Erstes Kapitel. Das Dohlen-Nest.
Reading edition
An einem stürmischen Tage befanden sich viele Knaben auf der Wiese nächst einem Städtchen unfern Bremen, welche alle lebhaft beschäftigt waren, einen papiernen Drachen steigen zu lassen.
Karl Daruff zeichnete sich besonders aus; er war der Besitzer des Drachen, den er triumphirend trug, während ihn seine Jugendgenossen eng umgaben, wie ein Fahnenträger eingeschlossen ist, wenn es in's Feld geht.
Das Bild des Drachen, welches mit hellen Farben von Karl auf dem Papiere entworfen war, bot den Vorübergehenden vielen Stoff zum Lachen und zu allerlei schnurrigen Bemerkungen; denn fürwahr, es machte der Phantasie des Künstlers Ehre, welcher ein Wesen erschuf, das dem Kopfe nach einem grimmigen Löwen, dem Laufe nach einem Krokodille und dem Ringelschwanze nach vollkommen einem Delphine glich.
Die Tauben auf dem Felde flüchteten sich schon von Ferne und eilten dem Schlage zu, so bald sie des Bildes gewahr wurden und ein Fuhrmann, der des Weges kam, hatte den Aufwand aller seiner Kräfte nothwendig, um die ob dem schauerlichen Anblicke scheu gewordenen Stiere an sich zu halten.
Karl suchte nun auf der Wiese eine etwas erhabene Stelle aus, die Schnur wurde so weit es nothwendig, aufgerollt, und als sich jetzt wieder der Wind stärker erhob gab er dem Drachen einen leichten Stoß nach oben, dieser schwebte allmählig empor und auf einmal stand er majestätisch oberhalb dem Städtchen und lustig war es anzusehen, wie schnell sich alle Tauben von den Dächern flüchteten, indem sie die Erscheinung wohl für einen hungerigen Geier halten mochten.
Die Knaben auf der Wiese freuten sich sehr, bis ihre Freude plötzlich dadurch gestört wurde, daß die Schnur bei einem heftigen Windstoße zerriß und der Drache nun frei in den Lüften schwebte. Aller Augen folgten den Bewegungen desselben, der sich allmählig senkte, dann wieder horizontal vom Winde fortgerissen wurde. Auf einmal erhielt er eine Richtung nach dem in der Nähe sich befindenden Walde, die Knaben aber verloren ihn nicht aus dem Auge, und eilten dem Walde zu und Karl war der Erste.
Auf einem hohen Baume ließ sich endlich der Drache nieder und verwickelte sich mit der Schnur in dem Wipfel. Karl entledigte sich sogleich seines Rockes und schickte sich an, den Baum zu ersteigen. Zwar wollten ihm einige Andere zuvorkommen, allein er als Eigenthümer des Drachen bestand darauf, daß es nur ihm zustehe, den Baum zu ersteigen. Mit vieler Fertigkeit kletterte er den Stamm empor, kam dann von Ast zu Ast immer höher, bis er den Wipfel erreichte, und so dem Drachen nahe war. Da rief er: »seht! seht! ein Vogelnest!« Die unten Stehenden vergaßen über dem Neste den Drachen und äusserten einstimmig den Wunsch, zu ersehen, was sich in dem Neste befinde.
Allein Karl griff zuerst nach dem Drachen, schnitt ihn von der Schnur, mit welcher er sich im Laubwerke verwickelt hatte, ab und stieß ihn über den Wipfel hinaus und glücklich langte der Drache unten an und wurde mit Jubel empfangen.
Hierauf machte sich Karl näher an das Nest hin und begann, dasselbe zu untersuchen.
Drei Jungen, rief er, sind in dem Neste, drei Jungen, aber noch ganz nackt! Und während er dieses sagte, entflog eine Dohle, welche das Nest gesucht hatte.
Junge Dohlen! junge Dohlen! rief Karl, und nun nahm er unbarmherzig die nackten Dohlen aus dem Neste und warf sie vom Baum.
Seine Jugend-Genossen, welche mehr Mitleid mit den jungen Vögeln hatten, riefen ihm zu, die Brut doch zu schonen und sie ruhig im Neste zu lassen; allein Karl erwiederte: ich kann von jeher die Raben und Dohlen nicht leiden, was liegt auch daran, ob drei Dohlen mehr oder weniger herum fliegen! Und mit diesen Worten warf er auch das dritte Junge aus dem Neste, dann griff er das Nest selbst an und suchte es zu zerstören; er riß es auseinander. Da sah er auf einmal etwas blinken, er langte nach dem blinkenden Gegenstande und sieh! es war ein kostbarer, goldner Ring mit einem Edelstein. Freudig betrachtete Karl den Ring und schon rief er: »was hab ich gefun – –« da hielt er inne, und überlegte, ob es nicht besser sei, seinen Fund zu verheimlichen? Er entschied sich kurz für die Verheimlichung, steckte den Ring zu sich, warf den übrigen Theil des Nestes auch noch vom Baume und stieg dann herunter.
Da lagen nun die armen Dohlen, ihrem Ende nahe. Die Knaben hatten sich um die nackten Thierchen gestellt, und konnten nicht umhin, die Handlung Karls zu tadeln und den Vögeln ihr Mitleid zu bezeigen.
Wie wäre es denn dir gewesen, sprach Justus zu Karl, wenn man dich so aus der Wiege geworfen hätte? Geh, du solltest dich schämen und nun lachst du noch?
Ha, ha, ha! erwiederte Karl, gehöre ich denn zum Geschlechte der Dohlen?
Ich will nur damit sagen, fuhr Justus fort, daß diese armen Thierchen denselben Schmerz fühlen, den du gefühlt haben würdest, hätte man dich so unbarmherzig aus der Wiege geworfen. Zudem sind auch diese Vögel nicht ohne allen Nutzen für den Menschen, die sogar den Schafen und Schweinen das Ungeziefer vom Rücken suchen, wie ich recht gut aus der Naturgeschichte weiß.
Mit deiner Gelehrsamkeit! rief Karl und ohne sich um Justus Worte zu kümmern gieng er auf die jungen Dohlen zu, hob ein Junges auf und sagte: wie? du lebst ja noch? Und alsbald warf er dasselbe an einen Eichstamm, daß es hin ward. Er war eben im Begriffe, auch mit den andern Jungen es so zu machen, da näherte sich dem Knaben ein betagter Holzhauer, der aus der Ferne das Treiben Karls mit Unwillen bemerkt hatte.
Schämst du dich nicht, böser Bube, sprach er zu Karl, so mit den Thieren umzugehen, die der allgütige Vater im Himmel erschaffen hat? Hast du in der Schule nicht mehr gelernt und bist du denn so verwildert aufgewachsen, daß es dir gleichgültig seyn kann, ob du einen Stein oder ein Thier aus der Hand schleuderst? Ich sage dir, du böser Bube, eine schlimme Zukunft voraus, wenn du dich nicht besserst; denn wer leichtfertig Thiere quälen kann, der verhärtet immer mehr sein Herz und am Ende ist es ihm gleichgültig, ob er eine Katze, einen Hund oder einen Menschen quält oder foltert. Wärst du mein Sohn, so würde ich jetzt nicht anstehen, zum Frommen dieser übrigen Knaben und zu deinem eigenen Besten dir mit dem nächsten besten Haselstocke eindringlich die Lehre beizubringen, daß die Thiere zur Wohlfahrt der Menschen erschaffen seien, und daß sich der schwer wider Gott, den allgütigen Vater versündigt, der diesen Zweck der Thiere verkennt und sie quält und zu Tode martert. Kennst du denn den Spruch nicht, der da heißt:
»Quäle nie ein Thier aus Scherz, Denn es fühlt wie du den Schmerz.«
Und nach diesen Worten wollte sich der wohlmeinende Holzhauer wieder an seine Arbeit begeben, aber Karl, auf den diese Rede keinen Eindruck gemacht hatte, rief ihm nach: Du Kahlkopf! was geht es dich an, wenn ich ein Dohlen-Nest zerstört habe?
Hiedurch wurde der Holzhauer aufgebracht und er war daran, den ihn beschimpfenden Knaben zu züchtigen, aber Karl geschwinder als er hatte seinen Drachen ergriffen und begab sich auf die Flucht.
Wem steht dieser Junge zu? fragte jetzt der Holzhauer die übrigen Knaben.
Und diese erwiederten: er ist der Sohn des Kaufmanns Daruff.
Der böse Bube, sprach der Holzhauer weiter gehend, der böse Bube scheint nichts von dem guten Herzen seines Vaters zu haben.
Die Knaben folgten jetzt der Richtung welche Karl genommen hatte, der Holzhauer ging wieder seiner Arbeit zu, als er Abends aber nach Hause kehrte, da begab er sich zum Knabenlehrer des Städtchens und theilte ihm getreu den Hergang im Walde mit; denn dachte er, schweige ich still, so ist es nur zum Nachtheil dieses Knaben, der erst die armen Thierchen zu Tode quälte und dann noch seinen Spott an mir hatte.
Folgt aber seinem Vergehen zur rechten Zeit die Strafe nach, so kann das nur heilsam für denselben seyn. Er sieht dann gewiß ein, wie schlimm er gehandelt hat und auf die Worte seines Lehrers wird er mehr geben als auf meine Aeußerungen.
Der einsichtsvolle Lehrer lobte auch den Schritt des Holzhauers und versprach ihm, geeignet gegen Karl einzuschreiten.