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Quer durch Uganda

IN EILMÄRSCHEN VORWÄRTS.

Reading edition

Im afrikanischen Busch / Häuptlinge mit Tirolerhut und Zylinder / Konservenbüchsen und Patronenhülsen als Schmuck / Regenzeit / Abtragung eines Termitenhaufens / Eine Empfangsfanfare in der Steppe / Die Residenz des Häuptlings von Oghaba / Heiligtümer / Ausgetrocknete Flussläufe / Ein unbotmässiger Häuptling / Konzertabend in Lenu / Am Assuariver / Telegramme in die Heimat / Im Gewittersturm.

Das Gebiet, das wir nun durchzogen, war fortgesetzt flaches Buschland. Von den Naqua- und Toburbergen war längst nichts mehr zu sehen, und auch die Eingeborenen-Niederlassungen, von denen eine der andern glich, boten kein besonderes Interesse mehr. Wir beschlossen daher, von jetzt ab Nimule in Eilmärschen zu erreichen, um uns dadurch vielleicht noch vor Eintritt der Regenzeit bei Gondokoro möglicherweise einige Tage der Jagd widmen zu können.

Schon am nächsten Tag marschierten wir fünf Stunden lang auf einem schmalen, durchnässten und schlüpfrigen Eingeborenenpfad, der manchen Träger und Tragesel zu Fall kommen liess, bis Padér. Wir kamen auf diesem Wege an drei kleinen Dörfern mit halbverfallenen Hütten und einem ganz merkwürdigen Aussichtsturm vorüber. Auf ungefähr sechs Meter hohen Baumstämmen war — am Rande des Dorfes — durch quergelegte Aeste ein gerüstartiger Aufbau errichtet, der den Eingeborenen Ausblick auf heranschleichende Feinde oder auch auf sich näherndes Wild bot.

Eine Stunde vor Padér kam uns inmitten seines Hofstaates der grosse Sultan Leromoi von Padér entgegen, der von dem Eintreffen unserer Expedition erfahren hatte und mich nun mit einem kräftigen Handschlag und den Worten „Mata, mata!“ begrüsste. Der Sultan, der auf einem Esel ritt, war ein beleibter Mann mit kleinen, verschmitzten Augen und in ganz neue Khakidress gekleidet. Ausserdem trug er Wickelgamaschen und braune Schuhe, und auf dem Kopf sass ihm ein niederer, schwarzer Filzhut, wie ihn unsere Tiroler Bauern tragen, und der hier in der afrikanischen Wildnis einen sehr komischen Eindruck machte.

In Padér angelangt, führte uns der Sultan in ein Rasthaus, durch dessen mangelhaftes Grasdach freilich überall der Regen eindringen konnte, und liess sich dann, umgeben von seiner grossen Suite, vor mir auf einem grellrot gepolsterten Fauteuil nieder. Natürlich gab es die üblichen Geschenke, und der Sultan versprach mir auch auf mein Ersuchen, Mehl zu bringen, dessen ich notwendig bedurfte, da unser Vorrat in den an allen Lebensmitteln armen Gegenden bis auf einige wenige Säcke schon aufgezehrt war. Bald darauf machte uns Leromoi mit seinen vielen Söhnen und Töchtern bekannt, die alle von schlankem Wuchs und proportionierten Gesichtszügen waren, aber sehr wenig Aehnlichkeit mit ihrem aufgeputzten Erzeuger hatten. Die Söhne trugen die schon erwähnten miederartigen Verschnürungen, die ihre Taille so einengten, dass sie manche europäische Dame darum hätte beneiden können, und viele hatten auch den Eisenring, durch den der Oberarm in so unnatürlicher Weise abgebunden wird. Diese Ringe sollen übrigens von den Eingeborenen, sobald sie heiraten, wieder abgelegt werden. Ihre Haartracht wies den uns schon bekannten Spitz nach vorn auf, der noch eine lange Vogelfeder oder gar eine ausgeschossene, Gott weiss woher stammende Patronenhülse als Schmuck hatte. Diese Hülsen stehen, ebenso wie die leeren Konservenbüchsen, bei den Eingeborenen hoch im Wert, und mein kleiner Boy Amissy und das Küchenpersonal trieben damit einen schwunghaften Handel. Anfangs hatte ich mich gewundert, wohin die leeren Konservenbüchsen, wenn ich einmal eine für meine Käfer- oder Schmetterlingssammlung oder irgendeinen andern Zweck brauchte, verschwunden seien; es gab aber bald ein Wiedersehen mit ihnen. Denn weilten wir einmal länger als einen Tag in einer Station, so konnten wir schon am zweiten die Blechbüchsen oder Teile derselben als Schmuck bei den Schwarzen erblicken. Der Preis variierte, aber unsern Boys war es schon öfter gelungen, für eine einzige leere Büchse sogar ein Huhn einzutauschen.

Nachmittags ging ein überaus heftiger Regen nieder, der den ohnehin schon aufgeweichten Boden vollends in ein Kotmeer verwandelte, so dass wir die Wege von den Zelten zum Rasthaus, wo wir unsere Mahlzeiten einnahmen, dicht mit Steppengras belegen mussten. Seit dem 5. Februar, an dem wir die Toburberge verlassen hatten und über Jalé, fast parallel zum Namflusse, hierher marschierten, wo die Seehöhe noch immer 1130 m beträgt, hatte es nahezu täglich ausgiebige Regenfälle gegeben. Die Regenzeit beginnt jedoch nur in dieser Gegend in der ersten Hälfte Februar, während sie weiter nördlich, am Nil, bedeutend später eintritt.

Am Abend führte uns der Häuptling einen Eingeborenentanz vor, von dem wir jedoch nach dem bisher Gesehenen sehr enttäuscht waren. Die Eingeborenen, die schwächliche, unscheinbare Gestalten sind, haben auch wenig Temperament, so dass der Tanz, an dem wir in Mbale grossen Gefallen hatten, hier von geringem Reiz war.

Unsere Absicht, am nächsten Morgen Padér zu verlassen, wurde durch einen starken Regen vereitelt, der in der Nacht einsetzte und ununterbrochen bis Mittag niederströmte. Als er endlich aufhörte, machten wir alles marschbereit, um nun doch aufzubrechen, aber kaum waren wir fertig, begann es abermals niederzuströmen, so dass wir den Abmarsch für diesen Tag endgültig aufgaben. Die wenigen Stunden, die dann am Nachmittag der Himmel wieder ein Einsehen zeigte, benützte ich dazu, um einen der vielen, in unserer nächsten Umgebung befindlichen Termitenhaufen nach dem Längsschnitte abtragen zu lassen, um das Leben und Treiben der weissen Ameisen photographisch aufzunehmen, sowie eine Königin mit dem übrigen Volk und das Termitenbrot für das Museum zu sammeln. Ueber eine Stunde mussten acht kräftige Träger mit Krampen und Schaufeln an dem fast zu Stein gewordenen Termitenhaufen arbeiten, bis es gelang, die zu unterst eingebettete Königin zu bekommen.

Schon in der Morgendämmerung des nächsten Tages traten wir den Marsch nach dem sieben Meilen entfernten Oghaba an. Der Weg führte durch wasserloses, ziemlich dichtes Buschland mit vielen Flötenakazien, deren Dornen uns manches Loch in die Khakianzüge rissen. Gleich nach Padér sahen wir übrigens seit Kumi wieder die ersten Gummibäume. Fast auf halbem Weg war uns der Häuptling von Oghaba mit grosser Suite entgegengekommen, und zur Begrüssung blies uns ein in seiner Begleitung befindlicher Trompeter eine tadellose Empfangsfanfare. Seit Mbale hatten wir solche Töne nicht mehr gehört, die uns nun mitten in der Steppe ganz seltsam berührten. Ich vermutete, dass dieser famose Bläser, der ein schlanker, schneidiger Bursche war und uns dann noch einige weitere gelungene Proben seiner Kunst gab, ein ehemaliger Askari sei und bei diesen das Trompetenblasen gelernt hatte, aber es wurde uns gesagt, dass er sich diese Kunst ganz allein angeeignet und das Instrument selbst bei einem Marsch nach Nimule von einem Inder gegen eine Kuh eingetauscht hatte.

Der Häuptling war in einem gut passenden Khakianzug, mit Gamaschen und Askarischuhen erschienen; zum Unterschied von seinem Kollegen in Padér trug er aber auf seinem Haupte einen hohen, schmalkrempigen Zylinder, so dass wir bei allem Respekt vor der schwarzen Majestät ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Trotzdem er ausserordentlich mächtig sein soll und ihm Tausende von Eingeborenen unterstehen, machte er den Eindruck eines ziemlich schwachen und willenlosen Menschen, und unsere Fragen und Wünsche wurden auch weniger von ihm als von seinem sogenannten Minister beantwortet.

Seine Residenz, die ich in Oghaba besichtigte, war solider und reicher angelegt als die bisherigen Häuptlingshütten und auch sehr rein und nett gehalten. Die Umzäunung, die bisher immer aus wild durcheinandergelegten Stämmen, Aesten und Wurzeln bestand, war hier aus geraden, entrindeten, vertikal eingeschlagenen Baumstämmen gebildet, und an Stelle der sonst üblichen niederen Oeffnung war ein zwei Meter hoher Eingang, der zwischen je zwei starken, in den Boden gerammten Stämmen eine aus Gras geflochtene Matte als Abschluss hatte (siehe Seite 126–127). Im Innern dieser Umzäunung standen zwei grosse, kreisförmig angelegte Hütten von sechs Meter Durchmesser, von denen die eine die des Häuptlings, die zweite die seiner Weiber war. Das Grasdach baute sich, gestützt durch eine Mittelsäule, in Kegelform auf. Die Häuptlingshütte hatte, was ich bis jetzt noch nirgends beobachten konnte, einen verandaartigen Vorbau, der konzentrisch um die Hütte lief und über den sich auch noch das Dach fortsetzte, das am äusseren Rande dieser Veranda durch kurze Säulen, in Abständen von etwa einem Meter, gestützt wurde. Hier pflegten während des Tages die Weiber und Kinder zu sitzen. Das Innere der Hütte, durch deren Oeffnung man nur in gebückter Stellung gelangen konnte, war ganz dunkel — so dass mein Boy die Laterne anzünden musste — und durch eine Lehmwand in zwei Teile abgeteilt. Im einen befanden sich einige Speere, Schilder aus Elefantenhaut, Köcher mit Pfeilen, verschiedene Schmuckgegenstände, Behälter für das Durramehl und aus Lehm geformte Wassergefässe, eine aus getrockneten Fellen hergestellte Ruhestätte und auf einer kleinen kreisförmigen Erhöhung ein Platz für das Feuer, das während des ganzen Tages unterhalten wird. Da für den Rauch kein anderer Abzug als der kleine Eingang besteht, wäre ein ständiger Aufenthalt für uns Europäer und unsere Atmungsorgane unmöglich. Der zweite Raum ist das Schlafgemach des Sultans und seiner Lieblingsfrau. Das Bett ist ein ungefähr ein Meter hohes Holzgestell, das mit Gras und Tierfellen überdeckt ist. Gleich über dem Bett gewährt eine in die Wand geschlagene kleine runde Oeffnung dem Ruhenden einen Ausblick auf den Eingang der Hütte (Tafel 66–68).

Ausser diesen beiden Häuptlingshütten standen auch noch rund im Kreise gebaute Vorratshütten mit ihren abnehmbaren Grasdächern; an den Aesten eines hohen, blätterlosen Stammes waren die grosse und kleine Trommel aufgehängt, und schliesslich stand in dieser Häuptlingsniederlassung auch noch eine Art Heiligtum, das besondere Verehrung genoss. Zwei zwei Meter hohe Holzstämme waren mit einer Querstange verbunden, an der Perlenschnüre, aufgefasste Früchte, die Schädel von Gazellen und, wohl als ganz besonderes Opfer, das Gehörn eines Hartebeestes hingen. Der Boden, auf dem dieser merkwürdige Altar — oder wie man es sonst nennen will — stand, war mit breiten Steinen belegt und dazwischen mit Kakteen bepflanzt. Wir sahen dort Weiber knien, die ihren Kopf wie andächtige Beterinnen zur Erde geneigt hielten. Vor der Hütte des Häuptlings von Aju sah ich später ein ähnliches Heiligtum, das speziell der Jagd gewidmet war. Es war aus Stroh geflochten, von der Form eines kleinen Taubenschlages, auf die Spitze eines ungefähr zwei Meter hohen Stockes gestellt, von dem ein Grasstrick mit einer Schlinge herunterhing. Jedesmal, bevor der Häuptling und seine Leute auf die Jagd zogen, erflehten sie sich hier ihr Jagdglück.

Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba. Massstab 1 : 75 cm Gezeichnet von R. KMUNKE.

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Häuptlingshütte

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Grundriss der Häuptlingshütte

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Weiberhütte

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Lageplan der Weiberhütte

Anlage des Wohnsitzes der Familie des Acholi-Häuptlings von Oghaba. Maßstab 1 : 75 cm

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Kinder-Schlafhütte

Seite A

Seite B

Grundriss der Kinderschlafhütte Seite A Grundriss des Beratungsplatzes (siehe Tafel 57)

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Versammlungs- und Beratungsplatz Altar Jagdheiligtum Grosse und kleine Mehlvorratshütte Teil der äusseren Umzäunung Trommelbaum

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912

Gegen Abend zeigten sich in unserem Lager zum ersten Male grosse Skorpione, deren Stiche recht unangenehme Folgen nach sich ziehen. Zwei von ihnen gab ich für meine Sammlungen in die Spirituskiste.

Am nächsten Morgen verliessen wir Oghaba, und zwar bog sich jetzt unsere Route, die uns seit Adelang in westlicher Richtung geführt hatte, gegen Norden und später gegen Nordwest. Ueber Latuong, Gem und Lokuor, unbedeutende Eingeborenendörfer, erreichten wir das fast ganz ausgetrocknete Flussbett des Adjam, an dessen rechtem Ufer, nordöstlich vom Berge Goma, wir in der Höhe von 950 m das Lager aufschlugen. Wir hatten an diesem Tage einen Gewaltmarsch von 32 km hinter uns, der eine ganz respektable Leistung darstellt, da für eine derartig grosse und schwer belastete Karawane schon 25 km sehr viel sind. Wir waren aber durch den Mangel an Lebensmitteln oder Wassernot schon wiederholt gezwungen gewesen, über diese Kilometerzahl hinauszugehen, und hatten es einmal sogar auf 35 km gebracht. In der Nähe des Lagers befand sich eine kleine Niederlassung, die Fatjiko genannt wurde. Auch deren älteste Bewohner hatten mit Ausnahme eines englischen Beamten, der zwei Monate vor uns diese Gegend inspizierte, hier noch keinen Europäer gesehen. Wir tauschten von den Eingeborenen besonders Mehl ein, da unser eiserner Vorrat durch die Verlängerung des Aufenthaltes in Padér aufgebraucht worden war und bisher noch nicht ersetzt werden konnte.

Tags darauf — am 13. Februar — passierten wir das 50 Meter breite und gegen 10 Meter tiefe Flussbett des Adjam, in dem nur da und dort zwischen den mächtigen, glatt geschliffenen Granitblöcken ein kleiner Wassertümpel zu sehen war. Am andern Ufer ging es eine mässige Anhöhe hinan, und schon nach einer Stunde mussten wir wieder das Bett eines ausgetrockneten Flusses, des Baggariver, durchschreiten. Von hier aus gelangten wir über Purokema in nordwestlicher Richtung bis Onghako, welches Dorf der ganzen Gegend den Namen gibt. Der Häuptling, der Aruja hiess und eine recht unscheinbare Gestalt war, beschaffte uns, soweit es in seinen Kräften stand, Lebensmittel für unsere Träger, die diesmal über 30 Kilometer zurückgelegt hatten.

Nur mehr wenige Tagemärsche trennten uns von Nimule, die Angaben der Eingeborenen schwankten zwischen sechs und acht. Auf alle Fälle trachteten wir, so rasch als möglich vorwärts zu kommen, und erreichten am nächsten Tag das Flussbett des Agueriver, eines Nebenflusses des grossen Assuariver. In seinem Bette floss Wasser — es war das erste fliessende Wasser, das wir seit dem Verlassen des Elgongebirges antrafen. Nach weiterem dreieinhalbstündigem Marsche kamen wir zu einem grösseren Dorfe, das, am Fusse eines hohen Felshügels inmitten zwischen vielen Burassuspalmen liegend, einen ungemein malerischen Anblick bot. Die Niederlassung heisst Falabek. Wir wollten hier nur eine kurze Mittagsrast halten, ein heftiges Gewitter, das gleich nach unserer Ankunft niederging, zog jedoch den Aufenthalt in dieser Station etwas in die Länge. Trotzdem erreichten wir aber noch vor Einbruch der Nacht Lenu, wo uns der Häuptling Labongo, ein noch ganz junger Eingeborener, erwartete. Er hatte das Häuptlingsamt plötzlich übernehmen müssen, da sein Vater wegen seiner Kampflust von den Engländern nach Nimule gebracht wurde, wo er gegenwärtig eine mehrjährige Strafe absitzt und Gelegenheit hat, darüber nachzudenken, dass man einige Tagereisen von Nimule, dem Sitz eines mächtigen Gouvernementsbeamten, nicht ungestraft den Wilden spielen darf. Den wahren Grund der Kerkerstrafe verschwieg man aber uns gegenüber und sagte, dass der Häuptling deswegen eingesperrt wurde, weil er die von den Engländern verlangten Steuern nicht pünktlich abgeliefert hatte. Wie ich später vom Distriktskommissär Mr. Bains in Nimule erfuhr, waren die Eingeborenen dieser Gegend überhaupt noch nicht so weit unterworfen, dass ihnen eine Abgabe hätte auferlegt werden können.

Unser Kamp hatte hier eine prachtvolle Umrahmung, er lag wie in einem Felsenzirkus, und rings um unsere Zelte stiegen kleine Felsmassive auf. In der Ferne sah man besonders die hinter Nimule im Ladogebiete sich erhebenden Nyiriberge, die uns deutliche Wegweiser für unseren Weitermarsch waren. Von den Eingeborenen erwarb ich eine grosse Menge Waffen, Schmuck und andere Gegenstände für meine ethnologischen Sammlungen. Am späten Nachmittag bereiteten uns vier Eingeborene eine besondere Ueberraschung, indem sie bei den Klängen einer Art Zither einen dreistimmigen, sehr melodischen Gesang anstimmten. Er gefiel uns so gut und brachte in unser Lagerleben ein so hübsches, ungewohntes Intermezzo, dass wir die Sänger einluden, uns am Abend die Tafelmusik zu besorgen. Sie liessen sich nicht zweimal bitten und konnten kaum den Augenblick erwarten, wieder ihre Stimmen ertönen zu lassen. Es war eine stockdunkle Nacht, in der ich zur Erhöhung der Stimmung ein Feuerwerk abbrennen liess, und die Eingeborenen gaben uns bis tief in die Nacht hinein ihre schönsten Lieder zum Besten. Sie liessen sich in ihrem Eifer nicht einmal dadurch stören, dass ich ihnen Tee und Kuchen bot, und es war schon Mitternacht, als ich ihnen mit Rücksicht auf unsere Ermüdung Einhalt tat. Sie hätten uns, wie sie sagten, die ganze Nacht hindurch vorsingen wollen. Sehr bedauerte ich an diesem Abend, dass unser Phonograph, den ich in Kaketta bekanntlich zurückschicken musste, so versagt hatte. Dieser Eingeborenengesang mit seinen kräftig einsetzenden und langsam in Pianissimo übergehenden Stimmen, mit seiner ungemein reinen Harmonie hätte es verdient, festgehalten zu werden.

Am nächsten Morgen begleitete uns der junge Labongo mit seiner Frau und seinem Söhnchen, einem netten, aufgeweckten Jungen, der in Amerikani gekleidet war und eine kleine schottische Mütze trug, bis zur nächsten Lagerstelle. Wir marschierten den ganzen Vormittag in tropischer Hitze, immer gegen Nordwesten, kamen durch ein grosses Dorf namens Tuanliédj und durchquerten nicht weniger als drei Flussbette, die des Pekun, Adire und Limur, die aber sämtlich auch nicht einen Tropfen Wasser zeigten. Um 12 Uhr machten wir nach einem sechsstündigen Marsche Halt, die erschöpften Träger warfen ihre Lasten ab und begannen sofort im Sande nach Wasser zu graben. Ihre Mühe wurde auch bald belohnt, und sie stiessen auf den gewünschten, verhältnismässig kühlen Trunk.

Mit der Tête brach ich schon nach einstündiger Rast auf, um unser heutiges Ziel, Aju, zu erreichen. Die Träger weigerten sich anfangs, weiterzumarschieren, und waren dazu erst nach langer Schauri und nachdem ich ihnen versprochen hatte, in Aju einen Ochsen schlachten zu lassen, zu bewegen. In Aju kam mir sofort der Häuptling entgegen, dem ich Auftrag gab, soviel als möglich Mehl zu beschaffen. Eine grosse Schar Kinder und Weiber, die mit ihm erschienen waren, erfreute ich mit einigen tausend Perlen, wofür sie sich dann mit ihren dicken Bäuchen in Reih und Glied aufstellten und photographieren liessen. Die Zeit, bis meine Träger nachkamen, benützte ich zu einem Besuche der Eingeborenen-Niederlassung, die dieselbe Anlage aufwies wie die bisherigen. Hier traf ich das bereits erwähnte Jagdheiligtum, ausserdem auch auf einem freien Platze des Dorfes eine aus Stangenholz hergestellte Holzbrücke, auf der sich die Eingeborenen zusammenhocken, wenn sie grossen Rat halten (Tafel 57).

Von Aju bis Nimule waren es nur mehr zwei Tagereisen, und wir hatten schon in unserer letzten Station zwei Renner dorthin mit einem Telegramm abgeschickt, das unsere Angehörigen in der Heimat schon drei Tage vor unserer Ankunft in Nimule von der glücklich durchgeführten Durchquerung Ugandas benachrichtigen sollte (Tafel 59).

Am nächsten Tage erreichten wir nach fünfstündigem Marsche, der uns durch schönes, zum Teil bewaldetes Hügelland, an dem Eingeborenendorf Abuku vorbei und quer durch das ausgetrocknete Flussbett des Wororivers führte, das breite Flussbett des mächtigen Assuariver. Wir durchwateten das kaum einen halben Meter tiefe fliessende Wasser, in dem die meisten unserer Träger rasch ein erquickendes Bad nahmen, und kamen mittags in die Station Lokai. Dort befindet sich ein grosses Rasthaus und wurden gerade mehrere Regierungsgebäude aufgeführt, da die Absicht besteht, die Station Nimule aus ihrer gegenwärtigen, ungesunden Lage auf dieses hochgelegene Plateau zu versetzen. Kaum waren die Zelte aufgeschlagen und der Koch soweit fertig, dass wir zu Tisch gehen konnten, als ein fürchterliches Gewitter mit wolkenbruchartigen Güssen losbrach, das fast eine Stunde währte und unsere Zelte auf eine harte Probe stellte. Der Sturm verfing sich in dem Sonnensegel und riss die Zelte fast um, da ausserdem die Pflöcke im sandigen Boden nur locker sassen. Es bedurfte aller Anstrengungen, um die Zelte von diesem wütenden Gewittersturme nicht forttragen zu lassen. Acht bis zehn Mann hielten aussen das Zelt, während innen die Zeltstange mit aller Kraft festgehalten werden musste. In dem Kampf gegen die entfesselten Naturkräfte hatten unsere Schutzhütten auf diesem kleinen Hochplateau knapp vor dem Ende unserer Expedition noch eine ausgiebige Probe ihrer Widerstandsfähigkeit zu bestehen, und sie bestanden sie glänzend. Denn als sich das Gewitter mit dumpfem Grollen verzogen hatte, war wohl alles durchnässt, aber unsere Zelte waren festgeblieben, und nur bei einem war durch zu starkes Anziehen der Stricke der Saum der Leinwand abgetrennt, welcher Schaden in Nimule rasch wieder behoben werden konnte. Die Luft war nun gereinigt und erquickend, und der kleine Ausflug, den ich nach dem Gewitter mit Dr. Stigler zum Assuariver machte, um dort Vögel zu jagen, war äusserst genussvoll. Da aber ein zweites Gewitter am Himmel stand, kehrten wir nach reichlicher Ausbeute rasch wieder ins Lager zurück. Dort erwarteten uns die vor drei Tagen nach Nimule vorausgeschickten Renner, und wir konnten diesen Abend mit dem guten Bewusstsein zu Bette gehen, dass unsere Angehörigen, denen unser Telegramm frohe Botschaft gebracht hatte, nun über unser Schicksal nicht mehr beunruhigt zu sein brauchten.

Illustration from Quer durch Uganda: eine Forschungsreise in Zentralafrika, 1911/1912
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