AUF DEM NIL.
Reading edition
Unser Dampfer / Das „Walzertanzen“ / Kurven und Sandbänke / In Mongalla / Zerstörte Telegraphenlinien / Eine Strafexpedition gegen den Berristamm / Ein märchenhaftes Jagderlebnis / Eintönige Fahrt / Aufgefahren / Weltabgeschiedene Ingenieure / Ein Papyrusbrand.
Der Nildampfer „Amara“, der nun bis auf weiteres unser Heim bildet, ist kein Riesenschiff mit allen Bequemlichkeiten eines modernen Hotels, wie sie auf den grossen Ozeandampfern geboten werden, sondern ein Schiff von bescheidenen Dimensionen, das sich langsam und bedächtig durch die Wellen schaufelt. Es besitzt in der ersten Etage neun Kabinen erster und vier Kabinen zweiter Klasse, eine Badekabine und einen kleinen Speiseraum, in dem die Erste-Klasse-Passagiere und der Kapitän gerade knapp Platz finden. Das Oberdeck enthält noch einen kleinen gedeckten Aufbau, der mit engmaschigen Drahtnetzen gegen die Moskitos umspannt ist und als Schlafraum für die Passagiere erster Klasse dient, die in diesem luftigen und kühlen Zimmer sehr angenehm übernachten können. Die dritte Klasse befindet sich mit den Räumen für das Gepäck und den Tiertransport auf zwei ganz flach gebauten und mit einer Etage versehenen Begleitschiffen, die zu beiden Seiten mit dem Dampfer verbunden sind. Diese Seitenschiffe bilden aber auch gleichzeitig die Puffer des Dampfers, der in dem schmalen, aus dem Papyrus gestochenen und gebaggerten Nilbett von der Strömung oder infolge der Sandbänke oft recht unsanft an die Ufer geworfen wird. Diesen Stoss fängt nun das leicht gebaute Seitenschiff auf, und der Dampfer muss dann eine Drehung um das aufgefahrene Seitenschiff vollführen, um wieder in freies Wasser zu gelangen. Der Kapitän nennt diese etwas merkwürdige Art der Fortbewegung das „Walzertanzen“ des Schiffes. Aber man gewöhnt sich während der endlos scheinenden Fahrt an diese Extratouren und beachtet es schliesslich gar nicht mehr, wenn das Schiff tanzlustig wird. Es ist dies übrigens noch lange nicht das schlimmste, denn es kommt auch vor, dass eines der Begleitschiffe oder der Dampfer selbst auf eine der vielen Sandbänke mit solcher Kraft auffährt, dass das geschickteste Manövrieren mit Steuer und Schaufelrad nichts nützt. Das Schiff sitzt fest und muss oft einige Tage warten, bis ein anderer Dampfer zu Hilfe kommt und es aus seiner üblen Lage befreit.
Nachdem wir nachmittags mit ganz kurzem Aufenthalte Lado berührt hatten, kamen wir abends in Mongalla an. Mongalla ist eine grosse, sehr wichtige, in den südlichen Sudan vorgeschobene Militärstation mit vielen Kasernen, Geschäftsläden und mehreren Regierungsbauten. Unser Dampfer blieb hier über Nacht verankert, da bei dem seichten Wasserstand des Nils eine Fahrt in der Dunkelheit nicht ratsam erschien. Ich besuchte noch abends den Gouverneur von Mongalla, Major Owen Bey, an den ich Empfehlungsbriefe hatte, und wurde von ihm, der mich schon erwartet hatte, auf das liebenswürdigste aufgenommen. Er wollte mir Ratschläge für meine Jagd im Reservatgebiet erteilen und nahm mit Bedauern zur Kenntnis, dass ich von der mir erteilten Erlaubnis infolge der Erkrankung meiner Gefährten keinen Gebrauch machen konnte. Am nächsten Morgen nahm unser Dampfer viele Kisten und Vorräte ein, was mir die Möglichkeit gab, nochmals an Land zu gehen und Mongalla etwas näher zu besichtigen. Es macht einen stark militärischen Eindruck und besitzt Kasernen für 400 Soldaten, sowie grosse Magazine für deren Ausrüstung. Im Telegraphenamt, in dem ich eine Depesche in die Heimat abschickte, teilte man mir mit, dass die Telegraphenleitung zwischen Mongalla und Bor schon seit einer Woche nicht funktioniere, da die Telegraphenstangen von Elefantenherden auf weite Strecken zerstört und teilweise sogar ausgerissen wurden. Solche Beschädigungen sind hier keine Seltenheit, namentlich in der regenlosen Zeit, wo viele Herden aus dem Innern nachts zur Tränke an den Nil ziehen und dabei alles, was ihnen im Wege steht, umknicken und zertreten. Der Telegraph läuft gegenwärtig längs dem Nil durch den Sudan bis nach Rejaf, so dass das neun Tagereisen weiter südlich gelegene Nimule keine Verbindung mit dem Norden hat. Von dort führt die Leitung nach dem Süden bis Kampala und Entebbe und dann nach Osten bis Mombassa. Von Mombassa aus stellen Kabeltelegramme, die über Bombay laufen, die Verbindung mit Europa her. Die Depeschen, die wir in Nimule aufgaben, hatten also eine ganz hübsche Rundreise durch drei Erdteile gemacht.
Gegen Mittag ging unser Schiff wieder unter Dampf. Trotz des Luftzuges, den die ziemlich schnelle Fahrt stromabwärts erzeugte, war es drückend heiss, das Thermometer zeigte noch um 8 Uhr abends 36 Grad C, und in den Kabinen konnte man überhaupt nicht verweilen. In Scheik Tombé wurde Holz eingenommen, was einen mehrstündigen Aufenthalt verursachte. Ich benützte ihn zu einem kleinen Spaziergang in der Nähe der Station, da ich mir Bewegung machen wollte, für die das kleine Schiff nur ganz unzureichenden Spielraum gewährte. Da diesmal eine helle Mondnacht war, entschloss sich der Kapitän zur Weiterfahrt, musste aber auf telegraphische Weisung der Regierung anderthalb Stunden stromaufwärts zurückfahren, um einen erkrankten Offizier aufzunehmen. Dann ging es die ganze Nacht und den ganzen nächsten Vormittag weiter, man konnte aber nicht sagen ununterbrochen, denn trotz aller Vorsicht des Steuermanns blieben wir einigemal, bald mit kurzen, bald aber auch mit recht langen Aufenthalten auf Sandbänken sitzen und mussten uns erst wieder flott machen. Um zwei Uhr nachmittags erreichten wir Bor, gleichfalls eine grössere Militärstation mit vielen regelmässig angeordneten Unterkunftshütten für die Soldaten.
Nachdem wir angelegt hatten, erhielten wir den Besuch des Kapitäns Fox, eines schneidigen und eleganten englischen Offiziers, der erst tags vorher mit einer Abteilung aus dem Innern zurückgekehrt und gerade daran war, mit 20 berittenen Soldaten nach Osten zu dem aufständischen Berristamm abzumarschieren, wo auf englischer Seite 500 Askari, eine Kompagnie Berittener und zwei Maximkanonen im Feuer standen (Tafel 62 und 63). Der Kampfplatz war 150 Meilen von Bor entfernt, und da der Weg dorthin nur zwei Wasserstellen besass, beabsichtigte Kapitän Fox, auf seinen Kamelen und den ausgesucht kräftigen Maultieren einen Gewaltritt zu unternehmen, um schon in zwei Tagen am Ziel zu sein. Wir wurden von ihm eingeladen, uns den Abmarsch anzusehen. Seine kleine Truppe, auffallend grosse und kräftige Sudanesen von energischem Aussehen, stand unter einigen Palmen bereit, die Reittiere waren bepackt, man hatte nur noch auf ihn gewartet. Ein kurzer Kommandoruf, mit einem Sprung sass alles im Sattel, und die kleine Schar stampfte im Galopp gegen Osten, wo bald nur noch eine Staubwolke ihren Weg verriet.
Kapitän Fox hatte mir auch eines seiner Jagderlebnisse erzählt, das fast märchenhaft klingt und als einzig dastehend im ganzen Sudan bekannt ist. Er hatte vor nicht langer Zeit ein Breitmaul — sogenanntes weisses Nashorn — geschossen, ohne es aber auffinden zu können. Bald darauf hatte er das seltene Jagdglück, ein zweites solches Nashorn aufzuspüren, schoss es schwer krank, konnte trotz alles eifrigen Suchens jedoch auch dieses nicht finden. Später aber wurden von seinen Leuten, weit entfernt von den zwei Schussstellen, beide Tiere verendet — kreuzweise übereinanderliegend — aufgefunden! Von diesen zwei, auf einem Fleck verendeten Nashörnern, die weit voneinander getrennt waren, als sie die Kugel empfingen, und sich erst im Tode gefunden hatten, soll auch eine photographische Ansichtskarten-Aufnahme bestehen.
Nach zweistündigem Aufenthalte setzte unser Dampfer seine Fahrt wieder fort in der offenen, schmalen, durch unabsehbare Papyrusstauden führenden Wasserstrasse, in der nur selten ein Vogel auffliegt oder der Schädel eines Nilpferdes sichtbar wird, das für einige Sekunden aus dem Wasser auftaucht. Wir fahren wieder die ganze Nacht und halten am Morgen bei Kanisa, einem grossen Dorf, wo unter gräßlichem Lärm Holz eingenommen wird, das einzige Feuerungsmaterial, das für die Maschine hier zu haben ist. Dann zieht sich der Nil in vielen Schlangenlinien, und unser Schiff tanzt bei jeder Kurve wacker und pflichtgemäss seinen Walzer. Die Fahrt wird langweilig und interesselos, und ihre Eintönigkeit wird nur durch das erste Schiff unterbrochen, dem wir begegnen. Es ist mit allem Komfort ausgerüstet und von zwei Sportsleuten gemietet, die von einigen Stationen kurze Jagdausflüge in das Innere zu machen beabsichtigen.
Am nächsten Tag erweitert sich der Nil fast zu einem See, und vor uns, an dem in der Ferne liegenden sandigen Ufer, erblicken wir die blechgedeckten Rohziegelbauten der Station Schambeh im Reservatgebiet. Bevor wir aber anlegten, wurde unsere Geduld noch auf eine harte Probe gestellt, denn wir fuhren mit Volldampf auf eine Sandbank auf, die in der Mitte des seeartigen Stromes lag, und sassen so fest, dass alles Manövrieren und Drehen nichts nützte. Erst als die ganze Besatzung und die Eingeborenen der dritten Klasse ins Wasser stiegen, um die Seitenschiffe zu schieben und zu ziehen und ausserdem noch mittels des weit vom Dampfer ausgeworfenen Ankers nachgeholfen wurde, gelang es nach anderthalbstündiger Arbeit, das Schiff in tieferes Wasser zu bringen. Der Nil ist hier ausserordentlich fischreich, und es wurden auch sofort zwei Leute, wie bisher immer, mit grossen Netzen auf den Fischfang geschickt, um frischen Vorrat für die Schiffsküche zu bekommen. Einige interessante Exemplare der Beute überliess mir der Kapitän für meine Fischsammlung.
Nun folgte eine 300 Meilen lange Fahrt ohne Aufenthalt, eintönig, immerfort durch die Papyrusstauden schaufelnd und walzertanzend. Am nächsten Tage begegneten wir einem grossen Baggerschiff, das unter Leitung zweier englischer Ingenieure durch die Papyruswirrnis einen neuen Kanal zu stechen hat, der viele Krümmungen des jetzigen Wasserweges abschneiden und damit eine wesentliche Verkürzung der Strecke herbeiführen wird. Unser Schiff brachte diesen beiden Männern, die hier in vollkommener Abgeschiedenheit von der Welt und ohne irgendwelche Abwechslung oder Anregung nur auf ihr Ziel losarbeiteten, Briefe und Zeitungen und fuhr nach kurzem Aufenthalte wieder weiter. Abends waren wir aus unmittelbarer Nähe Zeugen eines Papyrusbrandes, der einen grandiosen Anblick bot. Wo der Brand schon gewütet hatte und zum Stillstand gekommen war, erhob sich auf sumpfartigem Grunde ein endloses Durcheinander von den verkohlten Ueberresten der Stauden und ineinander verschlungenen Wurzeln, an dem man die Undurchdringlichkeit dieser Dickichte, wenn sie noch nicht vom Feuer verzehrt waren, wohl begriff.
Auch am nächsten Tage trafen wir wieder ein grosses Baggerschiff, das in voller Arbeit war und dem wir die Post abgaben. Der nächste kurze Aufenthalt war in Tonga, wo wir gerade knapp Zeit hatten, unsere Landsleute an der dortigen österreichischen Missionsstation zu begrüssen. Das Schiff fuhr nun mit 11 Meilen Geschwindigkeit, und das steigende Tempo, in Verbindung mit einer leichten Nordbrise machte den Aufenthalt auf dem Deck trotz einer Schattentemperatur von 38 °C recht angenehm. Photograph Schwarzer hatte sich seit Gondokoro ziemlich erholt, mit Dr. Stigler stand es aber nicht viel besser; er war noch immer mit verbundenen Augen in die dunkle Kabine gebannt, da ihm auch schon der geringste Schein des Sonnenlichtes Schmerzen verursachte.
Das Auffahren auf Sandbänke und das Walzertanzen des Schiffes hatten nun aufgehört, denn wir fuhren schon in acht Meter tiefem Wasser. In Tonga hatte auch das trostlos eintönige Bild der weiten Papyrusflächen endlich seine Grenze gefunden, an ihre Stelle war hügeliges Terrain mit grösseren Baumgruppen und vielen Dörfern getreten. Es waren die Siedelungen der Schilluks, schön gebauter, kräftiger Eingeborener von energischem Wesen. An den Haltestellen boten sie den Reisenden ihre Lanzen mit langer, breiter Schneide, auch geschmackvoll gearbeitete Fisch- und Hornspeere gegen gute Bezahlung zum Kaufe an. Unser Ugandageld, die Rupien und Cents, wurde aber zurückgewiesen, und wir mussten uns schon an die ägyptische Währung der Piaster und Sovereigns gewöhnen.
Der Nil erhält nun durch den Zufluss des Bahr el Ghasal und des Sobat eine grosse Breite, wir kamen an Taufikia und Malakal vorüber und trafen dort zwei Regierungsdampfer und das grosse Transportschiff „Egypt“, das mit Steinen und Kohlen stromaufwärts zog. Längs des Ufers sah man gepflegte Strassenanlagen mit Alleen, und das Wasser belebte sich mit vielen Nilpferden und Krokodilen, die an den sandigen Ufern ihren Schlaf hielten. In Renk, wohin wir nach Kodok, dem ehemaligen französischen Faschoda, Melut und Kaga gelangten, mussten wir das Segelboot eines jungen deutschen Jägers, der infolge des andauernden Nordwindes nicht stromabwärts konnte, mit nach Khartum nehmen. Dr. Müller — so hiess er — hatte aus Gesundheitsrücksichten afrikanisches Klima aufgesucht, in Khartum für 30 Pfund monatlich einen kleinen, hübsch ausgestatteten Segler mit der dazugehörigen Bemannung gechartert und machte nun, trotzdem er in seinem Leben noch niemals gejagt hatte, nilaufwärts Jagdausflüge. Er hatte eine für einen Anfänger ganz respektable Anzahl von Gazellen, Krokodilen und Flusspferden und sogar einen Löwen zur Strecke gebracht.
Bei Goz fuhren wir unter der grossen Eisenbahnbrücke der Linie Senaar-El Obeid (Kordofan) durch, mussten aber einige Stunden warten, da die Drehbrücke erst um sieben Uhr morgens die Durchfahrt freigab. Je mehr wir uns Khartum näherten, desto bevölkerter wurden die schönen, grünen Gelände des Nils, es reihte sich Dorf an Dorf, und dazwischen weideten grosse Viehherden. Eineinhalb Tagereisen vor Khartum gab es noch den letzten grossen Aufenthalt, da wir die Passagiere und das Gepäck eines schon seit 24 Stunden auf einer Sandbank festsitzenden Schiffes aufnahmen, während zur Flottmachung selbst ein Hilfsdampfer aus Khartum auf dem Wege war (Tafel 64).
Tafel 64

Wasserschöpfer am Nil

Gouverneurpalais in Khartum
