IN KHARTUM UND KAIRO.
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Wieder von Komfort umgeben / Bei Slatin Pascha / Ein Ausflug nach Omdurman / In Kairo / Genesung Dr. Stiglers / Abschied von Afrika.
In Khartum trafen wir infolge der grossen Verspätung unseres Dampfers am 17. März erst spät abends ein, weshalb es uns unmöglich war, unser umfangreiches Gepäck an Land zu schaffen und wir nur mit unseren Kleiderkoffern ins „Grand Hotel“ übersiedelten, ein erstklassiges, von einem tüchtigen Reichsdeutschen mit grosser Umsicht geleitetes Etablissement. Wir sahen uns nun wieder von dem Luxus eines modernen, mit allem Komfort versehenen Hotels umgeben, und der schöne, elegante Speisesaal, die kleinen, blumengeschmückten und elektrisch beleuchteten Tische bilden einen solchen Kontrast zu unserer bisherigen Lebensführung, dass wir ganz vergessen, immer noch einige Tausend Kilometer von der Heimat entfernt zu sein.
Am nächsten Morgen suchte ich mit Dr. Stigler, dessen Augen noch immer verbunden bleiben mussten, den Leiter des Hospitals auf, der leider erklärte, dass er in Anwendung des Augenspiegels nur wenig Praxis habe. Das Ergebnis der Untersuchung, die er trotzdem vornahm, war alles eher denn günstig, und ich verliess mit meinem Freunde in recht gedrückter Stimmung das Spital. Wir studierten sofort die Fahrpläne wegen einer möglichst raschen Verbindung nach Kairo, damit Dr. Stigler dort endlich in die Behandlung eines erfahrenen Augenarztes kommen konnte. Durch den Direktor unseres Hotels erfuhren wir, dass noch am selben Tage ein Expresszug nach Port Sudan mit direktem Schiffsanschluss nach Suez abgehe, auf welchem Wege man am raschesten nach Kairo gelangt. Dr. Stigler packte in grösster Eile die notwendigsten Koffer und fuhr um 2 Uhr nachmittags, begleitet von seinem Boy Kilimandscharo, nach Port Sudan ab.
Eine Stunde später machte ich meinen Besuch beim Generalinspektor Baron Slatin Pascha, der mich sofort nach meiner Ankunft in Khartum zu sich geladen hatte. Dieser bewunderungswürdige Gentleman, den ich schon von Wien aus kannte, empfing mich mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit. In seinem entzückenden, mitten in einem Palmengarten liegenden Heim muss sich jeder, der die Ehre hat, von unserem berühmten Landsmann empfangen zu werden, auf das angenehmste berührt fühlen von der freundlichen und dabei bescheidenen Art, die diesen mutigen, von aller Welt hochverehrten Mann auszeichnet. Die Stunden, die ich dort verbrachte, verflossen rasch in angeregtestem Gespräch, und jeder von mir auch nur halbwegs angedeutete Wunsch wurde von Baron Slatin sofort aufgegriffen und erfüllt. Am nächsten Tage hatte ich bei einem grossen Diner, zu dem er mich lud, Gelegenheit, mit den ersten Persönlichkeiten Khartums bekannt zu werden, und am Abend darauf füllte das gastfreundliche Haus des Barons eine Gesellschaft distinguierter österreichischer Gäste. Einige Vertreter unseres Hochadels waren von einem erfolgreichen Jagdausflug am oberen Nil zurückgekehrt und als Freunde bei Slatin Pascha eingekehrt.
Untertags war ich eifrig mit der Umpackung meiner Sammlungen und mit den Vorbereitungen für meine Abreise nach Kairo beschäftigt, wo ich Dr. Stigler, um dessen Befinden ich begreiflicherweise sehr in Sorge war, sobald als möglich treffen wollte. Photograph Schwarzer war wieder ganz wohl, hatte aber auf der weiteren Reise und auch noch in Wien an Malaria-Rückfällen zu leiden, und Präparator Storch fühlte sich hier wie zu Hause und war herzlich froh, dass es keine anstrengenden Märsche mehr gab und die vielen Strapazen und Unbequemlichkeiten zu Ende waren. Während meines Aufenthaltes in Khartum besichtigte ich auch Omdurman, die interessante Eingeborenenstadt mit ihren primitiven Lehmhütten, mit dem Grabe des Mahdi und dem Hause, in dem Slatin Pascha jahrelang in Gefangenschaft schmachtete, wo er, in die schwersten Ketten geworfen, jeden Tag sein Todesurteil erwarten musste und trotzdem mit eiserner Ruhe und ungebrochenem Mute alle Grausamkeiten überstand. Heute gibt es in Omdurman schon viele europäische Geschäfte, eine Pferdebahn verbindet die weit auseinander liegenden Teile der Stadt, mächtige elektrische Bogenlampen werfen ihr Licht bis an die Ufer des blauen Nils, und nichts deutet mehr darauf hin, dass hier vor gar nicht allzulanger Zeit die blutigsten Kämpfe zwischen den Engländern und den tollkühnen Scharen des Mahdi ausgefochten wurden.
Khartum selbst macht den Eindruck einer vollkommen modernen Stadt. Neben den grossen schönen Regierungsbauten finden sich viele elegante Privathäuser, die breiten Strassen sind von schattigen Alleen umsäumt, und der Europäer vermisst sogar ein grosses Vergnügungslokal nicht, wie es jede Stadt seiner Heimat aufweist. Der längs dem Nil sich hinziehende Kai ist zum grössten Teil bereits ausgebaut, und am Ufer ankern jederzeit mehrere bequeme Dampfer, die den afrikanischen Nimrod in die Jagdgefilde des Sudan bringen.
Nach mehrtägigem Aufenthalte in Khartum entführte mich ein vollbesetzter Luxuszug nach Norden und brachte mich nach viertägiger Reise über Wadi Halfa, Assuan und Luxor in das prächtige Kairo. Am Bahnhof erwartete mich Dr. Stigler, und zu meiner grossen Freude sah ich ihn ohne Augenbinde. Er hatte hier die richtige Behandlung und Pflege gefunden, war in bester Stimmung und nur von dem einen Wunsche durchdrungen, jetzt nach der dreiwöchentlichen Sorge um sein Augenlicht sobald als möglich seine geliebte Mutter wiederzusehen. Er gab sich mit ihr telegraphisch in Italien ein Rendezvous, und schon nach zwei Tagen trennten wir uns mit einem „Auf Wiedersehen in Europa!“ Auf der sechsmonatlichen Expedition, während der Dr. Stigler alle Strapazen und Mühen mit mir teilte, war er mir ein guter, ehrlicher Freund geworden, dem ich für die grosse Unterstützung, die er mir in allem zuteil werden liess, sehr zu Dank verbunden war.
Entlastet von all den Mühsalen des beschwerlichen und doch so reizvollen Karawanenlebens verbrachte ich noch eine Woche in Kairo, dann reiste ich nach Alexandrien und winkte an Bord des prächtigen österreichischen Lloyddampfers „Wien“ tief ergriffen meine Abschiedsgrüsse dem dunklen Erdteile zu, mit dem mich nun so starke, unvergessliche Erinnerungen an die weite, schöne afrikanische Wildnis verknüpften, die ich lieb gewonnen hatte, wie jeder, der einmal in sie eingedrungen ist. La nature est une patrie sans frontières!