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Quer durch Uganda

WEIHNACHTEN UND NEUJAHR IN MBALE.

Reading edition

Unsere Reiseroute verboten und wieder bewilligt / Trägersorgen / Feiertagsstille / Ein Zeltbrand / Gefrässige Termiten / Ein alter Afrikaner / Der unbrauchbare Phonograph / Eingeborenentanz / Die Neujahrsnacht / Kapitän Taughners Strafexpedition / Die Karamojoleute und ihre Waffen / Ein mutiger Häuptling / Der diebische Diener.

Von Bujobo führt eine schöne, breite Strasse nach Mbale, die nun in flottem Tempo zurückgelegt wurde. Aus den Ansiedlungen eilten die Eingeborenen in grossen Mengen herbei und begrüssten uns mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit. Knapp vor Mbale kam uns ein Renner mit zwei Telegrammen entgegen, in denen uns der Dank für unsere Depeschen an Kaiser Franz Josef und an den Gouverneur Harry Jackson ausgesprochen wurde.

In Mbale angelangt, — wir hatten den 21. Dezember, — statteten wir zunächst Mr. Peryman und Dr. Sells Besuche ab, die sich beide von ihrem Unwohlsein schon vollständig erholt hatten. Von Mr. Peryman mussten wir aber die unangenehme Mitteilung entgegennehmen, dass Provinzkommissär Mr. Watson telegraphisch angeordnet habe, uns die Erlaubnis zum Betreten der nördlich vom Salisbury-See gelegenen Naqua- und Toburgebiete zu verwehren. Diese von Europäern bisher noch nicht besuchten Gegenden seien äusserst unsicher und gefährlich, und es hätten gerade jetzt zwei englische Strafexpeditionen, von denen die eine aus dem Süden, die andere aus dem Westen vorwärts rücke, heftige Kämpfe mit den Eingeborenen östlich von den Naquabergen zu bestehen. Ausserdem seien auch in das Karamojogebiet einige Tausende, mit Gewehren bewaffnete Abessynier eingedrungen, die sich plündernd, mordend und niederbrennend auf einem Raubzuge befänden. Dieses Verbot setzte uns in grosse Verlegenheit, da es die ganze Fortsetzung unserer Expedition in Frage stellte. Meine Vorstellungen, dass mir die Bewilligung zu dieser Reise sowohl vom englischen Kolonialministerium als auch vom Gouverneur Mr. Jackson erteilt sei und dass mir ausserdem von der englischen Regierung als Begleitung meiner Karawane 15 Askari mit einem Sergeanten beigestellt wurden, bewogen aber schliesslich Mr. Watson, von seinem Verbote unter der Bedingung abzustehen, dass auch der Distriktkommissär von Nimule, Mr. Bains, keine Einwendungen gegen unsere Reise erhebe. Da von Mr. Bains diese Bewilligung in einigen Tagen telegraphisch eintraf, war das Hindernis, das sich so plötzlich unserer weiteren Reise entgegengestellt hatte, glücklich wieder beseitigt.

Die Tage, die wir in Mbale zubrachten, hatten wir Arbeit in Hülle und Fülle. Soweit meine Zeit nicht durch die Verhandlungen mit Mr. Peryman in Anspruch genommen war, beschäftigte ich mich mit wissenschaftlichen und photographischen Aufnahmen, Dr. Stigler mit seinen physiologischen Studien. Auch das Verpacken der bisherigen, schon ziemlich reichhaltigen Sammlungen, namentlich der botanischen, erforderte viel Mühe, da in Mbale keine Kisten erhältlich waren und die Gegenstände daher, sorgsam in Matten gehüllt, und mit Stricken umwunden, nach Jinja geschickt werden mussten, wo sie erst wiederum in Holzkisten umgepackt wurden, um für den langen Transport nach Europa geeignet zu sein.

Die grösste Sorge aber bereitete uns, wie schon so oft, die Aufnahme der Träger. Der Versuch Mr. Perymans, Kawirondoträger aus Mumias zu bekommen, war vollständig fehlgeschlagen, und unser Heatmann Abeidi, der es übernommen hatte, während unserer Expedition auf den Elgon die noch fehlenden Träger zu beschaffen, konnte uns nach unserer Rückkehr nur eine ganz kleine, völlig unzulängliche Anzahl vorführen. Ich drängte nun Abeidi, die noch nötigen Träger so schnell als möglich herbeizuschaffen, und erklärte mich von vornherein mit allen seinen Forderungen für einverstanden. Dies nützte der schlaue Araber auch gehörig aus. Für sich selbst verlangte er ein monatliches Honorar von 150 Rupien sowie die Erlaubnis, ein eigenes Zelt, einen Koch für seine Person und auch mit mehreren eigenen Trägern einige Lasten Tabak, Amerikani usw. mitnehmen zu dürfen, welche Dinge er während des Marsches den Trägern um teures Geld verkaufen wollte. Zur Anschaffung dieses Warenlagers benötigte er ausserdem einen Vorschuss von 500 Rupien. In Anbetracht der ausserordentlichen Schwierigkeiten, die uns auf unserer weiteren Reise bevorstanden, versprach er jedem Träger statt des sonst in Uganda üblichen Monatslohnes von vier bis fünf Rupien einen solchen von 10 Rupien. Ausserdem sollte ihnen ein einmonatliches Gehalt als Vorschuss sofort ausgezahlt und die Träger auf der Boma, dem Regierungsamtshaus, registriert werden, um so die Gefahr des Davonlaufens zu vermindern. Trotz dieser hohen Löhne ging aber die Anwerbung nur sehr langsam vor sich, so dass auf der Boma täglich nicht mehr als 20 bis 30 Träger registriert werden konnten. Die Leute wussten eben, was es heisse, eine 60 Pfund schwere Last durch eine ungemein wasserarme Gegend zu tragen, in der jedes Zurückbleiben mit der Gefahr verbunden war, von den wilden Naqua- und Toburstämmen hingeschlachtet zu werden. Von grossem Werte für uns waren die über Vorschlag Abeidis aus Kilimi bestellten Tragesel, von denen jeder 200 Pfund Mehl auf seinen Rücken erhielt. Im übrigen trachteten wir, uns jedes halbwegs entbehrlichen Gepäckes zu entledigen und schafften es gleichzeitig mit den 13 Kollis, die die bisher angelegten Sammlungen enthielten, über Jinja, Kisumu und Mombassa nach Europa. Andererseits erhielt unser Gepäck aber wieder einen Zuwachs durch zehn Ringe mit Eisendraht, der einen sehr wichtigen und beliebten Tauschartikel bei den Naqua-, Tobur- und Karamojoleuten bildet.

So war mit diesen Arbeiten und Besorgungen der 24. Dezember, der Weihnachtstag, herangekommen. Es war drückend heiss und derart schwül, dass jede Arbeitslust gelähmt wurde. Wir gaben uns daher der Ruhe hin und konnten dies um so eher tun, als es doch der Tag des Weihnachtsfestes war, ein Tag, an dem, ob wir nun wollen oder nicht, immer wieder die Erinnerung an frohe Kinderjahre mit ihrer bangen Erwartung vor der Weihnachtsbescherung und ihrer Freude am lichterstrahlenden Christbaum lebendig wird. Hier im fernen Lande, mitten in der afrikanischen Wildnis, wirkte diese Erinnerung noch viel mächtiger, und mehr denn je weilten heute unsere Gedanken bei unseren in der Heimat zurückgebliebenen Lieben, die ja in dieser Stunde ebenso treu an uns denken wie wir an sie. Den Weihnachtsabend selbst verbrachten wir in dem gemütlichen Heime Dr. Sells, der die wenigen hier ansässigen Europäer mit ihren Damen zu sich geladen hatte.

Am nächsten Tage, dem 25. Dezember, ruhte hier in Mbale ebenso alle Arbeit, und waren ebenso alle Kaufläden geschlossen, wie in Europa. Nur die Post übernahm ausnahmsweise Briefe, weil gerade heute ein Renner nach Jinja abging. Mittags waren wir abermals bei Dr. Sells geladen und wir hatten gerade gespeist, als ein Boy herbeigelaufen kam und mir die Meldung brachte, daß soeben das Zelt des Photographen Schwarzer abgebrannt sei. Ich war auf das äußerste bestürzt, da Herr Schwarzer gerade tags vorher das gesammte kartographische Material von mir zur Numerierung und Verpackung für die Absendung nach Europa übernommen hatte und ich befürchten mußte, daß es durch den Brand beschädigt oder gar vernichtet worden sei. Ich lief mit Dr. Stigler sofort in das Lager, aber schon auf dem Wege dorthin eilte mir Schwarzer entgegen und gab mir die beruhigende Erklärung, daß nur das Zelt und die Dunkelkammer verbrannt, aber das ganze Material gerettet sei. Ueber die Ursache des Brandes konnte niemand eine Aufklärung geben. Wahrscheinlich warf ein am Zelt vorübergehender indischer Kaufmann, deren es in Mbale mehrere gibt, eine noch brennende Zigarette achtlos weg, die dann die Zeltwand in Brand gesetzt haben dürfte. Deren wasserdichter Stoff war, da schon seit längerer Zeit kein Regen gefallen war, infolge der enormen Hitze bis in das kleinste Gewebe ausgetrocknet und brannte daher wie Zunder. Der Schaden wurde übrigens bald wieder gut gemacht, da mir Dr. Sells sein eigenes Zelt käuflich überließ und eine neue Dunkelkammer aus schwarzem Tuch von einem indischen Schneider innerhalb zweier Tage geliefert wurde. So hatte das Feuer eigentlich nur in meine Geldbörse ein Loch gebrannt. Verhängnisvoll wäre die Situation geworden, wenn der Brand auch auf die übrigen Zelte übergegriffen hätte, da eine Nachbeschaffung unserer Ausrüstung nur von Nairobi aus möglich gewesen wäre, was viele Wochen, wenn nicht Monate gedauert hätte.

Am nächsten Tage, dem 26. Dezember, an dem gleich wie tags vorher alles geschlossen war und Feiertagsstille herrschte, brachte mir mein Boy eine neue Unglücksbotschaft. Er hatte die Kiste, in der die Lobeliaceen verpackt waren, aufgehoben und dabei die Beobachtung gemacht, daß sowohl die Säcke wie das Holz von Termiten zerfressen worden waren. Wir untersuchten sofort die übrigen Sachen, die unter dem sogenannten Sonnensegel meines Zeltes aufgestapelt waren, und konstatierten hier die gleiche betrübliche Tatsache: alles, was von Holz oder Stoff und nicht imprägniert war, so unter anderen vielen Gegenständen unsere Expeditionsfahne, war vollständig zerfressen. Unsere Zelte standen schon seit mehreren Tagen auf dem saftigen Grase einer Wiese, in der auch nicht die geringste Spur von Termiten zu beobachten war. Diese gefräßigen kleinen Tiere müssen in der Nacht vom 25. auf den 26. mein Zelt erreicht und dann dort im Zeitraum von wenigen Stunden solche Verwüstungen angerichtet haben. Wir ermangelten nicht, nun unser ganzes Gepäck auf untergelegten Steinen zu schichten.

Wir hatten in der Nähe unseres Lagers einen interessanten Nachbarn. Ein alter, schon ergrauter Australier, Mr. Pattingill, ein früherer Elefantenjäger, der noch nie in Europa gewesen war, hatte in der Nähe von uns sein Zelt aufgeschlagen. Er war ein erfahrener Afrikaner und liebenswürdiger Ratgeber. Da er auch in den Karamojogebieten viel gejagt hatte und bei dieser Gelegenheit bis gegen die Toburberge gelangt war, konnte er uns wichtige Auskünfte über die Wasserarmut und den Mangel an Lebensmitteln in diesen Gegenden geben, und berechnete mit uns den Bedarf der Karawane an Mehl. Er lagerte schon viele Wochen in Mbale, um einige Tausend Eingeborene als billige Arbeitskraft — zu einem Monatslohn von 3–4 Rupien — für eine grosse Kaffeeplantage zwischen Jinja und Kampala anzuwerben. Er vermittelte es, dass wir während unseres Aufenthaltes in Mbale einen Eingeborenentanz zu sehen bekamen, den Photograph Schwarzer für seine Gesellschaft kinemathographisch festhielt. Dr. Stigler und ich wollten mit dem uns von der Akademie der Wissenschaften beigestellten Apparate eine phonographische Aufnahme machen, bemerkten aber bei diesem ersten Versuch, dass beim Geschwindigkeitsregulator eine Feder aus ihrer Befestigung herausgerissen war, so dass der Apparat nicht funktionierte. Da, wie wir auch erst jetzt zu unserem Leidwesen sahen, die Beipackung von Reservebestandteilen in Wien vergessen worden war, schlug dieser erste Versuch gründlich fehl. In den indischen Kaufläden konnten wir nirgends eine Ersatzfeder auftreiben, und erst später half uns ein englischer Ingenieur, der vorübergehend in Mbale zu tun hatte, mit einer Feder aus. Der Tanz wurde in der Weise ausgeführt, dass Männer und Frauen im Gänsemarsche im Kreise fortwährend stets nach derselben Richtung hüpfen, während in der Mitte einige Männer die Trommel schlagen und die Umstehenden unter Gesang gleichmässig in die Hände klatschen. Die Tanzenden führen während des Hüpfens durch rasche Bewegungen des Unterleibes und der Hüftgelenke nach dieser lärmenden eintönigen Musik eine Art Bauchtanz auf. Gewöhnlich beginnen die Eingeborenen mit diesem Tanze am Abend und setzen ihn dann die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen fort. Wir hörten wiederholt in stillen Nächten die Trommelschläge von einem Tanzplatz, der oft einige Meilen von unserem Lager entfernt war.

Unser Vorhaben, gleich nach den Weihnachtsfeiertagen von Mbale abzumarschieren, mussten wir aufgeben und unsere Abreise auf die ersten Tage des Jänner verschieben, da wir noch immer zu wenig Träger hatten. Den Sylvesterabend verbrachten wir in unserem Lager, wo wir dem scheidenden Jahre ohne Punschbowle Adieu sagten, in herzlichem Gedenken aber bei unseren Lieben in der Heimat weilten. Obwohl die Tagestemperatur 38 bis 39 °C. im Schatten betrug, sank sie am Abend doch bis auf 15° herunter, so dass wir im Freien nur mit dem Ueberrock sitzen konnten. Der letzte Tag des Jahres brachte uns noch einen herrlichen Sonnenuntergang, der den vor uns steil aufsteigenden Kogonchoro in tiefem Purpur erglühen liess. Im ewigen Aetherdome stieg der Mond wie eine Riesengoldampel auf und umschleierte mit seinem magischen Lichte das entzückende Landschaftsbild, die Konturen der im Norden mächtig emporragenden Bergriesen und die vor uns sich ausbreitende Steppe, ein Bild unendlicher Grösse und zauberhafter Schönheit. Ich sass vor meinem Zelte und blickte lange nach dem immer höher steigenden Mond, und mir war es, als ob daheim, viele tausend Meilen weit, auch jemand hinaufschaue und dort oben sich unsere Blicke treffen würden.

Tafel 26

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Jiwehäuptling

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Karamojohäuptling

Tafel 27

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Häuptling von Kilimi

⇒ GRÖSSERES BILD

Wir nehmen Abschied vom alten Jahr, rufen uns um 12 Uhr nachts „Prosit Neujahr“ zu und lassen unsere Gedanken in die vor uns liegenden bisher unerforschten Gebiete schweifen, wo uns viele Gefahren und Schwierigkeiten erwarten, die wir aber nicht fürchten, auf die wir gefasst sind. Aber jeder Tag bringt uns Neues, Wissenswertes, unbekannte Volksstämme mit ihren, von den bisher gesehenen, abweichenden Wohnhütten, Haartrachten, Schmuckgegenständen, Beschäftigungen, und unbetretenes Land mit unbekannten grossen Bergen steigt vor uns auf, und so durchträumen wir die erste Nacht des Jahres 1912.

Der Neujahrstag wurde auch in Mbale mit Arbeitsruhe gefeiert. Gegen 11 Uhr vormittags drangen aber ferne, taktmässige Trommelschläge an unser Ohr, die immer lauter wurden, und plötzlich wurde hinter dem Regierungsamtshause eine Menge von Menschen sichtbar, an der Spitze ein Fahnenträger, Askari mit vollständig zerfetzten Khakianzügen, Gewehre tragende Eingeborene und Gruppen von prächtig aussehenden Wilden mit reichem Arm- und Halsschmuck und äusserst merkwürdigen Haartrachten. Es war die Karawane des Kapitän Taughner, der von seiner Strafexpedition in die von den Abessyniern unsicher gemachten Gegenden des nordöstlichen Uganda zurückkehrte. Er war vor sechs Monaten nach Manimani und in die nördlich davon gelegenen Gebiete marschiert und hatte mit den Eingeborenen, die mit französischen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet waren, harte Kämpfe zu bestehen. Mehrere seiner Askari waren dabei getötet oder verwundet worden, aber die Verluste bei den Wilden waren natürlich ungleich grösser, da hunderte von ihnen dem Feuer der Repetiergewehre und einer Maximkanone zum Opfer fielen. Kapitän Taughner begab sich nach Entebbe, um dem Gouverneur Bericht zu erstatten und die von ihm mitgebrachten Eingeborenen von dem Jiwestamm vorzuführen, dann wollte er sofort wieder nach Mbale zurück, um eine neue Expedition in dieselben Gebiete auszurüsten. Wie ich später erfuhr, hatte er hierbei bezüglich der Beschaffung von Trägern die gleichen Schwierigkeiten wie wir.

Am Nachmittage hatten wir einige Leute des Karamojo- und Jiwestammes, die mit Kapitän Taughners Karawane in Mbale angelangt waren, gegen Zusicherung eines guten Bakschisch in unser Lager kommen lassen, wo Dr. Stigler an ihnen physiologische Studien und ich photographische Aufnahmen machte. Ausser dem Häuptling von Jiwe, einem sehr gesprächigen und freundlichen Menschen, waren einige Karamojomänner gekommen, alles kräftige und schlank gebaute, muskulöse Gestalten mit wildem Gesichtsausdruck (Tafel 26). Sie trugen fast gar keine Kleidung, nur der eine oder andere von ihnen deckte mit einem kleinen Stück Fell seine Blösse und trug eine dünne Eisenkette um den Leib geschlungen. Das auffallendste an ihnen ist die Frisur, die sie, mit Lehm und Fett beschmiert, in zwei charakteristischen Formen tragen. Die Karamojo hatten vom Hinterhaupt nach abwärts einen grossen, schildartig geformten, flachen Haarbeutel an ihren Haaren hängen, der Jiwehäuptling hatte vorne und rückwärts sein Haar kammförmig frisiert, beziehungsweise diese Formen mit Zuhilfenahme von Lehm und Fett kunstvoll modelliert. Der Oberkörper, besonders die Arme und anschliessenden Brustpartien, sind stark tätowiert und zwar ringförmig um die Arme und die angrenzenden Teile der Brust. Man behauptet, dass bei diesem Stamme am rechten Oberarm jeder Tätowierungsring das Zeichen für die Ermordung eines Mannes, auf dem linken Oberarm für die eines Weibes und am linken Unterarm für ein getötetes Kind sei. Das kriegerische Aussehen der Karamojo wird noch durch einen langen elastischen Speer und einen verhältnismässig kleinen Schild gehoben. Ihr Schmuck besteht aus Eisenringen um den Hals, an den Armen und Fussgelenken. Einige trugen auch einen eigentümlich geformten eisernen Fingerring, der einen scharfen sichelartigen Fortsatz zeigte. Angeblich soll er als Rasiermesser dienen, man sagte uns aber, dass die Karamojo mit diesem Sichelring ihrem Gegner auch oft in einem unvorbereiteten Moment den Bauch aufschlitzen.

Der Häuptling von Kilimi, der sich auch unter unseren Besuchern befand, wies auf seinem rechten Arme nicht weniger als 21 tätowierte Ringe auf (Tafel 27). Ausserdem waren Hals, Rücken und Gesicht von schweren Narben zerrissen. Er erzählte über unser Befragen, dass er sich dieselben bei dem Kampfe mit einem Leoparden geholt, der sein Reittier angegriffen hatte. Ohne Zaudern war er auf die Bestie gestürzt, fasste sie mit der einen Hand bei der Gurgel und würgte sie nach Kräften, während er mit der anderen das Messer zog und darauf losstach. Der Leopard liess sofort von dem Tier ab, schlug aber dafür die Krallen seiner Tatzen in das Gesicht und den Nacken des mutigen Mannes, der es mit dem Messer solange zerfleischte, bis es verendet zu Boden fiel. Der Häuptling war schwer verwundet, aber er hatte mit kühner Todesverachtung sein Reittier gerettet. Man muss hierbei bedenken, dass bei allen wilden Völkern das Haustier einen ausserordentlichen Wert besitzt. In Karamojo bedeutet der Esel oder die Kuh das Geld, mit dem sich der Eingeborene Waffen, Hausgeräte und alle sonstigen Bedarfsmittel einkauft. Für ein krankes Tier sorgt er mit grösserer Sorgfalt als für sein erkranktes Weib oder Kind. Es ist daher auch zu verstehen, dass dieser mutige Kilimimann für das bedrohte Reittier, das ja überhaupt im Werte an höchster Stelle steht, sofort sein Leben in die Schanze schlug.

Die Karamojostämme leben in fortwährendem Kampfe miteinander. Ein Stamm sucht den andern zu überfallen und bei dieser Gelegenheit alles zu rauben und niederzubrennen. Zum Teil sind sie sogar mit aus Abessynien geschmuggelten Gewehren bewaffnet. Die Strafexpedition Kapitän Taughners sollte namentlich den Eingeborenen von Dodosi und Dabossa eine Lektion erteilen. Trotzdem diese sehr streng ausfiel, hunderte von Wilden erschossen und vierzig Dörfer niedergebrannt wurden, geschah es, dass nicht mehr als drei Stunden von Kapitän Taughner entfernt weitere Raubzüge vorkamen.

Am nächsten Morgen kam mein Heatman Abeidi mit der Meldung, dass er nun sämtliche Träger bis auf 30 beisammen habe. Sie wurden alle auf der Boma registriert, der englische Stations-Offizier stellte mir die zugesagten 15 Askari unter einem Sergeant als Kommandanten zur Verfügung, die ich auch alle gleich antreten liess, um die Träger besser beaufsichtigt zu haben und ein Durchbrennen zu verhindern. Die Zahl der Tragesel — aus Kilimi waren statt der 30 nur 17 gekommen — komplettierte ich mit denen, die Kapitän Taughner aus Karamojo mitgebracht und die er mir käuflich überlassen hatte. Sie mussten 4000 Pfund Mehl für die Eingeborenen, die mich begleiteten (Träger, Diener, Askari und Heatman) tragen.

Zu guter Letzt musste ich in Mbale noch meinen Diener Combo Mohamed, den ich schon seit Mombassa mitführte, verhaften lassen, da ich ihn in flagranti dabei erwischte, wie er mir Geld stahl. Bei der Auszahlung der Träger, wobei ich ihn ungesehen beobachtete, füllte er ungeniert die Taschen seiner Khakihose. Ich überraschte ihn hierbei, und als er seinen Sack entleerte, fand ich nicht weniger als 136 funkelnagelneue Zentstücke, die er verschwinden lassen hatte. Kaum war Combo verhaftet und auf die Boma gebracht worden, begannen die Träger und übrigen Boys, bei denen er sich grossen Respekt zu verschaffen gewusst hatte, zu beichten, und verrieten, dass er auch gesehen wurde, wie er Papiergeld wechseln liess, und dass er schon einmal auf einer Expedition nach dem Kongo wegen Diebstahls eine grössere Strafe hatte abbüssen müssen. Combo hatte mir von dieser Expedition ebensowenig mitgeteilt wie davon, dass er bei Professor Koch anlässlich dessen Schlafkrankheitsstudien am Viktoria-See monatelang als Boy gedient hatte. Er hatte mir in Mombassa nur ein Zeugnis des deutschen Forschungsreisenden Geh. R. Stuhlmann vorgewiesen, bei dem er zwei Jahre war und wo er auch die deutsche Sprache erlernte. Diese Sprachenkenntnisse meines Dieners gereichten mir aber eher zum Nachteil, da ich dadurch weniger Gelegenheit hatte, Suaheli zu sprechen, das ich mir durch meine Studien in Wien schon ziemlich angeeignet hatte. Im übrigen wäre Combo ein schlauer, flinker und sehr brauchbarer Diener gewesen, wenn er ausser seiner diebischen Veranlagung nicht noch einige andere Fehler gehabt hätte — er war ein leidenschaftlicher Trinker, Spieler und Verehrer des weiblichen Geschlechtes, hätte also ganz gut nach Europa gepasst, wo er ja genug gleich Veranlagte gefunden hätte. In Nairobi kaufte ich ihm einen Khakianzug, Hemden, Fez und braune Schnürschuhe, aber schon in Entebbe lief er barfuss herum, da er alles verklopft hatte, um sich dafür Eingeborenenbier zu kaufen. Nun musste er wieder einmal Busse tun. Nach einstündigem Verhör wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, und schon am nächsten Tage sahen wir ihn, die Kette um den Hals, mit anderen Gefangenen schwere Wasserkrüge tragen.

Die Möglichkeit, an Stelle Combos in Mbale einen anderen Boy aufzutreiben, war ganz ausgeschlossen, und so musste ich den einzigen englisch sprechenden Eingeborenen meiner Karawane, den Dolmetsch Simon, der auf der englischen Missionsstation in Kampala erzogen worden war, zu meinem Boy machen. Er erwies sich in der Folge als tüchtig und ehrlich, so dass ich ihm später auch die Verfügung über die Geldkiste anvertrauen konnte. Er führte genau Buch, und seine Abrechnungen stimmten jedesmal bis auf den letzten Zent.

Am 3. Jänner erklärte ich meinem Heatman, dass unter jeder Bedingung am nächsten Morgen abmarschiert werde, auch wenn noch einige Träger fehlen sollten. Für diesen Fall hatte uns Mr. Peryman zugesagt, die Lasten, die wir zurücklassen mussten, innerhalb weniger Tage mit eigens hierzu aufgenommenen Trägern nach Kumi, der letzten englischen Station zu schicken. Trotzdem sagte Abeidi, dass wir erst nachmittags aufbrechen könnten, da er noch seine eigenen Träger und Einkäufe besorgen müsse, für die er übrigens einen weiteren Vorschuss von 300 Rupien benötigte. Ich war damit einverstanden und drängte ihn zur Eile, da nicht nur die Gefahr des Durchbrennens der aufgenommenen Träger mit jedem Tage grösser wurde, sondern auch deren Erkrankungen immer mehr zunahmen, was Dr. Stigler am meisten zu fühlen bekam. Dabei hatten wir aber schon knapp nach unserer Rückkehr vom Elgon einige schwächliche und kranke Eingeborene ausbezahlt und in ihre Heimat geschickt.

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
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