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Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote

Abendsonne

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Als Kaiser Wilhelm geschieden war, hat die ganze Schar der Gegner des Kanzlers, haben vor allem die Vertreter des Liberalismus, die in dem neuen Herrn einen Freund ihrer Weltanschauung und in der Kaiserin Friedrich eine erbitterte Feindin seiner Politik zu erkennen vermeinten, mit Sicherheit auf seinen Sturz gerechnet. Und obwohl der todestraurige Anblick des sterbenden Mannes, der jetzt die Kaiserkrone trug, den Gottesfrieden gebieten sollte, ist doch gerade die Zeit der neunundneunzig Tage überaus reich an Intrigen aller Art, an Feindseligkeiten gegen den großen Staatsmann gewesen.

Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto,
Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto,

Friedrich: »Na, sagen Sie mal, Otto, warum wollen Sie denn eigentlich das Geschäft verlassen?« Otto: »Es kommt mich da mit eenmal zu viel Weiblichkeit in die Firma.«

Es handelt sich um die Zeit der Battenbergschen Hochzeit. Prinzeß Viktoria sollte Herrin von Bulgarien werden. Bismarck widerstrebte energisch dem Plane in hartem Kampfe gegen die herbeigeeilte Königin Viktoria von England und die Kaiserin Viktoria, ihre Tochter. (»Figaro«, April 1888)

Sie haben sich geirrt. Kaiser Friedrich hat festgehalten an dem treuen Diener seines Vaters, so eifrige Einflüsse auch sich auf ihn geltend machten, und so zweifelhafte Elemente ihn umdrängten. Schon aus San Remo hat der neue Herrscher an den ersten Beamten des Reiches telegraphiert: »Ich rechne auf Ihren Beistand bei der schweren Aufgabe, die mir wird.« Fürst Bismarck fuhr dem Kaiser in Begleitung seines Sohnes bis nach Leipzig entgegen. Dort begrüßte er ihn, wurde vom Kaiser umarmt und wiederholt geküßt, und in seinem Salonwagen fuhr er mit ihm nach Berlin. In einem Erlaß vom nächsten Tage an den Kanzler stellte dann der Kaiser die Gesichtspunkte auf, nach denen er seine Regierung zu führen gedachte. Dieser Erlaß begann mit den Worten: »Mein lieber Fürst! Bei dem Antritt Meiner Regierung ist es Mir ein Bedürfnis, Mich an Sie, den langjährigen vielbewährten ersten Diener Meines in Gott ruhenden Vaters, zu wenden. Sie sind der treue und mutvolle Ratgeber gewesen, der den Zielen seiner Politik die Form gegeben und deren erfolgreiche Durchführung gesichert hat. Ihnen bin Ich und bleibt Mein Haus zu warmem Danke verpflichtet. Sie haben daher ein Recht, vor allem zu wissen, welches die Gesichtspunkte sind, die für die Haltung Meiner Regierung maßgebend sein sollen.« Wort für Wort konnte Fürst Bismarck das Programm des neuen Herrschers unterschreiben.

So blieb er zur bitteren Enttäuschung seiner Gegner im Amte, noch weit hinaus über den Tag, der dem zweiten Kaiser des neuen Reiches das Auge brach. Und noch bitterer war die Enttäuschung, als auch der künftige Erbe der Krone, Kronprinz Wilhelm, in seiner berühmten Rede zum 73. Geburtstage des Kanzlers sich begeistert zu ihm als dem Fahnenträger der Nation bekannte:

Der Fahnenträger der Nation

»Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie 27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen, so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran. Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor. Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze denselben und Eure Durchlaucht!«

Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne begraben,
Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne begraben,

Bismarck: »Habe schon so viele Minister­portefeuilles mit Wonne begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.«

Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel.

(»Hum. Blätter«, 17. Juni 1888)

Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben. Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen.

Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch erschienen.
Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch erschienen.

Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)

Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an; die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten. Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei, als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen Reiches.

Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten. Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte, für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten vorbeigeht!«

Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen:

Kein Gedanke daran

»Als der Gesundheitszustand Wilhelms I. im Jahre 1885 Anlaß zu ernsten Besorgnissen gab, berief der Kronprinz mich nach Potsdam und fragte, ob ich im Falle eines Thronwechsels im Dienst bleiben würde. Ich erklärte mich dazu unter zwei Bedingungen bereit: keine Parlamentsregierung und keine auswärtigen Einflüsse in der Politik. Der Kronprinz erwiderte mit einer entsprechenden Handbewegung: ›Kein Gedanke daran!‹ Bei seiner Frau Gemahlin konnte ich nicht dasselbe Wohlwollen für mich voraussetzen; ihre natürliche und angeborene Sympathie für ihre Heimat hatte sich von Hause aus gekennzeichnet in dem Bestreben, das Gewicht des preußisch-deutschen Einflusses in europäischen Gruppierungen in die Wagschale ihres Vaterlandes, als welches sie England zu betrachten niemals aufgehört hat, hinüberzuschieben und im Bewußtsein der Interessenverschiedenheit der beiden asiatischen Hauptmächte, England und Rußland, bei eintretendem Bruche die deutsche Macht im Sinne Englands verwendet zu sehen. Dieser auf der Verschiedenheit der Nationalität beruhende Dissens hat in der orientalischen Frage, mit Einschluß der Battenbergischen, manche Erörterung zwischen Ihrer Kaiserlichen Hoheit und mir veranlaßt. Ihr Einfluß auf ihren Gemahl war zu allen Zeiten groß und wurde stärker mit den Jahren, um zu kulminieren in der Zeit, wo er Kaiser war. Aber auch bei ihr bestand die Überzeugung, daß meine Beibehaltung bei dem Thronwechsel im Interesse der Dynastie liege.«

Zu dem Verfasser hat Fürst Bismarck sich über das Kaiserpaar mehrfach geäußert:

Geffckens Veröffentlichungen
Geffckens Veröffentlichungen

Geffckens Veröffentlichungen aus dem Tagebuch Kaiser Friedrichs als Steinwurf gegen Bismarcks Haupt. (»La Charge«, 7. Oktober 1888)

Das Kaiserpaar

»Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben, wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau, aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von ›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten, hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel. Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.«

Aus Geffckens Tagen
Aus Geffckens Tagen

Aus Geffckens Tagen. (»Punch«, 16. Februar 1889)

Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt er die Entlassung.

Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem, mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des geliebten Herrschers.«

Der dritte Kaiser, Wilhelm II., Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte.

Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll, um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen, den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies.

Duldsamkeit
Duldsamkeit

Duldsamkeit

Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)

Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient, sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat: Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat.

Der Teufel macht sich zum Einsiedler.
Der Teufel macht sich zum Einsiedler.

Der Teufel macht sich zum Einsiedler. (»Le Don Quichotte«, 29. März 1890)

Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen, so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz, zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug.

Der Kanzler in Friedrichsruh
Der Kanzler in Friedrichsruh

Der Kanzler in Friedrichsruh. Er klebt ein Plakat an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige Blätter«, 30. August 1888)

Ehrendoktor der Theologie

In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde, war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht, daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not, die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22. November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam für die Meinung anderer.«

Bismarck im »Arabic Punch«
Bismarck im »Arabic Punch«

Bismarck im »Arabic Punch«

Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr, welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott, daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.«

Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen, sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde.

Bismarck und der Tod
Bismarck und der Tod

Bismarck und der Tod

»Scher dich zum Teufel!«

»Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)

Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon, als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn, sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter erkor.

Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen.

Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte, zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden.

Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen Mondfinsternis
Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen Mondfinsternis

Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen Mondfinsternis

Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)

Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze: Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften. Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas, Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann, nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte: »Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits unterrichtet sein mußte.«

Stille Betrachtung
Stille Betrachtung

Stille Betrachtung

»Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben. Soll man da nicht ärgerlich sein?«

Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«, 15. Juni 1889)

Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung.
Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung.

»Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung. Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)

Der Dreibund
Der Dreibund

Der Dreibund

Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)

Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde; Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall, daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt.

Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-, sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen, strich jedoch die geplante Verschärfung.

Die besorgte Erzieherin
Die besorgte Erzieherin

Die besorgte Erzieherin

Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«, 20. Oktober 1889)

Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt. Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden; er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht, den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen.

Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in die Höhe geschossen!
Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in die Höhe geschossen!

»Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März 1890)

Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war. Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite, von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, Dr. Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen. Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.«

Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt worden
Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt worden

Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«, 1890)

Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte.

Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen, was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück. Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen. Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!«

Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet. Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser Wilhelms II. Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot. Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland, ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten, den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre 1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte.

Der böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird
Der böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird

Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«, März 1890)

Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin.

»Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.«
»Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.«

»Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März 1890)

Der neue Barbarossa
Der neue Barbarossa

Der neue Barbarossa, Der grollend seitwärts schlich, Im Friedrichsruher Schlosse Hält er verborgen sich.

Er hat hinabgenommen Die Kanzlerherrlichkeit Und möchte wiederkommen Zu ihm geleg’ner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf Fürst Bismarck sitzt, Der Tisch ist marmelsteinern, Worauf sein Haupt er stützt.

Aus seiner Tabakspfeife Saugt er die Wolken ein, Es wuchs sein Haar, das steife, Dreiteilig durchs Gestein.

Er spricht zum Arzt: Nun blicke Durchs Fenster in die Welt Und melde mir zurücke, Was dir ins Auge fällt.

Und wenn das Volk der Raben Noch diesen Berg umschwirrt, Dann muß Geduld ich haben, Bis daß es anders wird.

(»Lustige Blätter«, 1890)

Abschied von Berlin

Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln. Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen. Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen. Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren, und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es, als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren. In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger, im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier, bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker, Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert. Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball, ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat, laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute, welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und »Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein. »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!« ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe: »Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein« wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle. Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell fortdampfenden Zuge.

Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls V
Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls V

Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls V. (»Der Floh«, 23. März 1890)

Bismarck als Napoleon auf St. Helena.
Bismarck als Napoleon auf St. Helena.

Bismarck als Napoleon auf St. Helena. (»Figaro«, 1. April 1890)

Die Gedanken eines Eremiten
Die Gedanken eines Eremiten

Die Gedanken eines Eremiten

»Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!«

(Eine ungedruckte Karikatur von 1890)

Ein Abschiedsgedicht

Am 1. April des Trauerjahres hat der »Kladderadatsch« an den Fürsten Bismarck folgendes Abschiedsgedicht gerichtet:

Wenn einsam heut im Sachsenwald du dich ergehst, So lässest die Gedanken rückwärts wandern du In alte Zeit. Der Jugend stürmische Tage ziehn Vorüber dir, da kühne Pläne schon du trugst Im hohen Sinn, erwägend, wie das Vaterland Zu retten sei aus schimpflicher Ohnmacht schwerem Bann. Und weiter denkst du, wie begonnen du das Werk, Und wie gefügt mit starker Hand du Stein zu Stein, Bis endlich stand vollendet da der Riesenbau, Die Welt mit Staunen füllend und Bewunderung. Wenn also rückwärts schauend heute du erwägst, Was du vollbracht, dich weihend ganz dem Vaterland, Darfst sagen du: »Noch größer ist’s und herrlicher, Als ich in kühnem Jugendmut dereinst geträumt!« Heil dir, o Fürst! So lange auf dem Erdenrund Noch Deutsche wohnen, wird die stolze Kunde nicht Von dem ersterben, was du für dein Volk getan. Von langer Arbeit ruhe nun in Frieden aus! Was in vergangenen Tagen oftmals du ersehnt, Beschieden ist es jetzo dir: auf eignem Grund Als schlichter Gutsherr sitzest du. Du siehst, wie sich Dein Wald mit frischem Laube schmückt im jungen Lenz; Durch deine Felder schreitest täglich du und siehst Die reichen Saaten fröhlich wachsen und gedeihen; Und wenn im Herbst die Schnitter sich beim Erntefest Im Tanze mit den drallen Mägden drehn, so trittst Du unter sie, von lautem Jubelruf begrüßt, Und fühlst als Herr in deinem kleinen Reiche dich Beglückter, als gewesen du zur Zeit, da noch Gespannt Europas Völker deinem Wort gelauscht. Doch ob du auch geflüchtet vor der Hauptstadt Lärm Dich in die Stille deiner Wälder, nimmermehr Magst du entfliehn der Liebe und der Dankbarkeit. In alter Treue denken dein unzählige, Und heut erbraust durchs ganze Reich der laute Ruf: Heil dir, o Fürst! Beschieden sei dir’s lange noch, Mit rüst’gem Schritt im Sachsenwald dich zu ergehn. Und oftmals magst du feiern noch den frohen Tag, Der uns den besten Deutschen hat dereinst geschenkt!

Abschied
Abschied

Abschied

Der Reichskanzler legt alle seine Ämter nieder, gibt alle seine Insignien zurück und begibt sich in die wohlverdiente »Friedrichsruh«. (»Kladderadatsch«, März 1890)

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