Düppel und Königgrätz
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Der Krieg gegen Dänemark begann. Auch Österreich ging vor, nachdem Bismarck der eigentlich leitende Minister seiner Politik geworden war. Die kleineren deutschen Staaten freilich zogen sich in den Schmollwinkel zurück; dem Starken allein blieb der Weg frei.
Hier aber waren zum erstenmal die drei Männer vereint, die für die Zukunft Deutschlands so ungeheuere Bedeutung erlangen sollten, Bismarck, Roon und Moltke. Mit Roon hat den großen Staatsmann durch alle Zeiten ein inniges Verhältnis verknüpft, Moltke dagegen war eine kühle Natur, die sich auch ihm gegenüber niemals unbefangen erschloß. Er hat vor allem es nie ertragen, daß Bismarck auch in militärischen Fragen den Blick des Genies besaß. Welcher Gegensatz auch der Charaktere! Kalt, stahlhart und stets ein Mann der Berechnung, hatte Moltke frühe gelernt, jedes warme Gefühl zu unterdrücken und sich ganz in den Dienst seines Berufes zu stellen; Bismarck aber war leidenschaftlich, temperamentvoll; er hatte ein glühend empfindendes Herz; sein Gemütsleben war reich und tief.
Im Dänischen Kriege hat Bismarck, wie auch später immer, den Schauplatz der Entscheidungen betreten. In den Kugelregen allerdings ist er nicht mehr gekommen; er ist erst mit dem Könige zusammen nach Schleswig geeilt, um an dem Vorbeimarsch der Düppelstürmer vor dem obersten Kriegsherrn teilzunehmen. Schon damals durfte er sagen: »Sie werden sehen, in ganz kurzer Zeit bin ich der populärste Mann in ganz Deutschland.« Die Streitigkeiten, die unter den im Felde stehenden Generalen ausbrachen, führten auch einmal zu einem Eingreifen Bismarcks:
Der Abjott Deitschlands
Wrangel hatte die Grenze von Jütland überschreiten wollen, war jedoch dabei auf den Widerstand des österreichischen Zivilkommissars gestoßen, der aus diplomatischen Bedenken gegen diesen Schritt protestierte. Die Angelegenheit wurde Bismarck telegraphisch mitgeteilt, und er entschied sich gegen die Auffassung Wrangels, weil er das Einverständnis Österreichs hierzu zu bedürfen glaubte. Wrangel sandte hierauf an den König ein entrüstetes Telegramm, in dem er von Diplomaten sprach, die die schönsten Situationen verdürben und den Galgen verdienten. Bismarck war darüber natürlich nicht erbaut, und er hat lange Zeit hindurch den alten Haudegen übersehen und als eitel Luft behandelt. Es kursiert eine Anekdote über die Art, wie beide Männer sich wieder versöhnten. Sie saßen einmal bei der Hoftafel nebeneinander, als Wrangel fragte: »Mein Sohn, kannst du nicht vergessen?« — »Nein.« Nach einer Pause fragte der alte General: »Mein Sohn, kannst du nicht vergeben?« — »Von ganzem Herzen«, rief Bismarck. So sind sie wieder gute Freunde geworden. In einem Brief an Roon vom 26. Januar nannte Bismarck den alten General »den Abjott Deitschlands«, vor dessen bedenklichen Sprüngen man sich hüten solle.
Während aber die deutschen Truppen siegreich vorwärts stürmten, suchte die europäische Diplomatie, vor allem England, ihnen in den Arm zu fallen. Indem er hier den Widerstand besiegte und die Bahn für seine Pläne befreite, hat Bismarck, wie er später gern erklärte, sein schwierigstes diplomatisches Meisterstück vollbracht. Als die von England nach London berufene Konferenz zusammentrat, da war Düppel bereits erstürmt, da hatte Bismarck aber auch in schwierigen Geheimverhandlungen sich Frankreichs Beistand gesichert. Da hatte man den Gedanken, um Dänemarks willen mit Deutschland Krieg zu beginnen, überall in seiner vollen Absurdität erkannt. Bismarck hat damals, wie er an Motley schrieb, »wie ein Nigger« gearbeitet: »Es kommt bei mir vor, daß ich in fünf Tagen keine Viertelstunde zu einem Spaziergang finden kann!« Unter den Gegnern seiner Politik fand er auch jetzt wie so oft Herrn von Beust, der noch zuletzt die Anerkennung des Augustenburgers verlangte. Bismarck rächte sich, indem er später folgendes Urteil fällte:
Beust
»Wenn ich mir ein Urteil über die Gefährlichkeit eines Gegners bilden will, so subtrahiere ich zunächst von dessen Fähigkeiten seine Eitelkeit. Wende ich dieses Verfahren auf Beust an, so bleibt als Rest wenig oder nichts.«
Das Ende des Krieges hatte nach unendlichem Wirrwarr und einer Fülle der kompliziertesten diplomatischen Verhandlungen zur Übertragung der Souveränität über Schleswig und Holstein an die beiden deutschen Großmächte geführt. Die Verhandlungen mit Österreich lenkten damals die Schritte des leitenden Ministers auch wieder nach Wien, nach Schönbrunn und Baden. Wie anders aber das Bild, als in jenen Tagen, da er von Frankfurt her zum Wiener Hofe kam! Wie anders auch seit damals, da er mit Johanna hier auf der Hochzeitsreise weilte!
Wie einst im Mai
Welche köstliche Reminiszenz an die erste Zeit der jungen Liebe erweckt ein Brief aus diesen reich belasteten Tagen, der am 20. August 1864 aus Schönbrunn zur Gattin flog! »Es ist zu verwunderlich, daß ich gerade in den Zimmern zu ebener Erde wohne, die auf den heimlichen, reservierten Garten stoßen, in den wir vor ziemlich genau siebzehn Jahren beim Mondschein hier eindrangen! Wenn ich über die rechte Schulter blicke, so sehe ich durch eine Glastüre gerade den dunkeln Buchenheckengang entlang, in welchem wir mit dem heimlichen Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster wanderten, unter denen ich jetzt wohne. Es war damals eine Wohnung der Kaiserin, und jetzt wiederhole ich im Mondschein unsere damalige Wanderung mit mehr Bequemlichkeit. ...« Ob auch mit mehr Behagen? »Feldjäger, Tintenfaß, Audienzen und Besuche umschwirren mich ohne Unterlaß«, so schreibt er; »auf der Promenade mag ich mich gar nicht zeigen; kein Mensch läßt mich in Ruhe.«
Und doch war das Ziel noch längst nicht erreicht. Denn das, was er als notwendig für Deutschlands Heilung erkannte, die entscheidende Auseinandersetzung mit Österreich, war auch jetzt noch nicht erfüllt. Ja, in der Lösung der Nordischen Frage selbst lag schon der Keim für künftige Konflikte. Nur durch die Gewalt der Umstände war ja schließlich Österreich dazu gelangt, den eigenen Standpunkt preiszugeben. Fast in jeder Einzelheit in den weiteren Verhandlungen zeigten sich Differenzen zwischen Bismarck und der kaiserlichen Regierung, mochte es sich nun um die Frage handeln, ob der Bund von den Beratungen unterrichtet werden solle, mochte Österreich verlangen, daß die Verwaltung der Herzogtümer einem dreiköpfigen Kollegium übergeben werden solle, oder mochte man hier die Forderung stellen, zuerst das Recht der Thronfolge zu ordnen. Aus jener Zeit stammt Bismarcks Klage:
Bismarck als Faust
»Faust«, so sagte er, »klagt über die zwei Seelen in seiner Brust; ich beherberge aber eine ganze Menge, die sich zanken. Es geht da zu wie in einer Republik. Das meiste, was sie sagen, teile ich mit. Es sind da aber auch ganze Provinzen, in die ich nie einen anderen Menschen werde hineinsehen lassen.«
Ein Traum
Seinem alten Lehrer Dr. Bonnell erzählte in jenen Tagen Bismarck einen Traum. Er sei auf einem Gebirgspfad in die Höhe gestiegen, der immer enger geworden sei, bis er endlich vor einer hohen Wand gestanden und neben sich in einen tiefen Abgrund geblickt habe. Einen Augenblick habe er überlegt, ob er umkehren solle, dann habe er sich entschlossen und mit seiner Gerte einen Schlag gegen die Wand geführt; augenblicklich sei diese verschwunden und der Weg frei gewesen.
Das Bedürfnis nach Erholung faßte jetzt auch einmal diesen starken Mann. Es treibt ihn von neuem nach dem Süden Frankreichs, nach Biarritz und den Pyrenäen. Dort in dem schönen Badeorte sitzt er am offenen Fenster, den Blick auf die blaue, sonnige See gerichtet, deren Rauschen von dem Schellengeklingel der Wagen auf der Bayonner Straße begleitet ist. »In so behaglichen Zuständen habe ich mich klimatisch und geschäftlich lange nicht befunden, und doch hat die üble Gewohnheit des Arbeitens schon so tiefe Wurzeln bei mir geschlagen, daß ich einige Gewissensunruhe über mein Nichtstun fühle, fast Heimweh nach der Wilhelmstraße, wenigstens wenn die Meinen dort wären.«

Was aber nanu? — Nach den Siegen über die Dänen beherrschte die Frage jedes Interesse: welches wird das Schicksal der befreiten Lande sein? Graf Rechberg und Herr von Bismarck sinnen darüber. (»Figaro«, Mai 1864)
In Lebensgefahr
Hier unten ist Bismarck auch einmal in ernster Lebensgefahr gewesen. »Da erinnere ich mich,« so hat er später in Versailles erzählt, »ich war einmal mit einer Gesellschaft, unter der sich auch die Orloffs befanden, im südlichen Frankreich beim Point du Gard. Es ist das eine alte Wasserleitung aus römischer Zeit, die in mehreren Etagen über ein Tal weggeht. Da sagte die Fürstin Orloff, eine lebhafte Frau, wir wollen oben darüber gehen. Das war ein sehr schmaler Gang neben der Rinne, nur etwa anderthalb Fuß breit, dann die tief eingeschnittene Rinne und auf der anderen Seite wieder eine Mauer mit Platten darauf. — Die Sache war nicht unbedenklich, aber ich konnte mich doch von einem Frauenzimmer nicht an Mut übertreffen lassen. So unternahmen wir beide denn das Kunststück. Er aber ging mit den anderen unten im Tale hin. Eine Weile schritten wir auf den Platten fort, und da ging es gut auf der schmalen Kante, von der man in eine Tiefe von mehreren hundert Fuß hinabsah. Dann aber waren die Platten weggefallen, und man ging über eine bloße schmale Mauer. Eine Strecke weiterhin kamen wir zwar wieder auf ein Stück mit Platten, und dann gab’s wieder nur die unsichere Mauer mit ihren schmalen Steinen. Da faßte ich mir ein Herz, schritt rasch auf sie zu, faßte sie mit dem einen Arm und sprang mit ihr in die vier bis fünf Fuß tiefe Rinne hinunter. Aber die unten, die uns nun plötzlich nicht mehr sahen, hatten die größte Angst, bis wir endlich drüben wieder erschienen.«
»Auch sonst«, erzählte er weiter, »bin ich noch ein paarmal in Lebensgefahr gewesen. Zum Beispiel, als die Semmeringbahn noch nicht fertig war — ich glaube, es war 1852 —, da ging ich mit einer Gesellschaft durch einen von den Tunneln oben. Ich erinnere mich, Graf Octavio Kinsky war dabei, etwas älter als ich, mit gelockten Haaren. Es war ganz finster drin. Ich ging den anderen mit einer Laterne voran. Nun zog sich da quer über den Boden eine Schlucht oder Spalte hin, die war wohl fünfzig Fuß tief und etwa anderthalbmal so breit wie der Tisch hier. Darüber hatten sie ein Brett gelegt, welches zu beiden Seiten Leisten hatte, damit die Karren nicht abrutschten. Dieses Brett mußte morsch sein; denn wie ich in der Mitte bin, bricht es ein, und ich fahre hinunter, bleibe aber, da ich unwillkürlich die Arme ausgebreitet hatte, an den Leisten hängen. Die hinter mir kamen, dachten nun — die Laterne war mir nämlich entfallen und erloschen — ich wäre hinabgestürzt, und waren nicht wenig erstaunt, als sie fragten: ›Leben Sie noch?‹ statt von tief unten her ganz oben vor sich — als sie da die Antwort erhielten: ›Ja, hier bin ich.‹ — Ich hatte mich inzwischen auch mit den Beinen angeklammert und fragte, ob ich zurück oder hinüber sollte. Der Führer meinte, es wäre besser, hinüber, und so arbeitete ich mich denn dahin. Der Arbeiter, der uns führte, zündete nun ein Licht an, suchte ein anderes Brett und brachte so die Gesellschaft nach. — Man sah mit dem Brette recht, wie liederlich und leichtsinnig solche Dinge zu der Zeit genommen wurden. — Hernach, als wir aus dem Tunnel heraus waren, fuhren wir in einem niedrigen Karren sausend die Bahn hinab. Wir hatten dicke Stöcke, um zu hemmen, und taten es auch, wenn es um die Kurven ging. Bei der stärksten brachten wir’s aber nur mit großer Mühe fertig, daß der Karren nicht aus dem Geleise geriet und in einen der beiden Abgründe fiel, die da waren. In den ganz tiefen konnten wir freilich nicht hinunterfahren, aber in den anderen ging’s auch gegen sechzig Fuß hinab.«

Ein neuer Diogenes zu Kiel
»Annexander«-Bismarck mit König Wilhelm vor dem Augustenburger Diogenes, der leer ausgeht. Oldenburg hatte seine Ansprüche auf Schleswig-Holstein für eine Million Taler aufgegeben. (»Figaro«, Februar 1865)
Ein andermal hatte Bismarck mit einigen Begleitern bei einer Tour in der Schweiz — wohl bei einem Ausfluge nach dem Rosenlauigletscher — einen schmalen Grat passieren müssen. Eine Dame und der eine ihrer beiden Führer waren schon drüben gewesen. Nach ihnen kam ein Franzose, dann Bismarck und hierauf der andere Führer. In der Mitte der Kante sagte der Franzose: »Je ne peux plus«, und wollte durchaus nicht weiter. Ich war gleich hinter ihm und fragte den Führer: »Was machen wir nun?« — »Steigen Sie über ihn weg, dann schieben wir ihm die Alpenstöcke unter die Arme und tragen ihn hinüber.« — »Sehr schön,« sagte ich, »aber ich steige nicht über ihn hinweg; denn der Mann ist krank und packt mich in seiner Verzweiflung, und wir fallen beide hinunter.« — »Nun, so drehen Sie um.« — Das war schwer genug, aber ich versuchte es, und es ging, und nun machte er das Manöver mit den Alpenstöcken mit Hilfe des anderen Führers.

Die Entscheidung naht!
Der neue Zusammenstoß zwischen dem Landtag, dessen Präsident Grabow ist, und dem Ministerium steht bevor. Bismarck bereitet seinen Gegnern das »innere Düppel«. (»Kladderadatsch«, März 1865)
Allmählich wuchsen die Differenzen mit Österreich. Es kam sogar von Wien aus zu einer Drohung mit dem Bruch der Allianz, wenn Preußen nicht auf Österreichs Programm eingehe. Bismarck faßte allerdings, wie er dem Grafen Karolyi offen sagte, die Frage sehr einfach auf. »Sehen Sie, wir stehen da vor der Frage der Herzogtümer wie zwei Gäste, die ein treffliches Gericht vor sich haben; der eine aber, welcher keinen Appetit hat und es nicht verzehren will, verbietet energisch dem anderen, den der Leckerbissen reizt, zuzulangen und zu schmausen.« Auch der Bund trat gegen Bismarcks Forderungen auf. Er »erwarte nunmehr vertrauensvoll die Einsetzung des Augustenburgers«, worauf Bismarck erklärte, daß Preußen in keiner Weise dieses Vertrauen rechtfertigen werde. Zugleich ging an den preußischen Landtag eine Vorlage über Flottenbedürfnisse, in der auch die Kosten für eine Station in Kiel verlangt wurden. Bei der Verteidigung erklärte Roon, Preußen werde nie den Besitz des Kieler Hafens aufgeben. Trotz des lauten Protestes von Wien führte in der Tat auch Preußen seine Arbeiten in der Kieler Bucht ungestört fort. Aber noch suchte Bismarck den Bruch zu vermeiden. Noch einmal faßte er alle Beschwerden gegen Österreich zusammen und ließ durch den Gesandten in Wien erklären, daß ein bewaffneter Konflikt bei einer Fortsetzung des bisherigen Verfahrens unvermeidlich sei. Auch die Abneigung des Königs gegen den Bruch mit Österreich war noch nicht überwunden. Am 29. Mai berief er das gesamte Staatsministerium unter Teilnahme des Kronprinzen und Moltkes zu einer Beratung unter seinem eigenen Vorsitz. Hier stellte Bismarck die Annexion der Herzogtümer als notwendig dar, indem er zugleich erklärte, daß sie nur, früher oder später, durch einen Krieg zu erreichen sei: »Den Rat dazu können wir jedoch Ew. Majestät nicht erteilen; der Entschluß dazu kann nur aus der freien königlichen Überzeugung hervorgehen. Würde ein solcher gefaßt, so würde das gesamte preußische Volk ihm freudig folgen.« Die meisten Minister erklärten sich mit Bismarck einverstanden, in entschiedenen Gegensatz aber stellte sich der Kronprinz, der die Sorge aussprach, daß der Krieg mit Österreich Deutschland zerfleischen und die Einmischung der Fremden herbeiführen werde, und der zugleich versicherte, der Erbprinz von Augustenburg sei »durchaus preußisch« gesinnt. Ehe der König die denkwürdige Sitzung schloß, fragte er noch Moltke: »Was ist die Meinung der Armee?« »Nach meiner persönlichen Ansicht«, war die Antwort, »ist die Annexion die einzige heilsame Lösung für Preußen und Schleswig-Holstein. Der Gewinn ist so groß, daß er einen Krieg verlohnt. Auch die Meinung des Heeres geht auf Annexion. Ich halte eine siegreiche Durchführung des Krieges für möglich, auch die numerische Übermacht am entscheidenden Punkte kann erreicht werden.« Der König aber behielt sich die Entschließung vor; die Verhandlungen gingen weiter. Österreich mochte hierbei in seinem Widerstand auch durch die Haltung des preußischen Abgeordnetenhauses bestärkt werden, das auch jetzt der Regierung alle Forderungen versagte. Trotzdem war Bismarck »politisch zufrieden, in stiller Kammerverachtung«: »Ich kann nicht leugnen,« so rief er aus, »daß es mir einen peinlichen Eindruck macht, wenn ich sehe, daß angesichts einer großen nationalen Frage, die seit zwanzig Jahren die öffentliche Meinung beschäftigt hat, diejenige Versammlung, die in Europa für die Konzentration der Intelligenz und des Patriotismus in Preußen gilt, zu keiner anderen Haltung als zu einer impotenten Negative sich erheben kann.« Im Hinblick auf diese Haltung hat noch nach langen Jahren Fürst Bismarck die Unehrlichkeit und Vaterlandslosigkeit der politischen Parteien in Deutschland auf das härteste angeklagt. Und doch war schon der Weg nach Damaskus auch für den Landtag abgesteckt, und schon kam aus altliberalem Lager der Antrag, die unlösliche Verbindung der Herzogtümer mit Preußen auszusprechen. Aber noch mußte die Zeit reifen.
In späteren Jahren schrieb Moltke einmal: »Der Krieg von 1866 ist nicht aus Notwehr entsprungen gegen die Bedrohung der eigenen Existenz; es war ein im Kabinett als notwendig erkannter, längst beabsichtigter und ruhig vorbereiteter Kampf nicht für Ländererwerb, Gebietserweiterung und materiellen Gewinn, sondern für ein ideales Gut, für Machtstellung. In der Tat hat es sich um Preußens völliges Reifen zur Großmacht gehandelt. Symbolisch hat dies in jenen Tagen auch Bismarck ausgedrückt, als er das Geschenk eines kräftigen Handstocks, das ihm der König machte, mit folgendem Briefe quittierte:
Der Stab Arons
»Ew. Majestät sage ich meinen ehrfurchtsvollen und wärmsten Dank dafür, daß Allerhöchstdieselben meiner heute in Gnaden gedacht haben. Möge Gott mir so viel Kraft geben, als ich guten Willen habe, den Stab, dessen Symbol Ew. Majestät mir als ein lebenslänglich teures Andenken heute schenken, nach Allerhöchst Ihrem Willen zum Heile unseres Vaterlandes zu führen. Ich habe das gläubige Vertrauen zu Gott, daß Ew. Majestät Stab im deutschen Lande blühen werde wie der Stecken Arons laut dem vierten Buch Mosis im siebzehnten Kapitel, und daß er sich zur Not auch in die Schlange verwandeln werde, welche die übrigen Stäbe verschlingt, wie im siebten Kapitel des zweiten Buches erzählt ist. Verzeihen Ew. Majestät meinem dankbaren Gefühl diese Bezugnahme. Angesichts des Weihnachtsfestes habe ich das Bedürfnis, Ew. Majestät zu versichern, daß meine Treue und mein Gehorsam gegen den Herrn, den Gott mir auf Erden gesetzt hat, auf derselben festen Grundlage beruhen wie mein Glaube.«
Aber König Wilhelm hatte sich noch nicht vertraut gemacht mit der Entscheidung auf blutiger Heide; er wollte den Frieden wahren, solange es in Ehren möglich war. So trat an die Stelle des Schwertes wieder die Feder. Doch wurde in dem Ministerrat, den der König auf der Reise von Karlsbad nach Gastein nach Regensburg berief, einstimmig beschlossen, ein Ultimatum an Österreich zu senden, in dem jede Verhandlung über die Zukunft der Herzogtümer abgelehnt wurde, bis dort die Autorität wieder hergestellt und die Agitation beseitigt sein würde. »Mit dem Frieden sieht es faul aus, in Gastein muß es sich entscheiden«, schrieb der Minister an seine Schwester. »Die Firma Halbhuber-Augustenburg«, schreibt er in einem anderen Briefe, »treibt es so arg, daß wir werden nächstens einseitig Gewalt anwenden müssen. Das wird in Wien böses Blut machen, und dann hängt sich Gewicht an Gewicht bis zum vollen Bruch. Österreich läßt uns nur die Wahl, in Holstein zum Kinderspott zu werden. Dann schon lieber Krieg, der doch nur eine Zeitfrage bleibt.«
Österreich aber zeigte sich jetzt entgegenkommend. Gerade damals hatte Graf Blome dem Gesandten in München den Vorschlag gemacht, Österreich solle Holstein, Preußen Schleswig annektieren. Dieser Plan wurde in Wien dahin geändert, daß Preußen beide Herzogtümer übernehmen solle, wenn eine angemessene Gegenleistung für Österreich gefunden wird. Blome erhielt den Auftrag, zunächst für den Augustenburger zu wirken und nur bei dauerndem Widerstande den Teilungsplan vorzunehmen. Bismarck wies diesen Gedanken zurück, war aber zu weiterem Verhandeln bereit. Blome reiste daher nach Ischl, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Bismarck aber schrieb an seinen Freund Blankenburg: »Politisch dauert die Schwebe zwischen Krieg und Frieden fort, Neigung für letzteren tritt aber in Wien doch mehr in den Vordergrund. Auf der Rückreise des Königs wahrscheinlich Begegnung mit dem Kaiser in Salzburg. Bis dahin muß ich lavieren; denn von hier aus können wir nicht grob werden.«
Quinze
»Es war, wie ich den Vertrag mit Blome schloß. Damals«, so plaudert Bismarck, »habe ich zum letztenmal in meinem Leben Quinze gespielt. Obwohl ich sonst gar nicht mehr spiele — schon lange nicht mehr —, spielte ich da so leichtsinnig darauf los, daß sich die anderen nicht genug verwundern konnten. Ich wußte aber, was ich wollte. Blome hatte gehört, daß man beim Quinze die beste Gelegenheit hätte, die Menschen kennen zu lernen, und wollte das jetzt versuchen. Ich dachte, sollst ihn schon kennen lernen. Ich verlor damals ein paar hundert Taler, die ich eigentlich, als im Dienste Sr. Majestät verwendet, hätte liquidieren können. Aber ich machte ihn damit irre; er hielt mich für waghalsig und gab nach.«

»Einer auf dem Eroberungszuge durch den Norden Deutschlands.« Frei nach der Viktoria auf dem Brandenburger Tor. (»Kladderadatsch«, September 1865)
Kaiser Franz Joseph sandte von Ischl tatsächlich ein entgegenkommendes Schreiben an den König. Österreich gestand jetzt die Teilung im Sinne Blomes zu und machte bedeutende Konzessionen hinsichtlich der preußischen Wünsche auf den Durchzug durch Holstein; Rendsburg sollte gemeinsam besetzt, Lauenburg gegen eine Geldsumme an Preußen abgetreten werden. Die Risse im Bau waren verklebt. Die beiden Monarchen trafen sich in Salzburg und setzten ihre Unterschriften unter den Vertrag. König Wilhelm aber gab seiner Freude dadurch Ausdruck, daß er am 15. September Bismarck in den Grafenstand erhob. Folgender Brief begleitete die Ernennung.
Graf
»Mit dem heutigen Tage vollzieht sich ein Akt, die Besitzergreifung des Herzogtums Lauenburg, als eine Folge meiner, von Ihnen mit so großer und ausgezeichneter Umsicht und Einsicht befolgten Regierung. Preußen hat in den vier Jahren, seit welchen ich Sie an die Spitze der Staatsregierung berief, eine Stellung eingenommen, die seiner Geschichte würdig ist und demselben auch eine fernere glückliche und glorreiche Zukunft verheißt. Um Ihrem hohen Verdienste, dem ich so oft Gelegenheit hatte, meinen Dank auszusprechen, auch einen öffentlichen Beweis desselben zu geben, erhebe ich Sie hiermit mit Ihrer Deszendenz in den Grafenstand, eine Auszeichnung, welche auch immerhin beweisen wird, wie hoch ich Ihre Leistungen um das Vaterland zu würdigen wußte. Ihr wohlgeneigter König Wilhelm.«

Das sind die zwei Planeten, die abwechselnd auf- und untergehen. (»Kikeriki«)
Bismarck selbst glaubte nicht an die Dauer des Ausgleichs. Schon die Tatsache, daß er alsbald nach Frankreich ging und mit Napoleon lange Besprechungen hatte, erweckte in Wien neuen Verdruß. In dieser Gereiztheit schritt man dazu, die Agitation des Augustenburgers, die schon vorher jedes Maß überstieg, heimlich noch zu verstärken. Man billigte es sogar, daß die Gattin des Erbprinzen auf einer Reise von Altona nach Kiel überall mit amtlichem Gepränge empfangen und als Landesherrin gefeiert wurde. Es kam so weit, daß Manteuffel als Gouverneur von Schleswig Bismarck riet, in Wien die Wahl zu stellen, entweder mit Preußen oder mit dem Augustenburger zu brechen. Bismarck erkannte die Richtigkeit dieses Standpunktes sofort. Er sandte zwar noch kein Ultimatum nach Wien, aber die Notwendigkeit des Krieges erhob sich für ihn immer drängender: Die preußische Machtstellung stand auf dem Spiele und zugleich die Krongewalt. Denn der Konflikt ging ununterbrochen weiter, und ein ruhmloser Rückzug im Äußeren bedeutete auch die moralische Niederlage im Inneren. Der Kampf im Herzen des Königs aber war um so schwerer, als der eigene Sohn die Partei des Augustenburgers hielt und mit seinen Angehörigen in scharfe Gegnerschaft gegen Bismarcks Pläne trat. Auch die Königin Augusta war die Gegnerin des Staatsmannes, und von den Konservativen wandten sich Gerlach und seine Freunde erschreckt von der revolutionären Tatkraft Bismarcks ab, als sie sich offen gegen Österreich und den Bund kehrte. Und auch das ganze Wesen des greisen Königs, der fast ein Siebziger war, sträubte sich gegen den Krieg. Er empfand die volle Verantwortung für das Blut, das vergossen werden sollte, für den Staat der Hohenzollern, den er aufs Spiel setzte. Die alten preußischen Kräfte, die er in sich trug, wurden durch seinen Staatsmann, der freilich selber ganz Preuße war, auf ein neues Feld hinausgeführt, das sich noch ganz fremd und unabsehbar dehnte. Sollte König Wilhelm die Kraft haben, sich diesem ungeheueren Zuge der Bismarckschen Politik hinzugeben?
Er entschied nach Bismarcks Rat. Schon im September hatte er in Merseburg bei der Feier der fünfzigjährigen Vereinigung der Provinz Sachsen mit Preußen gesagt, als er den Besitzer von Schönhausen unter den Provinzialständen sah: »Diesem Manne verdanke ich und das Vaterland sehr viel.«
Als Prophet
Bei einem Mittagessen bei dem sächsischen Gesandten Grafen Hohenthal fragte im Laufe der Unterhaltung die Hausfrau den neben ihr sitzenden preußischen Ministerpräsidenten: »Sagen Sie mir doch, Exzellenz, ist es wirklich wahr, daß Sie Österreich bekriegen und Sachsen erobern wollen?« Bismarck erwiderte mit größter Freundlichkeit: »Ganz gewiß ist das wahr, teuerste Gräfin; vom ersten Tage meines Ministeriums an habe ich keinen anderen Gedanken gehabt; unsere Kanonen sind heute gegossen, und Sie sollen bald sehen, wie sie der österreichischen Artillerie überlegen sind.« — »Entsetzlich!« rief die Dame; »aber« — fuhr sie fort — »dann geben Sie mir einen Freundesrat, da Sie einmal in offenherziger Laune sind: ich habe zwei Besitzungen, auf welche soll ich mich flüchten, auf mein Gut in Böhmen oder auf mein Schloß bei Leipzig?« — »Wenn Sie mir glauben wollen« — antwortete Bismarck — »reisen Sie nicht nach Böhmen; eben dort, und wenn ich nicht irre, gerade in der Nähe ihres Gutes, werden wir die Österreicher schlagen; Sie könnten dort also schreckliche Abenteuer erleben. Gehen Sie ruhig nach Sachsen; bei Leipzig wird nichts vorfallen, und Sie werden nicht einmal durch Einquartierung belästigt werden, denn Ihr Schloß Knauthayn liegt an keiner Etappenstraße.« Als bald nachher Bismarck von anderen Diplomaten über diese Äußerung besorglich interpelliert wurde, lachte er, daß man von der Verspottung einer unpassenden Frage Notiz nähme. Herr von Beust aber nahm, in Erinnerung an seine langjährige Feindseligkeit gegen Preußens Politik, die Sache äußerst ernsthaft, sandte die wichtige Enthüllung nach Wien, rief Österreichs mächtigen Schutz an und erklärte, daß, wenn Österreich jetzt rüste, sämtliche Mittelstaaten fest zu ihm stehen, anderenfalls aber der Freundschaft Österreichs für immer den Rücken kehren würden.
Es war, wie Sybel sagt, die entscheidende Epoche in Bismarcks mächtigem Lebensgang. Ein neues Preußen war nicht denkbar ohne ein neues Deutschland, die Kräftigung Preußens hing eng zusammen mit der Lösung der deutschen Frage. Jetzt gab es von allen Alternativen nur noch die eine: Ein Hinausdrängen Österreichs aus dem Bunde und Vereinigung des übrigen Deutschland unter preußischer Leitung. Bei Bismarck fielen Vorsicht und Kühnheit, Vorwärtsdrängen und Mäßigung untrennbar zusammen. Jetzt aber, wo nur auf dem Wege über Olmütz ein Ausweichen möglich war, blieb nur, wenn Preußens Ehre nicht verletzt werden sollte, der steile Pfad der kriegerischen Entscheidung.

»Dieses alles will ich dir geben, wenn du mir hilfst, Belgien und Luxemburg zu gewinnen.« (Spottblatt)
Schriften und Gegenschriften flogen herüber und hinüber, das Bündnis mit Italien wurde geschlossen, Napoleon, der Kompensationen forderte, durch ein dilatorisches Verhalten beruhigt. Die Volksstimmung suchte Bismarck durch die Ankündigung eines allgemeinen deutschen Parlaments und des allgemeinen Stimmrechts zu gewinnen, überzeugt, daß die Massen ehrlicher an der Erhaltung der staatlichen Ordnung interessiert seien als die Führer jener Klassen, die man durch die Einführung eines Zensus privilegiert hatte. Er glaubte, wie er dem Grafen Bernstorff schrieb, daß in einem Lande mit monarchischen Traditionen und loyaler Gesinnung das allgemeine Stimmrecht, indem es die Einflüsse der liberalen Bourgeoisie beseitigt, auch zu monarchischen Wahlen führen werde. In Preußen seien neun Zehntel des Volkes dem Könige treu und nur durch den künstlichen Mechanismus der Wahl um den Ausdruck ihrer Meinung gebracht. Später sah Bismarck seinen Irrtum ein. Aber »er konnte nicht ganze Bibliotheken studieren, um ein besseres Wahlrecht auszuklügeln«. Überdies war dieses Wahlrecht eine Hinterlassenschaft der Paulskirche; es wurde von Bismarck nicht erschaffen, sondern als Erbe übernommen. »Die Karte war ausgespielt, und wir haben sie als auf dem Tische liegende Hinterlassenschaft vorgefunden.«
Die Anträge auf die Einberufung einer deutschen Nationalversammlung wurden in Frankfurt eingebracht. Die Abstimmung wurde ausgesetzt — sie ist nie vollzogen worden. Die Ereignisse gingen einen zu raschen Weg. Aber blieb auch das Reformwerk ein Torso, so wurde es doch gegenüber dem tobenden Unglauben der Parteien das feste Wahrzeichen, daß Deutschlands Einheit unter Preußens Führung auf dem Boden politischer Freiheit gegründet werden sollte. Es war der Tropfen demokratischen Öles, mit dem einst Uhland die Stirn des künftigen Deutschen Kaisers gesalbt wissen wollte.
Während Preußen und Österreich mit aller Macht rüsteten, betonten sie noch immer ihre Friedensliebe in höflichen Worten. Bayern und Württemberg, Nassau und Hessen mobilisierten; am 20. Mai verlangte Preußen von Hannover und Kurhessen die Zusage unbewaffneter Neutralität. Als beide ablehnten, ließ Bismarck erklären, Preußen werde fortan die beiden Länder als seine Gegner ansehen. Auch nach Sachsen erfolgte eine gleiche Erklärung. Überhaupt sorgte Bismarck mit Energie und Umsicht an den norddeutschen Höfen für unbedingte Klarheit.
Blinds Attentat
In jener Zeit der mühevollsten Arbeit richtete sich gegen Bismarck die Mordwaffe eines Fanatikers. Am 7. Mai hatte er Vortrag beim Könige gehalten; er schritt die Linden entlang, als er plötzlich in der Nähe der Schadowstraße zweimal hinter sich schießen hörte. Er blickte sich um und sah, wie ein kleiner Mensch von jüdischem Aussehen einen Revolver auf ihn anlegte. Bismarck sprang hinzu und packte ihn mit ehernem Griff am Faustgelenk, so daß auch der dritte Schuß fehlging. Der Attentäter wurde ergriffen, während Bismarck, der nur leichte Kontusionen erlitten hatte, ruhig nach Hause ging. Der Täter hieß Karl Cohen, er war der Stiefsohn des bekannten badischen Flüchtlings Karl Blind. Später erzählte Bismarck von jenem Vorgange: »Ich hatte Mühe, den kräftigen jungen Mann von mir abzuwehren, und lange hätte das Ringen mit ihm nicht dauern dürfen, denn ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. In diesem entscheidenden Augenblick erhob sich ein Gewehrkolben über meinem Haupte, der Soldat, welcher in der Nähe Posten stand, wollte nämlich intervenieren. Da wurde eine lederbehandschuhte Hand sichtbar, welche den Gewehrkolben faßte, und eine Stentorstimme, die einem Offizier gehörte, schrie: ›Rindvieh‹. Die Erregung in Berlin war groß.« — An jenem Tage fand im Hause des Ministers ein Familiendiner statt. Als Bismarck nicht rechtzeitig erschien, war man kaum verwundert. Denn es war in der Zeit vor dem Kriege gegen Österreich nichts Ungewöhnliches, daß der Ministerpräsident länger als sonst bei dem König blieb, so daß häufig das für fünf Uhr bestimmte Diner um eine halbe Stunde und länger hinausgeschoben werden mußte. Niemand im Hause hatte auch nur eine Ahnung von dem meuchlerischen Mordanfall Unter den Linden und von der wunderbaren Rettung des Hausherrn. Es war eine kleine Gesellschaft im Salon der Frau von Bismarck versammelt, die den Ministerpräsidenten erwartete; dieser trat endlich ein, niemand merkte ihm irgendwelche Unruhe oder Aufregung an, nur schien es einigen, als ob er freundlicher noch als sonst grüßte. Mit den Worten: »Ei! wie eine liebe Gesellschaft!« nahm er seinen Weg nach seinem Arbeitszimmer, wo er in der Regel noch einige Minuten verweilte, bevor er zu Tische ging. Heute berichtete er kurz den Vorfall dem Könige. Darauf kam er zurück zu der Tischgesellschaft und sagte, wie er das häufig zu tun pflegte, wenn er sehr spät kam, in spaßhaft vorwurfsvollem Tone zu seiner Gemahlin: »Warum essen wir denn heute gar nicht?« Er näherte sich einer Dame, um dieselbe zu Tisch zu führen; da erst, beim Ausgang aus dem Salon, trat er auf seine Gemahlin zu, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Mein Kind! sie haben auf mich geschossen, aber es ist nichts!« So zart und vorsichtig nun auch diese Mitteilung gemacht wurde, so malte sich doch begreiflicherweise das Erschrecken auf allen Gesichtern, dann drängte sich alles um Bismarck in Freude um die wunderbare Errettung. Dieser aber ließ sich nicht aufhalten, ging zum Speisesaal und saß nach dem kurzen Tischgebet vor seiner Suppe, die ihm um so trefflicher munden mochte, je weniger er, nach Menschengedanken, noch eine halbe Stunde zuvor ein Anrecht auf sie zu haben schien. Der hinzugekommene Arzt sagte nachher, als man allerlei Theorien darüber aufstellte, wie das Attentat so unschädlich habe verlaufen können, mit Recht: »Meine Herren, es ist hier nur eine Erklärung: Gott hat seine Hand dazwischen gehabt!«
Auch der letzte Versuch einer Verständigung, den Anton von Gabelenz machte, ist gescheitert, ebenso alle Versuche, die Höfe von Hannover und Kassel zur Vernunft zu mahnen. Vergebens suchte auch Napoleon den Vorschlag einer Konferenz, die Frage vor einem europäischen Areopag. Am 1. Juni fiel im Bunde die erste wichtige Entscheidung. Österreich hatte gefordert, daß die Schleswig-Holsteinische Frage nach Recht und Gesetz des Deutschen Bundes, nicht von den beiden Großmächten entschieden werde; es hatte also offen und deutlich den Vertrag von Gastein gebrochen. In der schärfsten Weise wies Bismarck dieses Vorgehen zurück, indem er zugleich erklärte, daß jetzt der König von Preußen den General von Manteuffel mit der Wahrung seiner Souveränitätsrechte in Holstein beauftragen werde. Zugleich sandte er an alle deutschen Regierungen seinen Entwurf einer künftigen deutschen Bundesverfassung. Manteuffel aber erließ eine Bekanntmachung, daß er Holstein besetzt habe und genötigt sei, die Regierung in die Hand zu nehmen; die Truppen Österreichs zogen sich alsbald nach Altona und von dort über Hannover, Hessen und Bayern nach Böhmen zurück. Da stellte Österreich beim Bunde den Antrag auf Mobilmachung des ganzen Bundesheeres und die Ernennung eines Bundesfeldherrn. Bismarck erklärte, als mit neun gegen sechs Stimmen der Antrag angenommen war, den Bundesvertrag für gebrochen, den Bund für aufgelöst und lud die Freunde der nationalen Sache ein, die preußische Bundesreform anzunehmen. Damit endete die letzte Sitzung des Bundestages; er starb ruhmlos, wie er ruhmlos gelebt hatte. Für König Wilhelm aber war jetzt die Stunde des letzten Entschlusses gekommen. Als Bismarck sie forderte, weil die letzte Friedenshoffnung erloschen sei, da erklärte er dem Minister den Wunsch, sich auf kurze Zeit in sein Zimmer zurückziehen zu dürfen. Bismarck erzählt über diese Szene:
Ein herzbewegendes Bild
Als Bismarck allein war, warf er von ungefähr einen Blick in den Spiegel, in welchem ein Teil des Nebengemaches sich abzeichnete, da der König beim Eintritt in dieses Zimmer die Verbindungstüre nicht völlig geschlossen hatte. Da erblickte Bismarck ein herzbewegendes Bild! Sein König lag auf den Knien und flehte in heißem Gebet zu dem Herrn aller Heerscharen, zum König aller Könige. Bismarck wandte das Haupt ab, und Tränen rollten über dieses eherne Antlitz. Inzwischen trat der König wieder lautlos ein, und dessen milde Stimme sprach jetzt zu Bismarck: »Ich habe die Entscheidung getroffen. Ich genehmige Ihre Vorschläge.«
Moltkes einziger Witz
Am Abend des Tages, an dem die entscheidende Nachricht über die Abstimmung im Bunde eintraf, bat Bismarck den General Moltke zu sich. Beide Herren zogen sich alsbald zurück, um die militärischen Maßnahmen zu besprechen, die durch die politische Lage bedingt waren. Nach Verlauf einer Stunde traten beide bereits wieder aus dem Arbeitszimmer Bismarcks heraus. Nunmehr gab Bismarck den Auftrag, daß die chiffrierten Depeschen, betreffend die Sommationen, an Sachsen, Hannover und Kurhessen abgehen sollten. Gegen zwei Uhr nachts zog Bismarck die Uhr heraus und sagte: »In zweiundzwanzig Stunden werden unsere Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen einrücken!« Moltke war in heiterster Laune und bemerkte: »Heute ist die Brücke bei Dresden gesprengt worden.« Als er das allgemeine Erstaunen der Tischgesellschaft wahrnahm — Bismarck nicht ausgenommen, welcher meinte, das sei doch nicht möglich —, lachte er verschmitzt und sagte: »Ich meine, es war ein heißer und staubiger Tag, an dem wohl der Sprengwagen auf der Dresdener Brücke in Funktion war.« Der anwesende Graf Lehndorff meinte: wenn Moltke Witze macht, dann müssen die Chancen des Krieges gut stehen. — Der Erfolg gab ihm bald recht. Eine drollige Charakteristik hat übrigens einmal Fürst Bismarck von dem alten Feldherrn zum besten gegeben. Wenn eine Kriegserklärung in der Luft schwebe — sagte der Kanzler —, werde selbst Moltke gesprächig, und als es im Jahre 1870 losging, sei derselbe mit einem Schlage um zehn Jahre jünger geworden. Vorher sauertöpfisch und mürrisch, hätte er nun aufgeräumt geplaudert, sogar wieder Appetit auf Champagner und schwere Zigarren bekommen und den letzten Rest von Zipperlein verloren, das er sich beim Ausruhen auf kalt gewordenen Lorbeeren geholt.

Stolz — Stolzer — Am stolzesten
(»Figaro«, September 1866)
Anders allerdings und ernster hat Bismarck sonst über seinen Gefährten in Walhall geurteilt:
»Das war ein ganz seltener Mensch, ein Mann der systematischen Pflichterfüllung,« läßt Bismarck im Tone wärmster Anerkennung sich vernehmen, »eine eigenartige Natur, immer fertig und unbedingt zuverlässig, dabei kühl bis ans Herz hinan. Er würde sich schon im Anzuge die kleinste Ordnungswidrigkeit nicht verziehen haben,« sei immer »á quatre épingles« gewesen, und es habe von ihm das Wort von des Dienstes ewig gleichgestellter Uhr gegolten, bei Tage wie des Nachts. Er, Bismarck, habe, was das Äußere anlange, ihm weit nachgestanden. »Es kam öfters vor, daß ich Moltke wecken und mit ihm zum König gehen mußte, wenn besonders wichtige Nachrichten angekommen waren. In solchem Falle hatte ich das Recht, den alten Herrn zu jeder Nachtstunde zu sprechen. Wenn ich dann durch alle Wachen und sonstige Hindernisse bis zu Moltke vorgedrungen war, so brauchte ich nur fünf bis höchstens zehn Minuten zu warten; dann war er fertig: gewaschen, tadellos vorschriftsmäßig angezogen und sogar in frischgewichsten Stiefeln.«

Der müde Kanzler
Bismarck: »Meine Herren, ich sage Ihnen, ich bin todesmüde — — —«
Kikeriki: »So? Na, da möcht’ ich den Herrn erst seg’n, wann er ausg’rast’t is!«
(»Kikeriki«, Mai 1880)
Der Krieg brach aus. Das Schicksal ging seinen Weg. Der König aber durfte seinen Preußen zurufen: »Nicht mein ist die Schuld, wenn mein Volk schweren Kampf kämpfen und vielleicht harte Bedrängnis wird erdulden müssen: Aber es ist uns keine Wahl mehr geblieben! Wir müssen fechten um unsere Existenz! ... Flehen wir den Allmächtigen, den Lenker der Geschicke der Völker, den Lenker der Schlachten an, daß er unsere Waffen segne!«
** *
Schon im April hatte Roon an seinen Freund Perthes geschrieben: »Ich zweifle nicht, daß unsere Wege zu erwünschten Zielen führen unter der Voraussetzung, daß Graf Bismarcks Gesundheit ihn nicht lahmlegt. Das freilich heißt nach meiner Überzeugung die Schlacht von Kollin zum zweitenmal verlieren.« Aber Bismarck blieb gesund, sein Körper versagte nur dann, wenn seiner rastlosen Energie und seiner dämonischen Leidenschaftlichkeit sich die Zaghaftigkeit als Hindernis entgegenstellte. Der Schlaflose konnte jetzt »zwei Nächte hindurch gut und viel schlafen«.

Die Legende vom Menschenfresser und vom Däumling
Eine französische Verdächtigung Bismarcks, der angeblich die Aufsaugung der kleineren deutschen Staaten im Auge hat. (»Le philosophe«, September 1865)
Bismarck war von vornherein entschlossen, seinen König ins Hauptquartier zu begleiten. Am Abend noch, ehe er abreiste, wurde ihm von den einst so feindlich gesinnten Berlinern eine begeisterte Ovation gebracht. Die ersten Siegesnachrichten waren bereits eingetroffen, der preußische Elan war erwacht, und in den Gehirnen begann es zu dämmern, daß tatsächlich jetzt durch Blut und Eisen das ersehnte Ziel erreicht werden könne. Und so wandelte sich auch sonst im ganzen preußischen Volke die Stimmung. Am 30. Juni reiste Bismarck mit dem König ab. Spät abends traf er mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Schon hier war das Hauptquartier und mit ihm der König von ernster Gefahr bedroht. Noch nach Jahrzehnten erzählte der Staatsmann:
Beinahe gefangen
»Am 30. Juni 1866 abends traf Se. Majestät mit dem Hauptquartier in Reichenberg ein. Die Stadt von 28000 Einwohnern beherbergte 1800 österreichische Gefangene und war nur von 500 preußischen Trainsoldaten mit alten Karabinern besetzt; nur einige Meilen davon lag die sächsische Reiterei. Diese konnte in einer Nacht Reichenberg erreichen und das ganze Hauptquartier mit Sr. Majestät aufheben. Daß wir in Reichenberg Quartier hatten, war telegraphisch publiziert worden. Ich erlaubte mir, den König hierauf aufmerksam zu machen, und infolge dieser Anregung wurde befohlen, daß die Trainsoldaten sich einzeln und unauffällig nach dem Schlosse begeben sollten, wo der König Quartier genommen hatte. Die Militärs waren über diese meine Einmischung empfindlich, und um ihnen zu beweisen, daß ich um meine Sicherheit nicht besorgt sei, verließ ich das Schloß, wohin Se. Majestät mich befohlen hatte, und behielt mein Quartier in der Stadt.«
Von Hohenmauth, wohin er über Siechrow und Jitschin gelangte, schrieb Bismarck seinen prächtigen Brief über den Geist der Armee:
Der preußische Soldat
»Unsere Leute sind inzwischen, jeder, so todesmutig, ruhig, folgsam, gesittet, mit leerem Magen, nassen Kleidern, nassem Lager, wenig Schlaf, abfallenden Stiefelsohlen, freundlich gegen alle, kein Plündern und Sengen, bezahlen was sie können und essen verschimmeltes Brot. Es muß doch ein tiefer Fonds von Gottesfurcht im gemeinen Manne bei uns sitzen, sonst könnte dies alles nicht sein.«
Am 3. Juli fiel bei Königgrätz die Entscheidung, und am Abend, auf dem Schlachtfelde, konnte Roon dem langjährigen Kampfgenossen zurufen: »Bismarck, diesmal hat uns der brave Musketier noch einmal herausgerissen.« Roon hatte recht. Bismarck wußte, daß auch für ihn der geschichtliche Name von dem Ausfall des Kampfes abhängen würde.
Den Besen um die Ohren geschlagen
Als Bismarck in den Krieg von 1866 auszog, befand sich unter den Diplomaten, die sich von ihm verabschiedeten, auch der belgische Gesandte. »Auf glückliches Wiedersehen«, rief ihm dieser zu, die entgegengestreckte Hand ergreifend. »Auf Wiedersehen,« entgegnete Bismarck, »wenn alles gut geht; sonst lasse ich mich in der letzten Attacke niederreiten.« Im Anschluß hieran erzählte Bismarck einmal dem Präsidenten Simson über den Tag der entscheidenden Schlacht: Sie sei bereits entschieden gewesen, und der Kreis der Männer um den König hätte sich bereits gelöst. Bismarck sei allein davongeritten. Da sei ihm ein General nachgekommen und habe ihm gesagt: »Sie können heute lachen. Wenn es schief gegangen wäre, hätten Ihnen die Kehrweiber ihre Besen um die Ohren geschlagen.«
Im Kugelregen
In der Schlacht von Königgrätz hatte König Wilhelm sich gewaltig exponiert. »Es war sehr gut,« schreibt Bismarck darüber an die Gattin, »daß ich mit war. Denn alle Mahnungen anderer fruchteten nicht, und niemand hätte gewagt, so zu reden, wie ich es mir beim letztenmal, welches half, erlaubte, nachdem ein Knäuel von zehn Kürassieren und fünfzehn Pferden vom sechsten Kürassierregiment neben uns sich blutend wälzte, und die Granaten den Herrn in unangenehmster Nähe umschwirrten. Die schlimmste sprang zum Glücke nicht. Es ist mir aber doch lieber so, als wenn er die Vorsicht übertriebe. Er war enthusiasmiert über seine Truppen und mit Recht, so daß er das Sausen und Einschlagen neben sich gar nicht zu merken schien, ruhig und behaglich wie am Kreuzberg, und fand immer wieder Bataillone, denen er danken und guten Abend sagen mußte, bis wir denn richtig wieder ins Feuer hineingeraten waren. Er hat aber so viel darüber hören müssen, daß er es künftig lassen wird, und Du kannst beruhigt sein: ich glaube auch kaum noch an eine wirkliche Schlacht.«
Moltkes Feldherrnblick
Als Bismarck während der Schlacht in der bösesten Stunde mit Moltke zusammentraf, hielt er dem Schlachtendenker seine Zigarrentasche hin, in der sich nur noch zwei Exemplare vorfanden. Moltke griff zu und wählte mit Feldherrnblick die bessere. »Ich schloß hieraus,« erzählte Bismarck, »daß unsere Aussichten keineswegs schlecht sein konnten.«
Noch eine Zigarre
»Bei Königgrätz,« so erzählte Bismarck, »hatte ich nur noch eine einzige Zigarre in der Tasche, und die hütete ich während der ganzen Schlacht wie ein Geizhals seinen Schatz. Ich gönnte sie mir augenblicklich selbst noch nicht. Mit glühenden Farben malte ich mir die wonnige Stunde aus, in der ich sie nach der Schlacht in Siegesruhe rauchen wollte. Aber ich hatte mich verrechnet. Ich sah einen armen verwundeten Dragoner. Hilflos lag er da, beide Arme waren ihm zerschmettert, und er wimmerte nach einer Erquickung; ich suchte in allen Taschen nach, und das nützte ihm nichts. Doch halt, ich hatte ja noch eine kostbare Zigarre! Die rauchte ich ihm an und steckte sie ihm zwischen die Zähne. Das dankbare Lächeln des Unglücklichen hätte man sehen sollen. So köstlich hat mir keine Zigarre geschmeckt, als diese, die ich — nicht rauchte!«
Die Geschwulst
»Da erinnere ich mich,« erzählte Graf Bismarck in Versailles, »nach der Schlacht bei Königgrätz — ich war den ganzen Tag im Sattel gewesen auf dem großen Pferde. Ich wollte es eigentlich dort nicht reiten, da es zu hoch war und das Aufsteigen soviel Mühe machte. Zuletzt tat ich’s doch, und ich bereute es nicht. Aber das lange Halten oben über dem Tale hatte mich doch sehr müde gemacht, und das Sitzfleisch und die Beine taten sehr weh. Durchgeritten hatte ich mich nicht; ich habe mich in meinem ganzen Leben nicht durchgeritten; aber als ich dann später auf einer Holzbank saß und schrieb, da hatte ich das Gefühl, als ob ich auf etwas anderem säße, auf einem fremden Gegenstande zwischen mir und der Bank. Es war aber nur die Geschwulst, die von dem langen Reiten entstanden war.«
Ohne Quartier
»Wir kamen«, so erzählt Bismarck weiter, »spät abends nach Horsitz auf den Marktplatz. Da hieß es, die Herren werden ersucht, sich selbst einzuquartieren. Das war aber leichter gesagt als getan. Die Häuser waren verschlossen, und man hätte Pioniere zur Hand haben müssen, um die Türen einzuschlagen. Aber die wären wohl erst früh um fünf angekommen. Ich ging denn an mehrere Häuser, drei, vier, und zuletzt fand ich eine offene Tür. Wie ich aber ein paar Schritt auf der dunkeln Hausflur gegangen war, fiel ich in eine Art Wolfsgrube. Zum Glück war es nicht tief, und wie ich mich überzeugte, war Pferdedünger darin. Ich dachte zuerst: wie wär’s, wenn man hier bliebe, — wurde aber doch gewahr, durch den Geruch, daß noch anderes dabei war. Wie das sich doch mitunter seltsam trifft. Wenn die Grube zwanzig Fuß tief war und voll, da hätten sie am anderen Morgen ihren Minister lange suchen sollen. — Ich ging nun wieder hinaus und fand einen Platz unter den Arkaden am Marktplatze. Da legte ich mir ein paar Kutschkissen hin und machte mir ein Kopfkissen von einem dritten und streckte mich zum Schlafen hin. Als ich mich hingelegt hatte, kam ich mit der Hand neben mir in etwas Nasses, und als ich es untersuchte, war es etwas Ländliches — von einer Kuh. Später weckte mich einer. Es war Perponcher, der sagte mir, der Großherzog von Mecklenburg hätte noch ein Unterkommen für mich und ein Bett übrig. Das war richtig. Nur war das Bett ein Kinderbett. Ich machte mir’s zurecht, indem ich mir zu Füßen eine Stuhllehne hinstellte, klappte mich wie ein Taschenmesser zusammen und schlief ein. Aber früh konnte ich kaum aufstehen, da ich mit den Knien auf der Lehne gelegen hatte. — Wenn man nur einen Strohsack hat, kann man sich’s recht bequem machen, auch wenn er sehr schmal ist, wie das oft vorkommt. Man schneidet ihn nämlich in der Mitte auf, schiebt das Stroh zurück und legt sich dann in die auf diese Weise entstandene Mulde. Ich habe das mitunter in Rußland so gemacht, auf der Jagd.«
Als Moltke am Abend der Schlacht von Königgrätz über das Leichenfeld ritt, hatte er zum König gesagt: »Ew. Majestät haben nicht bloß die Schlacht, sondern den Feldzug gewonnen.« Bismarck aber hatte hinzugefügt: »Die Streitfrage ist also entschieden; jetzt gilt es, die alte Freundschaft mit Österreich wieder zu gewinnen!« Welche Fernsicht! Welche weitgehende Berechnung! Welche tiefe Erkenntnis, daß das Bündnis mit Österreich der letzte Zweck des Krieges war!
Schon als noch die Waffen ihre ernste Weise sangen, mußte für den Staatsmann die Zukunft die Weise bestimmen, durfte er den klaren Sinn sich nicht durch Siegesjubel verdunkeln lassen. So hat er es verhindert, daß die preußischen Truppen gegen Wien vordrangen und in der alten Kaiserstadt ihren Einmarsch hielten. Nicht nur, weil er Österreichs Eigenliebe aus Gründen der Zukunft verschonen wollte, sondern auch, weil der letzte Widerstand an den Floridsdorfer Befestigungen eine Zeit von Wochen in Anspruch nehmen konnte, die Napoleons Intervention auf das Feld rufen mußte. Hier lag ja die schwerste Gefahr, zumal seit dem Tage, da Kaiser Franz Joseph an Napoleon Venetien abgetreten und seine Vermittlung angerufen hatte. Unter dem gleichen Gesichtspunkt hat Graf Bismarck später auch, bei den Friedensverhandlungen von Nikolsburg, nach Kräften vorwärtsgedrängt und trotz des Unwillens des Königs und seiner Generale das Gebiet des Kaiserstaates geschont.
In Nikolsburg
»Der Widerstand,« so erzählt Bismarck in seinem Gedenkbuch, »den ich in den Absichten Sr. Majestät in betreff der Ausnutzung der militärischen Erfolge und seiner Neigung, den Siegeslauf fortzusetzen, meiner Überzeugung gemäß leisten mußte, führte eine so lebhafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung der Erörterung unmöglich war und ich mit dem Eindruck, meine Auffassung sei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner Eigenschaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der Gedanke nahetrat, ob es nicht besser sei, aus dem offenstehenden, vier Stock hohen Fenster zu fallen, und ich sah mich nicht um, als ich die Tür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der Eintretende der Kronprinz sei, an dessen Zimmer ich auf dem Korridor vorübergegangen war. Ich fühlte seine Hand auf meiner Schulter, während er sagte: ›Sie wissen, daß ich gegen den Krieg gewesen bin; Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt sind, daß der Zweck erreicht ist und jetzt Friede geschlossen werden muß, so bin ich bereit, Ihnen beizustehen und Ihre Meinung bei meinem Vater zu vertreten.‹ Er begab sich dann zum Könige, kam nach einer kleinen halben Stunde zurück in derselben ruhigen und freundlichen Stimmung, aber mit den Worten: ›Es hat sehr schwer gehalten, aber mein Vater hat zugestimmt.‹ Diese Zustimmung hatte ihren Ausdruck gefunden in einem mit Bleistift an den Rand einer meiner letzten Eingaben geschriebenen Marginale ungefähr des Inhaltes: ›Nachdem mein Ministerpräsident mich vor dem Feind im Stiche läßt und ich hier außerstande bin, ihn zu ersetzen, habe ich die Frage mit meinem Sohn erörtert, und da sich derselbe der Auffassung des Ministerpräsidenten angeschlossen hat, sehe ich mich zu meinem Schmerze gezwungen, nach so glänzenden Siegen der Armee in diesen sauren Apfel zu beißen und einen so schmachvollen Frieden anzunehmen.‹ — Ich glaube mich nicht im Wortlaut zu irren, obschon mir das Aktenstück gegenwärtig nicht zugänglich ist; der Sinn war jedenfalls der angegebene und mir damals trotz der Schärfe der Ausdrücke eine erfreuliche Lösung der für mich unerträglichen Spannung. Ich nahm die königliche Zustimmung zu dem von mir als politisch notwendig Erkannten gern entgegen, ohne mich an ihrer unverbindlichen Form zu stoßen. Im Geiste des Königs waren eben die militärischen Eindrücke damals die vorherrschenden, und das Bedürfnis, die bis dahin so glänzende Siegeslaufbahn fortzusetzen, war vielleicht stärker als die politischen und diplomatischen Erwägungen. Von dem erwähnten Marginale des Königs, das mir der Kronprinz überbrachte, blieb mir als einziges Residuum die Erinnerung an die heftige Gemütsbewegung, in die ich meinen alten Herrn hatte versetzen müssen, um zu erlangen, was ich im Interesse des Vaterlandes für geboten hielt, wenn ich verantwortlich bleiben sollte. Noch heute haben diese und analoge Vorgänge bei mir keinen anderen Eindruck hinterlassen als die schmerzliche Erinnerung, daß ich einen Herrn, den ich persönlich liebte wie diesen, so habe verstimmen müssen.«
Wie oft hat Bismarck später dieser Kämpfe gedacht! Des Kriegsrates in seiner Krankenstube, und wie er, zurückgewiesen, in die Kammer nebenan gegangen sei, sich aufs Bett geworfen und laut geweint habe vor nervöser Aufregung, wie er am Fenster des Schlosses gestanden und ihm der Gedanke gekommen sei: besser, er läge da unten, wie der König ihm grollte und das Wort von einem »schmachvollen Frieden« an den Rand seiner Eingabe schrieb. Auch hier das Bild, das auch später noch wiederkehrt: Bismarcks Körper erliegt der geistigen Qual, dem Schmerze um das Vaterland.
Auch König Wilhelm gelangte zu anderer Meinung; in seinem nachdenklichen Geiste wirkten Bismarcks Gründe nach, und als der Frieden unterzeichnet war, da sprang er auf, umarmte, wie Roon nach Hause schreibt, und küßte dankend und weinend mit viel beweglichen Worten zuerst Bismarck, dann Roon und Moltke. Napoleons Gesandter kam zu spät. Als Bismarck eben unterzeichnen wollte, ließ sich Benedetti melden, um für Frankreich erneut eine Entschädigung zu fordern. Der preußische Staatsmann erwiderte freundlich, er sei bereit, diese Vorschläge zu erwägen. Als aber der Gesandte vom linken Rheinufer zu sprechen anfing, fiel ihm Bismarck ins Wort: »Machen Sie mir heute keine amtlichen Mitteilungen dieser Art«, darauf wandte er sich zur Unterzeichnung des Friedensvertrages. Er hatte »die Stirnlocke Fortunas« mit fester Hand ergriffen. In Frankreich aber erhob sich fortan der Schrei nach Revanche für Sadowa.

Es ist ein fröhlich Wandern, wenn einer führt den andern! (»Figaro«, November 1867)
Noch stand eine dreifache Arbeit für Bismarck bevor. Zuerst galt es, mit den feindlichen deutschen Staaten nicht nur Frieden zu schließen, sondern sie auch für die Zukunft zu gewinnen. Dann galt es, Frankreich, das jetzt Belgien forderte, in Schranken zu halten — damals vollzog Bismarck in der Verhandlung mit Benedetti jenes Meisterstück, das ihm vier Jahre später so große Dienste leisten sollte: Er behielt das von des Franzosen Hand geschriebene Entwurfskonzept im Besitz, um es im Juli des Kriegsjahres in die Welt zu schleudern und die heuchlerische Politik Napoleons der allgemeinen Entrüstung preiszugeben. Und die dritte Aufgabe war, das Volk und die Volksvertretung zu versöhnen, dem Könige Frieden mit der Nation zu schaffen, die nationale Flut schon aus Rücksicht auf das Ausland mit fester Hand in das rechte Bett zu leiten. Am 9. Mai war der Landtag aufgelöst worden, noch vor dem Ausbruch des Krieges waren die Neuwahlen ausgeschrieben, und am Tage der Schlacht von Königgrätz maßen sich im Wahlkampf die Parteien. Die Rechte ging um das Vierfache verstärkt aus diesem Kampfe hervor, noch behielten die Liberalen die Mehrheit. Aber die Stimmung war verändert, auch die Liberalen waren bereit, in die Wege Bismarcks zu lenken. Sollte nun der Sieger die Besiegten strafen oder Schonung üben? Sollte er, wie die Konservativen es wollten, starr auf seinem Rechtspunkt stehen oder ein Kompromiß schließen? Wieder nur unter schweren Kämpfen bewog Bismarck seinen König dazu, durch Nachsuchen der Indemnität den alten Streit zu begraben. Er sah eben weiter als alle. »Die Leutchen haben alle nicht genug zu tun, sehen nichts als ihre eigene Nase und üben ihre Schwimmkunst auf der stürmischen Welle der Phrasen. Mit den Feinden wird man fertig, aber die Freunde! Sie tragen fast alle Scheuklappen und sehen nur einen Fleck von der Welt!« Als am 5. August König Wilhelm an der Spitze der Prinzen seines Hauses den Landtag eröffnet hatte, begrüßt von begeistertem Jubel, und als dann Bismarck im Parlament mit der Mahnung, daß die Feder nicht verderben solle, was das Schwert gewonnen hat, die Versöhnung empfahl, da betraten bereits 230 Volksvertreter die goldene Brücke, und alsbald vollzog sich innerhalb der Opposition die Trennung der Nationalliberalen vom Fortschritt.
So war alles erreicht, was einst der Frühling an Hoffen brachte. Und es war erreicht ohne jede Konzession, ohne den Verlust einer Handbreit Erde an Frankreich. Das letzte, was Benedetti vor seiner Heimkehr aus Bismarcks Munde auf Napoleons Drohen vernahm, war das Wort: »Machen Sie den Kaiser darauf aufmerksam, daß ein Krieg mit uns unter gewissen Umständen ein Krieg mit revolutionären Donnerschlägen werden könnte, und daß angesichts revolutionärer Gefahren die deutschen Dynastien doch wohl eine größere Festigkeit bewähren würden als die des Kaisers Napoleon.«
** *
Die heißen Kämpfe der Konfliktszeit sind vorüber; der Entscheidungskampf um die deutsche Zukunft ist geschlagen. Aber die furchtbare Spannung dieser Zeiten und die rastlose Arbeit führte zu Bismarcks körperlichem Zusammenbruch. An dem Siegeseinzug nahm er noch teil, zwischen Moltke und Roon ritt er seinem König voran. Dann aber versagte die Kraft. In Putbus, wo er sich erholen wollte, befiel ihn eine schwere Krankheit. Seine Nerven, die auch die Kämpfe der nächsten Zeiten immer wieder aufwühlten, wie seit Jahren, in denen das Einigungswerk erst wachsen sollte, in denen aber mangelnde Einsicht, Mißgunst, Intrige, partikularistische Neigung ihr Unkraut säten, und auch das Ausland sich mühte, störend in das neue werdende Leben zu greifen, gewannen erst ihre Vollkraft wieder, als es zur letzten Entscheidung, zum Kampfe mit Frankreich ging.
Gewiß, das Zündnadelgewehr hatte die Doktrinäre widerlegt, aber es hatte den Hader und den Haß der Parteien nicht vernichtet und auch dem erfolggekrönten Mann den Weg zu neuen Erfolgen nicht befreit. Zwar haben ihn Männer wie Treitschke, Sybel, Fritz Reuter mit jubelnder Zustimmung geleitet, aber er mußte dennoch in zerreibender Arbeit Schritt für Schritt sich das Terrain erkämpfen, dessen er bedurfte. Es galt vor allem, Zeit zu gewinnen für die innere Konsolidierung, damit in dem sicher vorausgesehenen Kampfe gegen Napoleon sich die deutsche Kraft nicht wieder zersplittere; es mußte die Überlegenheit auf militärischem Gebiete gesichert werden, es galt die Verfassung des Norddeutschen Bundes zu schaffen, mit den süddeutschen Staaten zu verhandeln, im Zollparlament einen neuen Reifen um die Einheit zu schmieden und die Nation gegen die Übergriffe Frankreichs zu sichern. Was Bismarck später einmal sagte: »Meine politische Laufbahn war ein Hetzen und Jagen, bei dem man zum Genuß nie gekommen ist; viel glücklicher als der Staatsmann ist der Landmann, wenn er seine Felder und Rieselwiesen gedeihen sieht«, das galt auch damals.
Das Deutsche Reich wurde als Torso gegründet. Die neuen Provinzen mußten geordnet, die Bewohner an die neue Lage gewöhnt werden. Die Hauptarbeit galt darum zuerst der Verfassung. Sie war das eigenste Werk des großen Staatsmannes, der am Nachmittag des 13. Dezembers sie aus dem Kopfe seinem vertrauten Rate Lothar Bucher diktierte und im Gegensatz zu aller Schulmeinung die Bedingungen schuf, die auch heute noch den Kern und Inhalt unseres Verfassungslebens bilden. Noch in der Nacht arbeitete Lothar Bucher die Skizze aus, am nächsten Tage kam sie an den Kronrat, und am 15. abends wurde sie den Bevollmächtigten der Verbündeten vorgelegt. »So frisch kamen die Abzüge aus der Druckerei, daß während der Sitzung immer noch Exemplare hereingebracht wurden.« Zu einem konstituierenden Reichstage wurden die Wahlen ausgeschrieben. Am 24. Februar trat er zusammen.
Im Norddeutschen Reichstag
»Es war«, so schreibt ein Mitglied dieses Parlamentes, »ein Sonnentag in der Geschichte der Hohenzollern, wie er noch nie dagewesen war. Vor dem Throne stand der greise Vater, der nach schwerer Mühe das Werk vollbracht sah; ihm zur Rechten, eine Stufe höher als die übrigen Prinzen, stand in vollster männlicher Kraft der Sohn und nächste Erbe der jetzt so reich begnadeten Krone, und von der Tribüne oben schaute als zartes Kind der Enkel dem Werke zu, dessen Grundstein zu legen Vater und Sohn da unten im Begriffe standen. Es stand noch ein Mann bei der Eröffnung des Reichstags dem Könige näher als alle anderen. Er stand nicht auf einer Stufe des Thrones wie der Kronprinz und auch nicht zur Rechten wie die übrigen Prinzen, denn er war kein Prinz. Er stand links im Saal, dem Throne zunächst, in weißer Kürassieruniform und mit einem Gesicht so bleich, daß man zweifelhaft sein konnte, was weißer sei, ob das Tuch des Rockes oder das Gesicht des Mannes. Man sah es wohl, der Mann war körperlich schwer leidend, aber die Muskeln waren doch noch stark genug, um die hohe kräftige Gestalt in voller militärischer Straffheit aufrecht zu halten. Das war Graf Otto von Bismarck-Schönhausen, des Königs Wilhelm Ministerpräsident. Er hatte den größten Anteil an dem Gelingen des Werkes, und darum stand er ja wohl mit vollem Recht dem Thron ein paar Schritte näher als alle anderen.«

Napoleon wirft auf Italien ein Auge
Bismarck: »Was? Eine Frau schlagen?«
Louis: »Sie kann ja nicht widerschlagen. Warum hilfst du ihr denn nicht?«
(»Punch«, November 1867)
Mit den Worten: »Arbeiten wir rasch! Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel! Reiten wird es schon können!« suchte Bismarck die Volksvertreter zu raschem Werke zu treiben, sie über kleine Bedenken hinauszuführen. — Endlich war das Werk der neuen Bundesverfassung beendet; mit 227 gegen 93 Stimmen wurde sie vom preußischen Landtag beschlossen, während im Norddeutschen Reichstag sich nur 53 Stimmen dagegen erhoben. Am 14. Juli wurde Graf Bismarck zum Bundeskanzler ernannt. Nicht weniger als siebenundzwanzigmal hatte er in den Parlamenten das Wort ergriffen.
Zugleich hat der Streit um Luxemburg alle Kraft und Geschicklichkeit des Staatsmanns gefordert. Hier war der erste Prüfstein gegeben, ob das Gefühl für die Ehre der Nation ganz Deutschland erfüllte, denn als hier die Wellen zu Berge stiegen, da schien auch die Stunde eines neuen furchtbaren Krieges gekommen. Es sind die Schatten, die schon über Nikolsburg lagen, die auch jetzt auf die neue Zeit sich senkten.

Deutsche Weide
Napoleon versucht vergebens Luxemburg zu gewinnen und wirft sein Auge auf deutsches Gebiet. »Ein guter Schäfer läßt kein Schaf verloren gehen«
(»Kladderadatsch«, März 1867)
Napoleon war bitter enttäuscht. Er hatte gehofft, das sinkende Ansehen seiner Dynastie durch Gewinn an deutschem Boden zu steigern; er hatte geglaubt, daß ihm, wenn die beiden kriegführenden Mächte aus dem Ringen geschwächt hervorgehen würden, das linke Rheinufer als Lohn anheimfallen würde. Dann war sein Blick nach Belgien geschweift und dann nach Luxemburg, das, in Personalunion mit den Niederlanden vereint, aus der Verbindung mit Deutschland gelöst war. Er bot dem König von Holland ein Kaufgeschäft an, obwohl Bismarck schon vorher keinen Zweifel ließ, daß die Abtretung des Landes niemals im Einverständnis mit Preußen erfolgen werde. Im Zusammenhang hiermit, als ein avis au lecteur hat Bismarck die Schutzverträge mit den süddeutschen Staaten veröffentlicht. Aber ihm schien die Stunde noch nicht reif, ihm schien auch der Rechtsgrund für ein kriegerisches Einschreiten nicht genügend gesichert; der König wollte den Frieden. Den Zwang zum Krieg erkannte auch Bismarck noch nicht an. Hier fiel das Wort: »Man darf nicht Krieg führen, wenn es mit Ehren zu vermeiden ist; die Chance günstigen Erfolges ist keine gerechte Ursache, einen großen Krieg anzufangen.« Und es gelang ihm, indem er diplomatische Vorsicht und souveränes Machtbewußtsein verband, indem er zugleich die nationale Leidenschaft im deutschen Volke erweckte und doch mäßigend lenkte, zu einem Ausgleich zu kommen, der die Ehre Deutschlands in vollem Maße wahrte. Luxemburg wurde neutralisiert, der Abzug der preußischen Besatzung und die Schleifung der Festung bestimmt. Vergebens hatte man in Frankreich gerüstet, vergebens hatte auch König Georg von Hannover die Sendung einer Legion von 20 000 Mann angeboten.
Im Juni darauf ist Bismarck bereits mit König Wilhelm nach Paris zur Weltausstellung gereist. Sein Empfang durch den Pöbel war so wenig erfreulich, daß die besonnene Presse an den ritterlichen Sinn der Nation appellieren mußte. Um so freundlicher war der Empfang durch Napoleon am Hofe. Prachtvolle Feste wechselten miteinander, und eine fromme Sage erzählt, daß Bismarck damals seinen letzten Walzer tanzte.
Ein liebenswürdiger Spitzbube
In Paris fand Bismarck besonderes Wohlgefallen an dem alten Marschall Vaillant. »Wissen Sie, Graf,« sagte dieser nach einigen Tagen zu ihm, »daß Sie auf uns alle einen süperben Eindruck machen? Jedermann sagt, das ist doch ein liebenswürdiger Spitzbube.«
Wohlan, kreuzen wir den Degen
Als Bismarck nach einer Parade bei Longchamps die schönen Truppen bewunderte, meinte der liebenswürdige Marschall: »Besten Dank, Herr Graf. Das ist alles sehr schön. Aber Sie Deutschen sind uns gegenüber zu groß geworden. Wir werden eines Tages den Degen miteinander kreuzen müssen.« — »Nun gut,« sagte Bismarck, »kreuzen wir!«

Der zugrunde gegangene Tanzmeister
»Seitdem der dort oben seine Tanzschule aufgemacht hat, bin ich mit meiner Tanzschule — perdu!« (»Brumm-Brumm«, Januar 1868)
Dem Zollparlament galt Bismarcks nächstes großes Schaffen. Hier fiel, laut in Frankreich vernehmbar, schon das Wort, daß ein Appell an die Furcht im deutschen Herzen niemals ein Echo findet. Hier hatte er vor allem gegen partikularistische Verbissenheit zu kämpfen, gegen das Bemühen, daß die preußische deutsche Lokomotive am Main ihren Stillstand finde. Aber auch hier siegte nach einer »langen, schweren Woche« der Wille des großen Staatsmannes.
Ein schwerer Unfall
In Gesellschaft Keudells und Blanckenburgs machte Bismarck am 22. August von Varzin aus einen Spazierritt. Die drei Reiter bewegten sich im Trab längs einer großen Rieselei im Walde auf einem aufgeschütteten, anscheinend ganz ebenen und festen Rasenwege — Bismarck voran, unmittelbar hinter ihm Blanckenburg, dann Keudell. »Denke Dir mein Erstarren,« schreibt Blanckenburg am 24. August an Roon, »als ich ganz plötzlich folgendes Bild vor mir abspinnen sehe: der kleine breite Fuchs, den er (Bismarck) ritt, tritt mit dem rechten Vorderfuß durch die Rasendecke, und zwar so tief und energisch, daß er gleich, mit dem linken sich vergebens stützend, nach einigem Stolpern mit der Nase die Erde wühlte. Natürlich flog Otto über den Hals fort und war meines Erachtens erst mit der rechten Hand und dem Gesicht an der Erde, als der zweite Akt erfolgte — nämlich daß der Fuchs vollständig ›heesterkopp‹ schlug und mit dem dicken Pferderücken (zehn Zentner Gewicht!) auf die bundeskanzlerischen Schultern prallte. Der dritte Akt folgte ebenso schnell — nämlich daß der Fuchs rechts abfiel und Otto schnell aufsprang und leichenblaß, ohne Atem, ein dumpfes Gestöhn ausstoßend, halb Gewimmer, sich den Magen krampfhaft haltend umherging. Ich war in dem Augenblicke vom Pferde, als er aufsprang, und überzeugte mich bald, daß Knochen nicht zertrümmert waren« — indessen waren drei Rippen gebrochen —, »auch erfolgte kein Blutsturz, auch nicht das leiseste Blutspucken, so daß wir bis jetzt hoffen, alles sei ohne weitere Folgen abgegangen. Er ritt noch Schritt eine Viertelstunde und hatte die ersten heftigen Schmerzen, als er einen Wagen nahm. Der Arzt kann nichts finden. — Natürlich wird dies seine Nerven nicht gerade sehr stärken. Vorher machte er mir eigentlich einen guten Eindruck, wenngleich er über Schlaflosigkeit klagte. Er trank, wie er sagt, am Tage vor dem Sturz zum erstenmal mit Appetit Sekt und rauchte drei Zigarren.«
Der Unfall hat Bismarck nicht geschadet. Nach einigen Tagen konnte vielmehr Frau von Bismarck an Blanckenburg schreiben, daß »Otto nach dem Sturze besser schlafe als vorher; er sei und bleibe der Meinung, daß Gott ihm diesen Sturz geschickt habe, damit seine Nerven besser werden«.

Das schwarze Gespenst
hüben — und — drüben
als ein Mittel, die Völker militärfromm zu erhalten und in ihnen die Steuerzahl-Lust zu erwecken (»Kladderadatsch«, Juni 1869)
Auch sonst Glück im Unglück
Noch von zwei anderen gefährlichen Stürzen mit dem Pferde erzählte Bismarck in Versailles. »Ich glaube,« so bemerkte er, »daß es nicht reicht, wenn ich sage, daß ich wohl fünfzigmal vom Pferde gestürzt bin. Vom Pferde fallen ist nichts, aber mit dem Pferde, so daß es auf einem liegt, das ist schlimm. Zuletzt noch in Varzin, wo ich drei Rippen brach. Da dachte ich: jetzt ist’s aus. Es war nicht so viel Gefahr, wie es schien, aber es tat doch ganz erschrecklich weh. — Früher aber, da hatte ich einen merkwürdigen Zufall, der zeigt, wie das Denken des Menschen doch von seinem körperlichen Gehirn abhängt. Ich war mit meinem Bruder eines Abends auf dem Heimwege, und wir ritten, was die Pferde laufen wollten. Da hört mein Bruder, der etwas voraus ist, auf einmal einen fürchterlichen Knall. Es war mein Kopf, der auf die Chaussee aufschlug. Mein Pferd hatte vor der Laterne eines uns entgegenkommenden Wagens gescheut und war mit mir rückwärts überschlagen und auch auf den Kopf gefallen. Ich verlor die Besinnung, und als ich wieder zu mir kam, da hatt’ ich sie nur halb wieder. Das heißt, ein Teil meines Denkvermögens war ganz gut und klar, die andere Hälfte war weg. Ich untersuchte mein Pferd und fand, daß der Sattel gebrochen war. Da rief ich den Reitknecht und ließ mir sein Pferd geben und ritt nach Hause. Als mich da die Hunde anbellten — zur Begrüßung —, hielt ich sie für fremde Hunde, ärgerte mich und schalt auf sie. Dann sagte ich, der Reitknecht sei mit dem Pferde gestürzt, man solle ihn doch mit einer Bahre holen, und war sehr böse, als sie das auf einen Wink meines Bruders nicht tun wollten. Ob sie denn den armen Menschen auf der Straße liegen lassen wollten? Ich wußte nicht, daß ich ich war, und daß ich mich zu Hause befand, oder vielmehr, ich war ich selber und auch der Reitknecht. Ich verlangte nun zu essen, und dann ging ich zu Bette, und als ich ausgeschlafen hatte am Morgen, war alles gut. — Es war ein seltsamer Fall: den Sattel hatte ich untersucht, mir ein anderes Pferd geben lassen und dergleichen mehr — alles praktisch Notwendige tat ich also. Hierin war durch den Sturz keine Verwirrung der Begriffe herbeigeführt. Ein eigentümliches Beispiel, wie das Gehirn verschiedene Geisteskräfte beherbergt; nur eine davon war durch den Fall länger betäubt worden. — Ich erinnere mich noch eines anderen Sturzes. Da ritt ich rasch durch junges Holz in einem großen Walde, weit weg von zu Hause. Wie ich über einen Hohlweg weg wollte, stürze ich mit dem Pferde und verliere das Bewußtsein. Ich muß wohl drei Stunden ohne Bewußtsein dagelegen haben; denn es war schon dämmerig, als ich aufwachte. Das Pferd stand neben mir. Die Gegend war, wie gesagt, weit weg von unserem Gut und mir ganz unbekannt. Ich hatte meine Geisteskräfte noch nicht außerordentlich wieder. Aber das Notwendige tat ich auch hier. Ich machte die Martingale ab, die entzwei war, steckte sie ein und ritt auf einem Wege, der, wie ich dann erfuhr, der nächste war — es ging da auf einer ziemlich langen Brücke über einen Fluß — nach einem nahe gelegenen Gute, wo die Pachtersfrau, als sie den großen Mann mit dem Gesicht voll Blut vor sich stehen sah, davonlief. Der Mann kam dann herbei und wusch mir das Blut ab, und ich sagte ihm, wer ich wäre, und daß ich die zwei oder drei Meilen nach Hause wohl nicht würde reiten können; er möchte mich fahren, was er denn auch tat. Ich muß wohl fünfundzwanzig Schritte fortgeflogen sein bei der Lerche, die ich schoß, und war an eine Baumwurzel gefallen, und als der Doktor den Schaden besah, sagte er, es wäre gegen alle Regeln der Kunst, daß ich nicht den Hals gebrochen hätte.«

Die bösen Buben und der böse Drache
»Endlich ist die Zeit gekommen, in der sie ihn steigen lassen können« (»Brumm-Brumm«, November 1869)
Bismarck wurde am 18. Oktober 1868 zum Chef des ersten Magdeburger Landwehrregimentes ernannt und à la suite des Magdeburger Kürassierregimentes Nummer sieben gestellt. Seit jener Zeit sind wir gewohnt gewesen, ihn in der historischen Uniform mit Helm und Küraß zu erblicken.
Das Jahr 1869 ging zu Ende, das Schicksalsjahr zog herauf. Schon in die Zeiten des Norddeutschen Bundes ragten tief die Ahnungen der künftigen Entscheidungen hinein. Vielleicht — wer kann die Möglichkeiten ermessen! — hätte schon damals, als die Luxemburger Frage den Krieg auf des Messers Schneide führte, die Entscheidung gefällt werden können. Sicher aber ist es, daß jetzt, wo die Arbeit von vier Jahren ihre Wirkung ausgeübt hatte, das Fundament des Sieges ungleich fester gefügt war. Denn als der Frühling des Schicksalsjahres heraufzog, stand Deutschland gerüstet da, nicht nur mit seinen militärischen Waffen, sondern auch mit jenem neuen Geiste, der aus Bismarcks Heldenseele hinübergeflutet war über die Nation bis hinauf an die Gestade der Ostsee und fernhin zu den ragenden Firnen der Alpen.

Das verschleierte Bild zu Saïs
Der Alt-Reichskanzler (indem er die verhüllende Emser Depesche fortzieht): »Seht, so habe ich im Jahre 1870 Fanfare geblasen!« (»Lustige Blätter«, 1892)