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Stille Welten

Logos.

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Es war bei der alten Lehmmauer, die sich lang am Gipfel des Klosterberges hinzieht, in dessen Tiefe, ganz in der Nähe der Schloßumwallung, sich der herrliche Klostergarten breitet. Da traf ich mit dem „dummen Joseph“ zusammen. — Der „dumme Joseph,“ das alte Inventar der Stadt, der Ortsidiot. Eine gute harmlose Seele; nur daß er sich ab und zu seinen Rausch antrinkt. Er haust in einem Winkel des städtischen Armenhauses und verdient sich seine paar Pfennige zum Schnaps durch allerlei Gelegenheitsarbeiten.

Mit seinem chokoladenbraun verwitterten Gesicht, in der olivigen Jacke, in Lederhosen und barfuß, eine alte dicke Wintermütze auf dem Kopf, unter der ihm der Schweiß an den vorlugenden graumelierten Haarspitzen in dicken Tropfen herniederrann, kam er mir entgegen und schob auf einem Schubkarren einen gewaltigen Petroleumballon vor sich her. Augenscheinlich war er, ob infolge eines kleinen Spitzes oder weil die Bälge ausnahmsweise mal nicht hinter ihm her waren, außerordentlich aufgeräumt. Denn schon von weitem hatte ich ihn brüllen hören und war bald zu der Annahme gekommen, daß das Gesang bedeuten sollte: nur war es mir noch nicht möglich gewesen, irgend so etwas wie einen Text wegzubekommen. Als ich indessen bei der Lehmmauer mit ihm zusammentraf, da hörte ich, wie er nach einer fürchterlichen Gassenhauermelodie immer ein und dieselben vier Worte sang. Und wie wir schon, er nach der Stadt, ich nach der Schloßgrabenbrücke zu, ein ganzes Stück auseinander waren, hörte ich immer noch die vier Worte:

„Mein Ziel ist Gott! — Mein Ziel ist Gott! — Mein Ziel ist Gott!“

Was?! — Der See?! —

Wie in aller Welt war ich gerade hierher geraten?! — Richtig! Jetzt saß ich in Nachbar Schraube seinem großen Fischerkahn, ganz vorn an der Spitze. Sie ragte gerade aus dem Schilf heraus in das kräuselnde Smaragdgrün des Wassers hinein, in all die zahllosen, weit hüpfenden goldenen Sonnenflämmchen... Und spüre, wie’s mich schaukelt... Der Kahn? Ein Wort? Vier Worte?... Genau die vier Worte des „dummen Joseph“. Aber eigentlich: Worte? Nein! Ich weiß selbst nicht...

Ach, nur immer dies Wiegen und die fern verschleierte Weite des feinen Wellenspiels... Immer dies sanfte, monoton einlullende Plätschern an den feuchten Wänden des Kahns... Das Wispern im Schilf... Und so ein Staunen... So halb Grauen, halb Lust...

Horch!

O, dies leise Schwirren der Luft über die kräuselnde Fläche hin! — — —

Warum spricht es nur immer in mir so leise und heimlich: „Wort“? „Wort“?...

Ich liege mit dem Kopf über Bord und alles geht mir so wohlig durcheinander.

Wort?

Aber nein! Nun ist es mit einem Mal eine Vorstellung, eine Erinnerung.

In der Einsamkeit steh’ ich am Strand. Bis dicht zu meinen Füßen treibt eine Boe meterhohe Wellen aus der dunklen stahlblauen Ferne mit mächtigen Schaumkämmen schräg gegen den Strand, und ich höre das unaufhörliche donnerartige Bersten der aufgestauten Gewässer auf dem harten Ufersand. Ich höre das Pfeifen, Zausen und Winseln des Windes, der dunkelgeballtes Gewölk jagt und in dem starren Dünenhafer zischt. Ich spüre diesen eigentümlichen Thrangeruch und höre das schrille Jauchzen der Möven: immer „tjäh!“ — „tjäh!“ — „tjäh!“, das so sehr an den Grundtyp der Anwohnersprache erinnert. Aber alles verschlingt und übertäubt dieses eine ungeheure Rollen, Donnern, Brüllen der berstenden Wassermassen.

Das Wort!... Wort!... Logos!...

Wort. — Urlaut. — Bewegung... Anorganisch und Organisch... Entwicklung... Einheit...

Still! —

O, wie köstlich! — Ich höre die feinen, leisen Laute, hervorgebracht von den Wassermolekülen, die durch den frischen Luftstrom in Bewegung gesetzt sind. Ich höre, mein Ohr neigend, das unendlich feine Zischen und Gären der befeuchteten Ufererde, wenn sich der kräuselnde Wellendrang zurückzieht; höre es raunen, wie ein Geheimnis... Und weiter hört meine folgernde Vernunft mit geheimen Ohren die leisen Geräusche der sich einenden und lösenden Elemente, hör’ ich die sich entbindenden Massen der Elektrizität, brüllende Sturmlaute über die Länder hin, Regengeriesel und Donnern der Lawinen und die vielen Laute und Stimmen der Tiere und das Wort, das menschliche Wort, die Sprache in ihren tausend Verfeinerungen. — Und alles ist ganz gleich und einerlei und dasselbe: Bewegung, Laut, Wort, Sinn. Alles gleich und alles dasselbe eine Wandeln... Alles gleich!...

O, nur die Wellen, die weitschimmernde Fläche und die tanzenden Flämmchen, und die Wellen, die plätschernden raunenden Wellen...

„Herr Dokter!“

Ich fahre herum.

Meister Schraube! In persona! — Mit seinem gutmütigen braunen Gesicht, mit dem Pfeifenstummel und der „Maurerfreese“.

Ach, nun weiß ich: wir wollten ja alle beide ’nausfahren und Reusen legen!

Meister Schraube bedauert, daß er sich verspätet hat.

„Jedenfalls, ich bin hier beinah’ umgekommen vor Langeweile!“

Die Kette klirrt vom Pflock. — Ruder eingesetzt! — Los!...

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