Zehntes Kapitel. Die verschleierte Dame.
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Hassan, sprach Osmin, du hast einen jungen Sklaven, welcher Ilev heißt und in deinen Gärten beschäftigt ist, der sehnt sich zurück zu seinem Vater, welcher reich seyn soll und seinen Sohn gerne auslösen wird. So du nicht anders beschlossen hast wage ich es, für Ilev zu bitten, gib ihn frei und lasse ihn heim ziehen!
Wie sprichst du Osmin? versetzte Hassan, du sprichst von dem Vater eines meiner Sklaven, welcher reich seyn soll, hast du je von mir gehört, daß ich Geld aus meinen Sklaven zu lösen suchte? Hassan hat schon so viele Sklaven gekauft, wer kann aber sagen, daß Hassan je einen Sklaven verkauft, oder ihm die Freiheit des Geldes halber gegeben habe?
Groß sind die Reichthümer Hassan's, aber auch edel ist Hassan's Herz, sagte Osmin, wenn es dein Wille ist, so erhält Ilev die Freiheit, nicht des Geldes halber, nein, weil es Hassan so will, der da den Vater des Sklaven glücklich zu machen sucht, indem er ihm den einzigen Sohn zurück gibt.
Wisse Osmin, sagte Hassan, während er eine verschleierte Dame, die neben ihm ruhte, gütig und wohlwollend anblickte, daß mir an dem Tage, an welchem ich den jungen Sklaven Ilev kaufte, meine Ossira mir meinen Sohn Selim schenkte. So ist dieser Sklave mir ein theures Zeichen süßer Erinnerung, den ich um Gold und Perlen nicht entferne; denn müßte ich nicht besorgen, meinen Sohn Selim zu verlieren, wenn ich den Sklaven von mir ließe?
Großer Hassan, sprach hierauf die verschleierte Dame, lasse diesen Sklaven ziehen und mache ihn und seinen Vater glücklich, auf daß Allah uns segne! Ach, dein Sohn Selim ist nicht mehr; deshalb kam ich so traurig zu dir, weil ich dir eine so schlimme Botschaft zu bringen hatte.
Und aus ihrem Tone, mit welchem sie diese Worte hervor brachte, konnte man wohl entnehmen, daß Ossira weine.
Da kreuzte Hassan die Arme auf der Brust und rief wehmüthig aus: Allah, Allah! du hast mir meinen Sohn Selim genommen? Allah, was hat sich Hassan zu Schulden kommen lassen, daß du solche Strafe über ihn verhängst? Selim, mein Selim todt!
So klagte Hassan und Osmin ging auf die Seite, denn sein Herz ward ob dem Schmerze Hassans um seinen Sohn Selim tief gerührt.
Osmin, sprach hierauf Hassan, da mich Allah mit Strafe heimgesucht hat und da mir nun Ilev der Sklave kein freudiges Erinnerungszeichen mehr ist, vielmehr mein Herz bei seinem Anblicke nur stets mit Trauer erfüllt würde, so nimm den Sklaven zu dir, sage ihm, daß ihm Hassan die Freiheit geschenkt habe, statte ihn auf Kosten Hassan's reichlich aus und sorge dafür, daß er wohlerhalten in seine Heimath zu seinem Vater gebracht werde!
Edler Hassan, sagte Osmin, du legst mir eine edle Pflicht auf, der ich getreu nachkommen werde.
Während dieses in Hassan's Gemache vorging war Karl im Garten mit seinen Blumen beschäftigt. Er erinnerte sich wieder besonders lebhaft seines Vaters und seiner Schwester und sehnte sich stärker als je nach seiner Heimath.
Er hatte in einem entlegenen Theile des Gartens, welcher wild mit Strauchwerk verwachsen war, sich eine kleine Einsiedelei errichtet; in den Stamm einer Trauerweide schnitt er ein Kreuz, vor welchem er sich oft niederwarf und zu Gott betete, da holte er sich Trost, wenn sein Herz mit Kummer erfüllt war; hier durfte er beten, Niemand störte ihn. Da wandte er sich an den Erlöser, der so viel für die Menschheit litt.
Auch heute ging er seiner Einsiedelei zu, warf sich wieder vor dem Kreuze nieder und betete recht inständig zu Gott, er möge doch mit ihm seyn und Hassan's Herz bewegen, daß er ihm die Freiheit schenke und ihn in die Heimath ziehen lasse.
Guter Gott! sprach er, erhöre mein Gebet! Und Thränen flossen ihm von den Wangen.
Hierauf erhob er sich und fühlte sich recht gestärkt.
Da erschrack er, denn eine verschleierte Dame stand hinter ihm, welche wohl sein Gebet mochte angehört haben.
Erschrick nicht, Ilev! sagte die Dame mit lieblichem Tone, Gott hat dein Gebet erhört, Hassan hat dir die Freiheit geschenkt, du wirst zu deinem Vater zurück kehren!
O guter Gott! rief Karl, da hast du ja mein Gebet wieder erhört, und schickst mir abermals einen Engel, der mir verkündet, daß du mich nicht verlassen hast. Und seine Thränen brachen aufs Neue hervor.
Wie freut es mich, sagte die Dame, in dir einen Christen zu finden; wie erhebt mich sichtbar dein Glaube, dem auch ich zugethan bin. Nimm dieses Andenken, fuhr sie fort, und überreichte ihm ein kostbares Kreuz, es möge dich an die heutige Stunde erinnern, in welcher dir Ossira, das Weib Hassan's, deine Freiheit verkündigte. Solltest du wieder in Noth gerathen, so nimm deine Zuflucht zu dem Heilande, welcher für uns am Kreuze starb, und wie er dir heute geholfen hat, so wird er dir auch ferner helfen.
Karl warf sich ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Kleides, unvermögend, seinem Inneren durch Worte Luft zu machen.
Osmin, der Kaufmann, sagte Ossira und reichte dem vor ihr liegenden frei gewordenen Sklaven die Hand zum Aufstehen, ist beauftragt, dafür zu sorgen, daß du wohl ausgestattet, zu den Deinigen zurück gebracht wirst.
Lebe nun wohl, Ilev und so oft du dich zu Gott im Gebete wendest vergiß auch meiner nicht!
Mit diesen Worten verschwand Ossira, welche im Kummer ihres Herzens ob dem Tode ihres Sohnes Selim die unbesuchtesten Theile des Gartens ausgesucht und so den betenden Sklaven gefunden hatte.
Karl warf sich nun nochmals vor dem Kreuze nieder und dankte mit gerührtem Herzen Gott dem allgütigen Vater für das Werk der Barmherzigkeit, welches er an ihm gethan hatte. Dann ging er auf die Palmen zu, wohin ihn Osmin bestellt hatte.
Osmin wandelte schon unter den Palmen und als Ilev auf ihn zukam sprach er:
Preiße dich glücklich, da du von nun an nicht mehr Hassan's Sklave bist, der dich mir übergab, auf daß ich dich pflege und nicht als einen Sklaven behandle.
Ich sage Euch meinen tiefsten Dank, edler Osmin, sprach Karl, denn nur wohl auf Euere Verwendung hat mir Hassan der Gebieter die Freiheit geschenkt.
So folge mir nun in mein Haus nach, sagte Osmin und nimm Abschied von diesen Gärten, die du jetzt nie mehr betreten wirst.
Karl warf noch einen langen Blick nach dem Theile des Gartens hin, wo er seine Einsiedelei errichtet hatte und wo ihm Ossira mit den Trostesworten erschienen war, wo er von Kummer niedergebeugt auf den Knieen vor dem in die Trauerweide eingeschnittenen Kreuze lag und Muth und Stärke im Gebete erlangte, dann folgte er Osmin nach, ohne demselben von der Erscheinung Ossira's eine Mittheilung zu machen.