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Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.«

Viertes Kapitel. Karl im Gefängnisse zu Bremen.

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Es war ein stürmischer Tag, an welchem Karl den Vorsatz gefaßt hatte, nicht in das elterliche Haus zurück zu kehren, sondern sich zu seinem Onkel Heinrich nach London zu begeben.

Zuweilen kam Reue über ihn und er wünschte, seine Heimath nicht verlassen zu haben, wobei er sich umdrehte und mit Thränen im Auge nach der Gegend hin blickte, wo sein Geburts-Städtchen lag. Ach, es lag schon so weit hinter ihm, und er vermochte es nicht mehr über sich, zurückzukehren. Er gedachte den Ring, den er im zerstörten Dohlen-Neste gefunden hatte und den er von jenem Tage an stets bei sich trug, ohne Jemanden hievon Mittheilung zu machen, in Bremen vortheilhaft zu verkaufen und mit dem Erlöse die Reisekosten bis London vollkommen zu bestreiten.

In Gedanken nahm er Abschied von seinem Vater, den er wegen seiner so großen väterlichen Güte sehr liebte, aber wegen seiner Strenge auch sehr fürchtete. Er bat denselben um Verzeihung und nahm sich vor, von Bremen aus, eh' er das Schiff besteige, zu schreiben, ihm seinen ganzen Plan schriftlich mitzutheilen und ihn so außer Sorgen zu setzen wegen seiner Zukunft.

Dann erinnerte er sich seiner guten Schwester Aurelie und beschloß, auch einen Brief an sie bei zu legen. Endlich gedachte er seiner vortrefflichen Mutter, die längst im Grabe ruhte und unwillkührlich schossen ihm wieder die Thränen in die Augen.

Ja, gute Mutter! sprach er, wenn du noch lebtest, gewiß würde ich diesen Schritt nicht gethan haben; du würdest die Vermittlerin bei meinem Vater geworden seyn und hättest Alles zum Besten gelenkt. Wie oft hast du mich gewarnt, wenn ich unbarmherzig den Fliegen die Flügel heraus riß und wie oft hast du gesagt: Karl, Karl! das nimmt kein gutes Ende, wann du so fortfährst; ach, wie oft hast du mich auch deshalb gestraft und nun ist wirklich meine Thierquälerei die Ursache meiner Entfernung aus dem elterlichen Hause. Ich weiß nicht, was mir noch begegnen wird, ich weiß nicht, wie ich von meinem Onkel aufgenommen werde, allein ich will Alles geduldig ertragen, was mir auch immerhin Wiederwärtiges begegnen sollte, ich habe es nicht anders verdient.

Jetzt war ihm, als vernehme er aus der Ferne das Glockengeläute seiner Heimath, er blieb stehen und horchte, es war so; da sank er vor Wehmuth auf den Boden und schluchzte laut.

In diesem Augenblicke kam ein Metzgergeselle vorüber, der oft Fleisch in das Haus des Kaufmannes Daruff getragen und auf diese Weise den Sohn Karl kennen gelernt hatte. Er blieb stehen, betrachtete den Knaben und sprach:

»Was fehlt dir doch, Karl?«

Überrascht sah Karl auf und als er den Metzgergesellen vor sich sah, der ihm wohl bekannt war erwiederte er: ach, da hat mich mein Vater nach Bremen geschickt, nun drücken mich meine Stiefel so sehr, daß ich vor Schmerz kaum weiter kann.

Da geh' du lieber mit mir zurück, sprach der Metzgergeselle, denn unmöglich würde dir dein Vater diesen Gang zumuthen, wüßte er, daß du wunde Füße hast. Komm doch und gehe mit mir zurück.

Nein, nein, versetzte Karl, ich muß den Weg schon zurück legen; ich will nur kurze Zeit noch ausruhen und dann versuchen, weiter zu kommen. Ich müßte mich ja schämen, käme ich unverrichteter Sache nach Hause.

So reise glücklich! sprach der Metzgergeselle, meine Geschäfte leiden keinen Verzug und so setzte er seinen Weg fort.

Karl sah ihm nach, die Trennung von der Heimath schmerzte ihn auf's Neue, doch konnte er es nicht über sich gewinnen, noch zur rechter Zeit umzukehren.

Als er den Metzgergesellen aus dem Gesichte verloren hatte, erhob er sich und wanderte auf Bremen zu.

Dort angekommen führte ihn der Weg an dem Laden eines Juweliers vorüber. Da will ich eintreten, dachte er und meinen Ring gegen baares Geld umsetzen.

Er trat in den Laden und mit großer Schüchternheit nahm er seinen Ring aus der Tasche, hielt solchen einem Arbeiter, den er für den Juwelier hielt, hin und sprach: kauft mir doch diesen Ring ab!

Der Mann legte den Gegenstand, an dem er bedächtig gearbeitet hatte, bei Seite, nahm den Ring zur Hand, betrachtete ihn genau und nahm dann den Verkäufer scharf in das Auge. Wie viel verlangst du für diesen Ring! fragte er dann.

Gebt mir so viel er werth ist, antwortete Karl, einen kleinen Nutzen gönne ich Euch schon.

Wie ist denn dieser Ring dir zu Handen gekommen? fragte der Mann weiter. Ich habe ihn gefun – doch schnell änderte Karl den Satz und sprach: ich habe diesen Ring schon lange.

So, so? redete der Mann, betrachtete den Ring und den Verkäufer noch aufmerksamer, zog dann die Augenbraunen zusammen, gieng zum Tische, auf welchem mehrere Schriften lagen, nahm ein Zeitungsblatt zur Hand, suchte erst einige Zeit darin, dann las er, während er oft vom Papiere weg und auf den Ring schaute, nahm endlich Blatt und Ring zu sich, zog einen saubern Rock an und bedeutete dem Verkäufer, ihm zu folgen.

Karl konnte dieses Benehmen nicht verstehen und folgte dem Manne, während seine Verlegenheit mit jedem Schritte mehr zunahm.

Wie heißt dieses Gebäude, in welches wir jetzt gehen? fragte er seinen Begleiter.

Das ist die Polizei, entgegnete dieser trocken.

Karl entfärbte sich, denn jetzt erst durchfuhr ihn eine Ahnung, die Weise, wie er zu dem Ringe gekommen, dürfte nicht einen redlichen Erwerb begründen.

Ihr werdet mich doch nicht anklagen wollen? fragte er jetzt furchtsam seinen Begleiter.

Ich wohl nicht, versetzte dieser, aber hier der Ring und deine große Befangenheit und deine Furcht mögen wohl wider dich zeugen.

Der Juwelier ließ sich jetzt melden und trat mit Karl in die Gerichtsstube.

Ersterer näherte sich bescheiden dem Beamten und eröffnete ihm:

So eben kam dieser Knabe zu mir und bot mir diesen Ring zum Kaufe an; ich betrachte den Ring und finde sogleich Aehnlichkeit mit jenem, welcher als entwendet im Wochenblatte öffentlich ausgeschrieben ist. Ich hielt es für meine Schuldigkeit, hievon die Obrigkeit in Kenntniß zu setzen.

Der Beamte nahm die Aussagen des Juweliers zu Protokoll, gab demselben bezüglich der Anzeige seine Zufriedenheit zu verstehen und der Juwelier wurde entlassen.

Nun wurde Karl in's Verhör genommen. Er zitterte heftig und oft versagte ihm die Stimme; er mußte seinen Namen, den Tag seiner Geburt, den Stand und den Wohnort seiner Eltern angeben und dann kam es zur Erzählung bezüglich der Auffindung des Ringes im zerstörten Dohlen-Neste. So viel merkte er an der Miene des Beamten, daß seiner Erzählung wenig Glauben geschenkt wurde; auch wurde er oft ermahnt, nur die Wahrheit an zu geben. Dieses schmerzte Karl, er sagte die Wahrheit und man wollte ihm doch keinen Glauben schenken.

Das Verhör wurde geschlossen und Karl abgeführt – in das Gefängniß.

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