BEI DEN ACHOLI.[3]
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BEI DEN ACHOLI.[3]
An den Ufern des Nam / Afrikanisches Gewitter / Ein unterbliebener Angriff / Die Kinderhütten der Acholi / Unsinnige Eingeborenenmoden / Schlanke Taillen / Der medizinsüchtige Häuptling.
Nördlich von Adelang, das wir am nächsten Morgen in Begleitung der beiden Häuptlinge verliessen, erstreckt sich das weite Gebiet der Kamjuru[4] oder Acholi, das zwischen dem Nil im Westen und den Naqua- und Toburbergen und den sich an diese anschliessenden Gebirgsstöcken des Napong und Parabonga im Osten liegt. Diese Bergkette, die sich gegen Norden noch in vielen kleineren Felsspitzen etwa hundert Meilen weit fortsetzt, bildet die Grenze zwischen den Acholi und Karamojo. Die Gegend zeigt fast durchweg Steppencharakter, stellenweise gibt es auch dichteres Buschland und kleinere, aus der Ebene aufsteigende Berge. Der Boden ist fruchtbar, und die Niederlassungen werden, je mehr man sich dem Nil nähert, desto zahlreicher und grösser. Die Humusschicht ist nicht sehr stark und liegt über Granitfelsen, die oft, namentlich an den Ufern der Flussläufe, in grossen Flächen nackt zutage treten.
Unser Weg führte uns über Odong durch dichtes Buschland und zwischen einigen kleineren Erhöhungen hindurch nach vierthalbstündigem Marsche in das erste Dorf, Jalé, das auf einer Anhöhe um einen hohen alten Baum angelegt war. Unter diesem schlugen wir unsere Zelte auf einem grossen sandigen Platze auf, um den herum die Hütten der Eingeborenen standen. Unsere Träger liessen wir ausserhalb der Niederlassung lagern, um die dann und wann vorkommenden Plünderungen, auf die ich grosse Strafen gesetzt hatte, vollständig zu verhindern. Das Dorf, in dessen nächster Nähe sich das Flussbett des Nam, eines Nebenflusses des Assuariver, befindet, ist mit einem einige Meter hohen Zaun aus dicken Stämmen und Aesten umgeben, der einen Schutz gegen die Ueberfälle feindlicher Stämme oder wilder Raubtiere bilden soll. Die Eingeborenen sind prächtige grosse Gestalten und unterscheiden sich wohltuend von jenen in Adelang, bei denen Dr. Stigler einige ganz besonders schwere Fälle von Lues konstatiert hatte.
Dr. Stigler war gleich nach unserer Ankunft auf Hartebeeste jagen gegangen, von denen er zwei Stück zur Strecke brachte; ich tat nachmittags mit Schwarzer desgleichen und brachte zwei starke Ugandaböcke mit. Auf der Jagd hatte uns ein fürchterliches Gewitter überrascht, und es war so finster, dass wir uns blindlings der Führung eines Eingeborenen überliessen, der auch im Dunkel noch scharf sah und sich gut orientierte. Eine volle Stunde tappten wir so in der Finsternis weiter, bis wir zum Namriver kamen, durch den wir von den Eingeborenen getragen wurden. Ganz durchnässt vom Gewitter kamen wir im Lager an, in dem wir die Zelte vollständig unter Wasser gesetzt vorfanden. Das Gewitter dauerte noch in unverminderter Heftigkeit fort, und alle Augenblicke schlug der Blitz in unserer nächsten Nähe in die Felsen oder in das Wasser. Wir blieben noch lange beim Abendtisch zusammen, da wir die Rückkehr der Träger abwarten wollten, die das geschossene Wild brachten.
Gerade als wir zu Bett gehen wollten — es war elf Uhr geworden — brachten uns einige der Eingeborenen die wenig erfreuliche Nachricht, dass der mit ihnen in stetem Kampfe liegende, weiter nördlich siedelnde Stamm einen nächtlichen Angriff auf das Dorf plane. Da dieser von unserer Anwesenheit wusste, hatte er es natürlich in erster Linie auf die Plünderung unserer Karawane abgesehen, und es erwuchs für uns wieder, wie erst vor einigen Tagen, die Notwendigkeit, uns zu rüsten. Wir berieten uns mit dem Askari-Sergeanten, der die Angelegenheit sehr ernst nahm, verstärkten die Wachtposten und stellten solche auch ausserhalb des Dorfzaunes auf. Erst dann begaben wir uns zu Bett und nahmen die geladenen Gewehre mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Die Nacht verstrich aber, ohne dass wir aus unserer Ruhe aufgeschreckt worden wären.
Am nächsten Vormittage besichtigte ich nach Erledigung der astronomischen Aufnahmen — die kartographischen mussten wegen des zu ebenen Terrains und des jeden Ausblick verhindernden Buschlandes in der Umgebung unterbleiben — die Dorfhütten, unter denen besonders Kinderschlafhütten, die ich in Uganda bisher noch nirgends gesehen hatte, meine Aufmerksamkeit erregten. Sie sind auf neun, ungefähr anderthalb bis zwei Meter hohen, gegabelten Pfählen errichtet; auf diesen ruhen horizontal gelegte starke Baumstämme und quer über diesen ein Holzrost, der die eigentliche Hütte trägt. Sie bieten Raum für drei bis vier Kinder und besitzen nur eine ganz niedrige, eben für die Kleinen berechnete Oeffnung. Der Unterteil der Hütte besteht aus Lehm und ist auf den Rost von Prügelholz gesetzt, und darüber erhebt sich, spitz wie eine Garbe zulaufend, das aus Gras hergestellte, abhebbare Dach. Vor dem Eingang ist als Vorraum eine kleine offene Veranda angebracht, zu der die Knirpse über hohe Holzstufen hinaufklettern (Siehe Seite 128).
Die Wohnräume der Erwachsenen sind grosse Grashütten, von denen das Dorf Jalé viele zählte, ausserdem gibt es auch noch genug Vorratshütten, die, gleichfalls aus Gras geflochten, auf grossen Steinen errichtet sind und ein leicht abhebbares Grasdach besitzen. In diesen korbförmigen Behältern werden die Bohnen, das Durramehl und die sonstigen Lebensmittel aufbewahrt. Die wenigen Kühe, Schafe und Ziegen, die die Eingeborenen besitzen, werden zur Nachtzeit in kreisförmig angelegte, von Baumstämmen eingezäunte Plätze getrieben, oft ist auch in den Wohnhütten selbst mit Stangenholz ein Raum für das Kleinvieh abgesteckt (Tafel 55–57).
Fast sämtliche häusliche Arbeiten, sowie die Pflege der Kinder besorgen die reich mit Perlen, Eisenringen und Amuletten geschmückten Weiber, während die Männer, wenn sie nicht auf die Jagd gehen, sich die Zeit mit Nichtstun, Schwatzen und Rauchen vertreiben. Gemeinsam ist ihnen ein starkes Verlangen nach Stoff und Kleidern. Ihr Häuptling hatte den weiten Weg nach Nimule nicht gescheut, um dort auf irgendeine Art einen Khakianzug einzutauschen, und dies wirkte auf seine Eingeborenen geradezu ansteckend. Von allen unseren Tauschartikeln besass für sie der Baumwollstoff den grössten Wert, und alles, was wir von ihnen eintauschten, Speere, Schmuckgegenstände oder Nahrungsmittel, musste mit Amerikani bezahlt werden. Die Haartracht der Männer war von den Haartrachten, welchen ich früher begegnete, abweichend und höchst eigenartig. Die Männer drehen sich gegen vorn einen Spitz, den sie mit einer, mit Perlen geschmückten, kleinen, aus Haaren geflochtenen Kappe krönen. Eine weitere Eigentümlichkeit, wie wir sie bisher noch nicht gesehen hatten, besteht darin, dass die Kamjuru ihre Oberarme durch fest angelegte Eisenringe oder Spiralen abbinden. Dies geschieht schon in früher Jugend, so dass der Mittel- und Unterarm in den späteren Jahren unnatürlich anschwillt. Bei vielen bemerkten wir sogar eine ähnliche, höchst merkwürdige Abbindung der Taille. Die jungen Burschen binden sich mit einer starken, aus Gras geflochtenen Schnur die Taille 15–30 cm hoch fest ab und tragen diese miederartige Abschnürung dann jahrelang, meist bis zur Eheschliessung. Die Folge davon ist, dass das Herz verschoben ist und dass man die Herzschläge schon auf mehrere Schritte deutlich erkennen kann. Eine weitere Wirkung dieser unsinnigen Mode ist aber auch, dass jene, die ihr huldigen, sehr häufig Zirkulationsstörungen und Krankheiten des Herzens aufweisen.
Das Klima der Gegend ist nicht ungesund, die Tagestemperatur betrug zwar 44 °C, die Nächte waren aber angenehm kühl, und von Moskitos, Zecken oder gar Glossina palpalis war nichts zu merken.
Bei der Verteilung des Baumwollstoffes an die Eingeborenen war uns besonders der alte, aber schlaue und bewegliche Häuptling von Adelang, der uns erst in seinem Gebiete hatte zurückhalten wollen und uns dann bis hierher nach Jalé begleitete, behilflich gewesen, und es war dabei auch für ihn wieder ein grösseres Stück Amerikani abgefallen. Aber er hatte auch noch ganz andere geheime Wünsche und lag mit ihnen meinem Freunde Dr. Stigler in den Ohren, den er im Besitze so vieler Medizinen wusste. So wollte er unter anderem ein Pulver, das ihm jene Treffsicherheit verschaffe, die wir mit unseren Gewehren besitzen. Er hatte gesehen, wie ich auf 150 Schritte Entfernung mit einer Mannlicher-Kugel einen grossen Vogel vom Baume herunterschoss, und meinte, dass dies nur mit besonderer Zauberkraft geschehen könne, die uns eine Medizin verleihe. Trotz aller Versicherungen Dr. Stiglers, dass es hierfür keine Medizin gebe, beharrte der Häuptling hartnäckig auf seiner Bitte und sagte, er sei zwar schon alt und habe bereits zehn Feinde getötet, aber einen ganz besonders gefährlichen Gegner möchte er doch noch durch einen sicheren Speerwurf ins Jenseits befördern, dann würde er erst glücklich sein. Da Dr. Stigler sah, dass der Mann nicht loszubringen sei, öffnete er seinen Medizinkoffer und gab ihm mit ernster Miene doppelkohlensaures Natron. Der Häuptling hatte aber Verdacht, dass es Gift sei, und Dr. Stigler musste erst eine der Pastillen selbst nehmen, ehe sie der Häuptling befriedigt und mit vielen Dankesworten annahm. Damit war es aber noch nicht genug, er hatte noch weitere Schmerzen. Unter den vielen Medizinen, die wir mitführten, meinte er, sei bestimmt auch eine, die die geschwächte Manneskraft wieder hebe. Dr. Stigler weigerte sich nun gar nicht lange, sondern reichte ihm gleich das gewünschte Zaubermittel in Form von Brompulver, von dem er auch wieder selbst eine Kostprobe machen musste. Nun erst war der Häuptling zufrieden, und hochbeglückt zog er mit seinen Begleitern nach Adelang zurück, wo er sich wahrscheinlich sehr bald vor seinem Gegner oder einem seiner Lieblingsweiber blamiert haben wird.
Von Jalé ging es nach Kodongo, wo wir zu unserem grossen Erstaunen ein von den Eingeborenen vor kurzem errichtetes Rasthaus antrafen, das wir als erste Europäer benützten. Auch auf diesen Boden soll ebensowenig wie in Adelang und Odong bisher ein Europäer seinen Fuss gesetzt haben, was uns von den ältesten Eingeborenen bestätigt wurde.
Tafel 55

Eingeborene vom Stamme der Acholi oder Kamjuru
⇒ GRÖSSERES BILD
Tafel 56

Kamjurufrau mit Kind
⇒ GRÖSSERES BILD
Tafel 57

Kinderhütte

Beratungsplatz der Eingeborenen
