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Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote

Weitere Kämpfe

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Es ist das Eigentümliche in dem Wesen des Genius, daß er nie und nirgends Ruhe finden kann. Fürst Bismarck hat so Gewaltiges vollbracht, daß er längst ein Otium cum dignitate verdiente. Aber wie seine Sorge um das Wohl des Reiches, das er geschaffen, keine Grenzen kennt, so auch sein Drang zur Tätigkeit. Und noch viel später, als die Abendsonne über sein Leben gesunken war, hat er es immer und immer wieder in tiefer Bitterkeit beklagt, daß ihm, seit er von seinem Werk entfernt war, auch der Inhalt und der Wert seines Lebens genommen sei.

Bismarck als Lemberger Jude.
Bismarck als Lemberger Jude.

Bismarck als Lemberger Jude.

Eine Bombe fliegt aus dem Reichstag gegen ihn, trifft aber die Reichsbank. (Reichstagssitzung vom 19. Juni 1879.) (»Ulk«, Juni 1879)

Jetzt griff er tief hinein in die sich drängenden wirt­schaftlichen und sozialen Probleme, und während er der Meister der auswärtigen Politik blieb und das Schiff des Reiches durch die heranbrausenden Stürme sicher führte, hat er die gewaltige Reform unseres wirtschaftlichen und sozialen Lebens begonnen, die einen tiefen Einschnitt nicht nur in das deutsche Leben, sondern auch in die gesamte Auffassung der Welt gemacht hat. Er ist, als er die soziale Frage berührte, nicht der Angst vor der revolutionären Partei gefolgt, er hat auch nicht, als er der wirtschaftlichen Politik eine neue Wendung gab, sich mit seiner Arbeit irgendeiner mächtigen Kaste verschrieben, er erkannte nur, daß die Zeit des freien Wettbewerbs der Kräfte endgültig vorüber sei, er spürte es, daß eine neue Zeit heraufgezogen war, in der andere stark nach Leben, nach Luft und Licht verlangende Faktoren sich mit gerechtem Anspruch herandrängten. Die Welt der Maschinen und der Maschinenarbeit, die Zeit einer neuen erblühenden deutschen Industrie war gekommen; die alten Bestimmungen des Daseins reichten nicht mehr aus, sie mußten dazu führen, daß, wenn der Staat nicht eingriff, die große Masse der Nation in den Fluten des Proletariats versank. Er kannte die Wahrheit des Satzes, den einst Viktor Cousin gesprochen, daß der Staat ein fühlendes Herz haben muß, und er erkannte in diesem Satz zugleich eine rettende Staatsweisheit. Bismarck ist hier auf wirtschaftlichem wie auf sozialem Gebiete kein Nachbeter gewesen. Er darf den Anspruch der Originalität wohl überall erheben, wo er, tastend zuerst, dann mit wachsender Sicherheit, seines Weges dahinzog.

Manches der Gebiete war ihm fremd, lag dem Arbeitsfeld der Vergangenheit vollständig fern, und doch hat er stets das Rechte ergriffen, und während er die auswärtige Politik auch ferner meisterhaft führte, zeigte er doch die Kraft, auch das innerpolitische Leben Deutschlands völlig neu zu gestalten. — Wohin wir noch heute blicken, stets zeigt die Entwicklung des Reiches die Spuren von Bismarcks genialer Hand. Das Ende der siebziger Jahre hat die Grenze gebildet, und als er sie überschritt, da löste er sich zugleich von alten, da gewann er nur mühsam neue Freunde. Denn schon als er das wirtschaftliche Leben auf ein neues Feld zu stellen versuchte, mußte er die entschlossene Gegnerschaft jener liberalen Kreise finden, die allerdings zuletzt bereits voller Argwohn neben ihm schritten, die aber doch in dem harten Kampfe gegen die Konservativen ihm die Stütze geboten hatten. Und auch die Rechte folgte ihm nicht sofort mit klingender Musik und flatternden Fahnen: Der Rest der Deklarantenzeit haftete noch in manchen Herzen, und der Kreis um Diest-Daber hat sich innerlich wohl niemals mit ihm versöhnt. Am heftigsten aber schäumte unter Eugen Richters und Bambergers Führung das Manchestertum gegen ihn auf, das wir bald in geschlossenen Reihen gegen ihn gewaffnet sehen, als er die ersten Versuche auf kolonialem Gebiete wagte und für Deutschlands überschäumende Kraft jenseits des Ozeans eine neue Stätte suchte.

Eine Verstoßene
Eine Verstoßene

Eine Verstoßene

Kordelia: »Ich lieb’ Eu’r Hoheit, Wie’s meiner Pflicht geziemt, nicht mehr, nicht minder.« (König Lear 1, 1)

Goneril, das Zentrum, und Regan, die konservative Partei, umschmeicheln Lear-Bismarck, während die nationalliberale Kordelia zur Seite steht. Es ist die Zeit des wirtschafts­politischen Umschwungs. Alsbald treten die Minister Falk und Hobrecht zurück. (»Ulk«, Juni 1879)

Und so sehen wir Bismarck, vielbewundert und vielgescholten, tätig auf zahllosen Gebieten des öffentlichen Lebens, wir sehen ihn in seinem Ringen mit der Sozialdemokratie, wir hören seine Reden über die Handelsverträge, er fällt sachverständige Urteile über Getreide- und Holzzölle, über Währungsfragen und Auswanderungswesen, über Steuer und Elbschiffahrtsakte, über Fabrikgesetze und Hamburgs Schicksal. Nicht immer ist ihm ein rascher Sieg beschieden, weil die Alltäglichkeit dem Fluge des Genies nur ungern folgt, weil sie tausend Hindernisse sah, die der große Geist verachten durfte.

Nach den deutschen Reichstagswahlen
Nach den deutschen Reichstagswahlen

Nach den deutschen Reichstagswahlen

»Na, nu hab’ ick, dem Wahlresultat zu Ehren, ooch Toilette jemacht!«

Bei den Reichstagswahlen waren nur 157 Anhänger der Regierung gegen 240 Oppositionelle gewählt worden. Es begann die Ära Richter-Windthorst-Grillenberger. (»Hum. Blätter«, 9. November 1884)

Auf diesem Wege zu einer vollen Umgestaltung des wirtschaftlichen Lebens brauchte Fürst Bismarck neue Gehilfen, mußte er die Trennung von Männern vollziehen, die einst in bedeutender Zeit seine Gefährten waren. Delbrück und Camphausen hatten ihren Namen mit den wichtigsten Stationen der Entwicklung vereint, Delbrück war es sogar gewesen, der einst im Parlament als Herold des neuen Kaisertums erschienen war. Keiner von beiden wollte die wirtschaftlichen Überzeugungen, mit denen sie durch das Leben gegangen waren, verleugnen, und so traten an ihre Stelle der Nationalliberale Hobrecht und Graf Botho Eulenburg, und auf dem Gebiete des Verkehrs erschien in Maybach wohl der bedeutendste Organisator, den bisher das Eisenbahnwesen in Deutschland gehabt hat.

Die Enttäuschung packte jetzt vor allem die liberale Mittelpartei, die unter Führung Bennigsens ihm bei der Reichsgründung so treu zur Seite gestanden und ihm auch in den Kämpfen mit den Deklaranten den Schild getragen hatte. Besonders heftig erhob sich fortan gegen den Staatsmann Eduard Lasker, der in seinem Groll immer radikalere Töne anschlug und alsbald auch die Spaltung der Partei organisierte. Bald hallte die ganze liberale Presse von dem Rufe »Fort mit Bismarck!« wider. Hatte er doch durch den Satz, daß niedrige Getreidepreise keineswegs immer als ein wirtschaftliches Glück anzusehen seien, durch den Hinweis auf eine Zeit, in der die Landwirtschaft nicht mehr produzieren kann und deshalb das Reich dem Abgrunde zutreiben muß, alles umgestoßen, was bisher als Evangelium galt. Und er setzte sich durch. Wohl noch nie ist es einem Staatsmann gelungen, in so rascher Fahrt jedes Hemmnis zu besiegen und jedes Vorurteil zu bezwingen. Er war auch hier niemals Parteimann. Er rühmte es ausdrücklich, daß er nie einer Fraktion angehörte, daß er, »sukzessive von allen gehaßt, von einigen geliebt« worden sei. Er habe sich dadurch nie beirren lassen und auch nie versucht, sich dafür zu rächen.

Der Sturz der Titanen
Der Sturz der Titanen

Der Sturz der Titanen

Wie aus der »Norddeutschen Allgemeinen Mythologie« hervorgeht, hat Jupiter keinen einzigen »gestürzt«, sie sind einfach zurückgetreten. Anspielung auf den Sturz von Kameke, Falk, Bitter, Achenbach und Friedrich Eulenburg. (»Berliner Wespen«, März 1883)

Daß er jetzt freilich oft die Stimmung der Resignation empfand, daß der stete Kampf an seinen Nerven riß, ist natürlich. Aber jetzt, wie immer, zielte sein Gewissen wie mit einer Pistole auf ihn. Und so wich er jeder Lockung, als Landedelmann sein Leben zu beschließen, beharrlich aus. Nur brach es zuweilen mit elementarer Gewalt aus ihm, wenn er die Fülle des Hasses sah, die sich gegen ihn häufte. »Ich habe nunmehr den Kampf für die deutsche Einheit seit dreißig Jahren geführt,« rief er am 8. Mai 1879. »Es sind nahezu dreißig Jahre, daß ich im Bundestag zuerst dafür eingetreten bin, und es sind achtzehn Jahre, daß ich in meiner Stellung bin, in der ich mit einem französischen Historiker, den ich vor einiger Zeit in einer schlaflosen Nacht las, wohl sagen kann: ›Er muß der Gewalt des ungesättigten Hasses erliegen, der sich auf das Haupt jedes Ministers häuft, wenn er zu lange am Ruder bleibt.‹ Ich fürchte, daß ich nach achtzehn Jahren längst in dieser Lage war. Ich hatte alle Parteien wechselnd zu bekämpfen, gegen jede hatte ich einen heftigen Strauß zu führen. Nein, ich bin nicht mehr jung, ich habe gelebt und geliebt, gefochten auch, und ich habe keine Abneigung mehr gegen ein ruhiges Leben. Das einzige, was mich in meiner Stellung hält, ist der Wille des Kaisers, den ich in seinem hohen Alter gegen seinen Willen nicht verlassen kann. Versucht habe ich es mehrmals. Aber ich kann Ihnen sagen: ›Ich bin müde, todmüde, und namentlich, wenn ich erwäge, gegen was für Hindernisse ich kämpfen mußte, wenn ich für das Deutsche Reich, für die deutsche Nation, für ihre Einheit eintreten soll ... In meinem Alter wird man ruhiger und stiller; ich habe ein Bedürfnis nach beschaulicher Einsamkeit. Dann richten Sie das Reich sich ein, wie Sie wollen, aber verlangen Sie meine Mitwirkung nicht, wenn jeder sich für berechtigt und berufen hält, die Grundlagen des Reiches in Frage zu stellen.‹«

Bismarck als Schachspieler
Bismarck als Schachspieler

Bismarck als Schachspieler: Die Könige sind seine Schachfiguren

Bismarck setzte seine Reform durch, fast zwei Drittel des deutschen Reichstages hatte er für seinen Kampf gegen das herrschende Wirtschafts­system gewonnen. Allerdings hat er wiederholt sich gezwungen gesehen, selbst mit der äußersten Maßregel seines Rücktrittes zu drohen, innerlich allerdings wohl immer gewiß, daß so, wie er selbst in Treuen zu seinem Kaiser stand, so auch sein alter Herr dem Gefolgsmann die Treue bewahren werde. Zu den politischen Schwierigkeiten aber, die ihm wie Disteln auf einem Felde erwuchsen, gesellten sich dauernd höfische Friktionen, die ihm die Freude am Amt vergällten. Es war auch hier die Kaiserin Augusta, »der Feuerkopf«, die es nicht ertragen konnte, andere Autoritäten gewähren zu lassen, und die, wie Bismarck in seinen »Erinnerungen« klagt, ohne Rücksicht auf das Alter und die Gesundheit des Gemahls und im Vertrauen auf die ritterlichen Empfindungen, die ihn der Kaiserin gegenüber beseelten, sich an die Spitze der frondierenden Elemente stellte. Gerade diese Kämpfe persönlicher Natur wirkten schädigend auf des Kanzlers Gesundheit, so daß er in eine Art von »Gesundheitsbankrott« fiel, aus dem ihn dann Schweninger gerettet hat, der Mann, der bis in die letzten Jahre seines Lebens sein treuester und ehrlichster Freund geblieben ist.

Wie Schweninger Bismarcks Arzt wurde

In ärztlichen Kreisen war eine Angabe bekannt, der nie widersprochen wurde und der man, im Hinblick auf die originelle Art der beiden beteiligten Persönlichkeiten, eine gewisse innere Glaubwürdigkeit nicht wird absprechen können. Danach hätte Schweninger die Sympathie seines großen Patienten durch das diesem selbst sehr geläufige Mittel besonderer Derbheit erweckt. Der Kanzler liebte es, als mit dem zunehmenden Alter auch sein leidender Zustand wuchs, durchaus nicht, von dem ihn behandelnden Arzt mit Fragen belästigt zu werden. So riß ihm auch gegenüber Schweninger, als sich dieser auf Empfehlung befreundeter Persönlichkeiten zum erstenmal bei ihm einstellte, die Geduld, und er gab auf die innerhalb weniger Minuten wiederholt gestellte Frage nach seinem Befinden eine kurze abweisende Antwort. Aber Schweninger ließ sich nicht abschrecken und antwortete nicht weniger kurz angebunden: »Ich stehe zu Ihren Diensten, Durchlaucht, wünschen Sie jedoch behandelt zu werden, ohne daß man an Sie Fragen stellt, so täten Sie besser, nach dem Tierarzt zu schicken, der an diese Methode gewöhnt ist.« Seit dieser Zeit war Bismarck von seiner Abneigung gegen Fragen des Arztes völlig kuriert.

Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen
Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen

Schön Wetter — Veränderlich — Sturm

Sollte bei keinem Minister, Reichs- oder Landboten fehlen. (»Kladderadatsch«, 1881)

Das ist der Dr. Schweninger

Ein Dienstmann führt einen Landsmann in München herum und zeigt ihm unter anderem die Universität daselbst. Der Landsmann will wissen, was die Figuren an der Fassade bedeuten. Der Dienstmann nennt ihm, um seine Unwissenheit nicht merken zu lassen, verschiedene volkstümliche Münchner Gelehrte der neuesten Zeit als Originale; bei einem halbnackten griechischen Denker am linken Flügel angelangt, sagt er keck: »Das ist der Dr. Schweninger!« — Bauer: »Aha, ’m Bismarck sei Leibarzt! Aber warum hat denn der kan Rock an?« — Dienstmann: »Ja woaßt, Seppel, seit er den Reichskanzler kuriert hat, tun sich die Leut’ so um ihn reißen, daß der beste Rock dabei z’grund gehn müßt!«

Sicherlich ist es allein der Kunst Dr. Schweningers zu danken, daß Fürst Bismarck die schweren Anfälle von Krankheit, die ihn vor allem dann plagten, wenn seine Seele durch harte Kämpfe erregt war, durch lange Jahre siegreich überwand. Kaiser Wilhelm hat ihm wiederholt den Dank dafür ausgesprochen, daß er ihm und dem Vaterlande den unentbehrlichsten Diener erhalten habe. Was aber die Kunst des Arztes allein noch nicht erreichte, das ergänzte die Luft von Varzin und Friedrichsruh und die Kissinger Kur.

Die offiziöse Presse
Die offiziöse Presse

Die offiziöse Presse. (»Le Grelot«, Nr. 141 vom 6. Februar 1887)

Die Brut muß ausgerottet werden

In Kissingen erhielt Fürst Bismarck einen mehr amüsanten als fürchterlichen Drohbrief: »O großer eiserner, resp. einfältiger Reichskanzler, was hört und liest man bloß von Dir! Nichts als Lächerliches. Glaubst Du etwa, daß Du Deiner gefällten Strafe entgehen kannst? Nein! Nein!

Was wir Dir einst zugeschworen haben, wird für Dich sicher in Erfüllung gehen, und wenn Du den Polizeiring um das Zehnfache vermehrst, der Dich etwa schützen soll vor dem Bestrafer Deiner verübten Tyrannei. Wie es bei Dir in Kissingen aussieht, wissen wir ganz gut. Traurig genug, daß Du es so weit gebracht hast mit Deiner elenden Tyrannenpolitik, daß Du jetzt nicht einmal Deines Lebens sicher bist. Weise nur immer Mitmenschen aus Deutschland« (d. h. in Anwendung des Sozialistengesetzes). »Desto eher kannst Du Dich mit dem Totengräber bekannt machen ... Deinem Sohn Wilhelm mit seinen bisherigen maskierten und lächerlichen Redensarten werden wir auch bald was zuschwören, wenn er nicht aufhört, zu wühlen. Die Bismarcksbrut muß ausgerottet werden. D. E. C.« (soll wohl heißen: das Exekutivkomitee). — Eine ähnliche Büberei traf wenige Tage später aus Frankfurt ein.

Auch von manchen seiner Gehilfen mußte sich Bismarck wieder trennen. So von den Eulenburgs, die vielfach das Bestreben zeigten, den überlegenen Mann, der ihnen unbequem war, aus seiner Stellung zu drängen. Die Szene, die zu dem Sturze des begabten Grafen Botho Eulenburg führte, ist als der »Fall Rommel« in der Geschichte verzeichnet: Als das Gesetz über die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden vor dem preußischen Landtag stand und sich Graf Eulenburg mit gewissen Änderungen einverstanden erklärte, die des Kanzlers Mißbilligung fanden, ließ er durch den Geheimrat Rommel, ohne den Minister zu verständigen, von der Tribüne herab seinen Widerspruch erklären. Graf Eulenburg nahm unverzüglich seinen Abschied. An seinen Namen aber hat sich gerade zu jener Zeit ein Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck geknüpft, der zugleich das vertrauliche Verhältnis bekundet, das zwischen den beiden Männern bestand.

»So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.«
»So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.«

»So! Jetzt kann ich wieder ein bißchen ausruhen.« (»Hum. Blätter«, Februar 1888)

Die Geschichte eines Traumes

Am 18. Dezember 1881 schrieb Kaiser Wilhelm an den Kanzler folgenden Brief: »Einen eigentümlichen Traum muß ich Ihnen erzählen, den ich diese Nacht träumte, so klar, wie ich ihn hier mitteile. — Der Reichstag trat nach den jetzigen Ferien zum erstenmal zusammen. Während der Diskussion trat der Graf Eulenburg ein; sogleich schwieg die Diskussion; nach einer langen Pause erteilte der Präsident dem letzten Redner von neuem das Wort. Schweigen! Der Präsident hebt die Sitzung auf. Nun entsteht ein Tumult und Geschrei. Keinem Mitgliede darf ein Orden während der Session des Reichstages erteilt werden; der Monarch darf nicht in der Session genannt werden. Andern Tages Sitzung. Eulenburg erscheint und wird mit solchem Zischen und Lärm empfangen — darüber erwache in einer nervösen Agitation, daß ich lange mich nicht erholen konnte und zwei Stunden von ½5 bis ½7 Uhr nicht schlafen konnte. — Das alles geschah in meiner Gegenwart im Hause so klar, wie ich es hier niederschreibe. — Ich will nicht hoffen, daß der Traum sich realisiere, aber eigentümlich bleibt die Sache. Da dieser Traum erst nach dem sechsstündigen ruhigen Schlafe eintrat, so könnte er doch keine unmittelbare Folge unserer Unterredung sein.

Enfin ich mußte Ihnen diese Kuriosität doch erzählen. Ihr

Wilhelm.«

In seiner Antwort sagte Fürst Bismarck:

»Die Bilder des Wachens tauchen im Spiegel des Traumes nicht sofort, sondern erst dann wieder auf, wenn der Geist durch Schlaf und Ruhe still geworden ist. Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig Ew. Majestät melden könnte. Dieser Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm. — Der böse Traum, aus dem Eure Majestät nervös und agitiert erwachten, kann doch nur so weit in Erfüllung gehen, daß wir noch manche stürmische und lärmende Parlamentssitzung haben werden, durch welche die Parlamente ihr Ansehen leider untergraben und die Staatsgeschäfte hemmen; aber Ew. Majestät Gegenwart dabei ist nicht möglich, und ich halte dergleichen Erscheinungen wie die letzten Reichstagssitzungen zwar für bedauerlich als Maßstab unserer Sitten und unserer politischen Bildung, vielleicht unserer politischen Befähigung, aber für kein Unglück an sich: l’excès du mal en devient le remède.

Der Reichstag als Karnickel
Der Reichstag als Karnickel

Der Reichstag als Karnickel

»Was? Du Bestie willst beißen?«

Der Reichstag hatte in Sachen der Abänderung der Reichsverfassung opponiert. (»Figaro«, Mai 1881)

Zu der unendlichen Fülle von Fragen, die sich dem großen Kanzler zur Beantwortung stellten, hat sich in jenen Tagen auch eine Frage gesellt, die in viel späteren Jahren eine ernste Wirkung auf Deutschlands Geschicke ausüben sollte, die aber Fürst Bismarck schon von der Schwelle zurückwies:

Die Abrüstung

Auf ein Schreiben des demokratischen süddeutschen Abgeordneten von Bühler, das ihn ermahnte, zum Wohle der Menschheit hochherzig mit der Abrüstung zu beginnen, gab Fürst Bismarck mit feiner Ironie folgende Antwort: »Ew. Hochwohlgeboren danke ich ergebenst für die Mitteilung Ihres Abrüstungsantrages. Ich bin leider durch die praktischen und dringlichen Geschäfte der Gegenwart so in Anspruch genommen, daß ich mich mit der Möglichkeit einer Zukunft nicht befassen kann, die, wie ich fürchte, wir beide nicht erleben werden. Erst nachdem es Ew. Hochwohlgeboren gelungen sein wird, unsere Nachbarn für Ihre Pläne zu gewinnen, könnte ich oder ein anderer deutscher Kanzler für unser stets defensives Vaterland die Verantwortlichkeit für analoge Anregungen übernehmen. Aber auch dann fürchte ich, daß die gegenseitige Kontrolle der Völker über den Rüstungszustand der Nachbarn schwierig und unsicher bleiben, und daß ein Forum, welches sie wirksam handhaben könnte, schwer zu beschaffen sein wird.«

Und trotz dieser Fülle der verschiedensten, auf ihn eindrängenden Probleme fand Fürst Bismarck den Mut und die Kraft, die soziale Politik in völlig neue Bahnen zu lenken. Er hatte die Verlängerung des Sozialistengesetzes gegen eine Opposition, zu der wieder das Zentrum einen großen Teil der Mannschaft stellte, mühsam erkämpfen müssen. Er mußte es sehen, wie ein großer Teil der Nationalliberalen, unter ihnen Lasker, Forckenbeck, Bamberger und Rickert, sich von der alten Partei trennten, um unter dem Namen der Sezession sich in die Schlachtreihen der Feinde zu stellen, und dauernd blieb ihm auch trotz der friedlichen Äußerungen des Papstes das Zentrum abgeneigt.

Operette in der Politik
Operette in der Politik

Operette in der Politik

»Da jammern sie. Die von der Infanterie Und von der Kavallerie Geniert das nie.«

Soeben war der Erlaß des Kaisers erschienen über sein »verfassungsmäßiges Recht zur persönlichen Leitung der Politik«, der gegen die fortschrittlichen Theorien vom »wahren Konstitutionalismus« gerichtet war. (»Kikeriki«, Januar 1882)

Die Gedanken aber, die Fürst Bismarck in seinem Kopfe wälzte, um dem sozialen Geiste der Zeit gerecht zu werden, hat er in klassischer Form in der »großen Botschaft« niedergelegt, mit der er am 17. November 1881 im kaiserlichen Auftrag den Reichstag begrüßte. Hier erklärte er im Namen des ehrwürdigen Oberhauptes der deutschen Nation, daß der Kaiser nur dann mit Befriedigung auf alle Erfolge, mit der Gott seine Regierung gesegnet, zurückblicken werde, wenn er dem Vaterlande neue Bürgschaften des inneren Friedens und den Hilfsbedürftigen größere Sicherheit und Ergiebigkeit des Beistandes hinterlassen könne. Die einzelnen Phasen, die später durchlaufen wurden, waren hier vorgezeichnet. Zugleich war aber darauf hingewiesen, daß die Mittel für die Durchführung des Planes am sichersten durch das Tabakmonopol zu gewinnen seien. Das Ziel, das Bismarck sich gestellt hat, ist aber nur zum Teil erreicht worden; die Kathederweisheit hat auch hier wieder verdorben, was der praktische Blick und die weitschauende Weisheit des Staatsmanns als richtig erkannte. Daß die Masse zuerst vor dem neuen Gedanken zurückgeschreckt ist, daß sie sich nicht in eine Reform hineinfinden mochte, für die bis dahin noch jede Erfahrung fehlte, daß sie den Sprung ins Dunkle und die Größe der Opfer scheute, ist gewiß verständlich. Heute ist dennoch der soziale Gedanke tief in die Nation gedrungen. Er hat viele Helfer gefunden, viele überzeugte Vertreter, und doch waren die anderen nur Handlanger, die mühsam die Steine herbeischafften. Der Grundriß und der künstlerische Plan wurden von Bismarck geschaffen.

Fürst Bismarck glaubte nicht, daß selbst die Söhne und Enkel die soziale Frage lösen würden; aber diese Gewißheit schreckte ihn nicht zurück; er wollte die Gefahr abwenden, die von der gärenden Masse des vierten Standes aus drohte, und er wollte zugleich durch praktisches Christentum in gesetzlicher Betätigung den Arbeitern das Gefühl menschlicher Würde sichern.

Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit Hilfe der Geistlichkeit gesiegt
Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit Hilfe der Geistlichkeit gesiegt

Bei den Wahlen in Metz hatte der Französling Antoine mit Hilfe der Geistlichkeit gesiegt. (»Le Grelot«, 26. Oktober 1884)

Auf den parlamentarischen Abenden, die Fürst Bismarck damals noch veranstaltet hat, fanden sich auch einfache Handwerksmeister und Arbeiter ein, Mitglieder des Volkswirtschaftsrates, den der Kanzler berufen hatte. Dieses Bild ist bezeichnend für die Welt, die er erschließen wollte. Aber gerade in dieser Zeit wurde die Gegnerschaft gegen Bismarck, namentlich auch von seiten des Zentrums, so heftig, daß er der Gepflogenheit der parlamentarischen Abende, die ihm nicht nur die Anregung zu mancher geistreichen Bemerkung, sondern auch die Möglichkeit boten, in nicht offizieller Form Widersprüche zu beseitigen, Bedenken zu heben, für immer entsagte.

Jene Abende, die jedem Teilnehmer bis zum Abend seines Lebens tief im Gedächtnis blieben, weil sie den großen Mann gewissermaßen im Hausrock zeigten, frei von aller majestätischen Würde, sind der Schauplatz mancher köstlichen Szene, die Geburtsstunde vieler prächtigen Einfälle und reizender Anekdoten gewesen.

Hier ein paar Beispiele:

Das fehlende Hirn

Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein Dr. B. zur Konsultation berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich, blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen: ›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln, um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte, machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen: »Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde, fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des Dr. B. gar keinen Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹ sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder, dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein Hirn mehr.‹ Unser Dr. B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.«

Bismarck als Vogelfänger
Bismarck als Vogelfänger

Bismarck als Vogelfänger ist begierig, ob ihm »so’n liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung« hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt. (»Humor. Blätter«, 20. April 1884)

Vom durstigen Völk

Der bekannte liebenswürdige Abgeordnete aus Bayern erzählte gern beide folgenden Scherze von Bismarcks parlamentarischen Abenden: »Die dem Reichskanzler Gegenübersitzenden unterhielten sich über den ›Reichshund‹, der neben seinem Gebieter ausgestreckt dalag. Man sprach über die Schönheit des Tieres und seine sonstigen trefflichen Eigenschaften, endlich auch über seine Vorgänger. Einer der an der Unterhaltung Beteiligten behauptete, daß Bismarck schon mehrere Hunde dieser Rasse gehabt habe, und um darüber genauen Bescheid zu erhalten, wendete er sich mit seiner Frage unmittelbar an den Reichskanzler. Da er glaubte, daß Bismarck den vorhergehenden Teil des Gesprächs mitangehört habe, wies er mit einer Handbewegung auf dessen Hund hin und sagte: ›Durchlaucht gestatten die Frage, der wievielte von dieser Sorte ist dies schon?‹ Durchlaucht aber hatte von dem vorausgehenden Gespräch nichts gehört, verstand Handbewegung und Frage falsch und erwiderte, indem er nach dem Bierglase griff und dessen Inhalt mit wohlgefälligem Schmunzeln prüfte: ›Dies ist heute mein achter, aber gestern habe ich zwölf Schoppen getrunken und es hat mir auch nicht geschadet.‹ Ein andermal wollte das Champagnertrinken gar nicht aufhören, oder, richtiger ausgedrückt, das Bier wollte ewig nicht kommen, während es sonst immer ziemlich bald aufgetragen wurde. Meine Nachbarn und ich hatten einen Heidendurst nach Bier, und endlich wurde ich auserkoren, unser Verlangen beim Reichskanzler anzubringen. Ich begab mich auch sogleich zu ihm, und sobald ich, ohne zu stören, mich mit einer Frage an ihn wenden konnte, fragte ich, ob ich ihm ein Rätsel aufgeben dürfe. Lachend bejahte er und fügte hinzu: ›Es wird wahrscheinlich wieder eins sein, das nicht herauszubringen ist.‹ Ich fragte ihn nun, was das Beste am Champagner sei? ›Na, sehen Sie, lieber Doktor, da steckt wieder was dahinter. Ich weiß zwar viele gute Eigenschaften des Champagners, aber das weiß ich auch, daß ich die nicht errate, die Sie im Auge haben. Also geben Sie gleich selbst die Lösung.‹ So sagte ich denn: ›Das Beste am Champagner, Durchlaucht, ist, daß das Bier so gut darauf schmeckt!‹ Und es dauerte keine fünf Minuten, da saßen wir alle beim trefflichen Münchener ›Stoff‹, den Bismarck hatte unverweilt anzapfen lassen.«

Vom Haarschneiden

An einem der Abende erinnerte man sich auch an eine Äußerung des Kanzlers über den Einfluß des Mondes auf das Wachstum von Haaren und Pflanzen. Man müsse sich, meinte der Kanzler, bei zunehmendem Monde die Haare schneiden lassen: »Es ist wie mit den Bäumen, wenn die wieder wachsen sollen, fällt man sie auch im ersten Viertel, wenn man sie aber roden will, schlägt man sie bei abnehmendem Monde, da vermodert der Stumpf eher. Es gibt Leute, die nicht daran glauben, Gelehrte, aber selbst der Staat verfährt danach, obwohl er’s nicht eingestehen will. Es wird keinem Förster einfallen, eine Birke, die wieder Schößlinge treiben soll, bei abnehmendem Monde zu fällen.«

Zum Spiritusmonopol
Zum Spiritusmonopol

Zum Spiritusmonopol

Bismarck: »Nanu, Michel, wat ist’s! Komm herein, mein Junge, und begeistere dir für mein neuestes Monopolprojekt.«

(»Humor. Blätter«, Februar 1886)

Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag
Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag

Bismarck als Stierkämpfer bezwingt den Reichstag.

(»Le Pilori«, 23. Januar 1887)

Hammelbraten

»Ich will eines Tages«, erzählte der Fürst, »gegen den Grunewald zu in die Umgebung Berlins und sah mich plötzlich gegenüber einer Herde Schafe, deren gutes Aussehen mich bestimmte, haltzumachen und mich nach dem Züchter zu erkundigen. Ich erfuhr, daß die Herde einem Berliner Stadtrat gehörte, fragte dann, ob ich einen Hammel kaufen könne, und schloß, da der Schäfer die Frage bejahte, das Geschäft alsbald ab. Wenige Tage später stand der Hammel bei Gelegenheit eines diplomatischen Diners auf meiner Tafel. Ich hatte meiner Frau erzählt, wie ich in den Besitz des Tieres gekommen war, und von ihr muß die Kunde in die Küche gedrungen sein. Genug, der Gang war auf der Speisenkarte verzeichnet als ›Southown Battard à la Municipal‹. Es dauerte nicht lange und ich besuchte ein Diner bei dem russischen Botschafter und fand auf dem Menü zu meiner großen Überraschung als Braten ›Southown Battard à la Municipal‹. Ich konnte mich eines Lächelns nicht enthalten und erfuhr später, der Koch des russischen Botschafters habe sich das Menü meines Diners zu verschaffen gewußt und schlankweg, ohne den Zusammenhang zu ahnen, die auf meiner Karte stehende Bezeichnung auch für sein Hammelbraten-Gericht gewählt.«

Die naseweisen Damen

An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber, welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem Nachbar sagte: »Dohd man to Azlek« (gib mir den Schlüssel). Er erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus!

In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.
In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.

»In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai 1882)

Hundegeschichten

Vielfach war da der »Reichshund«, der natürlich seine Persönlichkeit mehrfach gewechselt hat, der Gegenstand anekdotischer Erzählungen. So erzählte Bismarck, als das Gespräch auf die Intelligenz der Hunde kam, wie einmal, als er durch seinen Garten ging, um ihn durch das nach der Königgrätzer Straße führende Tor zu verlassen, unvermutet mitten im Garten der Reichshund auf ihn zugesprungen sei, in der Absicht, ihn zu begleiten. Bei dem Gartentor habe sich der Hund dicht an die Öffnung gedrängt, um womöglich noch vor seinem Herrn das Freie zu gewinnen. Zurücktreiben habe er sich nicht lassen. Da habe er, Bismarck, nur die Worte gesagt: »In den Reichstag«, worauf der Hund den Schweif eingezogen und schleunigst nach Hause gerannt sei. Bismarck erzählte die Geschichte, umgeben von einer Korona von Mitgliedern des Bundesrats und des Reichstags, von welch letzteren der fortschrittliche Vizepräsident Professor Hänel aus Kiel unmittelbar in der Nähe des Kanzlers stand. Man kann sich sein Gesicht denken und das Gelächter der übrigen Anwesenden, in das Bismarck herzlich einstimmte.

Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 befand sich Kaiser Alexander II. von Rußland bei unserem König in Ems. Die beiden Monarchen mit großem Gefolge waren eines Abends beisammen. Am entgegengesetzten Ende des Saales stand Graf Bismarck und beobachtete den Zaren in sorgenvoller Erwägung, wie schwer es ins Gewicht falle, welche mehr oder minder freundliche Haltung Rußland gegenüber unserer Politik einnähme. Da erhob sich der große Hund des Kaisers, der unter seinem Stuhl gelegen, und durchwanderte den Saal; von einem Souverän würde man gesagt haben: »er macht Cercle«. Der Hund blieb vor Bismarck stehen, schaute zu ihm empor, wedelte zutunlich und leckte die vorgestreckte Hand des Grafen. In diesem Augenblick ertönte durch den ganzen Saal die Stimme des russischen Kaisers, der den Bewegungen seines Hundes offenbar gefolgt war, zu Bismarck herüber: »Da sehen Sie, daß der Hund die Freunde seines Herrn kennt.« Bismarck schloß seine denkwürdige Mitteilung mit den Worten: »Ich fühlte mich erleichtert. Das war ein geschichtlicher Moment für unsere Politik.«

Gast (Bismarck): »Zahlen!
Gast (Bismarck): »Zahlen!

Gast (Bismarck): »Zahlen!« Kellner (Minister Heemskerk): »Eure Hoheit zahlen wohl am besten mit einem Traktat!«

Bezieht sich auf die Beschwerden Hollands über den deutschen Lachsfang im Rhein. (»Holländ. Witzblatt«, März 1886)

»Sultan« war nach einem Worte der Fürstin Bismarck der rührendste Hund, den ihr Gemahl besessen. »Wenn ich verreiste,« erzählte der Kanzler, »so suchte er mich überall mit großer Traurigkeit. Endlich ergriff er dann zu seinem Troste meine weiße Militärmütze und meine hirschledernen Handschuhe, trug diese in den Zähnen nach meinem Arbeitszimmer und blieb dort, mit der Nase an meinen Sachen, liegen, bis ich wiederkam. — Auch der alte Tyras war sehr intelligent und treu. Einst hatte ich meinen Stock, den ich auf die Straße nicht mitnehmen konnte, da ich in Uniform ging, an die Innenmauer des Gartens gestellt, ehe ich durch die Pforte schritt. Nach vier Stunden kam ich aus dem Reichstag zurück. Tyras begrüßte mich nicht beim Eintritt ins Haus, wie sonst stets, und ich fragte daher den Schutzmann, wo der Hund sei: ›Der steht seit vier Stunden hinten an der Gartenmauer und läßt niemand zu Eurer Durchlaucht Stock‹, erwiderte der Wachtposten. Ein andermal ging ich hier in Varzin in Begleitung von Tyras spazieren und sehe auf einer Karre eine Fuhre Holz liegen, das ich für gestohlen hielt, weil es aus grünem Holze gehauen war. Ich gebot dem Hund, bei der Fuhre zu bleiben, und entfernte mich, um einen Mann zu holen, der die Sache aufklären könne. Als ich zurücksah, gewahrte ich aber, daß Tyras mir leise und geduckt nachschlich. Ich kehrte zurück und legte einen Handschuh auf die Karre. Da blieb mein Tyras dort stehen wie angewurzelt.« Über das Ende des tüchtigen Tieres erzählte der Fürst später: »Er war nicht krank; er ist an Altersschwäche eingegangen. Einen Tag vor seinem Tode war er schon so steif, daß ich ihn wie einen Hammel von oben in mein Arbeitszimmer tragen lassen mußte. Dann, als ich nach Hause kam, wedelte er noch. Das nächstemal, an seinem Todestage, konnte er auch nicht mehr wedeln und gab nur durch seinen Ausdruck zu verstehen, daß er mich erkannt habe. Während ich dann am Tische schrieb, sah ich ihn plötzlich sich lautlos in mein Schlafzimmer schleppen, und gleich darauf sagte mir der Diener, der ins Schlafzimmer getreten war: ›Der Tyras liegt ausgestreckt im Schlafzimmer.‹ Von meinen jetzigen Hunden kann ich dagegen rühmen, daß sie wie wild aus ihren verschiedenen Winkeln auffahren und gegen die Tür stürmen, sobald der Diener meldet: ›Das Essen ist aufgetragen.‹«

Von der Heftigkeit des Kampfes, der namentlich von fortschrittlicher Seite aus gegen den Kanzler geführt wurde, von der Gehässigkeit, mit der man ihm zu begegnen wagte, bildet das beredteste Zeugnis jene Szene im Reichstag, in der ihm das beschimpfende Wort »schamlos« entgegenhallte. Sie erinnert lebhaft an die erregte Zeit, in der Graf Ballestrem ihn durch den Zuruf »Pfui« in die Schranken rief.

Schamlos

Bei der Beratung über die Mietsteuer war jenes Wort gefallen. Sofort erwiderte Fürst Bismarck unter großer Unruhe: »Meine Herren, das Wort ›schamlos‹ ist ein ganz unverschämter Ausdruck, den ich hiermit zurückweise.« Präsident von Goßler, der eben von einem Schriftführer um etwas gefragt wurde, hatte den Ausdruck »schamlos« überhört. Er fragte nun amtlich, ob dieser Ausdruck gefallen sei. Bejahende Rufe antworteten. Der Täter fand sich aber nicht bemüßigt, sich zu melden. Da rief Bismarck: »Er (der Ausdruck) ist gefallen, ich habe ihn gehört, dort (links) ein Herr, der selbst keine Scham kennt, hat ihn gebraucht (Unruhe).« Präsident von Goßler erklärte: »Ich bedauere aufs tiefste, daß ich den Ausdruck nicht gehört habe, ich würde unter allen Umständen mit der allergrößten Schärfe eingeschritten sein.« Noch immer hielt es der unbekannte Schreier für angemessen, sich nicht zu nennen. Da rief Bismarck: »Der Herr wird sich gewiß melden — die Herren, die neben ihm sitzen, werden es ja wissen. Der Herr wird doch den Mut haben, sich zu nennen?« Nun erhob sich endlich der Abgeordnete Struve mit den Worten: »Jawohl! Ich bin es gewesen, Struve!« Unverzüglich erteilte ihm Präsident von Goßler, unter lebhaftem Beifall, den Ordnungsruf. Bismarck aber erklärte: »Nun, ich bin nicht überrascht, von Herrn Struve da wundert es mich nicht.« Zur Sache bemerkte er dann nur noch: »Ich und mit mir wahrscheinlich die meisten Reichsbeamten gehören zu der Klasse von Leuten, die weniger auf hohes Gehalt als auf gute Behandlung sehen, und wenn wir dafür eine Garantie bekommen könnten, wenn wir gegen eine ungleiche Behandlung eine Deckung durch die Reichsgesetzgebung bekommen könnten, würden wir sehr dankbar sein.« Nach dem Schluß dieser Rede aber erhob sich der Abg. Struve zu folgender Bemerkung »zur Geschäftsordnung«: Nachdem der Präsident gegen ihn wegen des Rufes »schamlos« den Ordnungsruf verhängt habe, frage er an, »welchen Schritt er gegenüber dem Reichskanzler tun wird, der hier gesagt hat, der Ausdruck ist von einem Abgeordneten gefallen, welcher selbst keine Scham hat«? Noch ehe Präsident von Goßler antworten konnte, erklärte Fürst Bismarck: »Ich habe zu meiner Rechtfertigung zu bemerken, daß ich diese Äußerung getan habe, bevor der Herr Abgeordnete die Güte gehabt, sich zu nennen (Heiterkeit rechts). Nachdem er sich genannt hat, nehme ich den Ausdruck zurück. — Der Herr Abgeordnete kennt gewiß Scham (Heiterkeit).«

Die afrikanische Venus
Die afrikanische Venus

Die afrikanische Venus

Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)

Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung
Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung

Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung

Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?«

(»Punch«, 29. August 1885)

So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken, daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat, da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei, Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft, gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich, dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt.

Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler
Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler

Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich empfehl’ mich Ihne.«

Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist die Karolinen an die Spanier.

(»Frankfurter Laterne«, November 1885)

Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt: »Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie 1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen, wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte, und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen. Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode, die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war, der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese — ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach, war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff ›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und 1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird, nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.«

Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt.
Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt.

Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le Grelot«, 2. Dezember 1883)

Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde, zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute suchte.

Bismarcks Schützling
Bismarcks Schützling

Bismarcks Schützling

Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)

Bismarck führt Österreich und Italien
Bismarck führt Österreich und Italien

Bismarck führt Österreich und Italien trotz der Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)

Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein, der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr. Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf, und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte.

Boulanger vor dem Spiegel
Boulanger vor dem Spiegel

Boulanger vor dem Spiegel

Boulanger: »Sacré Dieu! Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen ›Boulanger I., Kaiser von Frankreich‹.«

Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden. Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni 1886)

Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden. Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich, wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu entflammen.

In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888, deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar »Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort:

Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend
Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend

Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)

Die belgische Neutralität
Die belgische Neutralität

Die belgische Neutralität

»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20. Februar 1887)

Der Furor teutonicus

»Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial, das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse. (Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe, es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe, für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million, im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.) Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere 700000 Mann sind kriegsgedient, rompus au métier, ausgediente Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren. (Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870, wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz, wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff. Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren, und es wird kein Feind wagen, mit diesem Furor teutonicus, der sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben, der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief, heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹«

Der Dreibund im Hypodrom
Der Dreibund im Hypodrom

Der Dreibund im Hypodrom (»Le Grelot«, 30. Juni 1889)

Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen, als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes voll sei. Ohne Beratung in der Kommission ging das Gesetz durch. Wie eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand. Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk, das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1. März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden. In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm, der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war. Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat, erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde zu sein!«

Der Zerschmetterer
Der Zerschmetterer

»Der Zerschmetterer«

Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus: »Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)

Am 9. März morgens ½9 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen.

Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort, und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck sprach:

Bismarck am Marterpfahl
Bismarck am Marterpfahl

Bismarck am Marterpfahl, der die Inschrift trägt: »Die Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß, sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)

Bismarcks Alp
Bismarcks Alp

Bismarcks Alp. (»Le Forum«, Mai 1887)

Die Grabrede auf den alten Kaiser

»Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck, sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen, welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben, die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem, was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe, der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen, aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte, als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde. Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen, wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation, wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist, gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit, das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.«

Bismarck im Reichstag
Bismarck im Reichstag

Bismarck im Reichstag. Der Friedensengel und der Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen: »Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)

Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben, der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu Kaiser Wilhelm dem Ersten.

Die deutsche Küche
Die deutsche Küche

Die deutsche Küche

Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«, 1888)

Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck, als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs. Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals« des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart.

Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden.

Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole,<br> Die ich mit Andacht nun herunterhole!
Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole,<br> Die ich mit Andacht nun herunterhole!

Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole, Die ich mit Andacht nun herunterhole! — — — — — — — — — — — — — Erweise deinem Meister deine Gunst.«

Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)

Der Tod des Reitknechtes

Als des Kanzlers einstiger Reitknecht Hildebrandt gestorben war, den er einst vom Tode des Ertrinkens gerettet, empfing er die Nachricht durch den Bruder, der gleichfalls lange in seinen Diensten gestanden hatte und dann nach Chikago ausgewandert war. Ihm schrieb Fürst Bismarck folgenden eigenhändigen Brief: »Lieber Hildebrandt! Ihren Brief vom 9. habe ich erhalten und mich gefreut, daß es Ihnen gut geht, wenn Sie auch im Laufe der Zeit von Trauerfällen nicht verschont geblieben sind. Ihr Bruder war danach älter, wie ich glaubte. Ihre erste Frau war 1851 ein ganz junges Mädchen, ist also nicht alt geworden. Ich freue mich, daß Sie auch mit der jetzigen glücklich leben und daß sie noch an Deutschland denkt. August wird wohl ein feiner Yankee geworden sein. Mir geht es insoweit gut, als die Meinigen nach Gottes Gnade leben und gesund sind und meine Tochter mir zwei Enkel geschenkt hat; meine Söhne sind leider noch nicht verheiratet; Herbert ist bei der Botschaft in London; der Jüngste arbeitet hier unter mir; beide sind Gott sei Dank gesund, was ich von meiner Frau leider nicht immer sagen kann, und von mir gar nicht; ich jage nicht mehr und reite selten, weil ich zu matt bin, und wenn ich nicht bald mich zur Ruhe setze, so wird meine Lebenskraft verbraucht sein. Wie alt sind Sie jetzt? und was für ein Geschäft treiben Sie, oder haben Sie sich schon zur Ruhe gesetzt? Ihrer Frau können Sie sagen, daß Lauenburg sich sehr aufnimmt; ich bin im Herbst seit dreißig Jahren wieder dort gewesen, bin auch Ehrenbürger der Stadt und grüße als solcher Ihre Frau besonders.«

Ein Stammbuchvers

Das Album einer fürstlichen Frau fand, nachdem Moltke sich darin eingetragen, mit den Worten »Schein vergeht, Wahrheit besteht« auch Zugang zu Bismarck, der unter Moltkes Worte den Vers schrieb:

»Ich glaube, daß in jener Welt Die Wahrheit stets den Sieg behält, Doch mit der Lüge dieses Lebens Kämpft unser Marschall selbst vergebens.«

Fraktur

Sehr kräftig hat der Kanzler seine Abneigung gegen deutsche in lateinischer Schrift gedruckte Bücher und auch gegen die neue, von dem Minister von Puttkamer eingeführte Orthographie ausgesprochen. Es geschah dies in einem Dankschreiben aus Varzin an die Naturforscher Karl und Adolf Müller in Kassel, die ihm ein Werk über die Tiere der Heimat zugesandt hatten. »Die fesselnde Schilderung und die naturgetreuen Abbildungen haben die Abneigung überwunden,« schrieb er ihnen, »welche mich sonst abhält, deutsche Bücher mit lateinischen Lettern zu lesen, weil ich mit der Zeit, welche Geschäfte und Gesundheit zu meiner Verfügung lassen, haushälterisch umgehen muß. Ich brauche erfahrungsmäßig 80 Minuten, um die Seitenzahl in lateinischer Schrift zu lesen, die more vernaculo (nach allgemeiner Sitte) gedruckt, eine Stunde erfordert. Französisch oder Englisch mit deutschen Lettern gedruckt, oder Deutsch mit griechischen, wird jedem Leser, auch dem mit allen Alphabeten gleichmäßig vertrauten, die gleichen Schwierigkeiten machen. Der gebildete Leser liest nicht Buchstabenzeichen, sondern Wortzeichen. Ein deutsches Wort in lateinischen Buchstaben ist ihm eine ebenso fremde Erscheinung, als Ihnen ein griechisches Wort in deutschen Buchstaben sein würde, und nötigt zu langsamerem Lesen, geradeso wie die neuerdings eingeführte willkürliche Entstellung unserer hergebrachten Orthographie. Verzeihen Sie diesen Ausbruch verhaltenen Unbehagens eines einsamen Lesers und sehen Sie in demselben kein Symptom von Undankbarkeit für Ihre freundliche Gabe, bei deren ansprechender Lektüre ich die Nationalität der Typen gern vergesse.«

Ein Neujahrsgeschenk
Ein Neujahrsgeschenk

Ein Neujahrsgeschenk. (»Don Quichotte«, 31. Dezember 1887)

Die Getreuen von Jever

Bekanntlich schickten die Getreuen von Jever dem Kanzler jährlich zu seinem Geburtstage 101 Kiebitzeier. Dies geschah am 68. Geburtstage mit folgenden Vers:

Fast as de Diek üm Jeverland Schlungst Du üm’t dütsche Land dat Band. As üm dat Jeverland den Diek — Schütz Gott den Diekhauptmann von’t Riek! Die Getreuen in Jever.

Fürst Bismarck ließ den freundlichen Spendern diesmal durch den preußischen Gesandten in Oldenburg eine Gegengabe übermitteln. Es war ein silberner Becher in Gestalt eines Kiebitzeies. Außen hatte er die Farbe des Kiebitzeies, innen war er vergoldet. Den Deckel bildete ein Kiebitzkopf; die innere Fläche war mit dem Wappen des Reichskanzlers geziert. Das Ganze ruhte auf einem Kiebitzfuß. Diese Gegengabe begleitete Bismarck mit folgendem Schreiben vom 22. April: »Den ›Getreuen in Jever‹ danke ich herzlichst für die Kiebitzeier und die guten Wünsche, mit denen Sie mich auch in diesem Jahre zu meinem Geburtstage erfreut haben. Gestatten Sie mir, meinem Dank wenigstens durch ein Ei Ausdruck zu geben, von einem Berliner Kiebitz gelegt. Ich bitte Sie, dasselbe als Andenken zur Benutzung bei gelegentlichem Umtrunk der ›Getreuen‹ freundlich entgegenzunehmen, und ich würde mich freuen, wenn ich einem Mitgliede Ihres liebenswürdigen Kreises für das Wohlwollen, welches Sie mir zehn Jahre hindurch bewiesen haben, meinen Dank bei gelegentlicher Anwesenheit in Berlin auch mündlich aussprechen könnte.«

Mondschein

Zu einem seiner Geburtstage hatte der berühmte humoristische Charakterdarsteller Karl Helmerding dem Fürsten folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: »Goethe soll im Sterben ausgerufen haben: ›Mehr Licht!‹ Möge die Sonne, welche seinem Wunsche Erfüllung gab, uns noch recht lange leuchten!« — Bismarck erwiderte, gleichfalls telegraphisch: »An den Schauspieler Helmerding! 1. April 1875. Herzlichen Dank! Aber die lieblose Anspielung mit Mondschein gerade heut’, bei sechzig voll? von Bismarck.«

Wie er Modell saß

Professor Fritz Schaper sollte das Kanzlerdenkmal für Köln ausführen, mußte sich aber damit begnügen, ihn einigemal in der Nähe zu sehen, ohne daß ihm der Fürst als Modell saß. Dafür aber erhielt der Künstler den vollständigen Anzug des Kanzlers, und in diesen wurde ein Berliner Schutzmann gesteckt, der die gleiche Körperbildung wie Bismarck besaß. Fünf Jahre später hatte der Bildhauer eine Büste für den 70. Geburtstag des Reichskanzlers herzustellen. Damals traf er es besser. Er war von Bismarck zu Tisch geladen, aber der Kanzler mochte wohl geglaubt haben, daß die Betrachtung bei der Tafel genüge. Doch als nach Ende des Mahls der Fürst seine Pfeife angezündet hatte, zog plötzlich Schaper sein Handwerkszeug hervor, sagte nur: »Erlauben Sie, Durchlaucht«, und begann den Kopf abzumessen. Dabei hatte er freilich einen Umstand nicht berücksichtigt, nämlich — Tyras, der wütend auf den Künstler lossprang, jedoch schnell zur Ruhe verwiesen wurde. So konnte Schaper, maßgeblich für alle Kollegen, die Größenverhältnisse des gewaltigen Kopfes feststellen. Damit der Fürst bei dieser für ihn langweiligen Messung nicht ungeduldig würde, suchte ihn Schaper nach Kräften zu unterhalten und erzählte dabei ein Histörchen, zu dessen Verständnis daran erinnert sei, daß Bismarck sich einmal den weißen Vollbart hatte wachsen lassen. Ein Schalk — so erzählte nun Schaper — sei während des Karnevals auf das Standbild geklettert und habe dem Kopfe mit — Schlagsahne den Vollbart verliehen; das sei dem Übermütigen freilich schlecht bekommen, denn man habe ihn eingesperrt. Bismarck bemerkte: »Das hätte man mir telegraphieren sollen, ich hätte sofort seine Freilassung verfügt!«

Die Ägyptische Frage

Fürst Bismarck wurde einst von einem gern das große Wort führenden Industriellen, der sich sehr vertraulich zu dem Reichskanzler zu gebärden pflegte, gefragt: »Nun, Durchlaucht, wie wird es jetzt mit der Ägyptischen Frage?« Sehr ruhig antwortete ihm der Fürst mit seiner »wurstigen« Miene: »Daß weiß ich nicht, Herr Kommerzienrat, ich habe heute die Zeitungen noch nicht gelesen.«

Noch ein Vers Bismarcks

Einmal erhielt der Fürst zum Geburtstage von den Stammgästen im »Halben Monde« zu Weißenfels folgenden Glückwunsch:

»Durchlaucht, wir gratulieren. Sie sind das zwar gewohnt, Doch selten mag’s passieren Von Gästen aus dem Mond.«

Umgehend erfolgte Bismarcks Antwort:

»Daß mir Gratulationen Vom Monde zugedacht, Wo selten Gäste wohnen, Das hätt’ ich nie gedacht.«

Zeus und die polnische Danaë
Zeus und die polnische Danaë

Zeus und die polnische Danaë

Nicht um sie zu besitzen, sondern um sie mit guter Manier loszuwerden, versetzt er der (Polenvorlage) Danaë eins mit dem gütererwerbenden Dreihundert-Millionen-Goldregen. (»Ulk«, Februar 1886)

Wie man lästige Besuche entfernt

Lord Odo Russell, der englische Gesandte am deutschen Hofe, besuchte eines Tages den Fürsten Bismarck in dessen Palais in der Wilhelmstraße in Berlin. Im Laufe der Unterredung meinte der Lord, daß ein Mann wie der Reichskanzler wohl recht oft von lästigen Menschen heimgesucht werde. »Das sei Gott geklagt«, versetzte seufzend der Fürst. »Sie haben aber doch jedenfalls das eine oder andere Mittel, sich solche Leute schnell vom Halse zu schaffen?« »Ei freilich«, schmunzelte Bismarck. »Eines meiner besten ist, daß ich mich durch meine Frau unter diesem oder jenem Vorwande abrufen lasse. Natürlich darf dann der Besucher auch nicht länger bleiben.« Diese Worte waren kaum gesprochen, als die Fürstin hereintrat und mit harmloser Miene bemerkte: »Otto, es ist an der Zeit, deine Medizin zu nehmen, vergiß es nicht.« Der Lord faßte die Sache von der heiteren Seite auf; er brach in ein schallendes Gelächter aus und empfahl sich.

Ein löblicher Kanzler

Einen bemerkenswerten Glückwunsch erhielt Fürst Bismarck zu seinem 70. Geburtstage von den Lehrern der Kreisschulinspektion zu Lüdenscheid. Es war wohl das originellste Telegramm, welches der Fürst unter den Tausenden von Depeschen am 1. April empfing. Dasselbe lautete:

Fürst Bismarck, Berlin. Sirach 10, Vers 5.

Die Schulinspektion zu Lüdenscheid.

Die zitierte Bibelstelle enthält die Worte: »Es stehet in Gottes Händen, daß es einem Regenten gerate; derselbige gibt ihm einen löblichen Kanzler.«

Von der öffentlichen Meinung

»Sie kennen,« so sagte der Kanzler einmal zu Wagener, »unzweifelhaft den Ausspruch des alten Napoleons, daß drei schreiende Weiber mehr Lärm machen als tausend schweigende Männer. Man tut deshalb auch sehr unrecht, den schreienden Weibern der öffentlichen Meinung irgendeine größere Bedeutung beizulegen. Die wahre öffentliche Meinung ist die, welche sich aus gewissen politischen, religiösen und sozialen Vordersätzen in einfachster Fassung in der Tiefe des Volkslebens erzeugt und regt, und diese zu erkennen und zum Durchbruch zu bringen, das ist die eigentliche Begabung und Aufgabe des starken Mannes. Ich möchte sie die Unterströmung der öffentlichen Meinung nennen. Ich habe deshalb auch nie mit den eigentlichen Parlamentsschreiern gerechnet und habe gerade deshalb die Genugtuung gehabt, die öffentliche Meinung, auf die ich Wert lege, in nachhaltiger Weise für mich zu gewinnen. Die Paulskirche in Frankfurt und das Unionsparlament in Erfurt waren in der Tat eine Versammlung ausgezeichneter Redner, und doch, was ist von denselben übrig geblieben? Versunken und vergessen, das ist des Sängers Fluch.«

Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen Riesenglobus
Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen Riesenglobus

Deutschland hat auf der Pariser Ausstellung einen Riesenglobus ausgestellt. Der Globus gefiele den Franzosen schon, aber das, was oben sitzt, nicht. (»Hum. Blätter«, Febr. 1888)

Vom Werte des Ruhmes

»Es ist nicht gerade sehr angenehm,« sagte Bismarck einmal zum Geheimrat Wagener, »weder auf vierzehn Schritt belorgnettiert, noch auf vier Schritt beschossen zu werden, und das bißchen Eitelkeit, das in dem Angestauntwerden seine Befriedigung findet, hält nicht lange vor. Alle die kleinen Eitelkeiten des Lebens haben nur so lange Reiz, wie man sie nicht besitzt. Sobald man sie erreicht hat, gilt von allen der Ausspruch des Königs Salomo, daß es eitel ist und keine wahre Befriedigung gewährt. Ich begreife deshalb auch nicht, wie ein Mensch dieses Leben ertragen kann, der nicht an ein anderes und besseres glaubt.«

Der Sicherheitsknüppel

Nach dem Kullmannschen Attentat trug Herr von Rottenburg, wenn er den Kanzler in Kissingen begleitete, stets einen Revolver bei sich, Bismarck gleichfalls. Eines Tages traf dort aus London ein mächtiger Knüppel ein, wie ihn die Londoner Policemen tragen, mit der Zuschrift: »Haben Sie acht.« Als Rottenburg den Fürsten hierauf aufmerksam machte, lehnte dieser seine Begleitung mit den Worten ab: »Ich bin in Gottes Hand!«

Bismarck als Drachen
Bismarck als Drachen

Bismarck als Drachen zwischen dem als kriegerisch gedachten Kronprinzen Wilhelm und dem Frieden. (»Don Quichotte«, 23. Juni 1888)

Die Ahnherren

Keiner seiner Vorväter, so erzählte einmal Fürst Bismarck, habe seit den Hugenottenkriegen gelebt, der nicht den Degen gegen Frankreich gezogen hätte: »Mein Vater und drei seiner Brüder. Dann war mein Großvater mit bei Roßbach, mein Eltervater gegen Ludwig XIV., und dessen Vater ebenfalls gegen Ludwig XIV. in den kleinen Kriegen am Rhein 1672 oder 1673. Dann fochten mehrere von uns im Dreißigjährigen Kriege auf kaiserlicher Seite, andere freilich bei den Schweden. Zuletzt noch einer, der unter den Deutschen war, die als Mietvölker auf der Seite der Hugenotten standen. — Einer — ’s ist der auf dem Bilde in Schönhausen — das war ein origineller Mensch. Ich habe da noch einen Brief von ihm an seinen Schwager, da heißt es: ›Das Faß Rheinwein hat mir selber achtzig Reichstaler gekostet; wenn der Herr Schwager das zu teuer findet, so will ich, so Gott mir das Leben läßt, es selbsten austrinken.‹ Dann: ›Wenn der Herr Schwager das und das behauptet, so hoffe ich, daß ich ihm, so Gott mir das Leben läßt, einmal noch näher an den Leib kommen werde, als ihm lieb ist.‹ Und an einer anderen Stelle: ›Ich habe zwölftausend Reichstaler auf das Regiment verwendet, und die verhoffe ich, so Gott mir das Leben läßt, mit der Zeit wieder herauszuwirtschaften.‹ — Das Herauswirtschaften, damit meinte er vermutlich, daß man sich damals auch für die Beurlaubten und für die sonst nicht vorhandenen Mannschaften den Sold bezahlen ließ. Ja, ein Regimentskommandeur stand sich zu jenen Zeiten anders wie heute.«

Roß und Reiter

Der Fürst hatte infolge seiner Nervosität seit einigen Wochen auf das Rauchen und Weintrinken vollständig verzichtet. Als er dies einmal dem Kaiser Wilhelm mitteilte, sagte dieser: »Sehen Sie, da bin ich doch anders. Ich bin um so vieles älter als Sie, rauche aber dennoch meine Zigarre, trinke mein Glas Wein und befinde mich recht wohl dabei.« »Ja freilich, Majestät,« entgegnete der Kanzler, »das ist eine alte Geschichte, der Reiter hält’s immer leichter aus als das Roß.«

Einer, von dem er sich einschüchtern ließ

Als die Bahn durch den Sachsenwald geführt wurde, besah sich der Fürst fast täglich auf seinem Morgenspaziergange die Bahnarbeiten. Es war ihm wohl nicht lieb, daß der altehrwürdige Wald auf eine weite Strecke hin durchbrochen und die Axt an die Eichen gelegt wurde; aber der Fürst fügte sich den gebieterischen Forderungen der Zeit und hieß sein Herz, das Herz des naturliebenden Landwirts, schweigen. Da kam er einst dazu, als die Arbeiter gerade eine mächtige Eiche gefällt hatten. Sie war der schönsten eine, eine Riesin des Waldes, voll Kraft im tausendjährigen Alter. Da übermannte den Fürsten sein heftiges Temperament, und er befahl den Übeltäter, der des Baumes Todesurteil gesprochen hatte und vollziehen ließ, einen Ingenieur der Bahnbaubehörde, zu sich aufs Schloß. Wütend ging er in seinem Zimmer mit wuchtigen Schritten auf und ab, hastig trat er, als der Diener den Missetäter meldete, dem Eintretenden entgegen. Und als er ihm gegenüberstand, da erstarb ihm der zornigen Worte Schwall auf den Lippen, die finster zusammengezogenen Brauen glätteten sich, und verlegen, ja verlegen bot er dem baumlangen Ingenieur, einem gemessen neun Schuh hohen, breitschulterigen Sohne Mecklenburgs, eine Zigarre und entließ ihn nach einem Gespräche über die gleichgültigsten Dinge der Welt. Im Kreise seiner Familie aber erzählte der Fürst am gleichen Tage noch den Vorgang: »Ich konnte tatsächlich nach ›oben‹ den Ton nicht finden,« meinte er, »der Mensch war ja größer als ich!«

Er bringt ein Hoch auf sich selbst aus

»Es war 1866,« so erzählte der Kanzler einmal, »nach dem Einzug der Truppen, abends. Ich war gerade krank, und meine Frau wollte mich nicht ausgehen lassen. Ich ging aber doch — heimlich —, und wie ich beim Palais des Prinzen Karl wieder über die Straße will, ist da ein großer Haufen Menschen beisammen, der mir eine Ovation bringen will. Ich war in Zivil und muß ihnen mit meinem breiten Hute, den ich in die Stirn gedrückt hatte, ich weiß nicht wessen, verdächtig vorgekommen sein, und einige machten eine feindliche Miene, so daß ich’s für das beste hielt, in ihr Hurra einzustimmen.«

Bismarck als Leuchter dargestellt
Bismarck als Leuchter dargestellt

Bismarck als Leuchter dargestellt. Er lauert heimtückisch, welches Insekt nun wieder sich an der Flamme verbrennen wird. (»Le Triboulet«, 1888)

Bismarck als Hamlet
Bismarck als Hamlet

Bismarck als Hamlet am Sarge Kaiser Wilhelms I. »Sein oder Nichtsein ...« (»Don Quichotte«, 17. März 1888)

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