Volume 1 — FRAU WELT.
Reading edition
HIMMEL UND HÖLLE.
[Scherer D. 87, E. 78.]
Aus einer Bamberger Handschrift des elften Jahrhunderts in der Königl. Bibliothek zu München. Von einem Geistlichen verfasst, in vier mal gehobenen Versen ohne Alliteration und Reim, wie sonst nur das angelsächsische Ormulum. Herausgegeben in den Denkmälern Nr. 30.
In dero hello dâ ist dôt âne tôt, karôt unde jâmer, al unfrouwida, mandunge bresto, beches gerouche, der sterkiste svevelstank, verwâzzenlîch genibile, des tôdes scategruoba, alles truobisales waga, 10 der verswelehente loug, die wallenten stredema viurîner dunste, egilîch vinster, diu iemêr êwente brunst, diu vreissamen dôtbant, diu betwungeniste phragina, claga, wuoft âne trôst, wê âne wolun, wîzze âne restî 20 aller wênigheite nôt, diu hertiste râcha, der handegôste ursuoch, daz sêrigẹ elelentduom, aller bittere meist, kâla âne vriste, ungenâdône vlîz, uppigiu riuwa, karelîch gedôzze, weinleiches ahhizôt, alles unlustes zâlsam gesturme, forhtône bîba, zano klaffunga, aller wêskreio meist, diu iemêr werentẹ angest, 10 aller skandigelîch, daz scamilîchestẹ offen aller tougenheite, leides unende und aller wêwigelîch, marter unerrahlîch mit allem unheile, diu wêwiglîche haranskara, verdamnunga swereden âne alle erbarmida, 20 iteniuwiu sêr âne guot gedinge, unverwandellîch ubel, alles guotes âteil, diu grimmigiste heriscaft, diu vîantliche sigenunft, griulîch gesemine, der vûlidạ unsûbrigheit mit allem unscône, diu tiuvallîche anesiht, 30 aller egisigilîch, alles bales unmez, diu leitlîche heima, der helle karkâre, daz rîchiste trisehûs alles unwunnes, der hizze abgrunde, unbigebenlîch flor, der tiuvalo tobeheit, der ursinniglîche zorn und aller ubelwillo, der ist dâ verlâzen in aller âhtunga vlîz und in alla tarahaftî dero hella erbon, 10 âne zîtes ende, iemêr in êwa. Sô ist taz hellerîche einis teilis getân.
In der Hölle Ist Tod ohne Tod, Wehklage und Jammer, Eitel Freudlosigkeit, Der Seligkeit Abbruch, Peches Rauchen, Der stärkste Schwefelgestank, Verfluchtes Nebelgewölk, Des Todes Schattengrube, Aller Trübsal Wiege, 10 Die verschlingende Lohe, Die wallenden Strudel Feuriger Dünste, Entsetzliche Finsterniss, Die ewigwährende Feuersbrunst, Die furchtbaren Todesbande, Die bekümmertste Drangsal, Klage, Jammern ohne Trost, Weh ohne Linderung, Peinigung ohne Rast 20 Aller Kümmerniss Noth, Die härteste Vergeltung, Das schärfste Verhör, Das schmerzliche Elend, Die Summe aller Bitterniss, Qual ohne Ende, Der Ungnade Eifern, Wuchernde Reue, Trauriges Getöse, Klageliedes Ächzen, Aller Unlust Gefahrvoll Getümmel, Das Beben der Furcht, Zähne Klappen, Das durchdringendste Wehgeschrei, Die immerwährende Angst, 10 Schmach und Schande, Die beschämendste Offenbarung Aller Geheimnisse, Leides Unendlichkeit Und jegliches Wehes, Zahllose Marter Mit allem Unheil, Die schmerzliche Peinigung, Der Verdammniss Qualen Ohn all Erbarmen, 20 Unerhörte (ganz neue) Schmerzen Ohne gute Hoffnung, Unwandelbares Übel, Alles Guten Untheilhaftigkeit, Die grimmigste Herrschaft, Der feindliche Sieg Gräuliche Versammlung, Der Fäulniss Unsauberkeit Mit allem Unschönen, Der teuflische Anblick 30 Aller Schrecknisse, Alles Bösen Übermass, Die leidvolle Heimat, Der Hölle Kerker, Das reichste Schatzhaus Aller Unwonne, Der Hitze Abgrund, Unablässiges Verderben, Der Teufel Toben, Der unsinnige Zorn Und jedes Übelwollen, Das ist da losgelassen Auf eifernde Verfolgung Und zu jeder Schädigung Der Hölle Erben, 10 In endloser Zeit Immer in Ewigkeit. So ist das Höllenreich Ungefähr beschaffen.
DIE WIENER GENESIS.
[Scherer D. 82, E. 74.]
Enthält mehrere Stücke, die vermuthlich an Stelle von Predigten zum Vorlesen bestimmt waren und zum Theil noch aus dem elften Jahrhundert herrühren. Scherer unterscheidet sechs verschiedene Verfasser. Herausgegeben von Graff ‘Diutisca’ III (1829); Hoffmann ‘Fundgruben II’ (1837); Massmann ‘Deutsche Gedichte des zwölften Jahrhunderts’ (1837).
Dô diu vrouwa Sâra gelebete hundert jouch siben und zueinzich jâre, dise werlt si begab. Abrahâm choufte ir ein grab, und bevalech si scône mit stanch aller bîmentône. 20 vile harte er si chlagete: ze lezzist er gedagite. do begunde er sich trôsten: waz mahte er dô bezzeres tuon? sô tuot unser igelîch sô ime gescihet samelîch. Dô iz zuo diu cham, daz Ysaac scolte gehîwan, sîn vater Abrahâm eiskôte sînen amman: den hiez er suerigen, sô in got muose nerigen, daz er der liute, dâ er under bûte, niemmer wib ne gewunne Ysaac sîneme chinde: 10 er hiez in dar varen, dannen er geborn was, zuo sines bruoder hûs Nachor, daz ime Batuel gâbe sîne tohter, die scônen Rebeccen, Ysaac ze gebetten. [Der scalch sprach] obe man ime ire niene gâbe, waz er des mahte? er ne scolte ouch sich des pelgen, ob si ime ne wolte volgen. 20 [Abrahâm chod] ‘des eides sîs dû ledich, ob dir ne volge diu magit.’ In deme ente luoder zewô olbenten mit mislîchen dingen der magide ze minnen. alsô er dare cham, er irbeizta bi einem brunnan. dô der âbant zuo seich, daz fihe man ze trenche treib. 30 er stuont bette daz in got gewerte daz er ime daz wîb erougte diu sîneme hêrren scolte. [Er chot] ‘nû wil ich haben ze zeichen welihe got mir eiche, suelehe maged ich pitte daz si mir des wazzeres scepphe, ob mir got verlîhit, daz si mir des nieht verzîhet, si ne heizze mich selben trinchen 10 jouch mîne olbenten: diu scol mîneme hêrren ze minnen jouch ze êren.’ Bi daz er daz gebet nider lie, diu scône Rebecca zuo gie, und manech maged anderiu, der ire gelîch was neheiniu. Er sprach ire zuo: ‘wande ne trenchest dû mich, vrouwa?’ ime selben si scanchte, 20 sîn olbenten si ouch tranchte. got er gnâdôte daz er in sô sciere erhôrte. Er gab ir ze minnen zuêne ôringe und zuêne armpouge ûz alrôteme golde, und frâgete si sâre wes tohter si wâre. Si sprach, Abrahâm 30 wâre ir vater ôheim. si bat in ze hûs, sprah, dâ wâre vile houwes: dâ mahten geste haben guote reste. Nieht si ne tualte ê si ir vater al gezalte. si begunde zeigan ire bruoder Lâban bouge unde ôringe die si enphie von deme jungelinge. er liuf dar sciere, sprach, wand er ze hûs ne vuore? 10 Dô er dare cham, dô ward er wole inphangan. vile wole si in handelôten, maniges si in vrâgôten, nâh allem niumâre, waz sîn gewerf wâre. [Er chot] sîn hêrre hête in dare gesant umb einen michelen ârant, sîneme junchêrren umb ein wîb diu guot wâre und êrlîch, 20 die scônen Rebeccen deme hêrren Ysaac ze gebetten. Sînen hêrren er lobete waz er rîhtuomes habete, fihis unde scatzes manichvaltes nutzes; und wie wole ire gescâhe ob si in gnâme. ob si iz wolten tuon, daz si in des liezzen spuon: ob si des ne wolten, daz si in niene tualten. Si sprâchen daz si gotes willen niene wolten stillen: ‘hie ist unser tohter ân aller slahte laster: suie sciere dir gevalle, var heim mit alle.’ Er wart vil vrô 10 solicher antwurtô. silberîne napphe, guldîne chopphe, vile guot gewâte ze chemenâten er brâhte: er gébete zêriste der junchvrouwen aller bezzeste; deme vater und dere muoter jouch ir bruoder. Guot wâren die gebe, 20 wol geviel sîn rede. si sâzen ze muose mit vrôlîcheme gechôse. dâ was spil unde wunne under wîben unde manne. vone benche ze benche hiez man allûteren wîn scenchen; si spilten unde trunchan unz in iz der slâf binam. Alsô der tach cham, 30 ûf was der Ysaachis man: des urloubes er bat, daz ime nieman ne gab: si bâten daz er dâ wâre zehen tage fristmâle. daz dûhte in ze lenge: [er chot] ze wiu si in scolten tuellen? er bat sich lâzzen, daz is sînen hêrren ieht dorfte irdrizzen. Do si sînen ernist gesâhen, die maged si frâgeten, obe si ime wolte volgen 10 zuo eigenen seliden. si sprach gerne vuore suâ ire ieht guotes gescâhe. Ze stete si ime se gâben mit scônen mageden; si gâben ir mite ir ammen, daz si der daneverte deste min mahte erlangen. Ze rosse si giengen, mit âmare si scieden. vater unde muoter 20 jouch ire bruoder, si bâten unseren trehtîn daz si sâlich muose sîn ze tûsent tûsent jâren, und alle die von ire châmen. Isaac was ûz gegangen zuo einem brunnen, daz er ouch sâhe waz tâten sîne snitâre. Also iz zuo deme âbande seig, 30 sîn man mit dere junchvrouwen zuo reit. Der hêrre ire gegen gie, vil wole er si enphie. er vie sie behende, er gie mit ire spilende uber daz scône velt: er leite sie in sîn gezelt.
Als die Frau Sara hundert und sieben und zwanzig Jahr gelebt hatte, verliess sie diese Welt. Abraham kaufte ihr ein Grab, und bestattete sie schön mit Weihrauch von allen Specereien. 20 er betrauerte sie gar sehr; zuletzt schwieg er. Da begann er sich zu trösten: was konnte er da Besseres thun? so thut ein jeglicher von uns, wenn ihm Ähnliches geschieht. Da es dazu kam, dass Isaac heirathen sollte, da heischte sein Vater Abraham seinen Diener: den hiess er schwören, so ihn Gott erhalten müsse, dass er von den Leuten, darunter er wohnte, nimmer ein Weib gewinne für sein Kind Isaac. 10 Er hiess ihn dahin reisen, von wo er geboren war, zu seines Bruders Hause, Nachor, dass ihm Batuel seine Tochter gäbe, die schöne Rebecca, Isaac zur Frau. Der Diener sprach: Wenn man ihm sie nicht gäbe, was er da machte? Er sollte auch sich nicht darob erzürnen, wenn sie ihm nicht folgen wollte. 20 Abraham sprach: Des Eides seiest du ledig, wenn dir das Mädchen nicht folgt. Zu diesem Zwecke Belud er zwei Kameele mit mannigfachen Dingen dem Mädchen zur Liebe. Als er dahin kam, rastete er bei einem Brunnen. Da der Abend sich senkte, trieb man das Vieh zur Tränke. 30 Er begann zu beten, dass ihm Gott gewährte, dass er ihm das Weib zeige, die für seinen Herrn sollte. Er sprach: ‘Nun will ich zum Zeichen haben, die mir Gott zueigne: welches Mädchen ich bitte, dass sie mir Wasser schöpfe, so mir Gott verleihet dass sie mir das nicht versagt, mich selbst trinken heisse 10 und auch meine Kameele, die soll meinem Herrn zu Liebe und zu Ehren sein,’ Als er das Gebet beendigte, kam die schöne Rebecca herzu, und manche andere Mädchen, von denen ihr keine gleich war. Er sprach ihr zu: Warum giebst du mir nicht zu trinken, Frau? Sie schenkte ihm selber, 20 sie tränkte auch seine Kameele. Er dankte Gott, dass er ihn so schnell erhörte. Er gab ihr aus Liebe zwei Ohrringe und zwei Armspangen aus ganz rothem Golde und fragte sie sogleich, wes Tochter sie wäre. Sie sprach, Abraham 30 wäre ihres Vaters Oheim. Sie bat ihn nach Hause, sprach, da wäre viel Heu: da könnten Gäste gute Rast haben. Sie rastete nicht, ehe sie ihrem Vater Alles erzählte. Sie begann zu zeigen ihrem Bruder Laban die Spangen und Ohrringe, die sie von dem Jüngling empfieng. Er lief dahin schnell, sprach, warum er nicht nach Hause käme? 10 Da er dahin kam, da ward er wohl empfangen, sie behandelten ihn sehr gut, fragten ihn manches, nach jeder Neuigkeit, was sein Geschäft wäre. Er sprach, sein Herr hätte ihn daher gesandt wegen eines grossen Anliegens (errand) wegen einer Frau für seinen jungen Herrn, die gut wäre und ehrsam, 20 nämlich wegen der schönen Rebecca, für den Herrn Isaac zur Gemahlin. Er lobte seinen Herrn, wie viel er Reichthum hätte, an Vieh und Schätzen mannigfachen Nutzens, und wie wohl ihr geschähe, wenn sie ihn nähme. Wenn sie es thun wollten, so sollten sie ihn das schnell thun lassen; wenn sie es nicht wollten, so sollten sie ihn nicht verzögern, Sie sprachen, sie wollten Gottes Willen nicht aufhalten: hier ist unsre Tochter ohne irgend welchen Tadel: wie schnell es dir gefällt, so fahre heim mit ihr. Er ward sehr froh 10 über solche Antwort. Silberne Schalen, goldene Becher, viel gute Gewänder brachte er zur Kammer; er gab zuerst der Jungfrau das Allerbeste dem Vater und der Mutter und auch ihrem Bruder. Gut waren die Gaben, 20 wohl gefiel seine Rede. sie sassen zum Mahle mit fröhlichem Gekose. Da gab es Spiel und Freude unter Frauen und Männern. Von Tische zu Tische liess man lauteren Wein schenken; sie spielten und tranken, bis der Schlaf es ihnen benahm. Als der Tag kam, 30 auf war da der Diener Isaacs; er bat um Urlaub, den ihm aber Niemand gab: sie baten ihn, das er da bliebe zehn Tage Zeit. Das däuchte ihm zu lange: er sprach, wozu sie ihn verzögern wollten? er bat, dass sie ihn entliessen, dass es seinen Herrn nicht möchte verdriessen. Als sie seinen Ernst sahen, da fragten sie das Mädchen, ob sie ihm folgen wollte 10 zu eigener Wohnung. Sie sprach, sie gienge gerne, wo ihr etwas Gutes geschähe. Sogleich gaben sie sie ihm mit schönen Mägden; sie gaben ihr ihre Amme mit, damit sie der Abschied desto weniger schmerze. Sie giengen zu den Rossen, sie schieden mit Leid. Vater und Mutter 20 und auch ihr Bruder, sie baten unsern Herrgott, dass sie möchte selig sein tausend tausend Jahre, und alle die von ihr kämen. Isaac war ausgegangen zu einem Brunnen, dass er auch sähe, was seine Schnitter thäten. Als es sich zu Abend neigte, 30 ritt sein Mann mit der Jungfrau herzu. Der Herr gieng ihr entgegen, empfieng sie sehr wohl. Er fasste sie behende, er gieng mit ihr scherzend über das schöne Feld: er leitete sie in sein Zelt.
M.
DAS LEBEN JESU.
[Scherer D. 83, E. 74.]
In der Vorauer Handschrift. Von einem unbekannten Verfasser, früher der Frau Ava, Verfasserin dreier geistlicher Gedichte, zugeschrieben. Herausgegeben von Diemer ‘Deutsche Gedichte des elften und zwölften Jahrhunderts’ (Wien, 1849).
Dô hûb er ain stimme, dô lêrter uns die uîande minnen. er sprach: nu uergip in, herre uater got; si ne wizzen, waz si tônt. 10 z’einer sexte daz ergie, daz man in an den galgen hie. dâ uaht er in agone daz chanf unze an die nône; dô wart gesceiden der strît, dô gesigte uns der lîp. er sprach: iz ist al uerendôt. dô gieng iz an den tôt, dô geschiet sîn heiligiu sêle uon den lîplîchen sêre. 20 durch unsich leid er die nôt. nu sehet, wî ir im sîn lônôt. Owî Marîâ Magdalênâ, wî gestônte du ie dâ, dâ du dînen herren guoten sâhe hangen unde bluoten, unde du sâhe an sînem lîbe die gestochen wunden. wî mohtest du vertragen die laitlîchen chlage sîner trût mûter Sancte Marîen der guoten! wie manigen zaher si gâben 10 ze dem selben mâle dîniu chûsken ougen, mîn uil liebiu frouwe, dô du sus sâhe handelôn dîn unsculdigen sun, dô man marterôte alsô sêre daz fleisk, daz er uon dir genomen hete. Owî Josep der guote, dô du mînen herren ab dem crûce huobe, hete ich dô gelebet, 20 ich hete dir uaste zuo gechlebet ze der piuilde hêre mînes uil lieben herren. Owî Nychodêmus, wane moht ich dir etewaz liebes erbieten ze lône unde ze mieten, daz du in abe huobe unde in sô scône begruobe! Dô got allez daz gewan, 30 dar umbe er her in werlt chom, dô liez er sînen lîchnamen zu der erde begraben. die ze der erde worden wâren, daz in die emphiengen, daz was alsô geordenôt; diu erde was geheiligôt, dâ er dô zwêne tage geruowet in dem grabe; in der selben friste dô zestôrte er die helle ueste: er uuor mit lewen chreften, 10 die grintel muosen bresten; die gaiste ungehiure di sprâchen in dem uiure, wer der wære, der sô gewaltichlîchen quæme: er bringet uns ein michel lieht, er ne wonet hie mit uns niht; neheine sunde habete er getân er ne mach hie niht bestân. An der stunde 20 dô gesigt er an dem hellehunde; sîne chîwen er im brach, uil michel leit ime dâ gescach. ich weiz, er in pant mit sîner zeswen hant, er warf in an den hellegrunt, er leit ime einen bouch in sînen munt, daz dem selben gûle allez ane offen stûnte daz mûle: swer durch sîne sunde 30 chome in sîne slunden, daz der freislîche hunt niht gelûchen mege den munt, daz er in durch pîhte unde durch pûze sînes vndanches muezze lâzzen. Dô ne wolte er niuht uermîden, dô chêrt er sich ze den sînen, die in der uinster wâren; ein niuz lieht si sâhen; uil harte frouten si sich des, si sprâchen: aduenisti, desiderabilis! Er sprach: mîn erbarmede mich ne liez, ich tæte, alsô ich iu gehiez; 10 ich hân durch iuwere nôt erliten einen crimmechlîchen tôt; die mich habent geminnet, di wil ich fuoren hinnen. swer hiute hie bestât, des ne wirt niemer nehein rât in desme hellesêre, des ne gewîse ih nimer mêre. Dô fuort er si alle mit herige uon der helle, er gab in allen gelîche 20 wider sîn rîche, die si uon sculden haten uerlorn; dô was gestillet sîn zorn.
Da erhob er eine Stimme, da lehrte er uns die Feinde lieben. Er sprach: Nun vergieb ihnen, Herr Vater Gott; sie wissen nicht, was sie thun. 10 Es geschah zu Mittag, dass man ihn an den Baum hieng. Da kämpfte er in Todesschmerzen den Kampf bis drei Uhr Nachmittags. Da ward der Streit geschieden, der Leib besiegte uns. Er sprach: es ist ganz vollbracht. Da gieng es an den Tod, da schied seine heilige Seele von den leiblichen Leiden. 20 Unsertwegen litt er die Noth, nun sehet, wie ihr ihm dafür lohnet. Wehe, Maria Magdalena, Wie standest du je da, da du deinen guten Herren hängen und bluten sahest und sahest an seinem Leibe die gestochenen Wunden. Wie konntest du ertragen die traurige Klage seiner lieben Mutter, der guten Sancta Maria! wie manche Zähre sie gaben 10 zu demselben Male, deine keuschen Augen, meine viel liebe Frau, da du deinen unschuldigen Sohn so behandeln sahest, da man so sehr marterte das Fleisch, das er von dir genommen hatte. Ach, Joseph du guter, da du meinen Herrn vom Kreuze hubest, hätte ich damals gelebt, 20 ich hätte dir fest angehangen bei dem hehren Begräbniss meines viel lieben Herren. Ach, Nikodemus, warum konnte ich dir nicht etwas Liebes erzeigen zum Lohne und zum Preise dafür, dass du ihn abhubest und ihn so schön begrubest! Als Gott alles das gewonnen hatte, 30 weshalb er herab in die Welt kam, da liess er seinen Körper zur Erde begraben. Dass ihn die empfiengen, die zu Erde geworden waren, das war so verordnet. Die Erde war geheiligt, wo er da zwei Tage in dem Grabe geruht. In derselben Frist zerstörte er die Höllenburg; er fuhr hin mit Löwenkraft, 10 die Riegel mussten bersten, die Geister, ungeheuer, die sprachen in dem Feuer, wer der wäre, der so gewaltiglich käme? Er bringt uns ein grosses Licht, er wohnet hier nicht mit uns; er hat keine Sünde gethan, er wird hier nicht bleiben. Zu der Stunde 20 siegte er ob dem Höllenhunde; er brach ihm seine Kiefer; viel Leid geschah ihm da. Ich weiss, er band ihn mit seiner rechten Hand, er warf ihn in den Höllengrund, er legte ihm einen Ring in seinen Mund, dass demselben Scheusal immerdar das Maul offen stünde: wer durch seine Sünde 30 in seinen Schlund komme, dass der schreckliche Hund nicht das Maul schliessen könne, dass er ihn durch Beichte und Busse wider Willen los lassen müsse. Da wollte er nicht unterlassen, er kehrte sich zu den Seinen, die in der Dunkelheit waren. Sie sahen ein neues Licht, sie freuten sich des sehr. Sie sprachen: Advenisti, desiderabilis! Er sprach: meine Barmherzigkeit liess mich nicht, ich thäte denn, wie ich euch verhiess; 10 ich habe wegen eurer Noth einen grimmigen Tod erlitten; die mich geliebt haben, die will ich von hinnen führen. Wer heute hier bleibt, für den giebt es nimmer Hülfe in diesem Höllenschmerz, nach dem sehe ich nie mehr. Da führte er sie alle in Schaaren aus der Hölle, er gab ihnen allen gleich 20 sein Reich wieder, das sie durch ihre Schuld verloren hatten; da war sein Zorn gestillt.
M.
DAS ANNOLIED.
[Scherer D. 82, E. 74.]
Um 1110 zu Ehren des Bischofs Anno von Cöln († 1075) von einem niederrheinischen Dichter, wahrscheinlich im Kloster Siegburg verfasst. Herausgegeben von Bezzenberger (Quedlinburg, 1848) und Roth (München, 1847).
1. Wir hôrten ie dikke singen von alten dingen: wi snelle helide vuhten, wi si veste burge brêchen, wi sich liebin winiscefte schieden, wi rîche kunige al zegiengen. nû ist cît daz wir denken, wi wir selve sulin enden. Crist, der unser hêrro guot wi manige ceichen her uns vure duot, 10 als er ûffin Sigeberg havit gedân durch den diurlîchen man den heiligen bischof Annen durch den sînin willen. dâ bî wir uns sulin bewarin, wante wir noch sulin varin von disime ellendin lîbe hin cin êwin, dâ wir iemr sulin sîn.
Wir hörten oftmals singen von alten Begebenheiten: Wie schnelle Helden fochten, Wie sie feste Burgen brachen, wie sich liebe Freundschaften schieden, wie mächtige Könige untergiengen. nun ist Zeit, dass wir denken, wie wir selber enden werden. Christ, unser guter Herr, Wie manche Zeichen er vor uns thut, 10 wie er auf dem Siegberg gethan durch den trefflichen Mann, den heiligen Bischof Anno, um seinen Willen kund zu thun. daran sollen wir uns eine Lehre nehmen, dieweil wir noch die Reise vor uns haben von diesem elenden Leben hin zur Ewigkeit, wo wir dann immerdar sein sollen.
L.
2. Duo Cêsar duo widere ci Rôme gesan, si ni woltin sîn niht intfân: si quâdin daz er durch sîni geile haviti virlorin des heris ein michil deil, daz her in vremidimo lante ân urlôf sô lange havite. mit zorne her duo wider wante ci diutischimo lante, dâ her hât irkunnôt manigin helit vili guot; 10 her sante zuo den heirrin die dâr in rîche wârin: her clagitin allin sîni nôth. her bôt un golt vili rôt; her quad daz her si wolti gern irgezzin, obir un ieht ci leide gedân hetti. Duo si virnâmin sînin willen, si saminôtin sich dar alle: ûzir Gallia unti Germanie quâmin imi scarin manige 20 mit schînintin helmen, mit vestin halspergin. si brâhtin manigin scônin schiltrant; als ein vluot vuorin sin daz lant. duo ci Rôme her bigondi nâhin, duo irvorhtim dâr manig man, wanti si sâgin schînin sô breite scarin sîni, vanin ingegin burtin: des lîbis si alle vorhtin. Cato unti Pompeiûs rûmitin rômischi hûs; al der senâtûs; mit sorgen vluhin si dirûz. 10 her vuor un nâh jaginta, wîtini slahinta, unz in Egypti lant: sô michil ward der herebrant. Wer mohte gecelin al die menige die Cesari îltin in gegine van ôstrit allinthalbin, alsi der snê vellit ûffin alvin, mit scarin unti mit volkin, alsi der hagil verit van den wolkin. 20 mit minnerem herige genanter an die menige. duo ward diz hertisti volcwîg, alsô diz buoch quît, daz in disim merigarten ie gevrumit wurde. Oy wi di wâfini clungin, dâ di marih cisamine sprungin! herehorn duzzin, becche bluotis vluzzin; 30 derde diruntini dunriti, di helli in gegine glimite, dâ di hêristin in der werilte suohtin sich mit suertin. duo gelach dir manig breiti scari mit bluote birunnin gari. dâ mohte man sîn douwen durch helme virhouwin des rîchin Pompeiis man: Cêsar dâ den sige nam. 10
Als Cæsar da wieder nach Rom sich begab, da wollten sie ihn nicht empfangen. Sie sagten, dass er durch seinen Übermuth einen grossen Theil des Heeres verloren habe, welches er in fremdem Lande ohne Erlaubniss so lange gehabt hatte. Mit Zorn wandte er sich da zurück zu dem deutschen Lande, wo er kennen gelernt hatte manchen sehr guten Helden. 10 Er sandte zu den Herren, die da im Lande waren: er klagte ihnen allen seine Noth, er bot ihnen Gold sehr roth; er sagte, dass er ihnen gern ersetzen wollte, wenn er ihnen je etwas zu Leide gethan hätte. Da sie seinen Willen vernahmen, so sammelten sich da alle: aus Gallien und Germanien kamen ihm da manche Schaaren 20 mit glänzenden Helmen, mit starken Panzerhemden. Sie brachten manchen schönen Schildesrand; wie eine Fluth kamen sie in das Land. Da er sich Rom zu nahen begann, da fürchtete sich mancher Mann, denn sie sahen glänzen seine Schaaren so breit, die Fahnen entgegen getragen: sie fürchteten sich alle des Lebens. Cato und Pompejus räumten das römische Haus; der ganze Senat, mit Sorgen flohen sie daraus. 10 Er fuhr ihnen nach jagend, weithin schlagend, bis nach Egyptenland: so gross ward die Kriegsflamme. Wer möchte all die Vielen zählen, die dem Cæsar entgegen eilten, von ostwärts allenthalben, wie der Schnee fällt auf den Bergen, mit Kriegsschaaren und mit Völkern, wie der Hagel fährt von den Wolken. 20 Mit kleinerem Heere wagte er sich an die Vielen. Da ward der härteste Volkskampf, wie das Buch sagt, der auf dieser Erden je gethan ward. Hei, wie die Waffen klangen, als die Pferde zusammen sprangen! Die Heerhörner dröhnten, Bäche Blutes flossen; 30 die Erde unten donnerte, die Hölle glühte ihnen entgegen, da die Stolzesten in der Welt sich mit Schwertern suchten. Da lag da manche breite Schaar mit Blute gar beronnen. Da konnte man sterben sehn, erschlagen durch die Helme, des mächtigen Pompejus Mannen: Cæsar gewann da den Sieg. 10
DIE KAISERCHRONIK.
[Scherer D. 82, E. 74.]
Geschichte der römischen Kaiser von Julius Cæsar bis auf Konrad III und den Kreuzzug vom Jahre 1147, in einigen, aber nicht den ältern Handschriften, nur bis zum Tode Lothars von Sachsen (1137). Ein Sammelwerk mit vielen eingestreuten gelehrten Sagen und Legenden. Die älteste uns überlieferte Fassung entstand um das Jahr 1150 in Regensburg und rührt wahrscheinlich von dem Verfasser des Rolandsliedes, dem Pfaffen Konrad, her, der aber dabei ein älteres Werk überarbeitete und fortsetzte. Später ist die Chronik mehrfach in reine Reime umgearbeitet und zuletzt bis auf Rudolf von Habsburg fortgesetzt worden. Nach der ältesten Handschrift im österreichischen Stifte Vorau herausgegeben von Diemer (Bd. I Wien, 1849), nach allen Handschriften, aber unkritisch von Massmann (3 Bde. Quedlinburg und Leipzig, 1849–54).
Ain man hie vor was: (mîn vater sagete mir daz) der zôch im ain guoten garten, des flîzt er sich vil harte; dar inne zôch er wurze unt crût: der carte wart im inneclîchen trût. ein hierz wart sîn gewar, nahtes slaich er dar uber aine stigelen nidere: dâ spranch er allez ubere, dise vil guote wurze di dûhten in suoze, unze der garte aller wuoste gelach. daz traip er vil manigen tach. der gartenære wart sîn gewar: vil sciere gereht er sich dar; als er wider ûz solte varn, 10 dô rach der arme sînen scaden: daz aine ôre er im ab slûoch. diu snelle in dane truoch. der man vârte sîn aver, er erreichet im den zagel; er sluoch in im halben abe: er sprach ‘diz zaichen dû trage! smirzet iz dich iht sêre, dune chumest her wider niht mêre.’ Iz gescach in luzel stunden: 20 dem hierze gehailten sîne wunden. er straich hin widere an sîn alte stigelen: crût unt wurze leget er im allez wuoste. der man wart sîn inne; mit vil guoten sinnen îlt er mit nezzen den garten all umbe sezzen. alse der hirz wolte widere über sîn alte stigelen, der man begraif sînen spiez, den hirz er dô an lief, durch den pûch er in stach, daz wart er dar nâh sprach: ‘diu suoze wirt dir ze sûre: 10 mîner wurze arnest du vil tiure.’ sînen hirz er dô entworhte sô er von rehte solte. ain vohe charge lac dâ bî in ainer vurhe: alse der man her dane entwaich diu vohe dar zuo slaich: daz herze si im enzucte, ir wec si dâ mit ructe. Alse der man wider chom, sîn gejac geviel im aller vil wol. 20 do er des herzen niene vant, er sluoch zesamene mit der hant; er îlte âne zwîvel, er sagetez sînem wîbe: ‘ich wil dir ain grôz mære sagen: der hirz den ich ervellet hân der was michel unt guot, wan daz er nehain herze in im entruoch.’ Dô antwurte im daz wîp 30 ‘daz west ich ê wol vor maniger zît; want der hierz lait ê den smerzen; unt het er dehain herze. do er daz ôre unt den zagel hete verlorn, er newâre niemer mêr in dînen garten chomen.’
Ein Mann wohnte früher hier, — mein Vater sagte mir das, — der bestellte sich einen guten Garten: dessen befleissigte er sich sehr; darin zog er Wurzeln und Kraut: der Garten war ihm sehr lieb. Ein Hirsch wurde seiner gewahr. Nachts schlich er dahin über eine niedrige Stiegel: da sprang er immer über, diese vortrefflichen Wurzeln deuchten ihm süss. Der Garten lag ganz wüste. Das trieb er gar manchen Tag. Der Gärtner ward seiner gewahr: sehr schnell machte er sich dahin; als der Hirsch heraus gehn wollte, 10 da rächte der Arme seinen Schaden: das eine Ohr schlug er ihm ab. Seine Schnelligkeit trug ihn von dannen. Der Mann stellte ihm abermals nach, er erreichte ihm den Schwanz; er schlug ihn ihm halb ab, er sprach: ‘dies Zeichen trage du! schmerzet es dich etwa sehr, so kommst du nicht wieder her.’ Es begab sich, dass in wenig Stunden 20 dem Hirsche heilten seine Wunden. Er strich wieder hin nach seiner alten Stiegel. Kraut und Wurzeln verwüstete er ihm ganz und gar. Der Mann ward es inne; mit sehr guten Sinnen eilte er mit Netzen den Garten ganz zu umsetzen. Als der Hirsch zurück wollte über seine alte Stiegel, da ergriff der Mann seinen Spiess, den Hirsch er anlief; er stach ihn durch den Bauch. Darauf sprach er das Wort: ‘die Süsse wird dir sauer, 10 meine Wurzeln bezahlst du theuer!’ da zerlegte er seinen Hirsch, wie er von Rechts wegen sollte. Ein schlauer Fuchs lag dabei in einer Furche. Als der Mann von dannen gieng, schlich der Fuchs herzu, entzuckte ihm das Herz und entwich damit ihres Wegs. Als der Mann wieder kam, gefiel ihm seine Jagdbeute ganz wohl. 20 Da er das Herz nicht fand, schlug er zusammen mit der Hand; er eilte, ohne sich zu besinnen, und sprach zu seinem Weibe: ‘Ich will dir ein grosses Wunder sagen: der Hirsch, den ich erlegt habe, der war gross und gut, aber er trug kein Herz in sich.’ Da antwortete ihm die Frau: 30 ‘das wusste ich schon vor langer Zeit, weil der Hirsch früher den Schmerz litt; und hätte er irgend ein Herz gehabt, als er das Ohr und den Schwanz verloren hatte, er wäre nie wieder in deinen Garten gekommen.’
HEINRICH VON MÖLK.
[Scherer D. 84, E. 76.]
Didaktischer Dichter aus ritterlichem Stande um 1160. Er trat aus Überdruss am weltlichen Leben in das österreichische Kloster Mölk als Laienbruder und verfasste zwei Gedichte ‘Mahnung an den Tod’ und das ‘Pfaffenleben,’ das unvollendet blieb. Neu herausgegeben von Heinzel (Berlin, 1867).
MAHNUNG AN DEN TOD.
Doch verhenge wir daz etwer muge ân aller slachte sêr geleben sînen jungisten tac, daz doch vil ubel geschehen mac, nû waz ist der rede mêre? als schier sô diu arm sêle 10 den lîchnamen begît, nû sich, armer mensch, wie er lît. het er gephlegen drîer rîche, im wirt der erden ebengelîche mit getäilet als einem durftigen. ouch sehe wir sumlîch ligen mit schœnen phellen bedechet, mit manigem liechte bestechet, mirre unt wîrouch wirt dâ gebrennet ouch; unt wirt des verhenget daz diu bivilde wirt gelenget unt sich sîne vriunde gar gemäinlîchen gesamnent dar, sô ist daz in ir aller phlege, wie man in hêrlîchen bestaten mege. owê, vertäiltiu hêrschaft! 10 swenne diu tîvellîch hellecraft die armen sêle mit gewalte verswilhet, waz hilfet, swâ man bivilhet daz vil arme gebäine, sô der armen sêle mitgemäine aller häiligen widertäilet wirt? wê der nacht diu in danne gebirt! nû lâzze wir des sîn verhenget, daz bivilde werde gelenget zwêne tage oder drî, 20 oder swaz ez länger dar uber sî, daz ist doch ein chläglîch hinevart. nicht des, daz ie geborn wart, wirt sô widerzæme noch der werlt sô ungenæme. Nû ginc dar, wîp wolgetân, unt schowe dînen lieben man unt nim vil vlîzchlîchen war wie sîn antlutze sî gevar, wie sîn scäitel sî gerichtet, wie sîn hâr sî geslichtet. schowe vil ernstlîche ob er gebâr icht vrœlîchen, als er offenlîchen unt tougen gegen dir spilte mit den ougen. nu sich, wâ sint sîniu mûzige wart dâ mit er der frowen hôhvart lobet unt säite? nû sich in wie getâner häite 10 diu zunge lige in sînem munde dâ mit er diu troutliet chunde beeagenlîchen singen! nûnc mac si nicht fur bringen daz wort noch die stimme. nû sich, wâ ist daz chinne mit dem niwen barthâre? nû sich wie recht undâre ligen die arme mit den henden dâ mit er dich in allen enden 20 trout unt umbevie! wâ sint die fûze dâ mit er gie hôfslîchen mit den frowen? dem mûse dû diche nâch schowen wie die hosen stûnden an dem bäine: die brouchent sich nû läider chläine. er ist dir nû vil fremde, dem dû ê die sîden in daz hemde mûse in manigen enden wîten. nû schowe in an allen mitten: dâ ist er geblæt als ein segel. der bœse smach unt der nebel der vert ûz dem uberdonen unt læt in unlange wonen mit samt dir ûf der erde. owê, dirre chläglîche sterbe unt der wirsist aller tôde 10 der mant dich, mensch, dîner brœde.
Doch setzen wir den Fall, dass einer ohne jeder Art Schmerz den jüngsten Tag zu erleben vermöchte, was doch schwerlich eintreten wird, nun was ist darüber zu sagen? So bald die arme Seele 10 den Leib verlässt, nun sieh, armer Mensch, wie er daliegt. Hat er auch drei Reiche beherrscht, ihm wird ebensoviel Erde mitgetheilt, wie einem Dürftigen. Auch sehen wir manch einen liegen mit schönen Teppichen bedeckt, mit manchem Lichte besteckt, Myrrhe und Weihrauch wird da auch verbrannt; und es wird angeordnet, dass das Begräbniss hinausgeschoben wird, und sich seine Freunde alle ins gemein da versammeln, dann sind alle darum bemüht, wie man ihn herrlich bestatten möge. O weh! enterbte Herrschaft! 10 Wenn die teuflische Höllenmacht die arme Seele mit Gewalt verschlingt, was hilft es, wo immer man das elende Gebein begräbt, wenn der armen Seele die Gemeinschaft aller Heiligen aberkannt wird? Weh der Nacht, die ihn dann hinwegrafft! Nun wollen wir annehmen, das Begräbniss werde verschoben zwei oder drei Tage, 20 oder auch noch etwas darüber, es ist doch ein klägliches Abfahren. Nichts, was je geboren ward, wird so abstossend und der Welt so unangenehm. Nun tritt hin, schöne Frau, und schaue an deinen lieben Mann und betrachte sorgfältig, wie sein Antlitz gefärbt ist, wie sein Scheitel gerichtet, wie sein Haar geschlichtet. Sieh recht genau zu, ob er sich auch fröhlich zeigt wie damals, als er öffentlich und ins geheim die Augen nach dir blitzen liess. Nun sieh, wo sind seine müssigen Worte, mit denen er von der Frauen-Pracht lobend erzählte? Nun sieh, wie lahm (wörtlich: in welcher Verfassung) 10 ihm die Zunge im Munde liegt, mit der er Liebeslieder anmuthig singen konnte! Nun vermag sie nicht hervorzubringen Worte noch auch nur einen Laut. Nun sieh, wo ist das Kinn mit dem neuen Barthaare? Nun schau, wie schlaff die Arme und Hände da liegen, mit denen er dich aller Enden 20 koste und umfieng! wo sind die Füsse, mit denen er schritt in höfischer Zucht unter den Frauen? ihm musstest du oftmals nachblicken, wie die Hosen ihm am Beine sassen: die nutzen sich nun leider wenig ab. er ist dir nun gar fremd, dem du ehemals die Seide ins Hemd an mancher Stelle hineinziehen musstest. nun schau ihn in der Mitte an: da ist er aufgebläht wie ein Segel. schlimmer Geruch und Dunst steigt aus dem Bahrtuch und lässt ihn nicht lange (mehr) mit dir auf Erden wohnen. Weh über dies klägliche Sterben! Ja der schlimmste Tod 10 der gemahnt dich, Mensch, deiner Schwäche.
TROST IN VERZWEIFLUNG.
[Scherer D. 86, E. 78.]
Ein poetisches Fragment von einem unbekannten Dichter. Herausgegeben von Scherer Zeitschrift für deutsches Alterthum, B. 20.
Daz ich dem herzen sô nâhen gesprochen hân, daz hân ich ân schulde niht getân: grôziu nôt ist mir von im kunt: ez sanchte mich unz in den grunt, ez hât mir sô vil ze leide getân dâ von ich immer gnuoch ze sagen hân. wande dô mir got geschuof daz leben, hiet er mir dô ein herze gegeben, daz ein lîp möhte getragen, des wolt ich im immer gnâde sagen: wande es wær tûsent man genuoch des ich eine an mînem herzen truoch. Sâ dô ich êrste wart geborn, dô het mîn herze ûf mich gesworn. nu wesse ich des eides niet und volgete im als ez mir riet. nu leitt ez mich einen tieffen wech und versatzte dô prukke unde stech. 10 dô ich wider wolde varn, mit strichen und mit hâlscharn het ez mich umbesetzet, sô ein hasen in einem netze. nu chunde ich niht ûz gewenchen. dô begunde ich denchen ‘ez hât mich verrâten.’ daz ich im ie gevolgit, daz rou mich ze spâte: wande ez chunde ân schaden niht ergân. ich sach di vîende bî mir stân; 20 der chom dô ein michel her: dô satzte ich mich ze deheiner wer. si sluogen mir ein verchwunden: deheiner wer ich begunde. dô ich ze verhe was versniten, iesâ chunde ich wol der wunde site, daz ich ir nimmer mohte genesen, ez muos mîn tôt wesen. vil sêre rou mich daz leben. nu chunde ich mir deheinen trôst gegeben: wande an den selben stunden dô gedâhte ich nâch der wunden ‘waz hilfet aller arztlist, 10 sît diu wunde sô tief und verborgen ist. si muoz ungeheilt bestân und mac mir wol ze dem tôde gân.’ iedoch bat ich allenthalben swâ man pflach guoter salben, daz man mir ein wênich streich dar an. nu vant ich nie deheinen sô guoten man der mir durch got gein einem hâre wolt geben. dô swant mir nâch mîn leben, wande niemen wart sô guot 20 der mir trœsten wolt den muot. dô wart ich trûrich und unfrô. iedoch chom ez alsô daz mir ein rîcher herre enbôt, er wolt mir buozen mîn nôt und âne mâsen machen heil. dô wart ich frœlîch unde geil. Nu wil ich iu sagen an disen stunden, welhez doch sîn di wunden und der vîende hâlscharn den ich ân schaden niht moht enpfarn. 10 dô ich in mîner chintheit durch mînes herzen eit dem tiufel und der werlt wart undertân, dô ich mich dô chunde enstân, dô erchande ich schier durch nôt daz mich daz herze leittet ûf den tôt. nu wolt ich di werlt iesâ hân gelân. nu begunde si mich vaste zuo ir vân mit ir manigen tûsent listen, daz ich ez vur baz friste 20 unz si mich sô zuo ir het genomen daz ich mit nihte von ir chunde chomen. wande si twanch mir hende und vuoze mit ir bittern suoze und mînen lîp alsô gar: dô ich ir rehte genam war, sô gedâhte ich ich muose bî ir bestân, und swie ich si immer wolde gelân. dô nam ich aber in mînen muot, ob dehein heilige wær sô guot der mir durch got ze helfe chæme und mich genædechlîch von der werlt næme. 10 swie vil ich dô gebat und gelas, wânde ich des tiufels martirær was, sô half mir ir deheiner niet: an mir verzagte alliu himelischiu diet. nu wart ouch mir sô zorn, ich wânde ich wær zer helle geborn. ich lie dô mîn gebet stân, ze beiden handen liez ich ez gân. dô ich michs aller minste versach, nu hœret welch ein gluke mir dô geschach! 20
Wenn ich dem Herzen so viel Vorwürfe gemacht habe, so habe ich das nicht ohne guten Grund gethan. Grosse Noth habe ich von ihm erfahren: es senkte mich bis in den Grund, es hat mir so viel zu Leide gethan, dass ich davon Zeit Lebens genug zu erzählen habe. Ja, hätte Gott, als er mir das Leben schuf, mir auch ein Herz gegeben, das ein Leib tragen könnte, so würde ich ihm immer Dank dafür sagen. Aber es wäre für tausend Menschen genug gewesen, was ich allein in meinem Herzen trug. Gleich zuerst als ich geboren wurde, da hatte sich mein Herz schon gegen mich verschworen. Ich aber wusste von dem Eide nichts und folgte ihm, wie es mir rieth. Da führte es mich einen tiefen Weg und versetzte Brücke und Steg. 10 Als ich zurückkehren wollte, da hatte es mich mit Stricken und heimlichen Fallen umstellt und mich gefangen, wie einen Hasen in einem Netze. Da konnte ich nicht von der Stelle. Nun erst kam mir der Gedanke: es hat mich verrathen. Dass ich ihm je gefolgt, das reute mich zu spät: nun konnte es ohne Schaden nicht mehr ablaufen. Ich sah die Feinde dicht bei mir stehn; 20 deren kam da eine so gewaltige Schar über mich, dass ich mich nicht erst zur Wehr setzte. Sie schlugen mir eine tiefe Wunde. Ich liess mich nicht auf irgend welchen Widerstand ein. Als ich lebensgefährlich getroffen war, da erkannt’ ich sofort das Wesen der Wunde, dass ich nimmermehr genesen konnte, dass es mein Tod wäre. Gar sehr war mir das Leben zur Last. Ich konnte mir keinen Trost geben. Damals dacht’ ich bei meiner Wunde: ‘Was hilft alle Kunst der Ärzte, 10 da die Wunde so tief und verborgen ist? Sie muss ungeheilt bleiben und wird mir wohl noch den Tod bringen.’ Dennoch bat ich allenthalben, wo man gute Salben hatte, man möchte mir ein wenig darauf streichen. Aber ich fand keinen einzigen barmherzigen Menschen, der mir um Gottes Willen auch nur um eines Haares Werth gegeben hätte. Da schwand mir beinahe das Leben, denn niemand war so gütig 20 mich zu trösten. Da wurde ich traurig und unfroh; doch kam es dann so, dass mir ein mächtiger Herr entbot, er wollte mir meine Noth lindern und mich ohne Narben heilen. Da wurde ich fröhlich und heiter. Nun will ich euch aber auch sagen, was die Wunden waren und der Feinde Hinterhalt, denen ich ohne Schaden nicht entgehn konnte. 10 Nachdem ich in meiner Kindheit in Folge der Verschwörung meines Herzens dem Teufel und der Welt unterthan geworden, musste ich, so bald ich zu Verstande kam, erkennen, dass mich daz Herz in den Tod führte. Da hätte ich gerne die Welt verlassen, aber sie zog mich nun erst recht an sich mit ihren tausendfältigen Künsten, so dass ich es weiter hinausschob, 20 bis sie mich so fest an sich geschlossen hatte, dass ich auf keine Weise mehr von ihr loskommen konnte. Denn sie fesselte mir Hände und Füsse mit ihrer bitteren Süsse und nahm mich so ganz gefangen, dass ich meinte, ich müsse bei ihr bleiben, wie sehr ich auch strebte, von ihr zu lassen. Nun richtete ich wieder meine Gedanken darauf, ob nicht einer der Heiligen so gütig wäre mir um Gottes Willen zu Hilfe zu kommen und mich gnädig von der Welt zu befreien. 10 Wie viel ich da auch betete und klagte, denn um des Teufels Willen litt ich Qual, kein einziger hat mir geholfen: an mir verzweifelten alle himmlischen Heerscharen. Da überkam auch mich der Zorn, ich meinte, ich wäre für die Hölle geboren. Und liess mein Beten sein, mit beiden Händen warf ich es weg. Aber da ich mich dessen am wenigsten versah, hört, welch ein Glück mir da geschah! 20