EIN STEPPENBRAND.
Reading edition
Durch Busch und Steppe / Das Lager in höchster Gefahr / Rechtzeitige Hilfe / Das Schicksal eines Afrikaforschers / Eingeborenentänze / Ein neuer Führer.
Am nächsten Tage brachen wir unser Lager ab und setzten unseren Marsch nach Norden bei tropischer Hitze fort. Die Gegend war nicht mehr so dicht bevölkert wie bisher und das Wild daher auch nicht mehr so ausgerottet. Da und dort war eine Gazellen- oder eine Nashornfährte zu sehen, und im Busch bemerkten wir viele aus der Regenzeit stammende Elefantenspuren. Die erste Station, die wir passierten, war Kerimi, dann ging es durch das flache Gelände dem sich steil aus der Ebene erhebenden Tepes zu, der gegen Westen scharf abstürzt und in dem sich ihm anschließenden Kissim (fälschlich Nopak genannt) sich wieder zu respektabler Höhe erhebt, und in nördlicher Richtung gegen Kalirimi oder Gyotum verläuft. Der Weg führte durch dichtes Buschland mit hohem, dürrem Gras, das nach den häufigen Steppenbränden in wenigen Tagen stets wieder frisch und grün emporspriesst (Tafel 41–42).
Am zweiten Tage nach dem Abmarsch von Kumi befand sich unser Lager auf einem freien, graslosen Platze, wo uns ein herkulisch gebauter alter Karamojohäuptling mit seinen Eingeborenen und vielen Weibern erwartete. Wir schlugen unsere Zelte unter zwei Bäumen, einige Meter entfernt vom Steppengras, auf, und ich fand auch bald einen Platz für die Aufstellung meiner Apparate. Mitten während meiner Arbeiten — es war gerade um die Mittagsstunde — wurde ich durch ein lautes Knistern auf einen mächtigen Steppenbrand aufmerksam gemacht, der sich in der Entfernung von einigen hundert Metern weit ausdehnte. Ich beobachtete eine Zeit lang das Umsichgreifen des Feuers, beruhigte mich aber bald, da ich bemerkte, dass ein für uns günstiger Wind das Feuer vom Lager abtrieb. Ich setzte daher meine Arbeiten fort und warf nach einiger Zeit nur zufällig einen Blick auf unser von meinem Standplatz einige hundert Schritt weit liegendes Kamp. Einen Moment lang stand mir das Herz still, denn ich sah nun zu meinem Entsetzen, daß der Wind umgeschlagen hatte und schon knapp hinter unseren Zelten das Gras in hellen Flammen stand. Eine hohe, prasselnde Feuersäule und gewaltige Rauchwolken trieben gegen unser Lager. Ich rannte, was mich die Füsse nur tragen konnten, zu den Zelten der Askari und liess gellend meine Signalpfeife ertönen. Sofort war der Sergeant sichtbar, dem ich, auf das brennende Lager deutend, „Moto, Moto!“ (Feuer, Feuer!) zuschrie. Er liess einen schrillen Alarmpfiff los, und mit blitzartiger Geschwindigkeit stürzten sich unsere braven Askari mit einigen Trägern auf die Zelte, die durch das Umwerfen der Stützsäulen und Loslösen der Stricke in wenigen Sekunden in sich zusammenbrachen. Einige holten rasch die wenigen vollen Wasserkübel aus der Küche und begossen die wie zu Zunder ausgetrockneten Zeltwände, andere peitschten mit Zweigen das hochaufflammende Steppengras nieder. Alle Mann waren fieberhaft an der Arbeit, da ja keine Sekunde verloren gehen durfte, und kämpften im beissenden Qualm und Rauch, in dem man kaum die Augen offen halten konnte, gegen den Brand an, der mit tausend gierigen, feurigen Händen und mit unheimlicher Schnelligkeit um sich griff. Jeden Augenblick sah ich mein Lager, meine Ausrüstung, die Sammlungen, Aufnahmen und Tagebücher, unser gesammtes Hab und Gut einen Raub der Flammen werden, und von diesem furchtbaren Unglück wurden wir nur durch das fast auf die Sekunde rechtzeitige Eingreifen im letzten Augenblick bewahrt. Hätte ich das Umschlagen des Feuers nur geringe Zeit später bemerkt oder meinen Arbeitsplatz in weiterer Entfernung vom Lager gewählt gehabt, so wäre wohl alles dem Untergange geweiht gewesen, meine Expedition hätte ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende genommen, und die Früchte monatelanger Arbeit wären in der Wildnis den Flammen zum Opfer gefallen (Tafel 43).
Tafel 41

Häuptling von Gjotum
Tafel 42

Karamojomänner

Karamojofrauen
Tafel 43

Nach dem Brande

Nach dem Brande
Tafel 44

Häuptling von Naqua

Mein Karamojoführer
Tafel 45

Lager bei Kaketta

Eingeborener von Kaketta
Ich erinnere hier an einen solch traurigen Fall, den der deutsche Forscher Dr. Berger in seinem ausgezeichneten Werke über den Afrikareisenden Böhm schildert. Er schreibt darüber: „Alles, was er auf einer langen, gefahrvollen Reise gesammelt hatte, lag zum Versand nach der Heimat fertig verpackt. Böhm schrieb nur noch die Geleitbriefe; da brach durch Unvorsichtigkeit Feuer aus. Die Hütte, in der alle Schätze lagen, stand im Nu in Flammen, die Spiritusgefässe explodierten, da gab es keine Rettung mehr. Alles, alles, was er gesammelt, seine Ausrüstung und, was fast das Schlimmste war, seine Tagebücher wurden ein Raub der Flammen. Er rettete nur das nackte Leben. Monatelang hatte er dann nichts von sich hören lassen, dieser Schlag hatte ihn zu furchtbar getroffen. Er brauchte Zeit, um sich wieder zu sammeln, wieder Mut und Kraft zu schöpfen, die schwere Arbeit von neuem zu beginnen. Leider hat er sie nicht mehr lang fortführen können. Er erlag, wie so viele Pioniere des dunklen Erdteiles, dem tückischen Klima. Die deutsche Naturwissenschaft hat in ihm ihren besten Förderer verloren.“
Nur jene, die wissen, welch enorme Summe von Mühe, Arbeit und Ausdauer die in der Wildnis vollführten Arbeiten und mühevoll zusammengetragenen Sammlungen in sich bergen, können nachfühlen, was es heisst, all das plötzlich gefährdet zu sehen oder gar zu verlieren. Ein Zufall hatte uns vor dem ärgsten Geschick bewahrt, wir standen aber noch viele Stunden unter dem furchtbaren Eindruck dieser wenigen Minuten höchster Gefahr und sahen, stumm in uns versunken, wie der schaurige Brand südlich von unserm Lager weiter in die Steppe trieb und ausser dem dürren Gras auch hohe Bäume und Büsche ergriff, die dann jedesmal wie riesige Fackeln emporflammten.
Am Nachmittag veranstaltete der Häuptling uns zu Ehren einen Eingeborenentanz, an dem sich auch die Weiber mit ihren auf den Rücken gebundenen Kindern lebhaft beteiligten. Die Musikbegleitung war, so wie in Mbale, eintöniger Gesang und Händeklatschen. Der Tanz bestand darin, dass sich die Eingeborenen in fünf bis sechs Reihen aufstellten und jeder Zweite so hoch wie möglich sprang, indem sie sich mit gestreckten Beinen alle gleichzeitig vom Boden abstiessen. Die auf den Rücken der Weiber gebundenen Kinder wurden dabei recht unsanft hin und her gerüttelt, was aber deren Trägerinnen nicht hinderte, es in den Sprüngen den Männern gleichzutun.
Spät abends kam Dr. Stigler, der mit seinem Boy Kilimandscharo schon vormittags aufgebrochen war, um einer Gazelle nachzuspüren, halb verdurstet und vollständig geschwärzt von dem verkohlten Steppengras, dessen Russ die Luft erfüllte, im Lager an. Er hatte im hohen Gras, das die Orientierung sehr erschwerte, die Richtung verloren und war bis an den Fuss des Tepes gekommen, von wo er erst nach einem vielstündigen Marsche abends wieder zurückkehrte.
Unserm Heatman war es hier gelungen, einen jungen Karamojomann aufzunehmen, der sich bereit erklärte, in das vor uns liegende Gebiet vorauszugehen und nach Wasserstellen zu suchen. Als Belohnung versprach ich ihm am Ende unserer Expedition ausser den Spesen für die Rückreise auch noch eine Kuh zu geben. Er war ein etwa 20jähriger, schlank und selten schön gebauter Eingeborener, vollständig nackt, wie alle anderen, und nach Karamojoart mit einer langen, scharfen Lanze bewaffnet. Trotzdem er als einer der gefürchtetsten und unerschrockensten Karamojoleute von ganz besonderem Mute war, von dem er später anlässlich einer Elefantenjagd einige glänzende Beweise lieferte, wagte er es dennoch nicht, als wir dann in die Gebiete der Naqua- und Toburleute kamen, sich über die nächste Sehweite von der Karawane zu trennen, da er gut wusste, dass er sich dort als Einzelmarschierender nicht lange seines Lebens freuen würde (Tafel 44).
