Die Dose.
Reading edition
Es ist in der Abenddämmerung. Der rote Sonnenuntergang bringt nur noch ein letztes rosa Licht ins Zimmer, das schon dunkelt. Eben noch so eine Ahnung von einem matten, matten rosa Licht. Mein Sofatisch, der vor dem breiten Pfeiler mitten zwischen den beiden kleinen Fenstern steht, bekommt kaum einen Schimmer ab. Es liegt nur noch so in den Gardinen.
Ich stehe in der einen Fensterecke und habe die Dose im Auge, die auf dem Tisch zwischen dem Schreibgerät steht. Es ist eine gelblackierte Holzdose, ein kleines norwegisches Bauernkunstwerk, eine Schnitzerei, die ich mir „aus der Kultur“ mit hierhergebracht habe in meine verspätete Sommerfrische.
Ja, was nur eigentlich? — Ah ja! — Was mich mit einem Mal so an dem Ding fesselt! —
Nun, die Kunst! Die Kunst! — Die Kunstempfindung! Der Kunstgenuß! —
Es ist sicher schön, wenn man „Kenner“ ist, wenn man das alles auf Regeln bringen, wenn man sich Rechenschaft geben kann, so und so kommts zu stande, auf dem und dem beruht die Wirkung, und wenn das so und so zu stande kommt, ist das und das richtig und das und das verfehlt; und das wird erst der eigentliche und wahre Kunstgenuß genannt...
Aber wie fern mir das jetzt ist! — Und ich weiß, was das Beste an der Kunst ist. Und das ist diese plötzliche Wirkung eines Kunstwerks, der allererste unsagbare Eindruck, dieser ganz undefinierbare Eindruck, der Kenner und Laien zwingt und bannt, und den kein Kalkül, keine Kritik, keine Theorie ermessen kann. Lebendig empfundenes und gebanntes Leben, das wieder Leben weckt und belebt, tröstet, hebt und so wundersam ins Weite führt. Das, wo nichts mehr zu sagen ist, als das letzte was gesagt werden kann und was unantastbare Mystik ist: erhebende reine Lustempfindung. — Lustempfindung...
Das ist es: wie diese Arabesken so wundersame Linien in mein Gehirn, in mein Empfinden ziehen, daß sie wieder in mir werden, was sie in jenem Bauern waren. Und das ist das Beste an der Kunst und das Notwendige. Und das ist die Dimension, für die wir ein anderes heimliches Sinnensystem haben, einen verborgenen Sinn, der das letzte ist, an das kein Verstand, kein Wort, keine Analyse und keine Theorie heranreicht, das ewige Aktivum und das letzte wahre Sein.
Haftend an diesen Linien da vor mir, lebe ich im Einzigen und sehe es mit übersinnlichen Augen.
Und ich sehe einen Pfahlbauern, der Kreise, Schlangenlinien und Zacken auf ein Thongefäß malt und stehe vor dem Mysterium erster Kunstbethätigung.
Ja, und stehe so da in diesem rosa Abendlicht und sehe die Dose und bin — Harmonie...