Der Wanderer.
Reading edition
Es wehte mich heute einmal so an, aus der „Kultur“!
Du lieber Gott, es ist mir ganz plümerant geworden! Ich will das nur alles einmal aus mir heraus wirbeln, und es soll ein Adieu sein für lange Zeit, so Gott will! —
Panamaskandal, soziale Frage, der große Kladderadatsch, ethische Kultur, Humanitätsdusel, gereinigtes Christentum, Neubauten, Stiftungen, Volksküchen, Staatsstreiche, Kapital und Arbeit, Antisemitismus, Bombenattentate, Dörings Seife mit der Eule, Wasmuths Hühneraugenringe in der Uhr, Militarismus, die Ismen und Asmen, die Aner und Janer, die Isten und Asten! O heiliges Tremtrem! —
Horr! — Mein Schädel! Mein Schädel! —
Die Vielzuvielen! Die Vielzuvielen!
Erbarmen!
Will sich nicht etwas Neues durch mein Gehirn furchen und einen dicken, dicken Strich durch all den Quark machen?!
Die Vielzuvielen!
O Nietzsche! O Martyrium! — Wie werd’ ich sie los?!
Sieh, eine Hydra mit tausend Köpfen! Der alte Drache, der seine wirre Weisheit in die Welt heult!
Wo ist der Herkules, wo der Siegfried, der ihm das Maul stopft?! —
O, er ist da! Er ist da! — Die Not ist am größten!
Ich will mir das Trostlied vorsingen von Ihm, dem Einen, dem alten herrlichen Drachentöter, dem Dummen, dem Riesen, dem Herrn über die Vielen und Vielzuvielen, dem jungen Alten, dem Wanderer, dem zweiseitigen Einzigen und Einen!
O Herr, Herr! Ein Trost- und Schlummerlied meinem armen Schädel!
Er ist der Eine, Adam, der alte köstliche Junge, der nie fertig wird, der Endlose, ewig Wiedergeborene, der Vater der Vielheit, der aus der Vielheit als der Eine wieder geboren hervortaucht, still, heimlich, schlicht, unbekannt und die Vielheit überwältigt durch und in sich! Der ewig Hungrige, der sie in sich hineinschlingt, um sie ewig neu zu zeugen und Sich!
Komm, Du friedlicher Mörder und Totengräber Deiner Selbst! Komm, Du streitbarer Riese, Herr und Friedefürst! Komm, Du hündischer Sklave Deiner Selbst! — Du herrlicher Herr, der blöden Menge ein Spott, den wenigen Deinen eine verzweifelte Sehnsucht! —
Zuweilen hab’ ich eine Vision von ihm.
Ich sehe ihn über den Markt gehen. — Er ist hager, unscheinbar und schmächtig, mit dunklen tiefen Augen, wie sie der Rabbi von Nazareth gehabt haben mag. Aber entschieden hat er etwas von dem dummen Jungen aus Meißen. Das heißt: jetzt sieht er aus wie der ausgefeimteste Jesuit! — Nein! — Doch! — N...
Das ist Er, Zarathustra, der dunkle Herr, der Helldunkle!
Er ist behend, geschmeidig; ein Spott den Fetten und Neunmalklugen und doch zehnmal schlauer als ihrer der Schläueste.
Mit nach innen gewandten Sinnen taumelt er, ein Innerer und doch ein Äußerer, durch die Zeit, trunken von den Geheimnissen der Welt, und träumt sie vor sich hin, und sein Träumen ist der alte Gigantenkampf mit der Sphinx! —
Ich sehe ihn, den Taumler.
Er hascht nach einer Stimme; einer goldenen, grausigen, süßen Stimme.
Wo ist ihr Körper?!
Sie kichert, brüllt, singt, sänftigt und wühlt auf, peitscht und peinigt, streichelt, kost, heult, klagt, flötet die alten, alten, uralten Geheimnisse.
Irgendwo! Irgendwo!
Überall! Nirgends!
Ich sehe ihn, den Taumler, den Sucher.
In seinen Augen gleißt der Wahnsinn seiner Sehnsucht nach Ihr, nach Ihr.
Das ist Er, der Böse, Gute, Heimliche, Deutliche, und das ist das ganze Geheimnis seiner Heimlichkeit.
Der Vielgeschmähte, Verlachte, Mystische.
Er!! —
Hahahahaha!! —
Das ist das Lied und das meine Glosse: Helf er sich selbst, ihm ist nicht zu helfen!
Und eine andere, dunklere: Arzt, hilf Dir selber! —
O, ich habe die Schmähsucht. Du Harlekin fin de siècle! Du Ritter von der traurigen Gestalt! Mondpierrot, Phantast, Spielzeug einer Rotte von dummen Jungen! Vogelscheuche, Uralter, junger Greis an Körper und Weisheit! Ehrloser Hund! Tier! —
So seh’ ich ihn mitten über den Markt gehen. Die Spatzen pfeifen ihn aus, und die Jungens schmeißen ihn mit Dreck.
Er greint und sie johlen oder gaffen stumm sein dummes Rätselgesicht an.
Das ist das dunkle, verrückte Lied vom Wandrer an der Wende.
Ich verlange nicht, daß einer draus gescheit wird! —