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Stille Welten

Der Marterturm.

Reading edition

Es ist Spätnachmittag. Ich stehe vor der Hausthür und lasse mich von der Sonne und der frischen Bergluft, die über die Höhenwiese herweht, zu einem Spaziergang einladen.

Unwillkürlich lenke ich meine Schritte zum Schlosse hin.

Bald habe ich in nur noch kurzer Entfernung das graue, weitgedehnte Mauerwerk mit seinen Bastionen und Basteien vor mir, mit dem altertümlichen Gebäude des Kreisgerichtes, den Domänen-Gebäuden, dem Kirchturm der Schloßkirche und vor allem dem Wachtturm und dem Marterturm, grau, tot, beide hergeisternd seit Urzeiten in alles buntfröhliche Leben hinein.

Mir fällt ein, daß ich doch eigentlich noch nie den Marterturm betreten habe, der so „außerordentlich interessant“ sein soll. Und nun wandelt mich plötzlich ein Verlangen an, sein Inneres einmal in Augenschein zu nehmen.

Ich will bei dieser Gelegenheit gleich meinem Freund, dem Herrn Aktuar Nerrlich, so eine Art vorläufige Antrittsvisite machen. Bestimmt werde ich ihn oben im Archiv des Kreisgerichts finden, und dann kann er mir wohl auch gleich zu dem Turmschlüssel verhelfen, der es mir ermöglicht, für einige Zeit mal in dem alten Burschen von Turm umherzukramen.

Langsam und vorsichtig steig’ ich den Kalksteig mit seinem kurzen Rasen, auf dem man zuweilen ausrutschen kann wie auf Glatteis, zu der Brücke hinab, die über den Wallgraben durch einen langen Thorgang in das Schloßgebiet hineinführt.

Ich betrete den Hof.

Romantisches Gebiet!...

Hier gleich zur Linken befindet sich ein uralter Kellerraum, der jetzt von der Domäne als Milchkeller benutzt wird. Natürlich ist es hier nicht recht geheuer. Abends und um die Mittagszeit kommt es vor, daß es den Mägden die Kerzen auslöscht und daß die tugendvergessenen unter ihnen im Dunkeln von unsichtbarer Hand Ohrfeigen bekommen. Das ist das Mönchsgespenst, das dann gegen Mitternacht mit Vorliebe an der alten romanischen Kirche vorbei in das Kreisgerichtsgebäude eintritt und die Korridore der Gefangenen unsicher macht.

Ich steige die Freitreppe zu dem großen Portal — das Gebäude mag aus dem sechszehnten Jahrhundert stammen — hinauf und trete ein. Im Vorflur begegnet mir der alte Gerichtsdiener Bärwinkel, der mir, „ganz gehorsamst“ mitteilt, daß der Herr Aktuar oben im Archiv zu finden seien... Drei endlose Wendeltreppen hinauf. Die Archivräume befinden sich dicht unter dem Dachboden.

Ich trete ein. — Helle, goldstaubwimmelnde Sonnenbalken stemmen sich schräg durch den Raum mit seinen mächtigen Wänden, alle vier voller Aktenfaszikel in Regalen von der Decke bis zu dem weißgrau gescheuerten Dielenboden. — Die vielen viereckigen Pappstückchen aus der bunten Rückenverklebung, mit ihren „Hinz contra Kunz“ und ihren Aktennummern aus den alten verstaubten Dingern hervor, bringen einige Unruhe in diesen öden Papierspeicher. — In der Mitte des Saales steht ein gewaltiger Tisch, und an ihm sitzt ein nervöses Schreiberlein im grauen Anzug, mit so einem richtigen blanken Sardellensemmelschädel, löst die Aktenpapiere aus ihren bunten Papprücken und schichtet sie in Stößen neben sich auf den Fußboden. — Ich biete ihm die Zeit und frage nach dem Herrn Aktuarius. — Der Herr sollen sich in das Nebenzimmer bemühen. —

Recte tu quidem! — Da steht er, mitten zwischen Aktenbündeln gleich am ersten Fenster, natürlich wieder hinter seiner Staffelei!...

Ah?!! — Der kleine untersetzte Herr mit seiner goldenen Brille, seinem rotrunden backenbärtigen Gesicht, die gestickte Sammetkappe auf den Locken, die lang und schwarz, aber schon ein wenig „meliert“ bis auf den Rückenteil der Weste fallen — denn natürlich arbeitet er wieder in Hemdärmeln — breitet die Arme aus und starrt — bist Du’s wirklich?! — in freudiger Überraschung auf den Besuch. — Schnell mit lachenden Stammelworten, eifrige Äuglein hinter den Brillengläsern, Palette und Pinsel auf das Fensterbrett und nun, die Hände lebhaft ausgestreckt, hervor, die meinigen mit temperamentvollem Druck ergreifend und sie auf das Wärmste schüttelnd, indes er mich in seiner Aktuarwürde und im Selbstbewußtsein seiner freien Seele wohlwollend erfreut mustert und mich mit seinem schönsten, sonorsten — er singt in der „Liedertafel“ einen sehr geschätzten Bariton — Tribünenpathos begrüßt...

Natürlich interessiere ich mich für seine Malerei, die in diesem langweiligen kleinen Nest nun schon mal eine seiner Junggesellenschrullen ist. Ich bewundere, kritisiere und bitte ihn, sich nicht stören zu lassen. Er pinselt weiter. Aber ich merke, wie er sich auf unsere bevorstehenden Stammtischabende im „Goldenen Stern“ freut.

Ach, wie er vor Wißbegierde brennt! — Wie er gleich nach der „Weltstadt“ fragt, diesem Wunder seiner stillen Sehnsucht, und wie er mich sofort in eins seiner freisinnigen Gespräche verwickelt. — Diese kleine naive Eigenheit, sogleich auf sein Lieblingsthema zu kommen, läßt mich ihn lieben. Zwar es ist immer dasselbe von Büchner, Darwin, Häckel, Vogt bis zur letzten Rede Eugen Richters: aber es hört sich ihm so schön zu. Wie seine Augen vor Begeisterung strahlen, wie seine Locken beben, wie er gestikuliert und eine fast jünglingshafte Verve entwickelt...

Indessen für diesmal setz’ ich ihm ein Wehr und komme auf den Schlüssel.

Er ist einigermaßen verdutzt, aber dann giebt er mir nach einer kleinen Pause, wennschon ein wenig verstimmt, Bescheid. In der Domäne kann ich ihn bekommen... Ich spreche von heute abend und dem „goldenen Stern“ und erziele damit einen leidlichen „Abgang“...

Auf dem grauglatten Rasenfilz schreite ich zwischen windgeducktem Heckenrosengebüsch hin, um das alte graue Ungeheuer herum.

Die tote Ruhe dieser vier kolossalen verwitterten Mauerflächen mit ihren winzigen Luken! — Er stammt aus der Zeit der sächsischen Kaiser...

Wie die Falken schrillen! — Und die vielen schwarzen Dohlen!...

Oben, man reckt sich den Hals aus, die niedrige schwarzbraune Haube im klaren Blau, zwischen den weitgestreckten weißen Windbäumen! —

Tausendjährig! —

Ein wenig nervös steig’ ich die morschen Kalksteinstufen hinauf zu der schweren, beschlagenen Thür. Wie sie in das Mauerwerk hineingehen, geben sie einen Begriff seiner ungeheuerlichen Dicke.

Das Aufschließen macht Mühe. Das alte Schloß giebt Laute von sich, die mir durch alle Nerven fahren.

Endlich! — Die Angeln bewegen sich. — Ein heiserer Baßton, der in einen schrillen Diskant umschlägt in modriges totstilles Dunkel hinein, wie — aus ihm heraus mir entgegen.

Schwarze Stille! —

Ich trete ein und befinde mich in einem Vorraum.

Eine Art wunderlicher Furcht hat mich ergriffen. Aber sie ist nicht unangenehm. Weil sie mehr eine unwillkürliche plötzliche Erinnerung an jene Knabenfurcht ist, mit der ich mich wohl in der Dunkelheit, gelegentlich eines noch notwendigen Ganges, am Friedhof vorüberdrückte. Die alten dunklen Tannen und Trauereschen und der Ahorn, in dem es so seltsam winselte, pfiff und raunte...

Schrillen und Schilfern um mich herum. —

Wie ich mich vorwärts taste auf so etwas wie eine Treppe zu, die ich in ihren leisen Umrissen mehr errate als sehe, klirrt etwas. — Es muß Ackergerät sein. Die Leute von der Domäne mögen’s hier untergebracht haben.

Aber jetzt bemerke ich einen leisen Lichtreflex, eine matte Helle. Sie markiert oben die letzten Sprossen einer Leiter, die durch eine viereckige dämmernde Öffnung in einen Oberraum führt.

Mit einigem Mißtrauen, mich so leicht wie möglich machend, klimm’ ich in die Höhe.

Ein saalartiger Raum, von zwei schmalen Luken erhellt. — Seine Decke ist eingestürzt. Ein paar Fetzen hängen noch an dem Gemäuer herab und von ein paar dicken Balken, die sich schwarz nebeneinander hinqueren. — Ich habe einen Blick in eine schier endlose Höhe. Kreuz und quer schießen die Lichtstrahlen durch die Luken herein und geben eine mäßige Helle. Hellere Lichter liegen hier und da auf dem Gemäuer, blinken auf riesigen Spinnweben, auf dem vorragenden Stroh eines Genistes. Unausgesetzt, ohrenzerreißend schallt ein Geschrill, Gekrächz, Pfeifen, und das Rauschen und Klatschen der Fittige aus dem Getümmel der Vögel da oben hernieder. Manche fahren bis tief in den halbdunklen Raum herab.

Um mich herum stockt ein dumpfes Dämmern.

Nur die gekreuzten Lichtstrahlen der beiden Luken...

Die dumpfe stickige Luft... Wenn der Wind nicht ein bißchen hereinpfiffe...

Ich beuge mich zu einem mächtigen Block nieder, der schwarzbraun im Licht mitten im Raum steht. Sein ehemaliger grausiger Zweck ist mir sofort klar.

Aber wie ich wieder aufblicke, fahr’ ich zusammen. — Drüben, in der Ecke, in deren Dunkel ein müder Schein kaum hineindringt, seh ich etwas wie eine gedrungene unförmliche Gestalt, der ein Durcheinander wimmelnder Staubatome grausig so etwas wie eine Bewegung giebt.

Ich fasse mich und trete hinzu.

Die „eiserne Jungfrau“... Jenes scheußlichste aller Marterwerkzeuge; jene plumpe Gestalt einer Weibsperson aus Eisen. An der Seite kann sie geöffnet und aufgeklappt werden; dann finden sich im koncaven Vorderteil lange, großen Nägeln ähnliche Zapfen, die, wenn wieder zugeschlagen wird, dem hineingezwängten Delinquenten durch Augen, Kopf, Herz und Leib dringen.

Und nun gewahr’ ich all das fürchterliche Gerät an den Wänden, unten auf dem Fußboden, gegen die Mauer gelehnt.

Da hängen mächtige harte Geißeln mit Bleikugeln oder zackigen Sternchen aus hartem Metall unten an den Stricken. Da sind Streckapparate, auf denen die Körper der armen Sünder in die Länge gereckt wurden. Da sind eingekerbte, mit stumpfen Spitzen versehene Schraubstöcke, in denen die Daumen zusammengequetscht wurden. Da sind härene Bande zum Zusammenschnüren der Glieder. Da sind die „spanischen Stiefel“. Da ist das „mecklenburgische Instrument“, vermittelst dessen man ein kreuzweises Zusammenpressen der Daumen und großen Zehen ermöglichte. Da sind Bänke und Leitern. Da sind Stricke mit Apparaten, in welche die Hände eingeschraubt wurden. Der Körper hing dann in seiner Schwere von der Decke hernieder, während unten an den Füßen noch jene großen Eisengewichte befestigt wurden, die ich dort in einer Ecke gewahre. Da sind Beile und Zangen und Pfriemen zum Brennen der Gesichter, Weichen und Arme, zum Blenden der Augen. Da ist die „pommersche Mütze“, mit der in einer sehr gefährlichen Weise der Kopf zusammengepreßt wurde. Da ist der „gespickte Hase“...

Und nun seh’ ich auch erst so recht alle die dunklen braunmodrigen Flecke auf dem Estrich, zwischen Staub, Deckenschutt und Vogelkot.

Ich meine, es müsse vertrocknetes Blut sein.

Genug!...

Ah, die Luke! — Und der schöne Sonnenstrahl! — Und das Stückchen Himmel! Auf der Kante sitzt ein Vögelchen; sitzt da und zwitschert sein Lied in das Dunkel hinein...

Wieder fort...

Und nur die Einsamkeit! — Tiefer! Grausiger! — Mit dem Winseln und Pfauchen des Windes, mit diesem abscheulichen Sausen, Klatschen und Rauschen der Fittige oben und den häßlichen Lauten des Vogelgetümmels.

Minuten gehen...

Meine Phantasie wird lebendig. Ich fange an, Laute zu mißdeuten. Ich meine Knacken von Gliedern, Kettengeklirr, Geräusche arbeitender Werkzeuge zu hören, Stöhnen, Schreie; sehe verzerrte Gesichter, spüre huschende Bewegungen, wie ich dastehe in einer tiefen Starre.

Ich schüttle mich.

Ach, Donnerwetter! Die Fledermäuse natürlich, der Wind, die Vögel, Mäuse... Aber jeder Laut hallt so wieder!...

Ich sitze da und eine Strophe geht mir im Kopf herum, die ich mal gelesen. Mit einem Mal. Es ist, als ob sie jemand in mir Wort für Wort flüstere.

„Der Verzweiflung schriller Schrei Höhnt aus allen Glocken. Aber ewig streut der Mai Seine Blütenflocken!“

Sich in dieses Rätsel zu versenken!...

Auf! —

Ich rücke eins von den Geräten an die Luke, das es mir ermöglicht, mit dem Kopf hinaufzukommen. Ich sehe die goldige Landschaft, Dächer, Bäume, getünchte Mauern, ferne Hügel, Felderbreiten und Waldstriche.

Ein paar Jungens lärmen mit ihren hellen Stimmen draußen umher und blasen auf Schalmeien aus Weidenrinde. Aber die Stimmen und Töne haben so eine wunderliche Nüance, irgend etwas Unsagbares, als ob sie etwas dunkles, Furchtbares vertuschen sollten.

Helle! — Licht! —

Die Wahrnehmung bringt mich plötzlich auf die Archivräume und den Herr Aktuar mit seinen Träumen von einem freien Reich der Zukunft. — Der gute Herr Aktuar, der nichts davon haben wird als seinen schönen Traum, der ihn so begeistert! — Und das goldene Reich mit all seinen freien Bürgern?

Ich sehe nur immer die unheimlichen schwarzbraunen Flecke hinter mir auf dem Boden, von denen ich meine, sie seien Blut; Blut, das nichts wegzubringen vermag! Nie! — Nie! — Und ich weiß mit einem Mal, was es mit der Lebensfreude auf sich hat! — Und ich weiß, woher sich Lieder, Freude und Schönheit gebären!...

Fort! —

Wie schön die Abendsonne blendet! — Alles so still, so friedlich, so wundersam! Wie ich den Steig hinab taumele, mit pochenden Schläfen und zwinkernden Augen, atme ich so recht von Herzen auf und sehe das gemütliche Honoratiorenzimmer im „Stern“ mit dem großen Rundtisch, mit der riesigen Schnupftabacksdose drauf und dem hölzernen Klingelmesser drüber.

Nun, trotz allem Pessimismus werd’ ich heut abend mit dem Herrn Aktuarius gründlichst das Mittelalter totschlagen.

Jedenfalls: wir werden uns ansehen, froh, wieder beisammen zu sein, werden unser Bier trinken, unsere Cigarren rauchen und plaudern, plaudern...

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