Die Hyacinthe.
Reading edition
In einem eigens dazu hergerichteten Glas habe ich eine Hyacinthenzwiebel.
Wie köstlich zu beobachten, wie sich hier die Natur gestaltet! So schlicht, so still, mit so kräftigem wohligen Behagen.
Zuerst ist es nur die Zwiebel. Aber wie viel Freude, sie zu betrachten, wie sie da vor mir auf dem Schreibtisch steht, zwischen allerlei Kleinkram und Erinnerungen, selbst eine liebe Erinnerung.
Das zartfrische Farbenspiel ihrer Schale: in allen feinen und feinsten Nüancen spielend zwischen Braun, Bläulich, Weiß, Violett und Lila. Oben ist ein hellgrünes gelbliches Spitzchen, mit der der innerlich schlummernde treibende Lebenskeim zu erwachen beginnt. Unten viele feine, lichtweiße Wurzelfaserchen, die sich munter in das Wasser hinabschlingen.
Die Lust, das unbändige Behagen in diesen Windungen! Das Spreizen dieser Formen!
Man muß unwillkürlich drüber lachen.
Ich höre ein Kind lallen und gurgeln, sehe es mit seinen Zehchen spielen, mit seinen dicken Händchen vor sich hingrappsen im süßen Dämmer seines ersten Seins.
Diese Lust, zu beobachten, Tag für Tag, wie es mehr und mehr erwacht und wird und wird, seitdem ich es aus der dunklen Schublade hier in sein Lebenselement gebracht.
Jetzt sind es schon ziemlich lange Blätter. Unten, wo die Kraft des ersten Keimes die Schale zur Seite gespellt hat, sind sie hell-gelblich-grün, nach oben ist das Grün bläulicher.
Es sind — eins, zwei, drei, vier, fünf Blätter.
In ihrer Mitte drängt sich die lichtgrüne Blütendolde keck und lichtbegierig herauf, zwängt zur Seite, dehnt sich in die Breite und Höhe mit ihren wasser- und saftstrotzenden Zellen. Und wenn ich genau, ganz genau hinsehe, dann merke ich, wie leise, leise ihre grünen Hüllenblättchen sich zu spreizen und zu lösen beginnen, wie es sich ungeduldig drunter regt und bunt und prächtig hinaus will ins freie, fröhliche Licht.
Ab und zu hemm’ ich das allzu üppige Wachstum der Blätter, und schneide ihre Spitzen ab, damit die Blüte an Kraft und Freiheit gewinne.
O, höchstens noch eine Woche: dann jubelt es mir in bunter junger Herrlichkeit entgegen und mein Zimmer ist des süßen Duftes voll...