Ruhe.
Reading edition
Wie man sich immer wieder balanciert. —
Ich war heute sehr unruhig; irgend ein Zustand von grauester, fadester Blasiertheit. — Bloß, irgend etwas fängt an, ihn zu betrachten. Mit einer so mystischen, eisigen Gelassenheit...
Und plötzlich beginnt mich eine Erinnerung wieder für das Gegenständliche, für die „Welt der Erscheinungen“ um mich herum zu erwärmen ...
Es ist doch sonderbar! — Man ist wie ein Kind... Die Kinder haben oft solche Anfälle von Flauheit, wo sie nicht wissen, was sie wollen, — ich erinnere mich zuverlässig —; man schwingt ihnen dann meinetwegen eine Klapper vor dem Gesicht umher, bis... &c. &c.
Hm! — Na ja! —
Es war in einem Hotelzimmer.
Eine fieberwache Nacht. Halbschlummer. Quälende Träume. Zahnschmerzen.
Nein! Das kann der Satan noch aushalten! —
Ruhe! Ruhe! Ruhe! — Aufstehen! —
Ich steige aus dem Bett, kleide mich notdürftig an, entfache das elektrische Licht und laufe, die Shagpfeife im Mundwinkel, auf und ab.
Das Winterzwielicht fröstelt im Zimmer, mit Mühe ein wenig von der Helle des elektrischen Drahtes erwärmt. Die Uhr tickert auf dem Nachttischchen. Mein Gott, erst halb acht! —...
Ah! Ruhe! —
Ah! —
Dieses Bild, nur dieses Bild! Dieses einzige Bild, von den Ruten des hohen Fensters umrahmt, in seiner zarten alabasternen Schönheit und doch in der Tiefe seiner ganzen Mystik!...
Halb unbewußt und nebenbei hat es in mir für den Bruchteil eines Augenblickes konstatiert, daß sie durch den Gegensatz der elektrischen Helle im Zimmer und der Dämmerung des beginnenden Morgengrauens hervorgebracht wird: aber nun gehör’ ich ihr ganz und völlig. — Und physischer Schmerz, Unruhe und alles, alles wird Auge und hält und umfaßt, versteht, versinkt in diesen Anblick, in die gedankenlose, so köstlich unrastfreie Stille dieses Anblicks. —
Ja, und es ist doch nun weiter gar nichts Besonderes dabei; es ist bloß dieses Land unten vorm Fenster. — Es ist nichts, als der Gegensatz und das Zueinander dieser leise verhüllten, weich zarten Himmelsbläue, dieser Bläue, die eigentlich eine graue Schicht von Schneegewölk ist, das über Nacht den Himmel überzogen, und die nur dem Gegensatz des erhellten Zimmers ihr Vorhandensein verdankt, dieser Bläue und dieser weiten graugrünen Rasenflächen.
Aber da drüben, an der Grenze, dieses stille Kleinspiel. Der Strich der Chaussee mit den Silhouetten ihrer Telegraphenstangen und dem nackten schwarzen Geästel ihrer Kirschbäume. Und die Laternen, die, soweit die Chaussee Fortsetzung der Vorstadtstraße bedeutet, in weiten Abständen ragend, noch brennen. Drüben, auf der anderen Seite, jenseits der Chaussee dehnt sich die Vorstadt; dunkel, schwarz, mit den pittoresken Umrissen ihrer Häusermasse in dieses tiefe Himmelsblau einer italienischen Sommernacht hinein. — Ein paar müde Lichtpunkte dazwischen: erhellte Fenster. Einige grellere; drei, vier, fünf in einer Reihe: Straßenlaternen. — Links die vier Schornsteine des Eisenwerkes, von denen sich feine dünne Rauchsäulen seitab kräuseln. Die Fenster der Fabrikräume sind schon erhellt; aber dieser Schimmer ihrer Vierecke, die matt wie große Perlmutterfourniere aus dem Halblicht dieses ersten Morgengrauens hervordämmern, erinnert noch mit nichts an menschliche Thätigkeit. —
Daß es nie Tag würde und immer diese Stille bliebe und die beständige Möglichkeit dieses schmerz- und wunschlosen Versunkenseins, dieser ruhigen leidfreien Einheit von Innen und Außen! —
Denn hier ist keine Bewegung, stört keine Bewegung, nicht die leiseste. — Nur diese eine, einzige, unbeschreibliche Stille, in der selbst dieses leiseste Kräuseln des Schlotdampfes stockt...
Ah! — Wie ein leiser feiner Schreck! — Eine Fahlheit hat sich über die tief-satte Fülle der Farben gezogen, und dort, von rechts her, mit ihr, eine erste Bewegung. Kleine, schwarze Schattenrisse kriechen langsam über das weite Graugrün. Die Karrenschieber, die den Tag über braunen Humus auf den Rasen fahren. —
Aus!...