Die Konfliktszeit
Reading edition
Als Otto von Bismarck vom Kaiser Napoleon in denselben Gemächern zu St. Cloud Abschied nahm, in denen einst Karl X. die verhängnisvollen Juli-Ordonnanzen unterschrieb, war der Abschiedsgruß des französischen Herrschers, das Schicksal Polignacs nicht zu vergessen. Und als er in der preußischen Hauptstadt eintraf, da empfing ihn die Frage: »Wer in Himmels Namen ist dieser Bismarck, daß man ihn auf einen so hohen Posten stellt?« Und die Antwort hieß: Ein »prahlender Junker«, ein »hohler Großsprecher«, der »Napoleonverehrer« und »Städtevertilger«. Und nur wenige Getreue traten vertrauend an seine Seite.
Wann hätte er einen Gedanken gehabt!
Die »Berliner Allgemeine Zeitung« entwarf von Bismarck folgende Charakteristik: »Als ein Landedelmann von mäßiger politischer Bildung, dessen Einsichten und Kenntnisse sich nicht über das erheben, was das Gemeingut aller Gebildeten ist, begann er seine Laufbahn. Den Höhepunkt seines parlamentarischen Ruhmes erreichte er in der Revisionskammer von 1849 und im Unionsparlamente 1850. Er trat in seinen Reden schroff und rücksichtslos auf, nonchalant bis zur Frivolität, mitunter witzig bis zur Derbheit, aber wann hätte er einen politischen Gedanken geäußert?«
Vier lange Jahre hatte der Konflikt bereits gedauert. Nicht den Kampf allein um die Heeresmacht, um die Schlagfertigkeit Preußens galt es zu führen, sondern auch den Kampf um das Königtum und sein Recht. Es galt, Deiche und Dämme zu schaffen, daß nicht die parlamentarische Welle hinüberflute und das Königsrecht verderbe. Und schon glaubten König Wilhelms Getreue, daß alles verloren sei, und doch war gerade jetzt alles gewonnen. Denn eine neue Armee zog heran, und diese Armee hieß — Bismarck. Welcher Geist ihn beseelte, welche Gefahren ihm drohten, das zeigen deutlicher als alles zwei Worte, die er in jenen Tagen sprach: »Der Tod auf dem Schafott ist unter Umständen ebenso ehrenvoll wie der auf dem Schlachtfelde«, und »Ich kann mir schlimmere Todesarten denken als die Hinrichtung«. Und das erste Wort, das er zu den Volksvertretern sprach, war das Wort vom »Eisen und Blut«.
Wie der Konflikt entstand? Nur wenige Daten: Im Juli 1858 hatte Roon seine »Bemerkungen und Entwürfe zur vaterländischen Heeresverfassung« an den Prinzregenten nach Baden-Baden gesandt. Sie waren die Antwort auf die Frage, durch welche Mittel Preußen seine welthistorische Aufgabe zu behaupten, seine politische Mission zu erfüllen vermag. Die Antwort forderte die Herstellung und Erhaltung eines schlagfertigen Heeres, die Umwandlung des preußischen Volkes in ein Volk in Waffen. Der Landtag opponierte, die Liberalen und Minister neigten zu schwächlichen Kompromissen. Man war bereit, einen einmaligen Kredit zu bewilligen, wollte jedoch nicht, daß die neuen Truppen einen ständigen unanfechtbaren Posten im Budget einnehmen sollten. Der Konflikt war vor allem heftig entbrannt, als Roon erklärte, daß die Regierung nicht von der dreijährigen Dienstzeit lassen werde, und als er der Kammer das Recht bestritt, die Mittel für die neuen Regimenter stets von neuem zu bewilligen oder nach Willkür abzulehnen. Hier sahen die Volksvertreter ihr vornehmstes Recht, das Budgetrecht, in schwerer Gefahr. So lehnten sie jeden Mann und jeden Groschen, die Kosten der Heeresreform und des neuen Flottengründungsplanes ab, strichen mit 273 gegen 68 Stimmen die gesamten Heeresforderungen aus dem Budget für 1862 und nahmen dieses verstümmelte Budget mit 308 gegen 11 Stimmen an. Ein Kabinett war dem anderen gefolgt, da erschien die königliche Order, die den Prinzen Hohenlohe-Ingelfingen von dem Vorsitz entband und zunächst interimistisch, wenige Tage darauf dauernd Herrn von Bismarck jenes Amt übertrug, das er durch ein Menschenalter zu Deutschlands Segen geführt hat. Scherz und Spiel waren vorbei, der grimme Männerkampf begann.
Mit unbeschreiblicher Energie ging Bismarck vor. Er war fest entschlossen, die Armee, wie sie der König organisierte, nicht um einen Mann vermindern zu lassen, und er blieb dem Ziele getreu, auch als man ihn mit Verbannung und Schafott bedrohte. »Was liegt daran,« so sagte er zu dem den Gegnern geneigten Kronprinzen, »wenn man mich auch hängt, wenn nur der Strick Ihren Thron fest an das geeinte Deutschland bindet.« Wer ahnte damals, daß er den Kampf schon führte, um für die Einigung Deutschlands den Grundbau zu schaffen. Bismarck wollte Preußen instandsetzen, den Deutschen das Gesetz aufzuerlegen, nicht aber, es von ihnen zu empfangen. In der Armee lag der Hebel der Macht; ihr verdankte Preußen seine europäische Stellung; sie war das Bollwerk in der Revolutionszeit gewesen; sie durfte nicht dem populären Andrang und dem Parteileben überliefert werden. Hier galt der liberale Einwurf von der unerschwinglichen Höhe der Kosten nichts mehr. Die Zukunft bewies schon nach dem ersten Waffengange, daß auf dieser Seite ein unübersteigliches Hemmnis nicht gegeben war.
Und nun begann der Kampf mit allen seinen Wechselfällen, ein Kampf, in dem ein Einzelner gegen Tausende rang. Die Worte, mit denen schon Roon sein Amt angetreten hatte: »Es gilt Großes zu leisten, nur ein Schelm denkt allein an sich; das Reformwerk ist eine Existenzfrage für Preußen, es muß vollbracht werden«, blieben auch der Leitfaden Bismarcks. Schwer hatte sich König Wilhelm zu ihm bekehrt. Seine eigene gerade milde Art, die so fern war von jeder Verwegenheit, seine sittlich empfindliche Natur mußte von Bismarcks dämonischer Kraft zurückgestoßen werden; sie mußte sich selbst erst überwinden, ehe sie sich dem Manne der Leidenschaft, des zwingenden Willens hingab.
Am 29. September 1862 begann der Kampf. Da führte sich Bismarck in der Budgetkommission mit den vielzitierten Worten ein:
Eisen und Blut
Der Konflikt wird zu tragisch aufgefaßt und von der Presse zu tragisch dargestellt; die Regierung sucht keinen Kampf. Kann die Krisis mit Ehren beendigt werden, so bietet die Regierung gern die Hand dazu. Die große Selbständigkeit des einzelnen macht es in Preußen schwierig, mit der Verfassung zu regieren; in Frankreich ist das anders: da fehlt die individuelle Selbständigkeit. Eine Verfassungskrisis ist aber keine Schande, sondern eine Ehre. Wir sind vielleicht zu gebildet, um eine Verfassung zu ertragen — wir sind zu kritisch! Die öffentliche Meinung wechselt; die Presse ist nicht die öffentliche Meinung: man weiß, wie sie entsteht. Es gibt zu viel katilinarische Existenzen, die ein Interesse an Umwälzungen haben; die Abgeordneten aber haben die Aufgabe, die Stimmung zu leiten, über ihr zu stehen. — Wir haben zu heißes Blut, wir haben die Vorliebe, eine zu große Rüstung für unsern schmalen Leib zu tragen, nur sollten wir sie auch nützen. Nicht auf Preußens Liberalismus sieht Deutschland, sondern auf seine Macht. Bayern, Württemberg und Baden mögen deren Liberalismus indulgieren, darum wird ihnen doch niemand Preußens Rolle anweisen. Preußen muß seine Macht zusammenhalten auf den günstigen Augenblick, der schon einige Augenblicke verpaßt ist; Preußens Grenzen sind zu einem gesunden Staatskörper nicht günstig. Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen —, sondern durch Eisen und Blut. Diesen Olivenzweig (der Minister zog ihn aus seinem Notizbuche) habe ich in Avignon gepflückt, um ihn der Volkspartei als Friedenszeichen anzubieten; ich sehe jedoch, daß es noch nicht Zeit dazu ist.
Man hat den Zweig von Avignon nicht angenommen. Woher dieser Zweig stammte? Man hat es dreißig Jahre später erfahren.
Der Ölzweig von Avignon
Am 5. September 1862 speiste Herr von Bismarck, damals auf einer Reise durch die Pyrenäen begriffen, mit Herrn Lüning, einem Frankfurter Patrizier, und seiner jungen Frau im Hotel Beau Séjour in Avignon und machte nach der gemeinsamen Table d’hote mit dem Hochzeitspaar einen Ausflug in die Umgebung. Hier empfing Bismarck, als er neben der jungen Dame im Fond der Equipage Platz genommen hatte, eine Depesche aus Berlin. Man fuhr über die prächtige Kettenbrücke am Rhoneufer entlang bis hinaus, wo zwischen reizenden kleinen Besitzungen die Weinberge mit den Olivenhainen wechseln. Hier stieg man aus und promenierte in der balsamischen Luft. Madame Lüning brach einen Doppelzweig von einem jungen Ölbaum, überreichte ihn graziös Herrn von Bismarck und meinte: »Möchte er Ihnen als Friedenskündiger mit Ihren Gegnern nützlich sein.« — »Ich akzeptiere nur die Hälfte«, erwiderte dieser lächelnd, und eine Rose brechend und ihr die andere Hälfte des Zweiges als dunkle Folie gebend, fügte er hinzu: »Die andere Hälfte hinter dieser Rose künde Ihnen, gnädige Frau, den ewigen Frieden in Ihrer glücklichen Ehe!« Herr von Bismarck zog eine kleine Brieftasche hervor und barg darin sorgfältig den Ölzweig. Als man aber in der Kommission nur ein Lächeln für seine Worte hatte, da zerdrückte seine Rechte krampfhaft das Zweiglein mit den welken Blättern und ließ den Staub zur Erde sinken.
Nur wenige verstanden Bismarck, nur wenige folgten ihm. Und doch konnte schon damals ein kluges Auge erkennen, daß es seine Absicht war, den »Souveränitätsschwindel des Parlamentes durch eine starke Auswärtige Politik aus dem Sattel zu heben«. Wie er sie durchführen wollte? Vorsichtig bei aller Leidenschaft. »Ich treibe jetzt«, so sagte er einmal, »Auswärtige Politik, wie ich früher auf die Schnepfenjagd ging, und setze nicht eher den Fuß vorwärts, als bis ich den Dülten, auf den ich treten will, als sicher und tragfähig erprobt habe.«
Bismarcks Wort von Blut und Eisen traf nur auf Hohn. In der »Kölnischen Zeitung« war über die Sitzung und die »geflügelten Worte« des neuen Ministers zu lesen: »Zunächst tat das eine überraschende Wirkung; wir sind von preußischen Ministern lange nicht mehr an viel Geist gewöhnt. Hier nun sprudelte etwas davon. Aber als man dazu kam, da war’s kein Wein, höchstens Soda.« Und der »Kladderadatsch« brachte folgendes Gedicht:
Kavalier-Politik
Wohl hab’ ich einst manch ernstes Wort gehört, Und zwar in »sonst gut unterrichteten« Kreisen: Der eine drohte »mit gezogenem Schwert«, Der andere prophezeit von »Blut und Eisen«. Ernst und bedenklich glaubt’ ich anfangs dran; Jetzt weiß ich’s besser und will mich nicht grämen. Hat uns ein Weiser doch geraten: man Muß die Konflikte nicht zu tragisch nehmen! Zwar stehn in nie versöhntem Gegensatz Zum Kampf bereit die Träger zweier Zeiten; Nur einer kann behaupten noch den Platz, Auf Tod und Leben gilt’s, ein hartes Streiten. Zwar immer bittrer wird der alte Groll, Und immer schwieriger der Haß zu zähmen; Er aber spricht, harmlosen Scherzes voll: Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! Man muß nur etwa nicht als Staatsphantast Noch träumen groß von idealen Zielen; Das einz’ge, was dem wahren Staatsmann paßt: Die große Kunst ist’s, mit dem Volk zu spielen. Mein Spruch: Toujours fidèle et sans souci! Und wenn mir gar zu ernst die Dinge kämen, Dann — nun, dann — nimmt Manteuffel die Partie. Man muß die Sachen nicht zu tragisch nehmen! Er lebe hoch, der weise Staatsmann, der Dies große Wort gelassen ausgesprochen! Als »Zivilisationsstaatssekretär« Hat er dem Frieden neue Bahn gebrochen. Die Sachen freilich müssen leider wir Zu nehmen, wie sie sind, uns schon bequemen. Ihn selber aber, Sohn, das rat’ ich dir — Ihn selber mußt du niemals tragisch nehmen!
Selbst König Wilhelm war über Bismarcks Äußerung so erschreckt, daß der Minister sich genötigt sah, seinem Souverän, der in Baden den Geburtstag seiner Gemahlin im engsten Familienkreise feierte, entgegenzufahren. So ist es zu einer der erschütterndsten Szenen unserer neuen Geschichte gekommen, zugleich zu einem jener steilen Gipfelpunkte im Dasein Bismarcks, die noch höher ragen als all die gewaltigen Kuppen, über die ihn sein Weg geführt hat. Hier mag Bismarcks Erinnerung sprechen!

Bismarck (Marrons sculptes). (Französisches Flugblatt)
»Können wir anständiger umkommen?«
»In den ersten Tagen des Oktobers fuhr ich dem Könige, der sich zum 30. September, dem Geburtstage seiner Gemahlin, nach Baden-Baden begeben hatte, bis Jüterbog entgegen und erwartete ihn in dem noch unfertigen, von Reisenden dritter Klasse und Handwerkern gefüllten Bahnhofe, im Dunkeln auf einer umgestürzten Schiebkarre sitzend. Ich hatte einige Mühe, durch Erkundigungen bei kurz angebundenen Schaffnern des fahrplanmäßigen Zuges den Wagen zu ermitteln, in dem der König allein in einem gewöhnlichen Coupé erster Klasse saß. Er war unter der Nachwirkung des Verkehrs mit seiner Gemahlin sichtlich in gedrückter Stimmung, und als ich um die Erlaubnis bat, die Vorgänge während seiner Abwesenheit darzulegen, unterbrach er mich mit den Worten: ›Ich sehe ganz genau voraus, wie das alles endigen wird. Da vor dem Opernplatz, unter meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen und etwas später mir.‹ Ich erriet, und es ist mir später von Zeugen bestätigt worden, daß er während des achttägigen Aufenthaltes in Baden mit Variationen über das Thema Polignac, Strafford, Ludwig XVI. bearbeitet worden war. Als er schwieg, antwortete ich mit der kurzen Phrase ›Et après, Sire?‹ — ›Ja, après, dann sind wir tot!‹ erwiderte der König. ›Ja,‹ fuhr ich fort, ›dann sind wir tot, aber sterben müssen wir früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen? Ich selbst im Kampfe für die Sache meines Königs, und Eure Majestät, indem Sie Ihre königlichen Rechte von Gottes Gnaden mit dem eigenen Blute besiegeln, ob auf dem Schafott oder auf dem Schlachtfelde, ändert nichts an dem rühmlichen Einsetzen von Leib und Leben für die von Gottes Gnaden verliehenen Rechte. Eure Majestät müssen nicht an Ludwig XVI. denken; der lebte und starb in einer schwächlichen Gemütsverfassung und macht kein gutes Bild in der Geschichte. Karl I. dagegen, wird er nicht immer eine vornehme historische Erscheinung bleiben, wie er, nachdem er für sein Recht das Schwert gezogen, die Schlacht verloren hatte, ungebeugt seine königliche Gesinnung mit seinem Blute bekräftigte? Eure Majestät sind in der Notwendigkeit, zu fechten; Sie können nicht kapitulieren; Sie müssen, und wenn es mit körperlicher Gefahr wäre, der Vergewaltigung entgegentreten.‹

Politischer Eiertanz
Und den politischen Eiertanz hält Bismarck sehr vonnöten; er glaubt, sie blieben alle ganz, und keines ging zertreten, zertreten, nein! wie ihr ja seht, dieweil er jedes — Recht — umgeht. (»Frankfurter Laterne«, September 1863)
Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der König und fühlte sich in die Rolle des für Königtum und Vaterland kämpfenden Offiziers hinein. Er war äußeren und persönlichen Gefahren gegenüber von einer seltenen und ihm absolut natürlichen Furchtlosigkeit, auf dem Schlachtfelde, wie Attentaten gegenüber; seine Haltung in jeder äußeren Gefahr hatte etwas Herzerhebendes und Begeisterndes. Der ideale Typus des preußischen Offiziers, der dem sicheren Tode im Dienste mit dem einfachen Worte ›Zu Befehl‹ selbstlos und furchtlos entgegengeht, der aber, wenn er auf eigene Verantwortung handeln soll, die Kritik des Vorgesetzten oder der Welt mehr als den Tod und dergestalt fürchtet, daß die Energie und Richtigkeit seiner Entschließung durch die Furcht vor Verweis und Tadel beeinträchtigt wird, dieser Typus war in ihm im höchsten Grad ausgebildet. Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er mit mir einschlug, würde bestehen können. Demgegenüber war die Wirkung unserer Unterredung in dem dunkeln Coupé, daß er die ihm nach der Situation zufallende Rolle mehr von dem Standpunkte des Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Portepee gefaßt und in der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten Posten auf Leben und Tod zu behaupten, gleichviel ob er darauf umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem Gedankengange vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit wieder, um die er in Baden gebracht worden war, und selbst seine Heiterkeit. Das Leben für König und Vaterland einzusetzen, war die Pflicht des preußischen Offiziers, um so mehr die des Königs, als des ersten Offiziers im Lande. Sobald er seine Stellung unter dem Gesichtspunkte der Offiziersehre betrachtete, hatte sie für ihn ebensowenig Bedenkliches, wie für jeden normalen preußischen Offizier die instruktionsmäßige Verteidigung eines vielleicht verlorenen Postens. Er war der Sorge vor der ›Manöverkritik‹, welche von der öffentlichen Meinung, der Geschichte und der Gemahlin an seinem politischen Manöver geübt werden könnte, überhoben. Er fühlte sich ganz in der Aufgabe des ersten Offiziers der Preußischen Monarchie, für den der Untergang im Dienste ein ehrenvoller Abschluß der ihm gestellten Aufgabe ist. Der Beweis der Richtigkeit meiner Beurteilung ergab sich daraus, daß der König, den ich in Jüterbog matt, niedergeschlagen und entmutigt gefunden hatte, schon vor der Ankunft in Berlin in eine heitere, man kann sagen fröhliche und kampflustige Stimmung geriet, die sich den empfangenden Ministern und Beamten gegenüber auf das unzweideutigste erkennbar machte.«
So hatte sich des Königs angeborene Furchtlosigkeit an dem großen Paladin neu aufgerichtet, und auch Bismarck war fortan seines alten Herrn sicher. Und das war um so wichtiger, als mit der Fortschrittspartei sich auch die Gemäßigten verbanden und bald auch der Thronerbe offen in die Reihe seiner Gegner eintrat. Zunächst zog Bismarck das verstümmelte Budget zurück. Die Antwort war der Beschluß der Volksvertreter, die Regierung sei verpflichtet, den Etat für 1863 vor Beginn des Jahres vorzulegen, jede Ausgabe vor seiner Genehmigung sei verfassungswidrig. Damit war der Konflikt auf das Gebiet des Verfassungsrechtes übertragen. Hier ging Bismarcks Standpunkt dahin, daß nach der Verfassung »alle Ausgaben und Einnahmen des Staates für jedes Jahr im voraus veranschlagt und auf den Staatshaushalt gebracht werden müssen, der jährlich durch ein Gesetz festzustellen sei«, daß aber nach derselben Verfassung auch die »gesetzgebende Gewalt gemeinschaftlich durch den König und die beiden Kammern ausgeübt wird«, daß ferner die Übereinstimmung des Königs und beider Kammern zu jedem Gesetz erforderlich sei und daß wohl »jeder Finanzentwurf und auch das Haushaltsgesetz zuerst der Zweiten Kammer vorzulegen, dann aber von der Ersten Kammer anzunehmen oder abzulehnen sei«. Und auf diese Prämissen baute er die Konklusion, daß, wenn ein Widerspruch innerhalb der einzelnen entscheidenden Faktoren vorlag, ein Vakuum gegeben sei und daß in solchem Falle »die bestehenden Steuern und Abgaben fortzuerheben sind, bis sie durch ein Gesetz abgeändert werden«. Die Zustimmung des Herrenhauses, das mit hundertfünfzig gegen siebzehn Stimmen das verstümmelte Budget der Zweiten Kammer verwarf, bot ihm den Rechtsgrund für seine Ansicht. Der Landtag aber gab die Antwort, indem er seinerseits den Beschluß des Herrenhauses für null und nichtig erklärte. Sofort schloß Bismarck die Session mit der Erklärung: »Die Regierung würde sich einer schweren Pflichtverletzung schuldig machen, wenn sie die auf Grund der früheren Bewilligungen der Landesvertretung ausgeführte Umformung der Heeresverfassung unter Preisgebung der dafür gebrachten beträchtlichen Opfer und mit Beeinträchtigung der Machtstellung Preußens dem Beschluß des Hauses gemäß rückgängig machen wollte.« Erst am 27. Januar des nächsten Jahres wurde der Landtag von neuem einberufen.
In den Kammerdebatten war Bismarck stolz, selbstbewußt, schneidend, sarkastisch, aber stets vornehm in seiner Politik, gesellschaftlich gewandt. Wenn die Doktrinäre dort unten gegen ihn donnerten, dann blieb er kühl, und wenn sie ihm Sottisen sagten oder auch wohl von Anklage und Schafott lärmten, dann schrieb er amüsante Briefe an seine Frau, dann klagte er ihr auch wohl humoristisch: »Wenn Roon und die Fuchsstute nicht wären, so würde ich mir etwas vereinsamt vorkommen, obwohl ich nie allein bin ...«, oder er rühmt der Schwester die gute Blut- und Leberwurst und schildert ihr in drastischer Weise den Verlauf seines Tages: »Die Arbeitslast wächst hier täglich. Heute von 8 bis 11 Diplomatie, von 11 bis 2½ verschiedene streitsüchtige Ministerkonferenzen, dann bis 4 Vortrag beim König, von ¼5 bis ¾5 Galopp im Regen bis Hippodrom, um 5 zur Tafel, von 7 bis 10 Uhr Arbeit aller Art, aber gesund und guten Schlaf, starken Durst!«
Seine Gegner überschätzte er in keiner Weise, oft genug erfaßte er die Gelegenheit, sie in derbhumoristischer Weise zu schildern. So fällte er über Benedikt Waldeck, den Führer und Abgott der Demokratie, einmal folgendes Urteil:
Waldeck in Bismarcks Beleuchtung
»Ähnliche Anlage wie Jules Favre, immer konsequent, prinzipientreu, fertig mit seiner Ansicht und seinem Entschluß von vornherein; dazu stattliche Gestalt, weißer ehrwürdiger Bart, Phrase im Brustton der Überzeugung auch in Kleinigkeiten — das imponierte. Er hielt mit einer Stimme, die von tiefster Überzeugungsfreude und Zuversichtlichkeit bebte, eine Rede darüber, daß der Löffel hier im Glase stecke (es war beim Tee), und proklamierte, daß jeder ein Schuft sei, der das nicht glauben wolle, und alle glaubten es ihm und priesen in allen Tonarten seine energische Gesinnung.«
Am bekanntesten ist die Darstellung, die Bismarck in seinem Briefe an Freund Motley gab. Sie mag schon hier ihren Platz finden. Der Brief ist im Landtag geschrieben, während draußen die Wilden vor den Mauern tobten:

Wie der Bey von Tunis den preußischen Konflikt lösen würde.
(»Eulenspiegel«, 30. Mai 1863)
Massenweis dumm
»I hate politics, aber, wie Du sehr richtig sagst, like the grocer hating figs (ich hasse die Politik, wie die Krämer die Feigen), aber ich bin nichtsdestoweniger genötigt, meine Gedanken unablässig mit jenen figs zu befassen. Auch in diesem Augenblick, während ich Dir schreibe, habe ich die Ohren davon voll. Ich bin genötigt, ungewöhnlich abgeschmackte Reden aus dem Munde ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker anzuhören, und habe dadurch einen Augenblick unfreiwilliger Muße, die ich nicht besser benützen kann, als indem ich Dir von meinem Wohlbefinden Nachricht gebe. Ich habe niemals geglaubt, daß ich in meinen reifen Jahren genötigt werden soll, ein so unwürdiges Gewerbe wie das eines parlamentarischen Ministers zu betreiben. Als Gesandter hatte ich, obschon Beamter, doch das Gefühl, ein gentleman zu sein. Als Minister ist man Helot. Ich bin heruntergekommen und weiß doch selber nicht wie.
April 18. — So weit schrieb ich gestern, dann schloß die Sitzung; fünf Stunden Kammer bis drei Uhr, dann eine Stunde Reiten, eine Stunde Vortrag bei Seiner Majestät, drei Stunden auf einem langweiligen Diner, old important Whigs, dann zwei Stunden Arbeit, schließlich ein Souper bei einem Kollegen, der es mir übel genommen hätte, wenn ich seinen Fisch verschmäht hätte. Heut früh kaum gefrühstückt, da saß mir Karolyi schon gegenüber; ihn lösten ohne Unterbrechung Dänemark, England, Portugal, Rußland, Frankreich ab, dessen Botschafter ich darauf aufmerksam machen mußte, daß es für mich Zeit sei, in das Haus der Phrasen zu gehen. In diesem sitze ich nun wieder, höre die Leute Unsinn reden und beendige meinen Brief; die Leute sind alle darüber einig, unsere Verträge with Belgien gutzuheißen, und doch sprechen zwanzig Redner, schelten einander mit der größten Heftigkeit, als ob jeder den anderen umbringen wollte; sie sind über die Motive nicht einig, aus denen sie übereinstimmen, darum der Zank; echt deutsch, leider, Streit um des Kaisers Bart, querelle d’Allemand; etwas davon habt Ihr Anglo-Saxon Yankees auch. Wißt Ihr eigentlich, aber genau, warum Ihr so wütend Krieg miteinander führt? Alle wissen es gewiß nicht; aber man schlägt sich con amore tot, das Geschäft bringt’s halt so mit sich. Euere Gefechte sind blutig, unsere geschwätzig; die Schwätzer können Preußen wirklich nicht regieren, ich muß dem Widerstand leisten, sie haben zu wenig Witz und zu viel Behagen, dumm und dreist. Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung, aber von der Politik, über die Kirchturminteressen hinaus, wissen sie so wenig wie wir als Studenten davon wußten, ja noch weniger, in auswärtiger Politik sind sie auch einzeln genommen Kinder; in allen übrigen Fragen aber werden sie kindisch, sobald sie in corpore zusammentreten, massenweis dumm, einzeln verständig.« — Der übrige Teil des Briefes ist englisch geschrieben, in der Nacht, ehe Bismarck im Bett »des müden Leibes süßen Krafterneuerer« aufsucht. Er will den Brief zerreißen, da dieser unter dem lärmenden Getöse des Parlamentes doch nur eine Folge trauriger Gemeinplätze festgelegt habe, aber da er in seinem dornenvollen Schicksale doch keinen ungestörten Augenblick und keine passendere Gemütsstimmung zu finden wagt, so denkt er, wie Pontius Pilatus: »Was ich schrieb, das schrieb ich.« — »Diese Tropfen meiner eigenen Tinte«, fährt er englisch fort, »sollen Dir wenigstens beweisen, daß meine Gedanken, wenn allein gelassen, hurtig zu Dir eilen. Ich gehe nie an unserem alten Logierhause in der Friedrichstraße vorüber, ohne zu den Fenstern aufzuschauen, die einst geschmückt zu sein pflegten mit einem Paar roter Pantoffeln, die auf dem Fensterbrett aufrechtgehalten wurden von den Füßen eines Herrn (gentleman), der in Yankee-Weise dasaß (d. h. während er die Beine hochhielt), mit dem Kopf drunten und außer Sicht. Meine Frau ist sehr verbunden für Dein freundliches Gedenken. Die Meinen sind leidlich wohl.« »Gott sei Dank«, schließt der Brief deutsch. »Nun leb herzlich wohl. Ich kann so spät am Abend eine so unorthographische Sprache wie Englisch nicht länger schreiben. Aber, bitte, versuche Du es bald wieder. Deine Hand sieht aus wie Krähenfüße, ist aber sehr leserlich; meine auch? Dein treuer alter Freund v. Bismarck.«

Man verhöhnt Bismarck, der doch durch die berühmte Entsendung eines Feldjägers nach Kassel den Kurfürsten zur Nachgiebigkeit gegen die Stände gezwungen und dem Willkürregiment ein Ende gemacht hatte. (»Frankfurter Laterne«, Januar 1863)
Noch einmal mußte Bismarck auch nach Paris zurückkehren, um sich von dem Kaiser Napoleon zu verabschieden. Kurz vorher hatte er seinen Einzug in das Haus in der Wilhelmstraße gehalten, das ihm länger als ein Vierteljahrhundert ein Heim bieten sollte. In Paris hat er wiederholte Besprechungen mit den leitenden Ministern gehabt. Am 1. November hat er sich dann in Saint-Cloud vom Kaiser nach einer langen Unterredung verabschiedet, auf die man später wohl das Versprechen Napoleons zurückgeführt hat, in einem Kriege Preußens gegen Österreich die Neutralität zu wahren. Als er heimgekehrt war, bot sich ihm dann sofort die Gelegenheit, in einen deutschen Hader mit solcher Schneidigkeit einzugreifen, daß noch heute die Episode, die sich hieran knüpfte, als ein Glanzpunkt seines Wirkens bezeichnet wird. Es handelte sich um die Hessische Frage. Auch hier stritt die Regierung gegen die Stände, und sicherlich rechnete der Kurfürst auf die Wendung der Dinge in Berlin, als er versuchte, den Ständen die verfassungsmäßigen Rechte zu verkürzen. Dreimal war die Kammer aufgelöst, aber immer wieder gewählt worden. Preußen hatte gedroht, hatte zwei Armeekorps mobilisiert, aber der Kurfürst blieb hartnäckig, und erst als mit der Okkupation gedroht wurde, stellte er zwar die Verfassung wieder her, löste aber dennoch die jetzt neugewählte Kammer wieder auf. Da sandte Bismarck am 26. November 1862, da ja der diplomatische Verkehr abgebrochen sei, einen Feldjäger Litt nach Kassel mit einem energischen Schreiben, und der Konflikt war gelöst. Friedrich Ötker, der damals den Rat Bismarcks einzuholen ging, schildert ihn in diesen Tagen:

Die verfolgte Unschuld »Ach! ach! ach! Man will uns unsere Machtstellung in Deutschland verkümmern.« (»Frankfurter Laterne«, September 1863)
Kein feudaler Unhold
»Man kann sich vorstellen, mit welchen Gedanken und mit welcher Zurückhaltung ich mich dem Manne näherte, der damals liberalerseits als der wahre aristokratisch-feudale Unhold angesehen wurde. Serviler Landjunker, eingefleischter Aristokrat, Jagdbummler, leichtsinniger Spieler — das waren so etwa die Bezeichnungen, mit denen man den neuen Ersten Minister Preußens bedachte. Und ich selbst, wenn ich auch mein Urteil weit freier gehalten hatte, stand doch unter dem Eindruck der allgemeinen Meinung. Wie war ich daher erstaunt, in wenig Minuten ein ganz anderes Bild in der Seele zu haben, als womit ich das Zimmer des Ministers betreten hatte. Keine Spur von aristokratischem Übermut, borniertem Junkertum, feudaler Einseitigkeit, prinzipieller Verranntheit, diplomatischer Zurückhaltung. Eine hohe, starke, aber geschmeidige Kraftgestalt kam mir freundlichst bis an die Tür entgegen, reichte mir die Hand, rückte mir einen Sessel zurecht und sagte mit dem gewinnendsten Lächeln: ›Na, Sie werden ja auch schon mißliebig bei den Demokraten.‹«
Jetzt trat auch die Deutsche Frage an Bismarck heran. Die Möglichkeiten, die sich boten, mußten entweder in der gemeinsamen Beherrschung Deutschlands durch die beiden Großmächte gipfeln, oder in einer Teilung Deutschlands nach der Mainlinie, oder in der gänzlichen Ausschließung Österreichs. Bismarck wog sie ab, prüfte sie nach Kosten und Gefahren, sprach aber schon in seiner weltberühmten Unterredung mit dem Grafen Karolyi es offen aus, daß er mit einer kriegerischen Entscheidung rechne, daß selbst ein Bündnis Preußens mit einem Gegner Österreichs nicht ausgeschlossen sei. Wie frappierend war jene Offenheit, mit der er hier schon die Entscheidung der großen, zwischen Preußen und Österreich schwebenden Fragen auf das Schlachtfeld verwies! Mit der er die Annexion Hannovers als Bedingung künftigen Gedeihens aufstellte! Schon dem Botschafter Österreichs in Paris, dem jüngeren Metternich, hatte Bismarck erklärt, er sehe keinen Grund, warum Preußen in Österreich etwas anderes sehen solle als eine fremde Macht; gegen die Phrasen vom »Bruderkrieg« sei er stichfest, er kenne keine andere als ungemütliche Interessenpolitik, Zug um Zug und bar. Als aber Graf Karolyi von den traditionellen Einflüssen des Kaiserhauses auf die deutsche Regierung sprach, da rief ihm Bismarck das schneidende Wort entgegen: »Nun, so verlegt euren Schwerpunkt nach Ofen.«
Es hatte sich hier um das österreichische Projekt einer Delegiertenversammlung zum Bundestage gehandelt, das die Berliner Regierung entschlossen bekämpfte. Am 22. Januar sollte die Entscheidung in Frankfurt fallen, und Bismarck siegte. Als er allerdings die nationale Forderung eines aus dem Volkswillen hervorgehenden Parlamentes aufnahm, da wurde dieses Versprechen in ganz Deutschland mit Hohn begrüßt, und ein Leipziger Gelehrter nannte Bismarck überzeugt eine »frivole Bestie«.
Bismarcks Tendenz war deutlich: Er wollte die Kompetenz des Bundesstaates auf ein möglichst geringes Maß beschränken; wer auf deutschem Boden Besseres verlange, könne es nur durch freie Vereinbarung gleichartiger Staaten zu einer engeren Gemeinschaft innerhalb des Bundes, also durch die Errichtung eines Bundesstaates im Staatenbunde erlangen. Eine bestimmte Entschließung freilich über die Art und Form der für die Zukunft anzustrebenden deutschen Verfassung hatte Bismarck damals schwerlich schon gefaßt. Nur wußte er, daß eine friedliche Umgestaltung unmöglich sei: »Jeder andere Krieg,« sagte er wohl, »den Preußen vor diesem österreichischen führte, wäre die reinste Munitionsverschwendung.« In voller Klarheit eben dieser Notwendigkeit ging er mit einer ungeheueren Folgerichtigkeit vor, immer nur das Gesetz im Auge, daß Preußen vorwärtsschreiten muß, niemals zurückweichen darf. Daß die Spannung zwischen den beiden deutschen Großmächten immer schärfer wurde, berührte ihn nicht, und als Kaiser Franz Joseph noch einmal den Versuch machte, auf dem Fürstentage zu Frankfurt, wohin er alle deutschen Fürsten lud, in die Beratung über eine neue deutsche Bundesverfassung zu treten, die ein Bundesdirektorium von fünf Mitgliedern und ein Bundesparlament aus Delegierten der deutschen Kammern mit beratender Stimme vorsah, da war es Bismarck, der das Gelingen dieses Planes mit eisernem Willen durchkreuzte und auch den widerstrebenden König von Preußen in seine Gefolgschaft zwang. Er war zum Bruch entschlossen. »Ich betrachte«, schrieb er an Herrn von Sydow, »das österreichische Reformprojekt als eine Schaumwelle, mit welcher Schmerling dem Kaiser eine glänzende Geburtstagsfeier mit weißgekleideten Fürsten arrangiert. Von dem Dampf der Phrasen entkleidet, ist des Pudels Kern ein so dürftiger, daß man dem Volke lieber nicht praktisch vordemonstrieren sollte, wie nicht einmal das zustande kommt.« Und in einer Denkschrift an den König stellte Bismarck den deutschen Bund als einen altersschwachen Greis dar: Die deutschen Regierungen könnten nebeneinander nur noch fortleben im Vorgefühl naher Katastrophen. Der Boden der Bundesverträge schwanke unter den Füßen dessen, der sich auf ihn stelle. Der Bau der vertragsmäßigen Ordnung der Dinge zeige überall Risse und Spalten, und der bloße Wunsch, daß die morschen Wände den nächsten Sturm noch aushalten mögen, könne ihm die dazu nötige Festigkeit nimmermehr zurückgeben.
Der Fürstentag hat dennoch stattgefunden. Er wurde von Kaiser Franz Joseph am 17. August eröffnet, obwohl Bismarck erklärte, rücksichtslos und schroff, es entspreche der Würde seines Herrn nicht, an einer Versammlung teilzunehmen, deren wichtiger Zweck nicht vorher mit ihm beraten worden wäre. Noch einmal aber suchte man auf König Wilhelm zu wirken. Vor allem erhoben sich die weiblichen Einflüsse, um seinen Entschluß zu durchbrechen. Die bayrische Königin Marie, die Königinwitwe Elisabeth faßten ihn »beim Rüssel der Weltgeschichte«, von Koburg, von London aus wurden Einflüsse auf ihn geltend gemacht, aber zum zweitenmal faßte der kühne Staatsmann seinen König beim preußischen Portepee, indem er ihm erklärte, wenn der König nach Frankfurt gehe, so werde er ihm zwar folgen, aber nicht mehr als Minister nach Berlin zurückkehren. Der ablehnende Brief wurde geschrieben und von Bismarck dem König Johann von Sachsen, der persönlich nach Baden gekommen war, König Wilhelm zu überreden, überreicht. Wie aber in seinem Inneren der Zorn über die lange Spannung kochte, beweist die Tatsache, daß er, als hinter dem Sachsen sich die Türe geschlossen hatte, einen auf dem Tische stehenden Teller mit Gläsern zusammenschlug. »Ich mußte etwas zerstören,« sagte er, »jetzt habe ich wieder Atem.«

König Wilhelm und Bismarck als Totengräber des Deutschen Bundes (»Figaro«, August 1866)
Über die Schwierigkeiten, die ihm die Neigung des Königs, nach Frankfurt zu wandern, bereitet hatte, berichtet Bismarck in seinem Gedenkbuch:
Ein König als Kabinettskurier
»Es wurde mir nicht leicht, den König zum Fernbleiben von Frankfurt zu bestimmen. Ich bemühte mich darum auf der Fahrt von Wildbad nach Baden, wo wir im offenen kleinen Wagen, wegen der Leute vor uns auf dem Bock, die Deutsche Frage französisch verhandelten. Ich glaubte den Herrn überzeugt zu haben, als wir in Baden anlangten. Dort aber fanden wir den König von Sachsen, der im Auftrage aller Fürsten die Einladung nach Frankfurt erneuerte (19. August). Diesem Schachzug zu widerstehen, wurde meinem Herrn nicht leicht. Er wiederholte mehrmals die Erwägung: »Dreißig regierende Herren und ein König als Kurier!« und er liebte und verehrte den König von Sachsen, der unter den Fürsten für diese Mission auch persönlich der berufenste war. Erst um Mitternacht gelang es mir, die Unterschrift des Königs zu erhalten für die Absage an den König von Sachsen. Als ich den Herrn verließ, waren wir beide infolge der nervösen Spannung der Situation krankhaft erschöpft, und meine sofortige mündliche Mitteilung an den sächsischen Minister von Beust trug noch den Stempel dieser Erregung. Die Krisis war aber überwunden, und der König von Sachsen reiste ab, ohne meinen Herrn, wie ich es befürchtet hatte, nochmals aufzusuchen. — Die durch die Ablehnung erzeugte Verstimmung war nach meinen Eindrücken hauptsächlich der Antrieb, der das Wiener Kabinett zu einer Verständigung mit Preußen im Widerspruche mit der bundestägigen Auffassung leitete. Diese neue Richtung entsprach dem österreichischen Interesse, auch wenn sie länger beibehalten worden wäre. Dazu wäre vor allem erforderlich gewesen, daß Rechberg am Ruder blieb. Wäre damit eine dualistische Führung des Deutschen Bundes hergestellt worden, der sich die übrigen Staaten nicht versagt haben würden, sobald sie die Überzeugung gewonnen hätten, daß die Verständigung der beiden Vormächte ehrlich und dauerhaft war, so würden auch die Rheinbundgelüste einzelner süddeutscher Minister, die am schärfsten, was auch Graf Beust in seinen Denkwürdigkeiten sagen mag, in Darmstadt zum Ausdruck kamen, dem österreichisch-preußischen Einfluß gegenüber verstummt sein.«
In diesen heißen Tagen schrieb Bismarck der Gattin: »Was auch die Nachwehen des Frankfurter Fürstentages noch zu tun geben, kannst Du wohl denken. Wenn Könige bauen, haben die Kärrner zu tun, und wenn sie niederreißen, denn viel mehr ist ihr gegenwärtiger Bauversuch leider noch nicht, auch. Wenn die Fürsten ein Wettlaufen mit dem Nationalverein anstellen, dann kriegen wir armen Diplomaten und Halbdiplomaten viel Staub zu schlucken.« Ist es ein Wunder, daß er an diesen Tagen den Wunsch ausspricht, irgendeine Intrige möge jetzt ein anderes Ministerium durchsetzen, damit er mit Ehren diesem ununterbrochenen Tintensturm den Rücken drehen und still auf dem Lande leben könne? »Die Ruhelosigkeit der Existenz«, so schreibt er, »ist unerträglich; seit zehn Wochen im Wirtshause Schreiberdienste und in Berlin wieder; das ist kein Leben für einen rechtschaffenen Landedelmann, und ich sehe einen Wohltäter in dem, der mich zu stürzen sucht. Dabei brummen und kitzeln und stechen die Fliegen hier im Zimmer, daß ich dringend Änderung meiner Lage wünsche, die mir allerdings in wenig Minuten mit dem Berliner Zug ein Feldjäger mit fünfzig inhaltlosen Depeschen bringen wird.«
An den Frankfurter Fürstentag knüpfte sich Bismarcks großes deutsches Programm vom 15. September. Es war der Gegenschlag gegen die Politik von Wien. Ihr Kernpunkt ist der Zwiespalt zwischen Preußens Stellung als Großmacht und einer Verfassung Deutschlands, der jeder Bundesstaat sich unterwerfen muß. Preußen bedarf voller Selbständigkeit, jetzt soll eine Mehrheitsabstimmung die Bundesglieder dem Bund unterwerfen. Das vernichte die preußische Souveränität und bedrohe Preußens Stellung als Großmacht. Das Element, das berufen sei, die Sonderinteressen der einzelnen Staaten im Interesse der Gesamtheit zu vermitteln, werde wesentlich nur in der Vertretung der deutschen Nation gefunden werden können. Nicht in einer Versammlung von Bundesabgeordneten aus den einzelnen Landtagen, sondern nur »in einer wahren, aus direkter Beteiligung der ganzen Nation hervorgehenden Volksvertretung«. »Jedes Wort in dieser Denkschrift«, sagt Max Lenz, »glich einer Schwertspitze, die auf die Brust des Rivalen gerichtet war.« Und in der Tat war in einer solchen Verfassung für Österreich kein Raum mehr, war ein Keil in den Bund geschoben, der ihn auseinandertreiben mußte und den nur das Eisen wieder zusammenfügen konnte.
Aber die Verkündung Bismarcks wurde in Deutschland und vor allem in Preußen, wie gesagt, mit dem lautesten Hohn aufgenommen. War doch im preußischen Parlamente der Konflikt immer heißer entbrannt. Jeder Versuch, eine Versöhnung zu schaffen, scheiterte an dem Doktrinarismus der Gegner. Und auch die Weisheit, daß das ganze Verfassungsleben eine Reihe von Kompromissen sein muß und daß, wenn der Kompromiß dadurch vereitelt wird, daß eine der beteiligten Gewalten ihre eigene Ansicht mit doktrinärem Absolutismus durchführen will, daß dann Konflikte entstehen und solche Konflikte, da das Staatsleben nicht stillzustehen vermag, zu Machtfragen werden, überzeugte die Volksvertreter nicht von der Schwäche ihrer Situation. Schon die Rede, mit der Präsident Grabow das Hoch auf den König ausbrachte, war mit den schwersten Anklagen erfüllt, und die Antwort auf die Thronrede waren zwei Adressen, von denen die des Herrn Virchow in den schärfsten Wendungen von einer Verfassungsverletzung sprach. Schon in der Kommission erklärte darum Bismarck sofort, es gebe eine Grenze für das, was ein König von Preußen anhören könne. Werde die Adresse angenommen, so würde er dem König raten, sie abzulehnen. Leidenschaftlich erregt war auch die Debatte im Plenum. Der preußische Landtag, so rief Bismarck aus, sei kein englisches Parlament. Er sei nicht berechtigt, dem königlichen Hause seine verfassungsmäßigen Regierungsrechte abzufordern, um sie der Majorität des Parlamentes zu übertragen. »Das preußische Königtum hat seine Mission noch nicht erfüllt, es ist noch nicht reif dazu, einen rein ornamentalen Schmuck Ihres Verfassungsgebäudes zu bilden, noch nicht reif, sich als ein toter Maschinenteil dem Mechanismus des parlamentarischen Regimentes eingefügt zu wissen.« Als aber Herr Virchow höhnte: »Ja, meine Herren, es gibt eine Art von preußischer Sprache, das ist diejenige, welche die Herren vom Ministertische gegenwärtig reden; es ist aber die Sprache, welche man in der ganzen Welt nicht versteht«, da verwahrte sich der stolze preußische Junker dagegen, daß man das Wort »preußisch« als eine Art von Schimpfwort benutze, und schneidend rief er in den Saal: »Meine Herren, ich bin stolz darauf, eine preußische Sprache zu reden, und Sie werden dieselbe noch oft von mir hören.« Die Adresse wurde mit zweihundertfünfundfünfzig gegen achtundsechzig Stimmen angenommen. Der König aber ließ durch seinen Minister erklären, daß er sich nicht bewogen fühle, eine Deputation des Hauses zu empfangen. König Wilhelm trat mit Würde und Kraft seinen Ministern bei; er übernahm in gewissem Sinn auch äußerlich die volle Verantwortung für das, was geschah.

Der deutsche Jordan
Bismarck, hinabtauchend in die düsteren Fluten der deutschen Bundesreform, die das allgemeine Stimmrecht bringen sollte und durch das berühmte Rundschreiben vom 24. März angekündigt worden war. (»Hum. Listy«, April 1866)
Nun aber trat noch eine neue Verschärfung in das Verhältnis zwischen Regierung und Volksvertretern: Die polnische Rebellion warf neuen Zündstoff in das Feuer. Schon vorher hatte man die Auswärtige Politik auf das schärfste bekämpft, und selbst ein Mann wie Sybel verstieg sich zu der Bemerkung, die Kleinodien unserer Vergangenheit würden unter den Händen Bismarcks verfälscht, und der Blick in die Zukunft sei von Grund auf verdüstert; eine preußische Regierung, die den Aufgaben des Volkes im neunzehnten Jahrhundert gewachsen sein solle, müsse verstehen, große und ideale Ziele aufzustecken und so das Volk um ihr Banner zu versammeln! Und ein anderer Volksvertreter rief aus, daß, was auch dieses Ministerium in der Auswärtigen Politik unternehmen möge, jede seiner Unternehmungen mit Unfruchtbarkeit geplagt sein wird, denn es zählen nur die neugeschaffenen Bataillone und nicht die Herzen des Volkes. Preußen stehe geschwächt durch innere Zerwürfnisse und belastet mit dem Mißtrauen Deutschlands isoliert in der Welt, ohne einen schöpferischen Gedanken; es werde gezwungen sein, unter das kaudinische Joch zu wandern und sich Österreichs Führung unterzuordnen. Erst eine spätere Zeit werde Preußens guten Genius von neuem enthüllen, aber nicht mit Blut und Eisen, und nicht mit Donner und Blitz, sondern mit dem friedlichen Sonnenschein eines verfassungstreuen, auf Freiheit und Recht begründeten Regimentes. Da hat Bismarck seinen Anklägern zugerufen, daß, wenn die Notwendigkeit eintreten sollte, die Ehre und Unabhängigkeit Preußens zu wahren, sie selbst gar nicht in der Lage wären, die Mittel der Abwehr gegen das Ausland zu verweigern, in deren Mangel sie jetzt eine Schwäche der Auswärtigen Politik erblickten.

Die neue Allianz zwischen Rußland und Preußen oder: Endlich eine Aktion nach außen
Am 1. Februar 1863 sandte Bismarck den General von Alvensleben nach Petersburg zum Abschluß der »Punktationen« zu gegenseitiger Hilfe gegen die polnische Revolution. (»Figaro«, Februar 1863)
Die Volksvertreter aber wollten Preußen zunächst durch die Förderung Polens zur Größe führen. In der Hoffnung auf Napoleons Unterstützung, verhetzt vom kleinen und großen Adel, waren die Polen in Warschau zur Rebellion geschritten. Mieroslawski war ihr Führer. Bald war der Aufstand bis an die Grenzen verbreitet. Bismarck warnte zuerst die preußischen Polen mit allem Nachdruck vor der Teilnahme, und als die Unruhen dennoch sich herüberzuziehen drohten, da schloß er am 8. Februar eine Konvention mit Rußland ab zum gemeinsamen Handeln gegen die Rebellen. Denn seinem klaren, realpolitischen Blick konnte es nicht entgehen, daß ein Sieg der Polen in Rußland eine Kette von Unruhen auch in den preußischen Ostprovinzen hervorrufen und daß bald auch der Anspruch auf Westpreußen, Posen und ein Teil von Pommern erhoben werden würde. Er wußte ebenso, welche Folgen für die russische Politik eine Begünstigung der Polen durch das Berliner Kabinett hervorrufen werde, und daß in allen kommenden Zeiten und Kämpfen die wohlwollende Neutralität Rußlands durch direkte Feindseligkeit ersetzt werden würde. Was der Dilettant, der als Kanzler sein Nachfolger wurde, leichtsinnig erwirkte, das hat Bismarck drei Jahrzehnte verhindert: die enge Fühlung zwischen Rußland und Frankreich. Gustav von Alvensleben schloß im Auftrage Bismarcks das Abkommen mit Rußland, tat den Schachzug, der die Partie entschied: Der Zar nahm von Anfang an seine Stellung neben Preußen, die Pariser Diplomatie jedoch, die sich von Bismarck abgedrängt sah, war tief entrüstet und drohte sogar, daß nur die Entlassung Bismarcks das Kaiserliche Kabinett zufriedenstellen werde. Auch der Zorn Englands war groß. Europa, so sagte der britische Vertreter am Berliner Hofe, werde es nicht dulden, daß die Konvention, die Preußens Kraft dem Zaren zur Unterdrückung der Rebellen zur Verfügung stellte, ausgeführt würde. Bismarcks Antwort war die kurze Frage: »Wer ist Europa?« Als der Engländer, etwas verlegen, erwiderte: »Verschiedene große Nationen«, replizierte der preußische Staatsmann: »Sind sie bereits darüber einig?«
Ein Stoßseufzer Johannas
Wie gewaltig Bismarcks Arbeitslast in dieser Kampfzeit war, beweist der Stoßseufzer Johannas in einem Brief an Herrn von Keudell vom 27. Januar 1863: »Diesen Schwirr von früh bis spät jeden und jeden Tag vertrage ich kaum. Ich werde allgemach unausstehlich dabei, und die Sorge um Bismarck seufzt ununterbrochen in den kläglichsten Mollauten durch mein Herz. ... Man sieht ihn nie und nie — morgens beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens, also ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett, nachher zum König, Ministerrat, Kammerscheusal, bis gegen fünf Uhr, wo er gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist, bis acht Uhr, wo er nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßlichen Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet bis gegen ein Uhr und dann natürlich schlecht schläft. Und so geht’s Tag für Tag. Soll man dabei nicht elend werden vor Angst und Sorge um seine armen Nerven? Wie sich das Demokratenvolk gegen meinen besten Freund benimmt, lesen Sie hinlänglich in allen Zeitungen. Er sagt, es sei ihm ›nitschewo‹ (absolut gleichgültig), aber ganz kalt läßt es ihn doch nicht.« — Ein kleiner Trost mochte es sein, daß doch, wie die Gattin ein anderes Mal schreibt, »aus allen Provinzen auch viele freundliche Adressen und Depeschen, Säbel, Kuchen, Lorbeerkränze und Gedichte« als Zeichen der Liebe kamen. Gar mancher erkannte ihn. So sagte Graf Limburg zu dem jungen Keudell: »Es muß schön sein, der Fahne eines Mannes wie Bismarck zu folgen, wenn sie auch in den Tod führen mag.«

Bismarck, der russisch-preußische Grenzgendarm
Während des polnischen Aufstandes gilt Bismarck, der jedem Eintreten für die Polen widerstrebt, als ein »Bedienter des Zaren«, als ein Gendarm. (»Frankfurter Laterne«, März 1863)
Die preußische Opposition machte sofort gegen Bismarck mobil. Die Sentimentalität oder, wie Bismarck alsbald sagte, die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn sie nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, diese politische Krankheitsform, deren Verbreitung sich auf Deutschland leider beschränkt, verlangte nach dem Worte. Nicht einen Taler werde man zu einer solchen Politik diesen Ministern bewilligen, erklärte der eine; der Gendarmendienst, den Preußen dem Zaren leiste, müßte jedem Deutschen die Schamröte ins Angesicht treiben, dozierte der zweite; Bismarck stecke ein Dorf an, um einen Brief dabei zu lesen, meinte der dritte. Von dem Ausdruck »kurzsichtig« bis zu dem Worte »verrucht« wurde jedes Epitheton gewählt, das den Übergang vom Dummkopf zum Verbrecher bildet.
Bettelbriefe
»Auffallend«, schreibt Bismarcks Gehilfe von Keudell, »war mir die Behandlung der zahlreichen Bettelbriefe. Wenn solche den Eindruck wirklicher Not machten, wurde ich beauftragt die Bittsteller aufzusuchen und kleine Unterstützungen zu spenden, nicht etwa aus irgendeinem staatlichen Dispositionsfonds, sondern aus den Privatmitteln des Ministers. Einmal mußte ich einer in der Köpenicker Straße vier Treppen hoch wohnenden Witwe fünfundzwanzig Taler (fünfundsiebzig Mark) überbringen, was mir für die Privatverhältnisse des Gebers sehr hoch gegriffen schien. Ich erlaubte mir abzuraten von dieser dilettantischen Armenpflege, die immer neue unerfüllbare Ansprüche hervorrufen müßte. Die Antwort lautete: »Wer sich in Not bittend an mich wendet, dem helfe ich, soweit ich es mit meinen geringen Mitteln vermag.«
So rief Waldeck aus: »Wenn wir leider ein Staat sind, der bei diesem Ministerium auf eine große Politik in Europa so wenig wie auf eine klare und wahre und freie und redliche Politik im Inneren irgendeinen Anspruch machen kann, so lassen Sie uns doch wenigstens zur Menschlichkeit und Humanität halten.« Simson bezeichnete die Politik der Regierung als »Donquichotterie«; Twesten erklärte, die Ehre der Regierung sei nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes. Aus der Rede aber, die Bismarck am 6. Februar 1888 gehalten hat, wissen wir es, daß es nur seiner Entschlossenheit zu verdanken war, daß damals an Frankreich und Österreich von russischer Seite aus nicht der Krieg erklärt wurde, in den Preußen unweigerlich hineingerissen werden mußte.
Es ist zu mancher heftigen Szene gekommen, vor allem, als der Vizepräsident Behrend auf die Anklage Bismarcks gegen Herrn von Unruh, daß er dem Auslande zurufe: »Kommt her, der Augenblick ist günstig, Preußen zu überfallen«, den Minister zur Ruhe verweisen wollte. Bismarck lehnte es ab, schroff und fast verletzend, sich der Disziplinargewalt des Präsidenten zu fügen: Er ergreife das Wort kraft der von Sr. Majestät ihm verliehenen Autorität; er könne das Wort zu jeder Zeit verlangen und müsse es erhalten und gehört werden. Niemand habe das Recht, ihn zu unterbrechen. Unter stürmischer Empörung des Hauses wiederholte Bismarck seine Anklage. Der Haß gegen ihn schien den Zenit erreicht zu haben.
Die Faust aufs Auge
Ein Beispiel für die treffsichere Schlagfertigkeit Bismarcks: Bei der Debatte über die polnische Frage meinte der Abg. von Hennig: »Denken Sie sich einmal Herrn von Bismarck und ein englisches Unterhaus! Das würde zusammenpassen wie die Faust aufs Auge; aber ich darf wohl glauben, daß Herr von Bismarck die Rolle des Auges übernehmen würde.« — Bismarck erwiderte sofort: »Ich bin dem Herrn Vorredner für diesen Vergleich sehr dankbar; denn das Auge ist unzweifelhaft der edlere Teil, das Auge leitet die Faust.«
Der Seiltänzer
Sogar ein Mann wie der sonst so maßvolle Simson erhob gegen Bismarck den Vorwurf der Unfähigkeit: »Ich verlange nicht,« äußerte er, »denn das Verlangen wäre ein übermäßiges, daß eine Regierung allezeit den kühnen Flug des Genies einzuhalten imstande sein soll. Mehr gerechtfertigt wäre schon die mildere Forderung, daß sie den ruhigen, sicheren Gang des Talentes und der Erfahrung zu gehen verstände. Aber in jedem Falle wird die Bewunderung dafür, daß jemand nicht fällt, die Bewunderung, die man jedem Seiltänzer würde zuwenden müssen, eine Bewunderung sein, nach der nicht jedermanns Gaumen und jedermanns Appetit stände.« Bismarck hielt es nicht für seiner Würde entsprechend, hierauf die entsprechende Antwort zu geben.
In jenen Zeiten langten auch die ersten »Todesurteile« gegen Bismarck an; das erste am 3. April aus Warschau, angeblich von einem Polenkomitee mit der Anzeige, daß er wegen seines Auftretens gegen die polnische Nation zum Tode verurteilt sei und auf offener Straße ermordet werden solle. Am 21. Mai empfing er dann aus »Ost-Coczya bei Thoren« ein von der »Warschauer Henkerkommission« unterzeichnetes Schreiben in Begleitung eines Holzkastens, in dem ein mit schwarzweißer Schleife gezierter Strang lag. Auch Regreßansprüche wollte man gegen ihn geltend machen: Die Minister seien für die von ihnen ohne Budget verausgabten Summen mit ihrer Person und ihrem Vermögen haftbar. Man riet Bismarck, seinen Grundbesitz im Interesse der Seinen an einen Verwandten abzutreten. Er lehnte das entschieden ab, um den Schein einer Besorgnis für sein Vermögen zu vermeiden. Ein Nachbar aber von Schönhausen, ein Herr von Katte, hatte tatsächlich Vorkehrungen getroffen, um im Fall eines Regresses dem Minister ein ansehnliches Kapital zur Verfügung zu stellen.
Seine Stimmung wurde jedoch hierdurch nicht in besonderem Maße verdüstert. Dafür zeugte auch die kleine Episode vom 17. April, die Herr Virchow heraufbeschwor, weil Bismarck sich für kurze Zeit aus dem Sitzungssaale in das von ihm nur durch eine Türe getrennte Ministerzimmer begeben hatte. Herr Virchow beantragte deshalb die Vertagung der Debatte und die Einladung der Minister auf Grund des Artikels 60 der Verfassung. Da ereignete sich folgende Szene:
Bismarcks feines Gehör
Als Virchow geendet, trat der Minister, der im Nebenraume wohl den schon erwähnten hübschen Brief an Motley schrieb, in dem er von den ungewöhnlich abgeschmackten Reden aus dem Mund ungewöhnlich kindischer und aufgeregter Politiker sprach, in den Saal zurück und erklärte ironisch: »Ich wollte zur Beruhigung der Herren nur bemerken, daß sowohl der Herr Vorredner als der letzte Herr Redner im Nebenzimmer vollkommen verständlich waren.« Der Abgeordnete Parisius rief hierauf in die gewaltige Aufregung hinein: »Es ist bekannt, daß der Deutsche eine ungeheuere Portion Geduld hat, und auch dieses Haus hat es in einem hohen Maße bewiesen. Wenn aber der Herr Ministerpräsident in einer so wegwerfenden und ganz und gar der Würde des Hauses und den Verhandlungen unangemessenen Weise hier auftritt, seinen Sitz verläßt, ins Nebenzimmer geht und hinterher mit der Bemerkung kommt, daß der Redner im Nebenzimmer gehört sei, dann, meine Herren, muß ich bemerken, ist es Sache des Herrn Präsidenten, wenigstens zu konstatieren, wie wir hier behandelt werden. Wir sitzen hier nicht zu unserem Vergnügen; wir führen eine ernste Debatte und suchen das Beste des Vaterlandes zu fördern.« Herr von Bismarck erwiderte: »Ich muß dem Herrn Abgeordneten jedes Urteil über das, was für mich gehörig oder ungehörig ist, absprechen. Wir sitzen hier alle nicht zu unserem Vergnügen. Ich habe noch sehr viel andere Aufgaben außer der, Ihnen zuzuhören. Ich habe mit Leuten zu sprechen, die nicht warten können. Es ist mir nicht möglich, ununterbrochen Ihren Verhandlungen beizuwohnen. Wenn ich den Vorteil habe, bei der sonoren Stimme der Herren Vorredner im dortigen Zimmer, am Tische arbeitend, Ihre Rede hören zu können, so weiß ich nicht, wie Sie darin eine Veranlassung zu diesem Aufwande von sittlicher Entrüstung finden können.«
Diese Szene führte zu einem niedlichen Intermezzo im Theater.
Von Helmerding parodiert
Der Königlich Sächsische Ministerpräsident von Beust war mehrfach zu Tisch bei Bismarck. Beust war nach Berlin gekommen, um über den Beitritt Sachsens zu dem französisch-preußischen Handelsvertrag Unterhandlungen zu pflegen. Natürlich wurde er auf das gastlichste aufgenommen; Bismarck erwies ihm alle Aufmerksamkeit und geleitete ihn eines Abends auch in das »Wallnertheater«. Sie sahen einen kleinen Soloscherz, betitelt: »Eine neue Bluette«, welchen Helmerding ausführte. In dieser Rolle hatte er eine inmitten der Bühne freistehende Theaterflügeltür anzubohren und sich darauf hinter dieselbe zu begeben, um den Auftritt eines Schauspielers anzudeuten. Kurz vorher sang der beliebte Komiker ein Couplet, das die strengen Maßregeln der Regierung wider die Presse geißelte. Der Beifall war frenetisch. Auch die beiden Minister stimmten ein. Als man aber den Komiker immer und immer wieder zu sehen begehrte, weigerte er sich lange, dem Hervorruf Folge zu leisten. Unbeweglich blieb er hinter seiner Theatertür. Endlich trat er hervor und sagte mit gesetzter Miene: »Es ist nicht nötig, mich zu rufen! Ich höre auch hinter der Tür alles, was hier vorgeht!« Der Beifallssturm brach von neuem los. Aller Augen richteten sich auf die Loge, wo Bismarck saß. Und dieser selbst soll am lautesten applaudiert haben.
Es kam im Mai zur Auflösung des Landtags. Auch Herr von Roon war in einen scharfen Konflikt mit dem Präsidenten geraten. Als man dem Ministerium Verfassungsbruch und Erregung von Unfrieden im Lande vorwarf, da hatte er dies eine »ganz unberechtigte Anmaßung« genannt und auf die Unterbrechung durch den Präsidenten von Bockum-Dolffs zornig erklärt: »Ich lasse mich nicht unterbrechen, ich kann sprechen nach der Verfassung, wann ich will. Die Befugnis des Präsidenten geht bis an den Ministertisch und nicht weiter!« Unter großem Lärm des Hauses bedeckte der Präsident sein Haupt mit einem ihm übrigens aus Versehen gebrachten fremden und viel zu großen Hut und erklärte die Sitzung für suspendiert. König Wilhelm selbst aber trat in einer Botschaft für seinen Minister ein, und als das Abgeordnetenhaus in einer Adresse erklärte, es habe kein Mittel der Verständigung mehr mit diesem Ministerium und lehne jede Mitwirkung bei seiner Politik ab, da erklärte der tapfere alte Herr: »Meine Minister besitzen mein Vertrauen, ihre amtlichen Handlungen sind mit meiner Billigung geschehen, und ich weiß es ihnen Dank, daß sie es sich angelegen sein lassen, dem verfassungswidrigen Streben des Abgeordnetenhauses nach Machterweiterung entgegenzutreten.« Am 27. Mai 1863 wurde die Session geschlossen, am 2. September das Abgeordnetenhaus aufgelöst. Es folgten das Preßedikt, Preußens »Juliordonnanzen« und das Wahlregulativ. Und es folgte das Auftreten des Kronprinzen gegen den Vater, die »Danziger Episode«. Und so schroff hier Friedrich Wilhelm gegen den Minister seines Vaters Stellung nahm, so ist doch gerade der Angegriffene es gewesen, der den König von jeder harten Maßregel zurückhielt, der ihn mahnte, säuberlich mit dem Knaben Absalom zu verfahren, der ihn daran erinnerte, daß in dem Konflikte zwischen Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohne dem letzteren die Sympathie der Zeitgenossen und der Nachwelt gehöre und daß es nicht ratsam sei, den Kronprinzen zum Märtyrer zu machen. Auch hier hat Bismarck gesiegt, und er konnte später einmal rufen, wie einer seiner Vertrauten berichtet: »Beim König wurde ich von allen Seiten als verkappter Demokrat verdächtigt. Dieser Kampf kostete mir meine Nerven, meine Lebenskraft. Aber besiegt habe ich alle, alle!« Selbst ein Heinrich von Treitschke konnte damals schreiben, daß die Verfassung verletzt sei in ihren wesentlichen Bestimmungen, und fortfahren: »Wir haben sie ja selber redlich mitgekostet, die brennende Empfindung der Scham, wir von der preußischen Partei außerhalb Preußens, die wir unsere stolzesten deutschen Hoffnungen auf diesen Staat auch dann noch stützen werden, wenn ein Bismarck der Zehnte in Preußen regierte, die wir ihn heute umhergehen sehen gleich dem Schlafwandler, dem die gesunden Leute schwindelnd nachschauen auf seiner halsbrechenden Bahn.« Und auch gegen den König war ein solcher Haß erwacht, daß der Berliner Witz, als er nach Karlsbad reiste, das Schmähwort fand, Lehmann — das war der Spitzname des Monarchen — sei leberleidend abgereist und leider lebend wiedergekommen.
Bismarck folgte dem König nach Karlsbad; er traf ihn später in Regensburg und begab sich dann über Dresden, wo er mit Beust verhandelte, um Sachsen für seine Politik zu gewinnen, über Salzburg nach Gastein. Hier folgte alsbald die Entscheidung über den Fürstentag.
»Nun geht der Wahlschwindel los«, schrieb im September Bismarck an Johanna. Die Wahlen haben die Opposition von neuem verstärkt. Gerade in der Geburtsstunde der neuen Zeit, in der das Schleswig-Holsteinsche Problem sich mit Macht in den Vordergrund drängen sollte, hat eine Volksvertretung gestanden, die nichts von dem Flügelschlag dieser Zeit verspürte und im öden Doktrinarismus so weit vorwärtsschreiten sollte, daß sie die Mittel zum Kriege gegen Dänemark versagte.

(»Figaro«, Oktober 1863)
Am 15. November 1863 starb König Friedrich VII. von Dänemark als der Letzte seines Hauses; drei Tage später wurde sein Nachfolger, der Glücksburger Christian IX., durch Ministerium und Volk gezwungen, die Verfassung zu unterzeichnen, die Schleswig von Holstein losreißen und dauernd dem Dänenjoch unterwerfen sollte. — Konnte Deutschland diese Herausforderung, diesen Bruch der Londoner Verträge ruhig ertragen? Noch hatte man, als ein Patent des Königs Friedrich im März für Holstein eine neue Verfassung oktroyierte, aus allgemeinen Gründen der europäischen Lage einzugreifen vermieden, aber schon damals hatte Bismarck den Volksvertretern erklärt: »Ich kann Ihnen versichern und dem Ausland versichern, wenn wir es für nötig halten, Krieg zu führen, so werden wir ihn führen mit oder ohne Ihr Gutheißen!« Aber es stand für Bismarck von Anbeginn fest, daß er einen Krieg nicht führen werde, um »im günstigsten Fall in Schleswig-Holstein einen neuen Großherzog einzusetzen, der aus Furcht vor preußischen Annexionsgelüsten im Bunde gegen uns steht und dessen Regierung ein bereitwilliges Objekt österreichischer Umtriebe sein würde, ungeachtet aller Dankbarkeit, die er Preußen für seine Erhebung schulden müßte.« Jetzt war der psychologische Moment gekommen. In Holstein entstand eine gewaltige Erregung, bewaffnete Freischaren standen auf, Adel und Bürgertum, Demokraten und Legitimisten standen zusammen. Bismarck aber blieb mitten in der Erregung kaltblütig und ruhig. Während die öffentliche Meinung sich von Schlagworten leiten ließ, hielt er daran fest, daß nur im Einvernehmen mit Österreich und den europäischen Mächten die Gefahr eines allgemeinen Krieges vermieden werden könnte, bei dem Deutschland seine Existenz einsetzen würde. Griff er aber zum Schwerte, so galt es auch, die Länder für Preußen zu erwerben. Es war ein Meisterstück Bismarcks, daß er Österreich mit sich verknüpfte, daß er es dazu brachte, beim Bundestage die möglichst schnelle Exekution zu fordern. Allerdings blieb Preußen das Land der Initiative, während Österreich sich nur widerwillig forttreiben ließ.

Eisenblut: »Wer wird denn noch viel Umstände machen? Marsch, in die Butte mit euch, ihr Fratzen, das ist die beste und nationalste Lösung!« (»Figaro«, Juni 1863)
Und der preußische Landtag? Bismarck forderte eine Staatsanleihe von zwölf Millionen Talern. Eine Adresse war die Antwort, in der man »ehrfurchtsvoll und dringend« bat, den Erbprinzen von Augustenburg als Herzog von Schleswig-Holstein anzuerkennen und dahin zu wirken, daß der deutsche Bund ihm in der Besitzergreifung und Befreiung seiner Erblande wirksamen Beistand leiste. Am 22. Januar wurde die Anleihe mit 275 gegen 51 Stimmen verworfen.
Es war einer der heißesten Kämpfe, die Bismarck hier führte, reich an scharfen Konflikten mit den Volksvertretern.

Bismarck am Pfahl mit Napoleon und Kaiser Wilhelm. 1870. Nach einem Gemälde von A. Marie
Die Dinge verstehe ich besser
Hier war es auch, wo er mit Virchow von neuem zusammentraf und ihn auf die Beschäftigung mit der Anatomie verwies; hier war es, wo er ihm auf die Bemerkung: »Ich will nur wünschen, daß es dem Herrn Ministerpräsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich wenigstens sagen kann, daß ich sie unter meinen Spezialkollegen gefunden habe«, die Antwort gab: »Der Herr Vorredner hat gesagt, er wünsche, daß ich dereinst in meinem Fache mich derselben Anerkennung erfreuen möge wie er in dem seinigen. Ich unterschreibe diesen Wunsch mit voller Aufrichtigkeit. Ich erkenne die hohe Bedeutung des Herrn Vorredners in seinem Fache vollkommen an und gebe zu, daß er in dieser Beziehung einen Vorsprung vor mir hat. Wenn aber der Herr Vorredner sich aus seinem Gebiet entfernt und auf mein Feld unzünftig übergeht, so muß ich ihm sagen, daß über Politik sein Urteil ziemlich leicht für mich wiegt. Ich glaube wirklich, meine Herren, ohne Überhebung, die Dinge verstehe ich besser. (Große Heiterkeit.) Der Herr Vorredner hat gesagt, mir fehle das Verständnis für die nationale Politik; ich kann ihm den Vorwurf nur mit der Unterdrückung des Epithetons zurückgeben. Ich finde bei dem Herrn Vorredner Verständnis für Politik überhaupt nicht. Dieses Verständnis ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen Parlamenten doch selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von Unkenntnis der Dinge wie bei uns.«
Überhaupt ging Bismarck gerade in dieser Zeit mit aller Schroffheit gegen die politischen Dilettanten vor, die ihm aus dem Wust ihrer Theorien heraus und ohne irgendwelche Kenntnis der praktischen Möglichkeiten täglich Steine in den Weg rollten. Hier prägte er den klassischen Satz. »Es ist ein gefährlicher Irrtum, aber heute weit verbreitet, daß in der Politik dasjenige, was kein Verstand der Verständigen sieht, dem politischen Dilettanten durch naive Intuition offenbar wird.« Mit den Worten: »Sagen wir uns von jeder Gemeinschaft mit der Politik dieses Ministeriums los! Verwahren wir uns vor jedem seiner Schritte, und geben wir dieser Verwahrung und Lossagung die erste praktische Folge durch die Verwerfung der Anleihevorlage!«, empfahl dennoch die Kommission des Landtags dem Plenum die Verwerfung der Mittel für den Kampf um Schleswig-Holstein. Daß Bismarck »jetzt dem Bösen verfallen ist und von ihm nicht wieder loskommen wird«, dieser Satz des Herrn Virchow zeugte von der gleichen prophetischen Erkenntnis wie die Behauptung des Grafen Schwerin, daß das eigentliche Motiv für die Haltung Bismarcks die Furcht vor der Demokratie und die Besorgnis vor dem Auslande sei.
Schwerer noch war der Kampf, den Bismarck mit seinem alten Herrn führen mußte. »Ich weiß eigentlich nicht,« schrieb er an Roon, bevor er zur entscheidenden Sitzung des Landtags ging, »was ich Ihnen sagen soll, nachdem so gut wie klar ist, daß Se. Majestät auf die Gefahr hin, mit Europa zu brechen und ein schlimmeres Olmütz zu erleben, sich schließlich der Demokratie und den Würzburgern fügen will, um Augustenburg einzusetzen und einen neuen Mittelstaat zu schaffen. Was soll man da noch reden und schimpfen? Ohne Gottes Wunder ist das Spiel verloren, und auf uns wird die Schuld von Mit- und Nachwelt geworfen. Wie Gott will. Er wird wissen, wie lange Preußen bestehen soll. Aber leid ist mir’s sehr, wenn’s aufhört, das weiß Gott!«

»Störe ich?« Bismarck und Pauline Lucca. (»Kladderadatsch«, Okt. 1865)
Der Krieg wurde siegreich geführt; uralte deutsche Träume fanden Erfüllung, aber der Konflikt währte weiter. Nur leise begann sich neue Erkenntnis zu regen, nur langsam wuchs der Glaube an Bismarck. Erst ein neuer siegreicher Krieg sollte den völligen Umschwung bringen. Unbelehrbar aber blieben die um Virchow, und gerade mit diesem Manne kam es zu einem der schärfsten Renkontres, die Bismarck auf dem parlamentarischen Feld erlebte.
Das Duell mit Virchow
In einer Debatte über die Schleswigsche Politik bemerkte Virchow, daß er, wenn der Minister die Berichte wirklich gelesen hätte, nicht mehr wisse, was er von seiner Wahrheitsliebe halten solle. Hierauf erwiderte Bismarck: »Der Herr Abgeordnete hat lange genug in der Welt gelebt, um zu wissen, daß er sich damit der technischen und spezialen Wendung gegen mich bedient hat, vermöge deren man einen Streit auf das rein persönliche Gebiet zu werfen pflegt, um denjenigen, gegen den man den Zweifel an seiner Wahrheitsliebe gerichtet hat, zu zwingen, daß er sich persönliche Genugtuung fordert. Ich frage Sie, meine Herren, wohin soll man mit diesem Tone kommen? Wollen Sie den politischen Streit zwischen uns auf dem Wege der Horatier und Curiatier erledigen? Es ließe sich davon reden, wenn es Ihnen erwünscht ist!« Als Virchow es ablehnte, seine Worte zurückzunehmen, sandte ihm Bismarck durch den Hauptmann von Puttkamer eine Pistolenforderung, deren Annahme das Abgeordnetenhaus, an das Herr Virchow appellierte, verbot. Über diese Angelegenheit schrieb Bismarck an den ihm befreundeten Roman-Andrae: »Was die Virchowsche Sache anbelangt, so bin ich über die Jahre hinaus, wo man in dergleichen von Fleisch und Blut Rat annimmt. Wenn ich mein Leben an eine Sache setze, so tue ich es in demjenigen Glauben, den ich mir in langem, schwerem Kampfe, aber in ehrlichem und demütigem Gebete vor Gott gestärkt habe, und den mir Menschenwort, auch das eines Freundes im Herrn und eines Dieners seiner Kirche, nicht umstößt.«
In diesem Briefe geht Bismarck auch auf eine Affäre ein, die, an sich völlig harmlos, ihm doch manchen Ärger bereitet hat.
Pauline Lucca
In Ischl war es passiert, daß Pauline Lucca, die berühmte Sängerin, ihre Ferien gleichzeitig mit dem König Wilhelm und Bismarck verlebte. Eines Tages blieb die Sängerin einen Augenblick vor dem Hotel Elisabeth stehen, in dem der König und Bismarck abzusteigen pflegten. Da trat letzterer aus dem Hause, eilte auf »Paulinchen« zu und begrüßte sie herzlich. »Exzellenz, kommen Sie mit,« bat die Lucca, »ich will mich eben photographieren lassen.« — »Ich kann nicht,« antwortete der Minister, »ich erwarte meine Chiffreure, die scheinen spazieren gegangen zu sein.« — »Gengen S’, Exzellenz, Sie können die Depeschen später lesen«, sagte die Lucca in ihrem Wiener Dialekt, und Bismarck, galant wie immer, ging mit zum Photographen. Dort ließ sich erst die Sängerin, dann der Minister allein photographieren, als mit einmal die kleine Teufelin aufsprang und rief: »Exzellenz, ich habe eine süperbe Idee! Wie wär’s, wenn wir uns zusammen photographieren ließen?« Bismarck stimmte wieder zu, und der Photograph ging ans Werk. Auf dem sehr selten gewordenen Bilde sitzt die Sängerin, den Kopf in die linke Hand gestützt, den Beschauer voll ansehend, an der einen Ecke des Tisches, ihr gegenüber an der anderen Ecke Bismarck, die Lucca anblickend, den rechten Arm auf dem Tische, die linke Hand auf dem Knie ruhend. Nach einigen Tagen war das Bild in hundert Händen, und ganz Ischl sprach von nichts anderem. Doch einige Zeit später fanden beide Abkonterfeite, daß es besser sei, das Bild aus dem Kunsthandel zu ziehen, und so mußte sich der Photograph verpflichten, keine neuen Abzüge zu machen, sowie die Platten zu vernichten. — In dem Briefe an Andrae schreibt nun Bismarck: »Über die Lucca-Photographie würden auch Sie vermutlich weniger streng urteilen, wenn Sie wüßten, welchen Zufälligkeiten sie ihre Entstehung verdankt hat. Außerdem ist die jetzige Frau von Rahden, wenn auch Sängerin, doch eine Dame, der man ebensowenig wie mir selbst jemals unerlaubte Beziehungen geschlechtlicher Art nachgesagt hat. Demungeachtet würde ich, wenn ich in dem richtigen Augenblick das Ärgernis erwogen hätte, welches viele und treue Freunde an diesem Scherze genommen haben, aus dem Bereiche des auf uns gerichteten Glases zurückgetreten sein.«
Es mag hier ein Urteil angefügt werden, das ein Freund Bismarcks über ihn und seine Beziehungen zu der Frauenwelt gefällt hat:
Bismarck und die Frauen
»Es gibt in der Geschichte soviel große Männer, deren überquellende Naturkraft sich nicht nur im Genialen und Hohen, sondern auch im allzumenschlich Ewig-Weiblichen dokumentiert hat. Ich erinnere nur an Napoleon I., Cäsar und Alexander. Mit um so größerem Stolze können wir Bismarck als absolut sittenreinen Mann auch in dieser Beziehung als Vorbild seines Volkes darstellen. Ihm, dem so viele Möglichkeiten von Frauenliebe und Anbetung geboten wurden, lag das Gefühl des tiefen Ernstes der Liebe zu sehr im Herzen, als daß er je flüchtig daran gestreift hätte. Er war eben durchaus ein Teutone, ein keuscher Mann, der sich selbst für zu würdig hielt, um sich nur auszuleihen. Ohne prüde zu sein oder der Natur ihr Recht verwehren zu wollen, war er jeder Frivolität feind und duldete in der behaglichen Atmosphäre seines Hauses auch keinen Anflug von Zynismus.«

Preußisch-Patriarchalisches
»Gnädigster Herr, ick melde jehorsamst, daß ick soeben aus der Kammer komme, und daß allens glücklich verrungeniert ist.« — Am 22. Februar 1866 schloß Bismarck plötzlich den preußischen Landtag, dem er dreifache Überschreitung seiner Befugnisse vorwarf. »Angesichts der Übergriffe und Überhebungen dieses Hauses«, so hieß es im Abschied. Es folgten die Siege in Böhmen. (»Figaro«, März 1866)
Nur noch einmal flammte der Konflikt empor: Noch zu Beginn des Jahres 1863 stellte Herr Virchow den Antrag, die Vereinigung Lauenburgs mit Preußen für rechtsungültig zu erklären, weil der König ohne Zustimmung des Landtags nicht Herrscher fremder Reiche sein dürfe. Hier stimmten bereits zweihunderteinundfünfzig gegen vierundvierzig Stimmen für Bismarcks Politik. Längst hatte ja auch der König Besitz von Lauenburg ergriffen, die für den Erwerb von Österreich geforderte Summe von zweieinhalb Millionen Talern hatte er aus eigenem Vermögen bezahlt, und am 26. September schon hatte im Auftrage des Königs Bismarck die Erbhuldigung der dortigen Stände in Ratzeburg entgegengenommen. Diese Handlung aber hatte ein charakteristisches Vorspiel:
Der Oldenburger Rezeß
In dem Ländchen besaß der Adel einen verbrieften »Rezeß«; er hatte den Wunsch, daß dieses vergilbte Vorrecht, das ihm die Alleinherrschaft und die Ausbeutung gewährleistete, auch in Zukunft bestehen bleibe. Von einem Junker wie Bismarck glaubten sie sicher, die Erfüllung ihres Wunsches erwarten zu können. Aber es kam anders. Während einer Kahnfahrt auf dem schönen Landsee bei Ratzeburg am Nachmittage des 25. Septembers meinte ein hervorragendes Mitglied der Lauenburger Ständeversammlung an Bismarcks Seite, diese noch schwebende Herzensfrage der Ritterschaft bereinigen zu müssen, und fragte leicht: »Apropos, Exzellenz, wie steht es mit unserem Rezeß? Ich hoffe, daß Se. Majestät ihn bewilligen werden, ehe Sie unsere Huldigung verlangen.« — »Ich vermute, daß der König dies nicht tun wird«, versetzte Bismarck. — »Dann werden wir uns morgen mitten in der Kirche weigern, zu schwören«, entgegnete sein Kahnnachbar. — »Je nun,« erwiderte Bismarck kühl, »da werden die Herren morgen mitten in der Kirche zu hören bekommen, daß sie der nächsten preußischen Provinz einverleibt sind.« Fortan war im Kahn nur von den Reizen der Landschaft noch die Rede. Nach Ratzeburg zurückgekehrt, entwarf Bismarck aber sofort ein Dekret, welches die Einverleibung Lauenburgs in die Provinz Brandenburg verkündigte und das verlesen werden sollte, falls die Stände die »rechte Erbhuldigung« weigern würden. Diesem Dekrete gab der König seine Zustimmung, und Bismarck steckte es in die Tasche, ehe er am nächsten Morgen die Kirche betrat. Nach der Predigt forderte er die Ritter- und Landschaft zum Schwur auf, und siehe da, sie schwuren alle ohne Anstand. Vom »Rezeß« und den Vorrechten der Junker war in Lauenburg fortan keine Rede mehr.
Jetzt aber brausten die Stürme der Weltgeschichte immer gewaltiger daher; sie fuhren auch über die Häupter der Gegner Bismarcks dahin und beugten sie tief zu Boden. In dem Antrag auf Indemnität hat dann Bismarck mit der Geste des Kavaliers der bösen Zeit den Schlußstein gesetzt.

»Na, nu kann’s anjeh’n!« (Aus »Horning, Deutsches Militär«)