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Quer durch Uganda

VON NIMULE NACH GONDOKORO.

Reading edition

Auf der Strasse nach Gondokoro / Grosse Grasbrände / Ein Marsch in der Vollmondnacht / In Loro / Wieder auf Elefantenjagd / Der tollkühne Adubungomoi / Erkrankung Dr. Stiglers / Ein Engländer auf Besuch / Unfreiwillige Träger / Schwarzer und Storch malariakrank / In der Nähe des Nils / Einmarsch in Gondokoro.

All diese Verzögerungen unserer Abreise von Nimule hatten zur Folge, dass wir am ersten Tag statt der geplanten 25 Meilen nicht einmal die Hälfte hiervon zurücklegten und nur bis zum Kamp am Assuariver kamen. Am nächsten Tage marschierten wir, immer auf der breiten Strasse, die zwischen dichtem Buschland und über hügeliges Terrain nach Gondokoro führt, bis Kiripe, wo wir unter prächtigen alten Bäumen unsere Zelte aufschlugen. Alsbald erschien in Begleitung eines grossen, nackten, mit Speer, Pfeil und Bogen bewaffneten Schwarzen der Häuptling des dortigen Bari-Stammes und teilte uns mit, dass etwa eine Stunde östlich von unserem Lager eine Herde von sieben Elefanten gesehen worden sei. Wir brachen gleich in dieser Richtung auf und konnten schon nach kurzem Marsche die frischen Fährten und die Verwüstungen entdecken, die die Kolosse an den ihnen im Wege stehenden Bäumen angerichtet hatten. Von einem kleinen Hügel aus sahen wir auch durch unsere Zeissgläser in weiter Ferne zwei einzelne Elefanten. Wir versuchten, durch das meterhohe Gras, in das uns die Tiere einen genügend breiten Steg getreten hatten, anzubirschen, traten aber bald wieder den Rückweg an, da die Elefanten inzwischen, wahrscheinlich um zur Tränke zu wandern, einen grossen Bogen gezogen hatten, und ausserdem auch schon die Dämmerung eingebrochen war. Am nächsten Morgen nahmen wir den Versuch wieder auf, aber ohne Erfolg. Die Elefanten dürften vermutlich durch grosse Grasbrände, die sich im weiten Umkreis zeigten und des Nachts auf Meilen hinaus die Landschaft beleuchteten, vertrieben worden sein. Die Träger haben nämlich die Gewohnheit, die Lagerfeuer, die sie bei jeder Gelegenheit anzünden, beim Verlassen der Stellen ruhig weiterbrennen zu lassen, und es genügt dann der geringste Luftzug, um das trockene Steppengras in Brand zu setzen.

Da untertags fast unerträgliche Hitze herrschte, beschlossen wir, erst abends aufzubrechen und in der Nacht bei Vollmondschein abseits von der Strasse in nordöstlicher Richtung nach Loro zu marschieren, wo sich zufolge einer Meldung, die uns Mr. Weatherhead durch einen Renner übermitteln liess, viele Elefantenherden aufhalten sollten. Um 6 Uhr abends traten wir unter Führung eines Barihäuptlings den Marsch an. Die Träger waren in bester Stimmung, und es ging unter Trommelschlag und Gesang in flottem Tempo vorwärts. Die ganze Landschaft war von den sich immer mehr ausbreitenden Steppenbränden beleuchtet, namentlich ein östlich von uns gelegener Berg stand nahezu ganz in Flammen, und wir sahen alte Bäume auf seinen Abhängen wie riesige Fackeln in sich zusammenbrechen. Es war ein mächtiger, schöner, imposanter Anblick, wie ringsumher Berge und Hügel gleichsam in ein Feuermeer von übernatürlichen Dimensionen gehüllt waren. Zudem stieg bald der grosse Feuerball des Mondes auf, der fast taghelles Licht über die Landschaft und die langgezogene Trägerlinie goss: ein unvergesslich schönes Bild. Uebt der Marsch durch die afrikanische Steppe schon bei Tag auf den Europäer ausserordentlichen Reiz aus, so ist der zaubervolle Eindruck einer solchen hellen Nacht um so überwältigender. Hie und da nähern wir uns einer Eingeborenenniederlassung, in der die Wilden um ein Feuer hocken und scheu davonlaufen, sobald sie uns erblicken, um nach dem ersten Schrecken aber doch wieder zurückzukehren und uns zu begrüssen. Gegen 11 Uhr machten wir in der Nähe eines beinahe ganz ausgetrockneten Flussbettes kurze Rast, dann ging es wieder weiter, das Trommelschlagen und der Gesang verstummten allmählich, schweigend zieht die Karawane vorwärts. Plötzlich erfasst meine Träger panischer Schrecken, in nächster Nähe ist ein Rudel Elefanten aufgetaucht. Die Lasten wegwerfen und das Heil in schleuniger Flucht suchen, war das Werk weniger Augenblicke. Die Elefanten zeigten jedoch keine Angriffslust, sondern zogen friedlich ihren Weg zur Tränke weiter. Es dauerte aber eine geraume Weile, bis die furchtsamen Träger, vorsichtig spähend, zurückkehrten und einer nach dem anderen seine Last wieder auf sich nahm und weiter marschierte.

Um 1 Uhr nachts hatten wir unser Ziel, Loro, erreicht, wo wir unter einem mächtigen alten Baum unser Lager aufschlugen und uns, ehe wir uns zur Ruhe begaben, erst noch an einem kleinen Imbiss stärkten.

Am nächsten Morgen meldeten uns zwei Eingeborene, dass, ungefähr eine Stunde von unserm Lager entfernt, ein Rudel Elefanten mit mehreren Bullen gesehen wurde. In einer Viertelstunde waren wir marschbereit, folgten unsern Führern das grosse Dorf entlang durch weite Durrapflanzungen, in denen die nächtlichen Besuche der Elefanten grosse Verwüstungsspuren hinterlassen hatten, und fanden dann in dem mannshohen Steppengras des Buschlandes bald frische Fährten. Kurz darauf erblickte auch mein Karamojomann von einem Baume aus, den er erklettert hatte, die Tiere selbst. Es war eine grössere Herde, die sich unter zwei hohen Bäumen niedergelassen hatte. Nur von einem, wahrscheinlich dem Wachhabenden, der den Blick auf uns gerichtet hatte und ununterbrochen die mächtigen Ohrlappen auf- und abschlug, sahen wir die Stosszähne. Nach deren Grösse war es ein Weibchen, und ich fürchtete, dass die ganze Herde aus solchen bestand, da wir von den vielen Bullen, die angeblich gesehen wurden, keinen erblicken konnten. Adubungomoi war von meiner Erklärung, deshalb nicht schiessen zu wollen, sehr enttäuscht; er versuchte, die Tiere in weitem Bogen zu umgehen, um aus kurzer Distanz das Geschlecht mit Gewissheit bestimmen zu können. Dadurch erhielten die Elefanten Wind, und die ganze graue Masse setzte sich staubaufwirbelnd und trompetend in Bewegung — ein grossartiges Schauspiel! Nach wenigen hundert Metern machte der Leitelefant mit seiner Herde unter Bäumen Halt, wir birschten nach und konnten nun auch deutlich die Stosszähne sehen. Die Herde bestand aus elf Stück, von denen zwei Junge und die übrigen alte Weibchen waren. Die Frage war für mich also erledigt, und ich begnügte mich von einem Termitenhaufen aus, den ich erstiegen hatte, mit dem schönen Anblick, den die Herde gewährte. Ich begab mich nach einiger Zeit zu Abeidi und den Eingeborenenführern zurück und kümmerte mich nicht weiter um die Elefanten, die auch ihrerseits, da wir guten Wind hatten, uns nicht beachteten und ruhig in ihrer Stellung blieben. Mit einem Male erscholl ein durchdringender Trompetenton, die ganze Herde sprang auf und ergriff — glücklicherweise in der uns entgegengesetzten Richtung — im Trab die Flucht, alles unter sich zertretend und zerstampfend. Wir griffen instinktmässig nach den Gewehren und konnten uns diesen plötzlichen, eiligen Abzug nicht erklären; da kam Adubungomoi aus der Richtung der Elefanten gelaufen und erzählte mit lachendem Gesicht, er habe dem grossen Elefanten, der gegen uns äugte, aus unmittelbarer Nähe den Speer ins Herz schleudern wollen, jedoch zu weit rückwärts getroffen, habe dann die Waffe sofort wieder herausgezogen und sei davongerannt. Ich wollte zuerst dies Jägerlatein nicht für ernst nehmen, aber der Karamojomann zeigte mir seinen Speer, und da sah ich, dass die messerscharfe Schneide in ihrer ganzen Länge mit frischem Blut bedeckt war und musste nun wohl an diese Tollkühnheit glauben, die freilich sehr übel hätte ausgehen können, wenn die Herde statt in der andern Richtung gegen uns losgestürzt wäre. Den blutbedeckten Speer kaufte ich Adubungomoi zur Erinnerung an diese Jagd ab.

Am nächsten Morgen wurde uns wieder eine grössere Herde Elefanten gemeldet, der wir aber gar nicht nachbirschten, da die Eingeborenen, die sie gesehen hatten, selbst meinten, es seien Weibchen und Junge. Wir gingen zunächst bis Kiriloo, setzten aber den Marsch dann erst abends, als es kühler geworden war, fort und erreichten gegen elf Uhr nachts Shindiroo. Am Nachmittage hatte Photograph Schwarzer besonderes Jagdglück. Von fünf Hartebeesten, die in einer Gruppe beisammen standen, erlegte er mit drei rasch nacheinander abgegebenen Schüssen drei Stück und brachte ausserdem auch noch eine kurz darauf aufspringende Gazelle zur Strecke, so dass wir nach längerer Zeit auf unserm Abendtisch wieder einen frischen, allerdings denkbar schlechtest zubereiteten Lungenbraten vorgesetzt erhielten.

Tafel 62

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Beratung mit dem Häuptling

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Regierungshaus in Gondokoro

Dozent Dr. Stigler, der hier ebenso wie im früheren Lager Beobachtungen an Eidechsen bezüglich eines etwaigen Zusammenhanges ihres Farbenwechsels mit dem Pariatalauge (Stirnauge) machte, hatte sich hierbei eine recht böse Augenkrankheit zugezogen. Beim Belichten des Pariatalauges mit einem Brennglas holte er sich infolge des Reflexes durch das intensive Sonnenlicht eine Verletzung der Netzhaut, so dass er an fortwährendem Flimmern litt und am linken Auge ausserdem eine bedeutende Schwächung der Sehkraft fühlte, welche Netzhautblendung in den folgenden Tagen leider noch schlechter wurde. Auch Photograph Schwarzer war nicht wohl, und es stellte sich bei ihm, immer noch als Folge der Krotonölvergiftung, grosse Schwäche und Brechreiz, begleitet von vollständiger Appetitlosigkeit, ein. Präparator Storch, der seit Naqua kränkelte und in Nimule einen sehr schweren Malariaanfall hatte, war die letzten zwei Tage zwar etwas besser; abends fühlte er sich aber immer sehr schwach und hatte Fieber. Meine grösste Sorge galt Dr. Stigler, der natürlich in sehr gedrückter Stimmung war und sogar von der Möglichkeit einer Erblindung sprach. Ich verzichtete daher, trotzdem gerade diese Gegend ein Eldorado für Elefantenjäger ist, auf jede weitere Jagd und trachtete, sobald als möglich nach Gondokoro oder Rejaf zu kommen, wo vielleicht ein englischer Arzt zu finden war, der Dr. Stigler augenspiegeln konnte. Gleichzeitig schickte ich einen Renner nach Rejaf mit einem Brief an den dortigen Distriktsbeamten voraus, in dem ich bat, dass uns ein Arzt eventuell entgegenkommen möge (Tafel 61).

Mittags bekam ich den Besuch eines Engländers, Namens Grogan, eines Sportsmannes, der in diese Gegend hauptsächlich der Elefanten wegen gekommen war. Er erzählte mir, dass er vor kurzem zwei Tagereisen östlich von unserm Lager auf eine Elefantenherde gestoßen war, die nach seiner Schätzung nicht weniger als 500 bis 600 Stück zählte.

Bereits mittags war unsere Karawane marschbereit, es fehlte aber an Trägern, um Dr. Stigler in der Hängematte zu transportieren. Der Häuptling von Shindiroo, Lodju, hatte zwar versprochen, uns die noch fehlenden Träger zu beschaffen, erklärte aber, als ich Abeidi später zu ihm schickte, dass niemand von seinen Leuten diesen Dienst leisten wolle. So blieb uns nichts anderes übrig, als uns selbst zu helfen. Wir schickten drei Askari in die nächste Niederlassung, wo sie einige Eingeborene einfingen und zwangen, uns bis zum nächsten Kamp Trägerdienste zu leisten.

Erst spät nachmittags marschierten wir ab und lagerten die Nacht in der Nähe eines grossen, ausgetrockneten Flussbettes. Am folgenden Tage kamen wir bis Kittriver, dem Sitz eines mächtigen Sultans, der uns in Begleitung seiner Minister, zweier Hornisten und vieler Untertanen in einem violetten Sammtanzuge mit Goldverschnürung begrüsste und uns in ein schönes Rasthaus geleitete. Dort erhielten wir alsbald aus Rejaf die Nachricht, dass nachmittags ein Arzt eintreffe. Ausserdem wurde Dr. Stigler von Major Castlesmith eingeladen, bis zum Abgang des nächsten Dampfers nach Khartum bei ihm in Rejaf als Gast zu bleiben. Zu allem Ueberflusse hatte Schwarzer heftiges Fieber und Brechanfälle bekommen, er war malariakrank geworden, und Storch hatte sich nach dem Eintreffen im Lager, wie gewöhnlich, sofort auf das Bett geworfen, so dass ich wieder der einzige Europäer blieb, der gesund war. Nachmittags kam der Arzt aus Rejaf, ein Syrier, und übernahm den Transport Dr. Stiglers, während ich für Schwarzer, den wir mit uns nahmen, aus Stricken und einer Zeltbodendecke eine zweite Hängematte machen liess. Indessen war auch Mr. Grogan mit seinen Trägern angekommen, der ebenfalls nach Gondokoro zu marschieren beabsichtigte.

Erst spät abends, bei völliger Dunkelheit, trafen wir in Ibrahim ein, wo wir übernachteten. Wir waren nun wieder in nächster Nähe des Nils und mussten unser Lager durch grosse Feuer vor etwaigen Besuchen der zum Wasser streifenden Elefantenherden schützen. Trotzdem hörten wir gegen zwei Uhr nachts deutlich das Brechen und Knacken der Aeste, die die Elefanten auf ihrem Wege abstreiften.

Von Gondokoro trennten uns neun Meilen. Da wir dort noch vormittags unsere Zelte aufschlagen wollten, verliessen wir Ibrahim zeitlich morgens. Nach einigen Dörfern, die wir passierten und in denen trotz der frühen Morgenstunde bei Trommelbegleitung getanzt wurde, führte das letzte Stück der breiten Strasse von Nimule durch vollständig ebenes Terrain, so dass wir schon aus weiter Ferne die Blechdächer der Regierungsgebäude von Gondokoro im Sonnenschein blitzen sahen. Zu beiden Seiten der Strasse standen viele neugierige Eingeborene, und unser Einmarsch — der letzte auf dieser langen, schönen, unvergesslichen Reise — vollzog sich in tadelloser militärischer Ordnung. Wir marschierten zunächst zum kleinen Postgebäude, wo mich eine Unmenge von Briefen erwartete, und dann weiter zum Regierungsamtshaus. Die Askari von Gondokoro traten ins Gewehr, und der Vertreter Mr. Weatherheads — er selbst war gerade auf einer Dienstreise — empfing uns und wies uns den Lagerplatz für die Träger sowie einen kleinen Steinbau mit zwei Zimmern als Schlafstätte für uns Europäer an. Das kleine Haus überliess ich dem kranken Schwarzer, während ich und Storch in unseren Zelten schliefen. Das ganze Gepäck wurde zwischen den Zelten auf grossen, untergelegten Steinen aufgestapelt, da es hier sehr viele Termiten gibt und wir nicht zum zweiten Male mit ihnen böse Erfahrungen machen wollten. Bei uns blieben nur die Boys und Küchenleute, die Träger erhielten ihr Lager unter Führung des Heatmans in ziemlicher Entfernung von uns angewiesen. Mr. Grogan, der gleichzeitig mit uns in Gondokoro ankam, schlug sein Lager neben mir auf, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinschaftlich, wodurch meine Kost eine ausserordentliche Verbesserung erfuhr, denn Mr. Grogan hatte einen ganz vorzüglichen Koch. (Tafel 62).

Gondokoro, der nördlichste Ort Ugandas, am rechten Ufer des Nils gelegen, ist eine kleine, aber wichtige englische Niederlassung, die aus dem Regierungshaus, dem Wohnhaus des Distrikts-Adjunkten und dem Postgebäude, alles Parterre-Häuser, die aus Ziegeln gebaut und mit Gras oder Wellblech abgedeckt sind, aus einigen Askari-Hütten und zwei indischen Kaufläden besteht. Die Postverbindung wird durch die zweimal im Monat verkehrenden Nildampfer besorgt. Telegraph gibt es noch keinen, jedoch ist die Verbindung geplant. Das wenige Stunden südlicher gelegene Rejaf, am linken Nil-Ufer im Ladogebiet des Sudan, hat telegraphische Verbindung über Khartum, Nimule besitzt hingegen eine solche mit Europa über Entebbe und Mombassa.

Es fehlt daher noch die Verbindung Rejaf-Nimule, die demnächst hergestellt werden soll.

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
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