Frankfurt
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Es ist psychologisch merkwürdig, daß gerade der unentschlossenste aller preußischen Könige es war, der den entschlossensten Charakter seiner Zeit entdeckte und zu sich heranzog. Schon bei der ersten Begegnung hat Friedrich Wilhelm IV. den tapferen Junker aus der Altmark ausgezeichnet; das treue und mannhafte Verhalten während der schweren Tage der Revolution ließ in ihm die beste Stütze der staatlichen Grundlagen ahnen. Und schon damals hatte man ihm geraten, den jungen Deichhauptmann zum Minister zu machen. Aber der König mochte fürchten, durch die Berufung eines solchen Mannes die herrschende Erregung noch zu schüren. »Roter Reaktionär! Riecht nach Blut! Vielleicht später zu gebrauchen« oder, wie Bismarck versichert: »Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schadenlos waltet«, so lautete das Urteil des Königs. Bismarck stand damals, so schreibt Sybel, in der vollen Blüte des kräftigsten Mannesalters. Eine hohe Gestalt, welche die Mehrzahl der Menschenkinder um eine Kopfeslänge überragte, ein gesundheitsstrahlendes Antlitz, ein von Intelligenz belebter Blick, in Mund und Kinn der Ausdruck unbeugsamen Willens, in jedem Gespräch erfüllt von originellen Gedanken, farbigen Bildern, frappanten Wendungen, von gewinnender Liebenswürdigkeit im geselligen, von schneidender Überlegenheit im geschäftlichen Verkehr. Sein Bildungsgang war großenteils der eines Autodidakten; die frische Ursprünglichkeit hatte er weder durch mechanische Schulung noch durch äußerlichen Dienstzwang einschnüren oder umschleifen lassen. Eine freigebige Natur hatte ihn mit allen Erfordernissen des Herrscherberufes ausgestattet, mit rascher und durchdringender Auffassung aller Verhältnisse, mit scharfer Erkenntnis der Stärken und Schwächen jeder Position, mit sicherem Blick für die Brauchbarkeit der verschiedensten Menschen zur Förderung seiner Zwecke. Mit einer unerschütterlichen Willenskraft in der Verfolgung seiner Absichten verband er eine niemals versagende Elastizität des Geistes in der wechselnden Anwendung des jedesmal zweckmäßigen Verfahrens; ohne jemals einen systematischen Unterricht durchgemacht zu haben, besaß er die Fähigkeit, die Thucydides von Themistokles rühmt, durch die Macht seiner Natur in kurzem Nachdenken das Erforderliche sofort zu treffen. In der Tat erinnerte Bismarck durch die Frühreife des Talentes und die Beherrschung der Vorgesetzten lebhaft auch an das Auftreten des Generals Bonaparte im Jahre 1796. Aber statt der kolossalen, jedes andere Gefühl erdrückenden Selbstsucht des korsischen Imperators zeigt sich bei Bismarck die patriotische Hingabe an den Staat, die unbedingte Pflichttreue gegen König und Vaterland. Aus dem Bedürfnis heraus, Preußen zu Macht und Blüte zu erheben, wird er, der bisher nur Parteimann war, im prägnantesten Sinne des Wortes der Diener des Staates.
Über die entscheidende Unterredung mit dem König berichtet Bismarck:
Wir wollen es versuchen
»Nachdem ich auf die plötzliche Frage des Ministers Manteuffel, ob ich die Stelle eines Bundesgesandten annehmen wolle, einfach mit ja geantwortet hatte, ließ der König mich zu sich bescheiden und sagte: ›Sie haben viel Mut, daß Sie so ohne weiteres ein Ihnen fremdes Amt übernehmen.‹ Ich erwiderte: ›Der Mut ist ganz auf seiten Eurer Majestät, wenn Sie mir eine solche Stellung anvertrauen, indessen sind Eure Majestät ja nicht gebunden, die Ernennung aufrechtzuerhalten, sobald sie sich nicht bewährt. Ich selbst kann keine Gewißheit darüber haben, ob die Aufgabe meine Fähigkeit übersteigt, ehe ich ihr nähergetreten bin. Wenn ich mich derselben nicht gewachsen finde, so werde ich der erste sein, meine Abberufung zu erbitten. Ich habe den Mut zu gehorchen, wenn Eure Majestät den haben zu befehlen.‹ Worauf der König: ›Dann wollen wir die Sache versuchen.‹«
»Er wird schön hausen«
Der »Kladderadatsch« begrüßte Herrn von Bismarcks Ernennung mit den Worten Zwickauers: Also Hörr von Büsmarck würd ßum Bundestag nach Frankfurt am Mäun geschückt. Ich glaube, sogleuch er würklich geschückt ist, würd dort Herr von Bismarck schön hausen.
Bismarcks letzte Erkenntnis aus den Frankfurter Jahren lag in dem Satze: »Ich sehe in unserem Bundesverhältnis ein Gebrechen Preußens, welches wir früher oder später ferro et igni heilen müssen.« Aber er hat schon früh die Erkenntnis gewonnen, daß die Trennung von Österreich die letzte Lösung des Rätsels sei. Und noch früher gewann er die Überzeugung von der ganzen öden Nichtigkeit und Wichtigtuerei dieser Zopfdiplomaten, die in Frankfurt wie einst auf dem seligen Regensburger Reichstag sich über Quisquilien stritten. Schon acht Tage nach seinem Eintreffen in Frankfurt schrieb er an seine Frau die berühmten Worte:
Sie kochen alles mit Wasser
»Der hiesige Verkehr ist im Grunde nichts als ein gegenseitiges mißtrauisches Ausspionieren, und wenn man noch etwas auszuspionieren und zu verbergen hätte! Es sind lauter Lappalien, mit denen sich die Leute quälen, und diese Diplomaten sind mir schon jetzt mit ihrer wichtigtuenden Kleinigkeitskrämerei viel lächerlicher als der Abgeordnete der Zweiten Kammer im Gefühl seiner Würde. Wenn nicht äußere Ereignisse zutreten, und die können wir superklugen Bundestagsmenschen weder leiten noch vorherbestimmen, so weiß ich jetzt ganz genau, was wir in ein, zwei oder fünf Jahren zustande gebracht haben werden, und will es in vierundzwanzig Stunden zustande bringen, wenn die anderen nur einen Tag lang wahrheitsliebend und vernünftig sein wollen. Ich habe nie daran gezweifelt, daß sie alle mit Wasser kochen; aber eine solche nüchterne, einfältige Wassersuppe, in der auch nicht ein einziges Fettauge zu spüren ist, überrascht mich. Schickt den Schulzen X oder Herrn von ?arsky aus dem Chausseehause her, wenn sie gewaschen und gekämmt sind, so will ich in der Diplomatie Staat mit ihnen machen. In der Kunst, mit vielen Worten gar nichts zu sagen, mache ich reißende Fortschritte, schreibe Berichte von vielen Bogen, die sich nett und rund wie Leitartikel lesen, und wenn Manteuffel, nachdem er sie gelesen hat, sagen kann, was drin steht, so kann er mehr wie ich. Jeder von uns stellt sich, als glaube er vom anderen, daß er voller Gedanken und Entwürfe stecke, wenn er’s nur aussprechen wollte, und dabei wissen wir alle zusammen nicht um ein Haar besser, was aus Deutschland werden wird, als Dutken Sommer. Kein Mensch, selbst der böswilligste Zweifler von Demokrat, glaubt, was für Charlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie hier steckt.«
An Hermann Wagner schreibt Bismarck schon wenige Tage später: »Die Österreicher (am Bundestage) sind intrigant unter der Maske burschikoser Bonhomie ... und suchen uns bei kleineren Formalien zu übertölpeln, worin bis jetzt unsere einzige Beschäftigung besteht. Die von den kleinen Staaten sind meist karikierte Zopfdiplomaten, die sofort die Berichtphysiognomie aufstecken, wenn ich sie nur um Feuer zur Zigarre bitte, und Blick und Wort mit Regensburger Sorgfalt wählen, wenn sie den Schlüssel zum A.... fordern.«

Auftreten im Bundestagstheater zu Frankfurt am Main 1851 als Mephistopheles in der Hexenküche:
»Erkennst du deinen Herrn und Meister?« (»Kladderadatsch«, 1895)
Was Bismarck in Frankfurt geleistet hat, das liegt in einer unendlichen Fülle von Dokumenten vor unseren Augen. Und auch sein inneres Leben findet durch die köstlichen Briefe an seine Gattin, seine politische Entwicklung durch seine Briefe an die Brüder von Gerlach und an Herrn von Manteuffel reiche Beleuchtung. Immer wieder aber begegnen wir den schärfsten Sarkasmen über die superklugen Bundestagsmenschen, unter denen er sofort um Haupteslänge hervorragt. Mit Energie nahm er schon zu Anfang die Aufgabe in die Hand, die untergeordnete Stellung, in die Preußen nach Olmütz geraten war, und die in den Tagen seines Vorgängers ihren Ausdruck auch in einer gewissen Gegnerschaft für die Unterordnung des preußischen Vertreters unter den Grafen Thun, Österreichs Gesandten, gefunden hatte, zur Gleichberechtigung zu erheben. Insofern sind jene scheinbar so unbedeutenden Anekdoten, die seinen Eintritt umschließen, doch von einer gewissen Bedeutung. So auch die kleine Geschichte aus der Militärkommission:
Die Bundeszigarre
»Bei diesen Sitzungen hatte,« so erzählte Bismarck in Versailles, »als mein Vorgänger von Rochow Preußen vertrat, Österreich allein geraucht. Rochow hätte es als leidenschaftlicher Raucher gewiß auch gern getan, getraute sich’s aber nicht. Als ich nun hinkam, gelüstete mich’s ebenfalls nach einer Zigarre, und da ich nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit Erstaunen und Mißvergnügen bemerkt zu werden schien. Es war offenbar für sie ein Ereignis. Für diesmal rauchten nun bloß Österreich und Preußen. Aber die anderen Herren hielten das augenscheinlich für so wichtig, daß sie darüber nach Hause berichteten. Die Sache erforderte reifliche Überlegung, und es dauerte wohl ein halbes Jahr, daß nur die beiden Großmächte rauchten. Da begann auch Schrenkh, der bayerische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch Rauchen zu wahren. Der Sachse Nostitz hatte gewiß auch große Lust dazu, aber wohl keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er indes das nächstemal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine genehmigte, muß er, der eifrig österreichisch war — er hatte dort Söhne in der Armee — sich mit Rechberg verständigt haben; denn er zog jetzt ebenfalls vom Leder und dampfte. Nun waren nur noch der Württemberger und der Darmstädter übrig, und die rauchten überhaupt nicht. Aber die Ehre und die Bedeutung ihrer Staaten erforderten es gebieterisch, und so langte richtig das folgende Mal der Württemberger eine Zigarre heraus — ich sehe sie noch, es war ein langes, dünnes, hellgelbes Ding — und rauchte sie als Brandopfer für das Vaterland wenigstens halb. Nur Hessen-Darmstadt entzieht sich.«
Schon diese unscheinbare Geschichte verlieh dem Namen Bismarck in Preußen eine gewisse Volkstümlichkeit; sie hat später zu einer sehr ernsten parlamentarischen Szene geführt. Noch eine andere Zigarre aber spielte eine gewisse Rolle: Als Bismarck den österreichischen Kollegen besuchte, empfing ihn der hochmütige Herr recht formlos, rauchte seine Zigarre weiter und hielt es nicht für nötig, seinem Besucher einen Stuhl anzubieten. Da zog Bismarck eine Zigarre aus der Tasche und ersuchte den ungastlichen Herrn um Feuer.
Überhaupt bietet gerade der Aufenthalt in Frankfurt ein besonders reiches Material an anekdotischen Vorgängen. Sie mögen hier in bunter Reihe folgen:
Beim alten Metternich
Der greise Staatsmann residierte in jener Zeit auf dem Johannisberg. Bismarck besuchte ihn dort und gewann ihn schnell. Wie er aber die rasche Eroberung des alten argwöhnischen Zuchtmeisters von Europa fertig brachte, das erzählte er später dem Grafen Thun auf dessen erstaunte Frage: »Ich weiß nicht, was haben Sie nur dem alten Fürsten angetan, der hat ja in Sie wie in einen goldenen Kelch hineingesehen?« »Ja,« erwiderte Bismarck, »das will ich Ihnen erklären; ich habe seine Geschichten ruhig angehört und nur manchmal an die Glocke gestoßen, daß sie weiter klang. Das gefällt solchen redseligen Leuten.«
Wie Bismarck eine Depesche absandte
Der Vertreter Hannovers hatte die Besorgnis, daß seine Briefschaften durch »Konnivenz der Post« zur Kenntnis des Bundestagspräsidiums gelangten, und richtete an seinen preußischen Kollegen die Frage, wie er es anfange, seine Depeschen ungeöffnet passieren zu lassen. Bismarck forderte ihn auf, einen Spaziergang mit ihm zu machen, und führte ihn in eine entlegene Gasse, wo nur kleine Leute und Gewerbetreibende der bescheidensten Art ihre Wohnung hatten. Dort angelangt, zog er zum Erstaunen seines Begleiters Handschuhe an und trat dann mit ihm in einen Krämerladen. Hier fragte er den Heringsbändiger: »Habt Ihr hier auch Seife?« — »Jawohl.« — »Welche Sorten?« — Der Kommis nannte verschiedene und legte Bismarck einige Stücke vor, von denen dieser ein besonders stark riechendes wählte und in seine Tasche gleiten ließ. Dann fragte er nach Briefkuverten, und der Verkäufer legte ihm einige solche der ordinärsten Art vor. Darauf zog Bismarck eine Depesche aus der Brusttasche seines Rockes, steckte sie in das Kuvert, forderte Tinte und Feder und fing an, die Adresse zu schreiben. Aber mit den Handschuhen ging das nicht, er bat daher den Krämerkommis, diese Arbeit für ihn zu besorgen, und der junge Mann tat dies willig genug. Nun steckte Bismarck die Depesche in die Tasche zu der Seife und sagte auf der Straße zu dem Hannoveraner: »So, unter dieser Aufschrift und diesem aus den Düften von Seife, Heringen, Talg und Käse zusammengesetzten Parfüm sollen sie nun einmal meine Depesche herausschnüffeln!«
Alle vorm Feinde erworben
Bei einer Parade, zu der auch ein österreichischer General in vollem Ordensschmuck erschienen war, war auch Bismarck anwesend und hatte zu Ehren des Gastes seine preußische Landwehruniform mit sämtlichen Orden angelegt, die ihm die Höflichkeit der Bundesstaaten zugedacht hatte. Der General begrüßte auch Bismarck und frug ihn, indem er auf dessen Orden zeigte, mit leiser Ironie und feiner Anspielung auf die damals drohende Kriegsgefahr und die passive Rolle, die Preußen während der Kriegsereignisse im letzten Jahrzehnt gespielt hatte: »Schaun S’, Exzellenz! alle vorm Feinde erworben?« »Jawohl,« entgegnete Bismarck gewandt, »alle vorm Feinde in Frankfurt a. M. erworben!«
Der Streit mit Rechberg
Mit dem Nachfolger des Grafen Thun, dem Grafen Rechberg, geriet Herr von Bismarck wiederholt in Konflikte. Einmal in Rechbergs Zimmer wurde der Streit so heftig, daß der Graf ausrief: »Ich werde Ihnen meinen Sekundanten schicken.« »Wozu diese Umstände,« erwiderte Bismarck, »Sie haben hier ja wohl Pistolen, dann machen wir die Sache sogleich in Ihrem Garten ab. Während Sie das Schießgerät zurechtmachen, schreibe ich einen Bericht über den Handel, den ich eintretendenfalls nach Berlin zu schicken bitte.« So geschah es. Als der Bericht geschrieben war, ersuchte Bismarck den Grafen, die Richtigkeit zu prüfen. Rechberg las und sagte, jetzt wieder kälteren Blutes, »es ist alles richtig — aber«, rief er dann aus, »uns deshalb die Hälse zu brechen, wäre doch über die Maßen töricht.« — »Ganz einverstanden«, schloß Bismarck. Etwas später kam Rechberg zu Bismarck, um diesem in einer Wiener Depesche den ihm erteilten Auftrag zu zeigen, in der nächsten Sitzung bei einer wichtigen Frage ebenso wie Preußen zu stimmen. Bismarck überflog das Schreiben und gab es mit den Worten zurück: hier ist wohl ein Irrtum vorgefallen. Rechberg sah in das Blatt hinein, erschrak, wurde blaß: es war ein vertraulicher Begleitbrief mit der Weisung, zwar selbst für Preußen zu stimmen, aber alles zu tun, um das gemeinsame Votum durch die übrigen Gesandten verwerfen zu lassen. Er hatte die beiden Schreiben verwechselt. »Beruhigen Sie sich,« sagte Bismarck, »Sie haben mir den Brief nicht geben wollen, also haben Sie ihn mir nicht gegeben, also ist sein Inhalt mir völlig unbekannt.« In der Tat hat er ihn nie nach Berlin berichtet, um so mehr aber Rechbergs Vertrauen für alle Zeit gewonnen.
Bismarck als Hehler
Herrn von Keudell erzählte Bismarck einmal, wie er einem polizeilich verfolgten jungen Mann zur Flucht verhalf: »Ich erhielt vor kurzem von Berlin den Auftrag, die hiesige Polizei zu veranlassen, einen politisch kompromittierten Jüngling zu verhaften. Nun ist es wirklich nicht wohlgetan, einen fähigen jungen Menschen, der auf einen falschen Weg geraten ist, durch Verfolgung und Bestrafung als Umstürzler abzustempeln. Es ist sehr möglich, daß er von selbst zur Vernunft kommt, wie es manchen Achtundvierzigern ergangen ist. Ich erstieg also frühmorgens die drei Treppen zu der Wohnung des jungen Mannes und sagte ihm: »Reisen Sie so schnell als möglich ins Ausland.« Er sah mich etwas verwundert an. Ich sagte: »Sie scheinen mich nicht zu kennen; vielleicht fehlt es Ihnen auch an Reisegeld? Nehmen Sie hier einige Goldstücke und machen Sie, daß Sie schnell über die Grenze kommen, damit man nicht sagt, daß die Polizei wirksamer operiert als die Diplomatie. Am folgenden Tage hat die Polizei ihn natürlich nicht mehr gefunden.«
Wie er seine Glocke bekam
In seiner Mietwohnung vermißte Bismarck einen Glockenzug, durch den es ihm möglich gewesen wäre, seinen Diener aus dem oberen Stockwerk in das Arbeitszimmer herabzurufen. Er ließ den Hausherrn ersuchen, eine solche Klingel beizustellen, allein der Patrizier, ohnehin dem »Preußen« nicht sehr grün, gab zur Antwort, daß seine Mietparteien in der Regel derartige besondere Wünsche auf eigene Kosten befriedigen müßten, und er wüßte nicht, warum in diesem Falle eine Ausnahme gemacht werden solle. Einige Tage später knallte ein Pistolenschuß durch das Haus. Erschreckt durcheilte der Eigentümer alle Räume und kam endlich in Bismarcks Arbeitszimmer, wo die noch rauchende Pistole auf dem Tische lag, der ebenfalls rauchende Bismarck aber ruhig hinter seinen Akten saß. »Um Himmels willen, was ist geschehen?« rief der Hausherr. »Gar nichts,« versetzte Bismarck, »seien Sie ganz unbesorgt. Ich habe nur meinem Diener oben ein Zeichen geben wollen, daß er kommen soll. Es ist ein ganz harmloses Signal, an das Sie sich hoffentlich gewöhnen werden.« Man braucht wohl nicht erst hinzuzufügen, daß Bismarck in kürzester Zeit seine Glocke bekam.
Amschel Rothschild
Vom Ahnherrn der Rothschilds, dem alten Amschel, erzählte Bismarck gern Anekdoten. Er wurde hierzu besonders vor Paris angeregt, wo er im Hause eines Rothschild wohnte. So erzählte er: Rothschild habe einmal in seiner Gegenwart mit einem Getreidehändler über einen Weizenverkauf gesprochen. Dabei sagte der Händler zu ihm, als reicher Mann habe er doch nicht nötig, den Preis des Weizens so hoch zu stellen. — »Was, reicher Mann?« erwiderte der alte Herr. »Ist mein Weizen darum weniger wert, weil ich ein reicher Mann bin?« — Er gab übrigens Diners, die seinem Reichtum alle Ehre machten. Ich erinnere mich: einmal war der jetzige König in Frankfurt, und ich lud ihn zu Tische. Darauf hatte ihn Rothschild auch einladen wollen. Der Prinz aber hatte ihm gesagt, das möchte er mit mir ausmachen, er äße sonst ebenso gern bei ihm als bei mir. Er kam nun und wollte, ich sollte ihm Seine Königliche Hoheit abtreten, ich könnte ja bei ihm mitessen. Ich schlug’s ihm ab. Da hatte er die Naivität, zu meinen, sein Diner könnte ja zu mir ins Haus gebracht werden, er äße doch nicht mit — er genoß nämlich nur Koscheres. Ich lehnte auch diesen Vorschlag zur Güte ab — natürlich, obwohl sein Diner ohne Zweifel besser war als das meinige. — Ferner habe ihm der alte Metternich — der mir beiläufig sehr wohl wollte, schaltete er ein — mitgeteilt, als er einst bei Rothschild gewohnt, habe ihm der bei der Abreise nach dem Johannisberg ein Dejeuner mit auf den Weg gegeben, bei dem sich auch sechs Flaschen Johannisberger Schloß befanden. Auf dem Johannisberg wären sie ungeöffnet ausgepackt worden, und der Fürst hätte seinen Weinverwalter kommen lassen und ihn gefragt, was die Flasche bei ihm koste. — Zwölf Gulden, hätte er geantwortet. — So, nun dann schicken Sie dem Baron Rothschild die sechs bei der nächsten Bestellung wieder zu, berechnen Sie sie ihm aber zu fünfzehn Gulden, weil sie dann älter geworden sind.
Wollen wir ein Geschäftchen machen?
Als die Nachricht von der Abberufung des russischen Gesandten in Paris eintraf, schrieb Bismarck an Gerlach am 3. Februar 1854: »Gestern erhielt ich die telegraphische Nachricht, daß Kisseleff Paris verlasse. Ich war gerade auf dem Klub und besann mich, wen ich wohl am besten damit erschrecken könnte. Mein Auge fiel auf Rothschild; er wurde kreidebleich, als ich es ihm zu lesen gab. Sein erster Ausruf war: ›Hätte ich das heute früh gewußt‹, sein zweiter: ›Wollen wir morgen ein Geschäftchen zusammen machen? Exzellenz riskieren nichts dabei!‹ Ich lehnte es freundlich dankend ab und überließ ihn seiner erregten Stimmung.«
Sie sind a scheener Mann
In einem Briefe an seinen »Liebling« Johanna schildert Bismarck in liebenswürdig drastischer Form den alten Amschel: »Er gefällt mir, weil er eben ganz Schacherjude ist und nichts anderes vorstellen will, dabei ein streng orthodoxer Jude, der bei seinen Diners nichts anrührt und nur Gekauschertes ißt. ›Johann, nimm dir epps Brot, vor die Rehcher‹, sagte er zu seinem Diener, als er ging, mir seinen Garten zu zeigen, in dem zahmes Damwild ist. ›Herr Beraun, die Pflanze koscht mich zweitausend Gülden, uff Ehre, zweitausend baare Gülden, laß se Ihne vor tausend. Oder wolle Se habe geschenkt, so soll er se Ihne bringe in Ihr Haus, waiß Kott, ich schätze Se aufrichtig, Herr Beraun, Se sind a scheener Mann, e braver Mann‹; dabei ist er ein kleines, mageres, eisgraues Männchen, der älteste seines Stammes, aber ein armer Mann in seinem Palaste, kinderlos, Witwer, betrogen von seinen Leuten und schlecht behandelt von vornehm französierten und englisierten Neffen und Nichten, die seine Schätze erben, ohne Dank und ohne Liebe.«
Die Frankfurter
Sehr ergötzlich schildert Bismarck die revolutionäre Gefährlichkeit der Frankfurter: »Die hiesige Bevölkerung wäre ein politischer Vulkan, wenn sich Revolutionen mit dem Munde machen ließen. Wenn ich hier auf einem Feldweg im Trabe reite, so springen erwachsene Männer schon auf dreißig Schritte von mir eine Rute weit ins Korn, um jedenfalls außer Bereich des Pferdes zu sein. — Ich habe hier in zwei Jahren noch nie zwei Leute sich prügeln sehen, wohl aber auf Steinwurfsentfernung sich gründlich schimpfen. — Jeder Schuh, der sie drückt, wird natürlich ›dene Ferschte‹ (den Fürsten) zur Last geschrieben, und wenn man die erst los wäre, so würde Milch und Honig fließen. Nur müßten andere das Fortjagen besorgen und die etwaigen Kopfnüsse dabei aushalten.« — Ihm war auch sonst das Wesen der Frankfurter nicht gerade sympathisch, und der maßlose Geselligkeitstrieb des Völkchens der Bundesphäaken erweckte seinen Spott. Ein Frankfurter Diner schildert er mal mit den drastischen Worten: »Ich habe gestern dem neuen Russen zu Ehren ein offizielles Diner in echt Frankfurter Stile gegeben: über zwanzig Nummern auf dem Menü und ein Dutzend der sonderbarsten Weine. Ich verabscheue eigentlich diese Stoff- und Geldverwüstungen, aber ob Christian oder Itzig, ’s Geschäft bringt’s halt so mit sich.«
Bismarcks Tätigkeit war namentlich zu Anfang nicht anstrengend genug, um ihn von Ausflügen in die Umgebung abzuhalten. Er reiste nach Wiesbaden und vielfach an den Rhein, schwelgte in der frischen Bergluft des Taunus, fuhr nach Mainz und an die kleinen Höfe von Darmstadt und Nassau, wurde von Gerlach nach Heidelberg entführt und verlebte mit ihm reizende Stunden in Wolfsbrunn und Neckar-Steinach. Von überallher sendet er stimmungsvolle Briefe an die Lieben daheim, bis es ihm endlich möglich wurde, die Seinen nach Frankfurt zu holen und mit ihnen »unter erschwerten Umständen und mit dem Intermezzo langer Ausschußsitzungen« sich in der Bockenheimer Allee häuslich niederzulassen. »Sie würden«, schreibt er an Gerlach, »mich nachsichtig beurteilen, wenn Sie wüßten, wie jemand zumute ist, der, nachdem er zwölf Jahre lang ein unabhängiger Landjunker, das heißt bodenlos faul gewesen ist, nun plötzlich vom Aufstehen bis zum Niederlegen Galérien des Dienstes ist. Eine Viertelstunde bei meiner Frau zu sitzen und mit väterlichem Wohlgefallen dem Gebrüll der unnützesten beiden Kinder auf der Welt zuzuhören, ist mir ein seltener Genuß, wenn ›aus dem schrecklichen Gewühle ein süßbekannter Ton mich zieht‹.«
Er sagt stets das Unerwartete
Die gemütvolle Wärme und Innigkeit der Bismarckschen Häuslichkeit hatte von Anfang an eine »gewählte Schar geistig regsamer Freunde angezogen«. Hier fand auch Bismarck selbst »nach Arbeit und geschäftlichem Mißbehagen die liebste Erholung in der Musik, durch welche ihn seine Gemahlin im Verein mit den Töchtern des bekannten Malers Jakob Becker von Worms zu erfreuen pflegte«. »Am Teetisch«, schildert es uns ein Gast des Bismarckschen Hauses in Frankfurt, der abends die Heimgekehrten im lauschigen Gemach zu vereinigen pflegte, »erschien mitunter auch der preußische Gesandte, lächelnd, wenn die Hausfrau statt des chinesischen Trankes ein Glas mit jener vortrefflichen Mischung aus Porterbier und Champagner ihm vorsetzte, die von den Studenten ›Menschenfreund‹ genannt wird. Neckend oder ernst wußte er dann, oft nur mit einem hingeworfenen Wort, das Gespräch in seiner originellen Weise zu färben, und die ihm eigene sprühende Unterhaltungsgabe war in Frankfurt bald sprichwörtlich. ›Er sagt stets das Unerwartete!‹, pflegten die Damen auszurufen, indem ihr Gesicht zugleich Stolz und weibliche Bewunderung für ihn ausdrückte. Auch bedurfte es dort, wo er im kleinen Kreise zugegen war, längst nach Mitternacht noch eines kräftigen Entschlusses, um das Behagen der Stunde durch den Aufbruch zu stören.«
Otto tanzt mit Malwine
Über den Verlauf der Mittagessen bei dem preußischen Bundestagsgesandten schreibt ein der Gesandtschaft als Attaché beigegebener Kavallerie-Offizier: »Hier gab es besondere Gemütlichkeit, namentlich wenn etwa die Rüljer Geschwister kamen oder gar die Kröchelndorfer Arnims. Wer, der die Frau Malwine von Arnim in ihren jüngeren Jahren gekannt, hat sich je dem Zauber dieser vornehmen und geistvoll anmutigen Weiblichkeit zu entziehen vermocht? Noch steht mir ein Vorgang vor Augen, der sie eben in jenen Eigenschaften unendlich reizvoll hervortreten ließ. Die Mittagstafel war beendet. Während derselben hatten die Geschwister förmlich und für die übrigen Anwesenden sehr ergötzlich sich geneckt und fuhren damit fort, bis sie, der Bruder die Schwester am Arm führend, einen schmalen langen Gang erreicht hatten, der das Speisezimmer mit den übrigen Wohnräumen verband. Hier faßte Bismarck plötzlich das schlanke Frauenbild, und nun flogen die beiden in einer Walzergaloppade vor uns übrigen her den Korridor hinab. Frau von Arnim stieß sich beim Halt ziemlich empfindlich die Hand am Türrahmen, und nun mußte man die ritterliche Art des um seine Schwester bemühten Bruders sehen und die Grazie, mit welcher diese jenem zulieb ihr schmerzhaftes Unbehagen hinwegleugnete. Ein allerliebster Augenblick.«
Ein Ball bei Bismarcks
Etwa vierhundert Personen waren bei dem Ball im Februar 1855 erschienen, den Bismarcks gaben, darunter die Mitglieder des diplomatischen Korps, die regierenden Bürgermeister, das Offizierkorps sowie die Frankfurter Hautevolee. Auch aus Mainz waren Offiziere der dortigen Garnison sowie mehrere Fremde von Distinktion anwesend. Auf dem Feste waren Karneval und kriegerische Zeit durch ein Menuett vertreten, das von jüngeren Mitgliedern des diplomatischen Korps sowie von preußischen und österreichischen Offizieren in den verschiedenen Militärtrachten des vorigen Jahrhunderts ausgeführt wurde. Die mitwirkenden Damen waren in der entsprechenden Hoftracht der Rokokozeit kostümiert. Es boten sich Kontraste von einst und jetzt der Ost- und Westmächte. Auf raschen Galopp und Polka-Masurka in schnellem Takt folgte in der gemessenen Weise des alten Dessauer ein Menuett, dessen eine Kolonne von einem preußischen Offizier, die andere von einem Attaché der französischen Gesandtschaft geführt wurde. Der angenehme Eindruck, den diese Überraschung auf die Stimmung der Gesellschaft hervorbrachte, gab dem Feste ebensosehr einen erhöhten Reiz, wie der Anblick der reichen und geschmackvollen Kostüme der Vergangenheit, die sich mit den glänzenden Toiletten des Tages zu einem heiteren Ganzen vereinigten. Die Musik zu den Tänzen wurde von dem Musikkorps des 38. Infanterie-Regiments ausgeführt. Um ein Uhr begab sich die Gesellschaft zum Souper, dem ein Kotillon folgte, welcher das Ballfest beschloß.
Über Bismarcks Frankfurter Haus schreibt Motley in einem Brief an seine Frau:
Seine Häuslichkeit
»Es ist eines der Häuser, wo jeder tut, was er will. Die Empfangszimmer liegen in der Vorderseite des Hauses. Die von der Familie benutzten Räume, ein Salon und das Speisezimmer, sind nach hinten hinaus gelegen und haben die Aussicht in den Garten. Hier ist alles versammelt: jung und alt, Großeltern und Kinder und Hunde; da wird gegessen, getrunken, geraucht, Piano gespielt und Pistolen geschossen (im Garten). Alles zu gleicher Zeit. Es ist ein Haushalt, wo einem alles angeboten wird, was auf Erden nur immer gegessen oder getrunken werden kann: Portwein, Sodawasser, Lagerbier, Champagner, Burgunder, Bordeauxwein sind immer vorhanden, und jeder raucht beständig die besten Havannazigarren.«
Wenig konnte sich Bismarck mit Herrn von Prokesch, einem der späteren Vertreter Österreichs, verstehen. Als er noch einmal nach Frankfurt zurückkehrte, obwohl man an seine Abberufung geglaubt hatte, begrüßte ihn Bismarck mit sanftem Hohn:
Beginnen wir ein neues Leben
»Mein erstes Wiedersehen mit Prokesch«, so schreibt der preußische Staatsmann nach Hause, »war beiderseits frei von Verlegenheit. Die sanfte Heiterkeit, deren Maske er trug, fand ihren Ausdruck auch in der Farbe seiner Handschuhe, die von zartestem Himmelblau und ausnahmsweise ganz neu waren. Es schlug gerade zwölf am 2. Juli, und ich bemerkte beiläufig, daß dieser Augenblick genau die Mitte des Jahres sei, worauf er mit durchbrechender Herzlichkeit meine Hand ergriff und sagte: ›Wohlan, so vergessen wir die Leiden und Sorgen des alten Jahres, und beginnen wir ein ganz neues.‹«

Frankreich im Januar 1870 — Im November
Bismarck, Frankreich die Haare strählend. (Der »Floh«, November 1870)
Sie sind unverbesserlich
In den Plenarversammlungen des Bundestages war das Protokoll so geführt worden, daß Bismarck sich öfter zu Beschwerden veranlaßt sah. Einmal zwang er Herrn von Prokesch sogar zu einer Änderung des Protokolls, auf das sich dieser in einer Versammlung mit den Worten berufen hatte: »Wenn das nicht wahr wäre, so hätte ich ja im Namen der Kaiserlich Königlichen Regierung gelogen.« Dabei sah er Bismarck an, dieser sieht ihn wieder an und sagte gelassen: »Allerdings, Exzellenz.« Prokesch war offenbar erschrocken, und als er sich umblickte und lauter niedergeschlagenen Augen begegnete und einem tiefen Schweigen, das Bismarck recht gab, wendete er sich still ab und ging ins Speisezimmer, wo gedeckt war. »Nach Tisch hatte er sich erholt«, erzählt Bismarck den Vorfall weiter. »Da kam er auf mich zu — mit einem gefüllten Glase — sonst hätte ich gedacht, er wolle mich fordern — und sagte: ›Na, lassen Sie uns Frieden machen.‹ — ›Warum denn nicht?‹ sagte ich. ›Aber das Protokoll muß doch geändert werden!‹ — ›Sie sind unverbesserlich‹, erwiderte er lächelnd, und damit war’s gut. Das Protokoll wurde geändert und damit anerkannt, daß es die Unwahrheit enthalten hatte.«
Die Frankfurter Zeit ist vielfach durch große Reisen unterbrochen worden, die Bismarck nicht nur zur Erholung, sondern auch aus dienstlichen Gründen unternahm. Sie führten ihn auch nach Wien und Pest und so zur intimen Kenntnis all der Persönlichkeiten, die in der Doppelmonarchie eine Rolle spielten. Auch diese Reisen mußten den Blick des Staatsmannes, der stets die Psychologie, die Kenntnis der Menschen zur Grundlage seines politischen Handelns machte, nach jeder Richtung erweitern. Seine Briefe, besonders von diesen Reisen in den Kaiserstaat, atmen aber alles andere als politische Sorgen. Sie zeigen vielmehr eine außerordentliche Beobachtung der Dinge, eine kräftige Erfassung des Lebens und eine Plastik der Darstellung, die das Urteil rechtfertigt, daß Bismarck einer der größten Meister der deutschen Sprachkunst war. In Wien hatte Bismarck den Auftrag, statt des Zollvereins einen Handelsvertrag mit Österreich zu vereinbaren. Es gelang ihm, durch Offenheit und Entgegenkommen in der Form, bei unerschütterlicher Festigkeit in der Sache, die Stellung Preußens gegenüber den österreichischen Ansprüchen in sicherer Weise zu wahren und auch hier dem Ziele näher zu kommen, das ihm für die Zukunft überaus klar vor Augen stand: Preußen nicht nur gleichwertig neben den Kaiserstaat zu stellen, sondern diesem Lande selbst durch einen blutigen Konflikt mit Österreich die Führung in Deutschland zu sichern. Schon hier hat er bewirkt, daß der Widerstand, den man in Potsdam nur zögernd zu leisten wagte, gefestigt und die Gefahr einer schwächlichen Nachgiebigkeit beseitigt wurde. Allerdings geriet er hierdurch in Konflikt mit der Kreuzzeitungspartei, mit seinen eigenen alten Freunden, die seine Tätigkeit in einer Weise kritisierten, als ob der Staat durch ihn an den Rand des Verderbens gebracht worden sei. Bald genug sah sich Bismarck genötigt, auch sonst den konservativen Heißspornen, die an Österreich hingen und am liebsten zu einem Bruch mit dem revolutionären Kaisertum Napoleons gedrängt hätten, mit aller Schärfe entgegenzutreten. Er hege zwar keine Sympathien für ein französisches Bündnis, aber er sehe nur dann die Möglichkeit gegeben, sich von dem östlichen Nachbarn unabhängig zu erhalten, wenn man möglichst freundliche Beziehungen nach Westen hin pflege; man dürfe die Möglichkeit, unter Umständen ein Bündnis mit Frankreich als das kleinere von zwei Übeln zu wählen, sich nicht abschneiden, wenn man auch niemals Gebrauch davon machen sollte. Vor allem warnte Bismarck, durch eine Pressepolemik gegen die Heirat Napoleons mit der Gräfin Eugenie von Montijo nicht unnütze Bitterkeit zu erregen. Napoleon möge heiraten, wen oder wie er Lust habe; auch wenn er seinen verliebten Gelüsten den Mantel der Volkstümlichkeit umzuhängen suche, so sei das für Preußen gleichgültig. Es ist schon hier »die Politik der zwei Eisen im Feuer«, die Bismarck später mit so gewaltigem Erfolge zur Grundlage seines Systems erwählte.
Mehr und mehr gewann überhaupt der Frankfurter Bundesgesandte Einfluß auf die Grundlinien der Berliner Politik. Immer wieder ließ ihn der König nach Potsdam kommen: »Ich habe auf den Reisen zwischen Frankfurt und Berlin über Guntershausen in einem Jahre zweitausend Meilen gemacht, damals stets die neue Zigarre an der vorhergehenden anzündend oder gut schlafend.« Der König verlangte von ihm nicht nur ein Urteil über Fragen der deutschen und der auswärtigen Politik, sondern beauftragte ihn auch mit der Ausarbeitung von Gegenprojekten gegen die Entwürfe des Auswärtigen Amtes. In der Zeit, als der Konflikt zwischen Frankreich und Rußland drohte, der zum Krimkriege führte, war es Bismarck vor allem, der davor warnte, den langjährigen Frieden mit Rußland für andere als preußische Interessen in Frage zu stellen.
Warum nicht nach Leipzig und Roßbach?
Über diese Haltung und den Einfluß Bismarcks auf den König war der Vertreter Frankreichs natürlich in hohem Maß erbittert. Marquis Moustier, so hieß er, ließ sich bei einem Besuche, den Bismarck ihm machte, durch die Lebhaftigkeit seines Temperamentes zu der bedrohlichen Äußerung hinreißen: »La politique que vous faites, va vous conduire à Jena«, worauf Bismarck erwiderte: »Pourquoi pas à Leipzig ou à Roßbach?« Moustier war eine so unabhängige Sprache in Berlin nicht gewohnt und wurde stumm und bleich vor Zorn. Nach einigem Schweigen setzte Bismarck hinzu: »Enfin toute nation a perdu et gagné des batailles. Je ne suis pas venu pour faire avec vous un cours d’histoire.« Die Unterhaltung kam nicht wieder in Fluß. Der Gesandte beschwerte sich bei dem Minister von Manteuffel, der die Beschwerde an den König brachte. Aber dieser lobte Bismarck laut wegen der richtigen Antwort, die er dem Franzosen gegeben habe.
Auch den Landtagsverhandlungen mußte Bismarck wiederholt beiwohnen. Von einer dieser Reisen berichtet er in einem amüsanten Brief aus Halle.
Reisepech
... Von hier habe ich Dir, soviel ich weiß, noch nicht geschrieben, und hoffe, daß es auch künftig nicht wieder vorkommt. Ich habe mich so viel besonnen, ob doch gestern nicht am Ende Freitag war, als ich abreiste; ein dies nefastus war es sicherlich; in Gießen kam ich in ein hundekaltes Zimmer mit drei nicht schließenden Fenstern, zu kurzes, zu schmales Bett, schmutzig, Wanzen; infamer Kaffee, noch nie gekannt so schlecht. In Guntershausen kamen Damen in die erste Klasse, und das Rauchen hörte auf, eine höhere Geschäftsdame mit zwei Kammerjungfern, Zobelpelz; sprach abwechselnd mit russischem und englischem Akzent Deutsch, sehr gut Französisch, etwas Englisch, war aber meiner Ansicht nach aus der Reezenjasse in Berlin, und die eine Kammerfrau ihre Mutter oder ältere Geschäftsfreundin. Zwischen Guntershausen und Gerstungen platzte ganz sanft eine Röhre an der Lokomotive; das Wasser lief aus; da saßen wir einundeinhalb Stunden lang im Freien, recht hübsche Gegend und warme Sonne. Ich hatte mich in die zweite Klasse gesetzt, um zu rauchen, da fiel ich einem Berliner Kammer- und Geh.-Rats-Kollegen in die Hände, der jetzt vierzehn Tage Homburg getrunken hatte und mich im Beisein einiger Meßjuden fragte und zur Rede stellte, bis ich verzweifelt wieder zur Prinzessin aus der Reezenjasse heimkehrte; durch den Aufenthalt kamen wir drei Stunden zu spät nach Halle; der Berliner Zug war längst fort; ich muß hier schlafen und morgen früh per Güterzug um halb eins reisen, um zwei ankommen. Hier am Bahnhof sind zwei Gasthöfe, aus Versehen bin ich in den falschen geraten; ein Gendarm ging im Saal auf und ab und musterte bedenklich meinen Bart, während ich ein müffiges Beefsteak aß. Ich bin sehr unglücklich, werde nun aber noch den Rest Spickgans zu mir nehmen, etwas Portwein trinken und dann zu Bette gehen ...
An den Landtagsverhandlungen selbst nahm Bismarck nur mit großer Zurückhaltung teil, doch geriet er trotzdem einmal in einen schweren Konflikt.
Das Duell mit Vincke
Der bekannte Abgeordnete von Vincke hatte die Herabsetzung des Militäretats beantragt, die preußischen Rüstungen scharf verurteilt und ausgerufen, man solle nicht daran denken, die Landwehr etwa dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzug, wie den von Olmütz, Parade zu machen; Ereignisse wie die Schlacht von Bronzell könnten ohne Benachteiligung nicht vorübergehen. In seiner Erbitterung sagte Bismarck: »Es kommt vor, daß militärische Talente angeboren werden, es ist auch möglich, daß einzelne Kammermitglieder in der Eigenschaft als Landwehroffiziere sich hohe kriegswissenschaftliche Kenntnisse erwerben. Ich würde aber, ehe wir darauf Kammerbeschlüsse gründen, doch wohl bitten, eine Probe davon abzuwarten.« Er fügte hinzu: »Es ist möglich, daß trotz der friedlichen Disposition aller Staaten Europas wir vielleicht innerhalb sechs Monaten in Verhältnisse kommen, in welchen die Herren Gelegenheit haben könnten, ihre militärischen Talente auf einem anderen Feld als hier darzutun!« Die Anspielung Bismarcks auf den Charakter Vinckes als Landwehroffizier führte diesen wieder auf die Tribüne. Er ersuchte Herrn von Bismarck, dessen witzige Talente ja hinreichend bekannt seien, nicht immer die alten Kammerwitze vorzutragen, und rief: »Denkt man etwa, die Landwehr dazu zu benutzen, bei einem diplomatischen Rückzuge, wie den von Olmütz, Parade zu machen, oder mutet man ihr Schlachten zu, wie die bei Bronzell?« Bismarck entgegnete, es sei nicht seine Absicht gewesen, Witze zu machen, denn er halte Vinckes Situation, wenn er ihn im Felde sehen sollte, gar nicht für witzig, sondern für sehr ernst; wer übrigens zum neunzehnten Male den müdegerittenen Trompeterschimmel von Bronzell tummelt, der dürfe sich nicht über alte abgetragene Witze beklagen. Zwei Tage darauf erneuerte Herr von Vincke den persönlichen Kampf. Er bekämpfte eine Etatforderung für die Burg Hohenzollern mit der Begründung, daß man dieses Geld für Kriegszwecke in nächster Zeit jedenfalls nötiger brauche, seit ein »namhafter Diplomat« es ausgesprochen habe, daß man vielleicht schon in sechs Monaten Krieg haben werde. Wenn dies von einem Diplomaten, bei dem doch eine diskrete Zurückhaltung notwendig sei, gesagt werde, so müsse die Besorgnis eines europäischen Krieges doch weit näher liegen, als man bisher angenommen habe. Bismarck verwahrte sich gegen die Bosheiten Vinckes und schloß seine Erwiderung mit der Bemerkung, daß er nicht den Krieg angekündigt, sondern nur die Möglichkeit eines Krieges behauptet habe: »Ich glaube, durch diese Äußerung die Diskretion, welche mein Amt mir auferlegt, nicht verletzt zu haben, ebensowenig als dadurch, daß ich hinzufüge, daß es meine feste Überzeugung ist, daß wir in sechs Monaten Krieg haben oder Frieden.« Der Abgeordnete von Vincke bemerkt hierauf ungefähr: Ich kann nur annehmen, daß der persönlich gereizte Ton, wozu der Herr Abgeordnete keine Veranlassung hatte, da ich seine Leistungen dankbar anerkannt habe, nur aus verletzter Bescheidenheit herrührt, weil ich ihn einen namhaften Diplomaten genannt habe. Ich will daher, um ihn zu befriedigen, diese Äußerung hiermit förmlich zurücknehmen, da allerdings alles, was ich von seinen diplomatischen Leistungen weiß, sich nur auf die bekannte brennende Zigarre beschränkt. Die Folge dieses Zwistes war das Duell zwischen Bismarck und Vincke, über das General von Gerlach in seinem Tagebuch verzeichnete: »23. März. Es kommt nun doch zum Duell von Vincke und Bismarck. Gestern abend war Bismarck bei mir, sehr liebenswürdig über sein Duell; vorher Stollberg, der davon sehr bewegt, es dennoch für notwendig erklärte. Büchsel (der Hofprediger) hatte Bismarck das heilige Abendmahl verweigert — er (Bismarck) war mit Hans Kleist bei ihm gewesen; ich kann das nicht richtig finden; er ist im Stande der Notwehr und gerechten Krieges. Kleist hat Büchsel vergebens zugeredet. Heut morgen schrieb ich an Alvensleben, um auf Schulenburg-Wolfsburg (Vinckes Schwiegervater) zu wirken, und an Eberhard Stollberg, Bismarcks Sekundant, um dem, was von dort kommen könnte, eine günstige Aufnahme zu verschaffen. — 28. März. Seitdem ist Bismarcks Duell, ohne daß etwas herausgekommen, vorübergegangen, und zwar am 25. März. Büchsel hat ihm das heilige Abendmahl am Tage vorher gereicht, und er hat vor dem ersten Schuß ein Gebet gesprochen. Auf Vincke soll dies doch Eindruck gemacht haben.« Als Vincke seinen Gegner beten sah, mochten die Vorstellungen seines Schwiegervaters von der Schulenburg, daß dieser Ehrenhandel nicht blutig verlaufen dürfe, in seiner Seele Wurzel fassen, und da er als Geforderter den ersten Schuß hatte, ließ er an der Ziellosigkeit dieses Schusses seine Versöhnung erkennen. Darauf schoß auch Bismarck in die Luft. Bei dem Leibesumfang des Herrn von Vincke und Bismarcks Geübtheit im Schießen würde er den Gegner bei ernstlichem Willen schwerlich gefehlt haben.«
Bismarck hielt es zwar für notwendig, bei den nächsten Wahlen auf ein Mandat zu verzichten, doch präsentierte ihn alsbald der alte und befestigte Grundbesitz im Herzogtum Stettin für das Herrenhaus, wo er jedoch bis zu seinem Eintritt in das Ministerium niemals das Wort ergriff.
Wieder führte ihn eine Fülle von Reisen in das Ausland, nach Holland, Norderney, den Genfer See und Oberitalien. Und immer findet er Zeit, in überaus plastischen Bildern das, was er sieht und erlebt, den Freunden und den Seinen darzustellen. Als er von Norderney heimgekehrt war, da traf ihn ein seltsames Angebot: er sollte Minister des Königs Georg von Hannover werden. Aber »er konnte sein Preußentum nicht ausziehen wie einen Rock« — welche Wendung hätte wohl die Geschichte genommen, wenn er damals den Antrag angenommen hätte!
Beim blinden König
Die Verhandlungen mit König Georg führten zu einer langen Unterredung zwischen dem jungen Staatsmann und dem Könige. Die Audienz fand ohne Zeugen statt. »Während derselben«, so erzählte später Bismarck, »nahm ich mit Erstaunen wahr, wie nachlässig der blinde Herr bedient war. Die ganze Beleuchtung des großen Zimmers bestand in einem Doppelleuchter mit zwei Wachskerzen, an denen schwere metallene Lichtschirme angeklemmt waren. Der eine fiel infolge Niederbrennens der Kerze mit einem Geräusch, wie der Schlag auf ein Gong, zu Boden; es erschien aber niemand, befand sich auch niemand im Nebenzimmer, und ich mußte mir von dem hohen Herrn die Stelle der Klingel bezeichnen lassen, die ich zu ziehen hatte. Diese Verlassenheit des Königs war mir um so auffälliger, als der Tisch, an dem wir saßen, mit allen möglichen amtlichen oder privaten Papieren so bedeckt war, daß einzelne bei Bewegungen des Königs herunterfielen und von mir aufgehoben werden mußten. Nicht weniger auffällig war es, daß der blinde Herr mit einem fremden Diplomaten, wie ich, ohne jede ministerielle Kenntnisnahme stundenlang verhandelte.«
Im Sommer 1855 kam Bismarck auf Einladung des preußischen Gesandten Grafen Hatzfeldt zum Besuch der Industrieausstellung nach Paris. Dort lernte er den künftigen Gegner von Sedan und Kaiserin Eugenie sowie die Paladine des neuen Kaiserreiches, aber auch die Königin Viktoria und den Prinzgemahl Albert von Koburg kennen. Die Eindrücke jener Reise haben lange in seinem Gedächtnis gehaftet.
Sehr anmutig plaudert er noch in späten Jahren von den Eindrücken, die er von den Parisern und vom Hofe gewann:
Pariser Leben
»Es ist wahr,« so schreibt er aus der französischen Hauptstadt an Gerlach, »wenn ich an meinen letzten Besuch in Paris unter Louis Philipp denke, so finde ich die Pariser wunderbar fortgeschritten in der Disziplin und dem äußeren Anstande. Der einzige Mensch, der mit Selbstbewußtsein über die Straße geht, ist der Soldat, vom General bis zum Trainknecht, und wer gar nichts von der neuesten Geschichte wüßte, würde doch aus einem Vergleich der Physiognomie des Straßenlebens entnehmen können, daß die Herrschaft von der Juli-Bourgeoisie auf die Armee übergegangen ist. Die Beleuchtung ist glänzend, aber doch sieht man noch mehr Polizisten als Laternen; es gibt keinen Winkel in allen Straßen, wo man nicht sicher wäre, in irgendeiner Richtung wenigstens, dem beobachtenden Blick eines uniformierten agent de police, gendarmes, municipal, und wie sie alle heißen, zu begegnen; man kann nicht stillstehen, ohne neben sich zu hören: circulez, s’il vous plaît. Ich würde mich gar nicht gewundert haben, beim Aufwachen des Morgens in ein Gesicht mit drei Bärten und schiefem Hut zu blicken, welches mir mit der gelangweilten Höflichkeit eines Gefängnisschließers sagte: Pissez, s’il vous plaît, changez de chemise, s. v. pl. Man hört auf, nach eigenem Willen zu niesen oder zu schnauben, wenn man den Fuß in diese Tretmühle gesetzt hat. Der Franzose sagt: c’est précisément ce qu’il nous faut; le despotisme est la seule forme de gouvernement compatible avec l’esprit français. Das mag richtig sein, ist aber eine scharfe Selbstkritik. Merkwürdig war die Gleichgültigkeit gegen den Krieg und die Nachrichten aus der Krim. Die Aufnahme der Königin von England im Publikum war unzweifelhaft kalt; man sah das an, wie man eine Menagerie oder eine Parade sieht, machte seine Witze, und der Enthusiasmus war allein auf seiten der Engländer.«
In den Tuilerien
»Bei dem Souper«, so erzählt Bismarck in seinen Erinnerungen, »war mir im Vergleich mit Berlin die Einrichtung merkwürdig, daß die Gesellschaft in drei Klassen mit Abstufungen in dem Menü speiste und denjenigen Gästen, die überhaupt speisen sollten, die Zusicherung durch Überreichung einer Karte mit der Nummer beim Eintreten gegeben wurde. Die Karten der ersten Klasse enthielten auch den Namen der an dem betreffenden Tische vorsitzenden Dame. Diese Tische waren auf fünfzehn bis zwanzig Personen eingerichtet. Ich erhielt beim Eintreten eine solche Karte zu dem Tische der Gräfin Walewska und später im Saale noch zwei von zwei anderen Patronesses-Damen der Diplomatie und des Hofes. Es war also kein genauer Plan für die Placierung der Gäste gemacht worden. Ich wählte den Tisch der Gräfin Walewska, zu deren Departement ich als auswärtiger Diplomat gehörte. Auf dem Wege zu dem betreffenden Saale stieß ich auf einen preußischen Offizier in der Uniform eines Garde-Infanterie-Regiments, der eine französische Dame führte und sich in lebhaftem Streit mit einem der kaiserlichen Haushofmeister befand, der beide, weil sie mit Karten nicht versehen waren, nicht passieren lassen wollte. Nachdem mir der Offizier auf mein Befragen die Sachlage erklärt und mir die Dame als eine Herzogin mit italienischem Titel aus dem ersten Empire bezeichnet hatte, sagte ich dem Hofbeamten, ich hätte die Karte des Herrn, und gab ihm eine der meinigen. Der Beamte wollte nun aber die Dame nicht passieren lassen, ich gab daher dem Offizier meine zweite Karte für seine Herzogin. Der Beamte bedeutete mich, »mais vous ne passerez pas sans carte«; als ich ihm die dritte vorgezeigt hatte, machte er ein verwundertes Gesicht und ließ uns alle drei durch. Ich empfahl meinen beiden Schützlingen, sich nicht an die Tische zu setzen, die auf den Karten angegeben waren, sondern zu sehen, wo sie sonst unterkämen, habe auch keine Reklamation über meine Kartenverteilung zu hören bekommen. Die Unregelmäßigkeit war so groß, daß unser Tisch nicht voll besetzt wurde, was sich aus dem Mangel einer Verabredung der dames patronesses erklärt. Der alte Fürst Pückler hatte entweder keine Karte erhalten oder seinen Tisch nicht finden können; nachdem er sich an mein ihm bekanntes Gesicht gewandt hatte, wurde er von der Gräfin Walewska auf einen der leer gebliebenen Plätze eingeladen. Das Souper war trotz der Dreiteilung weder nach dem Material noch nach der Zubereitung auf der Höhe dessen, was in Berlin bei ähnlichen Massenfesten geleistet wird; nur die Bedienung war ausreichend und prompt. Am auffallendsten war mir der Unterschied in den Anordnungen für die Zirkulation. Das Versailler Schloß bietet dafür eine viel größere Leichtigkeit als das Berliner vermöge der größeren Zahl und, abgesehen von dem Weißen Saale, der größeren Ausdehnung der Räume. Hier war den Soupierenden Nr. 1 für ihren Rückzug derselbe Weg angewiesen wie den Hungrigen Nr. 2, deren stürmischer Anmarsch schon eine weniger höfische gesellschaftliche Gewöhnung verriet. Es kamen körperliche Zusammenstöße der gestickten und bebänderten Herren und reich eleganten Damen vor, die in Handgreiflichkeiten und Verbalinjurien übergingen, wie sie bei uns im Schlosse unmöglich wären. Ich zog mich mit dem befriedigenden Eindruck zurück, daß trotz alles Glanzes des Kaiserlichen Hofes der Hofdienst, die Erziehung und die Manieren der Hofgesellschaft bei uns wie in Petersburg und Wien höher standen als in Paris, und daß die Zeiten hinter uns lagen, da man in Frankreich und am Pariser Hof eine Schule der Höflichkeit und des guten Benehmens durchmachen konnte.«
Aber die Reise nach Paris machte Bismarck nicht nur den Altkonservativen doppelt verdächtig, sondern erregte auch das Mißtrauen des Königs.
Aber dumm, dumm!
»Der König«, so erzählt Bismarck, »fragte mich einmal bei Tafel quer über den Tisch nach meiner Meinung über Louis Napoleon; sein Ton war ironisch. Ich antwortete: ›Ich habe den Eindruck, daß der Kaiser Napoleon ein gescheiter und liebenswürdiger Mann, aber so klug nicht ist, wie die Welt ihn schätzt, die alles, was vorgeht, auf seine Rechnung schreibt, und wenn es in Ostasien zur unrechten Zeit regnet, das aus einer übelwollenden Machination des Kaisers erklären will. Man hat sich besonders bei uns daran gewöhnt, ihn als eine Art génie du mal zu betrachten, das immer nur darüber nachdenke, wie es in der Welt Unfug anrichten könne. Ich glaube, daß er froh ist, wenn er etwas Gutes in Ruhe genießen kann; sein Verstand wird auf Kosten seines Herzens überschätzt; er ist im Grunde gutmütig, und es ist ihm ein ungewöhnliches Maß von Dankbarkeit für jeden geleisteten Dienst eigen.‹ Der König lachte dazu in einer Weise, die mich verdroß und zu der Frage veranlaßte, ob ich mir gestatten dürfe, die augenblicklichen Gedanken Sr. Majestät zu erraten. Der König bejahte und ich sagte: ›General von Canitz hielt den jungen Offizieren in der Kriegsakademie Vorträge über Napoleons Feldzüge. Ein strebsamer Zuhörer fragte ihn, warum Napoleon diese oder jene Bewegung unterlassen haben könne. Canitz antwortete: ›Ja, sehen Sie, wie dieser Napoleon eben war, ein seelensguter Kerl, aber dumm, dumm‹ — was natürlich die große Heiterkeit der Kriegsschüler erregte. Ich fürchte, daß Eurer Majestät Gedanken über mich denen des Generals von Canitz über Napoleon ähnlich sind.‹ Der König sagte lachend: ›Sie mögen recht haben; aber ich kenne den jetzigen Napoleon nicht hinreichend, um Ihren Eindruck bestreiten zu können, daß sein Herz besser sei als sein Kopf.‹«
Schon in den nächsten Jahren traten an Bismarck sowohl durch den König selbst wie durch Manteuffel wiederholte Anträge heran, in das Ministerium einzutreten. Friedrich Wilhelm gebrauchte sogar einmal die Wendung ihm gegenüber: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden.« Aber zu einem entscheidenden Schritt ist es unter dem ältesten Sohne der Königin Luise nicht mehr gekommen. Noch stand dem jungen Staatsmann eine ernste Lehrzeit in Petersburg und Paris bevor, noch sollte es ihm vergönnt sein, all die Schauplätze der großen Politik, in der er selbst einst der Meister werden sollte, mit eigenen Augen kennen zu lernen und so über Völker und Menschen ein eigenes Urteil zu gewinnen. Daß er noch einmal nach Paris ging, daß er nicht einseitig sich für Österreich erklären wollte, entfernte ihn immer weiter von den alten Freunden. Er war eben auch damals nicht Doktrinär. Das sprach er in geradezu klassischer Weise in einem der letzten vertraulichen Briefe aus, die er mit seinem alten Freunde Gerlach wechselte:
Ich bin preußisch
»Berliner Nachrichten«, so schrieb er, »sagen mir, daß man mich am Hof als Bonapartisten bezeichnet. Man tut mir unrecht damit. Im Jahre 50 wurde ich von unseren Gegnern verräterischer Hinneigung zu Österreich angeklagt, und man nannte uns die Wiener in Berlin; später fand man, daß wir nach Juchten rochen, und nannte uns Spree-Kosaken. Ich habe damals auf die Frage, ob ich russisch oder westmächtlich sei, stets geantwortet, ich bin preußisch, und mein Ideal für auswärtige Politiker ist die Vorurteilsfreiheit, die Unabhängigkeit der Entschließungen von den Eindrücken der Abneigung oder der Vorliebe für fremde Staaten und deren Regenten. Ich habe, was das Ausland anbelangt, in meinem Leben nur für England und seine Bewohner Sympathie gehabt und bin stundenweis noch nicht frei davon; aber die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, und ich würde, sobald man mir nachweist, daß es im Interesse einer gesunden und wohldurchdachten preußischen Politik liegt, unsere Truppen mit derselben Genugtuung auf die französischen, russischen, englischen oder österreichischen feuern sehen. In Friedenszeiten halte ich es für mutwillige Selbstschwächung, sich Verstimmungen zuzuziehen oder solche zu unterhalten, ohne daß man einen praktischen politischen Zweck damit verbindet, und die Freiheit seiner künftigen Entschließungen und Verbindungen vagen und unerwiderten Sympathien zu opfern.«
Es ist ein wundervolles Bild, das sich schon in diesen wenigen Sätzen vor unseren Augen entrollt. Klar und sicher schöpft Bismarck aus seinem weitsehenden und umfassenden Geiste die Grundsätze einer rücksichtslos nach dem Erfolge strebenden Politik, und unbekümmert um alle Feindseligkeiten selbst der besten Freunde hält er an diesen Grundsätzen fest, und er führt sie zum Siege.
Auch nach Kopenhagen und dem skandinavischen Norden führt ihn der Weg. Wieder kommt die Jagdlust über ihn, selbst aus Näsbyholm und Tomsjonäs und später aus Kurland fliegen die Briefe in die Heimat. Ein Ausschnitt:
In Sumpf und Busch
Aus Tomsjonäs, am 16. August 1857, schreibt Bismarck: »Etwa fünfzehn Meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten Walde gefahren, um hierher zu gelangen, und vor mir liegen noch fünfundzwanzig Meilen, ehe man wieder in ackerbauende Provinzen gelangt. Keine Stadt, kein Dorf weit und breit, nur einzelne Ansiedler und bretterne Hütten mit wenig Gerste und Kartoffeln, die unregelmäßig zwischen abgestorbenen Bäumen, Felsstücken und Buschwerk einige Ruten angebautes Land finden. Denke Dir von der wüstesten Gegend bei Viartlum etwa hundert Quadratmeilen aneinander, hohes Heidekraut mit kurzem Gras und Moor wechselnd, und mit Birken, Wacholder, Tannen, Buchen, Eichen, Ellern, bald undurchdringlich dick, bald öde und dünn besetzt, das Ganze mit zahllosen Steinen, bis zur Größe von hausdicken Felsblöcken besät, nach wildem Rosmarin und Harz riechend; dazwischen wunderlich gestaltete Seen, von Heidehügeln und Wald umgeben, so hast Du Småland, wo ich mich dermalen befinde. Eigentlich das Land meiner Träume, unerreichbar für Depeschen, Kollegen und (Manteuffel), leider aber auch für Dich. Ich möchte wohl an einem dieser stillen Seen ein Jagdschlößchen haben und es mit allen Lieben, die ich mir jetzt in Reinfeld versammelt denke, auf einige Monate bevölkern. Der Winter wäre allerdings hier nicht auszudauern, besonders im Regenschmutz. Gestern rückten wir um fünf aus, suchten in brennender Hitze, bergauf, bergab, durch Sumpf und Busch bis elf und fanden gar nichts; das Gehen in Mooren und undurchdringlichen Wacholderdickungen, auf großen Steinen und Lagerholz ist sehr ermüdend. Dann schliefen wir in einem Heuschuppen bis zwei Uhr, tranken viel Milch und jagten bis Sonnenuntergang, wobei wir fünfundzwanzig Birkhühner und zwei Auer erlegten. Dann dinierten wir auf dem Jagdhaus, einem wunderlichen Gebäude von Holz, auf einer Halbinsel im See. Meine Kammer und deren drei Stühle, zwei Tische und Bettstelle bieten keine andere Farbe als die roher Fichtenbretter, wie das ganze Haus, dessen Wände daraus bestehen. Bett sehr hart, aber nach diesen Strapazen schläft man ungewiegt. Aus meinem Fenster sehe ich einen blühenden Heidehügel, darauf Birken, die sich im Winde schaukeln, zwischen ihnen durch den Seespiegel, jenseits Tannenwald. Neben dem Haus ist ein Zeltlager für Jäger, Kutscher, Diener und Bauern aufgeschlagen, dann die Wagenburg und eine kleine Hundestadt, achtzehn oder zwanzig Hütten zu beiden Seiten einer Gasse, die sie bilden, aus jeder schaut ein Gischperl müde von der gestrigen Jagd. In dieser Wüstenei denke ich bis Mittwoch oder Donnerstag zu weilen, dann zu einer anderen Jagd nach dem Strande zu gehen, heute über acht Tage wieder in Kopenhagen zu sein, um der leidigen Politik willen. Was dann wird, weiß ich noch nicht.«
Die Zeit aber, die Bismarck in Frankfurt verleben sollte, nahte ihrem Ende. Langsam begannen in König Friedrich Wilhelm IV. sich die ersten Spuren der Geisteskrankheit zu zeigen, in der er bald völlig versinken sollte. Ein anderer trat, zuerst als Prinzregent, an seine Stelle: Der Mann, der alsbald Otto von Bismarck als Steuermann des preußischen Staatsschiffes berufen und mit dem er die Fahrt antreten sollte in Glanz und Ewigkeit. Von ihm hat später, rückblickend auf zwei Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit, Fürst Bismarck geurteilt: »Er unterscheidet sich ganz und gar von den in so hoher Stellung geborenen Menschen oder doch von den meisten derselben. Sie legen wenig Gewicht auf die Empfindungen und Wünsche anderer; sie meinen, Menschen ihrer Abstammung sei vieles erlaubt, ihre ganze Erziehung scheint dahin zu zielen, in ihnen die menschliche Stimme zu ersticken; mein alter Herr hält sich nicht für einen solchen Olympier, im Gegenteil, er ist in jeder Beziehung Mensch und unterzieht sich jeder menschlichen Pflicht. Er hat nie in seinem Leben jemand unrecht getan, nie das Gefühl eines anderen verletzt, nie sich einer Härte schuldig gemacht. Er ist einer jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen gewinnt, der sich fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und seiner Untertanen beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften eines Fürsten, mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmöglich, sich einen schöneren und wohltuenderen Typus eines Edelmannes zu denken.« Schon seine Mutter hatte von dem Knaben geurteilt, er sei »einfach, bieder und verständig«. Frühzeitig war ihm Bismarck nahegetreten, seiner Bemühung und seiner steten Arbeit war es wohl zu verdanken, daß die langen Jahre der Verbannung des Prinzen nach Koblenz ein Ende nahmen, und wenn auch in einzelnen Fragen zwischen den beiden Männern Gegensätze der Meinung bestanden, und wenn auch die leidenschaftliche Art Bismarcks zuweilen die ruhige Art des Prinzen Wilhelm verletzen oder gar abstoßen mochte, so blieb doch die Grundlage ihrer Beziehungen schon aus den Frankfurter Zeiten her ein tiefes Vertrauen.

Kreuzigung.
(Französisches Flugblatt 1870)