Vorwort
Reading edition

In eine Zeit der ungeheuersten Spannung, in eine Zeit, da Weltenschicksale entschieden werden, fällt der hundertjährige Geburtstag des größten Deutschen, Otto von Bismarck. Können wir, dürfen wir seiner vergessen, auch wenn alle Herzen sich nur dem einen Ziele spannen: Kunde zu vernehmen von unseren Kämpfen im Osten und Westen, zu erlauschen, ob der Schlag der deutschen Schwerter heil- und siegkündend niederfährt auf die gegen uns bewaffnete Welt?
Wahrlich nein! Denn um Bismarcks Werk wird gerungen, und Bismarcks starker, furchtloser Geist ist es, der unsere Krieger geleitet, weithin auf das Schlachtfeld, in die Enge der Schützengräben, in den Sturm auf feindliche Schanzen, in diesen heiligen Krieg, in dem sich des deutschen Volkes unverwüstliche Art so unvergleichlich offenbart. Fast könnte es scheinen, als ob die Geschichte zur Feier ihres größten Sohnes ein loderndes Fanal entflammt, in dessen Widerschein sich noch einmal Deutschlands heroische Zeit spiegelt, einen Scheiterhaufen, wie ihn einst Philoktet dem Herakles schuf, daß er auf seinen Flammen zu den Unsterblichen steige. Am 1. April sind hundert Jahre vergangen, seit in dem efeuumsponnenen Schloß von Schönhausen der erste Schrei des Knaben das Leben grüßte, der Deutschland zur Einigung führen, dem deutschen Leben einen Inhalt geben sollte.
Wie hätte man sonst den Tag gefeiert! Er wird auch jetzt seine Feier haben: Ernst sinnend wird man des Gewaltigen gedenken, der sein Volk emporriß zu ungeheurer Tat. Aber wie anders hatte man sich das Fest gedacht! Frohe Fahrten zum Sachsenwalde, Festmähler, klingende Gläser und stolze Worte, und am Rhein wuchtig emporsteigend das Denkmal deutschen Dankes. Nur ein Teil hätte abseits gestanden — längst hatten Freisinn und Zentrum den rechten Maßstab für den toten Helden gefunden. Aber die sozialistische Arbeiterschaft hielt sich fern, ihr war im Frieden der vier Jahrzehnte das Verständnis für Bismarcks kühne Politik und auch für den Wechsel im wirtschaftlichen Leben verloren gegangen, der doch allein jener Politik entwuchs und auch der Arbeiterschaft die Grundlagen neuen Gedeihens schuf. Heute werden auch sie, die auf Bismarck schalten, seines Geistes einen Hauch verspüren, denn dieser Geist durchweht sie selbst, durchweht uns alle und gibt uns die Kraft, einer Welt von Feinden zu trotzen. Bismarckscher Geist löste die großen Fragen der Zeit durch Eisen und Blut, siegte bei Metz und Sedan, zwang den Völkerfrühling herauf; Bismarckscher Geist setzte Deutschland in den Sattel, auf daß wir jetzt zeigen, daß wir auch zu reiten verstehen. Bismarckscher Geist hat uns gelehrt, Gott, nichts sonst in der Welt zu fürchten. Auch wer einst auf Marx und Bebel schwur, wird jetzt im Schützengraben, im Sturmangriff, im Sausen der Granaten sich von diesem Geiste umweht und hingerissen fühlen.
Hundert Jahre — auch damals, als Otto von Bismarck erschien, mußte noch einmal ein großes Werk durch Kampf gefestigt werden. Die Schlacht von Leipzig war geschlagen, nach Waterloo führte der Weg, noch einmal mußte durch Blut erworben werden, was in den Schlachten des ersten Freiheitsjahres das Blut gewann. So mußte jetzt, nach hundert Jahren, in einem furchtbaren Ringen zum anderen Male erkämpft werden, was Metz und Sedan uns brachten. Und was uns in all diesen Jahren dieselben Mächte mißgönnten, gegen die wir heute das Schwert ziehen mußten. Ein zerrissenes Deutschland, das mochte man dulden, gut genug, den Dünger anderer Nationen, den Schauplatz ihrer Schlachten zu bilden; ein einiges, seiner Kraft bewußtes, aufstrebendes Deutschland, das sein Erbrecht betont und seinen Platz an der Sonne fordert, das durfte nicht dauern. Und weil es furchtbar war in seinem Waffenstolz, deshalb haben sich gegen dieses Volk die Völker der Erde verbündet, gegen dieses Volk und Bismarcks Erbe!
Denn um dieses Erbe geht heute der Kampf. Der Meister sah es voraus, daß das Spiel noch nicht aus war, daß wir noch einmal zum Schwert greifen müssen, uns zu behaupten. So wurden die letzten Jahrzehnte seines gesegneten Lebens Jahre des Kampfes um unsere militärische und wirtschaftspolitische Rüstung. Löscht seine Arbeit, sein Vollbringen aus, folgt den Gedanken derer, die ihn bekämpften, die ihm mehr als einmal jeden Mann und jeden Groschen versagten, und träumt euch in eine Gegenwart, die diese Arbeit und ihre Siege entbehrte, und längst hätte das Bahrtuch Germanias Glieder umhüllt! Das eben ist das Wesen des Genius, daß er über die Enge der Gegenwart hinaus den Blick auf die Zukunft richtet und ihre Forderungen erkennt. Es ist nur dem Genius eigen, daß er den Zusammenhang des Gesamtlebens und auch das Kommende weiß, daß auch das Ferne schon als Ahnung sein Gemüt durchzittert, daß er »das letzte Klingen und Singen von künftigem Großen« unter dem Lebensstrome fühlt. Jedes Genie ist Prophet.
Wir werden Bismarcks Festtag feiern. Ernster, tiefer als sonst, aber auch geschlossener. Denn in diesen brausenden Zeiten, im Sturme unerhörter Ereignisse, in der Offenbarung unseres stärksten und tüchtigsten Wesens, in Tapferkeit und Aufopferung sind wir sein, erst wahrhaft sein geworden. Der Heldengesang eines starken Geschlechtes wird seines Ehrentages Festlied sein.
Erinnerung aber und Dank werden noch einmal sein Bild heraufbeschwören, und das Herz wird sich aufrichten an dieser eisernen Gestalt, und die Gegenwart wird in die blitzenden Augen der Vergangenheit blicken, die doch ewig Gegenwart bleibt, und ehrfurchtsvoll und zärtlich zugleich wird deutsches Empfinden bei dem Schöpfer unseres neugeschaffenen geschichtlichen Lebens weilen. Gedanken und Erinnerungen werden zu seinem Grabmal im Sachsenwald fliegen, und heimkehrend werden sie das gewaltige Denkmal des Roland im Hamburger Hafen streifen, das Bismarcks Züge trägt.
Und gern wird, mitten im Sturme der Zeit, die Seele unseres Volkes bei dem Riesen weilen, der nicht nur das Reich erbaute, sondern auch durch eine weitschauende Bündnispolitik, durch heiße siegreiche Kämpfe um unsere Rüstung, durch die Steigerung unserer wirtschaftlichen Kraft und den Schutz der Früchte deutscher Arbeit die Bedingungen für unsere Siege im Weltkrieg schuf.
Und kehren die Gedanken zurück in die gewaltige Zeit, die Bismarcks Prägung trug, dann wird auch das Verlangen sich regen, hineinzuschauen in die Werkstatt des Riesen, teilzunehmen an seinem Erleben, und dem Wandern dieses seltsamen märkischen Junkers zu folgen, das durch weite, reiche Täler und über alle Gipfelhöhen führte, und doch auch an den kleinen Zügen sich zu erfreuen, die den Giganten uns menschlich so nahe führen und die wie Schmetterlinge, die über die Wiese gaukeln, dem ernsten Leben reiche Farbe geben.
So entstand dieses Buch. Es soll ein Bild zugleich der geschichtlichen Entwicklung des großen Kanzlers sein und doch auch die kleinen Züge umfassen, die das Menschliche enthüllen. Mitten in das Brausen gewaltiger Tage klingt darum die Anekdote herein, und wenn die Geschichte ihren Spiegel unparteiisch und ernst vor das Antlitz ihres großen Sohnes hält, so soll dieses Antlitz sich doch auch in jenem Spiegel zeigen, in dem die Karikatur die Züge nicht immer nur feindlich, sondern oft auch in scherzender Liebe darstellt. Denn auch sie bildet einen Quell der Geschichte. Sie zeigt uns die Wirkung seines Handelns auf die Mitwelt, und wer genau hinblickt, und wer auch nur das eine erwägt, daß wohl noch keine Persönlichkeit so eifrig, wie Otto von Bismarck, zum Ziel des politischen Künstlerscherzes wurde, der wird auch hierin einen Beweis seiner oft genug nur mit grimmigem Widerstreben anerkannten Größe entdecken. Denn die Türme nur werden von den Dohlen umflattert.
Hier aber war eines nötig, wenn anders ein würdiges Bild des gewaltigen Staatsmannes entstehen sollte: Die geschichtliche Darstellung seines Lebens und seiner Taten mußte den Rahmen bilden, in den Anekdote und Karikatur sich fügen. Denn Herz und Auge ermatten, wenn sie stets nur dem gleichen Farbenton begegnen. Aus dem Leben des Mannes muß die Episode herauswachsen, gleich einer bunten Blume auf saftgrüner Wiese, und erst dann genießt man die Karikatur, wenn sie, in den großen Zusammenhang der Taten gestellt, zum Zeugnis der Ernte an Haß und Liebe gemacht wird.
Schwer, unendlich schwer ist es hier, den Maßstab zu finden. Denn in unermeßlicher Fülle bieten sich dort die einzelnen Züge in starker Prägung, wo die Persönlichkeit ein schlechthin originales Gepräge trägt. Das gilt auch von der Karikatur. Mehr als zwölftausend dieser von der Stunde geborenen Bilder lagen mir vor, die wohl die ganze Stufenleiter des Empfindens umfassen: Schadenfreude, Haß, hämischen Neid, widerwillige Bewunderung, Anerkennung, Enthusiasmus, Liebe. Sie alle sind in der Auswahl zur Geltung gekommen. Aber diese Auswahl stellte noch andere Bedingung. Sie mußte allen Parteien in Preußen und im Reiche das Wort geben, sie mußte einen Spiegel der Fernwirkung im Auslande bieten, sie mußte endlich einen Leitfaden für die Entwicklung der Technik auf diesem Gebiete schaffen. Was heute nicht mehr klar im Zusammenhange lebt, was nur für den Tag und seinen kleinen Streit Bedeutung hatte, das mußte weichen. So nur kann das Auge, das über die Bilder streift, aus ihnen selbst die Geltung und das Wachstum der Persönlichkeit erkennen. Und jedes Bild gewinnt mit dem künstlerischen zugleich einen geschichtlichen Wert.
In der geschichtlichen Darstellung konnte ich auf früheren Arbeiten fußen. Und auch die unendlich mühsame Arbeit der Sammlung war mir erleichtert: Herr Buchhändler Kabitzsch in Würzburg hat seine unendlich wertvolle Sammlung, die er dem Germanischen Museum in Nürnberg schenkte, mir hochherzig zur vollen Verfügung gestellt, Herr Rudolf Brockhaus in Leipzig seine Sammlung von Blättern aus dem großen Kriege. Ich habe beiden Herren zu danken. Und auch dem jugendlichen Dr. Benno Kettner, der mit prächtigem Eifer mich bei der Sammlung und Auswahl unterstützt hat.
So mag denn dieses Buch in stattlichem Gewande hinausziehen in die Welt und an seinem Teile helfen, daß im deutschen Hause das Gedächtnis des gewaltigen Mannes stark und lebendig bleibt.
Berlin im großen Kriegsjahr
Dr. Paul Liman