Über Sedan nach Versailles
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Die Wirkung der Emser Depesche ist bekannt; der nationale Strom erbrauste und ergriff die ganze Nation. Am 15. Juli 1870 kehrte König Wilhelm von Ems nach Berlin zurück; die ganze Reise war ein beispielloser Triumphzug. Der Kronprinz, Bismarck, Roon und Moltke reisten ihm bis Brandenburg entgegen; am Potsdamer Bahnhof harrte an der Spitze der Generale der greise Wrangel, unten drängte sich die begeisterte Volksmasse Kopf an Kopf. Nach der Ankunft trat der König in den unscheinbaren Wartesaal; um ihn waren Bismarck, Moltke und Roon gruppiert, der Kronprinz, halb seitwärts neben dem König, stand da wie ein flammender Kriegsgott, das Urbild des teutonischen Zornes. Nur wenige Minuten, dann eilte er hinaus zu der brausenden Menge, die seinen Zuruf: »Die Mobilmachung der Armee ist befohlen!« mit Tausenden von Stimmen weiter fortgab. Der Reichstag wurde einberufen und mit einem Gottesdienst eröffnet. Der Text der Predigt hat gelautet: »Mit Gott wollen wir Taten tun.« Die Thronrede aber schloß mit den Worten: »Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die Gewalttat fremder Eroberer kämpfen, und in diesem Kampfe, in dem wir kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war!« Am nächsten Tage nahm der Reichstag ohne Diskussion die von Miquel verfaßte Adresse an. In flammender Rede hatte Bismarck noch einmal alle Schuld und alle Lüge der französischen Vergangenheit und Gegenwart zusammengefaßt.
Wieder zog er mit seinem Könige in den Krieg. Am 11. August überschritt er mit dem Großen Hauptquartier die französische Grenze. Nach wenigen Tagen schon kam er bis an die Nähe von Metz, und als der Kanonendonner von Vionville und Mars-la-Tour verhallte, da drang die Kunde zu ihm, daß seine Söhne gefallen seien. Die Vorsehung hatte es anders bestimmt: Der ältere Sohn hatte im Kampfe wohl drei Schüsse erhalten, aber er war lebend davongekommen; der zweite Sohn war bei dem Todesritt mit seinem Pferde gestürzt, ohne ernsteren Schaden zu nehmen. Und auch Bismarck ist gleich dem König in jenen fürchterlichen Tagen in schwere Lebensgefahr geraten.
Feldzugsbriefe
Köstlich in ihrer Plastik, in ihrer darstellerischen Kraft, zugleich charakteristisch für das Eindringen des großen Staatsmannes in alle Details, für seine Sorge um jede Einzelheit sind seine Feldzugsbriefe, vor allem an die Gattin. Hier einige Proben daraus:
Aus Herny schreibt er am 14. August: »Mein Liebling! Einige Stunden östlich von Metz in der Richtung nach Falkenberg zu findest Du vielleicht auf der Karte das Dorf, wo wir heute sind, aber nicht die vielen Fliegen, die mich zwingen, kopfschüttelnd zu schreiben. Ich liege in einem von den Einwohnern verlassenen Bauernhause; die Nachbarin ist geblieben und hat mich gestern mit einem Huhne regaliert, welches zwei Stunden vor Tisch noch lebend meine Bekanntschaft machte; seiner Leiche vermochten meine guten Zähne nichts anzuhaben. Dagegen erfuhr ich, daß ein civet von einem zahmen Kaninchen für hungrige Leute sehr eßbar ist, selbst dann, wenn die Bestandteile uns noch eine Stunde zuvor durch ihre munteren Sprünge ergötzt haben. Daneben esse ich wie ein gesunder Mensch gebratenen und rohen Speck mit so viel Knoblauch, daß mir mein Atem schon wie ein Salpeterkeller zu riechen scheint. Das alles bekommt mir sehr gut, und ich wäre recht zufrieden, wenn ich nur einmal ein Wort von Bill und Herbert hören könnte. Gott schütze die geliebten Jungen vor Krankheit und Wunden ... Eiserne Kreuze noch keine ausgegeben, wahrscheinlich nicht fertig. Es ist vielleicht recht gut, denn wenn erst einige damit gehen, so sind die anderen gar nicht mehr zu halten und stecken die Köpfe in die Mündung der französischen Kanonen: sie sind so schon wie die Berserker. Der Franzose meint, die Unseren wären so an das Manöverschießen gewöhnt, daß sie ganz vergäßen, daß hier mit Kugeln geschossen würde! Ein schönes Lob der Tapferkeit. Nun lebwohl, mein Herz, umarme unsere Tochter für mich und bete für unsere Söhne mit mir.«
In einem Briefe aus Pont-à-Mousson, zwei Tage später: »Die Leute müssen mich hier für einen Bluthund halten; die alten Weiber, wenn sie meinen Namen hören, fallen auf die Knie und bitten mich um ihr Leben. Attila war ein Lamm gegen mich.«
Am 17. August: Bismarcks Söhne in der Schlacht. Am 17. August schreibt der Kanzler an Johanna: »Ich fand Herbert mit zweihundertfünfzig Verwundeten in einem Pachthof, Bill zum Besuch bei ihm unter dem Vorwande, sich ein anderes Pferd zu requirieren; er fand wirklich eine magere Mähre. Herbert sah aus wie sonst, nur zwei Löcher in der linken Lende, Aus- und Einschuß gut verbunden. Ich bestellte meinen Wagen hin, blieb vier Stunden, um ihn zu erwarten, und als er kam, fand sich, daß ihn das Sitzen schmerzte, und die Hitze zu groß. Ich requirierte einen Liegewagen, in dem er heute bei kühler Nacht ankommen wird. Er hatte noch zwei Kleiderstreifschüsse, deren einer an meiner schwarzen Holzuhr unter Zertrümmerung derselben abgeglitten. Ich nahm sie mit und ließ ihm meine in St. Avold gekaufte Zehn-Franken-Uhr dafür. Die schwarze bringe ich Dir mit und kaufe mir hier wieder eine neue. Bills Pferd wurde bei der Attacke erschossen, so daß er kopfüber ging und erst totgesagt wurde. Er ist aber dick und lustig, sah sehr schmierig aus. Für Herbert ist nun der Feldzug hiermit vorbei und er, wenn Gott kein Unglück schickt, in Deckung gegen Weiteres, denn einige Wochen wird er doch daran heilen. Ich will ihn gleich mit Eisenbahn nach Deutschland schicken. Wenn er nicht das Kreuz bekommt, so will ich nie wieder Orden tragen ...«

Die Kapitulation von Metz. (»Zündnadeln«, Oktober 1870)
Aus einem späteren Briefe: »Bills Erlebnis am 16. ist nicht, wie ich früher schrieb; sein Pferd wurde nicht unter ihm erschossen, sondern stürzte fünfzig Schritt vor dem feindlichen Karree über ein vor ihm erschossenes. Wieder aufgestanden, hat er es im vollen Kugelregen unter Gottes Schutz am Zaume zu Fuß fortgeführt, nachdem er vorher einen verwundet daneben liegenden Dragoner in den Sattel gesetzt, statt selbst aufzusitzen. Er zu Fuß und sein Kamerad zu Pferde haben von allen nachgesandten Kugeln keine weiter bekommen, das Pferd aber viele, so daß es totgestürzt, nachdem Bill es mit dem geretteten Kameraden aus dem Feuer geführt. Er hat sich sehr unverzagt und kameradschaftlich benommen. Ich danke Gott, daß er mich diese Freude an beiden Jungen erleben läßt und sie uns dennoch erhalten hat. Seine Gnade wird ja auch ferner mit ihnen und uns bleiben ...«
Aus Clermont: »... sehr nett ist es hier nicht, mit dem einzigen Binsenstuhl, Generalstab mit Nachtdienst unter mir, Bureau mit ditto über mir, zwanzig Leute, die in dem dünnen schallenden Hause wohnen; fünf schreiende Kinder neben mir, und nicht einmal ein — —; man muß sich daran gewöhnen, angesichts des Publikums schamlos zu verfahren, wie es eben geht, und die Schildwachen zu bewegen, daß sie wenigstens nicht mit präsentiertem Gewehr dabeistehen. Verzeih’ dieses Detail, aber es ist mir die unangenehmste der kriegerischen Entbehrungen.«
Aus Versailles am 8. Oktober: »... Bill überfiel mich am 2. Oktober im Bette, mit Blumenthals Uniform und fremden Hosen an, dazu hängte er Karls Landwehrkartusche um, setzte meinen, nur in der Spitze nicht richtigen Generalshelm auf, und so nahm ich ihn mit zur Kirche, wo er sich vor Sr. Majestät meldete, der über den Anzug nichts sagte. Zu Tisch tranken wir Sekt, aus Rothschilds Keller gekauft, bis Dein Sohn einen roten Sattel auf der Nase hatte, und dann ritt er mit Philipp wieder in sein drei Meilen entferntes Quartier, nicht ohne mir mein Gold aus der Westentasche und zwei Paar Handschuhe abgenommen zu haben, auch mit Kognak und Zigarren versehen ... ich entfloh heute der Plage, um in der weichen stillen Herbstluft durch Louis XIV. lange gerade Parkgänge, durch rauschendes Laub und geschnittene Hecken, an stillen Teichflächen und Marmorgöttinnen vorbei Röschen eine Stunde zu galoppieren und nichts Menschliches als Josephs klappernden Trainsäbel hinter mir zu hören und dem Heimweh nachzuhängen, wie es der Blätterfall und die Einsamkeit in der Fremde mit sich bringen, mit Kindererinnerungen an geschorene Hecken, die nicht mehr sind ...«

»Napoleon, Napoleon! Siehst du wohl, das kommt davon!«
(»Zündnadeln«, August 1870)
Er reitet in die Nacht hinaus
Die schwerste Stunde in Bismarcks Leben ist wohl jene späte Abendstunde gewesen, am 16. August, in der ihm irrtümlich der Tod seiner beiden Söhne gemeldet wurde. Herr von Keudell berichtet darüber: »Der Kanzler befand sich zusammen mit Moltke noch beim König. Da tritt ein Ordonnanzoffizier ein und macht in leisem Tone dem General eine Meldung, die ihn zu erschrecken scheint. Bismarck versteht seinen Blick und fragt: ›Geht es mich an?‹ Darauf meldet der Offizier laut: ›Bei der letzten Attacke des 1. Garde-Dragoner-Regimentes ist Graf Herbert Bismarck gefallen, Graf Bill tödlich verwundet worden.‹ Und auf Befragen gibt er an, die Nachricht komme von dem Kommandierenden General des X. Armeekorps von Voigts-Rhetz, dessen augenblicklicher Aufenthalt nicht bekannt sei, da der General umherreite, um alle Lazarette zu besichtigen. Bismarck läßt sofort satteln, und ohne ein Wort zu sagen, reitet er in die Nacht hinaus. Kein Reitknecht darf ihm folgen. Beim ersten Morgengrauen kommt er in das Dorf Troville. Im Johanniter-Hospital am Ende des Dorfes findet der Kanzler den General und erhält Geleit nach dem Gehöft in Mariaville, wo mehrere Verwundete liegen. Beim Eintreten in das Haus kommt ihm sein jüngster Sohn unverletzt entgegen; Herbert aber liegt verwundet auf einem Strohlager. Er war von einer Kugel an der Brust gestreift worden, eine zweite hatte seine Uhr zerschmettert, die dritte aber war in das Fleisch des Oberschenkels eingedrungen.«
Bill als Schweinetreiber
Über eine spätere Begegnung mit seinem jüngeren Sohne, dessen stets fröhliches Temperament ihn übrigens zum allgemeinen Liebling machte, erzählte später der Vater: »Ich entdeckte an ihm eine neue rühmliche Eigenschaft: er besitzt ausnehmende Geschicklichkeit im Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug er’s fort auf dem Arme wie ein Kind ... Es wird den gefangenen französischen Offizieren komisch vorgekommen sein, einen preußischen General einen gemeinen Dragoner umarmen zu sehen.«
Im Granatenfeuer
Am 18. August gerieten auch König Wilhelm und sein Kanzler in schwere Lebensgefahr. »Sie hatten eben«, erzählt Graf Bismarck, »die Pferde zu Wasser geschickt, und wir standen in der Dämmerung bei einer Batterie, die feuerte. Die Franzosen schwiegen, aber während wir dachten, ihre Geschütze wären demontiert, konzentrierten sie nur ihre Kanonen und Mitrailleusen seit einer Stunde zu einem letzten großen Vorstoße. Plötzlich fingen sie ein ganz fürchterliches Feuern an mit Granaten und ähnlichen Geschossen, ein unaufhörliches Krachen und Rollen, Sausen und Heulen in der Luft. Wir wurden vom Könige, den Roon zurückschickte, abgeklemmt. Ich blieb bei der Batterie und dachte, wenn wir zurückgehen müssen, setzest du dich auf den nächsten Protzkasten. Wir erwarteten nun, daß französische Infanterie den Vorstoß unterstützen würde, und da hätten sie mich gefangennehmen können, wenn ich auch ein rollendes Revolverfeuer auf sie unterhalten hätte — ich hatte sechs Schuß für sie und noch sechs Reservepatronen. Endlich kamen die Pferde wieder, und nun machte ich mich fort, wieder zum König. Aber wir waren aus dem Regen in die Traufe geraten. An der Stelle, wo wir hinritten, schlugen gerade die Granaten ein, die vorher über uns weggeflogen waren. Am anderen Morgen sahen wir die Schweinskulen, die sie gewühlt hatten. — So mußte denn der König noch weiter zurück, was ich ihm sagte, nachdem die Offiziere mir das vorgestellt hatten.«
Auf der Suche nach Quartier
Am Abend fand dann das berühmte »Rendezvous« statt. König Wilhelm saß auf einer Leiter, deren eines Ende auf einem toten Pferde lag, und diktierte Bismarck das Telegramm an die Königin, das der Welt Kunde von dem Siege gab. Dann aber gestand der König, daß er Hunger leide und gern etwas essen möchte. Doch nur Wein und schlechter Rum von einem Marketender nebst trockenem Brot war zur Stelle. Endlich trieb man im Dorfe Rézonville ein paar Kotelette für ihn auf, aber nichts für seine Umgebung. Bismarck hatte den ganzen Tag nur etwas Soldatenbrot und Speck gehabt. Als endlich ein paar Eier kamen, zerschlug er sie an seinem Degenknopf und schlürfte sie roh. Und nun: Majestät wollte im Wagen schlafen, zwischen toten Pferden und Schwerverwundeten. Er fand später ein Unterkommen in einer Kabache. Der Bundeskanzler mußte sich wo anders unter Dach zu bringen suchen. Wir ließen den Erben eines der mächtigsten deutschen Potentaten (der junge Erbgroßherzog von Mecklenburg war gemeint) bei dem Wagen Wache stehen, daß nichts gestohlen würde, und ich machte mich mit Sheridan auf, um nach einer Schlafstelle zu rekognoszieren. Wir kamen an ein Haus, das noch brannte, und da war es zu heiß. Ich fragte in einem anderen nach — voll von Verwundeten. In einem dritten — auch voll von Verwundeten. Ebenso hieß es in einem vierten; ich ließ mich aber hier nicht abweisen. Ich sah oben ein Fenster, wo es dunkel war. ›Was ist denn da oben?‹ erkundigte ich mich. ›Lauter Verwundete.‹ ›Das wollen wir doch untersuchen!‹ Und ich ging hinauf, und siehe da, drei leere Bettstellen mit guten und, wie es schien, ziemlich reinen Strohmatratzen. Wir machten also hier Nachtquartier, und ich schlief ganz gut.« — »Ja,« hatte sein Vetter Graf Bismarck-Bohlen gesagt, als der Kanzler uns die Historie in Pont-à-Mousson das erstemal und kürzer erzählte, »du schliefst gleich ein und ebenso Sheridan, der sich — ich weiß nicht, wo er’s hergekriegt — ganz in weiße Leinwand eingewickelt hatte und der in der Nacht von dir geträumt haben muß, denn ich hörte verschiedenemal, wie er murmelte: ›O dear count!‹« — »Hm, hm, der Erbgroßherzog, der sich mit guter Manier in die Sache fand und überhaupt ein angenehmer und liebenswürdiger junger Herr ist«, bemerkte der Minister. — »Das beste war übrigens bei der Geschichte,« sagte Bohlen, »daß eigentlich gar keine solche Not um Unterkommen gewesen wäre. Denn unterdessen hatten sie entdeckt, daß nahe dabei ein elegantes Landhaus für Bazaine instand gesetzt worden war, mit guten Betten, Sekt im Keller und was weiß ich alles —, höchst fein, und da hatte der Kriegsminister sich einlogiert und hatte ein opulentes Abendmahl mit seiner Gesellschaft gefunden.«
Das zähe Huhn
Von der Fahrt nach Busaney erzählt der Kanzler eine ähnliche Szene: »Ich hatte den ganzen Tag nichts als Kommißbrot und Speck gehabt. Jetzt kriegten wir ein paar Eier — fünf oder sechs. Die anderen wollten sie gekocht; ich aber esse sie gern roh, und so unterschlug ich ein paar und zerschlug sie an meinem Degenknopf, was mich sehr erfrischte. Als es dann wieder Tag geworden war, genoß ich das erste Warme seit sechsunddreißig Stunden — es war nur eine Erbswurstsuppe, die mir General Göben gab; sie schmeckte aber ganz vortrefflich. Später hatte es noch ein gebratenes Huhn gegeben, an dessen Zähigkeit aber der beste Zahn verzweifelte.« Es war dem Minister von einem Marketender angeboten worden, nachdem er von einem Soldaten ein ungekochtes gekauft hatte. Bismarck hatte jenes angenommen, dafür bezahlt und dem Manne noch obendrein das von dem Soldaten erworbene gereicht. »Wenn wir uns im Kriege wieder treffen,« sagte er, »so geben Sie mir’s gebraten wieder. Wo nicht, so hoffe ich, daß Sie mir’s in Berlin zurückerstatten.«

Preußische Fanfaronaden
Wilhelm: »Ich weiß nicht recht — wann denkst du, werde ich mit Frankreich fertig sein?«
Bismarck: »Nur zu bald, gnädiger Herr, wie ich mit dieser Flasche.« (»Actualités«, November 1870)
Allmählich drängten die Dinge dem Gipfelpunkte von Sedan entgegen. Mit dem Morgengrauen des 1. September begann die Schlacht, und zur selben Stunde brach auch der König mit Bismarck auf, um Zeuge der Entscheidung zu sein. Mit ihnen zusammen standen auf der Höhe von Fresnois Moltke, Roon und zahlreiche Prinzen und Generale. Als aber das gewaltige Ringen zu Ende war, da erschien der General Reille als Parlamentär mit dem bekannten Briefe Napoleons bei König Wilhelm: »Mein Herr Bruder! Nachdem mir nicht vergönnt war, in der Mitte meiner Truppen zu sterben, bleibt mir nur noch übrig, meinen Degen in die Hände Ew. Majestät niederzulegen. Ich bin Ew. Majestät Vetter Napoleon.« Der König reichte das Schreiben zunächst Bismarck und ersuchte ihn, die Antwort zu entwerfen. Dieser las den Brief dem Kronprinzen, Roon und Moltke vor und diktierte dann dem Grafen Hatzfeld die Antwort: »Mein Herr Bruder! Mit Bedauern über die Umstände, unter denen wir zusammentreffen, nehme ich den Degen Ew. Majestät an und bitte Sie, einen Ihrer Offiziere ernennen zu wollen, der bevollmächtigt wird, über die Ergebung der Armee zu unterhandeln, die sich unter Ihren Befehlen so tapfer geschlagen hat. Meinerseits habe ich den General von Moltke dazu bestimmt. Ew. Majestät Bruder Wilhelm.« Als Reille mit dieser Antwort fort war, umarmte der König den Kronprinzen und reichte dann Bismarck die Hand mit den Worten: »Dieses weltgeschichtliche Ereignis, fürchte ich, bringt uns den Frieden noch nicht.« Bismarck fuhr mit Moltke nach Donchéry, um hier die französischen Unterhändler zu erwarten. Die Tragödie von Sedan war ausgespielt; es konnte nur noch ein Nachspiel geben.
In Donchéry hat Bismarck übernachtet. Am Morgen um sechs Uhr erschien bereits ein französischer General; Bismarck zog sich hastig an, setzte sich, ohne zu frühstücken, eiligst zu Pferde und ritt davon. In der Stube aber fand Moritz Busch alles in Unordnung umhergeworfen: Am Boden lagen die »Täglichen Losungen und Lehrtexte der Brüdergemeinde für 1870«, auf dem Nachttischchen befand sich ein anderes Andachtsbuch: »Die tägliche Erquickung für gläubige Christen«, Schriften, in denen der Kanzler des Nachts zu lesen pflegte.
Über die Einzelheiten der weltgeschichtlichen Vorgänge der nächsten Stunden hat Bismarck an die Gattin berichtet. Dieser Brief ist von den Franzosen aufgefangen und später vom »Figaro« veröffentlicht worden. Selbst das französische Blatt aber sprach mit Staunen und Ergriffenheit von diesen schlichten Worten, in denen der Sieger des großen Krieges von einem Ereignis spricht, dessen weltgeschichtliche Bedeutung jeder erfaßte, von der liebenswürdigen Art, wie er mitten in den Schauern und dem Brausen der Weltgeschichte Zeit findet, von Marie und Karl, von Hans, Fritz, Herbert und Bill zu sprechen. Wie hätte wohl der französische Sieger geschrieben! Der Brief ist in der Tat eines der rührendsten Dokumente menschlicher Demut und schlichter Größe.

Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.
(»Der Floh«, September 1870)
Der Brief von Sedan
Mein liebes Herz! Vorgestern vor Tagesgrauen verließ ich mein hiesiges Quartier, kehre heut zurück und habe in der Zwischenzeit die große Schlacht von Sedan am 1. erlebt, in der wir gegen 30 000 Gefangene machten und den Rest der französischen Armee, der wir seit Bar-le-Duc nachjagten, in die Festung warfen, wo sie sich mit dem Kaiser kriegsgefangen ergeben mußte. Gestern früh fünf Uhr, nachdem ich bis ein Uhr früh mit Moltke und den französischen Generalen über die abzuschließende Kapitulation verhandelt hatte, weckte mich der General Reille, den ich kenne, um mir zu sagen, daß Napoleon mich zu sprechen wünschte. Ich ritt ungewaschen und ungefrühstückt gegen Sedan, fand den Kaiser im offenen Wagen mit drei Adjutanten und drei zu Pferde daneben auf der Landstraße vor Sedan haltend. Ich saß ab, grüßte ihn ebenso höflich wie in den Tuilerien und fragte nach seinen Befehlen. Er wünschte den König zu sehen; ich sagte ihm der Wahrheit gemäß, daß Seine Majestät drei Meilen davon, an dem Orte, wo ich jetzt schreibe, sein Quartier habe. Auf Napoleons Frage, wohin er sich begeben solle, bot ich ihm, da ich der Gegend unkundig, mein Quartier in Donchéry an, einem kleinen Ort an der Maas dicht bei Sedan; er nahm es an und fuhr, von seinen sechs Franzosen, von mir und von Karl (Bismarck-Bohlen), der mir inzwischen nachgeritten war, geleitet, durch den einsamen Morgen nach unserer Seite zu. Vor dem Ort wurde es ihm leid, wegen der möglichen Menschenmenge, und er fragte mich, ob er in einem einsamen Arbeiterhause am Wege absteigen könne; ich ließ es besehen durch Karl, der meldete, es sei ärmlich und unrein. »N’importe«, meinte Napoleon, und ich stieg mit ihm eine gebrechliche enge Stiege hinauf. In einer Kammer von zehn Fuß Gevierte, mit einem fichtnen Tische und zwei Binsenstühlen, saßen wir eine Stunde; die anderen waren unten. Ein gewaltiger Kontrast mit unserem letzten Beisammensein, 1867 in den Tuilerien. Unsere Unterhaltung war schwierig, wenn ich nicht Dinge berühren wollte, die den von Gottes gewaltiger Hand Niedergeworfenen schmerzlich berühren mußten. Ich hatte durch Karl Offiziere aus der Stadt holen und Moltke bitten lassen zu kommen. Wir schickten dann einen der ersten auf Rekognoszierung und entdeckten eine halbe Meile davon in Fresnois ein kleines Schloß mit Park. Dorthin geleitete ich ihn mit einer inzwischen herangeholten Eskorte vom Leib-Kürassierregiment, und dort schlossen wir mit dem französischen Obergeneral Wimpffen die Kapitulation, vermöge derer 40 000 bis 60 000 Franzosen, genauer weiß ich es noch nicht, mit allem, was sie haben, unsere Gefangenen wurden. Der vor- und gestrige Tag kosten Frankreich 100 000 Mann und einen Kaiser. Heute früh ging letzterer mit allen seinen Hofleuten, Pferden und Wagen nach Wilhelmshöhe bei Kassel ab. Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den Krieg entscheidet, wenn wir auch letzteren gegen das kaiserlose Frankreich noch fortführen müssen. Ich muß schließen. Mit herzlicher Freude ersah ich heut aus Deinen und Maries Briefen Herberts Eintreffen bei Euch. Bill sprach ich gestern, wie schon telegraphiert, und umarmte ihn angesichts Sr. Majestät vom Pferde herunter, während er stramm im Gliede stand. Er ist sehr gesund und vergnügt. Hans und Fritz Karl sah ich, beide Bülow b. 2. G. Dr. wohl und munter.
Leb wohl, mein Herz. Grüße die Kinder.Dein v. B.
König Wilhelms Toast
Am nächsten Tage, beim Mittagsmahle des Großen Hauptquartiers, brachte der König folgenden Trinkspruch aus: »Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl Meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister von Roon, haben unser Schwert geschärft; Sie, General von Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf von Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie Uns also auf das Wohl der Armee, der drei von Mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat.«

Eine Satire auf die französischen Unterhändler. »Umarmen Sie mich, und alles ist erledigt.« (Franz. Flugblatt 1870)
Wie beim Kotillon
An einem parlamentarischen Abend erzählte Bismarck: »Als ich dem Kaiser Napoleon in dem Stübchen des Weberhauses bei Donchéry beinahe eine Stunde gegenüber saß, war es mir gerade so zumute wie als jungem Menschen auf dem Balle, wenn ich ein Mädchen zum Kotillon engagiert hatte, mit der ich kein Wort zu sprechen wußte, und die niemand abholen wollte.«
Der Krieg ging weiter; das Ende war noch nicht da. Zwar wurde die Dynastie Napoleons entthront, und die Kaiserin mußte mit ihrem Sohne nach England ziehen, aber die neue Republik führte den Krieg fort, und ihr Wahlspruch lautete: Wir überlassen keinen Finger breit Erde und keinen Stein unserer Festungen den Deutschen.

Vor Paris
Wilhelm zu Bismarck, der nach dem Monde (Paris) greift: »Du fehlst ihn wieder! Ich habe es dir schon so oft gesagt, mein Gott, mein Gott, in welche Klemme du mich bringst!« (»Actualités«, 1870)
Die Haltung Frankreichs war beeinflußt auch durch die Hoffnung auf die Einwirkung der neutralen Mächte. Vor allem war es Beust, der die Hoffnung hegte, mit Hilfe eines Kongresses den Deutschen den Siegespreis zu kürzen. Auch England, das schon zu Anfang die Ausfuhr von Kohlen und Waffen nach Frankreich mit den Pflichten einer neutralen Macht für vereinbar hielt, zeigte sich den Siegern wenig freundlich gesinnt. Beust regte sogar ein gemeinsames Vorgehen der Mächte an, um, wie er sagte, die Forderungen der Sieger zu mäßigen und die Gefühle des Besiegten zu schonen. Aber das Schwert war rascher als die Feder; erst in Versailles kam es zu ernsthafter Verhandlung, und in der Tat hatte hier Bismarck schwer um die Ernte aller Kämpfe zu ringen. »Aber schon jetzt«, so schreibt er einmal nach Hause, »haben sich die diplomatischen Korrespondenzen wieder gemehrt. Der aufgestaute Tintenbach hat sich über mich ergossen, falsche Friedenstauben schwirren umher und girren mich heuchlerisch an.« Auch die Organisation der Verwaltung machte ihm viel Plage: »Wenn ich mit solcher Ressortverwirrung im Zivil haushalten sollte, so wäre ich längst gesprungen wie eine Granate. Hier aber denkt keiner daran, ob das Ganze leidet, jeder tut, was ihm befohlen wird, und was nicht befohlen wird, darüber tröstet er sich wie der Junge, dem sein Vater keine Handschuhe kaufte. Vor dem Feinde lauter Helden, aber an ihren Schreibtischen wie ein Rattenkönig mit den Zöpfen zusammengewachsen.«
Die Arbeitslast
Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers zu arbeiten, schöpferisch aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten Aufgaben zu lösen, überall ohne Verzug das Rechte zu finden und das allein Geeignete anzuordnen, war vielleicht nie so bewundernswert wie während dieser Zeit, und sie war in ihrer Unerschöpflichkeit um so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist spät, in der Regel gegen zehn Uhr auf. Aber er hatte dann die Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen, zu studieren, den Räten und anderen Mitarbeitern Instruktionen zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren. Später waren Besuche zu empfangen oder Audienzen zu geben, oder es war dem König Vortrag zu halten. Dann wieder Studium von Depeschen und Landkarten, Korrektur von befohlenen Aufsätzen, Niederschrift von Konzepten mit den bekannten großen Bleistiften, Abfassung von Briefen, Information zu Telegrammen oder Äußerungen in der Presse, und dazwischen mitunter abermals Empfang unabweislicher Besuche, die zuweilen nicht willkommen sein konnten. Erst nach zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten, wo für längere Zeit haltgemacht worden war, einige Erholung, indem er einen Spazierritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum Mittagsmahl ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er wieder in seinem Zimmer am Schreibtisch, und häufig sah ihn noch die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen.
Wie der Graf es mit dem Schlafen hielt, anders als unter gewöhnlichen Menschen üblich, so lebte er auch hinsichtlich seiner Mahlzeiten in eigner Weise. Früh genoß er eine Tasse Tee und wohl auch ein oder zwei Eier, dann aber in der Regel nichts bis zu dem in die Abendstunden verlegten Mittagsmahl. Sehr selten nahm er am zweiten Frühstück und nur dann und wann am Tee teil, der zwischen neun und zehn Uhr serviert wurde. Er aß somit, gelegentliche Ausnahmen abgerechnet, innerhalb der vierundzwanzig Stunden des Tages eigentlich nur einmal, dann aber — beiläufig wie Friedrich der Große — reichlich.
Am 13. September erließ Bismarck das berühmte Rundschreiben an die deutschen Vertreter im Ausland, in dem er erklärte, man dürfe sich nicht darüber täuschen, daß Deutschland, auch wenn die siegreichen Heere ohne jede Gebietsabtretung aus Frankreich fortzögen, doch keinen dauernden Frieden genießen werde; Deutschland müßte sichere Bürgschaften für die Verteidigung der westlichen Grenzen haben. In Meaux erfuhr er dann von der Rundreise des Herrn Thiers, der eine diplomatische Einmischung herbeiführen wollte, aber, wie er selbst sich ausgedrückt hat, »Europa nicht finden konnte«. Zu gleicher Zeit erschien bereits Jules Favre zur Unterhandlung bei Bismarck. Aber die Besprechung verlief resultatlos. Und auch weitere Versuche, einen Waffenstillstand oder den Frieden herbeizuführen, mißlangen.
Ins Geschäft nie
In dem vertrauten Kreise seiner Tafelrunde erzählte Bismarck belustigt, daß Favre sich bei der Erwähnung von Landverlust höchst erregt gebärdet, Seufzer ausgestoßen, die Augen gen Himmel gewendet und patriotische Tränen zu vergießen versucht und anscheinend weggewischt habe. Da Favre dieser Tränen sich in seinem amtlichen Berichte vom 21. September besonders rühmte, so sagte Bismarck am 27. vor seinen Tafelgästen weiter: »Es ist wahr, er sah so aus, und ich versuchte ihn einigermaßen zu trösten. Wie ich mir ihn aber genauer betrachtete — ich glaube ganz bestimmt, daß er nicht eine Träne herausgebracht hatte. Er dachte vermutlich, mit Schauspielerei auf mich zu wirken wie die Pariser Advokaten auf ihr Publikum. Ich bin fest überzeugt, daß er in Ferrières auch weiß geschminkt war — besonders das zweitemal. An diesem Morgen sah er viel grauer aus, um den Angegriffenen und Tiefleidenden vorzustellen. Es ist auch möglich, daß es ihm wirklich nahegeht, aber er ist kein Politiker, er sollte wissen, daß Gefühlsausbrüche nicht in die Politik gehören. Als ich was von Straßburg und Metz fallen ließ, machte er ein Gesicht, als ob das Scherz von mir wäre. Ich hätte ihm da erzählen können, wie ich einmal mit meiner Frau zu dem großen Kürschner in Berlin ging — wie heißt er gleich? —, um nach einem Pelz zu fragen, und da nannte er mir für den, der mir gefiel, einen hohen Preis. ›Sie scherzen wohl‹, versetzte ich. ›Nein,‹ erwiderte er, ›ins Geschäft nie.‹«
Parjure und infâme
Es wurde einmal erwähnt, daß der bei Sedan in Gefangenschaft geratene General Ducrot zum Danke dafür, daß man ihm gegen sein Ehrenwort mehr Freiheit als anderen gestattet, auf dem Wege nach Deutschland schmählicherweise durchgebrannt sei. Bismarck bemerkte dazu: »Wenn man solche Schurken, die ihr Wort gegeben haben — andere, die ausreißen, sind nicht zu tadeln —, wiederkriegt, so sollte man sie hängen in ihren roten Hosen und auf das eine Bein parjure und auf das andere infâme schreiben.«
Am 5. Oktober wurde das Hauptquartier nach Versailles verlegt. Ein weiter Ring um Paris war von den deutschen Truppen geschlossen worden. Hier aber begann frühzeitig der große historische Streit um die Frage, ob die französische Hauptstadt, wie Moltke und der Kronprinz und die Generale wollten, durch Hunger zerniert oder, wie Bismarck und Roon es verlangten, mit schweren Geschützen beschossen werden sollte. Dieser Streit, in dem Bismarck erst nach langen Mühen den Sieg davontragen sollte, hat ihm zahllose bittere Stunden bereitet. Denn für ihn, der den politischen Gesichtspunkt niemals vergessen durfte, der vor allem einen Eingriff der Neutralen verhindern wollte, war die Schnelligkeit der Erfolge von entscheidender Bedeutung. Er wußte, wie gefährlich jede Verzögerung war. Nie haben auch die Klagen Bismarcks über die Eifersucht der Generale herber geklungen, als in jenen Wochen, da »die Halbgötter« sich sogar bemühten, ihm jeden Einblick in den Gang der Operationen zu verwehren. Oft genug hat Bismarck das Erschwernis gespürt, das ihm hieraus erwuchs. War er doch verantwortlich für die richtige politische Ausnutzung der militärischen wie der auswärtigen Situation, verantwortlich dafür, ob die militärische Lage irgendwelche politischen Schritte oder die Ablehnung irgendeiner Zumutung anderer Mächte ratsam machte. Hatte Bismarck nicht recht? Wenn es die Aufgabe der Heeresleitung war, die feindlichen Streitkräfte zu vernichten, so war doch der Zweck des Krieges die Erkämpfung des Friedens und der Bedingungen, die der vom Staate befolgten Politik entsprechen. So hat vor allem die Frage, ob Paris bombardiert werden solle oder nicht, einen tiefen Einfluß auch auf die politischen Verhältnisse geübt. Denn stärker als je regten sich jetzt die Neutralen, um den Krieg so zu begrenzen, daß Preußen seine Forderungen möglichst einschränken mußte. Bismarck wußte aber auch, daß dieser gewaltige Krieg mit seinen Siegen und seiner Begeisterung nicht ohne Wirkung für die nationale Einigung bleiben durfte: »Es war mir niemals zweifelhaft, daß der Herstellung des Deutschen Reiches der Sieg über Frankreich vorhergehen mußte, und wenn es uns nicht gelang, ihn diesmal zum vollen Abschluß zu bringen, so waren weitere Kriege ohne vorherige Sicherstellung unserer völligen Einigung in Sicht.«

Bismarck als Kugelläufer
»Deibel noch mal, ich weeß nich, was das bedeitet! Ich gloobe sogar, ich habe die Palance verloren, mel eenes Been glitscht schon!« (Franz. Flugblatt 1870)
(Das französische Flugblatt läßt Bismarck sächsisch sprechen, wohl in der Vorstellung, daß er als Niedersachse den Dresdener Dialekt redet. Dies wiederholt sich oft.)
Eine Stunde der Bitterkeit
In den Tagen, da Bismarck und Roon vergebens um das Bombardement von Paris rangen, schrieb Bismarck einmal mit tiefer Bitterkeit an die Gattin: »Der gute Roon ist vor Ärger über unsere Passivität und seine vergeblichen Versuche, uns zum Angriff zu bringen, recht krank gewesen, jetzt besser, resigniert, nur darf man nicht von der Sache reden; er wird gleich unwohl vor Bitterkeit. Er bleibt eigentlich nur mir zu Gefallen hier, weil ich sonst politisch und gemütlich ganz vereinsame. Ich meine nicht, daß ich Widerstand aller auf politischem Gebiete zu bekämpfen hätte, im Gegenteil, aber ich habe keine menschliche Seele hier zum Reden über Vergangenheit oder Zukunft. Wenn man zu lange Minister ist, und dabei nach Gottes Fügung Erfolge hat, so fühlt man deutlich, wie der kalte Sumpf von Mißgunst und Haß einem allmählich höher und höher bis ans Herz steigt. Man gewinnt keine neuen Freunde, die alten sterben oder treten in verstimmter Bescheidenheit zurück, und die Kälte von oben wächst, wie das die Naturgeschichte der Fürsten, auch der besten, so mit sich bringt; alle Zuneigungen aber bedürfen der Gegenseitigkeit, wenn sie dauern sollen. Kurz, mich friert, geistig, und ich sehne mich, bei Dir zu sein und mit Dir in Einsamkeit auf dem Lande. Dieses Leben erträgt kein gesundes Herz auf die Dauer. Gesund an Körper aber bin ich, mehr als seit Jahr und Tag, und grüße Dich und die Kinder in herzlicher Liebe mit etwas Heimweh.«

Bismarck als Jesuit, der immer doppelzüngig ist, aber von den Franzosen wünscht er nur Gutes: Elsaß, Lothringen und fünf Milliarden. (»Actualités«, 1871)
Achill
Von ähnlicher Stimmung berichtet Busch: Eines Abends klagte der Fürst, daß er von seiner politischen Tätigkeit wenig Freude und Befriedigung gehabt. Er habe damit niemand glücklich gemacht, sich selbst nicht, seine Familie nicht, auch andere nicht, wohl aber viele unglücklich. »Ohne mich hätte es drei große Kriege nicht gegeben, wären achtzigtausend Menschen nicht umgekommen, und Eltern, Brüder, Schwestern, Witwen trauerten nicht. Das habe ich indes mit Gott abgemacht. Aber Freude habe ich wenig oder gar keine gehabt von allem, was ich getan habe, dagegen viel Verdruß, Sorge und Mühe.« — Man konnte an Achill denken, wenn er im Zelte des Lagers vor Ilion zu König Priamus sagt:
»Wir schaffen ja nichts mit unserer starrenden Schwermut; Also bestimmten der Sterblichen Los, der armen, die Götter, Trübe in Gram zu leben, allein sie selber sind sorglos.«
Aber trotz aller Bitternis trieb gerade in jenen Zeiten der Humor Bismarcks die köstlichsten Blüten. In den Tischgesprächen, deren wir dem fleißigen Moritz Busch eine Fülle verdanken, offenbarte er zuweilen sogar eine übermütige Stimmung, stets aber erscheinen vor unseren Augen wie in einem Panorama, oft nur in kurzen Strichen gezeichnet, lebensvolle Gestalten, packende Bilder, Episoden von Reiz und Stimmung. Die Vergangenheit steigt wieder empor, helle Lichter fallen auf die Gegenwart, und mit prophetischem Geiste wird die Zukunft erfaßt. Am tiefsten aber scheint ein Wort, das er einmal ganz flüchtig prägte, als er über seine Schlaflosigkeit klagte:
Es denkt, es spekuliert in mir
»Schon als Kind,« so erzählte er da, »und seitdem immer bin ich spät zu Bett gegangen, niemals vor Mitternacht. Ich schlafe dann gewöhnlich schnell ein, wache aber bald wieder auf und finde, daß es höchstens um eins oder halb zwei ist, und dann fällt mir allerhand ein, besonders wo mir unrecht geschehen ist, was dann überlegt werden muß. Darauf schreibe ich Briefe, auch Depeschen, natürlich ohne aufzustehen, bloß im Kopfe. Früher, als ich noch nicht lange Minister war, stand ich auf und schrieb es wirklich nieder. Wenn ich’s aber am Morgen überlas, war es nichts wert, lauter Platitüden, konfuses, triviales Zeug, wie es etwa in der ›Vossischen‹ gestanden haben könnte.« — — »Ich will nicht, ich möchte lieber schlafen. Aber es denkt, es spekuliert in mir. Kommt dann der erste Morgenschimmer auf meine Bettdecke, so schlummere ich wieder ein, und dann wird bis zehn Uhr oder noch länger fortgeschlafen.«
»Es spekuliert in mir« — es ist das Daimonion, das Dämonische in ihm, das hier seine eigene Sprache führt, das über ihn kommt und ihn zwingt, das ihn heraushebt über die Enge des Menschentums und seinen Blick hinüberlenkt in die unendlichen Weiten, die nur des Künstlers Seele ergreift.
Aus der überaus reichen Fülle von Anekdoten, von Erlebtem und Erzähltem, die jene Tage von Versailles umfassen, mögen hier in bunter Wahl einige Proben ihren Platz finden.
Wilhelm Tell
Bei Tisch kam man einmal auf Wilhelm Tell zu sprechen, und der Minister bekannte, daß er den schon als Knabe nicht habe leiden können, und zwar erstens, weil er auf seinen Sohn geschossen, dann weil er Geßler auf meuchlerische Weise getötet habe. »Natürlicher und nobler wäre es nach meinen Begriffen gewesen,« setzte er hinzu, »wenn er, statt auf den Jungen abzudrücken — den doch der beste Schütze statt des Apfels treffen konnte —, wenn er da lieber gleich den Landvogt erschossen hätte. Das wäre gerechter Zorn über eine grausame Zumutung gewesen. Das Verstecken und Auflauern gefällt mir nicht, das paßt sich nicht für Helden — nicht einmal für Franktireure.«

Bismarcks geschwollene Backe. Ein Vexierbild, dessen Sinn beim Umdrehen deutlich wird. (Franz. Flugblatt 1870)
Wie er Burgunder bezog
Es erwähnte jemand bei Tisch den guten Weinkeller Bismarcks in Berlin. »Ein ausgezeichneter Keller« — sagte er darauf —, »denn ich habe einen außerordentlichen Lieferanten, den Marquis de T....., welchen Sie in Paris kennen gelernt haben müssen. Das ist ein Diplomat, welcher Talleyrand einmal in seinem Leben ausgestochen hat, indem er den Minister der Auswärtigen Angelegenheiten des Kaisers zwang, ihn zum Marquis zu machen, ohne dies zu wissen. Er ist der Sohn eines reichen Landwirts und hieß einfach Lemarquis. Nachdem er erreicht hatte, daß er als Attaché der französischen Gesandtschaft nach Frankfurt geschickt worden war, fügte er seinem Namen den Namen eines seinem Vater gehörenden Landgutes hinzu, das machte Lemarquis de T.....; dann gewöhnte er sich allmählich daran, daß man seinen Namen in zwei Worten schrieb; endlich schrieb er ihn selbst so. Er kam nach Berlin; ich kannte die Geschichte; als ich das Vergnügen bemerkte, mit welchem er sich Marquis anreden ließ, schmeichelte ich dieser Manier und ließ bei einem diplomatischen Diner unter sein Gedeck eine Speisekarte legen, auf welcher sein Titel auf die aristokratischste Weise schön rund geschrieben stand. Er war hierüber gerührt und schickte mir am nächsten Tage einen Korb ausgezeichneter Burgunderweine, welche er von seinen Gütern in Frankreich bezog. Seitdem ist er mein Lieferant geblieben, und ich befinde mich wohl dabei.«
Elefantenbraten
Bei Tisch war Lauer Gast des Chefs. Es wurde davon gesprochen, daß man in Paris bereits alle eßbaren Tiere des Jardin des Plantes verspeist haben soll, und Hatzfeld erzählte, daß man die Kamele für viertausend Franken verkauft habe, und daß der Rüssel des Elefanten von einer Gesellschaft von Feinschmeckern gegessen worden sei; derselbe soll ein vortreffliches Gericht abgeben. »Ach,« versetzte Lauer, »das ist wohl möglich. Es ist eine Masse von zusammengefilzten Muskeln, woher die Gewandtheit und Kraft kommt, mit der er ihn gebraucht. Etwas wie die Zunge; er muß wie Zunge schmecken.« — Jemand bemerkte, auch die Kamele sollten nicht übel sein, und namentlich behaupte man, daß die Höcker eine große Delikatesse wären. Der Chef hörte dem eine Weile zu, dann sagte er wie nachdenklich, erst etwas vorgebeugt, dann aufatmend und sich aufrichtend, wie das bei Scherzen seine Gewohnheit: »Hm, die buckligen Menschen — man sollte denken, die Buckel!« — laute allgemeine Heiterkeit unterbrach ihn. Lauer bemerkte trocken und wissenschaftlich, die Buckel wären eine Verbildung der Rippen oder Knochen oder auch eine Verkrümmung des Rückgrates, und so würden sie sich nicht zum Essen eignen, wohingegen die Kamelhöcker bewegliche Knorpelansätze wären, die möglicherweise nicht schlecht schmeckten. Dieser Faden spann sich dann weiter, es war die Rede von Bärenfleisch, dann von Bärentatzen, zuletzt von den Feinschmeckern unter den Kannibalen, wobei der Minister eine anmutige Geschichte zu erzählen wußte. Er begann: »Ein Kind, ein junges frisches Mädchen, nun ja, aber so ein alter, ausgewachsner harter Kerl — der muß doch nicht zu essen sein.« Dann fuhr er fort: »Ich erinnere mich, eine alte Kaffern- oder Hottentottenfrau, die lange schon Christin geworden war, als der Missionar sie auf den Tod vorbereitete und sie ganz für die Seligkeit bereit fand, — da fragte er sie, ob sie wohl noch einen Wunsch hätte. Nein, sagte sie, es wäre alles ganz gut, aber wenn sie noch einmal ein paar Hände von einem kleinen Kinde zu essen bekäme, das wäre doch was sehr Delikates.«
Von Erschaffung der Welt an
Bei den Verhandlungen über die Kriegsentschädigung zwischen Jules Favre und Bismarck war auch der Bankier Gerson von Bleichröder als Sachverständiger zugegen. Favre war außer sich über die Forderung von fünf Milliarden und meinte, um seinem Gegner das Übertriebene derselben einleuchtend zu machen, selbst wenn man von Christi Zeiten bis auf diese Stunde zählen wollte, so würde man mit einer solch ungeheuren Summe nicht zustande kommen. »O,« erwiderte Graf Bismarck, »seien Sie außer Sorgen. Dafür habe ich diesen Herrn mitgebracht« — er deutete dabei auf Bleichröder — »der zählt von Erschaffung der Welt an.«
Der Jude mit den zerrissenen Stiefeln
»In Petersburg«, so erzählte Bismarck einmal bei Tisch, »kam in unsere Kanzlei ein Jude, der nach Preußen zurückbefördert sein wollte. Er war aber sehr abgerissen und hatte besonders schlechte Stiefel an. Man sagte ihm, ja, er sollte befördert werden; aber er wollte vorher andere Stiefel haben, und beanspruchte das als ein Recht und trat so dreist und unverschämt auf, schrie und schimpfte, daß die Herren sich vor ihm nicht zu helfen wußten. Auch die Diener getrauten sich nicht an den wütenden Menschen. Da wurde endlich, als der Spektakel zu arg geworden war, ich zu körperlicher Hilfe herbeigerufen. Ich sagte ihm, er sollte ruhig sein, sonst würde ich ihn einsperren lassen. Er erwiderte trotzig: ›Das können Sie nicht, dazu haben Sie in Rußland gar kein Recht!‹ — ›Das wollen wir sehen‹, sagte ich. ›Ich muß Sie allerdings nach Hause schaffen, aber Stiefel brauche ich Ihnen nicht zu geben, wenn ich’s auch vielleicht getan hätte, wenn Sie sich nicht so ungebührlich aufgeführt hätten.‹ Darauf machte ich das Fenster auf und winkte einem Gorodowoy, einem russischen Polizeimanne, der ein Stück davon seine Station hatte. Mein Jude fuhr fort, zu schreien und zu schelten, bis der Polizeimann, ein großer starker Mensch, hereinkam. Zu dem sagte ich: [russische Worte, die unübersetzt bleiben]. Und der große Schutzmann nahm den kleinen Juden mit und steckte ihn ein. Den anderen Vormittag aber kam der wieder an, ganz umgewandelt, und erklärte sich zur Abreise ohne neue Stiefel bereit. Ich fragte, wie es ihm ergangen wäre inzwischen. — Schlecht wäre es ihm gegangen, sehr schlecht. — Nun, was sie ihm denn getan hätten? — Ja, sie hätten ihn — nun, sie hätten ihn — körperlich mißhandelt. Ich sprach ihm mein Bedauern aus und fragte, ob er sich beschweren wolle. Er zog vor, schnell abzureisen, und ich habe nichts wieder von ihm gehört.«

Der beschränkte Untertanenverstand
Bismarck: »Undankbares Volk! Beschränkter Untertanenverstand! Für jede Steuer und jedes Monopol, das sie mir bewilligen, und für jeden Belagerungszustand, den sie mir verlängern, gebe ich ihnen einen Bischof, und noch sind die Leute nicht zufrieden.« (»Figaro«, Oktober 1881)
Er redet deutsch
Von seiner zweiten Zusammenkunft mit Thiers erzählte der Kanzler: »Als ich eine vielleicht ihm hart erscheinende Forderung an ihn stellte, fuhr er, der sich sonst sehr wohl zu beherrschen weiß, in die Höhe und sagte: ›Mais, c’est une indignité!‹ Ich ließ mich dadurch nicht irremachen, sprach aber von jetzt an deutsch zu ihm. Er hörte eine Weile zu und wußte augenscheinlich nicht, was er davon halten sollte. Dann fing er an in kläglichem Tone: ›Mais, Monsieur le comte, vous savez bien, que je ne sais point l’allemand.‹ Ich erwiderte ihm — jetzt wieder französisch: ›Als Sie vorhin von indignité redeten, fand ich, daß ich nicht genug Französisch verstehe, und so zog ich vor, deutsch zu sprechen, wo ich weiß, was ich sage und höre.‹ Sogleich begriff er, was ich wollte, und schrieb als Zugeständnis hin, was ich gefordert hatte, und was er vorher als eine Unwürdigkeit hingestellt hatte.«
Obendrein Propfengeld
In Ferrières war Bismarck in dem Schlosse des Herrn von Rothschild einquartiert. Sehr gastlich wurde er hier nicht aufgenommen, wenigstens erzählt Moritz Busch: »Während des Essens hatten wir auch eine Probe von der Gastlichkeit und dem Anstandsgefühl des Herrn Baron zu bewundern, dessen Haus der König mit seiner Gegenwart beehrte, und dessen Besitz infolgedessen in jeder Weise geschont wurde. Herr von Rothschild, der hundertfache Millionär und überdies bis vor kurzem Generalkonsul Preußens in Paris gewesen, ließ uns durch seinen ›Regisseur‹ oder Haushofmeister patzig den Wein verweigern, dessen wir bedurften, wozu ich bemerkte, daß derselbe wie jede andere Lieferung bezahlt werden sollte. Vor den Chef zitiert, setzte der dreiste Mensch seine Renitenz fort, leugnete erst ganz und gar, überhaupt Wein im Hause zu haben, und gab dann zwar zu, daß er ›ein paar hundert Flaschen Petit Bordeaux im Keller habe‹ — in Wahrheit lagen 17000 darin —, erklärte aber, uns davon nichts abtreten zu wollen. Der Minister machte ihm jedoch den Standpunkt in sehr kräftiger Rede klar, hob hervor, was das für eine unartige und filzige Art sei, mit der sein Herr die Ehre erwidere, die ihm der König dadurch erwiesen, daß er bei ihm abgestiegen sei, und fragte, als der vierschrötige Patron Miene machte, sich wieder aufzubäumen, kurz und bündig, ob er wisse, was ein Strohbund sei. Jener schien das zu ahnen; denn er wurde blaß, sagte aber nichts. Es wurde ihm dann bemerkt, daß ein Strohbund ein Ding sei, auf welches halsstarrige und freche Regisseure so gelegt würden, daß ihre Rückseite oben sei, und das weitere könne er sich vielleicht vorstellen. — Andern Tags hatten wir, was wir verlangt, und auch später kam meines Wissens keine Klage vor. Der Herr Baron aber erhielt für seinen Wein nicht nur den geforderten Preis, sondern, wie man hörte, obendrein Propfengeld, so daß er an uns noch etwas Anständiges verdiente. — Herr von Rothschild hat später behauptet, sein Koch sei von Preußen geprügelt worden, weil die Fasanen, die er ihnen vorsetzte, nicht getrüffelt gewesen seien.«
Garibaldi
Als Garibaldi geschlagen war und zahlreiche Italiener in deutsche Gefangenschaft geraten waren, sagte Bismarcks Vetter Bohlen: man solle sie in Käfige setzen und öffentlich zeigen. »Nein,« erwiderte der Kanzler, »ich hätte einen anderen Plan. Man sollte die Gefangenen nach Berlin bringen, dort müßte ihnen ein Plakat von Pappe angehängt werden, auf dem stünde: ›Dankbarkeit‹ — oder: ›Venedig — Spandau‹ — und so würden sie durch die Stadt geführt und dann nach Spandau geschafft.«
Alexander von Humboldt
»Bei unserem hochseligen Herrn«, so erzählte Bismarck, »war ich das einzige Schlachtopfer, wenn Humboldt des Abends die Gesellschaft in seiner Weise unterhielt. Er las dann gewöhnlich vor, oft stundenlang, eine Lebensbeschreibung von einem französischen Gelehrten oder einem Baumeister, die keinen Menschen interessierte. Dabei stand er und hielt das Blatt dicht vor die Lampe. Mitunter ließ er es fallen, um sich mit einer gelehrten Bemerkung darüber zu verbreiten. Niemand hörte ihm zu, aber er hatte doch das Wort. Die Königin nähte in einem fort an einer Tapisserie und hörte gewiß nichts von seinem Vortrag. Der König besah sich Bilder — Kupferstiche und Holzschnitte — und blätterte geräuschvoll darin, in der schönen Absicht, nichts davon hören zu wollen. Die jungen Leute seitwärts und im Hintergrunde unterhielten sich ganz ungeniert, kicherten und übertäubten damit förmlich seine Vorlesung. Der aber murmelte, ohne abzureißen, fort wie ein Bach. Gerlach, der gewöhnlich auch dabei war, saß auf einem kleinen runden Stuhle, über dessen Rand sein fetter Hinterer auf allen Seiten herabhing, und schlief, daß er schnarchte, so daß ihn der König einmal weckte und zu ihm sagte: ›Gerlach, so schnarchen Sie doch nicht.‹ — Ich war sein einziger geduldiger Zuhörer, das heißt, ich schwieg, tat, als ob ich seinem Vortrage lauschte, und hatte dabei meine eigenen Gedanken, bis es endlich kalte Küche und weißen Wein gab. — Es war dem alten Herrn sehr verdrießlich, wenn er nicht das Wort führen durfte. Ich erinnere mich, einmal war einer da, der die Rede an sich riß, und zwar auf ganz natürliche Weise, indem er Dinge, die alle interessierten, hübsch zu erzählen wußte. Humboldt war außer sich. Mürrisch füllte er sich den Teller mit einem Haufen — so hoch — (der Kanzler zeigt es mit der Hand) von Gänseleberpastete, fettem Aal, Hummerschwanz oder anderen Unverdaulichkeiten — ein wahrer Berg! — es war erstaunlich, was der alte Mann essen konnte. — Als er nicht mehr konnte, ließ es ihm keine Ruhe mehr, und er machte einen Versuch, sich das Wort zu erobern. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl‹, fing er an. Aber es war nichts, der Erzähler ließ sich seinem Thema nicht abwendig machen und fuhr gelassen mit dem zweiten Kapitel der Geschichte, die er zum besten gab, fort. Humboldt sah sich mißmutig nach ihm um, hustete kurz und trocken und setzte noch einmal an. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über‹ — wieder drang er nicht durch, der Erzähler sprach ruhig weiter. ›Auf dem Gipfel des Popokatepetl, siebentausend Toisen über dem Niveau des Stillen Meeres‹ — er stieß es mit lauter, erregter Stimme hervor, halb wehmütig, halb zornig, die ersten Worte feierlich, die letzten hastig; jedoch gelang es ihm auch damit nicht; der Erzähler redete fort, wie vorher, und die Gesellschaft hörte nur auf ihn. — Das war unerhört — Frevel! Wütend setzte Humboldt sich nieder und versank in Betrachtungen über die Undankbarkeit der Menschheit, auch am Hofe. — Die Liberalen haben viel aus ihm gemacht, ihn zu ihren Leuten gezählt. Aber er war ein Mensch, dem Fürstengunst unentbehrlich war, und der sich nur wohl fühlte, wenn ihn die Sonne des Hofes beschien.«
Cerf
Einmal erzählte der Fürst auch von einer früher in Berlin sehr bekannten Persönlichkeit, dem alten Theaterdirektor Cerf; derselbe sei ein höchst merkwürdiger Herr gewesen, Geschriebenes habe er überhaupt nicht lesen können. Einmal sei ihm bei Tisch ein eiliger Brief übergeben worden, der sofort Antwort erheischt habe. Cerf habe sich die Aufschrift eine Weile besehen, daran wohl den Absender erkannt und dann den Brief seinem Nachbar mit der Bemerkung übergeben: »Aha, der ist ja von dem komischen Kerl, dem X.; ich kann seine Handschrift nicht lesen, sehen Sie doch mal nach, was er eigentlich von mir will.« Im Anschlusse hieran erzählte der Fürst folgende Anekdote von Cerf: Ein Tischgast habe im Hause von Cerf folgendes Rätsel aufgegeben: »Das erste ist unser Wirt, das zweite ist der Name unserer Wirtin und das Ganze steht auf dem Tisch.« Da sei Cerf doch indigniert gewesen, daß man an seiner eigenen Tafel derartige Rätsel aufgebe. Die Lösung sei ja ganz klar: »Assiette«. Seine Frau hieß nämlich Jette, und was da für ihn übrig bleibe (Aas), dafür müsse er sich doch bedanken. Infolge seiner mangelhaften orthographischen Kenntnisse war ihm das Fehlen des einen A ganz entgangen, worauf der Rätselaufgeber, der ungefähr ebenso stark in der Orthographie war, ganz entrüstet erklärte, er habe nicht Assiette, sondern Cerfiette (Serviette) gemeint.
Der dicke Daumer
Das war ein biederer Nassauer, der wegen seiner lächerlichen Todesfurcht bekannt war und von dem Bismarck ein niedliches Abenteuer aus der Frankfurter Zeit erzählte: »Mit diesem ›dicken Daumer‹ war ich eines schönen Herbstmorgens in der Nähe von Frankfurt auf der Jagd gewesen. Als wir uns am Rande des Waldes hoch im Gebirge zur Rast niedersetzten, entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß ich kein Frühstück mit hatte. Der ›dicke Daumer‹ dagegen zog eine mächtige ›Wurscht‹ hervor, die für mich allein gerade ausgereicht hätte, und von der er mir edelmütig die Hälfte offerierte. Das Mahl begann; ich sah das Ende meines Wurstteils herannahen. Ich hätte vor Wehmut frankfurterisch reden mögen. Da frage ich den ›dicken Daumer‹ von ungefähr: ›Ach, sage Sie mir, Herr Daumer, was is doch das Weiße da unne, was aus de Zwetschebaum herausschaut?‹ — ›Gott, Exzellenz, da möchte eim ja der Appetit vergehe — das is der Kirchhof.‹ — ›Aber, lieber Herr Daumer, da wollen wir uns doch beizeiten ein Plätzchen suchen, da muß sich’s wunderbar friedlich ruhen.‹ — ›Nu, Exzellenz, nu leg i awer die Wurscht weg!‹ Der ›dicke Daumer‹ blieb bei diesem Entschlusse, und ich hatte mein ordentliches Frühstück.«
Marsyas
Er habe, so äußerte Bismarck, niemals Apollo leiden können. Der hätte einen aus Einbildung und Neid geschunden, den Marsyas, und aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen. »Er ist der echte Typus eines Franzosen; ’s ist einer, der es nicht ertragen kann, daß jemand besser oder ebenso gut die Flöte spielt wie er.« Auch daß er es mit den Trojanern gehalten habe, hätte ihm nie zugesagt. Sein Mann wäre der ehrliche Vulkan gewesen, und noch besser hätte ihm wegen des Quos ego Neptun gefallen.

Der eiserne Junggesell, als Seitenstück zur berühmten »eisernen Jungfrau«. (»Kikeriki«, November 1870)
Die Geschichte vom Schieferdecker
Bismarck war beim König zu Gaste. Graf Beust, der Adjutant des Großherzogs von Weimar, gratulierte Bismarck zu seinem guten Verhältnis zu seinem Namensvetter, dem österreichischen Minister Grafen Beust. »Ja,« sagte Bismarck, »das ist ganz gut, aber mir fällt dabei immer die Geschichte vom Schieferdecker, der vom Turm fällt, ein. An jedem Stockwerk, an dem er vorüberfällt, sagt er: ›Na, bis daher ist es gut gegangen!‹«
Die Türklinke
Im Anschluß an die kleine Anekdote von Beust sei hier an Äußerungen erinnert, die dieser Staatsmann nach einem längeren Beisammensein mit Bismarck im Hotel Straubinger zu München erzählt und auf die auch Bismarck in Versailles wiederholt zurückkam: »Wenn man«, so erzählte Graf Beust, »mit Bismarck in guten Beziehungen steht, gibt es auf der Welt keinen besseren Gesellschafter. Die Originalität der Gedanken wird nur von der Originalität des Ausdrucks übertroffen. Dabei eine ungesuchte, daher ansprechende Bonhomie, welche das oft scharfe Urteil über andere mildert. Ein Lieblingswort war: ›Der ist ein ganz dummer Kerl‹, ohne ihn damit kränken zu wollen. Verschiedene seiner Äußerungen waren zu charakteristisch und teilweise zu interessant, um sie hier nicht zu erwähnen. ›Was tun Sie,‹ fragte er einmal, ›wenn Sie sich ärgern? Ich glaube, Sie ärgern sich nicht soviel wie ich.‹ — ›Nun,‹ erwiderte ich, ›bloß über die Dummheit der Menschen, über deren Bosheit nie.‹ — ›Nein,‹ fuhr er fort, ›finden Sie nicht, daß es dann eine große Erleichterung ist, einen Gegenstand zu zerstören?‹ — ›Wie gut,‹ entgegnete ich, ›daß Sie nicht an meinem Platz sind; dann bliebe im Hause kein Möbel ganz!‹ — ›Sehen Sie,‹ dies war der Schluß, ›ich war einmal drüben‹ — dabei wies er auf die mir gegenüber im Badschloß befindlichen Zimmer des Kaisers Wilhelm — ›und habe mich schwarz geärgert; ich schließe die Türe heftig, der Schlüssel bleibt mir in der Hand, ich trete bei Lehndorff ein und werfe ihn in das Waschbecken, das in tausend Stücke geht.‹ ›Mein Gott,‹ sagt dieser, ›sind Sie krank?‹ — ›Gewesen, jetzt bin ich wieder ganz wohl.‹«
Pferdefleisch
Als Paris umschlossen war und von dort die Nachrichten kamen, daß man dort bereits zum Pferde- und anderem Fleisch greifen müsse, fragte Bismarck bei Tisch, als der Braten kam: »Ist das du cheval?« Einer der Anwesenden antwortete, nein, es wäre Rind. Er sagte: »Es ist doch eigen, daß man kein Pferdefleisch ißt, wenn man nicht muß, wie die in Paris drinnen, die nun bald nichts anderes mehr haben werden. Es kommt wohl davon, daß uns das Pferd nähersteht als andere Tiere. Man ist als Reiter gleichsam eins mit ihm. Es ist uns auch an Verstand am nächsten. Mit dem Hunde ist’s ebenso. Du chien soll ganz gut schmecken, und doch essen wir es nicht. Je ähnlicher uns etwas ist, desto weniger mögen wir es. Es muß sehr ekelhaft sein, Affen zu essen, wo die Hände wie menschliche aussehen. Sonst ißt man von Tieren nicht gern Fleischfresser — Raubzeug, Wölfe, Löwen — nun ja, Bären, aber die leben doch weniger von Fleisch als von Pflanzen. Ich mag nicht einmal von einem Huhn essen, das mit Fleisch gefüttert ist — nicht einmal die Eier.«

»Möge euer unreines Blut unsere Fluren tränken.« (Franz. Spottblatt aus dem Jahre 1870)
Es ist selbstverständlich, daß gerade in einer Zeit, in der die französische Volksseele nicht nur durch die endlose Kette von Niederlagen ins Kochen geraten war, sondern auch im jungen republikanischen Selbstbewußtsein wild emporflammte, gegen ihn eine Fülle von Drohungen ausgestoßen, ihm fast täglich ein naher gewaltsamer Tod angekündigt wurde, daß andererseits sich der wild entflammte Haß in den bösartigsten Karikaturen zu entladen suchte. Zahlreiche Blätter sind längst vernichtet. Die französische Beschämung mochte selbst keinen Wert darauf legen, der Nachwelt diese Zeugen eines kleinlichen Fanatismus zu erhalten. Aber was wir aus diesen Bildern erkennen, das zeugt doch noch genügend von der damals Frankreich beherrschenden Stimmung, ob nun Bismarck als doppelzüngiger Jesuit dargestellt oder auf der Guillotine geköpft oder ob sein blutiges Haupt in einen Sumpf von Unrat gestoßen wird, ob man ihn kreuzigt oder an den Marterpfahl bindet. Bismarck hatte dafür selbst nur ein Lächeln. So hat er einmal sogar scherzend eines der Bilder nach Hause gesandt. Nachdem er von einer Spickgans berichtet, die er seinem jüngeren, mit Appetit begabten Sohne Bill mitgegeben, schreibt er der Gattin: »So sehe ich jetzt aus wie Anlage.« Nachstehend (S. 149) das immerhin noch harmlose Konterfei, das Frau Johanna wohl kaum zu sehr erschreckt haben dürfte.
Aber wie die gehässige Karikatur, wie die Todesdrohung sich über Bismarck ergoß, so suchte auch die Verleumdung an seiner Ehre zu zehren. Für lange Zeit hatte Bismarck im Hause der wohlhabenden Witwe Jessé Quartier genommen, die mit ihren Söhnen geflüchtet war und zum Schutze ihres Eigentums nur das Gärtnerpaar zurückgelassen hatte. Hier vollzog Bismarck die ungeheuere Arbeit, die sich für ihn aus den Kämpfen um das Bombardement, aus den Verhandlungen mit den deutschen Fürsten und Parlamenten über die Erhebung seines Königs zum Deutschen Kaiser, aus der Gefahr einer Einmischung des Auslandes und den Beratungen über den Frieden ergab. Bismarck hat das Eigentum der Madame Jessé natürlich auf das peinlichste geschont. Trotzdem konnte man im März 1871 in einem französischen Blatte folgende Niedertracht lesen:

Die Pendule der Madame Jessé
Über die wahrhaft schändliche Räuberei der Preußen vom gemeinen Soldaten an bis hinauf zum Kaiser-König, der aus seiner Wohnung in Versailles die Leuchter mitnahm, kann man unzählige Geschichten erzählen. Eine ziemlich merkwürdige, die wir aus glaubhafter Quelle haben, teilen wir im nachstehenden mit: Herr von Bismarck bewohnte in Versailles ein Haus in der Rue de Provence. Als der Kanzler abreisen wollte, machte er der Frau J., der Eigentümerin seiner Wohnung, einen Besuch und drückte ihr den lebhaften Wunsch aus, die Pendeluhr, welche sein Arbeitszimmer schmückte, mitnehmen zu dürfen. Frau J. schlägt es ihm rund ab, indem sie bemerkt, die Uhr sei ihr sehr wert und teuer, sie habe sie schon seit langer Zeit und wünsche sie ihren Kindern zu hinterlassen. Herr von Bismarck aber besteht darauf. »Es würde mir sehr lieb sein,« sagt er, »wenn ich diese Uhr mitnehmen könnte, welche die Stunde zeigte, in der ich mit Herrn Thiers diesen für mein Land so ruhmreichen Frieden verhandelte und unterzeichnete.« Frau J., die so in ihrem Besitztum und zugleich in ihrer Vaterlandsliebe bedroht ist, erteilt von neuem eine abschlägige Antwort. Herr von Bismarck zieht sich nach wiederholtem vergeblichem Bitten zurück. Bald darauf kommen zwei Beamte, die zu dem Gefolge des Kanzlers gehören, zu Frau J., machen ihr Vorwürfe, daß sie auf die Bitten ihres Herrn und Meisters nicht eingegangen sei, und erklären ihr, daß sie unrecht getan habe, ihn so zu reizen. Die Hausbesitzerin läßt sich dadurch nicht beirren. Nun denn, die Uhr hat sie behalten. Dagegen sind ihr alle ihre Wäsche und ihr Silberzeug von den Beamten im Gefolge des Kanzlers gestohlen worden.
Busch stellt diese Schauergeschichte in folgender Weise richtig:
Madame Jessé ließ sich erst in den letzten Tagen unserer Wiederabreise sehen und machte, wie bemerkt, keinen vorteilhaften Eindruck. Sie hat dann allerhand Räubergeschichten über uns verbreitet, die von der französischen Presse, und zwar selbst von solchen Blättern, die sonst Kritik üben und Gefühl für Anstand besitzen, mit Wohlgefallen nacherzählt worden sind. Unter anderem sollten wir ihr Silberzeug und ihre Tischwäsche eingepackt und mitgenommen haben. Auch habe ihr Graf Bismarck eine wertvolle Pendule abdrücken wollen. Die erste Behauptung war eine einfache Abgeschmacktheit, da das Haus kein Silberzeug enthielt, es müßte sich denn in einer vermauerten Ecke des Kellers befunden haben, die auf ausdrücklichen Befehl des Chefs ungeöffnet blieb. Die Geschichte von der Pendule aber verlief in ganz anderer Weise, als Madame sie unter die Leute gebracht hat. Die Uhr war die mit dem kleinen bronzenen Dämon im Salon. Die Jessé bot dieses an sich ziemlich wertlose Möbel dem Kanzler in der Voraussetzung, es werde ihm als Zeuge und Zeitmesser bei wichtigen Verhandlungen von Wert sein, zu einem exorbitanten Preise an. Ich glaube, sie verlangte fünftausend Franken dafür. Sie erreichte aber ihre Absicht, damit ein gutes Geschäft zu machen, nicht, da das Anerbieten der habgierigen und für die rücksichtsvolle Behandlung ihres Hauses durchaus nicht dankbaren Frau abgelehnt wurde. »Ich erinnere mich,« so erzählte der Minister später in Berlin, »daß ich dabei die Bemerkung machte, das koboldartige Bildchen an der Uhr, welches eine Grimasse schnitt, könnte ihr als Familienporträt ein liebes Besitztum sein, und eines solchen wollte ich sie nicht berauben.«
Die Schwierigkeiten, die dem Gedanken des Bombardements entgegentraten, hat Bismarck ebenso wie Roon mit tiefem Groll hauptsächlich auf die Haltung der Damen zurückgeführt. Nach seiner Überzeugung waren es eben nicht rein militärische Gesichtspunkte, aus denen die Generale außer Roon sich gegen das Bombardement erklärten. Denn die preußische Stellung zwischen der in Paris eingeschlossenen Armee und den französischen Streitkräften in der Provinz war stark bedroht, und das Bedürfnis, der Lage ein Ende zu machen, mußte auch in den Kreisen der Militärs vorhanden sein. Nach Bismarcks Meinung ist die Vorstellung, daß Paris, obwohl es befestigt und das stärkste Bollwerk der Gegner war, nicht wie jede andere Festung angegriffen werden dürfe, aus England auf dem Umwege über Berlin, zugleich mit der Phrase von dem »Mekka der Zivilisation« in das Lager gekommen. Der Königin Augusta, der Kronprinzessin und ihrer Mutter schob Bismarck einen großen Teil der Schuld zu, aber er wies auch darauf hin, daß die verstorbene Frau Moltkes, die Frau des Generalstabschefs von Blumenthal und des nächst ihm maßgebenden Generals von Gottberg sämtlich Engländerinnen waren.
Das Bombardement
Schon gegen Ende November äußerte Bismarck: »Gebe man mir den Oberbefehl auf vierundzwanzig Stunden, und ich nehme die Verantwortung auf mich. Ich würde dann bloß einen einzigen Befehl geben: Es wird gefeuert! Die Villa Coublay ist ein Ort, nicht weit von hier, wo der herbeigeschaffte Belagerungspark noch immer steht, statt in die Schanzen und Batterien gebracht zu sein. Auch habe ich bereits in einer Immediatvorstellung um Beschleunigung des Bombardements gebeten. ... Ich habe mit Artilleristen gesprochen, die sagen, bei Straßburg hätten sie nicht die Hälfte gebraucht von dem, was hier schon aufgehäuft ist, und Straßburg war gegen Paris ein Gibraltar. ... Sie haben dreihundert Kanonen beisammen,« so fuhr er fort, »und fünfzig oder sechzig Mörser und für jedes Geschütz fünfhundert Schuß. Das ist gewiß genug. ... Eine Kaserne auf dem Mont Valerien wäre vielleicht in Brand zu schießen, und wenn man die Forts Issy und Banvres gehörig mit Granaten überschüttete, daß sie herauslaufen müßten — die Enceinte ist von geringer Stärke, ihr Graben war sonst nicht breiter als dieses Zimmer lang ist —, ich bin überzeugt, wenn wir ihnen hier vier oder fünf Tage lang Granaten hineinwerfen in die Stadt selber und sie gewahr werden, daß wir weiter schießen als sie — neuntausend Schritt nämlich —, so werden sie in Paris klein beigeben. Freilich liegen auf dieser Seite die vornehmeren Quartiere, und da ist es denen in Belleville ganz einerlei, ob die zusammengeschossen werden, ja, sie freuen sich darüber, wenn wir die Häuser der reichen Leute zerstören. ... Wir hätten überhaupt wohl Paris liegen lassen und weitergehen können; nun wir’s aber einmal angefangen haben, sollte auch Ernst gemacht werden. Mit dem Aushungern kann es noch lange dauern, vielleicht bis zum Frühjahr, jedenfalls haben sie Mehl bis zum Januar. ... Hätten wir vor vier Wochen angefangen zu bombardieren, so wären wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach in Paris, und das ist die Hauptsache. So aber bilden die Pariser sich ein, es ist uns von London, Petersburg und Wien verboten zu schießen, und die Neutralen wieder glauben, daß wir’s nicht können. Die wahren Ursachen aber werden wohl einmal bekannt werden.«
Ob nicht in jenen Tagen der Stoßseufzer, den er einst in Frankfurt ausstieß, ihm oft über die Lippen kam: »Ja, wenn man so über das Ganze disponieren könnte! Ja, wenn man selbst beschließen und befehlen könnte!« Auch in Versailles klagte er wohl: »Ach, ich dachte eben wieder einmal, was ich oft schon gedacht habe: wenn ich doch nur einmal die Gewalt hätte, zu sagen: So wird es, und so wird es nicht! Daß man nicht zu beweisen und zu betteln hätte bei den einfachsten Dingen! Das ging doch viel rascher bei Leuten wie Friedrich dem Großen, die selber Militärs waren und zugleich was vom Gange der Verwaltung verstanden und ihre eigenen Minister waren. Auch mit Napoleon. Aber hier! Dieses ewige Reden- und Bettelnmüssen. Ja, wenn man Landgraf wäre! Das Hartsein traue ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht!«
Hier ist in der Tat die Tragik eines Mannes gegeben, der zum Herrscher berufen war und doch nicht Herrscher sein durfte, der abhängig blieb vom Willen eines anderen und nie die Macht empfing, in letzter Instanz zu entscheiden. Und diese Tragik stieg zur letzten und steilsten Höhe am Tage der Entlassung empor.

Merkwürdige Friedensflöte des Deutschen Kaisers. (»Kikeriki«, November 1874)
Selbst dann, als Bismarck die Sehnsucht der Nation erfüllen wollte, als er mit eisernem Hammer an das Tor des Kyffhäuser schlug, damit es sich öffne und die alte Kaiserherrlichkeit wieder erstehe, hat er nicht nur in mühsamen Verhandlungen mit den Fürsten der Macht des künftigen Kaisers Ausdehnung und Grenze bestimmen müssen, sondern er hatte den schwersten Kampf mit König Wilhelm selbst zu führen, der den Untergang oder doch das Versinken Preußens von dem Erstehen des Reiches besorgte.
Am schwersten von den deutschen Fürsten entschloß sich König Ludwig von Bayern dazu, einem »gleichgestellten« Monarchen einen Teil der ererbten Rechte preiszugeben. Als es hier dem Kanzler gelang, mit der Sendung des Grafen Holnstein den Widerstand des Königs zu brechen, da wußte er, daß die Form des künftigen Reiches wohl noch manche Gebrechen zeigen, aber dennoch fest genug gefugt sein werde, um allen Stürmen zu trotzen.
Aber fast härter noch war der Kampf, den der Staatsmann mit dem Altpreußentum zu führen hatte, wie es auch in König Wilhelm verkörpert war, im Gegensatz allerdings zum Kronprinzen Friedrich Wilhelm, der weit über Bismarcks Wünsche hinausging und mit der Kaiserwürde zugleich die höhere Gewalt gegenüber dem Fürsten ersehnte, wie sie einst von den Unitariern der Paulskirche erträumt sein mochte. Bismarck sah in der Annahme des Kaisertitels durch seinen König ein politisches Bedürfnis, ein werbendes Element für die Zentralisation; er wußte aber auch, daß ihr Träger das gefährliche Bestreben vermeiden mußte, den anderen Dynastien die Überlegenheit der eigenen Dynastie unter die Augen zu rücken. Von solcher Neigung war König Wilhelm nicht frei, und sein Widerstreben gegen den Titel war nicht ohne Zusammenhang mit dem Bedürfnis, gerade das angestammte Ansehen des preußischen Königtums mehr als das des Kaisertitels zur Anerkennung zu bringen. Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war und den Großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte er: »Was soll mir der Charakter-Major?«, worauf der Kanzler erwiderte: »Euere Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum bleiben, das Präsidium? In dem Ausdruck Präsidium liegt eine Abstraktion, in dem Worte Kaiser eine große Schwungkraft.« Dem Könige schien es eben, als ob ein mit der Führung eines Regimentes beauftragter Offizier definitiv zum Kommandeur ernannt würde; für sein dynastisches Gefühl war es schmeichelhafter, gerade als geborener König von Preußen und nicht als erwählter und »durch ein Verfassungsgesetz hergestellter Kaiser« die betreffende Macht auszuüben, analog wie ein prinzlicher Regimentskommandeur es vorzieht, nicht Herr Oberst, sondern Königliche Hoheit genannt zu werden, und der gräfliche Leutnant nicht Herr Leutnant, sondern Herr Graf.
Die letzte und größte Schwierigkeit in der Haltung des Königs Wilhelm bot noch im letzten Moment die Formulierung des Titels. Denn König Wilhelm wollte, wenn er schon Kaiser hieß, Kaiser von Deutschland heißen. Noch in der Schlußberatung am 17. Januar 1871 lehnte er die Bezeichnung Deutscher Kaiser ab und erklärte, er wolle Kaiser von Deutschland oder gar nicht Kaiser sein. Die Erörterung der Titelfrage kam zu keinem klaren Abschluß. Trotzdem hielt sich Bismarck doch für berechtigt, die Zeremonie der Kaiserproklamation anzuberaumen, obwohl der König befahl, daß nicht von dem Deutschen Kaiser, sondern von dem Kaiser von Deutschland die Rede sei. Als der Großherzog von Baden später im Krönungssaale das Wort ergriff, da wich er dadurch aus, daß er ein Hoch weder auf den Deutschen Kaiser, noch auf den Kaiser von Deutschland, sondern auf »Kaiser Wilhelm« ausbrachte.
In Ungnade
Bismarck schließt die Darstellung seiner Kämpfe um die Krone mit den Worten: »Seine Majestät hatte mir diesen Verlauf so übel genommen, daß er beim Herabtreten von dem erhöhten Stande der Fürsten mich, der ich allein auf dem freien Platze davor stand, ignorierte, an mir vorüberging, um den hinter mir stehenden Generalen die Hand zu bieten, und in dieser Haltung mehrere Tage verharrte, bis allmählich die gegenseitigen Beziehungen wieder in das alte Geleise kamen.« — Nüchtern und ruhig erzählt Busch am Abend dieses glorreichen Tages: »Zwischen zwölf und halb zwei Uhr im großen Saale des Schlosses Ordensfest und Proklamierung des Deutschen Reichs und Kaisers unter militärischem Gepränge. Soll ein sehr stattliches und feierliches Schauspiel gewesen sein. Bei Tische fehlte der Chef, der beim Kaiser zum Diner war. Abends wurde ich zweimal zu ihm gerufen, um Aufträge zu erhalten. Er sprach dabei mit ungewöhnlich schwacher Stimme und sah ermüdet und abgespannt aus.«
Am Mittag desselben Tages war Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt worden. Der Kaiser hatte diese Ernennung in eigentümlicher Weise vollzogen. Er pflegte nämlich die Briefumschläge, in denen die Minister ihm dienstliche Mitteilungen sandten, in seiner sparsamen Art zu benutzen, indem er die Aufschrift nur durch Umstellung der Worte »an« und »von« änderte. Bismarck hatte ihm die auf die Ereignisse des Tages bezüglichen Papiere in einem Umschlag gesandt, der die Aufschrift trug: »An des Kaisers Majestät vom Bundeskanzler.« Der Kaiser sandte sie ihm zurück, indem er die Aufschrift dahin abänderte: »Von des Kaisers Majestät an den Reichskanzler.« Dieser Titel war Bismarck schon tags zuvor in den Beratungen über die neuen Titulaturen zugeteilt worden, und da hatte er mit seiner gewohnten Offenheit geäußert: »Eine mit dem Grafen Beust gleichnamige Bezeichnung sei ihm höchst widerwärtig; er käme dadurch in eine zu schlechte Gesellschaft.«
Es liegt ein tragisches Moment in der Darstellung, die Bismarck gibt: In dem Augenblick, da durch ihn das Ziel erreicht war, das von dem deutschen Volke durch lange Jahrhunderte ersehnt und erträumt war, als seine Kraft und Weisheit, als die Treue des Lehnsmannes dem Lehnsherrn eine Krone zum Geschenk gab, als sein Herz von dem Frohgefühl eines Mannes erfüllt war, der nach mühsamer Arbeit die Ernte heimbringt, in diesem Augenblick, da alle froh waren und dennoch sein König ihn »ignorierte«, fühlte er nur das, was seine Grabschrift sagt: Er blieb ein treuer deutscher Diener seines alten Königs.
Am 23. Januar erschien Jules Favre bei Bismarck, um mit ihm über die Kapitulation von Paris und den Friedensschluß in Unterhandlung zu treten. Bismarck war hierzu bereit. Noch um elf Uhr abends begab er sich zum König, die nötigen Vollmachten zu erhalten.

Am 25. Gründungstage des Reiches.
(»Jugend«, 18. Januar 1896)
Halali
Als Bismarck vom König zurückkehrte, sah er ungemein vergnügt aus, ließ sich eine Tasse Tee einschenken und aß ein paar Bissen trockenes Brot dazu. Nach einer Weile fragte er seinen Vetter Bismarck-Bohlen, der anwesend war, indem er eine kurze Melodie pfiff: »Kennst du das?« Bohlen antwortete: »Ja, gute Jagd.« Hierauf der Kanzler: »Nein, das geht so«, worauf er eine andere Weise pfeift. »Es war das Halali«, sagte er dann. »Ich denke, die Sache ist gemacht.« Bohlen meinte dann, Favre habe »recht ruppig« ausgesehen. Der Kanzler erwiderte: »Ich finde, daß er viel grauer geworden ist als in Ferrières — auch dicker, vermutlich vom Pferdefleisch. Sonst aber sieht er aus wie einer, der in der letzten Zeit viel Verdruß und Aufregung erlebt hat, und dem jetzt alles wurscht ist. Übrigens war er sehr aufrichtig und gestand zu, daß es schlecht gehe drinnen.«
Am nächsten Tage wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Hierbei ereignete sich folgende Episode:
Und noch eine Zigarre
Nach dem Mittagessen bot Bismarck auf einer Untertasse Havannazigarren an. Favre erklärte, er rauche nie. Bismarck entgegnete: »Sie haben unrecht. Die Zigarre ist eine Ablenkung; der blaue Rauch, der in Ringeln aufsteigt, erfreut uns, stimmt uns versöhnlicher, man ist glücklich, das Auge ist gefesselt, die Hand ist beschäftigt, der Geruchssinn befriedigt. Man ist geneigt, sich Zugeständnisse zu machen. Und unser, der Diplomaten, ganzes Geschäft besteht ja darin, sich fortwährend gegenseitig Zugeständnisse zu machen. Wenn Sie nicht rauchen, haben Sie vor mir einen Vorteil: Sie sind geweckter; Sie haben aber auch einen Nachteil vor mir: Sie sind geneigter aufzubrausen und der ersten Bewegung nachzugeben.« Nach diesen Worten kam die Rede auf Garibaldi und dessen bei Dijon stehende Armee. Mit blitzenden, zornfunkelnden Augen verlangte Bismarck, ihm »den da und seine Armee zu überlassen. Er ist keiner der Ihrigen. Möge er sich gegen unsere Truppen allein herauswickeln.« Favre rief, das sei unmöglich. Man habe Garibaldis freiwillig angebotene Dienste anfangs abgelehnt, aber nachdem er nun einmal zum französischen General ernannt und in die Falten der dreifarbigen Fahne aufgenommen sei, könne man ihn nicht im Stiche lassen. Bismarck wurde erregter. Er legte die Zigarre weg, schlug mit dem Zeigefinger auf den Tisch und rief: »Und ich muß ihn doch haben, denn ich will ihn in Berlin umherführen lassen mit der Inschrift auf dem Rücken: Das ist die Dankbarkeit Italiens. Wie! Nach allem, was wir für diese Leute getan haben. Es ist unanständig!« Da reichte Graf d’Hérisson, Favres Begleiter, dem Zürnenden, mit halb lächelndem, halb bittendem Ausdruck, die Untertasse mit den zwei übrigen Zigarren hin. Einige Augenblicke sah Bismarck erstaunt auf diese Bewegung. Dann verstand er, was der Graf meinte. Die Zornesflamme erlosch in seinem Auge. »Sie haben recht, Herr Hauptmann,« sagte er, »es ist überflüssig, sich zu ärgern. Das führt zu nichts — im Gegenteil!« Bekanntlich wurde dann der südöstliche Kriegsschauplatz, also die Armee Garibaldis und Bourbakis, in der Tat vom Waffenstillstand ausgenommen, wenigstens bis zum 1. Februar, wo sich ihr Schicksal bereits entschieden hatte.

Jules Favre: »Da soll man Friedensverhandlungen pflegen! Wo soll ich den Mann nur anfassen!« (»Figaro«, Sept. 1870)
Wurscht
In diesen Tagen kam die Unterhaltung einmal auf eine Erörterung über die Titulaturen »Deutscher Kaiser« und »Kaiser von Deutschland«, und auch die Möglichkeit eines »Kaisers der Deutschen« wurde erwähnt. Als ein Weilchen darüber verhandelt worden war, fragte der Minister, der bisher zu der Debatte geschwiegen: »Weiß einer von den Herren, was auf Lateinisch Wurscht heißt?« — »Farcimentum,« erwiderte Abeken. — »Farcimen,« sagte ein Anwesender, worauf Bismarck lächelnd bemerkte: »Farcimentum oder farcimen, einerlei. Nescio quid mihi magis farcimentum esset.«
Am 26. Januar gelangten die Verhandlungen zu dem vorläufigen Ergebnis, daß die Beschießung von Paris auf sechs Stunden eingestellt wurde. Zwei Tage darauf wurden die Bedingungen des Waffenstillstandes festgestellt und unterschrieben. Die Proteste Gambettas blieben ohne Wirkung: Thiers, der in sechsundzwanzig Departements gewählt worden war, wurde zum Haupte der vollziehenden Gewalt der französischen Republik ernannt. Am 21. Februar kam er nach Versailles, wo er als endgültige Friedensbedingungen die Abtretung des Elsaß, der Stadt und Festung Metz und eines beträchtlichen Teils von Lothringen und die Bezahlung von fünf Milliarden erfuhr. Einer der Teilnehmer an diesen Verhandlungen, der badische Staatsminister Jolly, hat darüber berichtet. Kürzer aber und doch mit packenden Farben schildert der Kanzler selbst das große Ereignis in einigen nach Hause gerichteten Zeilen:

Selbsterhaltung
»Man muß der Bestie die Krallen abschneiden, damit man künftig Ruhe vor ihr hat.«
(»Kladderadatsch«, September 1870)
Thiers
»Mein kleiner Freund Thiers ist sehr geistreich und liebenswürdig, aber kein Geschäftsmann für mündliche Unterhandlungen. Der Gedankenschaum quillt aus ihm unaufhaltsam wie aus einer geöffneten Flasche und ermüdet die Geduld, weil er hindert, zu dem trinkbaren Stoffe zu gelangen, auf den es ankommt. Dabei ist er ein braver kleiner Kerl, weißhaarig, achtbar und liebenswürdig, gute altfranzösische Formen, und es wurde mir sehr schwer, so hart gegen ihn zu sein, wie ich mußte. Das wußten die Bösewichter, und deshalb hatten sie ihn vorgeschoben. Gestern haben wir endlich unterzeichnet, mehr erreicht, als ich für meine persönliche politische Berechnung nützlich halte. Aber ich muß nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen. Wir nehmen Elsaß und Deutsch-Lothringen, dazu auch Metz mit sehr unverdaulichen Elementen, und über 1300 Millionen Taler. Die letzte Schwierigkeit wird nun sein, diese Bedingungen in Bordeaux durch die 700 Köpfe starke Versammlung zu bringen. Aber Gott hat uns mit seiner starken Hand soweit geführt; er wird uns ja auch den Frieden fest machen, für den neben vielem Gesindel in Frankreich so viele ehrliche Leute bei uns und auch bei den Gegnern gefallen, verkrüppelt und in Trauer sind. Mein Herz ist voll demütigen Dankes, und ich hoffe, mit Deinen beiden blauen Jungen bald bei Dir zu sein, in etwa vierzehn Tagen. Gott behüte Dich und gebe uns schnelles Wiedersehen. Wegen Einzug nicht mehr Gefahr als überall im Leben unter Gottes Obhut. Herzliche Grüße vor allem an Marie und an Deine treue Trösterin Frau von Eisendecher. Dein v. B.«
Aus Jollys Bericht noch einzelne Züge:
Er ist doch ein eminenter Mensch
»Bismarck«, so erzählt der badische Staatsmann, »war geradezu bezaubernd, von großartiger Liebenswürdigkeit und liebenswürdiger Größe. Wenn Thiers sich zu sehr in langen Klageliedern erging, ohne bestimmte Gegenvorschläge zu machen, kam zu rechter Zeit ein seufzendes Stöhnen über die unerträglichen nervösen Schmerzen, die ihn fürchten ließen, die Verhandlungen nicht fortführen zu können; oder auch einmal in verbindlichster Form ein scharfer Sarkasmus, z. B.: Ich würde mich im Vertrauen auf Herrn Thiers gerne mit geringeren Garantien begnügen, wenn er erblicher König von Frankreich wäre; oder: Herr Thiers ist durch seine Beredsamkeit verwöhnt, durch welche er stundenlang große Versammlungen fesseln kann; wir werden aber, wenn wir uns nicht einigen, in dreißig Stunden wieder schießen, und dergleichen mehr. Wirklich imponierend war aber der Hüne zwei-, dreimal, wenn er vollkommen chevaleresk und ohne jegliche persönliche Härte, um zum Abschluß zu kommen, erklärte, nicht der Sieger, sondern der Besiegte hat nachzugeben. Er ist doch ein ganz eminenter Mensch, der trotz manchem wunderlich Bizarren doch als echtes Genie bei aller Kraft innerlich maßvoll ist.«
Exzellenz, ich bin geneigt
Zu den Beratungen war auch Baron Rothschild hinzugezogen. Die Szene im Versammlungssaal, so schreibt weiter Jolly, ist das Grandioseste, was die Phantasie eines Dichters ersinnen, der Pinsel des genialsten Meisters darstellen könnte. Letzterer müßte sich als Mittelpunkt den Augenblick wählen, wie Rothschild, ein kleines, schmächtiges Männchen, mit schlotternden Knien vor dem etwas geneigten Bismarck steht, der, ärgerlich, daß die Sache nicht fertig wird, mit lauter Stimme und trotz Hexenschuß hoch aufgerichtet erklärt: »Wenn der Herr Baron keine Neigung hat, die gewünschten Vorschläge zu machen, müssen wir sehen, wie wir sonst fertig werden.« Stammelnde Antwort: »Exzellenz, ich bin geneigt.« Mein bayrischer Kollege war sehr ängstlich, die Sache konnte scheitern; die wildesten Borussen fingen an zu hoffen, sie werde scheitern. Das deutsche Lager fühlte sich sicher, das herrliche Ziel werde morgen erreicht sein, trotz der letzten schmerzlichen Zuckungen des machtlosen Gegners; die Franzosen wahrten mühsam die Fassung. Gebe Gott, daß nie ein deutscher Staatsmann ähnliches zu erleben habe.

Der Schlaf des Gerechten
»Träume was Süßes von Kissen umhüllt, von seidenen Kissen mit Urlaub gefüllt!«
(»Frankf. Laterne«, Juni 1875)
Peut être
Als Thiers noch am Schluß eine abweichende Fassung des Vertrages vorschlug, kam es zu einem eigenartigen Dialog. Bismarck: »Sie zerpflücken mir ja wieder die deutsche Einheit.« Thiers: »Ah, c’est nous qui l’avons faite!« (»Wir haben sie ja gerade gemacht!«) Bismarck achselzuckend: »Peut être.« So wurde der glorreichste Vertrag, den Deutschland geschlossen, unterzeichnet. Die Franzosen eilten sofort weg, Thiers, den Bismarck beim Weggehen wegen aller ungern ihm bereiteten Qualen verbindlichst um Entschuldigung bat, in erbittertem Ungestüm, Favre in stillem Schmerz.
Am 1. März fand der Einzug der deutschen Truppen in Paris statt.
Bismarcks Einzug in Paris
Über die etwas bestrittene Frage berichtet Graf Fred Frankenberg: »Mit dem sechsten (schlesischen) Armeekorps hielt ich meinen Einzug in Paris durch die Grande Avenue de Neuilly oder de la grande armée. Plötzlich kam Graf Bismarck in gelber Kürassieruniform angetrabt. Als er mich freundlich grüßte, konnte ich es mir nicht versagen, dem Manne, den ich über alles verehre, zu sagen: ›Exzellenz, am Abend von Königgrätz haben Sie mir die Rechte geschüttelt, lassen Sie mich in dem Tore von Paris auch wieder Ihre Hand drücken!‹ Der Kanzler antwortete kein Wort, aber er preßte meine Hand so kräftig zwischen seine mächtigen Finger, daß ich seine innere Erregung sehr deutlich und fast schmerzlich verspürte. Am Rande des Weges stand gedrängt französisches Gesindel. Bismarck ritt dicht an dieser Bande entlang, und ich bemerkte, daß er sehr wohl erkannt wurde. ›Voilà Bismarck, c’est lui!‹ schrie manche Stimme, und ich sah viele Blusenmänner, die, so rasch es anging, voranliefen, um den gehaßten Gegner nochmals vorbeireiten zu sehen. Mir wurde bange um ihn. Ich drängte mein Pferd möglichst zwischen ihn und die Menge und paßte genau auf, ob nicht ein Revolver oder Dolch blitzen werde. Am Arc de Triomphe wurde das Gedränge immer ärger, so daß wir zum Stillhalten kamen. Da wendete Bismarck in eine Nebenstraße ein, seine Herren begleiteten ihn, und als ich ihn in der Richtung nach Versailles zu unbehelligt forttraben sah, wandte ich mich zurück und durchritt den ganzen Raum der Elysäischen Felder, welcher allein den deutschen Heeren eingeräumt worden war.«
An demselben Tage wurde von der französischen Nationalversammlung der Vorfrieden mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Der Kaiser meldete der Gemahlin das Ereignis und fügte hinzu: »Der Herr der Heerscharen hat überall unsere Unternehmungen sichtlich gesegnet und daher diesen ehrenvollen Frieden in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei die Ehre! Der Armee und dem Vaterlande mit tief erregtem Herzen meinen Dank.«

»Ein Wanderbursch’, mit dem Stab in der Hand, kehrt wieder heim aus fremdem Land!« (»Humoristische Blätter«, November 1873)
So konnte Bismarck sich zur Heimreise rüsten. Am 6. März verließ er Versailles, um sich mit den Seinigen zu vereinen. An jedem Haltepunkte wurden ihm stürmische Ovationen dargebracht, und am 9. März frühmorgens durfte er mit den Worten: »Da habt Ihr Euren Ollen wieder« Frau und Tochter auf dem Berliner Bahnhof begrüßen. Am 17. März traf Kaiser Wilhelm in Berlin ein, und Bismarck konnte mit ihm, mit Roon und Moltke an dem Jubel teilnehmen, mit dem die Hauptstadt des neuen Reiches den ersten Kaiser begrüßte. Am 21. März, am Tage der Reichstagseröffnung, wurde Bismarck zum Fürsten ernannt.
Aber er war der neuen Gnade nicht recht froh:
Fürst
»Als mir ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers«, so erzählt er, »die Erhebung in den Fürstenstand anzeigte, war ich entschlossen, Seine Majestät um Verzicht auf seine Absicht zu bitten, weil diese Standeserhöhung in die Basis meines Vermögens und in meine ganzen Lebensverhältnisse eine mir unsympathische Änderung bringe. So gern ich mir meine Söhne als bequem situierte Landedelleute dachte, so unwillkommen war mir der Gedanke an Fürsten mit unzulänglichem Einkommen nach dem Beispiel von Hardenberg und Blücher, deren Söhne die Erbschaft des Titels nicht antraten — der Blüchersche wurde Jahrzehnte später (1861) erst infolge einer reichen und katholischen Heirat erneuert. In Erwägung aller Gründe gegen eine Standeserhöhung, die ganz außerhalb des Bereichs meines Ehrgeizes lag, langte ich auf den oberen Stufen der Schloßtreppe an und fand dort zu meiner Überraschung den Kaiser an der Spitze der königlichen Familie, der mich herzlich und mit Tränen in seine Arme schloß, indem er mich als Fürsten begrüßte und seine Freude, mir diese Auszeichnung gewähren zu können, laut äußerte. Demgegenüber und unter den lebhaften Glückwünschen der königlichen Familie blieb mir keine Möglichkeit, meine Bedenken anzubringen. Das Gefühl, daß man als Graf wohlhabend sein kann, ohne unangenehm aufzufallen, als Fürst aber, wenn man letzteres vermeiden will, reich sein muß, hat mich seitdem nie wieder verlassen.«
Der Sachsenwald
Kaiser Wilhelm hatte die Sorgen und Bedenken seines treuen Dieners verstanden. Nur wenige Wochen vergingen, und der Kanzler empfing folgenden Erlaß seines alten Herrn: »Ich habe Mich veranlaßt gefunden, den zu dem Domänium des Herzogtums Lauenburg gehörigen Grundbesitz im Amte Schwarzenbeck, welcher Mir zum freien und unbeschränkten Eigentum durch den mit der Ritter- und Landschaft des Herzogtums unterm 19. d. M., von Mir am 21. d. M. genehmigten Rezeß überlassen worden ist, mit allen daraus sich ergebenden Privatrechten und Verbindlichkeiten dem Kanzler des Deutschen Reiches, Fürsten von Bismarck, in Anerkennung seiner Verdienste als eine Dotation zum Eigentum zu übereignen.«
So hat Bismarck ein neues Heim gefunden, die Stätte, die jetzt schon von tiefer Poesie umwoben ist, die durch alle Zeiten der Wallfahrtsort treuer Männer bleiben wird, die Stätte, wo ihm die Abendsonne des Lebens geleuchtet hat und wo sein Sterbliches im Schatten der Buchen und Eichen seinen Ruheplatz fand.

»Fest wie der Erde Grund Gegen des Unglücks Macht Steht mir des Hauses Pracht!« (»Der Floh«, November 1888)