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Stille Welten

Muskochen.

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Vielleicht zum heimlichen Verdruß der Frau Haberland konnt’ ich mich heute vormittag nicht sogleich von der Küchenthür fortbringen. Denn Madame Haberland hatte ihre liebe Not. — Vor ein paar Tagen haben wir nämlich hinten im Garten die Pflaumen gepflückt, und nun ist sie beim Muskochen. — Seit frühem Morgen schon ist dieser Duft nach frischgekochten Pflaumen durch das Haus gezogen und war auch zu mir die Treppe in die Höhe gekommen; und wie so etwas zu Unsereinem zu kommen pflegt: man hat als Stadtpflanze gleich seine Neugier auf so eine unbekannte weiblich-ländliche Bethätigung, daß man seelenvergnügt die Treppe hinunterspringt und mit dabei sein muß.

Und dann gab’s da so viel Vergnügliches.

Dieses Loch von Küche mit seinen rotgetünchten Wänden, mit seinen mannigfachen Geräten und seinem mit roten Ziegeln ausgelegten Fußboden!

Und nun Madame Haberland! —

Sie ist großartig! Geradezu großartig!...

Wirklich: wie so ein weiblicher Heros steht sie in dieser engen heißen Kajüte von Küche. Dicht vorm Herd. Und wie die von der Glut krebsroten Arme sich bewegen, wie ihre runden fetten Hände den Musrührer umklammern und mit ihm in dem mächtigen Kupferkessel umherrühren, aus dem der dicke weiße Brodem in den schwarzen Rauchfang hinaufsteigt! — Wie sie in Glut, Hitze und Dunst dasteht, stramm und rund, und ihr gesundes Mondgesicht wie eine Bauernrose glüht!...

Um sie herum aber in liebenswürdigster Krabbelei ihre sechs Bälger, wie sie sie selbst in sehr begreiflicher Rage tituliert, mit einem schwachen Versuch, sich ihrer Wißbegier, ob das Mus bald fertig ist, zu erwehren. Alle sechs wimmeln um sie herum und füllen das kleine Ding von Küche, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde fallen könnte. —- Alle sechs, denn selbst die älteren sind heute zu Haus, weil gerade die Herbstferien sind.

Der eine ist über die Nußschüssel her, denn in ein richtiges Pflaumenmus müssen auch Nüsse hinein, Nüsse mit grüner Schale; meinetwegen kann die grüne Schale auch fehlen, ich höre aber: die mit der Schale sind das eigentlich Richtige...

Minchen interessiert sich für das Faß, das mit den aufgeschnittenen und ausgekernten Pflaumen gefüllt ist. Die beiden älteren bethätigen neben ihr ein gleiches Interesse, obgleich von Madame Haberland mehrmals in sehr energischer Weise aufgefordert, ihr die beiden bereits laufbaren Brüderchen abzunehmen, die mit stieren Guckaugen und gereckten Hälschen wie die Kletten an ihren Schürzenzipfeln hängen. Aber Grete, dieses „große alte Kalb“ hat nur einmal so einen halben Versuch gemacht, als ob sie Fritzchen und Karlchen von Mamas Schürze lösen wollte. Denn sie brüllen so... Mäxchen, das noch nicht laufen kann, ist es inzwischen gelungen, bis zum schwappvollen Wassereimer zu rutschen, wo es ernsthaft und gründlich seinen kleinen stillen Beschäftigungen obliegt.

Madame Haberland seufzt nur noch ab und zu, in Bezug auf Fritzchen und Karlchen resignierend, und rührt nur mit aller Kraft in ihrem Kessel umher. Kaum daß sie, ohne im übrigen ihre Thätigkeit zu unterbrechen, so auf gut Glück, noch mal so etwas wie ein „Balg“ oder sonst ein autoritatives Kosewort mit etwas weinerlicher Stimme in den Tumult um sie her hineinwirft. —

Etwa zwei Minuten hab’ ich am Thürpfosten gelehnt und zugekuckt und bin von der guten Madame Haberland, allerdings mit einer Stimme, der nicht viel Neigung zu einer ausgedehnteren Unterhaltung anzumerken war, obenein noch belehrt worden, daß zu einem guten Pflaumenmus außer selbstverständlich den Pflaumen und den bereits erwähnten grünen Nüssen auch noch Zimmet, Citronenschale und „janzer Ingwer“ gehöre. Aber nun wend’ ich mich, ihre Stimmung respektierend, in den Flur zurück, nicht ohne daß es mir vorher noch gelungen wäre, das beträchtlich angefeuchtete Mäxchen in aller Stille von dem Eimer wegzubringen. Es hatte sich an ihm emporgerichtet, und drohte soeben vornüber die Balance zu verlieren...

Wie ich im Flur bin und im Begriff stehe, auf den kleinen Hof hinauszutreten, wo es trotz des sonnigen Herbsttages „etwas kühler“ ist, fällt mir so ein, wie ich vor ein paar Jahren an einem schönen Spätsommerabend die gute Madame Haberland einmal aus der Stadt hier heraus begleitete. Wir waren eben über die Schloßgrabenbrücke aus dem dunklen Thorgang in die Bergfreiheit herausgetreten, da stand der Sommermond groß und voll zwischen den beiden uralten Schloßtürmen und alles lag weithin in seinem Glanz. Madame Haberland, die wohl etwas verschnaufen wollte, blieb stehen; und da sagte sie, ihr rundes Gesicht freundlich zu dem schwesterlichen Gebilde hinaufgewandt: „Luna lacht...“

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