Vierzehntes Kapitel. Karl und Margaretha.
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Wenn Ihr Euch nicht scheut, sprach der Wärter zu Karl, allein bei einer Wahnsinnigen zu bleiben, so kann ich Euch jetzt dienen und Euch zu ihr einführen, ich kann mich aber nicht lange dabei aufhalten.
Führt mich nur zu ihr, entgegnete Karl, ich fühle keine Scheu, ihr könnt dann unbesorgt euren Geschäften nachgehen.
Die dritte Thür da rechts im Gange, sagte der Wärter und faßte den Schlüssel um die Thüre zu öffnen.
Halt! sprach Karl, noch eine Frage: hat denn die unglückliche Person nicht auch zuweilen lichte Augenblicke?
Genug, entgegnete der Wärter.
Und ist sie dann im Stande, fragte Karl weiter, ihre Bekannten zu erkennen und vernünftig mit ihnen zu sprechen?
Ja wohl, erwiederte der Wärter, schloß die Thüre auf und während er mit Karl eintrat blickte die Wahnsinnige mit starren Augen nach den Eintretenden.
Wie geht's Margareth? fragte der Wärter.
Margaretha schüttelte blos mit dem Kopfe.
Nicht gut? fragte sie der Wärter. Margaretha schüttelte wieder.
Ihr könnt jetzt bald, wandte sich nun der Wärter an Karl, vernünftig mit ihr reden, sie hat wieder einen Sturm ausgehalten. Wollt Ihr jetzt allein mit ihr bleiben?
Laßt mich nur allein mit ihr, sagte Karl und der Wärter verließ das Zimmer.
Karl sah, daß ihn Margaretha nicht erkannte, er ging auf sie zu und faßte sie bei der Hand.
Margaretha zog schnell ihre Hand zurück, sah stier vor sich hin und rief: Herr Commissär lassen Sie mich!
Um Gotteswillen lassen Sie mich! Ich habe ja Alles einbekannt, ich weiß nicht, wo der Junge ist!
Karl traten die Thränen in die Augen, er fühlte das ganze Gewicht seiner Schuld und merkte wohl, daß er der Gegenstand von Margaretha's Aeusserung sei.
Furchtsam sah nun Margaretha auf Karl, blickte ihn lange unverwandt an und sank dann auf einen Lehnstuhl, indem sie die Augen wie zu einem Schlafe schloß.
Karl ging näher auf sie zu und betrachtete sie mit der größten Theilnahme und als nun Margaretha nach kurzer Zeit die Augen wieder aufschlug, da gewahrte Karl mit Freuden, daß ihr Blick freier und ihr Auge klarer war.
Ihr kennt mich nicht, sagte Karl, ich komme vom alten Kaufmann Daruff und soll euch Grüße von ihm ausrichten.
Danke Euch, sagte Margaretha, ach, ich habe diesem Manne, bei dem ich so lange in Diensten war und bei dem ich so viel Gutes genossen habe, herbe Stunden bereitet. Der liebe Gott soll es mir verzeihen, daß ich mich verführen ließ; ich habe ja dem Jungen alles Gute zugetraut, wer hätte denn denken sollen, daß es so kommen würde. Ich kann, so wahr Gott im Himmel ist! mit gutem Gewissen sagen, daß ich nur des Beste des Hauses Daruff im Sinne hatte. Nun ist der Junge fort und wer weiß, wo er elend zu Grunde gegangen ist!
Und sie fing an bitterlich zu weinen und hielt die Schürze vor das Gesicht.
Karl vermochte kaum aufrecht zu stehen, so ging ihm der Anblick der tief bekümmerten Margaretha zu Herzen.
Gebt Euch zufrieden, sagte Karl, ich kann Euch nur die beste Nachricht geben, Daruffs Sohn, Namens Karl, ist auf der Reise zu seinem Vater begriffen; er ist gesund, hat freilich viele Mühseligkeiten erstanden, aber das ist jetzt Alles vorüber.
Gott im Himmel! rief Margaretha und schlug die Arme über dem Kopfe zusammen, während sie vom Lehnstuhl herunter auf die Knie sank, großer Gott im Himmel! Da hast du ja mein Seufzen und Flehen vernommen! Du hast mein Ringen mit angesehen und hast dich einer Unglücklichen erbarmt!
Karl weinte, hob die Knieende auf und während ihm unaufhaltsam die Thränen hervorschossen sprach er mit bewegter Stimme.
Kennt ihr mich denn nicht mehr, meine gute Margaretha? haben mich denn die Jahre und die ausgestandenen Leiden so sehr entstellt, daß ihr euern Karl nicht mehr erkennt?
Starr sah ihm Margaretha in das Gesicht und mit einem lauten Schrei fiel sie in Karls Arme.
Wahrhaftig! wahrhaftig! schrie sie, mein Karl! ach mein Karl! Und sie lachte und weinte und sank dann wieder erschöpft in den Lehnstuhl.
Ach sagte Karl, gute Margaretha, was habe ich euch so vieles Leid geschaffen, könnt ihr mir denn verzeihen?
O Gott im Himmel ist gut! sprach Margaretha mit gegen Himmel gewandtem Blicke; er hat ja mir geholfen und hat mir meine Schuld verziehen, warum sollte ich nun meinem Karl einen Jugendfehler nicht vergessen können?
Ach, die arme Margaretha hat so oft an Euch gedacht und allezeit lief es mir ganz schauerlich durch alle Glieder, wenn ich der Besorgniß Raum gab, Ihr wäret durch meine Schuld und durch Euren Leichtsinn elend zu Grunde gegangen. Gepriesen sei der Herr! der da Alles zum Besten lenkte.
Karl erzählte nun so kurz als möglich seine Erlebnisse von der Stunde an, in welcher er sich einschiffte bis jetzt und mit Rührung hörte ihm Margaretha zu.
Damit schloß Karl: Durch die Güte Hassan's meines großen Wohlthäters sehe ich mich nun in den Stand gesetzt, euch, gute Margaretha, einen kleinen Theil meiner Schuld abzutragen. Ich will euch zu mir nehmen und euch in euren alten Tagen so verpflegen, wie es nur eine gute Mutter von einem dankbaren Sohne verlangen kann.
Ich schätze mich glücklich, auf diese Weise euch, gute Margaretha, zu zeigen, daß Karl nicht so schlimm ist und eure frühere Aufopferung für ihn ganz zu würdigen weiß.
Margaretha nickte nur mit dem Kopfe, denn reden konnte sie nicht und sie verbarg ihr verweintes Antlitz hinter der Schürze.
Nach diesem verwendete sich Karl für Margaretha, diese wurde aus dem Spital entlassen und in einem hübschen Wagen fuhren nun Karl und Margaretha aus Bremen der Heimath Karls zu.