Helden wohl, Vergassen unser Herzeleid Und all die Mühe in dem Streit. Wir fühlten alle Noth vergehn Und was uns Leides je geschehn. Da schien es allen uns fürwahr, Was auch gar kein Wunder war, 10 Dass zur Genüge sei gegeben Uns für die Weile, die wir leben, Freude und des Reichthums Glanz. Angst und Leid vergass ich ganz, Ich und all die Meinen, Und was von Kindesbeinen Bis an denselben Tag fürwahr Uns Leides je geschehen war; Mir deuchte wohl zu dieser Stund’, Ich würde nimmer ungesund; 20 Wär’ ich dort immerdar gewesen, Ich wäre ganz und gar genesen Von aller Angst und aller Noth Und hätte nicht gescheut den Tod. Wollt ihr nun rechte Einsicht han, Wie’s mit den Frauen war gethan, Von wannen diese kamen, Oder welches Ende sie nahmen, Von Allem mag euch das fürwahr Erscheinen höchlich wunderbar. Sobald der Winter gieng von dann, Und die Sommerszeit begann, Und es grün ward überall, Und die edlen Blumen ohne Zahl Im Wald begannen aufzugehn, Da waren die gar schön zu sehn. 10 Von Lichte strahleten sie ganz, In rothem und in weissem Glanz Schimmerten gar ferne sie. Solche Blumen waren nie, Welche schöner mochten blühn. Sie waren, wie es uns erschien, Völlig rund als wie ein Ball Und fest verschlossen überall; Sie waren wunderbarlich gross. Und wenn die Blume sich oben erschloss, 20 Das merket wohl in euerem Sinne, So fanden sich darinne Mägdlein ganz und gar vollkommen. Ich sag’s euch, wie ich’s hab’ vernommen. Sie wandelten lebendig Und sprachen so verständig Und fühlten Menschenlust und Sinn; Sie hatten völlig, wie es schien, Ein Alter um das zwölfte Jahr. Sie waren herrlich, das ist wahr, Geschaffen an ihrem Leibe. Ich hab’ an keinem Weibe Ein schöner Antlitz je gesehn Noch Augen also herrlich stehn; Händ’ und Arme waren hell Wie eines Hermelines Fell, So auch die Füsse und die Beine; Es war von ihnen keine, 10 Die nicht der Schönheit Reiz besass. Auch trieben sie in Züchten Spass Und lachten viel und waren froh, Und ihr Gesang entzückte so, Dass nie vordem und seit der Frist So süsse Stimm’ erschollen ist. Doch musste diesen Frauen,— Darauf dürft ihr vertrauen— Lebenslust der Schatten geben; Sie konnten ohne den nicht leben. 20 Traf sie die Sonne mit ihrem Scheine, So blieb am Leben ihrer keine. Das Wunder das war mannigfalt. Da erscholl ringsum der Wald Von dem süssen Klingen Derer, die darinne singen, Die Vögel und die Mägdelein; Wie konnt’ es wonniglicher sein, Früh und spät zu jeder Zeit. Ihres Leibes ganzes Kleid Fest an sie gewachsen war An die Haut und an das Haar. An Farbe waren sie genau So wie die Blumen auf der Au Roth und weiss wie Schnee gethan. Da wir sie zu uns gehen sahn, Da drängte ihnen der Leib entgegen, Denn Fraun, die solche Lust erregen, Sind noch der Welt nicht worden kund. 10 * * O weh, dass wir so schnell verloren Das wonnige Behagen! Dies Wunder, kann ich sagen, Durft ich mit meinen Augen schaun: Ihr möget meinen Worten traun. Dies währte, wie ich euch jetzt sage, Drei Monate und noch zwölf Tage, Dass ich mit meiner Heldenschar In dem grünen Walde war Und bei den schönen Auen 20 Mit den lieben Frauen, Und wir in Lust mit ihnen lebten Und in Wonn’ und Freude schwebten. Doch grosses Leid geschah uns dann, Das nie genug ich klagen kann. Da die Zeit zu Ende gieng, Unsre Freude auch zergieng: Die Blumen ganz und gar verdarben Und die schönen Frauen starben. Ihr Laub die Bäume liessen Und die Brunnen ihr Fliessen Und die Vögelein ihr Singen. Da begunnte auch zu zwingen Ungemach und Gram mein Herze 10 Mit mannigfaltigem Schmerze. Schrecklich war der Jammer da, Den ich alle Tage sah An den schönen Frauen. O weh, dass ich musste schauen, Wie sie alle starben, Und die Blumen verdarben: Da schied in Trauer ich von dannen Mit allen meinen Mannen.

DAS ROLANDSLIED.

[Scherer D. 91, E. 82.]

Das Rolandslied, oder der Zug Kaiser Karls gegen die spanischen Sarazenen, wurde von dem Pfaffen Konrad nach einem französischen Vorbild gedichtet. Er schrieb es an dem Hofe des Welfen Heinrichs des Stolzen um 1130. Herausgegeben von W. Grimm (Göttingen, 1838); und von Bartsch (Leipzig, 1874).

1. GENELUNS BOTSCHAFT.

Ûf spranc der helt Ruolant; 20 er sprach ‘gevellet iz den fursten allen samt, und wil iz mîn herre gestaten, so ist Genelûn, mîn stiefvater, der aller tûristen boten einer, den ich in deme rîche chan gezeigen; er ist wîse und chuone, redehaht genuoge; er ist ein helt lussam wâ vunde man nu deheinin man, der deme rîche baz gezæme? er ist ein furste alsô mære, 10 man en scol ins niht erlâzen.’ die fursten, alsô si sâzen, vestenden alle under in, iz ne möchte nieman sô wole sîn; er gezême wole dem rômischeme vogete, sware er in senden wolte. Genelûn erbleichte harte; hinze Ruolante er warte. er sprach: ‘nu hât mich der herre Ruolant ûz disme rîche versant, 20 daz ich unter den heiden irsterbe und ime daz erbe werde. ach unde wê geschehe dir! waz wîzest du mir? mit bôsen geisten bist du gemuot. nu ist iz aller êrist her ûz erbluot, daz du mir ie riete an den lîb. dîn muoter ist mîn wîb: mîn sun Baldewîn scholde dîn bruoder sîn. vergezzen hâst du der trûwen; iz scol dich vil sêre gerûwen, scol ich mînen lîp hân, des du nu zuo mir hâst getân. iz wirt dir vile swære. du gehœrest nûwe mære. 10 des gât mich ane michil nôt; in deme ellende lige ich ungerne tôt.’ Karl der rîche der manete in gezogenlîche: ‘Genelûn, geswige mîn, lâ dise unrede sîn. du bist ein wîse herre; nune zurne nicht sô sêre. genc here nâher, mîne botscaph zenphâhen. vare vrôlîchen hinnen; 20 handele iz mit sinnen. erwirvest du deme rîche dehein êre, al dîn chunne vrowit sich iemir mêre.’ Genelûn werte sich gnuoch; der keiser bôt ime ie den hantscuoch. er tete die wulvîne blicke; er rief vile dicke: ‘dize hâst du, Ruolant, getân! uble muoz iz ime ergân unde sînen zwelf gesellen! nû habent si allen ir willen.’

Auf sprang der Held Roland, 20 er sprach: ‘gefällt es den Fürsten gesammt, und will es mein Herr gestatten, so ist Genelun, mein Stiefvater, der allerbesten Boten einer, den ich in dem Reiche kann zeigen; er ist weise und kühn, beredt genug; er ist ein lustsamer (schöner) Held. Wo fände man nun irgendeinen Mann, der dem Reiche besser ziemte? er ist ein Fürst so preiswürdig, 10 man soll ihn dessen nicht erlassen.’ Die Fürsten, wie sie sassen, bestätigten (es) alle unter einander, es möchte niemand so passend sein; er ziemete wohl dem römischen Vogte (Kaiser), wohin er ihn auch senden wollte. Genelun erbleichte sehr; hin zu Roland er schaute. Er sprach: ‘Nun hat mich der Herr Roland aus diesem Reiche versandt, 20 dass ich unter den Heiden sterbe und ihm das Erbe werde. Ach und Weh geschehe dir! Was rächest du an mir? Mit bösen Geistern bist du beseelt. Jetzt ist es endlich heraus erblüht, dass du mir immer nach dem Leben standest. Deine Mutter ist mein Weib; mein Sohn Baldewin sollte dein Bruder sein. Vergessen hast du der Treue; es soll dich gar sehr gereuen, soll ich mein Leben behalten, was du nun an mir hast gethan. Es wird dir sehr schlimm. Du hörst neue Märe. Dazu zwingt mich grosse Noth; 10 in der Fremde liege ich ungerne todt.’ Karl der gewaltige, der mahnte ihn würdevoll: ‘Genelun, mein Schwager, lass die schlimme Rede sein. Du bist ein weiser Herr; nun zürne nicht so sehr. Komm her näher, meine Botschaft zu empfahen, fahre fröhlich von hinnen; 20 behandle es mit Verstand. Erwirbst du dem Reiche eine Ehre, all dein Geschlecht freut sich immer mehr.’ Genelun wehrte sich genug; der Kaiser bot ihm den Handschuh. Er that die wölfischen Blicke; er rief sehr oft: ‘Dies hast du, Roland, gethan! übel soll es ihm ergehn unde seinen zwölf Gesellen! nun haben sie ihren Willen ganz erreicht.’ 30

HÜPPE.

2. ROLANDS ENDE.

Ruolant chêrte gegen Yspanie verre von den erslagenen; er gesaz zuo ainem boume, dâ beit er vil chûme. In ainer sîner hant truog er daz horn Olivant, in der anderen Durndarten. Ain haiden im gewarte: mit bluote er sich allen bestraich, vil tougenlîchen er im nâch slaich. 10 Dô gedâchte der haiden: ‘Unter disen vir stainen dâ erstirbet Ruolant; Durndarten nim ich ze mîner hant unt Olivantem; sô sage ich in dem lante, daz wir gesiget haben unt ich habe Ruolanten erslagen. Des frout sich imer mêre elliu arâbiskiu erde.’ 20 Ruolant was von den sînen chomen, sô man geschiezen maht ainen bogen, unter den marmilstainen; dô wânte der haiden, daz er tôt wâre. Dô enthîlt sich der helt mâre, unz im der haiden sô nâhen chom; ûf zucht er daz horn, uber den helm er in sluoc, daz im daz verhbluot ûz sînen ougen spranc. Er sprach: ‘Daz du habis undanc, daz du mir ie sô nâhen torstest chomen. Olivant ist zechloben!’ Er rezurnte vil harte, 10 sus redeter ze Durndarte: ‘Nu ich dîn nicht scol tragen, dune wirst niemir mennisken ze scaden.’ daz swert er ûf huop, in den stain er iz sluoc; iz ne tet sîn nehain war. Er sluoc iz aver dar mit paiden sînen hanten; daz swert er umbe wante, er versuocht iz zehen stunt. 20 Er sprach: ‘Lâgestu in des meres grunt, daz du dehainem christen man niemir mêre wurdest ze ban! scol dich dehain haiden tragen, daz wil ich imer gote chlagen!’ Mit grimme er aver sluoc. dô daz swert vor im gestuont âne mâl unt âne scarte, dô redet er ave ze Durndarte: ‘ich bechenne wol dînen site, daz du nicht des vermite, swâ ich dich hin gebôt, den was geraite der tôt di wîle ich tochte.’

Roland kehrte gegen Spanien fern von den Erschlagenen; er setzte sich an einem Baume nieder, da konnte er kaum den Tod erwarten. In seiner einen Hand trug er das Horn Olivant, in der andern Durndart. Ein Heide beobachtete ihn: mit Blut bestrich er sich über und über, ganz heimlich schlich er ihm nach. 10 Da dachte der Heide: ‘Unter diesen vier Steinen da erstirbt Roland; Durndart nehme ich dann an mich und Olivant; und verkünde in dem Lande, dass wir gesiegt haben, und ich Roland erschlug. Darüber freut sich immerdar die ganze arabische Welt.’ 20 Roland war von den Seinen abgekommen so weit man mit einem Bogen schiessen kann, unter den Marmorsteinen; da wähnte der Heide dass er tod wäre. Da rührte sich der ruhmreiche Held nicht, bis ihm der Heide ganz nahe kam; empor zückte er das Horn, über den Helm schlug er ihn, dass ihm das Lebensblut aus den Augen sprang. Er sprach: ‘Verwünscht sollst du sein, dass du mir je so nahe zu kommen wagtest. Olivant ist zerschlagen!’ Er erzürnte sehr heftig, 10 so redete er Durndart an: ‘Da ich dich nun nicht länger führen soll, so wirst du nimmer mehr Menschen zu Schaden!’ Das Schwert hob er empor, auf den Stein schlug er es; es that nicht dergleichen. Er schlug es wiederum darauf mit beiden Händen; das Schwert drehte er um, er versuchte es zehn mal. 20 Er sprach: ‘Liegest du an dem Meeresgrunde, dass du keinem Christen jemals mehr den Tod brächtest! Soll ein Heide dich führen, das will ich ewig Gott klagen!’ Grimmig schlug er noch einmal. als das Schwert vor ihm Stand hielt ohne Mal und ohne Scharte, da redete er wiederum zu Durndart: ‘Ich kenne wohl deine Art, dass du nichts unterliessest, gegen wen ich dich auch führte, denen war der Tod bereitet so lange ich bei Kräften war.’

KÖNIG ROTHER.

[Scherer D. 93, E. 85.]

Von einem Spielmann um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in Baiern verfasst. Das Gedicht beruht auf sagenhafter Grundlage und ist die Umgestaltung eines älteren Gedichts. Herausgegeben von Rückert (Leipzig 1872), v. Bahder (Halle 1884).

BEFREIUNG DER SÖHNE BERCHTERS.

Der zît iz nâhôte vil harde genôte, daz Constantîn zô tiske gie. Dieterich des nicht nelie, 10 her quême mit sînin mannen vor den kuninc gegangen. dô man daz wazzer nam, die juncvrouwe lossam ginc vor deme tiske umbe heize weinunde, ab sie iemanne sô lêve hête getân, der die botin lossam ûffe den lîf torste nemen. ir nechein torste sie des geweren: herzogin die rîchen 20 virzigin ir gelîche, biz sie zô den recken quam mit deme die rât was getân. dô sprach die magit êrlich ‘nu gedenke, helit Dieterich, aller dînir gôte unde hilf mir ûz der nôte. nim die botin ûffe daz leven, die heizit dir die kuninc geven. irzagit sîn mînis vater man: sie ne turrin sie nicht bestân. doch sal die edelecheit dîn mit samt mir geteilit sîn, 10 daz ich der genieze. swê gerne du daz liezes, dich ne lâze dîn tuginthafter môt. du salt mich geweren, helit gôt.’ ‘Gerne’ sprach Dieterich, ‘sint irs gerôchit ane mich. iz ne gât mî nicht wene an den lîf. doch werdich dîn burge, schône wîf.’ Die botin gab dô Constantîn 20 Dieterîche ûffe den lîf sîn. der hêrre sie dô ober nam: dô volgetin ime des kuningis man zô deme kerkâre, dâr sie mit nôtin wâren. die ellenden haftin lâgin in unkreftin unde leveden bermelîche. Berchter der rîche stunt unde weinôte, dô her den schal gehôrte. den kerkêre man ûf brach, dar în schein dô der tach. schîre quam in daz liecht, des newârin sie gewone niecht. 10 Erwîn was der êrste man der ûz deme kerkêre quam. alsen der vater an gesach, wie grôz sîn herzerûwe was! her kârte sich hin umbe unde wranc sîne hende, her ne torste nicht weinen, unde ne stunt ime nie sô leide, sint in sîn môter getrôc. Erwîn der helit gôt 20 was von deme lîf getân alsô von rechte ein arm man. Sie nâmin die zwelf grâven ûz deme kerkâre und iegelich sînen man. die rîtâr alsô lossam sie wârin swarz unde sale, von grôzen nôtin missevare. Lûpolt der meister ne mochte nicht geleisten 30 wan ein bôse schurzelîn, daz want her umbe den lîf sîn. dô was der weinige man harte barlîche getân, zoschundin unde zeswellôt. Dieterich der helit gôt stunt trûrich von leide unde ne wolde doch nicht weinen umbe die botin lossam. Berchter der alde man ginc al umbe die haften schouwunde. done rûwen in nichein dinc 10 harter dan sîne schônen kint. Dieterich der hêre heiz die botin hêren vôren zô den herbergen sîn, wan Lûpolt unde Erwîn die liez man eine gân, daz er ne plach nehein man. dô sprach Erwîn der mêre ‘Lûpolt, trût hêre, sie du einin grâwin man 20 mit deme schônin barte stân, der mich schouwôte wunderen nôte. her kârte sich umbe und wranc sîne hande. her ne torste nicht weinen, unde ne stunt ime doch nie sô leide. waz ob got der gôte durch sîne ôtmôte ein grôz zeichin wil begân, 30 daz wir kumin hinnân? daz is wâr, brôdir mîn, her mach wole unse vatir sîn.’ dô lachetin sie beide von vroweden unde leide. Die ellenden geste wârin hantfeste biz an den anderen dac. die juncvrouwe ern vater bat, daz her sie lieze dare gân, sie wolden selve dienan. orlof er der kuninc gaf. wê schîre sie over hof getraf 10 zô deme hêrren Dieterîche! dô hiez man al gelîche die vremedin rîtâr ûz gân. dâr nebeleib nichein man wan der verchmâge die uber mere wârin gevaren. den botin alsô lossam den legete man gôt gewant an unde vazzede sie vlîziclîche, daz quam von Dieterîche. 20 der tisc wart gerichtôt. Berchter der helt gôt was trochtsâze die wîle sîne kint âzen. Alse die hêrren gesâzen, ir leides ein teil virgâzen. dô nam die recke Dieterich eine harfin, die was êrlich, unde scleich hinder den umbehanc. wie schîre ein leich dar ûz klanc! 30 swilich ir begunde trinkin, deme begundiz nidir sinkin Daz er iz ûffe den tisc gôt. swilich ir abir sneit daz brôt, deme intfiel daz mezses durch nôt. sie wurdin von trôste witzelôs. wie manich sîn trûren virlôs! sie sâzin alle und hôrtin war daz spil hinnen kârte. lûde der eine leich klanch: 10 Luppolt ober den tisch spranch unde der grâve Erwîn. sie heizin en willekume sîn, den rîchen harfâre unde kustin in zewâre. wie rechte die vrouwe dô sach daz her der kuninc Rôther was!

Um die Zeit War es gerade so weit, Dass Constantin zu Tische gieng. Dietrich kam auch Mit seinen Mannen 10 Vor den König gegangen. Als man das Wasser reichte, Gieng die liebliche Jungfrau Um den Tisch herum Unter heissen Thränen fragend, Ob sie sich einem so freundlich erwiesen hätte, Dass er für die wackeren Boten Mit seinem Leben einzustehn wagte. Ihr wagte keiner das zuzugestehn: Die mächtigen Herzoge 20 Wiesen ihre Bitte alle zurück, Bis sie an den Recken kam, Mit dem die Verabredung getroffen war. Da sprach die herrliche Maid: ‘Nun gedenke, Held Dietrich, An alle deine Güte Und hilf mir aus der Noth. Steh ein für die Boten mit deinem Leben, Die befiehlt der König dir auszuliefern. Verzagt sind meines Vaters Mannen; Sie wagen es nicht, sie auf sich zu nehmen. Doch will ich von deiner edeln That, Einen Theil auf mich nehmen, 10 Damit deren Ruhm auch auf mich falle. Wie gerne du das auch unterliessest, Es sei denn, dass dich dein tugendhafter Sinn verliess, Du musst es mir gewähren, wackerer Held.’ ‘Gerne,’ sprach Dietrich, ‘Weil ihr mich darum bittet. Mehr als das Leben kann es nicht kosten. Ich werde also dein Bürge, schöne Frau.’ Da gab Constantin die Boten 20 Dietrich gegen Einsatz seines Lebens. Der Held aber übernahm sie. Da folgten ihm des Königs Mannen Zu dem Kerker, Wo sie in Noth waren. Die armen Gefangenen Lagen da entkräftet Und lebten erbarmungswürdig. Berchter der mächtige Stand und weinte, Als er den Lärm hörte. Den Kerker brach man auf, Da schien der Tag hinein. Plötzlich drang das Licht zu ihnen, Dessen waren sie ungewohnt. 10 Erwin, war der erste Mann, Der aus dem Kerker trat. Als ihn der Vater erblickte, Wie gross war da sein Herzeleid! Er wandte sich um Und rang seine Hände, Und wagte nicht zu weinen, Und doch war ihm nie so weh, Seit ihn seine Mutter geboren. Erwin, der treffliche Held, 20 War von Kräften gekommen Wie es für einen Armen natürlich wäre. Sie nahmen die zwölf Grafen Aus dem Kerker, Und ein jeder seinen Getreuen. Die sonst so glänzenden Ritter Sie waren schwarz und schmutzig, Von grossen Nöthen blass. Lupolt der Meister Hatte nichts aufzuweisen 30 Als ein armselig Schürzlein, Das wand er sich um den Leib. Da war der elende Mann Gar sehr entblösst, Zerschunden und vor Hunger aufgedunsen. Dietrich, der wackere Held, War traurig von Wehe Und wollte doch nicht weinen Um die lieben Boten. Berchter, der alte Mann, Gieng um und um, Die Gefangenen beschauend. Um keinen empfand er bittereres Leid 10 Als um seine schönen Kinder. Dietrich der Herr Hiess die ansehnlichen Boten Zu seiner Herberge führen, Ausser Lupolt und Erwin; Die liess man allein gehn, Ihrer nahm sich niemand an. Da sprach Erwin der ruhmreiche ‘Lupolt, trauter Herr, Sieh dort einen grauen Mann 20 Mit einem schönen Barte stehn, Der mich angeblickt Mit ängstlichem Eifer. Er wandte sich um Und rang die Hände. Er wagte nicht zu weinen, Und war ihm doch nie so weh zu Muthe. Vielleicht will der gütige Gott In seiner Gnade Ein grosses Wunder thun, 30 dass wir von hinnen kommen. Wahrlich, lieber Bruder, Es könnte unser Vater sein.’ Da lachten sie beide Vor Freude und vor Leide. Die unglücklichen Fremdlinge Waren gegen Bürgschaft freigelassen Bis zum andern Tag. Die Jungfrau bat ihren Vater, Dass er sie dahin gehn liess, Sie wollte ihnen selber aufwarten. Der König erlaubte es ihr. Wie rasch sie über den Hof eilte 10 Zu dem Herren Dietrich! Da liess man alle Die fremden Ritter hinausgehn. Da blieb niemand zurück Ausser den Blutsverwandten Die übers Meer gefahren waren. Den stattlichen Boten Legte man gutes Gewand an Und kleidete sie sorgfältig, Das gieng von Dietrich aus. 20 Der Tisch wurde gerichtet. Berchter, der edle Held, War Truchsess, Dieweil seine Kinder assen. Als die Herren sich gesetzt hatten, Vergassen sie ihres Leides ein wenig. Da nahm der Recke Dietrich Eine Harfe, die war herrlich, Und schlich hinter den Vorhang. Wie rasch ein Leich daraus hervorklang! 30 Wer im Begriff war zu trinken, Dem begann der Trank (nieder) zu sinken, Dass er ihn auf den Tisch vergoss. Wer das Brot schnitt, Dem entfiel das Messer vor innerer Bewegung. Diese Tröstung brachte sie fast von Sinnen. Wie mancher liess da ab von seiner Trauer! Sie sassen alle und hörten Worauf das Spiel hinaus gienge. Laut erklang der eine Leich: 10 Luppolt sprang über den Tisch Und mit ihm Graf Erwin. Sie hiessen ihn willkommen Den mächtigen Harfner Und küssten ihn fürwahr. Wie deutlich die Frau da erkannte, Dass er der König Rother war!

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