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Begegnisse eines jungen Thierquälers oder »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Thieres.«

Achtes Kapitel. Karl wird Sklave.

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Während Kaufmann Daruff und seine Tochter Aurelie sich abkümmerten, wo Karl sich wohl aufhalten und wie es ihm gehen möge, und während die Polizei in Bremen thätig ihre Nachforschungen fortsetzte, um Karls Aufenthalt zu entdecken, war dieser auf dem Schiffe, welches sich schon auf hoher See befand, und seine Fahrt bei günstigem Winde nach Brasilien verfolgte.

Das Leben auf dem Schiffe war für Karl etwas Neues und es bot ihm so viele mannichfaltige Auftritte und Erscheinungen dar, daß es ihm nicht sehr schwer wurde, sich der Gedanken meistens zu entschlagen, die ihn quälend heimsuchten, wenn er sich des elterlichen Hauses, aller darin genossenen Freuden, wenn er sich seiner guten Schwester Aurelie, die ihm mit so vieler Liebe zugethan war und wenn er sich seiner Jugend-Genossen erinnerte. Ein kalter Schauer aber überlief ihn allzeit, wenn er der guten Margaretha zu Bremen gedachte die ihm als rettender Engel erschienen war, die sich seiner so herzlich annahm, die ihre künftige Wohlfahrt aufs Spiel setzte, nur um ihn vor Schande zu bewahren und ihn aus der traurigen Gefangenschaft befreit zu sehen. Er hatte ihr fest sein Wort gegeben, in das elterliche Haus zurück zu kehren; das that er nicht nur nicht, er schrieb sogar nicht einmal seinem Vater, eh er eine so große Reise unternahm. Welche Besorgnisse nun für einen Vater!

Diese Gedanken und das stete Bewußtseyn, nicht redlich gehandelt zu haben, verursachten ihm große Pein, der er sich kaum dadurch entschlagen konnte, daß er seinen ihm zugewiesenen Geschäften als Schiffsjunge mit allem Eifer nachzukommen suchte.

Freund und Vater auf dem Schiffe war ihm der ehrliche Matrose, der sich seiner im Hafen angenommen und ihn auf dem Schiffe untergebracht hatte. Er suchte seinen Schützling so weit er im Stande war, über Alles aufzuklären, was diesem neu und seltsam erschien. Er machte ihn mit den Gebräuchen der Schiffsleute, mit ihrer Lebensart und ihrer Beschäftigung vertraut; er erklärte ihm alle Theile eines Schiffes und machte ihn mit den Benennungen bekannt; er zeigte ihm die Himmelsgegenden und nannte ihm die Küstenländer, an welchen sie vorüber fuhren. Fische, Vögel und Insekten, welche bei dieser Fahrt zum Vorschein kamen, dienten Karl zur Belehrung und Unterhaltung.

Viele Tage segelte so das Schiff dem Orte seiner Bestimmung zu.

Da bemerkte Karl eines Morgens eine besondere Geschäftigkeit unter dem Schiffsvolke; die Matrosen rannten hin und wieder, zogen alle Segel auf und suchten die Fahrt mit aller Anstrengung zu beschleunigen.

Der Kapitain stand mit dem Fernrohre auf dem Verdecke des Schiffes und gab seine Befehle mit lauter Stimme, welcher die Matrosen mit der größten Geschäftigkeit nachzukommen suchten.

Dabei war es ein schöner, heiterer Morgen und keine Spur war von dem Herannahen eines Sturmes zu bemerken.

Was bedeutet denn das Treiben auf dem Schiffe? fragte Karl den Matrosen, der ihm so zugethan war und eben an ihm vorüber eilte.

Siehst du den Punkt dort in der Ferne? erwiderte der Matrose und deutete mit dem Finger hinaus auf die weite See, der Kapitain erkennt darin das Fahrzeug eines Seeräubers; wir müssen deshalb so die Fahrt beschleunigen, um den Räubern aus dem Gesichtskreise zu kommen.

Sind uns denn, fragte Karl weiter, die Seeräuber so gefährlich?

So gefährlich, entgegnete der Matrose, als dem Fußwanderer der Strassen-Räuber ist. Nicht nur, daß man alle Habe verliert, so muß man noch froh seyn, wenn man mit der Freiheit oder mit dem Leben davon kommt, so bald man einmal diesen See-Genien in die Krallen gefallen ist.

Der Matrose eilte vorüber.

Karl blieb am Verdecke und bemerkte mit Furcht, daß der Punkt auf der See, welchen ihm der Matrose gezeigt hatte, immer größer wurde.

Endlich erkannte er deutlich ein Fahrzeug, welches sich in der Bauart wesentlich von dem Schiffe, auf welchem er sich befand, unterschied. Und zu seinem nicht geringen Schrecken bemerkte er jetzt auch, daß jenes Fahrzeug mit vielen Bewaffneten angefüllt war.

Während sein Augenmerk so ganz auf das fremde Fahrzeug gerichtet war, daß er den Tumult auf seinem Schiffe und die Anstalten, welche zur Vertheidigung getroffen wurden, kaum bemerkte, da erscholl ein mächtiger Kanonendonner vom jenseitigen Fahrzeuge, und daß die Kugeln ihr Ziel nicht verfehlt haben mochten, entnahm Karl aus den Kommando-Worten des Kapitains und aus dem Umstande, daß der Schiffs-Zimmermann die Hände voll zu thun hatte.

Der Kapitain erwiderte das Kanonen-Feuer, so daß eine ganze Kanonade entstand.

Karl wurde von dem ihm so wohlwollenden Matrosen, der ihn plötzlich beim Arme gepackt hatte, in den untern Schiffsraum geführt, wo sich viele der übrigen Reisenden, die an dem Werke der Vertheidigung keinen Antheil nehmen konnten oder mochten, schon befanden.

Hier bleibe, sagte der Matrose und bete zu Gott, daß er uns erhalten möge!

Mit diesen Worten entfernte er sich schnell wieder.

Unter den Reisenden, die hier versammelt waren, entstand hierauf ein lautes Seufzen, Wehklagen und Stöhnen; die meisten fielen auf die Kniee und riefen den Himmel um Beistand an, und Furcht und Schrecken hatten sich auf Aller Gesichts-Zügen tief eingeprägt.

Der Kanonen-Donner erscholl immer heftiger und das Geschrei der Matrosen und jener Männer, die freiwillig auf dem Schiffe sich zur Vertheidigung stellten, drang schauerlich herab in den untern Schiffsraum.

Auf einmal prallte das Schiff heftig an, ein lautes Krachen erfolgte und sogleich drang auch auf vielen Seiten schon das Wasser herein.

Nun strömte Alles dem Verdecke zu, wo ein wilder Kampf tobte.

Die Seeräuber waren überlegen, das Schiff, auf welchem sich Karl befand, fing an zu sinken, viele der verwundeten und mit ihnen Karl wurden von den Seeräubern ergriffen und auf ihr Fahrzeug gebracht. Was die Seeräuber auf dem überwältigten Schiffe an Gütern noch erbeuten konnten, das eigneten sie sich zu und schleppten es in ihr Schiff.

Endlich sah Karl vom feindlichen Fahrzeuge aus das Schiff, auf welchem er sich noch vor kurzer Zeit so wohl befand, untersinken.

Die Seeräuber erhoben ein lautes und wildes Geschrei und segelten mit ihren Gefangenen und den erbeuteten Gütern davon.

Schmerzlich vermißte Karl unter den Mitgefangenen den Matrosen, der sich seiner auf der ganzen Reise so väterlich angenommen hatte, er mochte vielleicht im Kampfe geblieben oder mit dem Schiffe untergegangen seyn. Auch des Kapitains wurde er nicht gewahr, der vielleicht gleiches Loos mit dem Matrosen hatte.

Karl schauderte bei dem Gedanken, sich in den Händen von Seeräubern zu befinden, zusammen.

Ach, wie bereute er jetzt den so unbesonnenen Schritt, den er gethan hatte. Wehe! rief er aus, wäre ich doch nie an den Hafen gegangen und hätte der guten Margaretha gefolgt, und wäre zu meinem Vater zurück gekehrt!

Ach, wehe mir, was wird nun aus mir werden! Ich sehe vielleicht nie mehr meinen Vater und meine Schwester!

Und Karl setzte sich in einen Winkel des Schiffes und weinte.

Die Seeräuber kümmerten sich wenig um den weinenden Knaben.

Sie landeten nach einigen Tagen und suchten ihre Güter in Sicherheit zu bringen, während sie auch ihr Fahrzeug, das Schaden genommen hatte ausbessern ließen.

Die Gefangenen aber und mit ihnen Karl wurden als Sklaven in Tripolis verkauft.

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