Eilftes Kapitel. Karl im Hause Osmin's.
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Nicht wie Ossira gesagt hatte und nicht wie Osmin selbst unter den Palmen erklärte, erfuhr Karl in Osmins Hause eine Behandlung, man machte vielmehr wenig Unterschied zwischen ihm und den übrigen Sklaven.
Zudem verstrichen Tage, Monate, ja ganze Jahre, ohne daß Osmin auch nur die geringsten Anstalten traf, Karl in die Heimath zu bringen.
Denn Osmin war gierig nach Geld und hoffte, mit Ilev gute Geschäfte zu machen. Er schrieb wohl an Karls Vater, forderte aber Behufs der Auslösung seines Sohnes ungeheure Summen, welche das Vermögen Daruffs zweimal überstiegen. Sei es nun, daß die Briefe nicht an Daruff gelangten, oder daß der bekümmerte Vater einsehen mochte, nicht im Stande zu seyn, solchen überspannten Forderungen nachzukommen, kurz es erfolgte keine Antwort und Osmin wurde deßhalb grimmig und aufgebracht gegen Karl, indem er vermeinte, Ilev habe ihm in der Absicht, frei zu werden, Unwahrheiten gesagt und der Reichthum des Vaters sei nur erdichtet gewesen.
Er behandelte nun Karl wie einen Sklaven und ließ sich sogar Grausamkeiten gegen ihn zu Schulden kommen.
Da sagte eines Tages Karl: Osmin, entweder hat mir Hassan die Freiheit nicht geschenkt, oder Ihr handelt nicht nach Hassan's Worten, der da wollte, daß Ihr mich zu meinem Vater zurückbringet, in dessen Wille es aber gewiß lag, daß Ihr mich nicht wie einen Sklaven in Eurem Hause behandelt.
Was? du klagst über die Behandlung in meinem Hause, rief Osmin höchst aufgebracht, elender Sklave! Ist das der Lohn für meine Verwendung bei Hassan, der mir mit dir nur ein Geschenk machte, über welches ich nach Willkühr verfügen kann?
Dann habt ihr mir unter den Palmen, entgegnete Karl, die Unwahrheit gesagt und mir wäre besser, ich befände mich noch als Gärtner-Junge in Hassan's Gärten! Ich weiß aber, daß Ihr gegen Hassan's Worte handelt und ich werde mich selbst an Hassan wenden und Euch anklagen!
Elender, undankbarer Sklave! rief Osmin in Wuth, ich will Dir den Weg zu Hassan schon abschneiden!
Und Osmin gab Befehl, daß Karl zwölf Peitschenhiebe auf die Fußsohlen erhielt. Nebstdem erhielten zwei Sklaven des Hauses den Auftrag, Ilev nicht aus den Augen zu lassen, und es wurde ihnen mit dem Tode gedroht, falls sie ihr Amt vernachläßigen sollten und es sich begeben würde, daß Ilev sich aus dem Hause entferne.
Auf diese Weise befand sich Karl wieder in der elendesten Lage.
Er weinte oft des Nachts auf seinem harten Lager und wünschte sich in Hassan's Gärten zurück.
Seine Zuflucht war wieder das Gebet, in welchem er sich an Gott den allgütigen Vater der Menschen wandte; dann nahm er auch das Kreuz, welches er von Ossira erhalten hatte, preßte es an seine Brust und betete für sich und für Ossira.
Ach wüßte sie, sagte er, in welcher Noth ich mich befinde, sie würde mir gewiß helfen. Aber wie soll ich zu ihr, wie soll ich zu Hassan gelangen?
Indessen ertrug er mit Stillschweigen und mit vieler Ergebung sein hartes Geschick, immer die Gelegenheit abwartend, die es ihm möglich mache, Hassan seine Noth zu klagen.
Diese Gelegenheit ergab sich endlich.
Osmin mußte in Handelsgeschäften verreisen, einer der Sklaven, welchem die strenge Aufsicht über Karl anbefohlen war, erkrankte und konnte sein Lager nicht verlassen und der andere war immer so beschäftigt, daß er nicht in dem Maße der Aufsicht sich unterziehen konnte, wie ihm vorgeschrieben war.
Da machte sich Karl eines Morgens aus dem Hause und da ihm alle Eingänge in Hassan's Gärten bekannt waren, eilte er dahin in der Absicht, den alten Sklaven aufzusuchen, dem er früher beigegeben war, ihm seine Noth zu klagen und ihn um Rath zu befragen, wie er es anzustellen habe, um vor Hassan zu kommen.
Er war auch so glücklich, den alten Sklaven gleich aufzufinden, der ob Ilev's üblem Aussehen sehr in Verwunderung gerieth. Karl klagte ihm nun seine Noth und bat ihn um Rath.
Wer hätte das von Osmin gedacht! rief der alte Sklave, aber ich kenne diesen Osmin schon, der gieriger nach Geld ist, als der Rabe nach Aas.
Bleibe, lieber Ilev, fuhr er fort, nur bei mir bis Mittag, da kommet Hassan hier vorüber, du wirfst dich vor ihm nieder und erzählst ihm die grausame Behandlung, die dir dieser Osmin angedeihen läßt. Hassan wird sich deiner erbarmen, denn sein Herz ist edel und so wirst du besseren Tagen entgegen gehen.
Trinke indessen hier aus meinem Kruge und iß von meinem Brode, denn es scheint, auch Speis und Trank werde dir in Osmin's Hause nicht im Uebermaße gereicht.
Karl folgte der wohlwollenden Einladung des alten Sklaven und erquickte sich erst, dann aber zog ihn sein Herz hin nach der Einsiedelei, welche er aufsuchte, um dort die Zeit bis Mittag zu verbringen.
Aber wie überrascht war er, als er vor der ihm so wohlbekannten Trauerweide stand, wie war Alles so anders geworden, wie lieblich war der Platz eingerichtet! Hier blüthen Rosen und Jasmin, wo früher wildes Gesträuch stand und das in der Trauerweide eingeschnittene Kreuz, wie hatte sich das verändert! Vor demselben war ein kleiner Altar errichtet und vor dem Altare befand sich ein Schemel von frischem Rasen, zur Rechten und Linken mit den schönsten Blumen geziert.
Das Kreuz war mit Gold und Silber eingefaßt, und in der Mitte hing der sterbende Heiland mit der Dornenkrone, gleichfalls von Silber und mit Edelsteinen besetzt. Der Wipfel der Trauerweide bildete ein Dach, welches dem Kreuze mit dem Altare und Schemel zum Schutze gegen üble Witterung diente.
Hier, rief Karl aus, hat Ossira mit frommem Herzen Alles so geschaffen, hier ist Ossira's Betort, nur Ossira ist die Schöpferin dieses stillen Betortes.
Und er warf sich nieder auf den Schemel vor dem Altare, faltete recht fromm die Hände, und schickte innbrünstige Gebete zu Gott.
Und siehe, als er aufstand – stand Ossira vor ihm.
Seh ich recht, sprach Ossira, Ilev du hier?
Guter Gott! rief Karl aus, fiel zu Ossira's Füßen nieder und küßte wieder den Saum ihres Gewandes, guter Gott! du schickst mir wieder deinen rettenden Engel! Ach, hohe Gebieterin, ich bin Ilev, der unglückliche Ilev, welchem Ihr Freiheit und Rückkehr in die Heimath verkündigt habt, der aber von Osmin dem Kaufmann zurückgehalten und grausam behandelt wird.
Wie? fragte Ossira, so hätte dich Osmin noch gar nicht zu deinem Vater gesandt?
Hohe Gebieterin, sagte Karl, Osmin schloß mich bis jetzt in seinem Hause ein, ließ mich streng bewachen, und ich erfuhr eine Behandlung, wie man sie kaum einem Sklaven angedeihen läßt.
Und hast du denn nie Gelegenheit gehabt, fragte Ossira weiter, mich oder Hassan von deiner kummervollen Lage in Kenntniß zu setzen?
Ich war der strengsten Aufsicht unterworfen, erwiederte Karl und nur jetzt erst, da Osmin in Handelsgeschäften sich entfernt hat, bot sich mir die Gelegenheit, in diese Gärten zu kommen, ach, und kaum war ich wieder in diesen prächtigen Gefilden, so zog es mich mit Gewalt hieher an diesen Ort, den ich so herrlich umgewandelt fand.
Osmin, sagte Ossira, hat schlimm an dir gehandelt, und sich schwer wider Hassan vergangen, dem ich Alles, was du mir jetzt mitgetheilt hast, hinterbringen und dabei Osmin schwer anklagen werde, damit man ihn streng zur Strafe ziehe.
Erlaubet mir, hohe Gebieterin, sprach Karl, daß ich mich in diesen Gärten aufhalten darf, denn ich befürchte, kehre ich in Osmin's Haus zurück, nur grausam mißhandelt zu werden.
Gehe hin zu jenem Sklaven, sagte Ossira, welcher eben die beiden Körbe voll Blumen in Hassan's Gemächer trägt, sage ihm, ich hätte befohlen, er solle dich so lange in seinen Schutz nehmen, bis man dich von ihm zurück verlange. Ich aber will mich bei Hassan für dich verwenden.
Ossira verschwand wieder und Karl ging auf den Sklaven zu und hinterbrachte ihm Ossira's Befehle.