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Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.«

Sechzehntes Kapitel. Karl im elterlichen Hause.

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In Daruffs Hause herrschte heute besondere Lebhaftigkeit. Es war der Morgen, an welchem der siebzigste Geburtstag des alten Daruff feierlich begangen werden sollte.

Während noch der Alte sanft schlummerte waren schon Aurelie, ihr Gatte und die drei Enkel, zwei muntere Knaben und ein liebliches Töchterchen eifrig beschäftigt, das Zimmer zum festlichen Empfange herzustellen.

Sinnig waren Blumenkränze und Sträuße angebracht und die Enkel hatten Carmina gelernt, mit welchen sie den guten Großvater überraschen wollten.

Und als nun die Thür sich öffnete und der freundliche Alte hereinschritt wie strahlte da sein Antlitz nicht von der reinsten Freude!

Aurelie und ihr Gatte brachten zuerst ihre herzlichen Wünsche dar, dann brachten die beiden Enkel ihre Carmina vor und die Enkelin hatte ein kleines Lied einstudirt, welches sie mit vieler Sicherheit und zur Rührung ihrer Eltern sowohl als des Großvaters vortrug.

Ihr guten Kinder, hub der Alte an, ihr macht mir viele Freude und mit Vergnügen sehe ich, wie ihr nur bemüht seid, mir die alten Tage zu versüßen. Nehmt meinen herzlichsten Dank hin; ich bin überzeugt, wie gut ihr es mit mir meint. Der Himmel wolle euch stets segnen!

Und wie der alte Simon den Knaben Jesus zu sich nahm und Gott innigst dankte, daß er ihm diese Seligkeit vorbehalten hatte, so nahm nun der alte Daruff seine Enkel auf den Schooß und sprach: werdet gut und fromm und möge stets Gottes Beistand mit euch seyn, damit eure Eltern viele Freude an euch erleben und ihr selbst nur glücklich werdet!

Und nach diesen Worten glänzten ihm Thränen in den Augen, denn der Alte erinnerte sich seines Sohnes Karl.

Eine feierliche Stille trat ein.

Da pochte es an der Thür, sie ging auf und – Karl trat herein.

Aurelie erkannte ihn auf der Stelle, und ihr Ruf war: ach, Karl! du bist's, unser Karl!

Karl aber fiel dem alten Vater zu Füßen, weinte und wie der verlorne Sohn im Evangelium sprach er: Vater vergieb mir! Ich habe gefehlt wider Gott und wider Dich!

Und wie der Vater im Evangelium den verlornen Sohn aufnahm, so nahm auch der alte Daruff seinen Sohn Karl auf; er preßte ihn in die Arme und küßte ihn und sprach: o wie glücklich bin ich nun! Siebzig Jahre drücken dieses graue Haupt darnieder, siebzig Jahre gestattete mir der Himmel, um mir die Freude zu verleihen, meinen so lange verloren gegebenen Sohn wieder zu sehen. O mein Karl, was hast du deinem Vater zugefügt? Und – doch, doch, du bist wieder unter meinem Dache, wir wollen Gottes Güte preisen!

Und der Alte faltete andächtig die Hände.

Das Entgegenkommen zwischen Bruder und Schwester war rührend anzusehen, sprachlos lagen sie sich in den Armen.

Und als nun Aurelie ihren Bruder mit dem Gatten und den freundlichen Kindern bekannt machte, da näherte sich Karl denselben mit aller jener Anhänglichkeit, mit welcher er allezeit seiner Schwester zugethan war.

Ach, sagte er dann, während du meine gute Schwester die Stütze des Vaters warst und während du dein häusliches Glück gegründet hast, war ich den bittersten Drangsalen des Lebens ausgesetzt.

Vergiß das nun, lieber Bruder, sagte Aurelie, jetzt bist du wieder bei uns und wir wollen Alles dazu beitragen, was dich glücklich machen könnte.

Nach dem ersten Rausche des Wiedersehens kam es zum Erzählen und während nun der alte Daruff, Aurelie und ihr Gatte mit den drei Kindern einen freundlichen Kreis um Karl bildeten erzählte dieser getreu Alles was er von der Flucht aus dem elterlichen Hause an bis zur Rückkehr in dasselbe verlebt hatte.

Als er der Margaretha erwähnte traten ihm die Thränen in die Augen und fragte er den ihn umgebenden Kreis: ist Margaretha nicht würdig, heute in unserm Kreise zu erscheinen?

Ach, daß sie doch hier wäre, die arme unglückliche Margaretha! sagte Aurelie und der alte Daruff wandte sich zu seinem Schwiegersohne mit den Worten: Du mußt morgen nach Bremen und die alte Margaretha zu uns bringen; gleich und gleich, setzte er noch lächelnd hinzu, gesellt sich gern und so will ich denn die Margaretha zu mir nehmen.

Sie ist schon hier, sagte Karl, öffnete die Thüre und führte seine Margaretha herein, welche laut schluchzte, als sie des alten Daruff ansichtig wurde und da sie sich nach solanger Zeit wieder in demselben Zimmer befand, in welchem sie der Kinder Karl und Aurelie wartete.

Auch der alte Daruff war sehr gerührt; er drückte der Margaretha die Hand und ließ dieselbe neben sich sitzen.

Setzt euch doch nur fest, Margaretha, sagte er, ich habe euch da ein für allemal einen Platz angewiesen, den ihr nicht so bald wieder verlassen sollt.

Zur Nutzanwendung für die drei Enkel fügte Karl noch bei: seht Kinder, so ist es eurem Oheim gegangen, der da in der Jugend den großen Fehler hatte, Thiere zu quälen. Hätte ich das Dohlen-Nest nicht zerstört, so würde ich den Ring nicht gefunden haben, der mich, nachdem mich die Verstümmlung aus der Heimath getrieben hatte, in das Gefängniß brachte. Mein unglücklicher Hang zur Thierquälerei und meine jugendliche Unbesonnenheit, so wie mein Leichtsinn haben mir die bittersten Strafen nachgezogen. Laßt es euch daher ja zur Warnung seyn und quälet nie ein Thier, damit es euch nicht ergehe, wie eurem unglücklichen Oheim Karl.

Die Enkel reichten dem Oheim die Hand und versprachen ihm fest und theuer, nicht nur nie ein Thier zu quälen, sondern auch jederzeit wo möglichst zu verhindern, daß ein Thier von Andern gequält werde.

Der alte Daruff und Margaretha erlebten noch viele frohe Tage in der traulichen Umgebung Aurelien's und ihres Gatten, mit welchem nun Karl gemeinschaftlich die Handlung fortführte.

Endlich reichte auch Karl einer unbescholtenen Jungfrau als Gatte die Hand und als noch der alte Daruff auch die Enkel seines Sohnes Karl auf dem Schooße wiegte, da erzählte ihnen der Großvater die harten Begegnisse ihres Vaters und fest prägten es sich die Kleinen in die Herzen, wie sehr gefehlt es sei, Thiere zu quälen und sie gedachten immer des Spruches: »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes« und verfielen so nie in den schweren Frevel der Thierquälerei.

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