EIN GEPLANTER UEBERFALL.
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Vollmondnacht / Die unsichtbaren Eingeborenen / Verräterische Lichter / Von den Wilden eingeschlossen / In voller Kampfbereitschaft / Spannungsvolle Stunden / Abzug der Eingeborenen.
Nachdem rasch abgekocht worden war, trat in unserem Lager vollständige Stille ein. Kein Gesang oder sonstiger Lärm drang zu uns, erquickender Schlaf hatte sich auf die Müden und Ermatteten gesenkt. Die Lagerfeuer waren erloschen, und nur die wenigen, von den Askari unterhaltenen Wachfeuer loderten noch gegen das sternenbesäte Firmament empor, das vom aufsteigenden Vollmond hell beleuchtet war.
Wir Europäer sassen noch am Abendtisch und sprachen über den ereignisreichen Tag, der uns unser Ziel doch erreichen hatte lassen. Wir wunderten uns, dass von den berüchtigten Naquaeingeborenen, die uns von allen als kriegerisch, hinterlistig und verräterisch geschildert wurden, nirgends etwas zu sehen war, trotzdem wir mitten in ihre Gebiete eingedrungen waren. Schon beim Einmarsch in das schmale Tal hatten wir genau die Bergabhänge abgesucht, jedoch weder eine Hütte noch einen Eingeborenen erblicken können. Kurz vor unserer Ankunft in Kaketta hatten sie die Kumamas — die Bewohner der Teso-Provinz — kriegerisch überfallen, ihre Niederlassungen geplündert und die Weiber weggeführt. Zudem hiess es von ihnen, dass sie keinen Fremden in ihren Gebieten dulden — trotz alledem waren wir unangefochten bis hierher gelangt. Wir führten dies in erster Linie darauf zurück, dass uns ihr Häuptling, den wir nicht aus dem Auge liessen, gewissermassen als Geisel begleitete. Wir fragten ihn, ob wir mit ihm am nächsten Morgen seine in den Bergen gelegenen Niederlassungen besuchen könnten, er antwortete aber, dass dies nicht möglich sei, da die Hütten viele Stunden vom Lager entfernt liegen. Jedenfalls wollte er es verhindern, dass wir seine Leute, deren Sitten und Gebräuche kennen lernen sollten (Tafel 51).
Tafel 50

Lager im Naquatal

Unser Wasserplatz in Naqua
Tafel 51

Lagerplatz im Naquatal

Naqua-Eingeborene
Nach neun Uhr — wir waren eben im Begriffe, zu Bette zu gehen und unseren müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe zu gönnen — bemerkte Dr. Stigler, der ein ausserordentlich scharfes Auge besitzt, auf der uns gegenüberliegenden Berglehne plötzlich mehrere winzig kleine Lichter (glimmende Holzstücke) aufblitzen, die bald verschwanden, nach kurzer Weile aber wieder sichtbar wurden. Wir beobachteten eine Zeit hindurch die Bewegung dieser Lichtpunkte und konnten uns nicht erklären, woher plötzlich die Menschen gekommen seien, die dort oben mit Lichtern herumwanderten. Rings um uns herrschte Totenstille, und unser Lager war von dem Silberlichte des Vollmondes übergossen, an dem nur dann und wann dünne durchsichtige Wolkenstreifen vorüberzogen. Alles schlief, bis auf die zwei diensthabenden Askari, die ruhig hinter unseren Zelten standen.
Je länger wir die dunklen Bergabhänge beobachteten, desto deutlicher konnten wir das Aufflackern der Lichter verfolgen. Die Sache schien uns immer weniger geheuer, und wir weckten unseren Heatman Abeidi und fragten ihn, was dies eigentlich zu bedeuten habe. Abeidi wollte anfangs unsere Bedenken zerstreuen und meinte, es wären honigsammelnde Eingeborene, die diese Arbeit gewöhnlich zur Nachtzeit verrichten. Als wir aber auch auf den hinter uns liegenden Bergabhang blickten und dort ebenfalls Lichter blitzen sahen, die sich nun auf allen Hängen rings um uns rasch mehrten, wurde Abeidi anderer Meinung und erklärte, dies habe nichts anderes zu bedeuten, als dass wir von den Wilden eingeschlossen seien und jedenfalls einen Ueberfall zu gewärtigen hätten! Nun hiess es, sich rasch auf einen solchen vorzubereiten und Gegenmassregeln zu treffen. Wir liessen den Sergeant wecken und legten ihm die Situation klar, und auch dieser hegte nicht den geringsten Zweifel darüber, dass uns die Naquaeingeborenen in der Nacht angreifen würden. Er liess sofort alle Askari antreten und die Gewehre laden, was auch wir Europäer taten. Wir suchten nun die Abhänge ringsum genau mit den Gläsern ab und konnten konstatieren, dass sie vollständig von den Wilden besetzt waren; auch auf der knapp hinter unseren Zelten aufsteigenden Felswand leuchteten die verräterischen Lichter auf, und sie bewegten sich alle in der Richtung gegen unser Lager, so dass wir sogar schon die einzelnen schwarzen Gestalten wahrnehmen konnten, die bereits in Schussweite waren. Unverkennbar waren wir nun ringsum von den Naqualeuten eingeschlossen, und dass diese nicht in guter Absicht erschienen waren, musste uns klar sein.
Unsere Situation war sehr unangenehm und gefährlich, denn unser Lagerplatz war klein und das Tal überaus eng, so dass wir im Falle eines Angriffes auch noch befürchten mussten, uns gegenseitig anzuschiessen. Ausserdem hatten wir im ganzen nur 21 Repetiergewehre zur Verfügung, wogegen wir uns darauf gefasst machen mussten, mit ungezählten Giftpfeilen und Speeren überschüttet zu werden. Ein weiterer Nachteil gegenüber den Wilden erwuchs uns endlich auch daraus, dass diese durch die Dunkelheit geschützt waren und von den überhöhten Berghängen ihre Geschosse in die Tiefe schicken konnten, während wir, auf einem kleinen Platz zusammengedrängt, in jeder Bewegung vom Mondlicht beleuchtet waren, so dass wir äusserst gute Zielpunkte abgaben.
Es folgten nun einige Stunden der grössten Spannung. Wir standen alle schussbereit, entschlossen, unser Leben so teuer als möglich zu verkaufen und uns bis zum äussersten gegen den tückischen Angriff der Wilden zu wehren. Jeden Augenblick erwarteten wir, dass der erste Pfeil durch das Dunkel schwirren werde, worauf wir sofort das Feuer eröffnet hätten. Aber wir warteten vergebens, denn unsere Feinde schienen nun anderen Sinnes geworden zu sein. Die grosse Karawane mit den vielen Kisten, den Eseln, Maultieren und anderen Haustieren wäre ihnen gewiss eine willkommene Beute gewesen, aber jedenfalls hatten sie genau unsere Bewegungen verfolgt und beobachtet, dass wir nicht zu überraschen seien und alle Vorbereitungen gegen einen etwaigen Angriff getroffen hatten. Dies mochte sie wohl in erster Linie bewogen haben, von einem solchen abzustehen und ihn vielleicht für eine bessere Gelegenheit aufzuschieben. Je später es wurde, desto spärlicher wurden die Lichter, bis allmählich eines nach dem andern verschwunden war und wir — es war inzwischen halb zwei Uhr nachts geworden — mit geladenen Gewehren endlich zu Bette gehen konnten, nicht ohne vorher noch die Zahl der Wachtposten zu erhöhen und den Auftrag zu geben, uns sofort zu wecken, sobald irgendeine verdächtige Bewegung wahrzunehmen sei, die auf eine Annäherung der Eingeborenen schliessen lasse. Unsere Nachtruhe wurde aber nicht gestört, und wir waren bald in tiefen Schlummer gesunken, der die Anstrengungen und Aufregungen dieses Tages als willkommenes Ende abschloss.
