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Quer durch Uganda

AM RANDE DER KULTUR.

Reading edition

Die letzte Station / Die Praxis Dr. Stiglers / Der misstrauische Naquahäuptling / Die Ermordung Kirkpatricks / Die zweite missglückte phonographische Aufnahme / Billige Lebensmittelpreise / Küchensorgen / Die Disziplin in der Karawane / Gezwungene Träger.

Wir begaben uns alle am Tage, da unser Lager mit knapper Not von dem Steppenbrand verschont blieb, frühzeitig zu Bette. Uns hatte die durchgemachte Aufregung, Dr. Stigler das stundenlange Umherirren in der Steppe müd gemacht, und ausserdem hiess es am nächsten Morgen schon um 4 Uhr aufstehen, da wir bis Kaketta, der letzten Eingeborenenstation des von den Engländern verwalteten Gebietes, 17 Meilen vor uns hatten. In glühender Sonnenhitze marschierte die lange Karawane 5½ Stunden, da wir erst knapp vor dieser Station eine Wasserstelle fanden, an der die erschöpften Träger kurze Rast hielten. In Kaketta begrüsste uns wieder der Häuptling, der, ebenso wie seine Leute, gross und prächtig von Gestalt war. Sie hatten alle den Karamojoschmuck, schwere Eisenringe um den Hals und in der Unterlippe einen Glas-, Stein- oder Hornstift. Manche der jüngeren Leute trugen ausserdem noch in der Zungenspitze Messingringe, die oft einige Perlen aufgefasst hatten, einen ganz exotischen, sonst nirgends vorgefundenen Schmuck.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Aufnahmen, während Dr. Stigler neben seinen physiologischen Beobachtungen auch als Arzt ausserordentlich beschäftigt war. In jedem Lager meldeten sich nach unserer Ankunft viele Eingeborene mit leidenden Füssen, Fieber usw. und baten um Medizinen, so dass Dr. Stigler sich hier in Afrika einer ausgebreiteten Praxis erfreute und täglich 20 bis 30, mitunter sogar 40 Patienten zu behandeln hatte (Tafel 45).

Mit dem Häuptling von Kaketta wollten wir uns hauptsächlich über die Gebiete, deren Bereisung uns bevorstand, besprechen, konnten aber leider keinerlei Auskünfte von ihm erhalten. Um so grösser war unsere Freude und Ueberraschung, als wir erfuhren, dass der gefürchtete Naqua-Häuptling, angeblich um seinen Bruder zu besuchen, nach Kaketta gekommen sei. Wir glaubten aber nicht an einen solchen harmlosen Besuch, sondern nahmen an, dass er von unserem Plane, durch sein Gebiet zu marschieren, Kenntnis erlangt hatte und nun nach Kaketta gekommen war, um unsere Absichten auszukundschaften. Für uns war es von ausserordentlichem Wert, diesen Mann kennen zu lernen und ihn womöglich zum Freunde zu machen, weshalb ich dem Bagandaagenten, der noch bei uns weilte, gleich den Auftrag gab, ihn zu mir zu bringen. Bald darauf erschien er denn auch mit seinem Adjutanten in meinem Zelt, wo ich ihn mit Tee, Biskuit und Fleisch bewirtete. Er kostete mit grösster Vorsicht von allem, trank aber schliesslich nur den Tee. Auch eine Zigarette, die er zuerst von allen Seiten betrachtete und dann zu rauchen versuchte, legte er gleich nach dem ersten Zuge wieder weg. Unangenehm berührt war er von dem Anblick der uns begleitenden Askari, wir beruhigten ihn aber und erklärten ihm, dass wir diese nur zur Aufrechthaltung der Ordnung unter den Trägern mitgenommen hätten, und dass wir nicht die geringsten Eroberungsgelüste besässen. Uebrigens schienen auf ihn sehr günstig die geschossenen Vögel, die ethnologischen Sammlungen und die photographischen Apparate einzuwirken, namentlich als wir ihn in die Spiegelreflexkammer hineinsehen liessen und er darin das Bild seines vor ihm stehenden Begleiters erblickte.

Abends liess ich ihm zu Ehren ein Feuerwerk abbrennen, als aber die ersten Raketen zum Nachthimmel emporstiegen, war der Häuptling, der die ganze Zeit her einen hinterhältigen und verräterischen Eindruck machte, auf einmal verschwunden, und wir fürchteten schon, dass wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen würden. Wäre dies der Fall gewesen, so würden wir durch sein Land keinesfalls ohne Kampf hindurchgekommen sein. Denn die Naqualeute sind ein gefürchteter, kriegerischer und grausamer Stamm, der in fortwährendem Kampf mit den Nachbarstämmen lebt und sich durch die Niedermetzelung des englischen Majors Kirkpatrick einen traurigen Ruhm erworben hat. Dieser unternahm im Jahre 1898 mit Oberst Macdonald, von Osten kommend, eine Expedition in das Mani-Mani-Gebiet. Von dort rückte Macdonald nach Norden, Kirkpatrick nach Westen zu den Naqua vor. Dieser wurde vom Häuptling und seinen Leuten scheinbar freundlich aufgenommen und versuchte mit Eingeborenenführern, begleitet von fünfzehn Askari, eine Besteigung der Naquaberge. Nichts Böses ahnend, wurde er während des Marsches auf ein Signal des Häuptlings hin überfallen und samt seinen Askari durch Lanzenstiche grausam ermordet. Oberst Macdonald brach, als er diese Mordtat erfuhr, sofort mit grosser militärischer Bedeckung in das Naquagebiet auf und rächte die Ermordung Kirkpatricks, indem er nicht weniger als vierzig Eingeborenendörfer niederbrannte.

Es lag uns also sehr viel daran, mit dem Naquahäuptling auf gutem Fuss zu stehen, und gleich am nächsten Tage liess ich ihn, der beim Feuerwerk so ohne jeden Abschied verschwunden war, wieder zu mir rufen. Er erschien auch thatsächlich und ich beschenkte ihn reichlich mit Perlen, Amerikani, Eisenringen, Spiegeln, Messern, Medaillons und allen möglichen Dingen, und brachte ihn dadurch endlich dazu, uns auf dem Marsche nach Naqua zu begleiten. Für uns war damit viel gewonnen, da wir nun, nachdem der Häuptling zugleich mit uns marschierte, einen Angriff der Naqua auf unsere Karawane für unwahrscheinlich halten konnten.

Nachmittags versuchten wir, ein Gespräch des Naquahäuptlings mit dem Phonographen aufzunehmen, und veranstalteten vorerst einige Generalproben. Als wir den Häuptling soweit unterrichtet hatten, dass wir annehmen konnten, er wisse nun, wie er sich zu benehmen habe, versagte bei der Aufnahme die in Mbale ersetzte Feder abermals, indem sie schon nach einigen Umdrehungen der Scheibe brach. Da wir an einen Ersatz in diesen Gegenden natürlich nicht denken konnten, entschlossen wir uns, den Apparat, den wir nun monatelang herumgeschleppt hatten, ohne ihn, gerade in den interessantesten Gegenden, benützen zu können, nach Europa zu schicken. Wir gaben daher die drei Kisten, in denen seine Bestandteile verpackt waren und die für uns nun nur mehr unnützen Ballast bildeten, zu den vier weiteren Kisten der ornithologischen Sammlungen und liessen sie von Kaketta aus mit Trägern unter Führung des Bagandaagenten, der uns hier verliess, über Mbale nach Jinja und von dort über Mombassa nach Wien transportieren.

Unser Aufenthalt in Kaketta hatte sich etwas verlängert, da sich Dr. Stigler eine mit heftigem Fieber verbundene Halsentzündung zugezogen hatte, die die misslichen Verhältnisse unseres Lagers verursachten. Der Platz war nämlich voll Staub, der von heftigen Winden stets emporgewirbelt wurde. Kaketta liegt sonst in nicht ungesunder, fruchtbarer und viehreicher Gegend, weshalb auch die Lebensmittel hier ausserordentlich billig waren. Ein Pfund Mehl kostet hier 1 Cent (1,6 Heller), ein Ei ebensoviel, ein Huhn 2 bis 5 Cents, ein Schaf eine Rupie (1 Kr. 60 Heller), — das sind wohl die niedrigsten Preise, die es in Uganda geben dürfte. Unsere aus Mbale mitgenommenen Vorräte konnten wir daher reichlich ergänzen und mussten es auch wohl, da wir für die nächsten Wochen sehr geringe Aussichten hatten, Lebensmittel zu bekommen.

Bei dieser Gelegenheit scheint es angebracht, einmal Einiges über die Nahrungs- und Küchensorgen zu erzählen, mit denen wir uns in Afrika herumzuschlagen hatten. Im allgemeinen hatten wir, von den vorzüglichen englischen Konserven abgesehen, keine gute Küche, trotzdem uns stets frisches Fleisch zur Verfügung stand. Es verfolgte uns nämlich ein ganz besonderes Verhängnis bezüglich der Köche. In Entebbe hatte ich einen Kreolen aufgenommen, der dort im Hotel beschäftigt war und mir als sehr guter Koch gepriesen wurde, der nur den einen Fehler habe, dass er gerne trinke. Nachdem ich wusste, dass ihm auf unserer Reise die Gelegenheiten zu Trinkexzessen vollständig mangeln würde, nahm ich den Mann mit, musste ihm aber schon in Jinja den Abschied geben, da er sich trotzdem auf alle möglichen Arten Whisky zu verschaffen wusste. Von Jinja bis Mbale hatten wir einen Bagandakoch, der von der Kochkunst so wenig verstand, dass wir ihn bald wieder heimschicken mussten. An seine Stelle trat einer, den uns Mr. Peryman verschaffte, und dieser war entschieden der beste unter unsern Köchen, leider erkrankte er aber in Kumi so schwer an Magengeschwüren, dass ich ihn wieder nach Mbale zurückschickte und nun unsern Servierboy zum Koch machte. Allerdings hatten wir dies täglich zu bereuen, aber nachdem wir an keinen Ersatz denken konnten, behielt er das vertrauensvolle Amt während der ganzen weiteren Reise. Mit besonderer Sorgfalt wurde in unserer Küche das Geschirr und Essbesteck behandelt, das wegen der Dysenteriegefahr stets mit siedendem Wasser gereinigt werden musste. Aus demselben Grunde wurde auch der Tee mit schon kochendem Wasser zubereitet, und es kostete manchen Kibokostreich, bis unsere Leute, die nicht viel auf Reinlichkeit gaben, diese Anordnungen schliesslich als selbstverständlich befolgten.

Im Anfang unserer Reise war es überhaupt nötig, mit den Trägern, Boys und sonstigen Eingeborenen ernst und streng vorzugehen, denn nur auf diese Weise erreichten wir es, dass schon nach kurzer Zeit die ganze Karawane auf jeden Wink und Pfiff gehorchte. Die Schwarzen sind gleich grossen Kindern, lässig bei der Arbeit, voller Uebermut und unfähig, die ernste Bedeutung eines solchen Unternehmens zu erfassen. Wenn wir sie auch im ganzen gut behandelten, so musste doch jede Verletzung der Disziplin sofort bestraft werden, und nur so war es möglich, eine militärische Zucht und den unbedingt nötigen blinden Gehorsam einzuführen und aufrechtzuerhalten. Selbst unserm Heatman Abeidi, einem geschwätzigen Araber, mussten wir schon in den ersten Tagen nach unserm Abmarsch von Mbale die strenge Seite zeigen, um ihn zu belehren, dass er mit seinem endlosen Redeschwall wohl den Eingeborenen, nicht aber uns Europäern imponieren könne. Immerhin war er sonst tüchtig und brauchbar, aber das Kommando über die ganze Karawane führten natürlich ausschliesslich ich und Dr. Stigler. Von der Ausdehnung dieser Karawane kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass ausser den 240 Eingeborenen noch 30 schwer bepackte Tragesel, vier Maultiere, ferner Kühe, Schafe und Ziegen mitgeführt wurden. Zu Beginn eines Marsches gingen die Träger stets dicht hintereinander, schwatzend, singend und lärmend, je länger er aber dauerte, desto ruhiger wurde es und desto länger — oft bis eine oder anderthalb Meilen — wurde auch die Karawane, da zwischen den einzelnen Trägern immer grössere Zwischenräume entstanden.

Vor unserm Abmarsche von Kaketta verteilte ich die von Wien mitgenommenen Wassersäcke und belehrte die Leute, dass sie mit dem mitgeführten Wasserquantum sehr sparsam zu wirtschaften hätten, damit es auch auf zwei Tage reichen könne. Unser Karamojomann, den wir vorausgeschickt hatten, sagte uns nämlich, dass er auf dem Wege nach Naqua nur zwei grössere Wassertümpel aufgefunden habe. Den Trägern wurde ausserdem noch der Befehl erteilt, dass unter keinen Umständen jemand zurückbleiben dürfe, da er sonst von den Shensi, den wilden Eingeborenen, ermordet würde. Die Askari wurden derart verteilt, dass auf je 15 bis 20 Träger ein Soldat entfiel und der Sergeant am Ende der Karawane marschierte. Der Führer der Nairobiträger war Sefu, unser zweiter Heatman, der aus Deutsch-Ostafrika stammte; für die Tragesel hatten wir 10 Eingeborene mit Chamsini als Heatman.

Da Dr. Stigler, der noch immer fieberkrank war, nicht marschieren konnte, sondern in einer Hängematte getragen werden musste, brauchten wir acht Mann hierfür als Träger, die wir in Kaketta vergeblich aufzunehmen trachteten. Wir griffen daher, im Einverständnis mit dem Baganda-Agenten und dem Häuptlinge, zur Gewalt. Letzterer liess am Abend vor unserm Aufbruch zehn kräftige Eingeborene unter irgend einem Vorwande in unser Lager kommen, wo ihnen erklärt wurde, dass sie unbedingt mit uns ziehen müssten. Sie weigerten sich energisch dagegen, wurden aber sofort von den Askari bewacht und am nächsten Tag gezwungen, mit uns zu marschieren. Der Druck der Verhältnisse hatte uns leider genötigt, zu dieser äussersten Massregel zu greifen.

Tafel 46

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Fischende Träger

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Badende Träger

Tafel 47

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Die Träger bringen Holz für die Küche

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Lager am Kirkpatricksumpf

Tafel 48

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Blick gegen die Toburberge

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Blick gegen die Naquaberge

Tafel 49

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Erlegtes Nashorn

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Vegetation im Naquatal

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
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