Beim Türmer.
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Es ist so wunderbar klares, sonnig-mildes Wetter, und das liebe Himmelsblau ist so frisch und ätherisch: man möchte ein Vogel sein! — Aber ich besinne mich, daß ich wenigstens wieder mal in die Stadt gehen und auf den Rathausturm hinaufsteigen kann, zu meinem alten Freund, dem Türmer. —
Der Rathausturm, der noch dazu erhöht liegt, ist reichlich so hoch wie der Stadtkirchturm. Er hat auch dieselbe mit schwarzem Schiefer gedeckte Zwiebelkuppel der alten Jesuitenkirchen, wie man sie von gleicher Art gegen die Alpen hin im Bayerischen Oberland überall finden kann. — Dicht unter der Kuppel hat Meister Schwalbe, der Türmer, seine Wohnung. Vier Fenster geben den Blick nach allen vier Himmelsrichtungen hinaus. Auf der einen Seite giebt es einen kleinen Balkon. — Man nimmt ein paar Flaschen Bier mit hinauf, wird sich mit Meister Schwalbe auf den Balkon setzen und was plaudern, indes man den wunderschönen Ausblick genießt, oder, wenn der Meister gerade Stühle zu flechten hat, nun! dann kann man sich auch solo hinaussetzen und sich an der Luft und der Aussicht freuen...
Ich finde Meister Schwalbe zu Hause. Er sitzt in seiner behaglichen Wohnstube und flechtet Stühle. An der Wand neben dem Kachelofen hängt das mächtige Tuthorn, mit dem er nach allen vier Himmelsrichtungen die Feuersbrünste signalisiert.
Köstlich! Das sonnige Zimmer mit seinem kleinbürgerlich sauberen Hausrat ist ein Idyll! —
Meister Schwalbe, der sein Sechzigstes hinter sich hat, sitzt neben dem großen Tisch, auf dessen grün auf schwarz geblümtem Wachstuchüberzug noch das Geschirr und die Überreste des Vesperkaffees stehen. Er hat seine Hauskappe auf und die Kurzpfeife in seinem graumelierten halb schalkhaften, halb gelassen-würdevollen Altschäfergesicht und pafft bedächtig vor sich hin. Im übrigen ist er in seinem Arbeitsornat und hat die blaue Leinenschürze über die blaugestrickte Wolljacke geknüpft. Um ihn herum kräuselt sich ein graugelbes Gewölle von Stuhlrohr und vor sich hat er einen Stuhlsitz, den er neu überflechtet. — Sein steifes Genick dabei! Diese behaglich langsamen aber zwecksicheren Bewegungen! Diese tiefe, ruhige Kehlbaßstimme, vom Paffen unterbrochen und hin und wieder ein wenig zischend und brodelnd, weil ihm seine Rauchthätigkeit den Speichel zusammenzieht ...
Kurz und gut: der prächtige brave alte Meister Schwalbe, Turmwächter, Stuhlflechter und untrüglicher Wetterprophet! —
Aber mit hinaus kommen wird er erst nachher, wenn er seinen Stuhl fertig hat. Ich mache mich auf den Balkon...
Da haben wir das ganze Nest, halb Stadt, halb Dorf...
Die Straßenzeilen mit dem Gewinkel ihrer Häuserchen. Die paar Menschen dazwischen. Schläfriges Geratter von ein paar Lastwagen. Der friedliche Lärm spielender Kinder, Hundegebell und Gänsegekreisch.
Der Marktplatz unter mir mit seinem Brunnen und seinem höckerigen grasdurchwachsenen Pflaster. Die alten Honoratiorenhäuser. — Liebe Zeit! wie ist das alles so klein, so still, so mollig, so unpathetisch! —
Das Gelände draußen mit seinen Feldern, Chausseen, Obstbaumwegen und glitzernden Gewässern; die Berge mit ihren Wäldern; das Schloß mit seinen Türmen und Umwallungen aus den dichten herbstlichen Laubmassen heraus. —
Vogelschaugedanken! —
Sie lenken sich heute mal auf die „Profession“, auf die liebe „Kunst“. — Die „paysage intime“ von Meister Sommerfeld, des Buchbinders, Hof, in den ich gerade so recht schön hineingucken kann, giebt ihnen ihre Richtung.
Natürlich so ein richtiger kleinstädtischer Hof mit dem Idyll seines ganzen romantisch-pittoresken Kleinkrams. — Die getünchten Wände des Wohnhauses und der Stallgebäude mit einem unendlich verzwickten Gewinkel, mit ihrem närrischen verwitterten Ziegeldachwerke, mit ihren blaugrauen Holzgallerien, mitgenommen von Wind, Luft, Sonne und Regen. Der Düngerhaufen, das bunte Hühnervolk, allerlei wunderliches Gerümpel, Gott! und so weiter.
Ja, wie so allmählich das Pathos stirbt und das al fresco und die „Höhenkunst“ heutzutage! — Wie alles intim wird, Farbe, Nüance, Seele, sich differenziert! — Wie die liebe Kunst immer heimischer wird, irdischer, wirklicher! — Und doch, wie bei allem selbst die Würde und Bedeutung des „Geringfügigen“ und „Häßlichen“ mehr und mehr empfunden wird, zu Tage tritt und die Ästhetik immer siegreicher revolutioniert! — Wie unsre Kunst aus sich selbst heraus immer asiatischer, östlicher, fertiger wird! — Ich denke an einige japanische Gesichtsmasken, die ich zu Hause habe, und an unsre heutige Vorliebe für dergleichen Kunstprodukte, und wie wir diese Weise von Kunstbethätigung immer mehr verstehen lernen. — Diese Kunst mit dem ganzen mystischen Zauber ihrer Realistik, ihres fertigen, alles erraffenden, alles erfühlenden Naturalismus, und wie seine, des verachteten, identische Wirkung immer eindringlicher wird, denn alle Entwicklung führt zur Identität. — Die lyrische Emphase eines jahrtausendelangen Kulturkampfes läßt nach, wie er sich nach den letzten Entwicklungsstürmen des Mittelalters immer mehr gefriedigt hat und seiner Früchte und Erfüllungen froh zu werden beginnt...
Ich sitze und spüre nur so, wie köstlich frisch die Luft geht, wie klar und blau der tiefe Himmel, und fühle den Pulsschlag des Lebens rings unter meiner Höhe und sehe die Seele dieses kleinen Nestes, die im Kleinen und Malerisch-Krausen doch so mystisch intim und mannigfach ist. — Denn was besagt Alltäglichkeit? Alles ist rätselhaft, alles das gleiche Problem und dies Problematische ist auch der Untergrund und die heimliche, schlichte, tiefe Seele moderner Kunstwirkungen...
Aber Philosophieren ist uns so über geworden. Es ist ja nun auch nachgerade seit Jahrhunderten und Jahrtausenden alles, aber auch geradezu alles zusammenphilosophiert worden. Es kommt einem alles so rund und so fertig vor. —
Mein lieber Lynkeus, Meister Schwalbe, setzt sich zu mir mit seiner Pfeife und seinem weisen gelassenen Gesicht, in dem so viel still-kluger Humor ist, und es ist über alles Philosophieren, wenn wir vom Wetter sprechen, oder von den lieben Nachbarn, oder was hier und dort so alles in der Welt passiert. — Lieber Gott ja: aller Weisheit Schluß und Anfang ist eben, daß die Leute sich verheiraten, Kinder kriegen, wirken und sterben von Urbeginn zu Urbeginn...