← Table of contents
Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.«

Fünftes Kapitel. Karl entweicht aus dem Gefängnisse.

Reading edition

Wie einer, dem das Todesurtheil eröffnet wurde und der dem Tage der Hinrichtung entgegen sieht, so saß Karl in dem Gefängnisse.

Wie sehr bereute er es jetzt, daß er der freundlichen Aufforderung des Metzgergesellen nicht Folge geleistet und sich mit ihm zurück in seine Heimath begeben hatte.

Ist nicht, sprach er zu sich selbst, die Zerstörung des Dohlen-Nestes die Ursache, weshalb ich jetzt im Kerker liege? Hätte ich das Nest nicht zerstört, so würde ich den Ring nicht in demselben entdeckt haben und dieser Ring hat mich in das Gefängniß gebracht.

O Himmel, wie wird das enden? Man glaubt mir nicht, daß ich den Ring im Neste gefunden habe, man ist vielleicht gar der Ansicht, ich hätte ihn entwendet. Und habe ich nicht darin gefehlt, daß ich den Fund verheimlichte? Ach, in welches Unglück habe ich mich gestürzt!

Und mein Vater, o mein armer Vater! brach er in Wehklagen aus, wie wird ihn die Nachricht erschüttern, wenn es heißt, sein einziger Sohn sitze im Gefängnisse, des Diebstahles gezeiht!

Und meine arme Schwester; meine arme Schwester! rief er, welche Schande bringe ich über Vater und Schwester!

Er schluchzte, daß ihm die Thränen von den Wangen flossen.

Dann warf er sich auf den Strohsack und weinte bitterlich fort.

Da öffnete sich die Thüre des Gefängnisses; eine betagte Frauensperson erschien, um dem Gefangenen ein Schüßelchen mit magerer Suppe und ein Stück schwarzes Brod zu bringen.

Da junger Galgenvogel, sprach sie, nimm und iß! deine Jugend dauert mich, du fängst früh an, dich auf das große Werk vorzubereiten, einst eine Zierde des Galgens zu werden.

Hilf mir o Herr! schrie sie auf einmal, als sich Karl vom Strohsacke empor gerichtet und sie angeschaut hatte, bist denn du nicht Daruffs Karl?

Karl stand auf, er erkannte sogleich in der Person seine frühere Wärterin; er wischte sich die Thränen aus dem Gesichte, nahm taumelnd vor Freude und Ueberraschung die Person bei der Hand, sah ihr so recht mit dem innigsten Gefühle der Anhänglichkeit in das Gesicht und sprach: ihr seid's Margaretha? Ach, wie bin ich doch jetzt so froh, daß Jemand um mich ist, von dem ich gekannt bin. Ach, Margaretha, ihr könnt gewiß viel für mich thun. Ich bin unschuldig und – hier brachen ihm die Thränen wieder hervor – man glaubt mir nicht, daß ich unschuldig bin. Seht, gute Margaretha, so bin ich nun in dieses Gefängniß gekommen und wenn das der Vater erfährt, so darf ich ihm nicht mehr vor das Angesicht kommen. Ihr wißt ja, Margaretha, wie streng er ist. Helft mir doch, gute Margaretha, wenn ich wieder nach Hause komme, will ich es auch bei meinem Vater dahin bringen, daß er euch eine tüchtige Portion vom besten Kaffee schickt. Aber helft mir jetzt nur! Dabei drückte er Margaretha's Hand fest an sich, die ihm jetzt als die einzige Stütze erschien.

Margaretha war tief gerührt, sie ließ sich auf dem Strohsacke nieder und sprach: ach, du lieber Gott! wer hätte denken sollen, daß ich dich einmal im Gefängnisse antreffen würde. Wie lange habe ich dich doch auf meinen Armen getragen, wie viele schlummerlose Nächte hast du mir als Kind verursacht und nun muß ich alte Person noch erleben, dich im Gefängnisse zu sehen.

Und sie fuhr mit der Hand nach dem Auge, als spüre sie, daß ihr Thränen ankamen.

Aber Margaretha, sagte Karl, ich bin ja unschuldig.

Und er erzählte ihr getreulich den ganzen Hergang vom Beginne der Zerstörung des Dohlen-Nestes bis zu seiner Einkerkerung.

Ei, du lieber Gott! brach hierauf Margaretha in die Worte aus, wie dauert mich der gute Vater. Die Polizei schreibt jetzt an ihn und wenn er ein solches Schreiben empfängt – o du lieber Gott, Karl, was hast du angestellt?

Große Angst kam auf's Neue über Karl und er fragte mit der größten Beklommenheit: ich werde also nicht wieder frei gelassen und nach Hause geschickt?

O nein! sprach Margaretha, so geht das nicht, ach Herr im Himmel! stehe uns bei.

Karl weinte heftig und sprach: ach, gute Margaretha, laßt mich entwischen. Gute, gute Margaretha! erbarmt euch meiner und helft mir, daß ich aus dem Gefängnisse entkomme! Und er drückte wieder ihre Hand heftig an sich.

Wie kann ich das, versetzte Margaretha, ich würde mich nur unglücklich machen und du würdest bald wieder eingefangen seyn und hieher zurück gebracht werden. Und dann dürfte es erst schlimm um dich stehen.

Ach, Margaretha, fuhr Karl fort, wenn ihr macht, daß ich aus diesem Gefängnisse komme, so will ich mich gleich zu meinem Vater nach Hause begeben und ihm Alles erzählen, wie es mir erging. Und, gute Margaretha, das wird euch mein Vater gewiß nicht vergessen, daß ihr euch meiner angenommen habt.

Margaretha besann sich und sprach hierauf: aber Karl sage mir, hast du wirklich den Ring im Neste gefunden?

Gewiß Margaretha, entgegnete dieser, o! wenn ihr mir nicht glauben wollt, wie sollen mir erst fremde Menschen glauben?

Wenn du mir versprichst, sagte nun Margaretha, daß du dich eiligst und geraden Weges zurück zu deinem Vater begeben willst, so will ich es wagen und dir aus dem Gefängnisse verhelfen. Aber bedenke, wie unglücklich du mich machst, wenn du nicht Wort hältst. Ich werde dann aus dem Dienste gestoßen und verliere die Pension, auf welche ich Anspruch zu machen habe, wenn ich mich noch ein Jahr ordentlich in diesem Dienste verhalte. Dir und deinem Vater die Schande zu ersparen, daß du vielleicht mit dem Gerichtsdiener in dein elterliches Haus geliefert werdest, will ich ein Auge zudrücken; ach, ich bin eine alte Person, habe so viele Wohlthaten in deines Vaters Haus genossen, daß es mir kein Mensch verargen kann, wenn ich dir jetzt aus dem Gefängnisse helfe, zudem da du ja unschuldig bist und zu deinem Vater zurück kehren wirst. Verhalte dich also ruhig bis gegen Abend; ich werde wieder kommen und dich den Weg führen, der dich in das Freie geleitet.

Karl küßte im Uebermaße seiner Freude die alte Wärterin und drückte sie an seine Brust, daß Margaretha zu weinen anfieng.

Laßt mich nur, gute Margaretha, hub er an, einmal zu Vermögen kommen; es soll euch dann nicht schaden, wenn ihr auch die Pension einbüßet; ich komme dann mit einer Kutsche nach Bremen, hole euch ab und ihr verbringt dann eure alten Tage recht vergnügt und froh bei Karl Daruff junior. Aber weint doch nicht, meine gute Margaretha und er wischte ihr mit der Hand die Thränen aus dem Gesichte.

So verhalte dich nun ruhig, mein lieber Karl, sprach Margaretha, sei nicht mehr traurig, iß von der Suppe und vom Brode, wenn auch beides nicht so gut, wie in deinem väterlichen Hause ist, so mußt du dich jetzt doch damit begnügen, denn ohne Aufsehen zu erregen kann ich vor Abend nicht wieder zu dir kommen.

Und Margaretha entfernte sich.

Nun war Karl wie umgewandelt. Er freute sich, bald wieder auf dem Wege nach dem elterlichen Hause zu seyn und so ließ er sich die magere Suppe und das schwarze Brod trefflich schmecken. Dann hüpfte er im Gefängnisse umher und spähte durch das vergitterte Fensterchen, ob der Abend nicht bald heran nahe.

Ja, ja, Margaretha, sprach er vor sich hin, du sollst gut belohnt werden! dann fiel er auf die Kniee und betete: »guter Gott, ich danke dir, daß du mir in dieser Margaretha einen Engel gesandt hast, der mich aus dem Gefängnisse befreien wird. Du bist allzeit den Unschuldigen väterlich zugethan, du weißt, daß ich unschuldig bin und so bist du mir auch mit deinem Schutze nahe.

Ich habe wohl gesündigt und mir selbst dieses Mißgeschick bereitet, indem ich grausam gegen deine Geschöpfe war und fremdes Gut unrechter Weise mir angeeignet habe, aber verzeihe mir guter Vater im Himmel! Ich will nie mehr in diese Fehler zurück fallen und künftig nur so leben, daß du allzeit Wohlgefallen an mir hast!«

So betete Karl aus dem Innersten seines Herzens.

Allmählich kam der Abend näher. Karl horchte aufmerksam auf jedes Geräusch und hoffte mit jedem Fußtritte, den er vernahm, den Eintritt seiner guten Margaretha.

Endlich klirrte der Riegel, die Thüre gieng langsam auf und Margaretha erschien.

Sie trug eine schmutzige Jacke und sprach: nun, mein Gefangener, ist dir die Zeit nicht lange geworden?

Ich habe euch, entgegnete Karl, kaum erwarten können.

Nun komm her, sagte sie, gieb mir deinen Rock und ziehe diese Küchen-Jacke an; es ist zur bessern Sicherheit und, fügte sie schmunzelnd bei, wenn einst mein Karl seine Margaretha vergessen sollte, so soll dieser Rock das Zeichen seyn, welches dich an mich erinnert.

Ach, erwiederte Karl, wie könnte ich euch Margaretha je vergessen!

Als nun Karl die Jacke angezogen hatte, sprach Margaretha: wenn du jetzt nach Hause kommst, so grüße deinen Vater und deine Schwester vielmal von der alten Margaretha und damit du unter Wegs nicht Noth leiden mußt, so habe ich in die Jacke ein Stück Braten, ein weißes Brod und ein Fläschchen mit Wein gesteckt. Lasse dir Alles recht wohl schmecken und komme glücklich nach Hause!

Mit dankbarem Herzen küßte Karl wiederholt seine Wohlthäterin, welcher er dann aus dem Gefängnisse folgte. Margaretha geleitete ihn nun durch mehre dunkle Gänge, führte ihn dann über einen großen, freien Platz, öffnete mühsam ein großes Thor, Karl sah sie nochmals mit einem dankbaren Blicke an, entfernte sich durch das Thor und unbeschreiblich war ihm zu Muthe, als er das Thor hinter sich wieder schließen hörte.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings