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Stille Welten

Bibellektüre.

Reading edition

1. Incarnation.

Seit einigen Tagen les’ ich die Bibel. Das Exemplar, das Frau Haberland in ihrem Glasschrank hat. Es ist eine schöne alte Familienbibel, in Quartformat, aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts, ein wahrer Koloß, solid in braunes Leder gebunden, mit zwei Messingverschlüssen, jeder eine Figur, ein Apostel wohl oder so etwas. — Dieser Duft, dieses dicke vergilbte Papier, diese großen fetten Lettern und die Familienchronik mit ihrer altfränkischen Schnörkelschrift gaben mir wieder mal den Geschmack für diese Lektüre. — Die Madame war so liebenswürdig, mir das ehrwürdige Monstrum anzuvertrauen, und nun vergeht selten ein Tag, an dem ich nicht über diesen braven altväterlichen Holzschnitten und diesen köstlichen Drucktypen säße und mein Pensum erledigte.

Wenn’s das Wetter irgend erlaubt, sitz’ ich dabei am liebsten hinten im Garten, in der Pfeifenkrautlaube. Vornehmlich bei der Lektüre der Patriarchenhistorien war es die beste Umgebung. Man sieht über die Rotdornhecke hinweg auf die Hügel, und da hat denn wohl die große Schafherde von der Schloßdomäne ihr Wesen; man hört die gelben Wolfshunde kläffen, man hört das Trappeln und Rauschen der erschreckten Tiere, die von ihnen beieinander gehalten werden. Man gewahrt die Gestalt des Schäfers in seinem langen blauen Schoßrock mit den blanken Knöpfen und dem breiten Lederriemen, mit seinem altfränkischen Filzhut und seinem langen Schlenderstock, man hört seine Zurufe und wie er auf die Hunde schilt. Laban und Jakob, Joseph und David. — Oder man hört die Laute des Geflügels, der Haustiere, Pferdewiehern aus der Nachbarschaft oder das Brüllen der Kühe...

Gegenwärtig bin ich bei den Propheten, und da kommen mir so allerlei Gedanken und Betrachtungen; Gedanken und Betrachtungen, mit denen ich mich meinem goldenen Freigeist, dem Herrn Aktuarius Nerrlich, nicht anvertrauen könnte, ohne befürchten zu müssen, wegen einer bedenklich reaktionären Rechtsschwenkung seiner mir so werten Freundschaft verlustig zu gehen; denn es sind nicht nur diese ersten Kindheitserinnerungen, die da in diesen Lesestunden mit lebendig werden, auch nicht bloß und lediglich so etwas wie Feinschmeckerei und „historischer Standpunkt“, obgleich das alles natürlich mit unterläuft: nein, es ist auch noch etwas Anderes. Denn das ist nun so: jedes gute und bedeutsame Buch hat seine ewig frische und lebendige Wirkung, und die bedeutendsten variieren ja nur immer wieder den einen ewigen und gleichen Text. — So will mir zum Beispiel auch keinerlei rationalistische Exegese an die alten Sagen und Wundermärchen heran. Ein feinerer Sinn spürt das Wunder der Wunder hinter ihrer ehrwürdigen Symbolik und staunt aus einem modern-differenzierten Verständnis der Lebens- und Naturvorgänge heraus, das uns gerade wieder die Ergebnisse der neuzeitigen Wissenschaften, und nicht zum wenigsten der exakten, gebracht, über die tiefe Lebensweisheit, welche sich in diese Symbole verdichtet hat.

Ich komme von der Lektüre psychophysiologischer Bücher; man hat als Mensch der Neuzeit neben allen geistigen Zuflüssen seine Nervenerfahrungen, und weiter hat der ringende Geist Alterfahrenes und Frühvertrautes, Einflüsse und Eindrücke erster Jugendzeit und ihren unverwüstlichen Gehalt, der sich allen Anstürmen einer materialistisch-kritischen Durchgangsperiode zum Trotz aus all ihren Entwicklungswehen heraus behauptet hat, mit den neuen Ergebnissen vereinbart: wie eigen mutet einen da diese Lektüre an! — Und um so fühlbarer und eindringlicher ist ihre Ehrwürdigkeit, je tiefer man spürt, wie die eine und gleiche Wahrheit immer nur wieder in Symbole sich fassen läßt...

Ja, diese Propheten!

Es fällt einem so ein, was die alten Kirchenlehrer von Erwählung, Berufung, Prädestination geschrieben, oder etwa Platon von den Ideen, von der Annamnese, man gedenkt der Lehren der Veden und des Buddhismus, was bei den Pythagoräern als Metempsychose wieder auftauchte, und wie diese bereits bei den Egyptern gelehrt war, man berücksichtigt etwa den Zusammenhang von alledem, sieht sich etwa auch mit genauen Augen und mit so einem stillen Ahnen die neue Wissenschaft und die Entwicklungslehre des Darwinismus an, in der so unendlich viel Möglichkeiten und Urwurzeln von Ideenverbindungen schlummern, die einen, wie sie in ungewissen Umrissen auftauchen, so verwunderlich an uralte Weisheits- und Weltbetrachtungsergebnisse erinnern und einen mystischen und urnotwendigen Zusammenhang menschlicher Weisheit neu bezeugen: mit alledem betrachtet man diese Propheten.

Man gewahrt ihr Pathos, in dem in ewig staunenswerter Mystik unterbewußte geheime Gedankenverknüpfungen und wohlverwahrte ewige Erfahrungen sich dichten, in dem sie mit ekstatischer Macht hervorbrechen; und nun will man das Geheimnis nicht erklären — man kann das in seinem letzten Grund Unerklärliche nicht erklären — man fühlt es und fühlend besitzt man, weiß man, mit einem geheimen, unmittelbaren, identischen Wissen. — Denn was heißt das, wenn ich mir etwa diese Gewaltigen und ihr Wirken zu einem Teil pathologisch erkläre? — Erkläre! — Was heißt das, wenn ich sage, Mohamed war ein Epileptiker? Wohl, aber wenn ich mir jene ehrfürchtigen Begriffe der Alten in ihrer schlichten und doch so tiefen und sinnreichen Bescheidenheit vergegenwärtige, etwa die Begriffe der Erwählung oder der Incarnation, so verstehe ich mit einem so mächtig konzentrischen Verständnis. —-

Incarnation! —

Es ist ein frischer Herbstvormittag. Ein gleißendes Sonnengold leuchtet über den Hügeln. Mit einer mächtigen Energie, in gewaltigen Linien, mit breiten Flächen, in gigantisch-majestätischen Wölbungen ballt sich, schiebt sich, schießt ein weißes Gewölk vom Horizont auf über das klare Blau. Luftströmungen mit ihrem unaufhörlichen Rauschen und Sausen gehen durch die Feiertagsstille der Frühe. Innerlichst belebt und hingenommen von dem Rhythmus dieser gewaltigen Perioden mit der eindringlichen, schlichten und doch so mächtigen Energie ihres Gefüges, dieses Parallelismus membrorum althebräischer Poesie, wend’ ich überwältigt mein Gesicht von den Zeilen in die Höhe, und meine Sinne richten sich unter dem Zwang dieser Lektüre über das kunterbunte Kleinleben meiner Umgebung hinweg wie unter dem Einfluß einer heimlichen magischen Gewalt, die Gleiches dem Gleichen eint, unwillkürlich hinüber zu den weiten freien Linien des Berglandes, den gewaltigen des Gewölkes, zu diesem monotonen großen Akkord der bewegten Lüfte. — Der Sturm! „Du weißt nicht, von wannen er kommt, noch wohin er geht, aber du hörest sein Sausen wohl.“ —

Und wie ich sehe und höre, unwillkürlich, hingenommen, ganz ein einziges, großes, gesteigertes Empfinden, in dem meine Nerven feiner und subtiler aufnehmen und reagieren, beleben und vertiefen sich so eigen meine Wahrnehmungen, und fast wie in einer undefinierbaren Raumdimension, die in irgend einem Punkt, in irgend einer Weise eine mystische Einheit ist von drinnen und draußen, — mein Persönlichkeitsbewußtsein ist in ihr halb entschlummert — regt es sich in einer unsagbaren Weise und flüstert einem Verständnis in mir, das versteht, ohne Worte zu hören. Und irgendwie ist Wolkengebilde, Windströmung, Berglinie, Farbe und Form, auf die mein dämmerndes Bewußtsein nicht achtet und die es doch hat, gleich und eins mit Blutwallung, Vibrieren des Nervenfluidums, Muskelbewegung und irgendwie Offenbarung und Mitteilung, Werden. — Und in einem stillen Zeugungsakt dieser geheimsten Bewegung, die irgendwie in unmeßbaren, millionenfachen Vibrationen flirrt, gebiert sich, ringt sich dunkel ein Wort los, ein Wort, ein Ur-Keim- und Kernwort, das sich zu entfalten beginnt, in Ideen- und Gedankenfolgen sich entfaltet zu einer ganzen Dichtung...

Incarnation! —

Und nun versteh’ ich aus dem Eigensten und vergegenwärtige mir und sehe.

Jene Großen gewahrten eine Not ihres Volkes, spürten sie wohl in eigensten und individuellsten Schicksalen. Sie bemächtigte sich ihrer schauenden reflektierenden Seele, und aus dem Getriebe des sie umgebenden Kleinlebens begaben sie sich wohl in die Einsamkeit der Wüste, die Stimme des Einen zu hören, und rangen in der zähen Willensenergie ihres Volkes nach dem Wort und Willen Jehovahs, rangen nach dem Urwort, das Licht bringt. Und sie gingen auf in Ihm, waren in ihren Ekstasen, in Fasten und Entbehrungen, in den Krämpfen ihres mächtig ringenden Willens eins mit Ihm; und Er war die große Natur in der gewaltigen Monotonie ihrer Öde, die sie umgab und auf sie wirkte, Er war die Schicksale ihres Volkes, die sich jenen äußeren Naturerscheinungen wieder innig verknüpften und eins ihrer differenzierteren Ergebnisse waren, Er war ihre individuellen Schicksale, Erlebnisse und Fähigkeiten, die wieder eins in jenen und eins im Einen und Gleichen, und Er war ihr Körper mit der Thätigkeit der Muskeln, Eingeweide, Nerven, seines mächtigen Gehirns, dieser Körper, dieses Gehirn ein Willens- und Kraftcentrum der Volksgemeinschaft, die sie erzeugt, und das alles in diesen Stunden Er in seiner einen und einzigen Einheit! Und in dieser Einheit, in ihnen, zeugte Er als in Sich, zeugte die Einheit das Wort, das fruchtbare Wort, das diesem Volk not that, schuf Er sie zu seinen Helden, Gewaltigen und Verkündern in Mose, Jeremia und wie sie alle hießen, verkörperte Er sich in ihnen zum Helfer und Ermahner seines Volkes...

Incarnation. —

Incarnation. —

Diese bestimmte jüdische Volksgenossenschaft; eine Gemeinschaft sie wieder von so und so viel Sondergenossenschaften, die sich gegen einander abgrenzen durch ganz bestimmte und besondere Interessen, bedingt durch die Verschiedenheiten der einzelnen Landschaften, durch den jeweiligen Charakter der Natur, der sie unter bestimmten Bedingungen ihren Lebensunterhalt verdanken, durch Familien- und andere soziale Interessen. — In einer dieser Gemeinschaften, in der sich vielleicht offenbar oder geheim alle Interessenfäden der Gesamtgenossenschaft als in einem offenbaren oder geheimen Centrum am intimsten verknüpften, wurde in einer ganz bestimmten sozialen Lage einer dieser Erwählten geboren.

Wie wunderbar dieses Emportauchen eines derartigen Individuums! — Wie rätselhaft stellt es sich dar! — Vielleicht waren alle, die ihm zunächst standen, seine Eltern, seine Geschwister, Verwandte Menschen, die dem Leben einen entschiedenen praktischen Thätigkeitstrieb entgegensetzten, vielleicht als Ackerbauer. Ganz anders dieses Individuum! — Vielleicht ein schwächliches Kind, mit vorwiegend nervöser Disposition, vielleicht auch ohne eine solche beschaulichen Charakters, aber doch dieser stille, mit so mächtiger Energie nach innen raffende Wille. Still, wohl gar scheu er in seinem Gebahren, aber lebhaft sein Interesse jeder Erscheinung im Bereich seiner Umgebung zuwendend, und dann wieder das Wahrgenommene in sich verarbeitend, zurückgezogen von der Thätigkeit der Seinen, den Spielen und Zerstreuungen der Altersgenossen.

Und dieses Insichverarbeiten! — Dieses Versunkensein! Diese stille, so rastlose Thätigkeit des Gehirns! — Dieser sonderbare Assimilationsprozeß! — Zurückzuleiten auf physiologische, zu begreifen als physiologische, ja im letzten Grunde chemische Vorgänge und Prozesse, im letzten Grunde solche bedeutend und dennoch — denken!... Im Cirkel der lebhaften, den äußeren Dingen zugewandten, praktisch nach außen gerichteten Betriebsamkeit der Menschen seiner Umgebung, dieses Individuum wie ein stiller, stillhaltender, ruhender Punkt, in einer heimlichen, wie magnetischen Affinität mit den Lebensvorgängen ringsum, dieses Individuum mit seinem mystischen Erraffen! — Er, der Schwächste, Passivste vielleicht, der Stillste unter seinen Genossen, mit dieser mystischen Disposition innerlich ihrer der Lebendigste, mit seinem großen, geistigen Körper, mit diesem amorphen Körper heimlicher Blutströme, heimlicher Nervenvibrationen, deren zuströmende Energie das Gefüge seines sichtbaren individuellen Körpers erleidet, unter der er erschauert wie eine Sensitive, diese Energie, die dieses sichtbare, zarte und durch die Macht seiner Disposition doch so zähe Gefüge schüttelt, erbeben macht, durchkrampft, und doch die unerhörte Gewalt seines erraffenden, erprobenden Willens nicht zu vernichten vermag, so sehr sie’s erschüttert, bis dieser schwache Körper gestählt ist und in ihm sich aus den Seinen der Eine konzentriert und geboren hat, der ihnen notthut, Jehovah in ihm vermöge eines mystischen Zeugungsaktes sich incarniert hat: Er, zuvor der Schwächste, Unscheinbarste, wohl gar Mißachtete, wenn nicht Verspottete mit dieser Disposition die Seele, der stille Wächter seines Volkes. Er, die nach innen konzentrierte Energie der Seinen und sie in irgend einer mystischen Verknüpfung Seine nach außen gewandte Energie. —

Incarnation! —

Und ich gedenke im Sonntagsfrieden dieser Morgenstunde des biblischen Wortes: „Die Cherubim und Seraphim, seine Gewaltigen und Helden, die vor seinem Throne stehen“, und es bekommt einen so besonderen Sinn, und ich bedenke, wer Gott und seine Helden nicht aus der Welt geschafft, sondern ins Deutliche, Vertraute, Menschliche gerückt und offenbar geworden sind, thronend doch in einem Lichte, da niemand hinzukann...

2. Gethsemane.

Die Nacht brach an. Der Rabbi verließ das Haus, wo er mit den Zwölfen das Passahlamm gegessen nach dem Brauch und den Lobgesang gesungen.

Als er mit den Jüngern auf die Gasse trat, stand die helle Scheibe des Vollmonds groß und rund über Moriah und legte ihren weißen Schimmer auf die Tempelgebäude. Wie für eine Ewigkeit aufeinander gequadert dehnten sich die dunklen Steinmassen mit ihren gewaltigen Säulengängen in düster-heiliger Pracht, mit massiven Mauerkränzen und dem mystischen Flechtwerk ihrer Ornamente.

Der Rabbi verweilte in den Anblick verloren. Und dann wandten sich seine Blicke über die palmenüberragten Häuser des Tyropoion-Thales hinüber zum Berge Zion, wo sich mit steilem Mauerwerk das Massiv der alten Königsburg und der Palast des Vierfürsten erhob. Dort bereitete sich jetzt sein Endgeschick. Dort würde es sich in wenigen Tagen entscheiden. Und da drüben weilte jetzt der Jünger, der ihn verraten hatte, und wartete mit den Knechten des Hohenpriesters.

Nach Gethsemane! Dort würde ihn Judas zu finden hoffen. Dort wollte er sich ihnen überliefern.

Ein versonnenes müdes Lächeln um die Lippen, wandte er sich endlich und wanderte, Judas Ischarioth im Herzen, durch die stillen, mondträumenden Gassen der Bezetha und wandte sich hinab, wo der Weg in das stille Thal seines geliebten Kidron führte.

Schweigend wandelt er vor den Elfen her, die ihm in Gruppen folgen, mit zagen Meinungen die bedeutsamen Vorfälle erwägend, die sich soeben beim Mahl abgespielt haben: Simon Petrus und Andreas sein Bruder, Jacobus und Johannes, des Zebedäus Söhne, alle Fischer vom See Genezareth, Philippus, Bartholomäus, Matthäus der Zöllner, Jacobus, Lebbäus, Thomas und Simon von Kana, der Zelot.

Gesenkten Hauptes schreitet Jesus vor ihnen her in seinem langen, glatten Gewand. Lässig und müde hängt die Linke mit dem Hut hernieder, und die hagre, feine Rechte streicht den dunklen Kinnbart. Ihm zur Seite schreitet scheu der Jünger, den er lieb hat. In stiller ratloser Teilnahme hängen seine Blicke an dem geliebten Meister, denn Jesus hat zu ihnen von seiner Gefangennahme und seinem nahebevorstehenden Tod gesprochen. Wenn das Passah vorüber ist, und die Volksmengen die Stadt geräumt haben, werden sie ihm das Gericht machen.

Das ist nicht mehr sein gewaltiger Rabbi aus Isais altem Königsstamm, der herrlich die Bergrede gehalten oben im galiläischen Land, als ihm die Völker zugeströmt waren aus Syrien, aus Galiläa und den zehn Städten, aus Juda und von jenseits des Jordan. — Eine tiefe Furche gräbt sich ihm in die breite braune Stirn, von der die Haare, die ihm neulich erst das Weib von Bethanien gesalbt, lang und schlicht auf die hageren Schultern fallen. Die tiefen Augen verfolgen starr und trübe verborgene Gedanken, die kein Ahnen streift, und zwei tiefe Falten graben sich von den Wangen herab.

„Herr, das widerfahre dir nur nicht!“

Leise, mit innerlichst verzagendem Herzen, hat es Johannes endlich über die Lippen gebracht, aber der Rabbi hat es nicht gehört. Einsam und verschlossen wandert er mit seinen geheimsten Gedanken, die je und je nur Er kannte, neben dem Jünger her. Nichts von der süßen Milde ist in diesem Gesicht, die ihnen sonst die Herzen warm machte zu dem geliebten Meister hin.

Nein, kein armer Trost reicht an dieses Geheimste des Meisters heran. Und Johannes verstummt vor diesem Rätselgesicht unenthüllbarer Einsamkeit. —

Um die Kalkhänge von Moriah herum, tief unter den hohen Tempelzinnen oben auf dem Hügel, von dem die Woge der weißen Dächer herabflutet, biegt der Meister zwischen den letzten Häusern hervor in den Fußpfad ein, der in weiter Biegung zum Ufer des Kidron hinabführt.

Totenstill weitet sich die ahnungsvoll dämmernde Mondnacht mit ihren wenigen großen Sternen. Nur fern von der Vorstadt her trägt die Nachtluft das Gekläff der Schakale herüber. Unten vor ihnen plätschern die hellgleißenden Wellen des Kidronbaches und murmeln und rauschen im eiligen Gefälle zwischen den Laubmassen der Olivenhaine hin, die sich drüben von den sanften Höhen des Ölbergs anmutig in das liebliche Thal hinabziehen. Palmengruppen ragen daraus hervor mit ihren hohen, schlanken, mondschimmernden Schäften und tauchen mit ihren breiten, hängenden Kronen hinein in die strahlende Klarheit der Höhen.

Nach kurzer Wanderung stehen sie vor dem Hof Gethsemane, des Meisters stillem Lieblingsort.

Vor dem Hain hemmt er seine Schritte und heißt die kleine Schar verweilen und seiner warten. Nur seinen lieben Brausekopf Petrus, den stilltreuherzigen Jacobus und den jungen Johannes wählt er sich, daß sie ihm folgen und tritt mit ihnen in die heilige Dämmerung des Haines. Bald aber läßt er auch sie zurück und ist ihnen im Dunkel seiner heimlichen Einsamkeiten verschwunden...

Allein!...

Mit wankenden Knieen bricht er zusammen. Und der Menschensohn hebt an zu trauern und zu klagen.

Und er sieht seinen schimpflichen Tod. Er sieht die Richtstätte, den kahlen öden Kalkhügel mit seiner Schädelform draußen vor der Stadt, wo die Verworfensten der Verworfenen ihren schmachvollen Tod sterben.

„Herr, ist es möglich, so laß’ diesen Kelch an mir vorübergehn!“

Lange liegt er im Gebet; aber kein Frieden will über ihn kommen. Erloschen ist die Fülle der Visionen, versiegt die Macht leidentrückender Ekstase, die ihn an das Herz des Vaters hebt. Ein müder, verzagter Mann windet sich hier in der Tiefe menschlicher Ohnmacht und vergeht im Vorgefühl einer schmachbeladenen Agonie.

Was bedeutet dies Bangen? Ist er nicht, Herr über Leben und Tod und ihr mächtiger Überwinder, gekommen, um zu sterben, daß aus seinem Tode unvergängliches Leben für die Jahrtausende sprieße? War er nicht gekommen, des väterlichen Geistes voll, daß die Urmacht des göttlichen Wortes sich über die Geschlechter der Jahrtausende spanne?

Judas...

Und wieder sieht er sich auf dem Füllen der lastbaren Eselin, und das Volk vor ihm her, Palmen breitend und Gewänder, und der freudige Jubelruf der Scharen umbraust ihn: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna dem Sohne Davids, einem König in Israel!“ Und wieder hört er den Messiasruf und die Sehnsucht seines geknechteten Volkes.

Judas...

Und wieder, wie vor Jahren, da er die vierzig Tage in der Felsenwüste durchfastete, will sich in ihm das heiße Thatenblut der alten Volkskönige regen, und der Gedanke an die Macht und die Herrlichkeit dieser Welt gleißt vor seiner Seele, und er denkt an die Verheißungen und Hindeutungen der Propheten. Wieder, wie einstmals in der Einöde, der heißen Ideeenamme der Erhabensten seines Volkes.

Judas...

Und er gedenkt der Zuversicht seines Jüngers zu ihm, dem Sproß der Könige. Und noch einmal erheben sich die beiden Seelen seiner Brust gegen einander im heißen Ringen. Er sieht, wie die Scharen kommen, aus Galiläa, von Syrien her und die am Gestade des Meeres wohnen, aus Samaria und über den Jordan herüber, drüben aus Peräa, seinem machtvollen Wort zu lauschen. Und wie Meereswogen sieht er die Völker erschauern unter der Gewalt seiner Rede. Und sein Königsblut braust auf und sein gewaltiges Messiasgehirn führt sein Volk zum Sieg.

Ha, Judas!...

Seine Augen leuchten auf in einer beginnenden Ekstase.

Macht! Königspriester seines einigen weltmächtigen Volkes! — Seines Volkes! — Nein, welches Volkes?! —

Versunken liegt er, mit aufgestemmten Fäusten und starrt in die mondschimmernden Halme und sieht in sich hinein und lauscht.

Armes, kleines Juda! — Zeit und Stunde kommt, da wird kein Stein auf dem andern bleiben von den stolzen Zinnen da oben. Rom! — Aber sein Auge weitet sich. Seine Brust wogt, Schweiß trieft von seiner Stirn und sein Mund ächzt unter der Fülle der Visionen. — Uralte Mysterien dämmern herauf in seinem mächtigen Gehirn und er sieht die Wiederkunft, Seine, des Einen, herab von der Rechten des ewigen Thrones in Macht und Herrlichkeit. Zeichen und Wunder vom Himmel und auf der Erde verkünden ihn, und die staunende, lauschende Stille der Völker. Und Kaisergott wird Er, der Heimliche, sein heimliches, einiges, erwähltes Volk um sich sammeln, das neue Volk der Völker, ein Sauerteig der Welt, ein Stamm von Freien und Königen, das offenbar gewordene Reich der Verheißungen, und Er sein neuer Adam...

Und doch!...

Noch diese Nacht!...

Und vor ihm gähnt schwarz und finster das uralte Rätsel, und die alten Zweifel und Anfechtungen kommen, die nie einer der Seinen geahnt, die heimlichen Dämonen seiner Brust.

Ward ihm nicht die Gewalt und das heimlich heilige Vermächtnis seines Blutes? Ist er nicht gekommen? Ist er nicht da mit seinem hohen Beruf? Sind die Zeiten nicht erfüllt, von denen die Propheten sagten? Sind die Völker nicht zu ihm gekommen?

Ist er den rechten Weg gegangen?

O Judas!...

O Herr, Herr! — Licht! —

Soll er sich seinen Henkern überantworten? Soll der Tod der Schmach und Erniedrigung sein Ende sein?

„O Herr, wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorübergehn!“

Still! —

Nein, noch nicht! —

Nur das Rauschen der Kronen in der hellen Stille. Da oben die eisige Pracht der Höhen. Und die weißen kalten Mondlichter.

Noch nicht! —

Andere Gedanken kommen und Anfechtungen. Und er gedenkt Marias, die sein Haupt gesalbt und seine Füße und sie getrocknet mit dem Haar ihres Hauptes, als er im Hause ihres Bruders Lazarus weilte, seines lieben Gastfreundes von Bethania. Er sieht sie zu seinen Füßen sitzen in ihrem lichten Gewand. Ihre dunklen Augen haften in selbstvergessener Bewunderung an seinem Gesicht, und hingegeben lauscht sie seinen Worten. Aber Martha, die häuslich geschäftige Schwester, schilt sie, die das bessere Teil erwählt.

Er gedenkt der Hochzeit zu Kana, wo er fröhlich war mit den Fröhlichen, und wo er so weise des Kelleramtes gewartet. Er sieht die Gäste wieder in ihrer trunkenen Weinseligkeit und hört ihre Hochzeitslieder.

Er wandert durch die lachenden Auen um den See Tiberias. Er sieht die Wogen ihres goldenen Segens und hört die Schnitter singen auf den Feldern und die Liebenden in den traubenschweren Weinbergen und den Olivengärten. Er sieht das Rosenwunder von Jericho. Er sieht die vertrauten Gestalten derer, die ihm teuer sind, sieht das Genügen stillen Lebens im sichren Gang geordneter Tage. — Und er erwägt die Unrast des Geistes, die ihn treibt, das rauhe Los derer, die der Vater erkoren.

„Die Vögel unter dem Himmel haben ihre Nester, und die Tiere des Feldes ihre Schlupflöcher, aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege!“

Gott ist die Liebe...

Ein Herr des Friedens und der Liebe wollte er sein. Aber erregt er nicht dennoch Gewalt wider Gewalt? Vor seiner Seele eröffnen sich die Leiden der Seinen. Er sieht ihre tausendfachen Martern und Peinigungen. Tausende und Abertausende werden ihr Blut verströmen um seines Wortes willen. Und sein Wort vom Frieden und von der Liebe des Vaters wird Gewalt werden weltlicher Macht und wird die Völker durcheinander wirbeln im Wirrsal endloser Kämpfe.

O Qual der Qualen! Nie erhellte Nacht wütender, rasender Zweifel! Tiefgeheimste dunkle Not und Notwendigkeit ewiger Unruhe! O tiefstes Geheimnis seines tiefsten Wissens! Ewig heulender Wahnsinn urewiger Weltenunrast!

O Herr! — Licht! — Wer jemals hätte Deinen Sinn erkannt, oder wer wäre Dein Ratgeber gewesen! — Nicht wie ich will, Dein Wille geschehe! —

Und sein Hirn taumelt hin vor dem Gedanken des Ewigen.

Und wieder erwacht er aus seiner Ohnmacht.

O Grauen blöder Einsamkeiten! Die Strahlen da oben: wie fressende Feuer rieseln diese starren Lichter über seinen Körper.

So schauerte Mose am Horeb vor dem Ewigen und Einzigen.

O Herr, wer könnte Dich ertragen?

Menschenaugen! —

Er erhebt sich und wankt aus der Einöde seiner Pein zu den Jüngern.

Sie liegen und schlafen.

Er muß ihre Worte hören, muß ihnen in die Augen sehn.

„Simon Petrus, schläfst du?!“

Und Petrus schlägt seine Augen auf und sieht den Rabbi. Schweiß trieft von seiner Stirn und feuchtet sein Haar.

Aber schon lächeln des Rabbi Augen wieder und bannen des Jüngers Mitleid.

„O wache, mein Petrus, und bete mit mir! — Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet, denn der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach!“

Aber er gewahrt die ratlose Verlegenheit des Jüngers. Nein, er kann ihnen nichts von diesen Anfechtungen sagen, die nur Er trägt. Und wieder hebt er sich von ihnen und tritt zurück in die Pein seines einsamen Ringens...

Die Stunde naht...

Und wieder sieht er die Tage seines Leidens im Geist. Entfesselt ist die Wut und der Haß seiner Feinde. Die Jünger sind entflohen. Niemand wird bei ihm sein. Einsam wird er seinen Feinden überantwortet sein, wird er leiden und sterben. Nur sein junger Liebling wird bei ihm sein und sie, die Schmerzensreiche ...

Und wieder ächzt er unter der heimlichen Not der Einen und Einsamen, der Träger des ewig einen Geheimnisses, ihres Himmels und ihrer Hölle. Sie die fleischgewordenen Offenbarungen der ewigen Unrast und ihre Bändiger. Die Stillen, Duldenden, Schauenden und sie, aus denen der Geist des Vaters hervorbricht wie aus Mose, da er sein Volk aus Egyptenland durch die Gefahren der Wüste führte in das Land der Verheißung.

Und er fühlt die Wundenmale seiner Hände und Füße, und siehe! ihre Schmerzen werden ein köstlicher Balsam sein, und sein Haupt wird sich neigen in erlösender Ohnmacht, und er und der Vater werden eins sein...

Da!

Schritte, Stimmen und der düster irrende Schein der Fackeln zwischen den grauen Stämmen.

Er erhebt sich und seine Augen werden weit und seine Brust wird still in einer tiefen, gelassenen, schweigenden Ergebenheit.

So tritt er ihnen entgegen und empfängt den Kuß seines dunklen Bruders und Erlösers...

3. Golgatha.

Man weiß: eine Woche nach dem Passah wurde der Rabbi mit den beiden Missethätern zur Richtstätte geführt.

Erlösungsfreudig hatte er sich nach den letzten Stunden seiner qualvollen Einsamkeit in Gethsemane seinen Feinden und Widersachern überantwortet. Wie von der Hand des Vaters geleitet, ging er seinem stillen Kampf entgegen, ein Riese unter allen Kämpfern, Legion er gegen Legion.

Nicht mehr brannte der Judaskuß in seiner Seele, nicht mehr fühlte er den Schmerz über die Flucht der Seinen.

Im Äther thronte er nun und im Einen, als der Speichel seiner Widersacher von seinen Wangen troff, als ihre Geißelhiebe seinen Leib zerfleischten. Und als man das Purpurgewand eines Spottkönigs um seine Schultern hing, die Dornenkrone auf sein Haupt drückte und das Spottscepter in seine Rechte, da stand er in seiner heimlichen Königswürde, ein Sieger, der nicht von dieser Welt ist.

Wie der Jubel der Heerscharen umbrauste ihn die Wut von Feinden: er aber ihr König, und sie alle sein, der Demut seiner Gelassenheit heimlich mit einem übertobten Staunen unterthan.

So stand er erhöht, die Sinne in die Stille des Einen gerichtet: er, der duldende Kaiser kommender Jahrtausende, der wiederkommen wird, ein Anderer und doch der Immergleiche, als der Eine und Heimliche, der an der großen Weltwende herausgeboren aus dem Einen, einen neuen Wandel beginnen wird.

Denn wenn es hell wird über die Völker hin und wenn eine Unruhe vor übermenschlichen Grenzen erlahmt, dann wird er erstehen...

Jetzt aber stand er über ihnen, mitten unter ihnen und lauschte, gleich und identisch, der unermeßlichen Sprache der Welt, der ewig stummen, er, der Stumme, gleich und identisch sie vernehmend, gleichsam; nur erst ahnend jene Endstille des Einen, von der umarmt, ihr wirklich gleich und identisch er sein neues zeugendes Weltenwort empfängt, jener Endstille, die alles ist und in der alles wogt und verebbt als in sich selbst...

Hinab von Zion durch die Gassen der Bezetha, gegen das nördliche Hochgelände von Golgatha.

Wie Adam wankte er, der neue Adam, traumhaft durch das Ungewiß-Gewisse seinem Schlummer entgegen, aus dem jenem die Gefährtin ward, auf daß beide, zwiefach eine Einheit, Schöpfer einer neuen großen Einheit ihnen gleichender Wesen seien, die sich über die Welt breitet, bis ihre Kraft sich stauen wird an einer neuen, ungeahnten, aus ihr gezeugten.

Aber auf zerfleischten, zuckenden Schultern trug jetzt der Mittler sein Kreuz zwischen den beiden Übelthätern.

Und da geschah es, daß er wieder die Hand des Vaters gewahrte.

Milde trübte sich der Schein seiner Augen, linde vergingen die Schmerzen seiner Wunden hinüber in eine unbegreifliche Wonne; ein Sausen wurde die Welt, und verdämmernd spürten seine Sinne das köstliche Erzittern seiner Glieder und die holden Schauer, die sie umdunkelten. Und er sank...

Aber sein Wille richtete ihn auf, denn er hatte Wehklage vernommen, und als er taumelnd stand, erhellte sich sein Auge für die Deutlichkeit, und er sah das Kriegsvolk, das ihn umgab, die hohen breitgegliederten Germanen, die kleinen bronzefarbenen und dunkeläugigen Syrer, und ein Landmann aus Cyrene trug sein Kreuz vor ihm her. Aber viel klagendes Volk drängte sich hinter ihnen, und er erhob seine Stimme und tröstete sie, insbesondere die Weiber, die weinend ihre Hände gegen ihn reckten.

Und weiter taumelte er mit seinen blutenden Füßen das harte Kalkgeröll des Gehänges hinauf, mit einem zuckenden Lächeln, inmitten der Menge ein Einsamer, auf den sich tausend Sinne richteten, gleichsam ein Wort und ein Gebot erheischend.

Weh zuckte ein Lächeln um seine blutenden Mundwinkel. Denn dann erst, wenn der Geist ausgehen wird, Sein Geist, und die Helle sich über den Völkern entfacht, zur Zeit der Vollendung, wird er sich ganz offenbaren, und er wird ein Bauer sein, der sein Feld bestellt, ein König auf seinem Thron, ein Bettler am Weg, und all und jeder wird der Eine sein und Er, der der Fröhliche war mit den Fröhlichen, der Trauernde mit den Trauernden, und er, der einsam litt...

Unbegreiflich sind die Wege, auf denen er wiederkommen wird, und die Wandlungen, aus denen Geist und Stoff neu Ihn zeugen und hervortreten lassen, heimlichen Kaiser eines heimlichen Volkes, Gewaltigen ewiger Kraft...

Als sie nun aber auf dem Berge waren, standen sie in Gluten, denn der Tag war schwül.

Kriegsvolk und Knechte richteten die Kreuze. Und des Rabbi Kreuz war erhöht über die beiden Schächer. Oben drauf aber stand geschrieben, ein Spott gegen die Juden, von des Landpflegers Hand in dreierlei Sprache: „Jesus von Nazareth, der Juden König!“

So war der Meister erhöht mit Spott, der einem Verwundern glich...

Darauf aber entkleideten sie ihn seines Purpurmantels und Gewandes und zogen ihn hinauf mitsamt den beiden Übelthätern, einen jeden an sein Kreuz; und sie schlugen ihm die Nägel durch Hände und Füße, so seinen nackten Leib am Kreuze befestigend.

Also hing er mit seinem blutigen, zerfleischten Leib, das Haupt gereckt in Qualen, ein Mensch von Menschen geboren, leidend und sterbend...

Als er aber ihr Geschrei vernahm, da erwachte in ihm der Grimm und der Zorn Zebaoths, der einst das Wort gesetzt: „Auge um Auge und Zahn um Zahn!“ Er aber sprach mit der Macht und der Kraft des Vaters gegen den Zorn des Vatergottes in sich zu Ihm Selbst und bat:

„Vater, vergieb Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“

Und die Gluten des Tages stiegen; das öde Kalkgestein brannte unter ihren Füßen; aber sie blieben, seinen Tod zu erwarten.

Rings in weißflimmernder Hitze weitete sich das Gelände, in weißblauen wellenden Dunst gehüllt die Hügel und Höhen und Thalsenkungen, die Felder in ihrer Reife, die Olivenwaldungen und Palmenhaine. Unten gegen den Fuß des Berges aber, weit im Bogen, die weißblendenden Dächerwogen Jerusalems von den beiden mächtigen Massivs Moriah und Zion hernieder, die bronzedunkel gegen den stahlblauen Himmel glühten in der heißen Macht der syrischen Sonne.

Schlaff lagen die mächtigen Leiber der germanischen Söldner zu des Rabbi Füßen und würfelten um den Purpur, den sie seinen Schultern entnommen...

Das Geschrei der Menge aber war verstummt. In Haufen stand und lagerte das Volk umher, und ihre dunklen Augen starrten in funkelnder Gier aus den braunen Gesichtern zu dem Meister hinauf, auf sein Sterben, und doch noch mit einem stillen bangenden Grauen das Wunder erhoffend, daß er herabsteigen werde zu seinem Volk, das in Thorheit harrte. Die aber vorn und zunächst dem Kreuze standen und die von der Sekte der Pharisäer und von den Schriftgelehrten waren, schmähten hinauf in seine Qual.

Weit ab zur Seite aber stand zagend das Häuflein derer, die er lieb hatte, in deren Mitte ihm die stillen Freuden von Samaria und Galiläa geblüht, als er an den fruchtbaren Gestaden des Sees Tiberias gewandelt und gelehrt: Maria und Maria Magdalena, die Weiber, Johannes auch, sein Liebling, Joseph von Arimathia, ein angesehener Mann, sein heimlicher Jünger, und andere mit ihnen.

Er aber hing einsam in der brütenden, flirrenden Öde, und seine lechzenden Sinne stöhnten aus ihm heraus:

„Mich dürstet!“

Und er ward getränkt...

Danach aber erhoben wieder einige ihre Stimmen gegen ihn. Wieder aber mochten ihnen Zweifel gekommen sein, ob er nicht dennoch der Messias sei, und sie riefen: „Bist du Gottes Sohn, so komm, steig herab“! — Und das Wort drang hinein in die Seele eines der Übelthäter und er schmähte den Meister. Der andere aber wies ihn zurecht in Reue und Glauben, und da er den Meister fragte, da gab der ihm aus der Fülle seiner Leiden das dunkle Trostwort:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Und im langen Bangen, in Gluten und Qualen verdorrend, riß er sein Haupt empor.

Und plötzlich geschah das Zeugnis des Vaters gegen seine Widersacher. Denn siehe, aus der Stille entstand ein Wirbel, und ein Wind hub an und zog eine Fahlheit über das Land, und eine Finsternis wurde, und das Licht der Sonne verhüllte sich über ihren Häuptern. Und der Donner des Vaters grollte über die Weiten und die flammenden Zeichen seines Zornes furchten sich durch die Nacht, und die Erde hub an zu beben. Und rings erhub sich Staunen und Wehklage, und viele flohen vom Berg hinab gegen die Stadt, zu derselben Stunde, als es geschah, daß der Vorhang des Tempels zerriß und die Gräber sich öffneten, und die Tiefe der Erde sich aufthat. Viele aber schlugen sich an die Brust, weinten über den Tod des Gerechten und glaubten. Die Söldner aber wichen von seinem Kreuz in Grauen.

Da eilten seine Lieben zu ihm, und er war mit ihnen allein... Und im Graus des Unwetters suchte er das Auge der Schmerzensreichen und gewahrte an seiner Seite den Jünger, den er liebte, seinen klugen jungen Johannes, und er that sie zusammen:

„Weib, siehe, das ist dein Sohn! — Siehe, das ist deine Mutter!“

Die Finsternis aber wuchs, und alles Volk mitsamt den Kriegsknechten stand und starrte auf seinen Leib, über den der Vater seine Lichter breitete.

Und wieder waren viele unter ihnen, die ihn erkannten, an ihre Brust schlugen und wehklagten.

Aber die Schauer des Vollenders traten an ihn heran mit dem fahlen Grausen ihrer Urweltgeheimnisse, und all seine Not brach aus ihm hervor in einem Schrei:

„Eli, eli, lama, asabthani!“

Und zweimal schrie er seinen letzten Gethsemanezweifel zum Vater.

Danach stammelte er sein Wort vom Ende, neigte sein Haupt und verschied...

Da es aber vollbracht war, lichtete sich die Sonne über ihren Häuptern, wie sie in Staunen standen und Grauen.

Am Holze seiner Schmach aber klirrten Waffen und Liebe, Glaube und Geist hingen an seinem Antlitz und waren bereit...

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