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Stille Welten

Herbstblumen.

Reading edition

Die letzten schönen Herbsttage sind im Land. Wie bin ich beglückt, sie in dieser schönen Weltabgeschiedenheit verbringen zu dürfen! —

So gegen Mittag hin, wenn die Sonne fast im Zenith steht, nehm’ ich ein Buch unter den Arm, schreite zwischen dem behaglich gackernden Hühnervolk hin über den kleinen Hof und steige die sechs rissigen Kalksteinstufen neben der Scheune in die Höhe, die zu der kleinen Holzgatterthür hinaufführen, durch die ich in den Hausgarten gelange.

Etwa ein Morgen Land hinter der Scheune. Zur Hälfte Gras- und Obstgarten, zur anderen Hälfte Gemüse- und Blumengarten. Eine dichte Rotdornhecke grenzt den Garten gegen das freie Hügelland ab hinter dem Haus. Die graugelbe Lehmwand der Scheune ist fast gänzlich von Weinlaub überwuchert. Die Fülle der gelblich-grünen und blauen Weintrauben lugt daraus hervor.

Mit einer milden Helle schimmert das Licht auf dem Gras, auf dem gelbenden Laub, auf dem letzten Blumenflor des Jahres. Eine köstlich linde Wärme. Und kein Lüftchen regt sich. Man hört nur die Laute des Geflügels vorn vom Hof her, oder den dumpfen Fall eines Apfels, einer Birne, einer Pflaume in das Gras. Oder das Rucken, Gurren und Flügelklatschen der Tauben auf dem Scheunendach.

Mein Lieblingsplatz ist die Pfeifenkrautlaube hinten im Gemüsegarten, denn da kann sich mein Auge so recht an den vielen Blumen erfreuen. Grüngestrichene Lattenbänke stehen um einen Baumstumpf herum, auf dem ein ausrangierter Mühlstein befestigt ist. Das ist der Tisch. Durch das dichte Gewirr der breiten Blätter dringen die feinen Sonnenstrahlen.

Man läßt sich nieder und in den vielen Pausen zwischen seiner Lektüre blickt man vor sich hin in den Garten...

Da ist zuerst, wie ein hoher Zaun gegen den Obstgarten hin, die lange Reihe der Sonnenblumen. Ihre mächtigen Blütenscheiben mit dem braunen Rund ihrer Körner, um das die gelben Blütenblätter flammen, hängen schwer an den dicken Stengeln nieder. — Dieses prächtige Gelb leuchten zu sehen!... Drunter, über ein Beet hin kriechen die Kürbisranken mit dem Blaugrün ihrer großen Blätter, zwischen denen die hellgoldgelben Blütenglocken hervorschimmern. Dann ruht der Blick auf den Gemüsebeeten mit ihren Kohlstauden. Die eigentliche Pracht des Gartens aber entfaltet sich auf den Rabatten, die sich an den Buchsbaumeinfassungen der Kieswege hinziehen.

Hier glüht die dunkle Herrlichkeit der braunroten Georginen, der Rosen der Jahreszeit. Hier blinken die weißen und gelben: alle mit diesen zierlichen Trichtern ihrer Blütenblätter. Minutenlang können sie einen bannen, daß man schier weiter nichts denkt, nichts fühlt, als diesen wunderbaren Farbeneindruck. Die letzten Falter taumeln drüber hin. Auch ein prächtiger Schwalbenschwanz hat sich von den grünen Kalkhügeln über die Hecke hier herüber verloren.

Und dann ragen da die hellvioletten Nachtviolen, und mit seidigem Glanz dämmern die dunklen Stäudchen der Heliotropen. Und die vielen Sterne der blauen, weißen, violetten und roten Astern; Geranien, weiße Kamillen, gelbe Studentenblumen, Strohblumen und die letzten Nelken. Sie duften nicht mehr: aber der ganze Gartenwinkel ist bunt wie ein Tuschkasten, und die liebe Sonne hat eine herzhafte Lust, all diese vielen Farben so recht licht und fröhlich leuchten zu lassen.

Es überkommt einen so eine freundliche Müdigkeit. Diese linde, lächelnde Herbstmüdigkeit, mit der all das Sommerleben ringsum in den nahenden Winter hinüberschlummert, teilt sich einem mit. Und dies Gefühl wertet so eigen heimisch und weise mit still erdämmernden Gedanken das Leben. Das hoffende Erwachen des Frühlings, wo das junge Leben mit strotzenden Zellen so dumm-fröhlich sich dem nahenden Lichte zudehnt und sich vor Neugier und Ungeduld in seiner ersten täppischen Frische nicht zu lassen weiß. Und dann steht das uralte, zeugende, nährende, reifende Rund auf der Mittagshöhe des Jahres und die Zeit der Erfüllung ist da. — Sommerglück! — Heißes, jubelndes Sommersonnenglück! — Blüht, prangt, jauchzt in hundert und aberhundert heißen Farben! Duftet und jubelt! Und tausendfältig üppige Reife! — Aber Licht, zu viel Licht, zu viel heißes Glück und Überschwang des Lebens; an den grellen Tagen, in den warmen sternfunkelnden Nächten. Und in all dem Jubel stöhnt leise der Schmerz allzudrückender Fülle und grollt und brüllt sein süßes Leid aus in dunklen Gewitterstürmen.

O, diese köstliche lächelnde Müdigkeit nun, die an Schlummer denkt und Ruhe; diese Betäubung in Erinnerungen all des treibenden, heißen, glühenden Lebens, dessen letzte Farben blinken in diesem freundlich-heitern, mild-müden Glanz! —

Eine dieser dunklen Georginen liegt vor mir auf dem grauen Stein mitten zwischen bernsteingelbem Weinlaub.

Sie nimmt sich aus wie ein dunkelrubinrotes Kristallgebilde. Auf dem Grund ihrer Blütentrichter vertieft sich die etwas hellere Farbe ihrer Ränder und Spitzen ins schwärzlich-dunkelrote, blauviolette hinein. — Wie die Farbe eines mystisch-dunklen Auges, das einen so eigentümlich bannt mit einer Stille, von der man mit irgend einem heimlichen inneren Sinne weiß und ahnt, daß sie die unendliche Rastlosigkeit unmeßbarer Vibrationen bedeutet... Gebändigte Leidenschaft, gezähmte, selbstbewahrte, konzentrierte, kluge Freude. Aller Freude, aller Weisheit und alles Wissens von tiefstem Leid und hellster Lust trächtig und ihrer Einheit ein Symbol...

Ich erinnere mich plötzlich an ein Grabmal oben auf unserm Friedhof. Ein hochschlanker Stein in der Form eines oben abgeplatteten Obelisken, von dem in steifen feierlichen Falten ein goldumfranztes Gewand herniederhängt. An der einen Seite ist die Schlange herausgemeisselt, die kreisrunde Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich ahne mehr, als daß ich’s weiß und mir erklären kann, wie ich gerade zu dieser Erinnerung komme. — Und ich beginne mit diesem dunkel verstehenden Ohr auf all die unsagbaren Gewißheiten zu lauschen, von denen dieses Ahnen spricht und deren es trächtig ist, dieses Ahnen, das nicht mit abgemessenen Worten spricht und geformten Gedanken; dieses Ahnen, ein unerschöpflicher Urborn all der verkündeten geoffenbarten, in Worte gefaßten Weisheiten von Urbeginn...

Die dunkle Georgine...

Die Heliotropen...

Mit den tiefsatten Farben ihrer krausrunden Blätter und ihren feinen Dolden, zwischen denen hier und da ein helleres Weißblau hervorblickt, wenden sie sich der Sonne zu. — Ich habe mir zuhause ein solches Stäudchen auf ein Stück schwarzen Sammetes sticken lassen und mir diese Stickerei über den Schreibtisch gehängt.

Die hohen Sonnenrosen wenden sich lauter und greller zum Licht, indessen diese violetten Dolden in ihrer bescheidenen Verborgenheit still eine süße Sehnsucht hauchen.

Eine Sehnsucht, für die bald die feuchten Herbststürme brausen werden...

Eine Sehnsucht, die bald ihren Frieden finden wird unter dem blanken Winterschnee...

Die Heliotropen...

Aber diese unverwüstlichen Geranien!...

Leuchten das ganze Jahr mit diesen grellfröhlichen Bauernfarben.

Letzt vergangenen Sonntag haben wir Erntefest gefeiert. Im Gasthaussaal gab’s natürlich Tanzvergnügen. Diese Bauerndirnen alle und Ackerbürgermädchen in ihren grellen, hellfarbigen Kleidern. Klatschrosenrot und cyanenblau... Und oben auf der engen Gallerie siedelten, flöteten und trompeteten die Musikanten, unten aber rauschte und jauchzte die junge Lust und stampfte, drehte sich, schleifte und wirbelte und wurde nicht müde.

Die Geranien...

Und die Astern! — Die Herbststerne! —

Sie beginnen schon welk zu werden, und die weißen bekommen hellgelb-braune Spitzen an ihren vielen schmalen Blütenstrahlen.

Die kühlen Nächte mit ihren bleichen Sternen und huschenden Mondlichtern, wenn der Wind über die Hügel und die fahlen Stoppelfelder kommt, um das Haus weht und im Rauchfang singt! —

Das erste Frösteln dieser Nächte und Abende, wenn die ersten Bratäpfel in die Gespräche bei der Lampe zischen und mit ihrem Duft das warme Zimmer erfüllen.

Das Gekrissel der Astern mit ihren welkenden Farben in diesem müden, linden Sonnenlicht! —

Weißgraue Wolken treiben sich da drüben am Himmel umher, schleichen und schieben sich dicht über den fernen Rand der kahlen Felder hin, von denen der scharfe Rauch der ersten Kartoffelfeuer herüberweht. Bald werden sie sich zusammenschieben und ihr trübes gleichmäßiges Grau über den ganzen Himmel ziehen, aus dem der unaufhörliche Regen den ganzen Tag über herniedernäßt, wenn der letzte Apfel, die letzte Birne vorn in der Obstkammer liegt. Dann erlöschen diese letzten freundlichen Farben in ein schmutziges Braun der Verwesung in der feuchten Einsamkeit hier draußen! Und bald glitzern die feinen Sternchen des ersten Reifes.

Die Astern...

Die Nachtviolen...

Leise schwanken ihre lichtvioletten Dolden und taumeln in diesem sanften Lichtrausch auf ihren schwanken Stengeln, an denen sich Blatt an Blatt fiedert.

Es ist Abend. Einer dieser schönen, hellen Mondabende, die wir jetzt haben, und in denen sich’s immer noch hier draußen aushalten läßt.

Alles ist still. Über den Obstbäumen steht die Scheibe des zunehmenden Mondes, der nun bald voll sein wird. Alle Farben sind in seinem bleichen Lichte erblaßt. Nur das Schwarzbraun des Scheunendaches und das Schwarzgrün der Bäume mit dem blassen stillen Lichtschimmer, der in Flächen draufliegt, sich kraus über das Laub breitet.

Die Hunde kläffen, das Käuzchen ruft und der Nachtwächter tutet in sein Horn.

Die schlanken Stengel ragen ganz still, und auf ihnen geistern die Dolden und glimmen in einer blassen nebligen Farbe. In der tiefen Ruhe lauschen die alten Sagen und Kunkelmärchen mit blassen, irren Augen unterm Mond. — Dann kreist die Geisterlaterne zwischen dem Bergland um den Galgenhügel, und die Nachtluft geht wie mit Stimmen.

Die Nachtviolen.

Die gelben Studentennelken...

Richtig! Daß ich’s heut abend bei Leibe nicht versäume in den „goldenen Stern“ zu gehen! — Des Herrn Bürgermeister dicker Haussohn ist da, der im siebenten Semester utriusque juris beflissen ist und nächstens seinen Referendar „deichseln“ wird. — Ich werde mit an dem runden Stammtisch sitzen, im Kreis der Herren Honoratioren und mit dem Herrn cand. jur. „übers Kreuz“ und „aufs Speziellste sine Löffelung“ trinken und mir von ihm ein bißchen was vorrenommieren lassen.

Ich sehe schon seine kleinen, etwas stumpfsinnigen, wasserblauen Äugelchen, die in den runden Hängebacken verschwinden wollen, auf denen die drei prächtigen „Durchzieher“ wie drei Röslein glühen. Und höchstwahrscheinlich werde ich schändlicher Weise mit ihm und seinem Papa einen soliden Dauerskat „kloppen“...

Das sind hier so meine kleinen kleinstädtischen Herbstabendfreuden mit der stillen Behäbigkeit ihres Philistertums. Man raucht seine Cigarre und trinkt sich nach dem kostbaren Nichtsthun des lieben langen Tages dieser letzten Herbstsommerfrische „die nötige Bettschwere an“... Nun! —

Die gelben Studentenblumen...

Eins, zwei, drei... Eins, zwei, drei...

In der Scheune wird der Roggen ausgedroschen. Gegen den Hof hin sind die beiden Thorflügel weit geöffnet. Im staubwimmelnden Halblicht stehen in Hemdärmeln die drei Drescher und schwingen im Takt ihre Flegel. Auf den Speichern aber hantieren ihre Weiber, grellbunte Staubtücher um die Haare geknüpft, und werfen ihnen die frischen Garben zu. Draußen vor dem Thor giebt’s ein emsiges Durcheinander von Hühnern, Enten, Tauben und Spatzen.

Am schönsten aber wird das alles erst, wenn der erste Schnee gefallen ist. Winter! —

Der schönste Cherub kommt. Mit weitweißen Weichen Schwingen Schimmert er durchs Dunkel; Kalt, starr und grausig Und — süß wie der Wille Gottes, Heimatliederumraunt ...

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