IN NIMULE.
Reading edition
Die ersten Zeichen der Kultur / Der Einmarsch in Nimule / Waghalsige Goldsucher / In ständigem Kampf mit den Eingeborenen / Ein Brief Slatin Paschas / Die Erkrankung meiner Begleiter.
Die kurze Strecke, die uns noch von Nimule trennte, ward am nächsten Tage, dem 18. Februar, bald zurückgelegt. Von unserem Lager schritten wir gegen Westen bergab, durchquerten das versumpfte Flussbett eines Nebenflusses des Assuariver und befanden uns dann auf einer breiten, schönen Strasse, der ersten, die wir nach langer Zeit wieder betraten. Nach dreieinhalb Stunden erreichten wir eine kleine Anhöhe, von der aus wir blechgedeckte Häuser, eine Kasernenanlage mit ihren vielen regelmässig errichteten Strohhütten und knapp dahinter das breite, silberne Band des an den Nyiribergen vorüberströmenden heiligen Nils sahen, den wir bei den Riponfalls verlassen hatten und der uns nun hier nach einem Hunderte von Kilometern langen Laufe wieder entgegenglänzte. Wir genossen eine Weile den Anblick auf Nimule in dem Gefühl, nach langem Aufenthalte in der afrikanischen Steppe nun wieder die ersten Zeichen der Kultur zu sehen; es gab wieder aus Stein errichtete Gebäude, grosse Wohn- und Amtshäuser für die englischen Beamten, Läden indischer Kaufleute — kurz, wir näherten uns der breiten Karawanenroute, die in Gondokoro von Khartum aus mit bequemen Dampfern zu erreichen ist, und von dort bis Nimule und auf dem Nil über Wadelai und den Albert-See bis Butiaba führt, von wo sich wieder eine gepflegte Karawanenstrasse nach Kampala und Entebbe, unserem Ausgangspunkte, erstreckt. Wir hatten freilich nicht diese bequeme, weit im Bogen führende Route gewählt, die so mancher in der Riksha zurücklegt, sondern waren durch das pfadlose nördliche Uganda marschiert, da wir unbekanntes Land sehen und unseren Fuss auf bisher von Europäern unbetretene Gebiete setzen wollten.
Auf der Anhöhe, die uns den Ausblick auf Nimule und den Nil eröffnete, wurde Halt gemacht. Die Askari, deren abgetragene Khakianzüge fast nur mehr aus Hadern bestanden, legten die in Reserve gehaltenen funkelnagelneuen Uniformen an, die Träger wurden in geschlossene Reihen gestellt, und nun konnten wir unter Vorantritt von uns Europäern den Einmarsch in Nimule halten. Distriktskommissär Mr. Bains erwartete uns schon ausserhalb Nimule auf der Strasse, beglückwünschte uns herzlichst zu unserer Ankunft und teilte uns mit, wo sich unser Lagerplatz befinde. Mich und Dr. Stigler lud er ausserdem zum Lunch ein. Nach diesem kurzen Aufenthalte marschierten wir unter dem übermütigen Gejohle unserer Träger, die sich vor Freude nicht mehr halten konnten, an den vielen herbeigeeilten Eingeborenen vom Stamme Madi vorüber, durch die lange Gasse der Kaufläden die Anhöhe hinan, auf der sich das Rasthaus befand.
Hier erwartete uns eine kleine Karawane, deren Führer ein Engländer und ein alter, an Abenteuer und Strapazen gewohnter Deutscher waren, die uns um Nachrichten über die von uns berührten Gegenden baten. Sie hatten die Absicht, den Oberlauf des Assuariver und dessen Nebenflüsse auf das Vorhandensein von Gold, des vielbegehrten Metalls, zu untersuchen und hatten aus denselben Beweggründen auch schon jahrelang, aber fast stets mit negativem Erfolg, das Kongogebiet durchstreift, von dem sie erst vor kurzer Zeit nach recht schlimmen Erfahrungen zurückgekommen waren. Der Engländer war dort von Eingeborenen überfallen und seiner ganzen Ausrüstung beraubt worden. Ihm selbst wurde, während er 24 Stunden lang an einen Baum gebunden war, das Todesurteil gesprochen, und er hatte es nur seiner englischen Nationalität zu danken, dass man ihm schliesslich doch noch das nackte Leben schenkte. Die Leute verfügten über sehr wenig Barmittel und hatten auch nur eine kleine Karawane von ungefähr 60 Mann zusammengestellt, mit der sie wahrscheinlich nicht weit in das Innere eingedrungen sein werden. Sie verabschiedeten sich noch am selben Nachmittag von uns, um eine Aussprache ihrer Träger mit den unseren zu verhindern, da sie wohl mit Recht befürchten mussten, dass eine Schilderung all der Gefahren und Anstrengungen, die wir durchgemacht hatten, ihre Träger zum Durchbrennen veranlassen könnte. Wir wünschten ihnen besten Erfolg und konnten bei dem Gedanken, dass diese verwegenen Goldsucher ihren Wagemut vielleicht mit dem Leben zu büssen haben würden, ein gewisses Gefühl der Wehmut schwer unterdrücken.
Tafel 58

Ein Leprakranker

Durch den Agueriver
Tafel 59

Die Karawane marschiert durch den Assuariver
⇒ GRÖSSERES BILD
Tafel 60

Lager in Nimule am Nil

Regierungshaus in Nimule
Hierauf begaben wir uns zu Mr. Bains, dessen Wohnhaus auf einer hübschen Anhöhe ausserhalb Nimule steht. Durch eine Allee von Krotonölbäumen gelangte man über mehrere Stufen auf eine, die inneren Wohnräume einsäumende Terrasse und von dieser in ein grosses Speisezimmer, dessen Fussboden verschwenderisch mit Löwen- und Leopardenfellen bedeckt war. Mr. Bains, ein junger, schlanker, energischer Engländer, durch und durch Gentleman, war von seltener Liebenswürdigkeit, und seine Gastfreundschaft wird uns unvergesslich bleiben. Zum erstenmal seit vielen Wochen sassen wir nun wieder in einem europäischen Zimmer, und unserem in der letzten Zeit sehr wenig verwöhnten Gaumen behagten die Leckerbissen, mit denen uns Mr. Bains bewirtete, ausserordentlich. Wir berichteten ihm ausführlich über die Ergebnisse unserer Reise, über all die Schwierigkeiten und Gefahren, von denen sie begleitet war, und am allermeisten mussten wir ihm von den Naqua- und Toburstämmen erzählen, für die er ganz besonderes Interesse zeigte. Mr. Bains hat selbst schon viele Kämpfe mit den Eingeborenen mitgemacht. Erst im Mai des vorigen Jahres hatte er nördlich von Jalé, wo wir am 8. Februar unser Lager aufgeschlagen hatten, mit 50 Askari und 200 bewaffneten Acholi gegen die dortigen aufständischen Eingeborenen gekämpft, wobei seine Truppe fast aufgerieben wurde und 80 seiner Leute fielen. Diese grosse Verlustziffer war in der Kampfesweise der Eingeborenen begründet. Sie waren zwar nur mit Speeren und ganz wenigen, aus Abessynien eingeschmuggelten Gewehren bewaffnet, mit denen sie überdies noch sehr schlecht schossen, liessen aber die Soldaten ganz nahe herankommen, um sie dann um so sicherer mit ihren Speeren töten zu können. Die Askari von Nimule waren fast ständig unterwegs, um gegen aufständische Stämme zu kämpfen. Gerade während unseres Aufenthaltes in Nimule gab es blutige Kämpfe in den Nangiyabergen bei Rjoma, nahe von Dschudi Dschudi, wohin von drei Seiten englische Truppen aufgeboten waren, um die räuberischen und alles plündernden Eingeborenen zu unterwerfen. Von Nimule selbst, sowie von Mongalla im Sudan waren zwei Expeditionen nach dem Kampfplatz ausgezogen, und vom Süden aus war bereits Kapitän Taughner, den wir im Dezember in Mbale getroffen hatten, mit einer dritten Truppe unterwegs. Zurzeit war Nimule fast gänzlich von Truppen entblösst, denn auch in den Lamogibergen, ungefähr 40 Meilen südlich von Nimule, befand sich ein Aufstandsgebiet. Die Eingeborenen, die mit Gewehren bewaffnet waren, hatten sich dort reichlich mit Lebensmitteln und Wasser versorgt und in die Felsenhöhlen der Berge zurückgezogen, aus denen sie in vollständig gedeckter Stellung auf jeden sichtbar werdenden Askari schossen. Die Engländer entschlossen sich nun, alle Berge zu blockieren und den Feind durch Aushungern zur Uebergabe zu zwingen, was jedenfalls noch eine Weile dauern und manches Opfer an Menschenleben kosten dürfte.
Nach mehreren Stunden des anregendsten Gespräches mit Mr. Bains kehrten wir in unser Lager zurück, wo wir eine ausgiebige Post aus Europa vorfanden und diesen ereignisreichen Tag, der uns nach langer Wanderung durch Steppe und Busch wieder in die erste europäische Siedlung gebracht hatte, mit der Lektüre der Unmenge von Briefen und Zeitungen aus unserer Heimat abschlossen (Tafel 60).
In der reichen Korrespondenz befand sich auch ein Begrüssungsschreiben unseres ausgezeichneten Landsmannes, des Generalinspektors im Sudan, Baron Rudolf Slatin. Ich hatte ihn um die Erlaubnis ersucht, für das Museum ein weisses Nashorn und ein Elen schiessen und ausserdem für die kaiserliche Menagerie in Schönbrunn ein junges weisses Nashorn fangen zu dürfen, und daraufhin war folgende Antwort Slatin Paschas eingetroffen:
„Sehr geehrter Herr! Glückliche Ankunft am Nil. Sie können ein weisses Rhino schiessen und auch versuchen, eine junge Elenantilope und ein junges weisses Rhino zu fangen, jedoch unter der Bedingung, die Mütter dieser Tiere nicht zu töten, sondern nur zu vertreiben. Hoffend, dass Sie eine den Umständen angemessene, angenehme Reise hatten und ich Sie bald hier begrüssen kann, bin ich, geehrter Herr, mit bestem Gruss Ihr ergebener R. Slatin.
Bitte, benachrichtigen Sie Major C. R. Owen, Gouverneur der Mongalla Province, von Ihrer Ankunft, der angewiesen ist, Ihnen die nötige Jagderlaubnis zu erteilen.“
Unsere ursprüngliche Absicht war, in Nimule nur zwei, drei Tage zu verbleiben, die vollständig genügt hätten, um unsere ermüdeten Träger neue Kräfte schöpfen zu lassen. Leider waren aber die Kisten, die wir in Kumi aus Mangel an Trägern über den Kiogasee und Nil vorausgeschickt hatten, noch immer nicht hier, trotzdem sie fahrplanmässig schon längst hätten eintreffen sollen, und so mussten wir den nächsten Dampfer, der in Nimule nur jeden Sonntag ankommt, abwarten. Da sich hierdurch unser Aufenthalt notgedrungen auf eine volle Woche ausdehnte — der Tag unserer Ankunft in Nimule war nämlich ein Sonntag, — hatte ich Mr. Bains ersucht, Eingeborene nach Elefanten und Büffeln auszuschicken, um so diese Woche nicht in blossem Müssigsein verstreichen zu lassen. Schon am nächsten Tage machte mir Mr. Bains die Mitteilung, dass in nordöstlicher Richtung, zwischen dem Assuariver und dem Attapiriver viele Büffel- und Elefantenspuren gesehen wurden, so dass ich hoffen konnte, von meinem Jagdausflug nicht ohne Beute zurückzukommen. Nur musste ich ihn noch um einen Tag verschieben, da Dr. Stigler und Schwarzer erkrankt waren. Sie hatten von den Krotonölnüssen über zwanzig Stück gegessen, was Brechreiz und einen furchtbaren Durchfall zur Folge hatte, der die beiden sonst kräftigen Männer auf das Krankenlager warf. Auch Präparator Storch ging es nicht zum Besten. Er hatte schon im Naquagebiet, als die Strapazen sich steigerten, an Anfällen seiner alten Malaria zu leiden gehabt, die ihn vollständig arbeitsunfähig machten, und brach nun in Nimule mit ausserordentlich hohem Fieber ganz zusammen. Ich war der einzige, der bisher von jeder Krankheit verschont geblieben war, und konnte also den täglichen Einladungen des liebenswürdigen Mr. Bains auch Folge leisten, der sich in Aufmerksamkeiten mir gegenüber überbot. Er schenkte mir Speer, Schild und Kopfschutz des Häuptlings von Guru Guru, der vor einigen Tagen in den Lamogibergen von einem englischen Offizier, Mr. Moore, erschossen worden war. Ich versuchte, mich bescheiden zu revanchieren, indem ich ihm meine zerlegbare Tischlampe zum Geschenk machte. Es war mir nämlich aufgefallen, dass in dem sonst so komfortablen Hause Mr. Bains nur kleine Kerzenlampen brannten, und er sagte mir, dass ihm seine einzige Lampe zu seinem grossen Leidwesen vom Boy zerschlagen worden war. Mein Geschenk war ihm also sehr willkommen. Ich hatte diese äusserst praktisch konstruierte und sehr wenig Raum einnehmende Lampe auf der Reise nur selten benützt, da wir uns in Jinja und Mbale fünf gewöhnliche sogenannte Safarilampen, zu drei Rupien das Stück, angeschafft hatten, die fast unzerbrechlich sind, genügend Licht geben und, was auf einer so anstrengenden Reise die Hauptsache ist, fast keiner Pflegung bedurften.
